G.

136.

Goethe an Kestner.

v. 10. Märtz 1791.

Nehmet Dank, mein Bester, für das Zeichen Eures Lebens und

Freundschaftlichen Andenkens. Recht willkommen war mir der Anblick

Amaliens[36] der mich zugleich verjüngte und älter machte. Hier ist

mein achter Band. Da ich ein so böser Correspondente bin ist mir

wenigstens das ein Trost auf diese Weise mich mit entfernten Freunden

zu unterhalten.

Daß ich meine botanischen Versuche nicht schicke, wie in der Folge

alles aus diesen Fächern, verzeiht Ihr, es kann Euch nichts nützen.

Wenn ich etwas ~lesbares~ drucken lasse, soll es aufwarten. Lebet

wohl, grüßt Lotten und die Kinder und gedenkt mein.

W. d. 10 März 1791.

Goethe.

137.

Goethe an Kestner.

v. 16. Jul. 1798.

Wenn Ihr, mein lieber alter Freund, gelegentlich wieder ein Wort hättet

von Euch hören lassen, so würdet Ihr wohl auch von mir früher etwas

vernommen haben; denn daß ich einmal auf einen Brief nicht antworte

und lange schweige ist bey mir von keiner Consequenz. Die Tage und

Jahre fliehen mit einer so reißenden Lebhaftigkeit daß man sich kaum

besinnen kann, und bergab scheint es noch immer schneller zu gehen.

Wenn wir uns wieder sähen so hoffte ich Ihr solltet mich dem innern

nach, wohl wieder erkennen, was das äußere betrifft so sagen die Leute

ich sey nach und nach dick geworden. Ich lege Euch eine Schnur bey, als

das Maas meines Umfangs damit Ihr messen könnt ob ich mich von dieser

Seite besser gehalten habe als Ihr, denn sonst waren wir ziemlich von

einerley Taille. Ich befinde mich wohl und thätig, und so glücklich als

man es auf diesem Erdenrunde verlangen kann.

Ich wünsche von Euch und den Euren, die Ihr herzlich grüßen werdet, das

Gleiche zu hören.

Weimar am 16 Juli 1798.

Goethe.

138.

Gedicht Goethe's an Kestner,

vor ein ihm geschenktes Exemplar des »_Deserted village by Dr.

Goldsmith._« von Goethe geschrieben.

Wenn einst nach überstandnen Lebens müh und Schmerzen,

Das Glück dir Ruh und Wonnetage giebt,

Vergiß nicht den, der -- ach! von ganzem Herzen,

Dich, und mit Dir geliebt.

Goethe.

Einige ältere Briefe Kestner's,

als fernere erläuternde Documente.

139.

Kestner an seinen früheren Hauslehrer.

(Wetzlar entweder am Ende des Jahres 1767 oder Anfang 1768.)

Liebster Freund,

Eine solche Correspondenz läßt sich noch unterhalten, wo man sich

alle Jahr nur einmal schreibt. Nicht wahr? Aber die Entschuldigungen

bei Seite gesetzt. Sollte es uns so sehr an Materie zur Unterhaltung

fehlen, daß wir auch noch die zu Hülfe nehmen müßten!

Viel wichtiger, viel interessanter kömmt es, mir wenigstens vor, wenn

ich Ihnen sage, daß mir Ihre Freundschaft noch immer eben so schätzbar

ist, als vormals. Sie glauben vielleicht, daß Sie hier unbekannt

wären? Da müßte ich weniger stolz auf Ihre Freundschaft seyn. Nein!

meine Freunde, solche, die Verdienste zu schätzen wissen, kennen Sie.

Sie wissen es, daß Sie mein Lehrmeister waren, dessen Lehren und

Grundsätze mir auch in der Folge, und da am meisten, zur Richtschnur

gedienet; daß Sie jenes nicht allein, nein, auch mein Freund sind,

den ich hochschätze, den ich verehre. Sehen Sie da noch die alten

Empfindungen meines Herzens. Ich werde älter; alsdann soll man härter,

unempfindlicher gegen die edlen Empfindungen werden; und, Danck sey es

dem Höchsten, Ihm, der mich Ihm noch immer für seine Wohlthaten dancken

läßt, daß ich noch allezeit mein Vergnügen darin finde. Fühlen Sie mit

mir mein Glück; Ihr menschenliebendes, Ihr freundschaftliches Herz

thut es gern. Ich bin gesund; ich habe wovon ich leben kann; ich habe

Freunde. Es ist zwar alles vergänglich; es können Widerwärtigkeiten

kommen. Aber ein Blick auf das Vergangene macht mir Muth. Meine Wünsche

suche ich auf die Möglichkeit einzuschränken; dieß macht mir ihre

Erfüllung hoffend.

Um etwas wichtiges habe ich Sie zu Rathe zu ziehen. Es geschieht im

Vertrauen.

Ich bin hier in einem Hause bekannt; gewiß der beste Theil der

Stadt; wem es die Eigenliebe nicht verbietet, erkennt es auch dafür,

Vornehme und andere; wer genau darinn bekannt ist, ist so zu sagen

entzückt davon. Ein redlicher Vater, ein munterer Alter, durch

Mässigkeit und gute Natur noch stark, dienstfertig für jedermann,

und rechtschaffen; obgleich ein wenig rauh (in Vergleichung mit der

folgenden Person), doch menschenliebend. Die Mutter -- hier weiß ich

nicht, wo ich anfangen soll -- mit einem Worte die beste Frau, die

beste Mutter, und die beste Freundinn; ohne es zu wissen, wenigstens

ohne de geringsten Schein, daß sie es weiß, zu haben, fehlt es ihr

noch nahe im 40sten Jahre nicht an Reitz; das schönste, sanfteste,

Menschenliebendste, gefälligste, zärtlichste Herz, Einsicht, Verstand

und wahre Weisheit, auch gefälliger Witz; dabey ganz Bescheidenheit,

ganz Tugend, _religieux_ &c. &c., von jedermann verehrt, von ihren

Kindern zärtlich geliebt; Diese sind ihr vornehmstes Geschäft und

Augenmerk, und sie wiederum ihnen ihr bestes Gut. Wenn sie ausgeht,

sind groß und klein betrübt und unzufrieden, und wenn sie zu Hause

kömmt, lauter Bewillkommungen, Frohlocken, Händedrücken, Küssen und

Umarmungen, und heitere Mienen, Fragen wo sie so lange gewesen,

Erzählungen was in ihrer Abwesenheit vorgegangen &c. &c., ihre Verweise

sind ihnen bitterer, als andern Kindern Schläge. Ich breche mit Mühe

ab; und komme auf die Kinder. Zwey Töchter sind erwachsen, von 18 und

16 Jahren. Diese, so wie alle Kinder, sind ihrer Mutter würdig. Alle

blondes Haar und blaue Augen; eines hübscher wie das andere; nach

den Kleinen könnte ein Maler Liebesgötter zeichnen. Die älteste ist

ziemlich regelmäßig schön, still, ruhig, von sanftem Charackter &c.

&c. Die zweyte muß jener, wenn man sie nach Regeln beurtheilen will,

weichen, ist aber nichts desto weniger reitzender und einnehmender.

Sie hat ein fühlendes, weiches Herz. So wie überhaupt ihr (und aller

Geschwister) Bau des Körpers zärtlich ist, so ist ihre Seele auch.

Mitleidig gegen alle Unglücklichen, gefällig und bereit jedermann

zu dienen, versöhnlich, gerührt wenn sie glaubt jemand beleidigt zu

haben, gutthätig, freundlich und höflich; freudig wenn jemanden etwas

gutes begegnet, gar nicht neidisch (wie unter jungen, auch alten

Frauenzimmern sonst gewöhnlich ist). Dabey eine aufgeweckte, lebhafte

Seele, geschwinde Begriffe, Gegenwart des Geistes, froh und immer

vergnügt; und dieses nicht für sich allein, nein, alles was um sie ist,

macht sie vergnügt, durch Gespräche, durch lustige Einfälle, durch

eine gewisse Laune oder Humor. Sie ist das Vergnügen ihrer Aeltern und

Geschwister; und wenn sie ein finsteres Gesicht darunter bemerckt, so

eilt sie es aufzuklären. Sie ist bey jedermann beliebt, und es fehlt

ihr nicht an Anbetern, worunter, welches sonderbar ist, sich dumme und

kluge, ernsthafte und lustige, befinden. Sie ist tugendhaft, fromm und

fleissig, geschickt in allen Frauenzimmerarbeiten, besonders gelehrig

und willig alle......

Hier endet dieser unvollendete Briefs-Entwurf.

140.

Kestner an v. Hennings.

Wetzlar den 2. Nov. 1768.

Mein Liebster,

Ohngeachtet mein letzter Brief von ansehnlicher Länge ist; so erschöpft

er doch lange nicht Alles, was ich Ihnen zu sagen habe......

Ich kann nicht sagen ob es möglich ist eine Schöne zu lieben, deren

Eigenschaften des Guten, Erhabenen und Edlen ermangeln; denn meine

Geliebte vereinigt dies Alles. Ich setze mich mehr in ihrem Herzen

fest, je mehr ich mich bestrebe, der Pflicht nichts nachzusetzen.

Mein Gesandter ist, von allen die hier sind, der arbeitsamste und

unermüdetste, doch habe ich ihm, bis jetzt wenigstens, Genüge

geleistet. Die schönsten Augenblicke opfere ich der Arbeit oft auf.

Der Gedanke an meine Geliebte versüßet sie mir. Mein Verlangen zu ihr

zu eilen, verdoppelt meine Kräfte, und beschleunigt die Vollendung der

Arbeit. Welch ein Vergnügen, wenn ich dann hinfliege, die Belohnung

meiner Aufopferung einzuärndten; wenn ich dann ein geliebtes Gesicht

sich aufheitern sehe, wenn zärtliche Blicke mich bewillkommen, und ein

sanfter Druck der Hand mir sagt, daß man mich schon lange erwartet hat;

wenn ein schöner Mund über das lange Verweilen sich beschwert, gegen

die Arbeit zärtlich zürnt, und mich deswegen bedauert; wenn die beste

Mutter und die gute Schwester mich gleichfalls freundlich empfangen,

und der redliche Vater lobt, wenn man seine Geschäfte vorzüglich

verrichtet. Dann höre ich, was in meiner Abwesenheit geschehen,

gehört und gesprochen ist. Oft kleine Begebenheiten, die aber,

angenehm erzählt, wichtig werden. Oft zielt die Erzählung dahin, einer

zärtlichen Besorgniß, sonst Eifersucht genannt, zuvorzukommen; doch auf

die ungezwungenste, natürlichste Weise. Dann machen artige Einfälle,

Munterkeit und Laune, die Stunden dahinfliegen, wie Minuten; und dieses

nicht allein mir oder meiner Geliebten, auch der Mutter, der Schwester

und dem Vater. Ein: »~Ach, da schlägt es schon!~« -- gewährt mit

dem Schmerz der Trennung das unaussprechliche Vergnügen, welches dem

nächsten Besuch zum Voraus einen Reitz bereitet.

Oft auch kommt anderer Besuch. Denn das Haus wird gern besucht wegen

der Ruhe, die da herrscht, wegen der angenehmen Unterhaltung, wegen

der freundschaftlichen Bemühungen, kein finsteres Gesicht von sich

zu lassen, und selbst den Kummer und die Sorge aus dem Herzen zu

verjagen; denn hierin findet die Menschenliebe der besten Mutter

ihren Beruf, und ihre Weisheit, ihr Verstand, ihre Einsicht weiß

ihren Wunsch möglich zu machen. Abends um 8 Uhr pflegen sich dann

die fremden Besuche, die ohne Anmeldung und Ceremoniel, und ohne die

frauenzimmerlichen Arbeiten zu unterbrechen, angenommen werden, zu

verlieren. Wenn ich nicht zum Essen da bleiben muß, so gehe ich dann

auch nach Haus, esse schnell, besorge ein und anderes und finde mich

wieder ein, wenn ich nicht abgehalten werde.

Alsdann bin ich gewöhnlich Abends von halb 9 oder 9 bis 11 Uhr wieder

da. Diese sind meine schönsten Stunden; -- Sie sind auch meine

ruhigsten. Meine Geschäfte sind gethan, und mein Gesandter geht früh zu

Bette.....

Durch dieses Schreiben wollte ich Ihnen Rechenschaft geben, daß ich

auch liebend meines Freundes nicht unwerth bin, wofern ich jemals durch

andere Eigenschaften seiner werth gewesen. Ihre Güte, Ihre Freundschaft

und Liebe sagt: ja! und ich beruhige mich dabey. Urtheilen Sie nun und

weisen Sie mich zurecht, wo Sie glauben daß ich fehlen könnte.

Noch Eins: Ich glaube, daß zur Erhaltung einer so reizenden Verbindung

mit einem Frauenzimmer nothwendig ist, daß man in Beobachtung seiner

übrigen Pflichten sehr strenge ist, damit man sich keine Vorwürfe zu

machen habe, zumal wenn man sich einmal gewisse Regeln, Vorschriften

und Pflichten gesetzt hat... Hierdurch weiß ich, daß ich das Herz

meiner Geliebten ganz besitze. Der Himmel erhalte es mir.......

Sagen Sie mir auch was Sie in Coppenhagen gemacht haben, und was Sie

künftig zu thun denken?......

Leben Sie wohl. Lieben Sie mich, wie ich Sie liebe. Meinen Gruß Ihrem

Hrn. Bruder. -- Ich bin unaufhörlich der

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 60 / 63 题