Die Landstraßen waren in alter Zeit ihrer ganzen Ausdehnung nach von

Hecken, Feldgehölzen und auch Einzelbäumen umgeben. Man schonte und

hegte die Baumbestände sorglich; boten sie doch den Wanderern und den

Zugtieren, die einst mehr als heute die Landstraßen belebten, kühlenden

Schatten in der Sonnenglut.

Im Laufe der Zeit wandelte sich das Bild! Die fortschreitende

Urbarmachung des Landes, die Notwendigkeit, den Boden mehr auszunutzen,

zwangen zum Fällen der Feldgehölze, die einst die Landstraße umsäumten.

An ihre Stelle traten die regelmäßigen Straßenanpflanzungen, die

Baumreihen oder Alleen. Sie sollten nach wie vor dem Wanderer und

dem Zugtier Schatten spenden. Daneben dienten sie wohl auch zur

Abschrankung des Weges gegen Dämme und Abhänge und in Gebirgslagen

mit starkem Schneefall zur Kennzeichnung des Straßenzuges im

verwehten und verschneiten Gelände. Es entstanden die prächtigen

Ebereschenpflanzungen in unserm Erzgebirge, die zur Blütezeit Zimtdüfte

ausatmen, im Herbst mit ihren korallenroten Beeren die Landschaft

schmücken und den Vögeln Futter bieten. Die herrlichen Linden-, Ahorn-

und Eschenalleen wurden angelegt, die viele unserer Städte an der

Stelle alter Befestigungsanlagen malerisch umsäumen und der Landstraße

auf weite Strecken das Geleite geben. Wer kennt nicht diese alten

Bäume, in deren Kronen die Vögel singen und ihre Brut hegen, in deren

Schatten der junge Weltbürger seine erste Fahrt unternimmt hinein in

das Leben, und der in harter Lebensarbeit müde gewordene Greis in

kurzem Spaziergange sich seines Lebensabends freut.

Die langen Reihen hoher Pyramidenpappeln wurden angepflanzt, die der

Landschaft so stimmungsvolle Reize verleihen. Auf dem Sandboden des

Flachlandes belebten die Birkenalleen mit ihren heiteren Farben die

strengen Linien des einförmigen Bildes.

Größere Bedeutung gewannen die Baumpflanzungen an den Landstraßen, als

man die Felder unter Hochkultur nahm, als jede Hecke und jedes Gehölz

fallen mußte, als man die Fluren völlig in einförmige Kultursteppen

verwandelte. Die Alleen waren die einzigen Unterbrechungen in dem kahl

gewordenen Lande, der einzige Ruhepunkt des Auges, das müde geworden

war vom Umherschweifen in der jeder Abwechslung entblößten Landschaft.

Oft genug waren sie die einzige Naturschönheit des flachen Landes, das

einzige was haften blieb in der Erinnerung, und das einzige, was die

Landschaft wert machte, ein Ziel der Heimatliebe zu sein. --

Wer hat wohl daran gedacht, daß es je anders werden würde im deutschen

Lande! Wer hätte geglaubt, daß die Bäume von unseren Straßen, die

grünen Baumgürtel unserer Städte und Dörfer schnöder Geldgier und

Gewinnsucht zum Opfer fallen würden. Und doch ist es so! In völliger

Verkennung der geschichtlichen Entwickelung und der geschichtlich

gewordenen Bedeutung des Straßenbaumes werden heute die Straßenalleen

vielerorts zur Gewinnung von Nutzholz niedergeschlagen. Unsere Ahnen

haben die Bäume als Schmuck der Heimat gepflanzt, und wir selbst haben

sie bis in die jüngste Zeit noch geschont, gehegt und gepflegt bis sie

als morsche Ruinen in sich zusammenfielen.

Gar plötzlich ist die Wandlung eingetreten. Deutsches Wesen ist

zuschanden geworden, das zeigt sich auch hier. Der »furchtbare Baumtod«

wandelt durchs Land und stürzt sich mit Grimm und Wut auf unsere

herrlichen Baumalleen, die kostbaren Vermächtnisse aus alter Zeit.

Wie einst im Mittelalter der »schwarze Tod«, Grauen verbreitend durch

das aufgeschreckte Land zog, daß »die Menschen reihweis’« fielen, so

ist jetzt der »große Baumwürger« in unsere Gaue gekommen und hat ein

»Sterben der Bäume« gebracht, hat in kurzen Stunden zersplittert an

den Wegrand geworfen, was Jahrhunderte zur Entwickelung und zum Aufbau

gebraucht hat. Mit wuchtigen rohen Axthieben wird rücksichtslos das

vernichtet, was das Herz unserer Väter und Großväter schon erfreute und

was auch unser Stolz und unsere Freude war.

Ein Schrei der Entrüstung über diesen Frevel am heimatlichen

Landschaftsbilde geht durch die deutschen Gaue und jeder Deutsche, in

dessen Herzen noch ein Fünkchen Heimatliebe glimmt, noch eine Spur

von Empfinden für unsere Naturschönheiten wohnt, muß mit einstimmen

in das Wort, welches aus einer, ihrer Baumschönheiten beraubten

niederdeutschen Stadt erklingt: »Herrgott bewahre uns vor solchen

Stadtvätern, die, aus Unwissenheit oder absichtlich, die Schönheit

ihrer Heimat morden und die Ideale ihrer Gemeindeglieder mit Füßen

treten!«

Freilich, Ideale bringen kein Bargeld ein! Aber wir ehren uns selbst,

wenn wir sie pflegen. Wir brauchen Ideale in unserer schweren Zeit, in

der die Schönheit der Heimat fast das einzige ist, was uns noch nicht

geraubt wurde.

Und ist der Gewinn wirklich so groß, den uns der gefällte Baum bringt?

-- Eine Handvoll schmieriger Papierfetzen ohne Wert und ohne Kaufkraft,

Spreu im Wirbelsturm der wirtschaftlichen Bedrängnis. Sie sind schon

längst verstreut in alle Winde, ehe die Wunde, welche die Trauer um die

verlorene Heimatschönheit in das Herz des Heimatfreundes geschlagen

hat, zu vernarben beginnt.

Zahlreiche alte herrliche Bäume sind schon vernichtet, viele prächtige

Alleen sind der Gefühllosigkeit unserer Zeitgenossen zum Opfer

gefallen; aber noch ist es Zeit, Einkehr zu halten in uns selbst und

Umkehr auf dem betretenen Pfade der Vernichtung. Noch beginnen jetzt

zur Frühlingszeit viele herrliche Baumriesen und ausgedehnte Alleen

sich mit neuem Grün zu schmücken. Schont und schützt sie und tretet ein

für ihre Erhaltung! Wehrt euch mit flammender Entrüstung dagegen, daß

geldgierige Hände sich danach ausstrecken. Laßt euch die herrlichen,

durch ehrwürdiges Alter geweihten und geheiligten Bäume nicht rauben,

diese Zier- und Schmuckstücke der Heimat, die unersetzlich sind;

haben sie doch viele Menschenalter gebraucht, ehe sie emporwuchsen

zu der stattlichen Größe und wunderbaren Schönheit, in der sie jetzt

vor uns stehen. Unsere Väter haben sie uns vererbt als ein heiliges

Vermächtnis, wir sind verpflichtet, sie zu pflegen und zu schützen

und weiter zu vererben auf Kinder und Kindeskinder. Wenn wir sie mit

frevelnder Hand vernichten und der Gewinnsucht opfern, so gleichen wir

dem gewissenlosen Manne, der ein kostbares Erbe verschleudert. Wie ihm

seine Nachkommen fluchen, so werden einst unsere Enkel mit uns hadern,

weil wir die Schönheit der Heimat zerstörten um Augenblickserfolge

willen, weil wir ihnen das uralte Wundergut der Heimatliebe raubten.

Schlagbaum und Chausseehaus in Sachsen

Von _E. M. Arnold_, Leipzig-Schleußig

Wieder spinnt die Frühlingssonne ihren hellen, verjüngenden Dunst

über Flur und Feld, und die Welt steht voller Träume und Geheimnisse.

Zauberhände schmücken der Bäume kahles Geäst mit Blatt und Blüte.

Aus der feuchtwarmen Erde quillt allmählich Halm für Halm, Blume für

Blume. Der schmuckloseste Rain wird so zum buntgewürfelten Teppich, das

Saatfeld zum leichtgewellten See. Und die Sonne steigt höher und höher.

Ihr Silbergefunkel dringt in den engsten Hof und die versteckteste

Großstadtklause lachend und lockend zugleich. Es ankert sich fest mit

gespenstisch ausgreifenden Fingern im ruhelosen Fabriksaal wie am

Tisch des Geistesarbeiters. Verstehst du seine Sprache, Großstadtkind?

Merkst du nicht, wie es dich ruft, herauszutreten aus dem Waffengeklirr

nüchternen Daseinskampfes, aus der Häuser drückenden Enge in die weite,

weite Gottesnatur? Komm und folge dem einladenden Gruße!

[Illustration: Einnehmerhaus an der Straße Rochlitz--Mittweida

(Federzeichnung von Regierungsbaumeister _Nicolaus_, Dresden, nach

einer Aufnahme von Frau _Carola Hartmann_, Rochlitz)]

Sage nicht, du hättest weder Zeit noch Gelegenheit, des Frühlings

Wunderwerkstatt anzuschauen. Leben wir nicht im Zeitalter des Dampfes,

der Elektrizität, des Fahrrads und des Automobils? Und wie denn;

genügen nicht auch Schusters Rappen, hineinzuwandern in die prangende

Frühlingswelt, dem Lichte und dem Leben zu, bergauf, talab, in des

Waldes Laubgezelt, zur blumigen Quelle, zum Ufer der brandenden See?

Bleiben wir bei strammer Landstraßentugend; nehmen wir den Weg zwischen

die Beine.

Können wir uns heute das weitverzweigte, der Erde Länder

zusammenknüpfende Verkehrsnetz hinwegdenken und uns in eine Zeit

zurückversetzen, da der Mensch nur schwer und mit großen Opfern der

engbegrenzten Heimatscholle zu entrinnen vermochte? Wohl kaum. Was

erinnert wohl noch an die alte liebe Wanderzeit mit ihren einfachen

Bedürfnissen? Etwa die steifen Postwagen, die in die einsamsten

Gegenden unseres Vaterlandes sich zurückgeflüchtet haben? Es wird

uns nicht so leicht, zu begreifen, daß noch zur Mitte des vorigen

Jahrhunderts fast der gesamte Reiseverkehr auf die Landstraßen

angewiesen war. Wir sind ein gar schnellebiges Geschlecht, das rasch

vorwärts schreitet, aber auch rasch vergißt, und es im übrigen nicht

liebt, den Blick romantischen Sinnes in längst verschollene Zeiten

zurückzuwenden. Die Blume der Erinnerung blüht nur noch abseits von

des Tages Getümmel und auch nur für den, der ihrer aufmerksamen Auges

achtet. Was kümmert uns Vergangenes? Es lebe die Gegenwart!

Und so kommt es, daß wir den rechten Maßstab für das jeweilig

Erreichte oft nicht finden, weil wir der Wahrzeichen nicht achten,

die uns zu längst Verschwundenem und Überwundenem hinüberleiten.

Wer z. B. achtet gegenwärtig noch der wenigen vom Zahn der Zeit

verschont gebliebenen Chausseehäuser, jener freundlichen, einstöckigen

Gebäude an Sachsens Landstraßen, die heute vielfach als Bier- und

Kaffeestuben willkommenere Ruhepunkte des Reiseverkehrs darstellen

denn ehemals, als weißgrüne Schlagbäume die Straße sperrten und ein

finsterblickender Einnehmer zum Halten einlud! An einsameren Straßen

unseres Sachsenlandes, wo sie hin und wieder auch als Wohnstätten der

Straßenwärter Verwendung finden, tragen sie wesentlich zur Belebung des

Geländes bei. Hier wie dort führen sie unsere Gedanken zurück in die

gute alte Zeit, da der Großvater die Großmutter nahm und während der

Hochzeitsreise sich und seine Eheliebste von zwei zu zwei Wegstunden

immer von neuem wieder aus dem Bannkreise des Schlagbaumes und seines

Wärters lösen mußte.

Die alten Chausseehäuser unserer engeren Heimat verkörpern ein Stück

Kulturgeschichte, nicht so sehr wegen ihrer einstigen fiskalischen

Bedeutung als wegen der Art des Lebens und Treibens, das sich in

ihnen abspielte. Sie waren die Pflegstätten echten altsächsischen

Familienlebens in seiner breiten Gemütlichkeit und genügsamen

Zufriedenheit und bildeten in einer meist ländlichen Umgebung kleine

Beamteninseln mit halb städtischen, halb ländlichen Sitten und

Gebräuchen. Wie idyllisch nahmen sich die Häuschen aus im Zuge der

sauberen Straßen, mit ihren Bogenfenstern, den grünen Läden und dem

über der Eingangstür hängenden sächsischen Wappenschilde! Meist umgab

ein Garten das Gebäude. Ein einfaches Staket, hinter dem es grünte und

blühte und oft wohl auch bunte Glaskugeln altmodisch sich spreizten,

versperrte Neugierigen den Blick ins Innere des Hauses. Häufig tat

es auch eine lebende Hecke. Hier schossen Sonnenblumen und Malven;

Bienen flogen summend von Blüte zu Blüte. War doch der Herr Einnehmer

meist auch ein kunstgerechter Imker. Das saftige Grün des Weinstocks

umrankte die Vorderfront, während nach hinten Stall und Schuppen das

kleine Anwesen abschlossen. Stand ein Birn- oder Apfelbaum dabei, so

legte er sicherlich väterlich-schirmend die fruchtschweren Äste über

die kleine Einsiedelei.

[Illustration: Einnehmerhaus an der Muldenbrücke in Rochlitz

(Phot. Frau _Carola Hartmann_, Rochlitz)]

Quer über die Straße aber ragte der wuchtige Schlagbaum, an den Seiten

nur einen schmalen Streifen für die Fußgänger freilassend. Jedes

ankommende Fuhrwerk, jeder Reiter und jeder Viehtransport konnte ihn

nur passieren, nachdem die festgesetzte Abgabe entrichtet war. Dem

gestrengen Herrn Einnehmer, der ununterbrochen bei Tag und Nacht seines

Amtes walten mußte und sich nur während der verkehrsschwachen Stunden

kurze Ruhepausen gönnen konnte, entging so leicht keiner. Die Fuhrleute

waren verpflichtet, den Einnehmer auch während der Nacht durch

Peitschenknall oder Zuruf zu wecken. Besser noch versorgte das Geschäft

des Weckens ein munterer Spitz oder Dackel, der zum lebenden Bestande

jeder Einnahme gehörte. Oft freilich erkoren Witzbolde, Studenten oder

fahrende Gesellen den Einnehmer zum Gegenstande ihres Übermutes und

brachten ihn durch blinden Lärm um die ohnehin beschränkte Nachtruhe.

Zur Zeit der Leipziger Messen, an Hauptmarkttagen oder zu besonderen

Festlichkeiten gestaltete sich der Wagenverkehr oft so rege, daß die

Frau Einnehmerin dem Gatten in der Abfertigung kräftig zur Hand gehen

mußte. War sie doch zur dienstlichen Vertretung und Unterstützung des

Hausherrn amtlich bestimmt. Wohl trug sie weder Mütze noch Amtsrock;

in einfacher Hausfrauentracht verrichtete sie am Schalterfenster

ihre Dienstobliegenheiten, und obgleich sie mit Angehörigen der

verschiedensten Berufsklassen verhandelte, wußte sie, der amtlichen

Dienstanweisung gehorchend, allen Streitereien und Ungehörigkeiten

durch immer gleichbleibende Freundlichkeit und weiblichen Anstand

die Spitze abzubrechen. Die Frau Einnehmerin spielte übrigens, wenn

sie die ihr günstigen Verhältnisse auszunutzen verstand, unter der

bäuerlichen Bevölkerung eine gar wichtige Rolle. Man schätzte ihre

hauswirtschaftlichen Erfahrungen, begehrte ihre gesundheitlichen

Ratschläge und feierte selten ein Familienfest, an dem die Frau

Einnehmerin nicht teilgenommen hätte.

Aber nicht immer herrschte Lust und Freude in dem bescheidenen Heime;

denn wenn auch dem Einnehmer neben freier Wohnung, Heizung und

Beleuchtung der zehnte Teil der erhobenen Brücken- und Wegegelder als

Besoldung zugebilligt wurde, so kamen dennoch -- und ach, wie oft --

auch magere Zeiten, Monate und Jahre mit geringen Einnahmen. Dann

wurde die Wirtschaftskunst der Hausfrau auf eine harte Probe gestellt.

Wenn freilich die Vorräte im Kämmerchen zur Neige gingen und die

Reihe der Einmachetöpfe aus besseren Jahren sich immer mehr lichtete,

wenn infolge kärglicher Fütterung im Stalle die Ziege von Tag zu Tag

weniger Milch gab und doch trotz allem die hungrigen Mäuler der Kleinen

gestopft sein wollten: dann schwand der Frohsinn aus dem Einnehmerhaus

und Frau Sorge schritt über die Schwelle.

Mit Ablauf des Jahres 1885 kamen Brückenzölle und Chausseegelder in

Wegfall. Sie hatten dem Staatssäckel von Jahr zu Jahr Einnahmen bis

zu dreiviertel Million Mark gebracht, trotzdem der Güterverkehr mehr

und mehr von den Landstraßen auf die neuerstandenen Schienenwege

übergegangen war. Die Schlagbäume verschwanden, aber die Chausseehäuser

haben sich, wenn auch meist ihres einstigen Gepräges entkleidet, als

Erinnerungszeichen an die einstige Fuhrmannsherrlichkeit, an die Zeit

des Posttrabs und der Wanderpoesie bis in unsere Tage erhalten.

Die Schneeheide

(~Erica carnea L.~)

Von _Felix Heller_, Bahnhof Bad Elster

Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Blasewitz

[Illustration: Abb. 1]

Unter den deutschen Phanerogamen, die nach Garckes Flora von

Deutschland (17. Aufl. 1895) sehr selten vorkommen, befindet

sich eine, mehr der süddeutschen Flora angehörige Pflanze, deren

Verbreitungsgebiet in Mitteldeutschland ein so eng begrenztes

ist, daß sie in Botanikerkreisen eine gewisse Berühmtheit erlangt

und zu mancherlei Deutungen über die Ursachen ihres sporadischen

Auftretens Veranlassung gegeben hat. Der Pflanzenkundige, der im

zeitigen Frühjahre den südlichsten, nach Böhmen hereinragenden Zipfel

des nunmehrigen Freistaates Sachsen besucht, wird sie freudig

begrüßen und auch dem Laien wird sie auffallen. Im allgemeinen

bieten unser Elstergebirge und seine Ausläufer keine große Auswahl

an Pflanzenseltenheiten, wenn man nicht die buchsbaumblättrige

Kreuzblume (~Polygala Chamaebuxus L.~)[3], hier »Ramsel«, auch

»falsche Preiselbeere« genannt, dazu rechnen will, die im südlichen

Vogtlande übrigens häufiger vorkommt, als bei Garcke angegeben ist.

Aber die _Schneeheide_, das ist hier in ihrer sächsischen Heimat die

volkstümliche Bezeichnung (»Schniehaad«), ist etwas ganz besonderes;

sowie der Schnee zu schmelzen beginnt, meist Anfang bis Mitte

März, entfalten sich ihre zierlichen, in der Farbe vom hellsten

Rosarot bis zum tiefsten Carminrot schwankenden Glöckchen -- der

erste Frühlingsgruß der neuerwachten Natur! Deshalb liebt sie hier

auch jedermann, und gern stellt man sich ein von Weißtannenzweigen

oder Preiselbeerkraut umkränztes Sträußchen in das Zimmer. Die

vogtländischen Nachbarn dieses bescheidenen Pflänzchens sind sich

seiner Seltenheit wohlbewußt und erklären dem Befrager mit einem

gewissen Stolze, daß die Schneeheide eben nur bei ihnen vorkommt und

sonst in ganz Deutschland nicht. Böhmen ist ja nicht Deutschland und

das Vorkommen im Fichtelgebirge und in den südlichen bayrischen Alpen

ist ihnen wohl nicht bekannt. Im Spätsommer und Herbst finden die

Kurgäste von Bad Elster auch zuweilen blühende »Schneeheide«, die

sie mit stolzer Freude heimtragen, aber das ist die _weiß_blühende

Form der gewöhnlichen Heide (~Calluna vulgaris Salisb.~); die _echte_

Schneeheide hat ihren Namen nicht von der Farbe, sondern daher, daß

sie zur Zeit der Schneeschmelze blüht, oft genug sogar schon unter dem

Schnee, bei kühlem Wetter bis in den Mai hinein.

[3] Abbildung Seite 108. Dieses reizende Pflänzchen ist

hier ziemlich weit verbreitet. Es gibt Stellen, wo sie

rasenbildend auftritt und meterlange Ausläufer treibt.

[Illustration: Abb. 2 =Vogtländische Bauernhäuser in Mühlhausen bei Bad

Elster=]

Garcke gibt als Vorkommen an: »Im Vogtlande im Brambacher Walde bei

Adorf häufig und ebenso um Karlsbad, Franzensbad, Eger und Marienbad;

früher auch bei Paderborn. -- Bayern (Alpen und Hochebene verbreitet)«.

Von dem erstgenannten Verbreitungsbezirke entfällt auf Sachsen ein

winziger Teil. Die Schneeheide ist daher tatsächlich für Sachsen und

ganz Mitteldeutschland eine große Seltenheit; Südbayern kommt ja für

Mitteldeutschland nicht in Betracht. Im Fichtelgebirgsführer von

~Dr.~ Albert Schmidt (Wunsiedel 1894, Verlag von G. Kohler) Seite 18

ist ~Erica carnea~ als Bewohnerin des Silikatgesteines aufgeführt

(nach Rektor Kellermann). Auf meine Anfrage schreibt mir Herr ~Dr.~

Vestner, Reallehrer in Wunsiedel, folgendes: »~Erica carnea~ beherrscht

im Fichtelgebirge das Gebiet des sogenannten Selber Waldes. Sie

ist im Vorfrühling, zu ihrer Blütezeit, der einzige Glanzpunkt in

unserem so floraarmen Fichtelgebirge. Der Verbreitungsbezirk beginnt

südwestlich in der Höhe von Thierstein, wird begrenzt von den Höhen des

Egertales, ohne jedoch auf das Gebiet des Kornberges überzugreifen,

endet östlich mit der Waldgrenze (Hohenberg, Liebenstein, Lindau)

und zieht schließlich über Asch in den Brambacher Wald. Eine

weitere Ausbreitung oder ein Zurückgehen des Bestandes ist nicht zu

beobachten. Ihr Standort ist Granitboden in gemischtem, vorwiegend

mit Föhren bestandenem Walde. Sonstiges Vorkommen im Fichtelgebirge

gibt es nicht.« Demnach wäre Garckes Flora mit diesem Vorkommen in

Nordostbayern zu ergänzen.

[Illustration: Abb. 3 =~Erica carnea~ bei Brambach i. V.=]

Häufiger findet sich die Schneeheide im angrenzenden Böhmen, sie geht

aber kaum über Karlsbad hinaus. Der Gesamtverbreitungsbezirk bildet

eine Insel, deren größerer Durchmesser von Westen nach Osten, der

kleinere von Norden nach Süden verläuft. Die Begrenzung bilden in

Richtung West--Ost etwa die Orte Thierstein in Bayern--Karlsbad, in

Richtung Nordwest--Südost etwa Rohrbach--Marienbad. Auf sächsischem

Gebiete kommen nur die Waldungen und Höhen um Rohrbach, Brambach,

Schönberg am Capellenberge, Hohendorf, Bärendorf in Frage. Und auch

hier tritt sie meist in inselförmigen Beständen auf. Niemals überzieht

sie ausgedehnte, zusammenhängende Strecken wie Calluna, sondern wächst

immer in kleinen geschlossenen Beständen auf feuchtem Granitboden.

Wer von hier aus östlich wandert, findet die ersten spärlichen Spuren

zwischen dem Raunergrunde bei Raun und Oberbrambach. Um Brambach

selbst wird sie häufiger: auf dem Kuhberge, Fuchs- und Capellenberge,

besonders schön auf dem Hirschberge und in reichlicheren Beständen in

der Richtung von Brambach über Fleißen in Böhmen nach Schönberg am

Capellenberge.

Die reichsten Bestände finden sich, wie schon gesagt, in Böhmen;

schon in den Waldungen bei Fleißen, Großloh, Wildstein fällt sie im

Vorfrühling jedem auf, der dort wandert, denn ihr leuchtendes Rot macht

sich schon auf weite Entfernung bemerklich.

Die Gesteinsformation, die zu ihrem Gedeihen notwendig ist, ist

lediglich Granit, und zwar Granit in loser Form als Grus oder Sand.

Nirgends besiedelt sie Basalt, Porphyrit, Ton- oder Glimmerschiefer;

die scharfe Grenze, die sie bei Formationswechsel einhält, gibt dem

Geologen einen Hinweis, daß er aus dem Gebiete des Granits in ein

anderes übertritt. Im Granitgebiete selbst bevorzugt sie feuchte

Stellen, findet sich daher auf den Bergkuppen, soweit sie wasserarm

sind, nur spärlich und hier oft in Gesellschaft von Calluna. In

vertikaler Richtung liegt die Wachstumsgrenze etwa zwischen 550--900

Meter.

[Illustration: Abb. 4 =Schneeheide -- ~Erica carnea~ -- im Vogtlande

bei Brambach=]

Wenn man die Kartenskizze, die freilich auf absolute Genauigkeit

keinen Anspruch machen kann, betrachtet, fällt einem unwillkürlich

auf, daß das Vorkommen der Schneeheide ziemlich genau in den Bereich

der sächsischen und böhmischen Bäder fällt (Bad Elster, Bad Brambach,

Franzensbad, Karlsbad, Marienbad). Alle diese Bäder besitzen Quellen

mit mehr oder weniger starkem Radiumgehalt, Brambach z. B. eine solche

mit über 2200 Macheeinheiten. Es liegt ja nahe, die Radioaktivität des

Wassers als Ursache des Gedeihens der Pflanze anzusehen oder eine durch

Radiumemanationen bedingte höhere Bodenwärme. Doch sind hierüber wohl

noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen angestellt worden; für

den Pflanzenbiologen wäre dies eine dankbare Aufgabe! Läßt sich ein

Zusammenhang der Lebensbedingungen unsrer Pflanze mit dem Radiumgehalte

des Bodens nachweisen, dann würde ihr reicheres Auftreten an irgend

einer Stelle im Granitgebiete vielleicht einen Fingerzeig darbieten,

hier nach einer Radiumquelle zu suchen. Analoge Beispiele dafür, daß

Pflanzen an bestimmte Mineralien gebunden sind, gibt es meines Wissens

mehrere, z. B. das sogenannte »Galmeiveilchen«, das in der Gegend um

Aachen das Vorkommen von Zinkerzen anzeigen soll. Wie weit eine solche

Vermutung berechtigt ist, das zu ergründen muß ich berufenen Leuten

überlassen, ich spreche hier eben nur eine Vermutung aus. Ob in den

südbayrischen Alpen ähnliche Boden- und Wasserverhältnisse vorliegen,

vermag ich nicht anzugeben. Vielleicht sind dort im Süden, wo die

Schneeheide unsre gemeine Heide vertritt, wo sie nicht, wie hier, zur

Relictenflora gehört, sondern von jeher in großen Beständen heimisch

gewesen ist, die Verhältnisse anders.[4]

[4] Gelegentlich meiner Urlaubsreise im September-Oktober 1920

in dem bayrischen Allgäu beobachtete ich ~Erica carnea~

dort. Im Allgäu und in den Alpen bevorzugt sie _Kalk_boden.

Der südliche Typus der Schneeheide ist anders als der in

Böhmen, Sachsen und Nordost-Bayern; die südliche Form ist

strauchiger, knorriger, die mitteldeutsche und böhmische

weicher, anschmiegender. Die langen Ranken, die sie hier an

feuchten Stellen treibt, sieht man in den Alpen, besonders

in hohen Lagen, nicht.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 4-6 · 第 3 / 6 段