Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt und rings von
den Simsen klingt es uns wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus
frohen Kinderherzen entgegen. Da ist sie aufmarschiert, die ganze
bunte lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge nicht
denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit ihren Lichtern,
die Nußknacker im buntesten Wechsel, die Räuchermännlein in allerlei
abenteuerlichen Gestalten. Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue
Spitz dürfen nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, wie
wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier der Frachtwagen
auf der Wand gemalt mit seinen vier starken Pferden, wie er einst
auf den Straßen des Gebirges verkehrte, dort der Postschlitten
in voller Fahrt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, stört mit
aufdringlicher Reklame die Harmonie des Raumes. Einfach gerahmte
Bilder aus der erzgebirgischen Heimat von Künstlerhand schmücken
die Wände, deren oberen Abschluß ein starkes farbiges Friesband --
Ähren mit bunten Feldblumen -- bildet. Durch die Fenster strömt
das volle Licht herein, denn sie sind frei von unnützen Gardinen
und Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker farbiger Fries von
Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den Scheiben hängen gute
Glasbilder in farbiger Bleiverglasung mit Darstellungen eines drolligen
Musikantenvolkes voll köstlichen Humors. Eine wohltuende, satte, tiefe,
harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein voller echter Klang,
der von allen Sinnen aufgenommen wird und warm zum Herzen dringt. Die
kräftigen gut geformten Holzstühle und Tische laden ein zu behaglicher
Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern, weil sie sich
ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von denen du speist, die
Tassen, aus denen du trinkst, sind buntbemaltes Bauerngeschirr, wie
wir es aus der Verkaufsstelle des Heimatschutzes kennen und lieben.
Welche Freude ist es, hier im täglichen Gebrauch einer Gastwirtschaft
dieses reizvolle Geschirr in passender Umgebung zu sehen und die
Lust an seiner echt volkstümlichen Art zu empfinden. Durch dieses
Hineinstellen der Ergebnisse liebevoller heimatlicher künstlerischer
Arbeit, Forschung und Begeisterung mitten in den Gebrauch des
praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche die hohen Gedanken
des Heimatschutzes und volkstümlicher Kunstpflege, Kunstschaffens und
Kunstfreude mächtig gefördert werden, um so mehr, als es an einem Orte
geschieht, in dem die Erziehung zum guten Geschmack sich unmittelbar in
der täglichen Arbeit auszuwirken vermag.
[Illustration: Abb. 3 =Seiffen, Buntes Haus=]
Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst werden
können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. Sie hätte leicht die
Raumstimmung stören können, wenn die Birnen mit den Glasschalen im
Raume pendelten oder irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper
diente. Wie half sich der Künstler, der die ganze Einrichtung
durchdacht, angegeben und durchgeführt hat, der Kunstgewerbler _Gerhard
Dreßler_ aus Chemnitz? Er bemalte den Glasschirm der Pendellampe in
kräftiger Stilisierung mit bunten Bauernblumen. Auf den Glasschirm
legte er einen bemalten Holzreifen, wie man sie in Seiffen dreht, und
ließ von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem Holzreifen aber ist
allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen allerlei Vögelchen
und schauen mit drolliger Kopfbewegung keck herunter. Da jagt der
Hirsch durch den Wald, verfolgt vom Jäger mit seinem Hund. Kein
Beleuchtungskörper ist wie der andere und doch alle einheitlich
und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher Seiffener
Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer Kronleuchter, nach Art
von Kristallkronleuchtern gestaltet, jedoch aus weißen Holzperlen
zusammengesetzt mit sparsamer Vergoldung, ein mühsames eigenartiges
Stück Seiffener Kunsthandarbeit.
In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst
ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen.
Der Schrank wirkt freilich in seiner Form mit den geschwungenen Linien
und krausen Schnitzerei und Spitzchen des oberen Abschlusses hier
etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus
einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm,
ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten
an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen
Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der
Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf
die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht
»echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen
Bauernkind. -- Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste
Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit
läßt oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen fein
abgestimmten echten Umgebung plötzlich auffallen und die Sehnsucht
nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. Im neuen
Lichte sieht man alte Formen, und klarer sieht man, was not tut; den
falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle andern Saiten
und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen
Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an
dem stimmungsvollen echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Die
herzliche Freundlichkeit der Besitzer und Bewahrer dieses Seiffener
Schatzkästleins, des Herrn Richard Meyer nebst Gattin, die frohmutig
das Ganze liebevoll erdacht und geschaffen haben, die Güte der
Bewirtung und die Fröhlichkeit der Gäste lassen bald jene Stimmung
aufkommen, in der der Alltag weit hinter uns liegt. Nicht in Lärm und
jagendem Witz und Scherz, nein, in jener tiefen freudigen Stimmung sind
wir beieinander, in der einer den anderen versteht, und freudig aus
seinem Innern gibt, weil er fühlt, nur so kann eine gute Stunde ihren
Wert als wahrhaft frohe Stunde bringen. --
[Illustration: Abb. 4 =Seiffen, Buntes Haus=]
Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz zu der echt
volkstümlichen Seiffener Stimmung der Gaststube mehr auf hohe Kunst
und »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden
mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher
Landschaft singen. _E. Buchwald_, Zinnwald, _Alfred Hofmann_,
Stollberg, _Alfred Kunze_, Chemnitz, Professor _Seifert_, Seiffen, der
Neubeleber und Anreger der Seiffener Kunst, und _Gerhard Dreßler_,
der Künstler, dem die stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu
danken ist, sie alle reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von
der Heimat, wie sie ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre
Bilder beseelen den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch
geweiht und frohmachend durch die Kunst.
Wie muß man dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage
»Kunst und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und
durchgeführt zu haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während
in den Großstädten auch in den besten Gaststätten meist nur Plakate
oder minderwertige Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder
besseren Gaststätte im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke
hingen, angeschafft für das Geld, das anderweitig für die Augen- oder
Ohrenmarter der Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe,
so wäre unserer notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung
und Freude, welche jedes echte Kunstwerk gibt, würde reicher Segen
geschaffen. Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich
stimmungsvolle Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem
Käufer in jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten und für
sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der
heimischen Wohnung ähnlich sind? Alle Teile, der Wirt, der Gast, die
Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei.
Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener
Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt
und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft.
In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder: wie Elster,
Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht, und oben im Laubwerk und
Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei
Getier des deutschen Waldes frisch und keck ohne ängstliche Schablone
hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es
auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich.
Die Balken der Decke sind sichtbar mit grünem Anstrich, und ringsherum
läuft ein Fries in Breite des Balkenfeldes mit lustigen Blumenkränzen
in Grün, Weiß und Hellblau auf schwarzem Grunde. Eine besondere
Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der Decke mit einem
Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen Holzleuchter
auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit und mit ihren
fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück zwischen den
drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend roten Rock mit
einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein Fichtenbäumchen hinweg,
dort ist es ein stolzer springender Hirsch, dort wieder der Kopf des
Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den mächtigen Stangen. Das ist
Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und Gedanken hinausführt aus
dem grauen Alltag in Wald und Heide und das Herz fröhlich macht. -- --
So geht es dir im ganzen Hause! Soll ich jeden Raum dir schildern?
Nein, komm und sieh und freue dich, daß ein solches Werk in einem
Gusse ganz aus dem Geiste der Volkskunst, der Heimatfreude und des
Heimatschutzes heraus geschaffen ist. Schaust du in die Gastzimmer, so
findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett und Leuchter, Tür, Stuhl
und Spiegel sind dem Geiste des Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde
schmücken die Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für
mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers grüßt dich. An der
Kammer der Magd steht warnend der Vers:
»Die Wirtin thut aufwecken
die faule, faule Magd,
sie thut sich erst recht strecken
und schlaft dann bis es tagt.«
Auf dem Treppenplatz im Dachgeschoß füllt die Ecke gewichtig ein bunter
alter Bauernschrank aus dem Jahre 1704 und eine eigenartige buntgemalte
Wiege steht daneben, welche auf dem Kasten den bedeutsamen Spruch trägt:
Salomo der Weise spricht
Weib erfülle deine Pflicht. -- --
In einem Zimmer des Obergeschosses ist eine erzgebirgische Bauernstube
eingerichtet mit allerlei echtem Geräte bis ins Kleinste liebevoll
und mit großem Verständnis ausgestattet. Dieser für die Volkskunde
belangreiche Raum ist so recht ein Zeugnis für den Sammeleifer und die
liebevolle Art, mit der die großen und die vielen kleinen, doch oft
so wichtigen Dinge des täglichen Lebens und untergehender Sitten und
Gebräuche erfaßt und bewahrt werden. Es ist zugleich auch ein Zeugnis
für den Geist, der durch das Bunte Haus geht, der alles aus Liebe
zur Sache mit großen Opfern geschaffen und nicht der Reklame und des
bloßen Gewinnes wegen, obschon auch hier die alte Wahrheit sich wieder
erweist, daß das Echte und Schöne und Gute seinen Lohn sich selbst
bereitet.
Das Haus dient dem Orte und der erzgebirgischen Volkskunst und
Industrie in unaufdringlicher vornehmer Weise dadurch, daß es durch die
lebendige Anschauung zwanglos bei jedem Gaste Freude daran erweckt und
die Lust am Besitze solcher lustigen Dinge.
[Illustration: Abb. 5 =Seiffen, Buntes Haus=]
Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im Erdgeschoß des
Seitenflügels, wo man an der Fülle alter und neuer Stücke der Seiffener
Industrie und Kunstfertigkeit seine Freude hat und nach Herzenslust
wählen darf, was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. -- -- --
Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr im Zimmer.
Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als achteckiger Zentralbau
charaktervoll von der Höhe herniederschaut. Wir stehen dann am Grabe
des Pfarrers Härtel, der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde
war, ein treuer Berater für die Seele seiner Gemeinde, Helfer und
Anreger auch in allen Dingen, die zur Blüte seiner Gemeinde in
wirtschaftlicher, heimatkundlicher und kunstgewerblicher Hinsicht
beitragen konnten, ein Freund der Heimat, festgewurzelt im Boden seiner
geliebten Gemeinde.
Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo er von moosiger,
gewachsener Felsbank ins Tal schaute. Dieser Stein aus heimischem Grund
sollte sein Grabstein werden, hatte er einst gewünscht.
Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde entriß, da dachte man seiner
Worte. Er konnte nicht mehr zum Stein im Walde draußen gehen. So kam
der Stein aus dem Walde zu ihm und deckt nun als mächtige rauhe Platte
sein Grab und schützt es wie der Deckstein das Grab eines germanischen
Edelings. Eine schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein grüner Kranz
aus ernsten Fichtenzweigen ist sein Schmuck.
Eine weihevolle ernste Stimmung liegt über dem Grabe. »Der ist in
tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du!«
Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, welche wie ein
mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, und als ein eigenartiges
Naturdenkmal von besonderem Reiz zu hegen ist. --
[Illustration: Abb. 6 =Seiffen=]
Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen einst das Erz
gebrochen wurde. Eine Halde und steiler Felsgrat liegt zwischen ihnen
und trennt sie. In die kleinere kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein
ungeheurer Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen und
Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die Farben des Gesteines
besonders hervorhebt. Oben von der Höhe zwischen den Bingen haben wir
einen weiten Blick ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen.
Wie auf einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit
des Tages, die verworren zu uns heraufklingt. Dann steigen wir zur
großen Binge herab auf vereistem Wege, der glatt und nicht ungefährlich
uns dicht am Rande dieses ungeheuren wildromantischen Kraters entlang
führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe und Eiszapfen
hängen von dem Gestein wie schimmernder Spitzenbehang. Aus dem Grunde
ragen Bäume auf und drüben am Rande stehen echt erzgebirgische niedrige
Bergmannshäuser. Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber sein
unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. -- --
Doch jetzt wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei der Kunst
suchen und erleben.
Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die unter
Professor Seiferts Leitung ein Jungbrunnen für die Seiffener Industrie
zu werden bestimmt ist. Eine reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug
von ältester Zeit her zeigt, wie die Entwicklung von einstiger Höhe
zur Tiefe abwärts und in der neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts
ging. Neben den alten guten Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der
Gegenwart und Zukunft, die Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten,
die in echt erzgebirgischer Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer
wieder neuen Formgedanken in materialgerechter Bildung und Herstellung
verbinden. Über vielen Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns
unwillkürlich lächeln läßt, wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit
ihren drehbaren Köpfchen sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit
dem großen Schnabel und goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen
Schwänzchen bald keck, bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt
gucken. Kindeseinfalt, Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer
künstlerischer Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form
und Technik echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges
Spielzeug zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt,
diesen köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung
z. B. dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit
gefunden, welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge
werden aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer
Betrieb sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen
in der Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen
und Pferdes vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden
Naturwahrheit und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden
Einfachheit der Form und Technik, daß man seine helle Freude daran
hat. Auch dieses prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in
deutschen Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft.
England und Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese
Dinge, welche die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und
mustergültig durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung
im künstlerischen und wirtschaftlichen Sinne für die Seiffener
Industrie. Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen zukunftssicheren
Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte.
Wenn die erstarrten und veralteten zum Teil unnatürlichen und unschönen
oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und
die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und
den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre
eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne
muß Massenartikel werden.
Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Fülle von reizvollen
bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und
Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen sogenannten
Bergspinnen gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren. Wer
kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche Kraft
und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen sind
sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele, oder in
traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst,
Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige
Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein
Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch
aus dem Herzen gesungen.
Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch welche
das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen vermag, denn
nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel, nicht die Billigkeit
begründet den Ruf und Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft,
der Eigenwert, die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem
tiefsten Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Möge sich mit
dieser volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist verbinden,
der im Betrieb und Vertrieb auch die wirtschaftlichen Erfolge für
die erzgebirgische Heimkunst herbeizuführen weiß. -- Trotz vieler
köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären, z.
B. Christmetten in Seiffen in wunderbarer Lebendigkeit figurenreich
hingestellt, müssen wir scheiden. Wir gehen noch durch mancherlei
Häuser und Fabriken, um einerseits die Heimarbeit, andererseits die
Reifendreherei und die bis ins Äußerste getriebene Arbeitsteilung der
Seiffener Industrie kennen zu lernen, wo mancherlei bemerkenswerte
Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns lohnten. Geht nur mit
offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten und ihr werdet stets
reicher daraus wiederkehren! Hier will ich jedoch nur noch von einem
Besuche berichten, bei Auguste Müller, einem Mütterchen von über 70
Jahren, welches als letzte noch die urtümliche Herstellung einzelner
Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller Handarbeit vom
rohen Holze bis zum letzten Pinselstrich übt.
Mit gebeugtem Rücken, die Brille vor den Augen, sitzt sie im engen
Stübchen, das Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum zugleich
ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer Unordnung
liegen auf dem Tisch Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug,
Kaffeetopf und allerlei Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt
sie einen Kasten herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten, und erzählt
von ihren Plänen. Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne
geschnitzt in Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen
und Federhut. Im Walde lebt der »Nusser« (Häher) und diesen packt der
Habicht. Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie
sich und schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid
und Tasche sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und
Farbe.
Für das Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist
der Typus der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen.
Dort hat sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll
zusammengestellt. Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer
Krone oben, um den die Engel schweben. So geht ihre Phantasie und
ihr Plaudern mit einer erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich
zusammensinniert mit ihrer kindlichen Phantasie, das führt sie mit
großer Sicherheit durch, wofür viele eigenartige und reizvolle Stücke
in der Sammlung der Fachschule und im Bunten Hause Zeugnis ablegen.
Unter manche dieser Stücke klebt sie einen Zettel, auf dem irgendeine
Schnurre oder scherzhafter Einfall notiert ist, der ihr vielleicht
gerade Anlaß zu dieser Arbeit und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie
ihre kleinen Personen reden und macht sie sich selbst lebendig. Sie
lebt mit ihnen, sie sind kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr
Name darf nicht fehlen. Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr
Handwerkszeug bei der Schnitzarbeit.
Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen Kindlichkeit, die noch in
diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig
lebendig, zufrieden und rüstig erhält trotz aller Kärglichkeit und
Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem
einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der
Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele
des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den
Massenexport und Lebensberuf geeignet ist. --
Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr
Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher
Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in
Sammlungen solcher Dinge gesucht sein.
* * * * *
Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir setzen den Stab
heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, Weihnachtsseligkeit und
Spielzeugherrlichkeit, in dem uns wohl war wie am Heiligen Abend. Wir
scheiden vom Erbgericht und Buntem Haus mit Dank für die Behaglichkeit,
Freude und Anregung, die wir so reich erfahren haben. Möge der Geist
erzgebirgischer Volkskunst einer echten Weihnachtskunst, wie er hier
seinen lebendigen Ausdruck gefunden hat, stärker werden, wachsen und
überall in unseren Dörfern und Städten ein Daheim finden, möge er sie
zur Pflanz- und Pflegestätte einer echten bodenständigen volkstümlichen
Kunst und Kultur machen.
Nur die Pflege der Eigenart kann uns stark machen, abheben, herausheben
von dem Gleichgültigen, aus der Masse, aus tödlicher Schablone.
Wie unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den Kindern
der Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer
größerer Echtheit und Eigenart sich durchringen und emporsteigen.
Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden durch die
künstlerische Eigenart und Besonderheit wachsen und durch sie eine
neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen. Hebt euch,
ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, Phantasie mit
Kindesaugen und Kindesherzen und schaffe neues Kinderglück, raffe dich
auf, Unternehmergeist, zu frischem Wagen und neuer Unternehmung für
alte und neue Kinderkunst. Und ihr alle, die ihr der Heimat Gaststätten
bietet, denkt daran, auch der Heimatkunst gastliche Stätte zu bereiten.
Glückauf allen wackeren Männern, die daran arbeiten, um so der Heimat
neue Freude, Licht und Glück durch die Kunst zu schaffen. Glückauf!
Neue Wohnhausbauten im Erzgebirge
Von Baumeister _Richter_, Flöha
Im Bezirk der Amtshauptmannschaft Flöha sind im Flöha- und Zschopautal
im Laufe der beiden letzten Jahre eine Reihe Wohnhausneubauten
erstanden, die auch der Heimatschutz als erfreulichen Erfolg seiner
Arbeit buchen darf. Neben den Gemeinden haben sich hier sozial gesinnte
Industrielle bemüht, der Wohnungsnot zu steuern und gleichzeitig
Bauten zu schaffen, bei denen die alte, gute heimische Baukunst wieder
zu Ehren kommen sollte. Zwei von diesen Anlagen sollen in dieser
Zeitschrift zum erstenmal veröffentlicht werden.