Ihrige

_Kestner_.

Wetzlar d. 2. November 1768.

141.

Kestner an v. Hennings.

Wetzlar den 25. August 1770.

Wie konnte ich es von mir erhalten, in so langer Zeit Ihnen nicht

zu schreiben. Ich mag das _datum_ Ihres Briefs nicht ansehen.

-- Und dennoch muß es eine ~ganz~ andere Ursache haben, als

Mangel der wärmsten Freundschaft. Und Sie können nimmer aufhören mein

Freund zu seyn. Lassen Sie mich unser beyder Sache vertheidigen. Nur

gewöhnliche Freunde brauchen einander ihr Andenken zu erneuern, aber

unser Seelenverkehr bedarf keines Briefwechsels, um immer fortzudauern.

Aufs heiligste kann ich Ihnen bey unsrer Freundschaft versichern, daß

ich oft an Sie denke, oft von Ihnen rede als von meinem besten Freunde

-- Sie können schon denken mit wem. Sie verlangen von meiner Charlotte

mehr zu hören und auch von mir.....

Meine Situation ist nicht ganz nach meinem Geschmack, es fehlt Vieles

daran. -- Die gegenwärtige Visitations-Versammlung zeichnet sich

darin vor andern aus, daß sie die Sachen sehr weitläuftig tractirt.

Hierzu kommt, daß unser Gesandter der arbeitsamste unter allen ist,

welches natürlicher Weise auch auf mich einen großen Bezug hat. Viele

von meinen Beschäftigungen sind sehr unangenehm und verdrießlich. Man

ist nichts mehr als eine Maschine, welche sich bewegt, wenn es andere

wollen, und so auch wieder stille steht. Das Bewußtseyn, auf solche Art

gearbeitet zu haben, hat gar wenig befriedigendes. Nicht studieren, die

Wißbegierde nicht stillen, die Seele nicht erheben zu können; Freunde

zu haben und nicht an sie schreiben, nicht zu ihnen gehen zu können;

die Zeit des Frühlings, des kühlen Morgens oder der erquickenden

Dämmerung &c. zu fühlen, schätzen zu wißen, aber nicht zu genießen,

u.s.w. Sagen Sie, ist das nicht bitter. So viele um sich sehen, gegen

die man aus Pflicht mißtrauisch und zurückhaltend seyn muß. -- In

einer Stadt zu seyn, wo wenig Geschmack, -- wo Gelehrter- Ahnen- und

Stolz auf niedrigen Gewinn, Härte gegen anderer Unglück, Cabale &c.

Tyrannisiren &c. -- Da ist der Ort die Standhaftigkeit zu üben, das

Böse zum Guten zu benutzen. -- Einen Augenblick bin ich unzufrieden

darüber, in dem andern tadle ich mich selbst. Ich suche meinem

Schicksal Trotz zu bieten. Meine Geschäfte expediere ich so geschwind,

wie möglich, und erzwinge mir einige Muße. Ich gehe spät zu Bette, und

stehe früh wieder auf. In solcher Muße ziehe ich meine Wissenschaften

hervor, Arbeiten die meine Seele befriedigen. Die anderen Uebel

korrigire ich dadurch, daß ich mich in das politische Interesse

nicht vertiefe. Der Catholische ist mir so lieb, wie ein anderer

&c. In Gesellschaften komme ich nicht viel; nur um die Kenntniß des

_Publici_ zu behalten. Uebrigens habe ich eine Auswahl von Leuten

gemacht. Man findet immer noch gute, wenn gleich der größte Theil

nicht viel werth ist. Einigen geschickten Assessoren bin ich bekannt

-- und besuche sie von Zeit zu Zeit -- Einen Procurator (dieß sind

hier angesehene Leute) kenne ich, welcher die Probe völlig aushalten

kann. Ehrlich, redlich, menschenliebend, einsichtsvoll, und der keine

Sache annimmt, welche er nicht für gegründet hält, und alsdann treulich

dient und hilft. Unter meines Gleichen sind auch ein Paar, welche

Hochachtung verdienen. Um andere bekümmere ich mich nicht, außer dem

allgemeinen Umgange. -- Für den Mangel an Geschmack und Empfindung, die

hier herrscht, werde ich durch ein einziges schadlos gehalten. Dieses

habe ich Ihnen schon längst geschrieben. Es ist die Familie meiner

Charlotte. Daher hole ich mir meine Geduld, meine Standhaftigkeit,

meine Ermunterung, mein Vergnügen. So oft ich vom Tische komme, um

halb 2 oder 2 Uhr, ist mein Gang dahin gerichtet -- da bleibe ich bis

3 Uhr -- und kann durch diese Stunde ausruhn, die schwerste Arbeit

ertragen. Abends, wenn die Arbeit erlaubt, gehe ich um 9 Uhr wieder

dahin bis 11 Uhr. Diese Stunden sind der Liebe, der Freundschaft und

dem vertraulichen Gespräch gewidmet. Die Unschuld und Tugend setzt die

Gränzen. -- Die würdigste, die sanfteste und tugendhafteste Mutter hat

ihre Kinder allezeit unter Augen, und diese entziehen sich ihr nie. --

Meine Charlotte bildet sich täglich mehr aus. Sie können denken, daß

dieses einem Mädchen von 18 Jahren einen Reiz giebt, welcher weit mehr

bezaubert, als wenn sie die größte Schönheit wäre......

Die Erfahrung, welche Sie an Ihrem Bedienten gemacht, habe ich auch

gemacht. Ich habe immer geurtheilt, daß die wenigsten Herrn mit ihren

Bedienten umgingen, wie es seyn sollte. Ich nahm mir daher vor, den

meinigen, welchen ich hierher mitnahm, wie meines Gleichen zu begegnen,

und keineswegs als eine niedrigere Gattung Menschen zu betrachten.

Ich hielt ihn gut. Er hatte gute Tage; ich ließ mir nicht, wie sonst

gewöhnlich, aufwarten, und wollte ihn gleichsam nur als einen Gehülfen

in denjenigen Sachen haben, wozu ich nicht Zeit hatte, sie zu besorgen.

Zwar wußte er es wohl zu erkennen, und hätte vielleicht sein Leben für

mich gewagt. Allein, meine Nachsicht, seine guten Tage, der Ueberfluß,

machten ihn unordentlich. Er hielt sich viel im Wirtshause auf, blieb

wohl des Nachts aus, gerieth in Schlägereyen, und ward ein Held, und

furchtbar unter seinen Cameraden, lange ohne mein Wissen. Als ich es

erfuhr, rieth ich ihm ernstlich davon ab, aber vielleicht mit zu viel

Gelindigkeit. Er kam in eine Schlägerey, ward in Arrest genommen, und

wegen der Streitigkeiten, welche unter dem Reichsmarschall-Amte und den

Gesandtschaften wegen der Jurisdiction über die Bedienten sind, war ich

endlich genöthigt, ihn abzuschaffen, nachdem ich ihn schon einmal nach

einer solchen Affaire wieder angenommen hatte. Die gute Begegnung war

ihm also nur schädlich gewesen, ob ich mir gleich sonst Mühe gab, ihn

zu bessern, und ihn geschickt zu machen, in solchen Sachen, die sich

für seinen Stand schickten. Ich verschaffte ihm indessen nachher einen

guten Herrn wieder.

Darauf habe ich einen andern Bedienten angenommen, welchem ich weder so

viel Kost und Lohn gebe, noch in der Aufwartung so viel einräume, und

er ist hundertmal besser, als der erste......

Meine Charlotte ist Ihnen zuvorgekommen, und hat Ihren Auftrag schon

vorher ausgerichtet. Sie hat mich oft erinnert Ihnen wieder zu

schreiben. Sie wollte gar zu gern wieder einen Brief von Ihnen lesen

hören. Ich werde bald eifersüchtig, denn ohne Sie von Person zu kennen,

ist sie von Ihnen eingenommen. Wäre dieß nicht, so würde ich Sie bitten

einmal hierher zu kommen, da es Ihnen doch gleich viel zu seyn scheint,

in welchem Theile der Welt Sie sind. Immerhin sollen Sie mir willkommen

seyn, und ich will es gern sehen, wenn meine Charlotte Sie gern hat,

nur nicht mehr als mich, -- das versteht sich......

Ich habe es mit Vergnügen gelesen, wenn Sie von meiner Charlotte

schreiben: denn ich liebe sie noch immer wie vorhin. -- Ihr Herz und

ihr Geist ist es vornämlich, was mich zu ihrem Gefangenen macht; Ihr

Gefühl, ihr Verstand, ihre Lebhaftigkeit, die alles belebt, was um sie

her ist. -- Ich bin unvermerkt bemüht gewesen, sie weiter bilden zu

helfen, und sie ist so gefällig, meine Denkungsart anzunehmen, so weit

es sich mit ihrer Munterkeit vereint. Ich würde der glücklichste Mensch

seyn, wenn nicht das oben erwähnte, mein Glück beschränkte. Die Abende

sind noch immer das Beste was ich habe. Dieß ist gleichsam das geheime

_Conseil_, wo jedes Herz offen ist. Von dem ganzen Tage wird auf

diese Zeit gespart. Es wird auch nicht allein gesprochen, sondern auch

gelesen, und über mancherley deliberirt. Die beste Mutter präsidirt in

diesem _Conseil_; die älteste Schwester ist gegenwärtig, der Vater

geht gewöhnlich früh zu Bette, und die übrigen Kinder sind schon lange

schlafen gegangen......

Vielleicht wollen Sie wissen, wie weit unsere Verbindung gekommen. Sie

ist wie sie war. Wir lieben uns. Wir haben uns eins für das andere auf

immer bestimmt, aber ohne, daß eine sonst gewöhnliche Versprechung

vorgegangen. Ich wünschte herzlich, daß wir uns bald noch näher

verbinden könnten; aber ich muß zuvor eines genügenden Unterhaltes

sicher seyn. Das Project zu meiner Anstellung ist schon gemacht; aber

es kann noch nicht ausgeführt werden. Meinen Aeltern habe ich schon von

dieser Familie, doch aber nur von Freundschaft geschrieben. Dieses ist

noch ein Punct der mir Sorge macht. Die Aeltern pflegen andere Projecte

zu haben. Ich muß schließen. Leben Sie wohl, meine Charlotte empfiehlt

sich Ihnen.

142.

Kestner an Hennings.

Wetzlar 1770 vermuthlich im Herbst.

..... Mein letzter Brief war größtentheils nur Beantwortung. Da Sie

mir noch nicht wiedergeschrieben, so will ich einmal ganz von mir

allein oder was mich angeht, reden..... Vorher muß ich Ihnen einige

Begebenheiten, und recht traurige Begebenheiten aus der Familie meiner

Lottgen erzählen. Sie werden sich wundern, warum ich es nicht ehender

gethan; denn sie sind schon alt. Allein bisher wußte ich mir weiter

nicht, als durch das aus dem Sinn schlagen zu helfen; und wollte ich

Ihnen vollständig erzählen; hiezu war ich bisher nicht im Stande. Die

Zeit hat den Schmerz gemildert, und ich werde jetzt mehr im Stande

seyn davon zu schreiben. Ich habe Ihnen schon vor einigen Jahren eine

Beschreibung der Familie meines Mädchens gemacht. Sie erinnern sich

noch, daß ihre Mutter eine Hauptperson darin war; ich sage ~war~,

denn ach! sie ist es nicht mehr. Ich glaube Ihnen gesagt zu haben daß

sie die beste Frau, die beste Mutter und das vollkommenste weibliche

Geschöpf war, das ich kenne. Sanft ihr Character, weich, gefühlvoll ihr

Herz, zugleich munter und heiter. (Ich zähle ihre Eigenschaften her,

wie sie mir einfallen.) In ihrer Jugend war sie eine Schönheit, und

noch am 40sten Jahre, nachdem sie 14 oder 15 Kinder gehabt, versah man

sie zu Zeiten für eine ihrer Töchter. Ihre Miene war einnehmend und

ganz Bescheidenheit, sittsam und jungfräulich. Sie erröthete noch wie

das unerfahrenste Frauenzimmer für einen freien Ausdruck. Ihr Körper

war weiblich, schwach und zart; auch ihre Seele war weiblich, aber sie

dachte auch wie ein Mann, groß, edel und war oft heldenmüthig. Ohne

_piquant_ witzig zu seyn, konnte sie aufmuntern, anderer Mienen

aufheitern, wie sie wollte und war sehr unterhaltend. Sie redete viel

ohne Weibergeschwätz. Ihre Kinder waren ihr vornehmstes Geschäft; für

diese sorgte sie unaufhörlich; sie hatte sie immer um sich und bildete

ihre jungen Seelen, ohne daß die Kinder es selbst wußten, ohne Strenge,

ohne Furcht, durch lauter Liebe und Zärtlichkeit; doch gestattete sie

ihnen auch keine Unart. Die Kinder liebten ihre Mutter dagegen eben

so zärtlich; nirgends waren sie lieber als bey ihr; wenn sie ausgieng

betrübten sie sich, sie lagen ihr an bald wieder zu kommen, und wenn

sie wieder kam war lauter Freude; sie hingen sich an sie und küßten

sich dann wieder satt. Auch ausser dem Hause war sie verehrt und

geliebt. Sie war jedermann, wenigstens unter dem Namen: Die Frau mit

den vielen schönen Kindern, bekannt. Von den Geringern verehrt, denn

gegen jedermann war sie freundlich und gefällig, jedermann war ihr

Nächster; ohne Reichthum that sie viel Gutes, entweder durch reellen

Beystand, oder guten Rath, Zureden, trösten und aufmuntern, alles

mit einem Anstande, der zugleich ihr gutes Herz, und ihren Verstand

verrieth; ich meyne ihre Wohlthaten ertheilte sie mit einer solchen

Leichtigkeit, woraus man sah, daß eine wahre innere Empfindung sie dazu

veranlaßte, und doch mit einer Art, welche den Wohlthaten noch einen

Werth mehr beylegte; gar vieles that sie heimlich, denn ihr Mann, zwar

rechtschaffen und gut, und selbst gutthätig, machte gern ökonomische

Anmerkungen.

Von ihres Gleichen hochgeachtet und geliebt, und bey den Vornehmern

geachtet. Bey diesen vergab sie sich nichts, war bey verschiedenen,

die sie ihrer würdig hielt, gern gesehene Gesellschafterin, auch

vertraute Freundin und Rathgeberin. Ausser dem, daß sie von solchen

selbst gesucht wurde, und sich mit Vorbedacht suchen ließ, hatte sie

auch noch, in Rücksicht dessen, daß ihre Familie groß war, und sie

das Glück ihrer Kinder wünschte, und dazu anderer Beistand nöthig

hielt, die Absicht, solche Leute zu _conserviren_, die ihr

oder ihren Kindern nützlich seyn könnten...... Sie war meine beste

Freundin die ich je gehabt, und vielleicht je bekommen werde, und ob

sie gleich gegen jedermann gefällig und liebreich war, so war sie

doch mit ihrer genauen Freundschaft nicht so freigebig. Noch ehe sie

daran denken konnte, daß ich in ihrer Familie mehr als blos Umgang

und Freundschaft suchen würde, hatte ich ihre ganze Gewogenheit, und

es fanden sich verschiedene, denen sie des Interesses wegen, einen

Vorzug hätte einräumen müssen, die sie aber mir nachsetzte. Sie wissen,

daß ich zu dem Eigenlobe nicht geneigt bin, und ich weiß es zu gut,

daß ich in Erlangung anderer Gewogenheit, meinem Glücke, vielleicht

meiner ehrlichen, treuherzigen Miene, mehr, als meinem Verdienste

zuzuschreiben habe. Genug.....

Die Fortsetzung dieses Briefes fehlt.

Fußnoten:

[Fußnote 1: Der Herausgeber der unten folgenden Briefe hat kurz

vor seinem am 5. März 1853 erfolgten Tode ihre Veröffentlichung

beabsichtigt und sie mit dieser Einleitung begleiten wollen, deren

Anfang zeigt, daß sie in den, vor Jahren, von dem Tode Goethe's

empfangenen lebhaften Eindrücken ihre erste Veranlassung gefunden hat.

Mehrere Mitglieder seiner Familie waren bisher der Herausgabe entgegen,

haben sie aber jetzt gestattet, um die Wünsche eines geliebten

Verstorbenen nicht unerfüllt zu lassen.]

[Fußnote 2: In früheren Ausgaben »Dichtung und Wahrheit« genannt.

Die unten folgenden Allegate beziehen sich auf den 22. Band von

Goethe's sämmtlichen Werken, Ausgabe von 1840.]

[Fußnote 3: Kestner's Beschreibung desselben Abends, des 9. Jun. 1772,

in dem Fragmente eines Brief-Entwurfs, ist in Nr. 2 der Documente

enthalten.]

[Fußnote 4: Auch besuchte bald darauf Kestner Goethen in Frankfurt. S.

dessen Tagebuch Nr. 10 der Documente.]

[Fußnote 5: Ueber diesen Besuch S. Kestner's Tagebuch Nr. 19 der

Documente.]

[Fußnote 6: Der nachmalige Preußische Staatskanzler, Fürst von

Hardenberg, damals Cammerrath in Hannover.]

[Fußnote 7: Auf einem Balle zu Wolpertshausen machte Goethe Lottens

erste Bekanntschaft. (S. Nr. 2.)]

[Fußnote 8: Goethe's Schwester und Schlosser.]

[Fußnote 9: Es hatte sich das falsche Gerücht verbreitet, daß Goué

sich sollte erschossen haben.]

[Fußnote 10: Es ist uns nicht bekannt, daß Er den Jerusalem in

früheren Zeiten gekannt habe. Sollten etwa sieben Monate gemeint seyn?

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 61 / 63 题