Hinweis auf die Schneeheide, diese »einzige Seltenheit« im südlichen
Vogtlande. Es wird darin geklagt, daß die Pflanze dem Aussterben nahe
sei und darum gebeten, die Ausrottung dadurch verhindern zu helfen, daß
man keine Schneeheidesträuße kauft. Die Bitte ist recht gut gemeint
und wird den Herzen der Naturschützler wohl tun. Aber zum Glück liegt
die Gefahr des völligen Verschwindens nicht so nahe, wie befürchtet
werden könnte. Einmal hält die Pflanze an ihren Standorten so zäh fest,
wie ihre fast unausrottbare Base Calluna an den ihren; sie erscheint
immer wieder, man merkt keine Abnahme, freilich auch kein weiteres
Ausbreiten. Sodann ist der Handel mit Schneeheidesträußen nur gering;
es mögen sich kaum ein halbes Dutzend alte Frauen gelegentlich damit
beschäftigen. Das sind die sogenannten »Sandfrauen«, die aus Brambach,
Fleißen, Schnecken den feinen Scheuersand bringen, den sie in Bad
Elster, Adorf, Ölsnitz, Plauen verkaufen. Sie haben an ihren schweren
Sandsäcken gerade genug zu schleppen und können deshalb nur ab und zu
ein paar Sträuße mitbringen, für die sie meistens feste Abnehmer haben.
Der weitaus größte Teil der Sträuße stammt aus Böhmen.
Vor etwa 7--8 Jahren freilich wurde auch mir bange um die
Schneeheidebestände, als im März und April täglich Leute aus Plauen mit
großen Körben nach Brambach fuhren und in den dortigen und böhmischen
Waldungen die Heide _ausrissen_, um sie an Blumenbindereien zu
verkaufen! Aber der Unfug hatte glücklicherweise sehr bald ein Ende:
die Amtshauptmannschaft Ölsnitz und die Forstrevierverwaltung erließen
strenge Verbote des Sammelns der Schneeheide und das Forstpersonal
hielt scharf Wacht. Insbesondere nahm sich Oberförster Engelhardt
in Rohrbach bei Brambach energisch der bedrohten Pflanze an und so
ist wohl mit Sicherheit zu hoffen, daß die Gefahr einer Ausrottung
beseitigt ist. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, daß bei der
jetzt forstwirtschaftlich bevorzugten Anpflanzung der Fichte insofern
eine Gefahr für das Zurückgehen der Schneeheide besteht, als sie
Kiefernwälder lieber bewohnt und reine Fichtenbestände meidet.
[Illustration: Abb. 5 =Schneeheide -- ~Erica carnea~=]
Wird die blühende Schneeheide _vorsichtig_, am besten mit einer Schere,
_abgeschnitten_, was deswegen geschehen muß, weil die Wurzeln nicht
fest in dem losen Granitboden haften, so blüht sie im nächsten Jahre
sehr schön und reichlich, schöner fast, als wenn man sie ausblühen
läßt. Ausgeblühte Stöcke zeigen im nächsten Jahre oft ein struppiges,
dürftiges Bild. Das von Kindern beliebte Abreißen der blühenden Heide
ist zu verwerfen, da hierbei mancher Stock mit herausgerissen wird.
[Illustration: Abb. 6 =~Polygala Chamaebuxus~, buxbaumartige Kreuzblume=
im Volksmunde »Ramsel« genannt]
Garcke gibt bei ihrem Vorkommen noch an: »Nicht selten als
Zierstrauch.« Ich habe sie nirgends als solchen gesehen, möchte mich
auch der hier allgemeinen Ansicht anschließen, daß die Schneeheide ein
Verpflanzen nicht verträgt. Bei ihrer ausgesprochenen Bodenständigkeit
auf Granitboden würde es mich auch wundern, wenn sie anderen Boden
willig annähme. Ich habe selbst Anpflanzungsversuche vorgenommen, die
stets erfolglos waren; die gleichen Erfahrungen haben Bekannte von
mir gemacht. Auch die wiederholten Versuche seitens der Gärtnerei der
Badedirektion, sie in den schönen Anlagen des Kurortes einzubürgern,
sind immer wieder fehlgeschlagen. Wie mir Handelsgärtner versicherten,
wird unter dem Namen ~Erica carnea~ eine Zierheide aus Holland
angeboten, die sich anpflanzen läßt, jedenfalls aber mit der wilden
~Erica carnea~ nicht identisch ist. Nach früheren Versuchen, die ich
vor vielen Jahren angestellt habe, läßt sich übrigens auch ~Calluna
vulgaris L.~ als echtes Kind der Heide weder im Topfe noch im Garten
kultivieren, so wenig wie die anscheinend noch mehr bodenständige ~E.
carnea~.
Besucht wird die blühende Schneeheide im Vorfrühling hauptsächlich
von Hummeln. Andere Insekten sind kaum zu bemerken, allenfalls
noch an warmen Tagen Bienen. Es sieht drollig genug aus, wenn die
dicken Hummeln, auf dem Rücken liegend, die Glöckchen der Reihe nach
aussaugen; sie ziehen durch ihr Körpergewicht sehr oft die dünnen
Zweige bis auf den Boden nieder und bleiben dann mit der umklammerten
Blütenähre gemütlich liegen, bis es nichts mehr zu saugen gibt.
Hoffen wir, daß unsre südvogtländische botanische Seltenheit, unsre
liebe _Schneeheide_ auch weiterhin gedeiht und in ihren Beständen
erhalten bleibt! Es wäre ewig schade, wenn unsre materialistische
Zeitströmung, die alle Naturseltenheiten in Geld umwerten möchte, ihrem
Vorkommen hier ein Ende bereitete. Sie muß für alle Zeiten unter Schutz
stehen und sei deshalb der Fürsorge des Sächsischen Heimatschutzes
angelegentlichst empfohlen!
Seiffen und das Bunte Haus
Eine Fahrt ins Weihnachtsland
Von Stadtbaurat _Rieß_
Aufnahmen von _A. Heinicke_, Freiberg
Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar
leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung
und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab
weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine
Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und
lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein,
Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen
in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr
buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmern lag der Garten mit
seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem
kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu,
da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden
Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der
Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute und nun
nach Krieg und Wunden mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. --
Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein.
Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und
die dunklen Halden des alten Bergbaues waren noch weißbetupft. Die
Fläche des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte
wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk
ringenden Sonne. Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern
und braunen Feldern und den schöngeschwungenen Höhenlinien glitten an
uns vorüber. Von Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnauben
und Pusten und gelegentlichem wichtig tuendem Bimbim Bimbim durch
das enge malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda. Ein reizvolles
Wiesental ist es, in dessen leuchtendem Grün im Sommer das Auge sich
satt trinken und Kräfte gewinnen mag, um freudig ins Grau des Alltags
zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem
schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter
gewesen und hatte kräftige schwarze Tupfen durch die zahlreichen
frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der
Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen
durch das Tal. Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Festgeschlossen wie
Burgen schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit
und behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort
das Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der
Höhe hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen
eine Baugruppe von besonderem malerischen Reiz.
Der Rauch unsres Zügleins weht in langer silberweißer wallender
Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß
und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild
beherrschen und alles in unendlicher weicher Harmonie vereinen. Die
Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler
und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben
nur wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich
wohltun in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit.
Jeder Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß
unser Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare kalte
Luft der Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen. Dem
Wintersport gilt unser erster Gang. Uns lacht das Herz, als wir dort
in der Fabrik unter den herrlichen Schneeschuhen jeder Art und Form
und Bindung suchen und wählen können, und jeder schließlich ein Paar
der langen Hölzer sein eigen nennt. O, daß der Schnee heut so dünn
die Wege deckt und nur wie Zuckerstaub über die Felder gestreut ist,
wie wollten wir sonst dahingleiten in köstlicher Fahrt! So streicheln
wir nur zärtlich die schlanken biegsamen Eschenbretter mit einem auf
Wiedersehen zur Heimfahrt und wandern dann hinaus in die sonnige
Winterwelt. Da liegt vor dem Städtchen das alte Spittel hinter alten
Bäumen. Bunt leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift
über der Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere
Zierde und Charakter erhält. Grüß Gott du altes Weiblein dort am
Fenster in deinem warmen Stüblein, du neidest uns nicht unseren Gang
in den Winter hinaus. Der warme Ofen ist dir Erfüllung deiner Wünsche.
Uns sollen noch Wind und Wald und Schnee Lieder der Sehnsucht und der
Wünsche Gewalt und Erfüllung empfinden lassen.
Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln
dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruh, aber was ihr gedacht und
gelebt, es lebt und wirket in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es
im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht
gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die
dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt
es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen
Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter,
eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die
Gedanken und Stimmungen die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren
Lebens, das hier daheim ist, Spuren eines Lebens, das ihr ganz an
eure Heimat gewendet habt, -- und das uns nun eure Heimat lebendig und
beseelt macht. --
Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke
aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße
durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht
es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den
Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige
Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen
lauscht, dem Harfen des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und
Sickern des schmelzenden Schnees im Waldboden.
Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die
Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu
geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet
stärker als zuvor. --
Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein schimmernder Saal
mit silbernem Teppich liegt sie da, rings vom schweigenden Walde wie
von dunklen Wänden umschlossen. Dicht am Walde liegt das kleine Vorwerk
mit weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt sich
einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein mächtiger Baum in
der Nähe, herrlich nach allen Seiten gleichmäßig entwickelt, steht da
wie der stille Wächter dieser Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank
an seinem Stamm unter den schirmenden Zweigen ist heute ein starkes
Sinnbild der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im Sommer unter
seinem grünen Dach das Leben eine Stätte haben. Dort rastet der einsame
Wanderer, dort ruht der Schnitter und genießt sein einfaches Mahl, dort
lacht und spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger
Vögel, dort sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar und lauscht
dem Flöten der Singdrossel hoch oben im Gezweig. Ein Baum, um den alle
Poesie von Wald und Wiese und stillen Wegen wirkt und webt.
Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung zwischen
seinen schneebehangenen Zweigen öffnet sich eine neue Lichtung, der
Mörtelgrund. Wie ein breites silbernes Band liegt er zwischen den
dunklen Fichten, quer den Wald durchschneidend und einen weiten Blick
aufwärts und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße,
mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. Nach unten schweift der
Blick in die Ferne. An der Straße hier liegt aber ein stiller Teich,
auf dessen Damm gewaltige Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit
breiten sich die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin.
Ebenmäßig bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern geht
durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse aus alter
kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen Abenteuern und
Märchen des Waldes oder von der schönen verwunschenen Fei im kühlen
Wasser, dort unter dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im
gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen tausende funkelnder Tropfen
wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder den köstlichen Schmuck
gezaubert. Da regen sich sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen
fallen die Tropfen nieder mit leisem feinen Klingen.
Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen Decke, als pochte
schon der Frühling an, um den Zauberbann zu lösen, der sie verschlossen
hält. -- Ach lausche nur, der Frühling ist noch weit und ferne die
Zeit, dich auf der duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und
Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. -- --
Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf freie Höhe hinaus.
Entzückt schweifen die Blicke über die reinen edlen Linien der Berge,
welche sich in langen Zügen in den Himmel schwingen, zarter und zarter,
bis sie in weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg
mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das Gewand gescheckt, das
er über seine breiten Schultern gelegt hat, und in unendlich feinem
Tone mischt sich ein zartes Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht
Sorge um moderne Farbenstellung deines Kleides und was die kleine
Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und Kleid sagt.
Ob Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen und singen, ob der Sturm dir
seine wilden Weisen schnaubt und heult, du lächelst im fröhlichen
Gewand dem Frühling, du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst
und versonnen ins grimme Gesicht. -- Wie still und weit wird doch
das Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der Niederung so in
die schweigende Bergwelt des Winters schaut. Wie fühlt man so tief,
daß echte Werte nicht im Lärm, sondern nur in der großen Stille sein
können. Schweigen ist Kraft, Schweigen ist Tiefe. In dieser heiligen
Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, Wesenheit und Wert der Dinge
wird offenbar. Wohl dir, wenn du ohne Lüge bestehst, der Stille ins
tiefe Auge sehen kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein und geben
kann. -- -- --
Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen Türme und
Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß Purschenstein und zu seinen
Füßen die Dächer und Giebel von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist
und nicht ohne manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins
Dorf hinab.
Heute wollen wir hier nicht rasten, so lockend auch die Bäume des
Parkes und das Schloß und das behäbige Gasthaus winken. Auf steilem
Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges empor.
Hei, das war ein Klettern auf dem blanken Eis, wo oft nur der feste
Wanderstab vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal
nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einen Baumstamm
die unfreiwillige rasche Talfahrt ohne Schlitten auf den eigenen
gewachsenen Kufen verhütete. Wir erreichen einige einsame Höfe und
gehen dann über eine Schneefläche auf ebenerem Höhenweg dahin. Wie
liegt die Welt so fern und klein unter uns. In weiter Ferne der
Kirchturm von Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale
einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die Dinge der
Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene zieht den Blick an.
Die Augen schweifen in die Runde und können sich nicht satt trinken an
all der keuschen Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben
vom leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten Braun bis
zum satten Veil dort in den tiefen Gründen der Täler und Wälder.
Höhenluft! -- Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir so tief und frei
und unsre Seele atmet mit, denn um uns und in uns ist das große stille
Leuchten, das man erlebt, wenn man Höhenwege wandert hoch über dem
Alltag.
Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, als wäre
sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus sein weites Reich
überschaut, dem die Wälder Teppiche und die Berge und Täler Stufen
seiner Herrlichkeit sind.
Unter einer alten knorrigen Buche am Wege stehen wir. Sie ist vom
Sturm zerzaust und die Äste recken sich trotzig wie feste Arme mit
starken Muskeln und Gelenken dem Wetter entgegen, als wollten sie mit
dem ungestümen Gesellen raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten im
struppigen Gezweig und es fällt ab und an ein nasser Klumpen hernieder.
Wir aber stehen und schauen in das große stille Leuchten hinaus.
»Kein ird’scher Laut mehr reichte durch die Lüfte,
Mir war’s, als stände ich mit Gott alleine,
So einsam, weit und helle war’s da oben.«
[Illustration: Abb. 1 =Seiffen, Buntes Haus=]
Durch tiefen Schnee ging es dann weiter und schließlich abwärts ins
Seiffener Tal, zuletzt auf steilem Fußwege hinunter. Tiefe Schneewehen
boten hier willkommenen Halt auf dem vereisten steilen Pfad gegen
den Absturz. Watend und springend, rutschend und fest den Wanderstab
einsetzend gelangten wir glücklich zu den ersten Häusern am Hange,
wo der Weg ebener und sicherer wurde und uns bald an winzigen
Erzgebirgshäuseln vorbei auf die Talstraße führte.
Nur wenige Schritte noch und unser Ziel ist erreicht, das Erbgericht,
das Bunte Haus! Helle leuchten uns seine blanken Mauern und Fenster
entgegen. Ein Querhaus und zwei Flügel umschließen einen offenen Hof,
als breiteten sich uns offene Arme entgegen: »Seid willkommen, hier ist
gut sein, hier magst du rasten und weilen und mag es dir wohl werden.«
Dort über den Fenstern grüßt gar vertraut Alt-Freibergs Bergparade
vom langen gemalten bunten Holzschild. Ja, wahrlich, es ist recht,
hier der alten Berghauptstadt des Landes und ihrer Bergherrlichkeit
zu gedenken in so sinniger und sinnfälliger Weise, denn von ihr ging
die Kultur des Landes aus, ward die Wildnis des Miriquidi gerodet und
besiedelt, wurden die Erzgruben des Gebirges erschlossen. Der Name
Erzgebirge wurde erst im sechzehnten Jahrhundert üblich, als an vielen
Stellen Erz entdeckt und Bergstädte wie Annaberg, Marienberg, Jöhstadt
usw. gegründet wurden.
Vorher hieß es nach den Worten eines alten Dichters:
»Sehr wild und felsicht war’s in diesen Waldesöden,
Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind.
Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten,
Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«
Auch Seiffen dankt ja seinen Namen und Entstehung dem Bergbau, der
zwar längst zur Rüste gegangen ist, aber überall seine unverwischbaren
Spuren hinterlassen hat. Der Bergmann ist ja auch immer ein Basteler
gewesen. So ist es kein Wunder, daß oft aus dem Zeitvertreib ein
Beruf wurde, und als der Bergbau seinen Mann nicht mehr nährte, statt
Schlägel und Eisen das Schnitzmesser den Lebensunterhalt verdienen
mußte. Seiffen wurde allmählich der Mittelpunkt und Hauptort der
Spielwarenindustrie. Es wurde aus einem alten Bergmannsdorf der Typus
des erzgebirgischen Schnitzer- und Industriedorfes, wo eigenartige
Gegensätze sich berühren. Und hier das »Bunte Haus« ist so recht
das Heim und der Ausdruck dieser erzgebirgischen Volkskunst und
Volksindustrie geworden, einer Weihnachtskunst, bei der man fröhlich
und ein Kind wird wie zu Weihnachten, in der man sich heimisch und wohl
fühlt, als erzählte Großmutter ein Märchen aus der Zeit »Es war einmal«.
Vom hübsch geschmiedeten Arm an der Hausecke grüßt uns der Spruch:
»Erst die Erde, dann die Sterne,
Erst die Heimat, dann die Ferne.«
Jawohl, viele suchen die Heimat und können doch nie heimfinden,
viele haben die Heimat und halten sie nicht. Heimat ist kein leerer
Ortsbegriff, Heimat ist eine Herzenssache. Wer kein Herz hat, wie will
der die Heimat finden oder halten?
Möge die Kunst der Heimat der Heimat eine Seele geben, welche jene
vielen wieder zu rechten Heimatfreunden, Heimatkindern, mit Herzen voll
heimwehen Heimatstolzes macht. --
Hier im Bunten Hause ist der wohlgelungene Versuch gemacht, durch die
Heimatkunst des Ortes ein echt erzgebirgisches Heimathaus zu machen,
in welchem man das Herz der Heimat pochen fühlt und hört. Was der
Hausspruch sagt und wünscht, das mag wohl sicher in Erfüllung gehen:
»Die Vorzeit grüßt Euch, daß Ihr wißt,
wie schön sie einst gewesen ist.
Gott gebe, daß die Nachwelt spat
an uns dieselbe Freude hat.«
Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein für das bunte freudige
Leben des Tages und seiner Gäste ist das Haus geschaffen.
Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein Dach. Der
Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist die Gestalt eines Freiberger
Bergmannes, der auf einer Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit
Schlägel und Eisen. Der Bergmann ist -- oder leider vielmehr war -- ja
die Charaktergestalt des Erzgebirges. Bergleute sind Wappenhalter bei
erzgebirgischen Städtewappen. Bergleute sind die Träger erzgebirgischer
Kanzeln, Bergleute sind in den alten Bergstädten Schmuckfiguren an
Bürgerhaus und Portalen, in Kirchen und an Geräten. Der bergmännische
Gruß »Glückauf« klingt dir oft noch treuherzig entgegen. Bergleute sind
das Spielzeug großer und kleiner erzgebirgischer Kinder. So mag auch
hier, wie nirgends, der Bergmann an seinem Platze sein.
[Illustration: Abb. 2 =Seiffen, Buntes Haus=]