Die Instrumente wurden aufgestellt und an verschiedenen Stellen des

Feuerberges angebracht. Professor van Halen war unermüdlich und da

machte er die absonderlichsten Beobachtungen.

Hier auf dieser kleinen Welt gab es eine Menge Wasser, aber das war wohl

meist in dampfförmigem Zustande, die feuchte Hitze, welche hier

herrschte, bewirkte eine unvergleichlich schnelle Verdunstung.

Der Professor glaubte auch die Wahrnehmung zu machen, daß nach den

fürchterlichen Regengüssen, die von Zeit zu Zeit eintrafen, die

Ausbrüche des Vulkans häufiger wurden.

Es war sicherlich noch der alte Kreislauf der Dinge, wie ehedem in der

Urzeit, hier folgten die Naturgewalten unmittelbar und erschienen

deshalb um so schrecklicher. In der Nähe des Feuerberges war die

Atmosphäre so dunstig und trübe, daß man nur selten einen Ausblick

erhielt, das Weltenfahrzeug konnte man nie sehen, obwohl es gar nicht

weit entfernt war.

Der Professor überließ sich ganz seinen Beobachtungen, aber Star empfand

eine innere Unruhe, es war ihm immer, als ob sich in der Nähe des

Weltenfahrzeuges etwas Absonderliches zugetragen haben müsse.

Er lachte zwar über diese Gedanken und verbarg sie vor dem Professor,

aber er konnte doch nicht hindern, daß er immer und immer wieder an die

Zurückgebliebenen mit Besorgnis zurückdachte.

Aber auch der Professor hatte Bedenken, die freilich etwas anderes

betrafen. Seine Beobachtungen brachten ein Resultat, welches ihn mit

großen Befürchtungen erfüllte.

Die Instrumente verrieten nämlich plötzlich eine ungemeine Spannung, die

immer mehr und mehr zunahm und zwar in einer Weise, daß man irgend eine

Naturkatastrophe erwarten konnte.

Ob sie bald eintreten würde, stand freilich noch dahin, aber dem

Professor war es, als müßte demnächst auf dem kleinen Planeten ein

Aufruhr der Elemente stattfinden, der alles bisher Gesehene bei weitem

übertreffen müßte.

Da stand wohl ein furchtbarer, vulkanischer Ausbruch bevor und da konnte

der Feuerberg in die fürchterlichste Tätigkeit treten.

Aber der Professor dachte noch an etwas anderes, an die Möglichkeit, daß

die Lavamassen aus dem scheinbar erloschenen Krater, wo das

Weltenfahrzeug lag, hervorbrechen würden, dann konnte dort ebenfalls

eine fürchterliche Katastrophe erfolgen.

Jedenfalls näherte sich der kleine Planet der Sonne und dieser Umstand

war es wohl, der eine gigantische Anstrengung der noch immer

entfesselten Naturkräfte drohen ließ. Van Halen hielt es daher für das

beste, wenn er jetzt zurückkehrte und den Luftpiraten warnte.

Sowie es hell wurde, brach man auf, aber der Professor ließ einige

seiner Instrumente zurück, in der Ueberzeugung, daß er noch einmal

zurückkehren würde.

Am Weltenfahrzeug fand man alles unverändert, die europäischen

Mannschaften verbrachten ihre Zeit meist mit Nichtstun oder Reinigen der

Maschinen. Lindo und Mors waren unablässig mit der Reparatur des

Riesenmagneten beschäftigt.

Der Luftpirat kam dem Gelehrten entgegen.

»Haben Sie das Brausen und Zischen wieder vernommen, Kapitän?« fragte

Halen, als er einen Händedruck mit dem Maskierten getauscht.

»In der Tat,« lautete die Antwort. »Es scheint immer drohender und

unheimlicher zu werden. Auch will Lindo andere unheimliche Töne gehört

haben, aber davon habe ich nichts vernommen.«

Der Professor dachte nur an das Brausen und Zischen, das waren

zweifellos die glühenden Lavamassen. Er begab sich nach der dunklen

Kluft und richtig, dort machte sich eine außerordentliche Wärme

bemerkbar.

Dann teilte er Kapitän Mors seine Beobachtungen am Feuerberg mit.

»Das ist in der Tat bedenklich,« meinte Kapitän Mors. »Da müssen wir uns

beeilen und noch eifriger arbeiten. Uebrigens eine Frage, bester

Professor, können Ihre Instrumente den bevorstehenden Ausbruch genauer

anzeigen?«

»Sicherlich,« rief der Gelehrte. »Wenigstens dreißig Stunden vorher. Für

die Zeit von vierundzwanzig Stunden könnte ich mich geradezu verbürgen.«

»Das ist gut,« erwiderte Kapitän Mors. »Da möchte ich Ihnen einen

Vorschlag machen. Sie sagen ja selbst, daß Sie in den Klüften des

Feuerberges ein ganz bequemes Unterkommen fanden. Kehren Sie also mit

Star und den Indern zu Ihren Instrumenten zurück und signalisieren Sie

mir, wenn Gefahr droht. Sie brauchen ja nur einen Eisenstab mitnehmen

und daran eine blutrote Fahne aufziehen, die könnte ich von hier aus

gewahren. Im äußersten Falle der Not würde ich meine Reservemaschinen in

Tätigkeit setzen. Es ist zwar gefährlich, aber in der Not könnte ich

mein Weltenfahrzeug von dieser gefährlichen Stelle hinwegbringen. Aber,

wie gesagt, es ist nur für den Notfall.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden, denn dieser Ausweg war der beste.

Man versah sich also mit neuen Vorräten, die in reicher Menge vorhanden

waren. Auf dem Weltenfahrzeug befanden sich Lebensmittel, die für einige

Jahre reichen konnten.

Das Wasser auf dem kleinen Planeten war, wenn auch an manchen Stellen

stark metallhaltig, doch an verschiedenen Stellen trinkbar. So brauchte

man für den Bedarf an dem wertvollsten Lebenselement nicht in Sorge zu

sein.

Star, van Halen und die Inder kehrten also nach dem Feuerberg zurück, um

dort die Beobachtungen fortzusetzen.

Der Kapitän sollte im entscheidenden Moment gewarnt werden.

Dann war ja immer Zeit genug, das Weltenfahrzeug durch Anwendung der

Reservemaschinen nach einer anderen Stätte zu versetzen, freilich war

ein solches Gewaltmittel immer gefährlich.

War es aber dunkel, so sollte eine blutrote Laterne die Stelle der roten

Fahne ersetzen.

Kapitän Mors und sein getreuer Lindo arbeiteten also unablässig weiter.

Sie strengten alle Kräfte an, sie arbeiteten sogar beim Schein der

elektrischen Laternen, wobei ihnen noch der Mond behilflich war, der

jetzt des Nachts sein strahlendes Licht verbreitete.

Die Atmosphäre war klarer geworden, in der Nacht sah man häufig die

Sterne funkeln. Die Wolken hatten sich teilweise nach den Wäldern

zurückgezogen.

Aber es war noch etwas, was Lindo beunruhigte. Die sonderbaren Töne, die

er zuweilen aus der Kluft vernahm.

Der Kapitän hielt es für Täuschung, aber Lindo hegte Bedenken, er meinte

immer, daß in dieser dunklen Kluft sich irgend etwas verbergen könnte,

etwas Gefährliches, was es aber war, wußte er nicht und konnte es auch

nicht wissen.

Kapitän Mors kümmerte sich nicht darum und meinte, es wäre nur eine

Täuschung. Lindo aber warf während der Arbeit oft einen Blick nach der

Gegend, wo die Felsblöcke lagen. Er glaubte, dort sei etwas

Rätselhaftes, etwas Unheimliches verborgen. Dort aus der Kluft könnte

plötzlich das Verderben hervorbrechen.

5. Kapitel.

Die Ungeheuer der Tiefe.

So vergingen die Tage und die ebenso langen Nächte rasch dahin, Mors und

Lindo gönnten sich nur die notwendigste Ruhe.

Die in dem Weltenfahrzeug befindlichen Leute mußten fortwährend nach dem

Feuerberg Ausguck halten und nachsehen, ob sich nicht etwa die rote

Laterne oder die rote Flagge zeigte.

Bis jetzt war aber nichts zu sehen gewesen. Die Gefahr lag also noch

fern. Noch hatte der Professor das Warnungssignal nicht gegeben.

Inzwischen näherten sich die Reparaturarbeiten ihrem Ende. Die

Verbindungen waren schon wieder hergestellt, aber nun kam die

schwierigste Arbeit. Man mußte die neuen Gelenkstangen auf die in dem

Weltenfahrzeug angebrachten riesigen Diamanten montieren.

Das geschah auch außerhalb des Fahrzeuges, dort waren sogar die

wichtigsten Arbeiten zu verrichten, und die beiden Männer versahen ihre

Aufgabe mit wahrem Feuereifer.

So lange die Sonne schien, brauchten sie kein künstliches Licht, aber

sobald die Dunkelheit kam, arbeiteten sie mit ihren elektrischen

Laternen.

Die Warnungssignale am Berge aber waren immer noch nicht erschienen.

Kapitän Mors glaubte schon, daß gar keine Gefahr drohe und daß das

Ungewitter wieder vorübergezogen sei, vielleicht hatten die Spannungen,

die der Professor an den Instrumenten beobachtet, schon wieder

nachgelassen.

So war wieder einmal die kurze Nacht gekommen.

Der Himmel war klar, die Sterne funkelten, der Mond schien so hell, daß

die beiden Männer kaum der elektrischen Laternen bedurften.

Da vernahm man das Zischen und Brausen, welches zeitweise in den

Eingeweiden dieser Miniaturwelt hörbar wurde.

»Es sind die Lavamassen,« meinte Lindo. »Heute ist es stärker, als

sonst, aber der Professor scheint noch keine Gefahr zu befürchten, sonst

würde er das Signal zeigen.«

Das Brausen und Zischen dauerte fort, da man es aber so oft gehört,

kümmerte man sich nicht weiter darum. Jedenfalls kamen die Lavamassen

noch nicht hervor, die tobten noch tief unter der Erde.

Mit einemmal hielt Lindo in der Arbeit inne.

»Hört, Kapitän, hört,« rief er stutzend, »hört Ihr nicht die seltsamen

Laute? Das ist etwas ganz anderes, das ist das, was Ihr immer nicht

glauben wolltet. Es kommt von jener verdächtigen Kluft her, es ist ein

richtiges Schnarchen und Röcheln!«

In der Tat hörte Kapitän Mors jetzt selbst die Töne, von denen Lindo

mehrmals erzählt und die er für Täuschung gehalten.

Der Eingang der Kluft war von dem Ort, wo die beiden Männer hantierten,

durch einige emporragende Felsen verdeckt.

Bald schien auch das Röcheln und Schnarchen zu verstummen.

Kapitän Mors wendete sich wieder seiner Arbeit zu, als Lindo von neuem

aufschrie:

»Kapitän, da seht -- da, eine Schlange! Eine ganz seltsame Schlange!«

Der Luftpirat fuhr herum.

Richtig, dort über der Klippe, hinter der die Kluft lag, ragte etwas

hervor, was wie der Hals einer riesigen Schlange aussah.

An diesem Hals aber hing ein sonderbarer Kopf, von ganz merkwürdiger

Form, der war nicht schlangenartig, sondern fast eckig, aus diesem Kopf

ragte eine lange, gelbe Zunge heraus, der Rachen war geöffnet und in

diesem sah man geradezu grauenvolle Zähne.

Aber am fürchterlichsten waren die Augen an diesem Kopf, denn die

standen wie auf Sockeln, sie waren so groß wie Fäuste und flimmerten wie

Karfunkel.

Dieser Kopf betrachtete die beiden Männer, dann kam das seltsame Röcheln

und Schnarchen aus dem geöffneten dampfenden Rachen hervor.

Der erste Gedanke Kapitän Mors' war, die elektrischen Waffen zu holen,

aber die befanden sich im Innern des Fahrzeuges. Das Ungetüm aber,

welches da hinter dem Felsen emporragte, befand sich der Tür, welche in

das Innere des Weltenfahrzeuges führte, viel näher, als die beiden

Männer und konnte sie daher bei einem Rückzug mit Leichtigkeit abfangen.

»Kapitän, da ist noch solch Ding!« schrie Lindo, indem er nach dem

Felsen deutete. »Das sieht ebenso fürchterlich aus. Nehmt Euch in Acht

Kapitän, die Beester schnappen!«

In diesem Augenblick fuhren die langen Schlangenhälse auf die Männer zu.

Kapitän Mors und Lindo aber wichen gewandt aus und sprangen seitwärts,

indem sie unwillkürlich hinter einem anderen Felsblock Schutz suchten.

Jetzt konnten sie seitwärts auf die Ungetüme schauen, aber da gewahrten

sie etwas ganz Merkwürdiges.

Das waren keine Schlangen, sondern die langen Hälse saßen an einem

plumpen, fürchterlichen Körper, der so dick wie der eines Elefanten war,

dieser Riesenkörper war graubraun und schleimig, das Tier mit dem langen

Schlangenhals und den funkelnden Augen war ein Vierfüßler und an den

plumpen Füßen schienen sich mächtige Krallen zu befinden.

Zwei dieser Bestien waren da, und sie rutschten jetzt mit ziemlicher

Geschwindigkeit heran. Sie suchten die beiden Männer anzugreifen.

Kapitän Mors war jetzt alles klar.

Diese bisher unbekannten Untiere, welche sicherlich zu den

Riesensauriern gehörten, hausten dort in der Kluft und kamen nur von

Zeit zu Zeit an die Oberwelt, um Beutezüge anzutreten.

Sie waren es sicherlich, welche die großen Knochen, die da auf dem Stein

lagen, durchgebissen hatten. Das konnte man diesen fürchterlichen Zähnen

schon zutrauen.

Nun galt es, sich zu verteidigen, denn die Ungetüme schienen sich

merkwürdig schnell zu bewegen, so plump sie auch aussahen, waren die

Bewegungen doch rasch und verhältnismäßig gewandt. Es war etwas

Eidechsenartiges, Bewegliches in der Art und Weise, wie sich diese

plumpen Massen vorwärtsschoben.

Die beiden Männer waren mit ungenügenden Waffen ausgestattet. Kapitän

Mors besaß ein wohl fußlanges, haarscharfes Dolchmesser und Lindo hatte

eine schwere gleichfalls haarscharf geschliffene Axt aufgegriffen.

»Kapitän, sie werden uns einholen,« rief der treue Inder ganz

verzweifelt. »Die Bestien bewegen sich so gewandt wie die Aale.«

»Ja, ich sehe es, Lindo,« sprach Mors, der mit seinem treuen Begleiter

von Stein zu Stein sprang. »Es wird uns nichts übrig bleiben, wir müssen

kämpfen, wir müssen uns so gut es geht gegen die Ungeheuer der Tiefe

verteidigen.«

Lindo biß die Zähne zusammen, aber er verlor die Geistesgegenwart nicht.

Treu wie er war, wollte er sogar Mors die Axt als die bessere Waffe

einhändigen und dafür das Messer nehmen.

Der Luftpirat wies dies edelmütige Anerbieten zurück.

»Nimm nur die Axt, treue Seele,« sprach er. »Das Messer genügt mir. Nun

will ich Dir einen Rat geben. Du siehst, daß diese Ungetüme sehr lange

und dünne Hälse haben, die scheinbar gar nicht zu den massiven Körpern

passen. Haue mit Deiner Axt nach der Stelle, wo sich dieser lange

Schlangenhals mit dem Körper vereinigt und suche dort die Halswirbel zu

durchhauen. Nun paß auf. Da kommen sie angeglitten.«

Die beiden Ungeheuer schnarchten entsetzlich, man hörte, wie ihr

furchtbares Gebiß zusammenklappte. Jedenfalls waren es Fleischfresser

und die Bestien lechzten nach Beute.

Freilich mochten ihnen diese seltsamen Geschöpfe, die Menschen, höchst

absonderlich vorkommen. Aber es waren Lebewesen, und die Kolosse

vertrauten auf ihre ungeheure Stärke. Sie waren auch wohl hungrig und

nun kamen sie herangeglitten, mit aalartigen Bewegungen, unheimlich

schnell, man konnte diesen Ungetümen nicht entrinnen.

Der Rückweg zu dem Weltenfahrzeug war den beiden Männern abgeschnitten.

Es half nichts, sie mußten das Abenteuer bestehen.

Kapitän Mors wandte sich gegen das größte Ungetüm, während Lindo beherzt

den Angriff des zweiten, kleineren Ungeheuers erwartete.

Im Moment, als Kapitän Mors sich gegen das schnarchende Ungetüm wendete,

warf er einen flüchtigen Blick auf die Kluft, aus der die Ungetüme

hervorgestiegen sein mußten.

Da gewahrte er noch etwas Bewegliches, da kam ein dritter Schlangenhals

zum Vorschein, ein drittes Ungetüm kam röchelnd und schnarchend aus der

Kluft hervorgekrochen.

Aber Kapitän Mors hatte keine Zeit, sich mit weiteren Beobachtungen

abzugeben, er mußte handeln, die Gefahr drohte, sie war sogar aufs

äußerste gestiegen.

Das riesige Ungetüm vor ihm richtete sich halb auf, der Schlangenhals

schwebte hoch über Kapitän Mors' Kopf, die Augen glühten und

schillerten, das Tier selbst war vom Mond grell beleuchtet.

Jetzt hockte das Tier in einer sitzenden Stellung und suchte Kapitän

Mors mit den viel kürzeren Vordertatzen zu fassen.

Aber Kapitän Mors war auf seiner Hut und es kam ihm zu statten, daß er

sich auf dem kleinen Planeten mit größter Leichtigkeit bewegen konnte.

Blitzschnell wich er den Hieben der drohenden Tatze aus und sprang zur

Seite. Dann blitzte das lange Messer, Kapitän Mors stieß es in den

langen Schlangenhals des Tieres und zog den Griff der Waffe mit

kräftigem Schnitt nach der Mitte der Brust hinunter.

Dunkelrotes Blut spritzte hervor, es war eine furchtbare Wunde, aber das

Tier schien sich wenig darum zu kümmern.

Es schnarchte greulich, der lange Kopf auf dem Schlangenhals fuhr herab

und wieder sah Kapitän Mors das fürchterliche Gebiß mit den drohenden

Zähnen.

Das Ungeheuer schien jedoch seine Beute weniger mit dem Gebiß packen,

als mit den Krallen erhaschen zu wollen, dabei hüpfte es auf den

Hinterbeinen sitzend, auf Mors zu, sodaß seine Bewegungen an die eines

riesigen Kängurus erinnerten.

Jedenfalls war das Tier mit den sogenannten Lälaps verwandt, ein Tier

der Vorwelt auf Erden, welches einem riesigen Känguru ähnelte, nur, daß

dieses Tier den langen Schlangenhals besaß, der ihm das schlangenartige

Aussehen sicherte.

Kapitän Mors konnte sich jetzt nicht um Lindo bekümmern und gewahrte nur

bei einem gedankenschnellen Blick, daß sein treuer Gefährte mit dem

zweiten Ungeheuer kämpfte.

Jetzt kam der Riese wieder herangehüpft, schnarchte laut und suchte mit

seinen beiden gewaltigen Tatzen Kapitän Mors zu packen.

Diesmal bückte sich der Luftpirat nur und führte einen furchtbaren Stoß

nach der Stelle, wo er das Herz des riesigen Ungeheuers vermutete.

Ein gewaltiger Blutstrahl sprudelte hervor, fast wie aus einem

Springbrunnen. Kapitän Mors duckte sich schnell und entwischte gerade

noch aus den Krallen des Ungeheuers, die ihn zu packen drohten.

Wieder tönte das Schnarchen, gräßliche Wut malte sich in den weiß

leuchtenden Augen des Ungetüms, aber seine Bewegungen waren nicht mehr

so schnell wie vorhin, es schien die Wirkung der blanken Waffe zu

spüren.

Das Blut schoß wie eine Fontäne aus der Wunde in der Brust und es war

möglich, daß der Stich das Herz verletzt hatte. Die Bestie warf

schreckliche Blicke auf den Menschen, der jetzt mit Befriedigung die

entschwindenden Kräfte des Angreifers bemerkte.

Inzwischen war Lindo auch nicht müßig gewesen und hatte mit der Axt auf

die von Mors bezeichnete Stelle losgehauen.

Der Brave hieb zu, als wollte er einen Baumstamm fällen, aber das war

sein Glück. Es gelang ihm, mit der haarscharf geschliffenen Axt den

Halswirbel des Ungeheuers zu durchschneiden und das Rückgrat an der

Stelle zu trennen, wo der Schlangenhals mit dem massigen Leibe verbunden

war.

Auch dieses Ungeheuer stieß ein fürchterliches Schnarchen aus, welches

aber fast einem Gebrüll ähnelte, dann drehte es sich ein paar Mal rund

herum, fiel auf den Rücken und begann im Todeskampf schrecklich zu

zappeln.

Da sah Kapitän Mors, der eben noch seine Aufmerksamkeit seinem Gegner

zugewendet, das dritte Ungeheuer lautlos herangleiten. Kein Zweifel, es

wollte Lindo von hinten packen.

»Drehe Dich um Lindo,« schrie der Luftpirat mit furchtbarer Stimme. »Es

ist noch eins hinter Dir! Rasch, rasch, es will Dich fassen!«

Der Inder sprang blitzschnell bei Seite und das war sein Glück, da im

selben Moment das Ungetüm an der Stelle, wo er gestanden, anlangte.

Es röchelte und schnarchte und drehte den langen Schlangenhals bald nach

rechts, bald nach links, indem es die beiden Männer mit den fürchterlich

leuchtenden Augen anstarrte.

Aber jetzt wurde es von den beiden Männern angegriffen. Bald von links,

bald von rechts, sodaß die Bestie gar nicht wußte, wohin sie sich zuerst

wenden sollte.

Lindo hieb mit der Axt auf die Halswirbel der Bestie los, Kapitän Mors

aber bohrte ihm das fußlange Dolchmesser in die Seite.

Jedesmal schnarchte das Tier laut und fuhr herum, um seinen Gegner zu

packen, der aber sprang alsdann gewandt zurück, während sein Gefährte

den Angriff erneuerte.

Immer lauter wurde das Schnarchen, das Röcheln; aber jetzt spritzte auch

das schwarzrote Blut von allen Seiten hervor, das Ungeheuer taumelte.

Kapitän Mors hatte sicherlich das Herz getroffen. Lindo aber hatte ihm

mit einem furchtbaren Axthieb den Halswirbel fast ganz durchgeschlagen.

Inzwischen waren auch die beiden anderen Ungetüme verendet, und nun

sahen die zwei Männer auf die Kampfstätte, auf die drei Riesen der

Tierwelt, auf die Lachen geronnenen, schwarzroten Blutes.

Aber da kam auch schon wieder der Tag heran, die kurze Nacht ging zu

Ende, die Sterne verblichen, die Sonne erschien und beleuchtete die

massigen Gestalten der erlegten Ungetüme.

Vom Weltenfahrzeug herüber hörte man die Schreie der Männer, welche die

Besatzung bildeten. Aber die waren über den Anblick dieser unheimlichen

Riesentiere so entsetzt gewesen, daß sie gar nicht wußten, was sie tun

sollten.

Jetzt aber erschienen sie auf der Galerie und wollten ihren Augen nicht

trauen, als sie die beiden Helden noch lebend sahen.

»Na, Ihr habt uns schön im Stich gelassen,« rief Lindo ärgerlich. »Da

seht mal, was der Kapitän wieder mal geleistet hat.«

»Laß es nur gut sein,« erwiderte Mors. »Du hast Dein redliches Teil dazu

beigetragen. Ich bin stolz auf Dich. Du hast gekämpft, wie ich es

erwartete. Wir sind Sieger geblieben.«

»Hoffentlich kommen nicht mehr heraus,« meinte Lindo, indem er nach der

Kluft hinblickte. »Am Ende befindet sich eine ganze Herde darinnen.«

»Das glaube ich nicht,« erwiderte Kapitän Mors. »Das halte ich für

ausgeschlossen. Diese Tiere leben sicherlich nicht in größerer Menge,

und ich glaube wohl, daß wir ein Pärchen dieser Kolosse mit einem

ausgewachsenen Jungen bekämpfen mußten. Genug, das Abenteuer ist vorüber

und wir sind die Sieger geblieben.«

Da deutete Lindo nach dem Vulkan hinüber, der von der Sonne beleuchtet

wurde.

»Kapitän,« schrie er. »Das Zeichen, das Signal! Kapitän, da weht die

rote Fahne! Jetzt droht uns Gefahr von den Elementen der Tiefe! Da

zischt es, da braust es schon wieder! Da will die Lava aus den

Eingeweiden der Erde hervorquellen!«

6. Kapitel.

Im Todeskrater.

In der Tat hatte der Professor mit seinen Gefährten das Warnungssignal

erteilt.

»Geschwind, Lindo,« rief Mors, für den das furchtbare Abenteuer schon

vergessen zu sein schien. »Jetzt ist jeder Augenblick Zeit kostbar. Wir

müssen die Arbeit am Riesenmagnet beenden. Ich denke, Star wird bald zur

Unterstützung herbeikommen.«

Darin sollten sich die beiden Männer nicht täuschen.

Bald kam die kurze Nacht, aber die Ungeheuer der Tiefe ließen sich nicht

mehr blicken, als es aber wieder hell wurde, kamen die Inder, Star und

der Professor vom Vulkan herüber.

Die staunten nicht wenig, als man ihnen das Abenteuer erzählte und als

sie die Körper der getöteten Ungetüme gewahrten. Der Professor vergaß

sogar die Nachricht, die er brachte und mußte erst von Kapitän Mors

daran erinnert werden.

Dann erstattete er seinen Bericht und deutete auf die Instrumente, die

man wieder mit zurückgebracht.

»Die Katastrophe droht,« sprach der Professor. »In spätestens

vierundzwanzig Stunden werden die Lavamassen aus dem Innern der Erde

hervorbrechen, und wenn wir bis dahin nicht das Weltenfahrzeug aus dem

Krater befreit haben, ist alles verloren. Die Lavamassen würden das

Fahrzeug mit einem hunderttausende von Zentnern schweren feurigen Mantel

bedecken.«

»Ich weiß,« erwiderte Mors. »Star, hierher, Du bist der einzige, der uns

jetzt helfen kann. Wir arbeiten jetzt, so lange wir können. Wenn die

Gefahr nahe rückt, muß ich zum letzten Mittel greifen, wenn es auch noch

so gefährlich ist, es geht eben auf Tod und Leben.«

Da wurde kein Augenblick verloren.

Auch der Professor bot seine Hilfe an, aber Mors konnte nur Star und

Lindo zu der Arbeit verwenden. Diese beiden waren die einzigen, die bei

der Herstellung des Riesenmagneten und der Fertigstellung der

Gelenkverbindungen Hand anlegen konnten.

Diese Männer mußten sich jetzt die Lufthelme mit den dazu gehörigen

Apparaten aus dem Weltenfahrzeug holen, denn die Luft wurde dermaßen

dick und schwer, daß sie kaum noch zum Atmen geeignet schien. Sie war

jetzt nicht nur von Kohlensäure, sondern auch von Gasen gesättigt. Der

blaue Himmel verschwand und an seine Stelle traten ungeheure dicke

Wolken die ein schreckliches Aussehen hatten.

Zuweilen krachte der Donner und dann zuckten Blitze von einer solchen

Helligkeit und solch enormer Ausdehnung, wie es die so viel gereisten

Männer noch nie gesehen hatten. Es war ein Aufruhr der Elemente, der

geradezu fürchterlich erschien und alles rührte, wie der Professor

behauptete, nur von den unterirdischen Gewalten her, die sich zu einem

geradezu fürchterlichen Ausbruch vorbereiteten.

Von dem mächtigen Vulkan war nichts mehr zu sehen, diesen bedeckten die

ungeheuren Wolken, aber es krachte und prasselte unablässig in diesen

dichten Massen. Man hörte ein greuliches Rollen und Poltern, ein Beweis,

daß der riesige Vulkan sich bereits in voller Tätigkeit befand, daß sein

Krater glühende Lavamassen emporschleuderte.

Aber nun begann es sich auch in der Nähe des Weltenfahrzeuges zu regen.

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 42: Im Todeskrater des neuen Planeten · 第 2 / 3 段