Link war erschüttert durch ihre Flucht zu den Eltern. Trotz

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT

– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –

AUSSENSEITER

DER GESELLSCHAFT

– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –

HERAUSGEGEBEN VON

RUDOLF LEONHARD

BAND 1

VERLAG DIE SCHMIEDE

BERLIN

DIE BEIDEN FREUNDINNEN

UND IHR GIFTMORD

VON

ALFRED DÖBLIN

VERLAG DIE SCHMIEDE

BERLIN

EINBANDENTWURF

GEORG SALTER

BERLIN

Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin

Die hübsche blonde Elli Link kam 1918 nach Berlin. Sie war 19 Jahre alt.

Vorher hatte sie in Braunschweig, wo ihre Eltern Tischlersleute waren,

angefangen zu frisieren. Es passierte ihr ein kleiner Bubenstreich: sie

nahm einer Kundin fünf Mark aus dem Portemonnaie. Ging dann auf einige

Wochen in eine Munitionsfabrik, lernte in Wriezen aus. War leicht und

lebenslustig; es heißt, daß sie in Wriezen nicht asketisch lebte und

Sinn für Kneipgelage hatte.

Sie kam nach Berlin-Friedrichsfelde. Der Friseur, bei dem sie arbeitete,

fand sie fleißig, ehrlich, von sehr gutem Charakter. Er behielt sie bis

zu ihrer Verheiratung, ein einviertel Jahr. Daß sie lebenslustig war,

entging ihm auch nicht. Bei den Ausgängen mit einer ihrer Kundinnen

begegnete sie November 19 dem jungen Tischler Link.

* * * * *

Elli hatte eine besondere, wenn auch nicht seltene Art. Sie war harmlos

frisch, von der Munterkeit eines Kanarienvogels, wie ein Kind lustig.

Männer anzulocken, machte ihr Vergnügen. Vielleicht gab sie sich dem und

jenem hin: das war Neugierde, Freude, den anderen, das Männchen zu

beobachten, dann kameradschaftliches Herumbalgen, das Spaß machte. Sie

wunderte sich und fand es lustig, aber komisch, wie wichtig die Männer

das nahmen, wie sie sich aufregten. Sie liefen an, man quirlte sie

herum, schickte sie weg. Da kam dieser junge Tischler Link.

Er war ernst und beharrlich. Er redete von politischen Dingen, die sie

nicht verstand, war leidenschaftlicher Kommunist. Er hängte sich an sie.

Sie hatte solchen blonden Wuschelkopf, gesunde volle Backen, blickte so

vergnügt in die Welt. Sie konnte so übermütig sein, daß ihm das Herz

aufging. Er wollte sie zur Frau. Die wollte er neben sich haben.

Das war ihr gar nicht komisch. Link fiel aus dem Rahmen der Männer, die

sie sonst kannte. Er hatte den Beruf ihres Vaters; sie kannte die

Arbeitsdinge, von denen er erzählte. Das beschränkte sie etwas in ihrer

Art sich zu geben. Sie konnte nicht mit ihm umspringen wie mit den

anderen Männern. Es ehrte und beglückte sie, daß dieser Mann um sie

warb; sie war in ihrem Familienniveau. Aber sie mußte sich auch ändern;

er legte seine Hand auf sie.

Sie berichtete tastend nach Hause: sie habe eine gute und feste Stelle

und der Tischler Link, ein fleißiger Arbeiter mit schönem Einkommen

bemühe sich um sie. Sie ließ sich von Haus dafür loben. Vater und Mutter

freuten sich. Und Elli, wie sie alles überdachte, merkte selbst etwas

angenehmes in sich. Sie war ihm eigentlich ganz gut. Er hatte vor, sie

zu versorgen; sie sollte eine eigene Wirtschaft führen. Es kam ihr vor:

eine Ehe ist etwas furchtbar Drolliges, aber Nettes; er will mich

versorgen und freut sich darüber. Sie war ihm eigentlich recht gut. Von

gelegentlichen heimlichen Seitensprüngen ließ sie auch jetzt nicht.

Link war ihr ganz verfallen. Sie merkte es, je länger sie zusammen

waren. Zuerst achtete sie nicht darauf. Männer waren immer so. – Aber

dann war es unbequem. Es war auch so stark bei ihm und dann immer

gleichmäßig. Und ganz leise stieg etwas in ihr auf: ganz leise verdachte

sie ihm dies Wesen. Link hinderte sie, den Faden weiter zu spinnen, den

sie angefaßt hatte: er wäre ein ernster Mann, von der Art ihres Vaters,

sie wollten eine Familie gründen. Nun sank er auf die Stufe ihrer

früheren Liebhaber. Nein tiefer, weil er so an ihr hing, so schrecklich

aufdringlich an ihr festhielt. Zu ihrem Ärger, ihrem Schmerz bemerkte

sie, mit dem konnte man ja umspringen. Er forderte es geradezu heraus.

Sie blieb bei ihm. Es war alles schon im Lauf. Aber es ging ihr je

länger je mehr bitter nahe. Es wurmte sie. Dieser Link hatte etwas

vorgespiegelt; sie selbst war dadurch avanziert. Jetzt schämte sie sich,

auch vor sich. Es war eine unterirdische Enttäuschung.

In Zornausbrüchen kam das ab und zu heraus. Sie war oft nicht nett zu

ihm. Fuhr ihn in einem furchtbaren Tone an, brüllte ihn an wie einen

Hund. Er dachte bestürzt: sie will mich loswerden.

Sie wischte darüber weg. Er will mich heiraten; warum nicht. Eine eigene

Wirtschaft war nicht zu verachten. Und dann war er so jämmerlich; er tat

ihr leid. Sie würde mit ihm schon fertig werden. Es gab viele Stunden,

wo sie sich vergnügt etwas vorphantasierte, sie würde Ehefrau sein, eine

Familie haben, wie die in Braunschweig, ihr Mann war in guter Stellung,

er liebte sie, er war ein ernster Mann. November 1920, sie war 21 Jahr,

er 28, heirateten sie.

* * * * *

Sie zogen zur Mutter des Link. Es war keine eigene Wirtschaft da. Die

Mutter hatte ausziehen wollen, tat es aber nicht. Die Frau war nicht

sehr freundlich zu ihrem Sohn, auch der Sohn hing nicht an der Mutter.

Die Frau wollte die junge Schwiegertochter nicht aufkommen lassen. In

den Zwistigkeiten ergriff Link die Partei seiner Frau, schaffte ihr

Raum. Er schimpfte gemein auf die Mutter. Die junge Elli hörte zu. Sie

bekam Furcht, er könnte einmal auch mit ihr so umspringen. Wie sie ihm

das sagte, brummte er: was faselst du? Sie konnte bald schärfer gegen

die Schwiegermutter auftreten, als das Einkommen des Mannes gering

wurde, und er ihr erlaubte, Kundinnen zum Frisieren anzunehmen. Sie

besorgte jetzt die Wirtschaft an den Wochentagen, hatte den Haushalt in

der Hand; Sonntags und Sonnabends, wo sie im Geschäft Aushilfe tat,

durfte die alte Frau einspringen.

Dann kam eine Zeit, wo Link öfter abends ausging, bald Abend um Abend,

allein ausging, die junge Frau zu Hause ließ, wo sie klagte, daß er sich

wenig um sie kümmere; sie konnte ihm nichts recht machen. Er hatte sie

gedrängt zu der Ehe. Was war geschehen?

Er war mit der Mutter in Arbeit und übler Laune aufgewachsen. Er wollte

vorwärts kommen. Die Frau, der lustige Wuschelkopf, nahm keinen Anteil

an ihm, blieb wie sie war, überließ sich ihren Einfällen, war so und so.

Manchmal hängte sie sich an ihn, manchmal war er Luft. Sie dachte: wer

ist er denn? Er war ein derber Mann, nannte sich gern einen Kuli. Und

jetzt, um sie ganz zu haben, näherte er sich ihr – körperlich.

Sie hatte sich früher öfter mit Männern eingelassen. Jetzt drängte sich

einer an sie, den sie nicht, belustigt oder ärgerlich, abschütteln

konnte, wenn es zu viel wurde. Dieser verlangte etwas von ihr. Er hatte

das Recht des Ehemanns für sich, und – die körperliche Berührung behagte

ihr nicht. Sie erduldete sie, blieb stumm dabei. Es erregte sie in einer

gar nicht angenehmen Weise. Sie zwang sich dazu, den Mann zu erdulden,

da sie wußte, das ist so in der Ehe, aber ihr war lieber: es gebe so was

nicht. Sie war zufrieden, wenn sie wieder allein lag.

Link hatte eine junge, niedliche Frau geheiratet. Er war glücklich

gewesen, daß sie ihm zugefallen war. Jetzt fluchte er für sich. Was war

das? Sie trieb es zu weit mit ihren Kindereien, sie war nicht lieb zu

ihm. Man konnte nett mit ihr sein bei Tag, auch da war sie oft schlimm,

aber in der Umarmung war sie tot. Er grollte ihr. Sie änderte sich

nicht, jetzt hatte er kein Heim. Er konnte zärtlich zu ihr sein wie zu

einer Puppe, aber wenn er sich mit ihr verbinden wollte, um sie ganz zu

gewinnen, blieb sie fremd, nahm ihn nicht an.

Sie fühlte sein Unbehagen. Es machte ihr Freude. Schadenfreude. Er

sollte sie nur lassen. Und dann wieder war sie Ehefrau, bemühte sich

umzufühlen, aber vermochte doch nicht. Ihr dämmerte ängstlich, daß sie

sich da nicht zurecht fand. Es huschte durch sie, trieb sie oft ihm

nachzugeben. Aber immer stärker das Gefühl: ich mag nicht. Und dann die

massive Empfindung des Ekels.

Er lief abends weg in seine Versammlung, die möglichst aktiv und radikal

sein mußte. Er bohrte sich in den Gedanken – ein altes schreckliches

Unwürdigkeitsgefühl tauchte auf –: ich bin ihr nicht gut genug, sie

spielt sich groß auf. Aber dann zitterte er: ich werde sie unterkriegen.

Aufs Heftigste erschütterte ihn ihre geschlechtliche Abneigung.

* * * * *

Wie sie sich jetzt gegenüberstanden, war ihre Position sehr verändert.

Er war enttäuscht, um das betrogen, was er in der Ehe suchte: Elli gab

dem heftigen, in sich entzweiten Menschen nicht Freude, frischen und

neuen Impuls. Sie gab ihm keine Möglichkeit zu einer warmen hegenden

Liebe, die er in der ersten Zeit bei ihr empfunden hatte und wegen derer

er um sie geworben hatte. Es war eine Enttäuschung ähnlich ihrer, als

sie fühlte, er ist nicht der ernste Mann, dem ich folgen will. Mit

Schimpfen, gereizten Auftritten suchte er es von sich abzuschütteln.

Dann fing er an zu kämpfen. Die Sache war lebenswichtig für ihn. Er gab

Elli nicht auf. Zunächst benutzte er die Situation, um sich für manches

von früher zu rächen: er ließ sich gehen, tobte um Nichtigkeiten. Das

Rachegefühl war schon gut, versöhnte ihn beinah mit ihr. Es war die

erste Hälfte 1921. Sie waren erst einige Monate verheiratet. Er wollte

sie behalten, die so nett und lustig war; sie hatte noch die Art, die

ihm gefiel und an ihre gute Zeit erinnerte. Er wollte das festhalten. Er

wollte sich an ihr festhalten. Er wollte sie lieben. Er kam auf einen

schlimmen Weg.

Ohne daß er wußte, warum und wie, unter deutlichem inneren Widerstreben,

verfiel er darauf, geschlechtlich wild mit ihr zu sein. Heftiges,

Wildes, Besonderes, von ihr zu verlangen. Es gab einen förmlichen Ruck

in ihnen; eine Umstellung vollzog sich in ihm. Er konnte dem wüsten

Antrieb nicht widerstehen. Er merkte erst später: es war die Art, wie er

mit gelegentlichen Mädchen umging, aber heißer, leidenschaftlicher. Er

wollte sein Mißgeschick in dieser Wildheit begraben. Er wollte Elli

bestrafen, degradieren gerade hierin, worin sie sich ihm entzog. Sie

mochte das nicht; um so besser; gerade ihr Widerwille erregte ihn,

steigerte den Reiz. Er wollte Wut. Ganz unterirdisch begleitete ihn noch

ein anderes Gefühl: wie er jetzt seine alte verpönte Art an sie

herantrug, unterwarf er sich ihr damit noch einmal. Er entblößte sich

vor ihr. Sie sollte es gut heißen. Sollte ihn gut heißen. Sie sollte ihn

gut machen. Wenn nicht so, dann so.

Sie verstand es. Fing die Geste richtig auf. Sie hatte schon den Hang,

manches mitzumachen, um sich zu bestrafen für ihr geschlechtliches

Versagen. – Nicht immer beruhigte sie sich an dem Ekelgefühl, das sie

völlig einspannte, und das den Mann im ganzen unsauber erscheinen ließ,

ihm einen schlechten Geruch gab. Jetzt witterte sie, bei allem

Widerwillen, ja Schrecken, daß er sich veränderte, und daß er trotz

allem nicht von ihr losließ. Ja, daß er der alte, der bettelnde

Liebhaber war, sich ihr auf eine neue Art unterwarf. Sie witterte:

zwischen allem Toben, Schimpfen, Schlagen unterwarf er sich ihr aufs

Neue. Und während sie ihm nicht die warme Hingabe, Leib und Seele

gewähren konnte: dies lag ihr besser. Es war ihr eine angstvolle

Erregung, aber nicht ohne Lust, wie er ihr jetzt kam. Sie freute sich

schon, daß er kam und daß er litt, weil er sie entbehrte. Und dann war

es eigentlich eine Fortführung ihres Zankes, ein Fertigkämpfen auf eine

besondere Weise. Es war mehr Schlägerei als Umarmung. Es war doch nicht

mehr die dumme, erbärmliche, süße Art von früher, dieses Tätscheln,

unmännliche Liebessäuseln. Er hatte ein neues Seelengebiet in ihr

eröffnet.

Wirklich wurde auf dieser Linie zwischen ihnen ein zitternder Friede

geschlossen. Er wurde auf neue Art nach Hause geführt und, wie er

wollte, von ihr gebunden. Er hatte nicht von ihr gelassen. Und sie war

von ihm fortgerissen. Es war nicht zu leugnen: sie war ihm

nähergekommen. Aber es war ein gefährlicher Weg.

Es blieb nicht bei der Heftigkeit der Umarmungen. Die Veränderung ging

bei ihm und ihr weiter. Die Wildheit flackerte in den Tag hinein. Sie

wurden beide mehr unausgeglichen und nach Ausgleich bedürftig. Sie

wurden mürrischer oder gereizter, gespannt. Sie hatte ein Auge für ihn

und lauerte, wie er sich weiter entwickeln würde.

In ihm war ein keuchendes Fieber, sich loszulassen. Er tobte vor ihr,

zerriß Kleidungsstücke, schüttete Wäschekörbe aus. Dabei bemerkte er

selbst, daß es ihm Freude machte. Sie sollte ihn immer besser sehen wie

er war. Er entblößte sich immer mehr und auf seine Selbstvorwürfe

bekräftigte er sich: sie muß bestraft werden und er war der Herr im

Hause. Und zwischendurch bemerkte der enttäuschte Mann, der ein neues

Leben mit Elli hatte beginnen wollen, wie er zurückfiel, und wußte nicht

wie sich dem entziehen. Manchmal befiel ihn ein Schreck. Jammer kam über

ihn, um sich, um Elli, um seine Ehe. Kummer, wie alles gekommen war. Es

war gut, wenn er nicht zu Hause war. In diesen Monaten, gegen Mitte des

ersten Ehejahres, trieb er sich fast Abend um Abend in Lokalen herum,

steckte den Kopf in radikalpolitische Ideen. Und fing an zu trinken. In

der Trunkenheit fand er seine alte Freiheit und Ruhe wieder. Es gab da

keine Sehnsucht. Kam er betrunken nach Hause, war da die Frau. Sie mußte

ihm zu Willen sein. Mit Schlägen oder ohne Schläge. Und es war alles

gut.

* * * * *

Wie er sich so entwickelte, wurde Elli stiller. Sie kam ins

Hintertreffen. War sie nicht eigentlich schon unterlegen? Ein Haß regte

sich in ihr. Er schlug öfter auf sie ein. Es wurde manchmal drei Uhr

nachts, daß sie stritten. Jetzt waren diese Streitigkeiten schon nicht

mehr unsichtbare Umarmungen. Die Wildheiten hatten fast ganz ihren alten

lockenden Sinn verloren. Es waren nackte Rohheiten. Und wenn er sie

überfiel, war auch aus dem Geschlechtlichen jedes Gefühl genommen; sie

hatte nichts als furchtbaren Ekel, gesteigerte Empörung und Haß. Elli,

mit Lächeln und Spott in die Ehe getreten, hatte einen gewalttätigen

Herrn über sich.

Aufmerksam und mit Vergnügen beobachtete seine Mutter, in deren Wohnung

sie noch waren, die Entwicklung. Ihr Sohn nahm schon nicht mehr die

Partei der Elli; die Mutter hetzte gegen die junge Frau.

In Elli brannte ein einziger Zorn. Sie wollte weg von Link. Als sie bei

ihrer täglichen Auseinandersetzung davon sprach, warf er ihr höhnisch

den Reisekorb vor die Füße. Noch größer als auf Link war ihr Zorn auf

die hetzende Mutter. Elli drohte, es werde noch etwas passieren, wenn

nicht bald eine Änderung eintrete. Die Mutter, sie hatte ein schlechtes

Gewissen, fürchtete sich vor der Schwiegertochter. Einmal trank sie eine

Tasse Kaffee, die ihr Elli gab. Ihr kam vor, als ob der Kaffee einen

beißenden scharfen Geruch hatte. Und als sie ihn vorsichtig mit der

Zunge abschmeckte, brannte er unangenehm. Sie fuhr gegen die

Schwiegertochter heraus: du willst mich vergiften! Elli kostete selbst

den Kaffee, zuckte mit der Achsel: bei mir kannst du hundert Jahre alt

werden. Die alte Frau erzählte im Haus davon, auch ihrem Sohn, der sehr

finster wurde.

Elli aber warf sich herum. Nicht lange nach dem Vorfall, Juni 1921,

verließ sie das Haus, fuhr zu ihren Eltern nach Braunschweig. Alles

Geld, dessen sie habhaft werden konnte, auch das für das Fahrrad, das

der Mann verkauft hatte, dann die Groschen aus dem Gasautomaten nahm sie

rachsüchtig mit.

* * * * *

Vierzehn Tage war sie in Braunschweig. Sie erzählte von den ehelichen

Zuständen, soweit sie sprechen konnte. Die biederen Eltern nahmen

kopfschüttelnd Kenntnis. Man sprach nicht oft davon. Die Eltern hielten

alles für übertrieben, Elli war ein Kindskopf, sie sollte sich

beruhigen. Elli suchte selbst von den schrecklichen Dingen wegzukommen.

Sie suchte sich fast mit Gewalt in ihre alte Umgebung wieder

einzufinden. Sie bekam nicht Recht von den Eltern, aber sie war auch

geneigt, sich mit Zwang auf die ruhige Meinung der Eltern einzustellen.

Der mürrische Mensch saß inzwischen allein in seiner Wohnung in

Friedrichsfelde bei der Mutter. Hörte ihr Schimpfen an auf die schlechte

Frau, die weggelaufen war, und brüllte sie an. Er war wütend auf die

Mutter, auf Elli, vergrämt über sich. Und alles Schimpfen half nicht

darüber weg, daß ein starker Schlag gegen ihn geführt war; er war

ernüchtert. Es kamen Briefe von ihm in Braunschweig an. Aus einem hörte

Elli die Stimme ihrer Schwiegermutter heraus: wegen dieser Tasse Kaffee

hatten sie sich in Berlin fürchterlich gestritten, jetzt fing er wieder

damit an: „Du mußt mir versprechen, daß du das mit der Mutter nicht

ausführen wirst, dann wird alles anders werden.“ Er schrieb in einem

zaghaften, uneingeständlich versöhnlichen Ton. Die Eltern drängten, sie

solle doch gehen, er warte doch auf sie. Ihr war schon etwas freier. Der

Vater freute sich, als sie sehr zögernd fortging; sie wollte den Eltern

willfahren. Die Mutter konnte sich nicht recht abfinden mit dem

unentschlossenen Ausdruck, dem gespannten Gesicht ihrer lustigen

Tochter.

Und kaum sie in Berlin zusammen waren, fing die Hölle wieder an. Es war,

als wenn sie ihre abgebrochene Unterhaltung fortführten. Sie glitten,

kaum sie sich sahen, sich unverändert wiedererkannten, heißhungrig in

diese Unterhaltung hinein. Hinzu tat er seinen Ärger über ihre Flucht,

die erlittene Beschämung, und dann die Scham, daß er sie zurückgeholt

hatte. Das mußte er verdecken und wett machen. Elli stellte sich ihm,

aber jetzt fing sie bald an zu beben, zu leiden. Ihre Eltern hatten sie

nicht behalten wollen. Er schlug sie und war stärker als sie. Sie wollte

diesen endlosen quälenden Kampf nicht. Sie fühlte, wie sie sich selbst

entfremdete. Sie dachte an früher, wie es ihr gegangen war und wie es zu

Haus war. Was war sie zu Hause und in Wriezen gewesen, und später. Sie

saß hilflos über sich, ihrer selbst überdrüssig, schlaff und dann wieder

zu allem fähig.

Er merkte etwas von ihrer Feindschaft. Es gab ihm einen Ruck. Er wurde

erschüttert, erinnert. Er schimpfte. Was heulte sie? Sie war selbst

schuld. In einem Gemisch von Groll und schlechtem Gewissen, manchmal

gegen seine alte Zärtlichkeit ankämpfend, ging er herum. Es müßte etwas

geschehen. Eine Änderung müßte geschehen. Er führte den Entschluß aus,

den er schon in Ellis Abwesenheit gefaßt hatte, betrieb den Umzug, die

Trennung von seiner Mutter. Er dachte: wir ziehen weg von der Mutter,

das wird helfen.

Sie zogen möbliert nach der W.-straße zu einer Frau E. Es war Anfang

August 21. Sie gingen auch in diesen Tagen manchmal zusammen aus. Am 14.

August nahm sie Link mit in die Gastwirtschaft von E., dem Jagdheim, wo

er einen Mann treffen wollte, den er kurz vorher kennen gelernt hatte.

Es war der Eisenbahnschaffner Bende. Der hatte seine Frau auch

mitgebracht, Margarete, Gretchen.

Sie war drei Jahre älter als Elli, 25 Jahre alt. Hatte

scharfgeschnittene, fast strenge Züge, braune Augen, eine große etwas

knochige Figur. Sie saß neben ihrem Mann, einem ehemaligen

Unteroffizier, einem strammen, ja massiven Menschen. Er war nicht dunkel

und zerrissen wie Link, war nicht wie der hinter seiner Frau her. Er

kannte auch andere Wege. Er war forsch und gewandt, der mit seiner Frau

fertig wurde und sich etwas gönnte. Sie waren drei Jahre verheiratet.

Verschlossener als Elli war die Bende. Sie war gar nicht leicht und

lebenslustig. Sie wohnte mit ihrer Mutter zusammen, an der sie hing.

Während des Krieges hatte sie sich mit Bende verlobt. Schwärmend hatte

sie sich ihm angeschlossen. Schrieb noch im September 1917 ihrem lieben

Willi, der im Kriege war: „o selige Stunden, o trautes Glück, wann

kehrst du wieder zu mir zurück,“ nannte sich seine treue Grete. Im Mai

18 war Hochzeit gewesen. Die Ehe war dann sehr schwankend. Sie kam

schwer gegen den Mann auf. Ohne ihre Mutter wäre sie völlig an die Wand

gedrückt worden.

Elli hielt um diese Zeit Umschau. Sie mußte sich irgendwo anlehnen.

Die Frauen sprachen sich an. Während die Männer tranken, grobe Späße

machten, sahen sie sich. Sie forschten sich mit Blicken aus. Die Bende

hatte das bekümmerte Wesen Ellis bemerkt, aber noch mehr ihre kindliche

Art, die zierliche Figur, den blonden Wuschelkopf. – Sie gingen

zusammen. Sie wohnten beide in der Wstraße, verabredeten sich. In der

Wohnung der Bende fand Elli noch Margaretens Mutter, Frau Schnürer, eine

freundliche, ältere, blauäugige Frau. In der Wohnung kam man sich näher.

Die Frauen merkten, daß Elli gern und oft zu ihnen kam. Und Elli sah,

daß die beiden Frauen gegen den Mann zusammenhielten. – Frau Schnürer

war eine mütterlich ruhige Frau, Gretchen herzlich gut zu Elli, wärmend

gut. Nach nicht langem Sondieren und Vorfühlen erfolgte auf beiden

Seiten die Entladung. Da hatte Elli erzählt, was sie erzählen konnte,

krampfartig, stoßartig; schmachtend ihr abgenommen von der anderen. Elli

hatte etwas erreicht: man nahm sie schützend auf. Sie brauchte nicht

nach Braunschweig fahren. Es war eine förmliche Veränderung, eine

Befreiung. Sie hatte sich auf den alten, guten Teil ihrer Seele

gestellt. Saß nun nicht mehr hilflos da, oder schrie, wenn er tobte und

wußte doch, daß sie nicht aufkam. Jetzt sah sie alles bald wie im

Beginn: das war doch der Mann, der sich ihr angehängt hatte. Unter dem

sie fast schwach, nein, schrecklich geworden war. Und schob die

peinlichen Erinnerungen von sich. Das Bild der Bende, dies Bild hielt

sie fest, wenn sie nach Hause ging.

Grete Bende war ein merkwürdiges Geschöpf. Sie erging sich in starken,

unklaren Gefühlen. Romantische, romanhafte Phrasen liebte sie. Sie

durchschaute nicht viel, hatte erfahren, daß sie oft anstieß; sie

schmückte und erhob sich mit einem schwallartigen dunklen Pathos. Sie

war bei ihrer Mutter aufgewachsen, hatte das Haus noch nicht verlassen,

wohnte eigentlich noch jetzt bei ihrer Mutter. Unter der engen

Anhänglichkeit an die Mutter war Grete unfrei geblieben, reich an

Gefühlen, aber ihren Selbständigkeitstrieb hatte die Mutter und sie

selbst zum Verkümmern gebracht. Sie machte oft Anläufe zur Freiheit,

meinte es nicht ernst, blieb wie sie war, im Stadium des Kindes. Ein

Anlauf zur Freiheit war auch die Verbindung mit Bende. Auch der mißlang.

Sie war zu schwach, um einen unruhigen Mann wie diesen zu halten, oder

gar mit weiblichen Mitteln zu beherrschen, enttäuschte ihn, der nach

Zügel und Überlegenheit verlangte, forderte seine Heftigkeit und Willkür

heraus. Hilflos, aufs Stärkste eifersüchtig, flüchtete Grete wieder

zu der Mutter, die sie immer erwartete. Die Neigung der

Schlechtweggekommenen sich zu entrüsten, zu klagen, war sehr gesteigert.

Die Masse von unbefriedigten Gefühlen, das Wogen in ihr hatte

zugenommen. Jetzt kam Elli, die kleine verspielte Person, mit der

lustigen bubenhaften Art. Grete wurde von dieser, die eigentlich Hilfe

und Stütze suchte, bewegt, angefaßt, umgetrieben, wie vorher von keinem

Menschen. Keiner hatte um sie, die ernste, stille und mehr trübe, recht

geworben. Und wie sie, geschmeichelt, gereizt und entzückt von diesem

lustigen und auch gedrückten Wesen, schwankte, wie sie ihre Gefühle zu

ihr richten sollte, wies ihr Elli selbst den Weg. Hier mußte Grete

trösten, zustimmen, aufrichten. Das löste sie etwas von ihrer Mutter;

zugleich zeigte sie sich als echtes Kind ihrer Mutter, indem sie deren

Rolle spielte. Sie zog Elli an sich. Die war ihr Trost, Ersatz für den

schlechten Mann, den sie nicht festhalten konnte. Im Gefühl für Elli

versteckte sich die Bende, hüllte sich warm ein, wie sie es brauchte.

Die Link mußte man schützen, sie brauchte Hilfe. Sie wollte sie ihr

geben. Die Link war ihr Kind.

So stellten sich die beiden aufeinander ein. Die Bende ließ ihr

aufgestautes Liebesgefühl auf Elli los. Und Elli, entlastet, zärtlich

gelockt, fand sich aufatmend in ihrer alten Rolle wieder, war der

muntere kleine Frechdachs der früheren Zeit, der die Bende entzückte.

* * * * *

Link war erschüttert durch ihre Flucht zu den Eltern. Trotz seines

fortgesetzten Tobens hatte er einen Schlag weg. Nach dem Umzug blieb

Unsicherheit in ihm. Er tastete, fühlte, er war an einem Wendepunkt.

Elli besserte sich. Aber er sah: nicht sehr und nur vorübergehend. Und

auch er konnte, nein, wollte sich nicht im Zaume halten; einige Dinge,

einiges Schimpfen lief schon wie von selbst hin. Von sich aus hatte er

das Gefühl: sie könnte es ihm doch nicht so krumm nehmen. Aber in Ellis

Stimme kam jetzt – es war auffällig – wenn sie sich stritten, leicht ein

herausfordernder Ton, etwas fremdes, neues. Sie machte in irgendeiner

Weise – er fühlte es und es reizte ihn stärker – machte nicht mit. Sie

trieb, wenn sie sich zankten, den Streit mit einer unglaublichen

Verbissenheit vor. Und das stieß ihn weiter. Er wollte nicht, er klagte:

man hatte jetzt seine eigene Wohnung, er hatte schönen Verdienst; warum

wurde es nicht besser?

Der Kampf, den Grete Bende gegen ihren Mann führte, ziemlich ergebnislos

und meist mit Schlappen, diesen Kampf führte sie jetzt erliegend,

erlegen über die Wände ihrer Wohnung hinaus. Sie kämpfte gegen einen

schlechten Mann. Gegen Link. Der wurde ihr fast eins mit Bende. Und sie

kämpfte heftiger gegen Link, weil ein Kampfpreis da war, ein noch

ungenannter: Elli. Sie konnte Rache nehmen an ihrem Mann und auch – es

wühlte sie ungeheuer auf – ein lebendiges Wesen ungestört an sich

ziehen, ganz ungestört ein Geschöpf für sie, nur für sie. Sie konnte

lieben.

Elli trug heiß die Wut ihrer Streitigkeiten zur Bende, die sich daran

delektierte. Link kämpfte, ruderte und rang weiter. Er merkte nicht, daß

er mit zwei Menschen kämpfte, oder mit einem neuen, leidenschaftlich

starken. Elli hatte einen zweiten Willen, die Bende. Und dieser Wille

war hart, weil er keine unmittelbare Berührung mit ihm hatte, sondern

abstrakt, ganz allgemein aus dem Leeren gegen ihn anfuhr.

Enger zogen sich die beiden Frauen zusammen. Die Bende zog sie zusammen.

Die Frau konnte Elli gar nicht loslassen. Sie begehrte ihre Hand in

alles an dieser Ehe zu stecken. Sie hatte, das war ein Zeichen ihrer

Unsicherheit und Heftigkeit, gar kein Vermögen, aufzuhören mit dem, was

sie der Elli zu sagen hatte. Sie mußte ihr, eifersüchtig, empfindlich

für alles und jedes, Instruktionen geben. Merkwürdig aufreizend, dabei

wohl verständlich blieb es der Bende in der ersten Zeit, welchen

sonderbaren Widerstand Elli ihr entgegensetzte. Elli haßte ihren Mann,

aber doch nicht so wütend, wie die Bende gerne mochte. Elli schwankte,

wie – die Bende selbst schwankte. Heute kam die Blonde aufgeregt,

jammerte, sprühte Zorn; Grete redete tröstend auf sie ein; sie saßen

herzlich nebeneinander. Und am nächsten Tage war Elli gut, aber ließ

kein Wort von Link verlauten. Und verächtliche Worte, die üblichen

Schimpfereien auf ihn überhörte sie. Das war der Bende unsagbar traurig.

Sie sprach sich oft zur Mutter darüber aus, verheimlichte ihr, was sie

fühlte. Man müßte Elli, das Kind, von diesem schlechten Mann, dem

Schuft, der sie schlug und der solche Frau gar nicht verdiente,

befreien. Immer wieder ließ sie sich von dem einwickeln. So redete sie

empört und zitterte dabei.

Sie drängte sich enger an Elli. Das Briefschreiben, ein eigentümliches

Briefschreiben begann zwischen den beiden Frauen, die in derselben

Straße wohnten, sich täglich sahen und noch in der kurzen Abwesenheit

ihr Gespräch, die Bemühung und das Abwehren fortsetzen mußten. Es war

der Liebende und der Geliebte, der Verfolger und der Verfolgte, die sich

hier faßten. Sie schrieben sich erst nicht viel. Dann entdeckten sie

Reize in dem Schreiben. Merkten, es war etwas Besonderes daran, das

Spiel, das sich Freundschaft, Verfolgung, Liebe nannte, fortzusetzen,

während der andere nicht da war. Es war etwas eigentümlich Erregendes,

eine Heimlichkeit mit Süße; und halb bewußt, halb unbewußt führten beide

die Linie weiter im Schreiben, die sie schon innehielten: die Bende das

Weiterverfolgen, Anziehen, Festhalten, Verdrängen des Mannes, die Link

die Neigung zu spielen, sich einfangen zu lassen, die Beteuerungen, sich

zu unterwerfen. Die Briefe waren scheinbar ein Mittel der gegenseitigen

Hilfe, des Komplotts gegen die Männer, zugleich und vornehmlich bald ein

Instrument der Selbstberauschung. Sie stachelten sich darin, beruhigten

sich, überlisteten den anderen. Die Briefe waren ein großer Schritt auf

dem Wege zu neuen Heimlichkeiten.

Gretens Mutter hielt zu den beiden Frauen. Herzlich und schmeichlerisch

begegnete ihr Elli. Sie nannte die Frau S. bald ihre zweite Mutter. Auch

die Frau S. stieß der Ehemann Bende ab; die Tochter war ihr Einziges und

das behandelte er schlecht. Sie sah scharfäugig und mitfühlend, wie die

Tochter um den Mann kämpfte, wurde mit abgestoßen, als die Tochter

abgestoßen wurde. Sie war empört, zog sie mütterlich enger an sich. Es

war kein nur negatives Gefühl, das sie da hatte; sie nahm im Grunde ihre

Tochter, ihr Einziges wieder. Der Kreis erweiterte sich, Elli trat ein,

wurde die Freundin der Tochter. Sie hatte ein Schicksal wie Grete. Gegen

die Männer kapselten sich die drei Frauen ab, ließen sich selbst durch

warme Gefühle aneinander binden. Sie waren eine kleine Gemeinschaft, so

verschieden ihre Einstellung aufeinander war. Sie fühlten sich gut in

ihrem Gefühle, wurden dreifach sicher in ihrer Abweisung der rohen

Männer. Grete Bende schrieb einmal an Elli: „Als ich gestern nach acht

Uhr vorn am Fenster stand und noch auf dich wartete, da sagte Mama zu

mir: sieh dir mal die drei Tulpen an. So fest wie die zusammen sind, so

fest wollen wir drei, Elli, du und ich, auch zusammenhalten und wollen

kämpfen, bis wir drei den Sieg errungen haben.“

* * * * *

Ihr Spiel zueinander war so eingestellt. Da geriet die Bende rasch in

ein süßes Fieber, das mit der Elli zusammenhing. Ganz allmählich, sehr

langsam weckte dieses Fieber ein ähnliches in Elli. Sie wurden auf dem

Weg der Heimlichkeiten, der erst nur gegen die Männer gerichtet war,

stark weitergetrieben. Sie verbargen es sich noch, auch jede vor sich,

daß der Weg seine Richtung verloren hatte. Zwischen und nach den

Brutalitäten der Männer, dem Abwehren ihrer tierischen Angriffe: diese

Zartheit, dieses Einfühlen und Hinhören des einen auf den anderen. Es

war etwas von der Einhüllung des Kindes durch die Mutter. – Elli war

munter spielerisch, lustig und schmeichlerisch zu der Bende. Aber die

leidenschaftliche, von überschüssigen Gefühlen getriebene Freundin

sprach ihr zu, drückte ihr die Hand, hielt sie so an sich. Solche

lockende Zartheit hatte Elli, – sie mußte es sich gestehen – noch nie

kennen gelernt. Sie war eigentlich nur auf die Rolle der Schmeichelkatze

und des lustigen Frechdachses eingestellt. Sie wurde jetzt, ganz ohne

ihren Willen, ja zu ihrer eigenen Verwunderung, die gar nicht angenehm

war, berührt und gefangen. Elli hielt sich immer, um sich vor sich zu

rechtfertigen, die Rohheiten des Mannes vor, den Anlaß dieser ganzen

Freundschaft. Sie schämte sich heftig – sie wußte selbst nicht warum –

ihrer Heimlichkeiten mit der Bende. Und das schwächte sie auch in ihrer

Position gegen den Mann. Sie wurde deshalb, ohne daß die Bende es

begriff, gelegentlich abweisend gegen die Bende. Es geschah aber auch,

daß sie ihr Schuld- und Schamgefühl – der Verbindung mit der Bende – in

Erregung und Wut auf den Mann umwandte, dies Schuldgefühl damit

überdeckte, manchmal blind, manchmal in dem dunklen Gefühl: er hat das

mit auf seiner Kappe, ohne ihn wäre ich nicht dahin gekommen. Und jede

schlimme Szene zu Hause warf sie heftiger an die Bende: gerade wollte

sie bei ihr bleiben, sie hatte Recht bei ihr zu bleiben. Das Gefühl für

die Freundin entwickelte sich in der Tiefe weiter und zog wie ein Polyp

andere an sich.

Link arbeitete, suchte die Frau zu versöhnen, fuhr wieder gegen sie an,

trank. Sein Weg war monoton, nur in einer Steigerung begriffen. Er hatte

vor allem die Frau wieder, ihre Eltern standen ihm bei, sie würde sich

die Hörner an ihm ablaufen. Er fiel sie unverändert geschlechtlich an:

mit ausgesprochenem Ekel, mit offenem Abscheu und Empörung erlitt sie

es. Sie wollte ganz weg davon, weg von dem Seelengebiet, das er

ihr aufgerissen hatte, dem des Streits, der Wildheit, der

Haßverflochtenheit.

Ihr Kopf wurde wirr unter den Erregungen mit der Freundin und dem Mann.

Sie lief zur Freundin, um sich Ruhe zu verschaffen. Ihre kleine

Wirtschaft vernachlässigte sie. Wenn ihr der Mann morgens für den

Haushalt und für kleine Besorgungen Aufträge gab, vergaß sie es, in

ihrem inneren Trubel, und weil sie überhaupt nicht denken wollte. Sie

mußte sich kleine Aufträge aufschreiben. Und ihm, der das beobachtete,

machte es Freude, ihr Aufträge zu geben, damit sie über Tag an ihn zu

denken hatte, damit er sie binde und klein kriege. Er konnte ihr dann

abends, wenn er nach Hause kam, zeigen, wer sie war. Ihre Angst, wenn er

kam; meist angetrunken. Sein wahnsinniges Toben. Dann war sie ihm schon

nicht mehr diese bestimmte Elli. Er tobte, weil er Herr war. Es war der

Rest, die Ruine seiner Liebesleidenschaft. Zerbrach, was er fassen

konnte, griff nach Geschirr, Tisch, Rohrstühlen, Wäsche, Kleidung. Sie

schrie: „Sei doch nicht so streng mit mir! Ich mach doch alles, was ich

kann. Wie soll ich es denn machen? Hau mir doch nicht immer auf den

Kopf! Du weißt doch, daß ich am Kopf nichts vertragen kann.“ – Er: „Reiß

den Verstandskasten zusammen!“ Sie: „Mann, du erreichst mit der Strenge

gar nichts, nur mit einem guten Wort. Du verschlimmerst die Sache bis

ich für nichts garantiere. Du machst so lange, bis das Maß überläuft.“

„Du kleines Ding! Was kannst du schon machen. Hier ist der Gummiknüppel.

Der wird dir helfen!“

Ihr Haß auf den Mann. Sie schrieb erbitterte Briefe an ihre Eltern, die

sie zurückgetrieben hatten. Sie sollten wissen, wie es mit ihnen stand.

Sie mache ihrem Mann sein Heim so ungemütlich, daß er schon gehen solle.

Sie besorge ihm nur sein Fressen. Sie hasse ihn, daß sie ihn anspucken

möchte, wenn sie ihn sähe. Sie möchte nur, daß er arbeiten müsse, für

Alimente und für sie. Sie wolle ihm wieder ausrücken, und das Bett, das

er gekauft habe, auch die Bezüge seiner Mutter, alles wolle sie

mitnehmen. Unter Eheleuten gebe es keinen Diebstahl.

Der Haß faßte sie zwar an und sie stürzte sich willentlich tiefer in den

Haß, aber immer waren ihre Worte noch erbitterter als ihr Gefühl: sie

suchte ihre Neigung zu der Bende zu rechtfertigen, die sie sich und den

anderen nicht eingestehen wollte. Sie sprach auf diese Art verschleiert

von der Bende. Ein sonderbarer Zwiespalt entstand in Elli; er wurde ihr

im Umgang mit der Bende täglich deutlich, brannte ihr förmlich auf die

Nägel. Die Dinge mit Link besprach Elli mit der Bende täglich, aber sie

war in eine Rolle gedrängt, mußte übertreiben, manches falsch

darstellen; sie mußte den Rest ihrer Bindung an Link leugnen. Sie führte

eine Art Doppelleben. Dieses Hin und Her war nicht ihr Wunsch.

Aber schon entschied es sich, wenigstens für jetzt. Die Liebe zwischen

den beiden Frauen flammte auf. Aus dem bloßen Freundschaftsbeteuern,

Trösten, Küssen, Umarmen, Sich-auf-den-Schoß-setzen wurden

geschlechtliche Akte. Es war die Bende, die gefühlsstarke,

leidenschaftliche, die zuerst zuckend dazu hingerissen wurde. Anfangs

war Elli ihr Kind gewesen, das sie beschützen mußte. Jetzt bewunderte

sie die kleine entschlossene Aktive. Sie schob sie ganz in die Rolle

eines Mannes hinein. Dieser Mann liebte sie, dieser ließ sich von ihr

lieben; sie war als Frau nicht sehr glücklich bei Männern und ganz und

gar nicht bei ihrem eigenen Mann. Jetzt war Elli ihr Mann. Sie mußte ihr

immer wieder ihre Liebe versichern. Nicht genug Beteuerungen und

Liebesbeweise konnte die Bende empfangen. Elli, im Wegdrängen von Link,

ließ sich willentlich auf diesen Weg führen. Ihre Aktivität, ihre

männliche Entschlossenheit bekam einen geschlechtlichen Boden und

steigerte sich gefährlich dadurch.

Nach diesen Vorgängen wuchs in ihnen die Sicherheit und das Gefühl,

zusammenzugehören. Ein Scham- und Schuldgefühl war da, aber es schwächte

sich gegen die Männer ab. Elli stieß heftiger ihren Mann zurück. Es war

die Wahrheit, was sie der Bende sagte und schrieb: daß sie ihrem Mann

oft den Verkehr verweigerte und ihn nur gezwungen duldete.

* * * * *

Damals gegen Ende 21 kam es bei Streitigkeiten zwischen den Links rasch

zu schweren Handgreiflichkeiten. Elli war vollkommen im Haß auf ihren

Mann. Der Mann war stärker; sie trug Beulen und kleine Verletzungen am

Kopf davon. Sie ließ sich von Sanitätsrat L. ihre Verletzungen

attestieren.

Denn in ihren Gesprächen mit der Bende war sie schon zu dem Entschluß

gekommen, sich von Link zu trennen. Die Bende und sie hatten öfter – ein

Rauschzustand der beiden begann – den phantastisch schönen Plan

durchsprochen: sie wollten zu dritt, die Mutter, Elli und Grete zusammen

ziehen. Darum saß in Elli der Gedanke der Ehescheidung fest. Sie dachte

nur daran, aktiv zu sein, männlich zu sein, der Freundin ihre Liebe zu

beweisen. Sie hatte kaum mehr einen Blick für den Mann. Er arbeitete vor

Weihnachten die Nacht über, zweimal vierunddreißig Stunden. Aber sie

lief zu der Bende. Der Ehemann Bende hatte Elli schon das Haus verboten;

ihm gefiel das Klatschen und Zusammenhocken der Frauen nicht. Auch der

Ehemann Link wünschte nicht Ellis Verkehr mit der Bende. Er glaubte

nicht an Ellis Besuche bei der Bende, war eifersüchtig auf einen

unbekannten Mann. Die beiden Frauen waren in Furcht von ihren Männern

ertappt zu werden, trafen sich oft nur im Husch auf der Straße. Das

gefährliche Briefschreiben, das die Gefühle übersteigerte, nahm zu: es

war schon eine Flucht vor den Männern, ein ideelles Zusammenleben ohne

Männer. Sie gaben sich selbst die Briefe auf der Straße, ließen sie sich

gelegentlich zutragen. Ein Gardinenzeichen hatten sie an den Wohnungen

verabredet, für die Anwesenheit und Abwesenheit der Männer.

Eine schlimme Sylvesternacht kam. Link, der dumpfe trübe Mensch, war

wieder aufs Äußerste gereizt. Als er mit Elli einen Augenblick allein

war, drohte er ihr: „Komm nur nach Hause, dann kannst du deine Knochen

zusammensuchen.“ Elli, in Angst vor ihm, erzählte es seiner Schwester,

bei der sie waren. Die nahm Ellis Partei. Elli solle doch von ihm gehen,

wenn es nicht anders würde; dann solle er eben wieder zur Mutter

zurückgehen. Die Schwester richtete es ein, daß die Eheleute die Nacht

über dablieben. Am Morgen des ersten Januar ging Elli nach Hause. Er kam

erst gegen Abend, betrunken. Das Brüllen, Schimpfen: „Du Hure, Sau!“,

das Schlagen ging los.

Am 2. Januar lief Elli heimlich weg. Die Vorbereitungen zur Flucht hatte

sie mit der Bende und ihrer Mutter besprochen. Die hatten in der Nähe

ein Zimmer bei der Frau D. ausfindig gemacht. Mit grünen und blauen

Flecken an der rechten Schläfe erschien Elli bei dieser Frau. Sie war in

Freiheit. Der Mann wußte die Adresse nicht.

Die Bende hatte ihren Triumph. Sie war eigentlich mitgeflohen, auf ihre

mutlose, schwankende Art. Ihr war leichter; sie war jetzt stärker,

gesicherter in den Kämpfen zu Hause. Elli war ganz ihr. Überschwänglich

begrüßte sie die Flucht. Elli müßte festbleiben, sie müßten

zusammenbleiben, jetzt müßte das Eisen geschmiedet werden. „Aber mein

Lieb, wenn du zurückgehst oder jemand anders liebst, so sind wir für

dich verschollen vor deinem Angesicht.“ Sie kannte, mit einem Schluß von

sich aus, die Unsicherheiten und Blößen Ellis, warnte sie vor Link, vor

dem Schuft und Strolch. Sie solle nicht auf Briefe von ihm hereinfallen,

die der reine Hohn und Affenliebe seien. Er müßte im Rinnstein

krepieren. „Das eine sage ich dir fest und heilig, kehrst du wieder

zurück, so bin ich für dich für immer verloren.“ Ängstlich sah die

Liebende, daß Elli wie eine Gejagte geflohen war, auch nur durch ihre

Mithilfe geflohen war. Es mußte gefährlich werden, wenn sie sich

beruhigte und Link anfinge zu werben. Sie schrieb der Elli – denn sie

schrieb noch immer weiter, aus Lust an der traumhaften Athmosphäre der

Briefe –: sie besäßen, sie und ihre Mutter, zuviel Ehrgefühl und

Charakter, um Ellis Schwelle wieder zu betreten, wenn sie zu ihrem Mann

zurückkehre. Sie könne gar nicht daran denken; das Herz bräche ihr vor

Kummer und Trauer zusammen.

Link saß allein. Die Mutter war jetzt nicht in seiner Wohnung. Er trank,

fluchte für sich, ging zu seiner Mutter, schimpfte. Es war wieder eine

infame Leistung der Elli. Die war hart. Er sah schon, sie würde ihn

wieder unterkriegen. Seine hilflose Wut bei dem Gedanken, daß das kleine

Ding wagte mit ihm so zu spielen. Das Rebellieren nützte nichts. Es war

nur obenhin. Er fühlte schon das andere. Er war schon unterlegen, suchte

sie schon wieder zu lieben. Er widerstand in den ersten Tagen der

Rachsucht und des Schmerzes. Dann war er der alte, der Mann der

Verlobung. Die Szenen der letzten Tage stellte er sich vor. Er war

furchtbar schlimm zu der kleinen Elli gewesen. Sein altes

Minderwertigkeitsgefühl spielte auf; er wollte besser werden; das las er

so: er sehnte sich nach ihr. Und immer stärkere Unwürdigkeit und Leiden

und immer stärkere Sehnsucht jeden Tag, den sie nicht kam, an dem er

nichts von ihr hörte. Er parlierte mit seiner Zimmervermieterin, die ihm

bestätigte, als er so betrübt war, daß Elli es immer sehr eilig hatte,

zu ihrer Freundin zu laufen, und dann wurde alles in der Wirtschaft

verbummelt. Noch ein paar Tage sträubte er sich, dann streckte er die

Waffen. Er schrieb an ihre Eltern nach Braunschweig, er war froh, als er

das Papier unter den Fingern hatte und das Gespräch mit ihr begann. Er

klagte: „Wie oft habe ich meine liebe Frau gebeten und immer wieder

gebeten, sprich doch einmal ein paar Worte, wenn ich nach Hause komme.

Wie oft habe ich gebeten: geh nicht den ganzen Tag zu Bendes.“ Und dann:

„Auch daß ich Elli geschlagen habe, muß zu verstehen sein. Denkt daran,

um meiner Frau ein schönes und gemütliches Weihnachtsfest bereiten zu

können und weiter zu kommen, habe ich lange gearbeitet, und von solcher

Arbeit komme ich körperlich und geistig abgespannt nach Hause. Elli will

Einkäufe machen und geht gegen meinen Wunsch und den des Herrn Bende

doch zu ihrer Freundin. Elli verläßt das Haus nicht, trotzdem Herr Bende

es ihr verboten hat. Es kommt dort zum Krach zwischen den Eheleuten.

Warum muß Elli das tun? Elli hat mir ins Gesicht geschlagen und hat auch

von mir ein paar Klapse bekommen.“ Er endete den Brief mit langen

Liebesbeteuerungen.

Die Frau saß nicht weit von ihm, bei Frau D., beruhigte sich, war froh,

von der Bende geführt zu werden. Sie war diesmal nicht zu den Eltern

gegangen. Hier war ihre Freundin, war alles klar und rein. Sie suchte

einen Rechtsanwalt auf, Dr. S., erzählte ihm von den Mißhandlungen. Der

Anwalt beantragte eine einstweilige Verfügung, wodurch ihr das

Getrenntleben gestattet wurde und ihrem Mann aufgegeben wurde, ihr einen

Prozeßvorschuß und eine monatliche Rente zu zahlen. Zur Glaubhaftmachung

wurde das ärztliche Attest und eine eidesstattliche Versicherung der

Frau Bende und ihrer Mutter überreicht. Am 19. 1. erging die

einstweilige Verfügung antragsgemäß ohne mündliche Verhandlung. In der

Ehescheidungssache wurde Termin auf den 9. 2. anberaumt.

Das war Ellis Kampfhandlung. Sie war auf dem Wege sich zu befreien, die

Verhakung mit Link zu lösen. Diesen Weg wäre alles weiter gegangen. Aber

da saß einige Häuser entfernt Link, gequält, sich beschuldigend, eine

krankhafte unglückliche Natur, manchmal sich mit Schnaps und Bier

beruhigend, und verlangte nur nach seiner Frau. Er wurde jetzt schon so

dringlich, daß er das Briefschreiben ließ, die Eisenbahn besteigen und

selbst nach Braunschweig zu ihren Eltern reisen mußte. Er konnte nicht

von ihr lassen. Er war im Sturz, ganz zügellos. Wie er die Frau schlug,

trank bis er betrunken war, die Sachen zerriß, Stühle zerbrach, so mußte

er die Briefe schreiben, zur Bahn fahren. Es war kein Drang, etwas zu

bessern, sich zu ändern, sondern ein trübes, fesselloses Nachgeben. Ein

knirschendes Getriebensein.

Die Familie in Braunschweig empfing ihn nicht freundlich. Die Briefe der

Elli hatten verstimmt, die Mutter war unsicher. Der Vater hielt zuletzt

an seinem alten patriarchalischen Standpunkt: die Frau gehört zum Mann.

Er gab dem Link die Adresse Ellis. Und als auf die flehentlichen, fast

unterwürfigen Briefe kalte ablehnende Antworten kamen, fuhr der Vater

selbst mit Link nach Berlin.

Der Ring um Elli und Link sollte geschlossen werden. Der Vater und Link

selbst, die beiden Männer schlossen ihn. Es war nur die Frage, wer von

beiden überleben würde, Elli oder Link.

Elli hatte von sich aus, auch getrieben durch die Bende, den

Loslösungsprozeß eingeleitet. Aber wie sie allein in ihrem Zimmer oder

mit der Bende saß, tauchten schon andere Gedanken in ihr auf. Und

verstärkten sich, als das Drängen der Familie begann und zuletzt Link

mit dem Vater ankam. Der fürchterliche Link, der Zwang, den er auf sie

ausübte, seine Vergewaltigungen, die Wutsphäre um ihn, stießen sie ab,

aber nun fing die liebesdurstige Bende sie ein. Und manches fehlte auch

sonst. Sie fand, die Bende konnte ihr doch nicht so viel bieten wie ihr

Mann. Bieten, das heißt auch häuslichen Rahmen, gesellschaftliche Würde,

von dem Finanziellen und dem Normal-Geschlechtlichen, dem sie sich doch

schon angepaßt hatte, abgesehen. Sie war aus dem Regen in die Traufe

gekommen. So hatte sie es auch nicht gemeint. Solche Bindung, solche

Hingabe an die Bende: das wollte sie auch nicht. Immer pochte in ihr die

Scham und das Schuldgefühl wegen dieses Verhältnisses. Das wurde ganz

stark, als der Vater ankam.

Locker in der Welt herumflattern, eine nicht zu feste Ehe führen, in

jedem Fall mit Vater und Mutter zusammenhängen: das waren ihre

dringendsten Bedürfnisse. Sie war, obwohl sie sich schon jung ganz frei

bewegte, nie ganz aus dem Elternhause gekommen, war immer Tochter

geblieben. Und auch ihre Lustigkeit war ganz die einer Haustochter, die

das Geschlechtliche ablehnt, ja fürchtet.

Mit dem Vater kam Link. Sie hatte gewußt, daß er nach ihr fahnden würde,

und daß er sich strecken würde, um sie zu finden. Er war ein roher

Schuft, die Bende hatte schon Recht. Es war ihr eine Freude, ihn vor dem

Vater herunterzureißen. Sie sprach bei diesen Auseinandersetzungen ganz

im Tone der Haustochter; sie war die Tochter dieses Mannes. Der einfache

Mann aus Braunschweig hatte schweren Stand vor ihr. Link war weich, gab

seine Schuld zu. Sie blieb dabei, ihm im Triumph, auch ihren Haß und

ihre Rachsucht entladend, mit Vorwürfen wegen seiner Rohheiten und

Schlechtigkeiten zu überschütten. Sie war ganz eine Seele mit dem Vater.

Es war nicht lange her, da war sie zum Rechtsanwalt gelaufen zu der

Scheidungsklage. Jetzt bog sie um. Der Vater blieb dabei: die Frau

gehört zum Mann. Die Begegnung mit dem Vater war ihr wieder ein

Erlebnis; das war ihre Familie, ihr Boden; sie beugte sich herunter zu

diesem Quell. Sie hatte den größten Teil ihrer frischen Spannung

abreagiert. Sie wollte und mußte ihrem Vater folgsam sein. Sie mußte es.

Jetzt besonders hing sie innig mit ihm zusammen. Er war es, der sie mit

Link zusammengab. Link erhielt ein anderes Gesicht. Jetzt erschien auch

in schärferem, sehr unangenehmem Licht ihre Verbindung mit der Bende.

Und sie schämte sich, ihren Vater hörend und ihn betrachtend, ihrer

eigenen männlichen hassenden Wildheit. Link war zahm; die Eltern

kümmerten sich um sie: es könnte alles gut werden, es würde alles gut

werden.

Der Vater reiste ab. Sie sagte ihm zu, zu Link zurückzukehren. In ihr

war noch, und besonders nach seiner Abreise, eine gewisse Unruhe und ein

Rest von wachem Zweifel. Es war etwas Unbefriedigendes in dem Entschluß

zurückzukehren. Sie fühlte, nachgebend, das Schwierige in sich; ihre

Besorgnis, die Angst, das Widerstreben entlud sich in Streitszenen. Sie

gab noch zwei Tage das Zimmer bei Frau D. nicht auf. Zwei Tage war sie

noch unschlüssig, hin und hergezogen. Es erleichterte sie, als der Mann

am dritten Tage außer sich geriet und sie bedrohte. Dann kehrte sie in

ihre gemeinsame Wohnung zurück. Sie folgte. Der Vater und der Mann

hatten sie bestimmt. Sonderbar wenig schämte sie sich vor der Bende;

sonderbar war ihr Gefühl für die Freundin in den letzten Tagen

zusammengeschrumpft.

* * * * *

Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord · 第 1 / 6 段