Infolge seines riesigen Gewichts -- wir schätzten es auf zirka zehn
bis zwölf Zentner -- war das nur mit Hilfe der Hebebäume möglich. Wir
verfuhren wie vorher. Ruckweise brachten wir es höher und immer schob
der in der Grube stehende Maurer Platte um Platte unter und baute somit
gleichzeitig das neue Fundament auf. Mit größter Mühe hatten wir das
Kreuz neunzig Zentimeter gehoben, dann brachten wir es wieder in die
alte Stellung. Die Grube wurde wieder zugeschüttet beziehungsweise
zugebaut, denn die vielen Plänerplatten mußten sachgemäße Verwendung
finden, um alle untergebracht zu werden. Außerdem mußten, um den Raum
auszufüllen, den vorher das Kreuz eingenommen hatte, eine Menge größere
und kleinere Steine aus der Umgebung zusammengetragen werden.
[Illustration: Abb. 2 =Steinkreuz in Gorknitz= (jetziger Zustand)
(Phot. _Georg Perlik_, Dresden)]
Es gab viel zu tun. Jeder bekam seine Arbeit zugeteilt. Ich freute
mich, wie uneigennützig hier jeder Beteiligte an dem großen Werke
Heimatschutz mit arbeiten half. Während der Gemeindevorstand den
»Polier« abgab, trugen dessen Sohn und meine Frau die nötigen Steine
herbei. Ein andrer von uns mußte ins Dorf gehen und zwei Eimer Wasser
holen, um den zur Verwendung kommenden Zement einrühren zu können.
Dazu wurde auch noch Sand gebraucht. Solchen in dieser lehmigen Gegend
aufzutreiben, war nicht so einfach. Diese Arbeit hatte ich mit noch
einem Klubgenossen zu erledigen. Nach langem Suchen fanden wir endlich
in der Spielgrube im Hofe des Bäckermeisters vorschriftsmäßigen Sand.
Als wir den Bäckermeister darum baten, zwei »Pioniersäcke« voll
mitnehmen zu dürfen, war es ihm nicht recht verständlich, was wir wohl
damit anfangen wollten. Er stellte diese und jene Frage und als ich
ihn über den Sachverhalt näher aufklärte, zeigte er langsam Interesse
dafür. Ja, ich konnte nicht umhin, ihm einen kurzen Vortrag zu halten
über die Steinkreuze in Sachsen und ihre Bedeutung. Als wir mit unserer
Beute abzogen, sah er uns mit einem breiten Lächeln kopfschüttelnd nach.
Unterdessen hatten die anderen die Grube bis dorthin, wo gemauert
werden sollte, wieder zugeschüttet; die größten und stärksten Platten
hatte sich unser Maurer bis zuletzt aufgehoben. Mit reichlich Zement
wurden diese oben aufgesetzt. Hierbei wurde ein kleiner Hohlraum
an der Nordseite des Kreuzes ausgespart, der zur Aufnahme der
versiegelten Glasflasche bestimmt war, welche die anfangs erwähnte
Urkunde mit etwas Kriegsgeld und zirka zwanzig verschiedenen
Briefmarken als Zeitbeweise enthielt. Vier große Plänerplatten, welche
den Oberteil der Grube völlig ausfüllen und scharf an das Kreuz
angemauert wurden, bildeten den Abschluß. Diese geben dem Kreuz einen
ganz bedeutenden Halt, denn, da uns daran lag, so viel als möglich von
dem unteren Teile zu gewinnen, haben wir es nur zirka fünfundzwanzig
bis dreißig Zentimeter in der Erde gelassen. Dadurch aber, daß unser
Maurer den in der Erde sitzenden Teil und alle darumliegenden Steine
und Platten sorgfältig und reichlich mit Zement eingebaut hat, nehmen
wir an, dem wuchtigen Kreuze doch genug Halt gegeben zu haben. Eine
schwache Erdschicht und die ausgestochenen Rasenstücke verdecken die
aufgemauerten Steine. Um es nun recht schön zu machen, ging ich dem
gehobenen Kreuze -- mit Wassereimer und Wurzelbürste bewaffnet -- zu
Leibe, um den in den Vertiefungen sitzenden roten Lehm zu entfernen.
Dadurch aber hob sich der untere Teil des Kreuzes durch sein neues
Aussehen vom alten verwitterten Oberteil ab, was allerdings in anderer
Form auch schon vorher der Fall war. Diesem Übelstand half unser Maurer
dadurch ab, daß er jetzt mit Faustpinsel und Zementwasser auftrat
und dem noch rötlich schimmernden unteren Teile einen dunkleren, dem
Oberteil ähnlicheren, grauen Anstrich gab. Er stellte meine Arbeit als
völlig wirkungslos hin. Mit dem nötigen Humor und mit übertriebener
Peinlichkeit führte er diese letzte Arbeit aus. -- Wir freuten uns
nun alle, als das fertige, gehobene, alte Steinkreuz in seiner vollen
Größe vor uns stand. Wir haben uns viel Arbeit damit gemacht und es hat
manchen Tropfen Schweiß gekostet, aber wir hatten auch viel Spaß dabei.
Unser Maurer, der -- nebenbei bemerkt -- auch schön photographieren
kann, machte nun noch eine Aufnahme, welche ich beigefügt habe. Sie
zeigt im Vergleich zu derjenigen des Herrn ~Dr.~ Kuhfahl, um wieviel
wir das Kreuz herausgeholt haben.
Mit dem Bewußtsein, ein praktisches Stück Heimatschutzarbeit
geleistet zu haben, und in der frohen Hoffnung, daß dies bei anderen
Heimatschützlern in verwandten Vereinen recht bald und oft Nachahmung
finden möge, machten wir uns auf den Heimweg. Denn nicht nur allein
durch die Mitgliedschaft wird der Heimatschutz gefördert und alles
Schöne, Althergebrachte und Vorgeschichtliche auch der Nachwelt
erhalten und überliefert, sondern selbst mit Hand anlegen, beobachten
und schützen: das ist Heimatschutz und tut überall dringend not!
_Richard Köhler_,
Berichterstatter des Touristen-Vereins »Torwalder«
_Anmerkung der Schriftleitung_: Von der hier geschilderten schönen
Tat hörten wir erst durch diesen Bericht. Herrn Köhler und seinen
Mitarbeitern heißen Dank. Wer in ähnlicher Weise praktisch uns
mithelfen will, melde sich bitte bei uns.
Vom Heimatgefühl
Von _Hanns Martin Elster_
Vor gar nicht langer Zeit fuhr ich auf einer pommerschen Kleinbahn, die
mich bei ihrer Schmalspurigkeit und der Leichtigkeit der Miniaturwagen
ordentlich durchschüttelte, so daß ich innerlich schimpfte. Ich merkte
bald, daß der einzige Mitreisende in meinem Abteil das auch tat,
ich hatte ihn schon von Anfang der Reise an beobachtet und darüber
nachgegrübelt, was dieser Amerikaner, denn das war er nach der Art
seiner Kleidung und seines Benehmens, wohl auf der Kleinbahn in diesem
Winkel Hinterpommerns zu suchen hatte, ein »busineß« war doch in
dieser Gegend nicht zu machen, zu einer Jagd schien er auch nicht zu
reisen, denn er hatte weder die notwendigen Schießprügel unter seinem
Gepäck, noch war er entsprechend gekleidet. Als uns der ratternde
Wagen an einer Kurve fast gleichzeitig in die Arme schleuderte,
war die Anknüpfung zu einem Gespräch gefunden, und der Amerikaner
gestand mir bald, daß er seinem Heimatdorfe entgegenfahre, nach mehr
als dreißigjähriger Abwesenheit und Arbeit im neuen Weltteil. Dort
habe es ihm die ganzen letzten Jahre keine Ruhe mehr gelassen, er sei
unbefriedigt an seiner Umgebung wie Tätigkeit geworden, unter seine
nüchternsten Gedanken und Berechnungen hätten sich Erinnerungen aus
seiner Jugend gemischt, und seine Phantasie hätte unaufhörlich Bilder
längst bedeutungsloser Stätten in ihm wachgerufen. Er hätte nicht mehr
bleiben können, _die Sehnsucht nach dem Orte seiner Jugend_, nach dem
Dorfe, wo seine Eltern und Vorfahren gelebt hätten, sei so stark in ihm
gewesen, nachdem er schon jahrelang geglaubt hätte, sie wäre tot, daß
die Arbeit seiner letzten Jahre als Ziel nur immer seine Reise in die
Heimat lohnend, befriedigend gemacht hätte. Und nun nähere er sich dem
Heimatort, jetzt wache in ihm ein großes Glücksgefühl auf. Frieden und
Ruhe breite sich in ihm aus, er sei jetzt zu Hause, in Sicherheit, er
sei wieder da, wo er hingehöre ...
Dieser Amerikaner -- wir wissen es alle -- steht nicht allein da, er
ist typisch für alle Ausgewanderten, in die Ferne Verpflanzten, daß sie
sich nach Hause sehnen, wenn das Alter naht; ebenso typisch, wie das
Gefühl der Ferne, das die überfällt, die immer in der Heimat leben, und
das diese fest mit dem Boden Verwachsenen hinaustreibt in eine neue,
fremde Umgebung. Aber waren sie einige Wochen auf Reisen, so erwacht
auch in ihnen das Heimweh, auch in ihnen der Widerwille an allem
Fremden, Neuen, und das Altgewohnte, von jeher Besessene, erscheint
schöner, reicher und auch wertvoller.
Und es ist auch das Wertvollste, was der Mensch hier auf Erden hat: die
Heimat. Das ist ja wohl das Beklagenswerteste, was es gibt, heimatlos
zu sein oder zu werden. _Seit Urzeiten gilt die Verbannung aus der
Heimat für eine der größten Strafen, die den Menschen treffen können._
Das _Heimatgefühl_ gehört zu denselben Regungen, wie die Sehnsucht nach
Religion. Hier ist es das Jenseits, das uns ruft, dort die Erde, nicht
als Materie, sondern als unser Erlebnis. Wir sind nicht zu trennen
von dem Fleck, auf dem wir geboren und erzogen werden, und haben wir
die ersten zwanzig Jahre an einem Orte verbracht, so werden wir die
übrigen fünfzig Jahre unseres Daseins die Merkmale dieses Ortes nicht
verlieren. Immer inniger kehren wir dorthin zurück, von wo wir einst
auf das Meer des Lebens mit tausend Masten ausfuhren. Wir kehren zurück
mit einem Wrack, aber dies Wrack ist stets fähig, noch das zu tragen,
was wir uns selbständig erwarben, was wir erlebten.
Welche Sühne wußte Gott, um den Brudermörder zu strafen? Keine andere
als diese: »Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.« Kain, der
erste Heimatlose aber antwortete: »Zu groß ist meine Strafe, um sie
zu ertragen.« Und wer ein Mensch ist, der erträgt auch diese Strafe
nicht, es sind übermenschliche Kräfte, die zur Besiegung der Unruhe
des Heimatlosen erforderlich sind, oder es sind _Gefühlsbarbaren_,
die sich über solch eine Verbannung hinwegsetzen, wo sich aber noch
ein menschliches Gefühl regt, und sei es das abschreckendste, sei
es Gemeinheit, Bosheit, Tyrannei, das Heimatgefühl herrscht auch in
solchen Seelen. _Und das Heimatgefühl muß auch in jedem herrschen,
denn es ist uns ein Instinkt geworden_, allerdings nicht mehr jener
materialistische Instinkt, der beim Tiere waltet, das nach dem Spruche:
»~Ubi bene, ibi patria~« handelt, sondern _jener seelische, geistige
Trieb_, den die Einheit der Umgebung und unseres körperlichen wie
intellektuellen Daseins in uns wachruft. Es ist fast unmöglich, das
Heimatgefühl begrifflich zu definieren, logisch, verstandesmäßig
zu umgrenzen, festzulegen, es ist ebenso schweifend und machtvoll
wie das Lebensgefühl in uns; wird doch dieses oft gestört, wenn das
Heimweh an uns nagt. Wir haben auch nicht nötig, uns eine klare
Vernunftvorstellung von dem Heimatgefühl zu machen, weil wir alle
es in uns tragen, wir alle es kennen, weil es in uns lebt, ohne daß
wir Macht hätten, es zu beherrschen. Wir können in der herrlichsten
Landschaft bei dem schönsten Wetter unter den liebenswertesten und
uns nächsten Menschen, bei vollkommenster Sorgenfreiheit sitzen, es
wird uns doch plötzlich eigen zumute, wenn jemand fragt, wie es jetzt
daheim ausschauen mag, oder wenn plötzlich eine Erinnerung an uns
vorüberzieht, auch ohne daß sie laut wird. Oder wir können uns fremd
unter fremden Menschen fühlen; spricht aber dann jemand von unserer
Heimat, sogleich wird uns wohl und glücklich zumute, sogleich fühlen
wir uns zuhause.
Das Heimatgefühl ist wie die poetische Seite des Lebensgefühls: alle
die Worte wie daheim, zu Hause, heimatlich, heimselig, heimlich u. a.
m. haben einen poetischen Schimmer an sich, der auf uns zurückstrahlt,
unser Leben verschönt. Von _Ovid_ bis Viktor _Hugo_, von _Homer_ bis zu
dem modernen _Strindberg_, alle wußten, was der leidet, der ferne der
Heimat ist. Wer erinnert sich nicht der Klagen des Odysseus, wer nicht
aller der Männer in der Bibel, die die Heimat zu schauen begehrten? Wer
fragt sich nicht bei jeder Wiederkehr der Störche, der Schwalben, der
Stare, weshalb sie die weite, beschwerliche und gefährliche Reise aus
dem Süden wagen, wo sie es doch dort um so viel leichter, besser haben?
Es ist immer wieder jener göttliche Drang, der dunkel ist, aber groß
und schön, lebenskräftigend.
Nicht das ist das Wesentliche des Heimatgefühles, was wir empfinden,
wenn wir einem Fremden unsere Heimat zeigen, sei sie auch noch so
armselig und schlicht, sei sie auch noch so bar jeder äußeren Vorzüge,
sondern _eben jenes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Boden und
jene tiefe Sehnsucht_. Wie leer und schal erscheint uns das Leben,
sind wir gezwungen, es in fremden Diensten, unter fremden Menschen,
auf fremden Boden zu verbringen. Für unsere Heimat und in ihr sind wir
mutig, stark und sicher, tun wir alles. Die eigentlichen Volkskriege,
wie die Befreiungskriege, sind Kämpfe um das Heimatgefühl, man will
nicht mehr Fremdling sein in seinem Vaterland. Am unlöslichsten ist der
Bauer mit seiner Heimat verbunden: hat er auch einmal jene Sehnsucht
nach der Ferne, sie wird schnell befriedigt sein, denn ihm geht nichts
über seine Scholle.
Und mit Recht! Man kann nichts mehr beklagen, als daß die moderne
Entwicklung mit ihren Idealen der Freizügigkeit und des Freihandels die
Macht des Heimatgefühls brechen zu wollen scheint. _Reißt dem Menschen
die Heimat aus dem Leben, so dünkt es ihn nicht mehr begehrenswert!_
Bodenständigkeit ist nicht nur die Grundlage aller Kultur, sondern auch
die aller Lebensmöglichkeit. Allein auf unserer Scholle, in unserer
Heimat kommen wir zum Bewußtsein unserer selbst, unserer seelischen
Kräfte, zur Erkenntnis des Göttlichen, das im Menschen ruht. Freilich
ist damit nicht gesagt, daß man sich nie aus seiner Heimat entfernen
solle. Das wäre eine falsche Schlußfolgerung, im Gegenteil, die Ferne,
die Fremde lehrt uns erst die Heimat lieben, und man kann nur jedem
jungen Manne wünschen, daß er sich den Wind ein paar Jahre lang draußen
in der Welt um die Nase wehen lasse, das weitet den Blick, stärkt das
Nationalgefühl, um so lieber verbringt er dann sein Leben in der Heimat.
Man kann sich aber auch freuen über unsere Zeit, denn sie hat den Wert
des Heimatgefühls auch ganz erkannt, und nicht nur das, sondern sie
handelt auch danach: Mächtiger denn je klingt das Wort Heimat in den
deutschen Landen, unser Leben hat wieder nationalen Boden gefaßt, wir
schweben nicht mehr in der Luft, materialistischen Idealen nachjagend,
sondern wir sind wieder Wirklichkeit kennende Idealisten. Unsere Kunst
steht nach wie vor unter dem Zeichen der Heimat, freilich muß die
hohe höchste Kunst, wie sie sich im »Faust«, in Wagners Musikdramen,
in Beethovens Werken offenbart, sich in einer gewissen Distanz über
das rein Heimatliche erheben, damit ist sie aber nicht um irgendeinen
Punkt weniger deutsche, denn wer anders als Deutsche hätten einen
»Faust«, die »Neunte Sinfonie«, einen »Tristan und Isolde«, schaffen
können? Hier sieht man, wie das Nationale als Nationales -- denn das
bleibt es und muß es bleiben -- zum Internationalen wird, nicht zu
jenem heimatlosen Kosmopolitismus, den manche einem Goethe anhängen
wollen, sondern zu jener Herrschaft über die Welt durch die Kunst,
wie wir sie auch im Shakespeare verehren. Und nur die Kunst kann
international werden, die national ist, das sollte man nie vergessen,
es liegt klar zutage. Aber nicht nur in der Kunst denken wir wieder
national, auch unser politisches, konfessionelles, wirtschaftliches
und wissenschaftliches Leben rückt mehr und mehr dem Gesichtspunkte
zu, nicht, daß es dadurch seine Richtung tendenziös verschieben ließe,
sondern es bleibt ehrlich auf der klar erkannten Bahn, dabei sich aber
bewußt der Quelle, aus der die Kraft fließt, mit deren Hilfe wir die
Bahn abschreiten, _das ist das Heimatgefühl_!
Die Zschemelschka
Von ~Dr.~ _H. Stübler_, Bautzen
Die Zschemelschka? Wer ist das? Ist es eine wendische Dorfschöne?
Ja, wenn sie der geneigte Leser besuchen will, muß er von Bautzen
aus in die nördliche Teichgegend ziehen. Er kann sie in fünf
Viertelstunden erreichen, wenn er an einem schönen Frühlingsnachmittag
die Muskauer Straße hinauswandert und hinter Burk nach Doberschütz
zu abbiegt. Besonders schön wird sie ihm erscheinen, wenn rosenroter
Abendsonnenschein sie umleuchtet. Dann wird sie sich offenbaren als
eine verborgene kleine _Natur_schönheit: die Zschemelschka ist nämlich
ein letzter Rest eines aus dem Granit herausgewitterten Quarzriffes.
Das deutet auch ihr _Name_ an: denn darin steckt das wendische Wort
für Quarz = křem. Wie beispielsweise aus dem niederdeutschen krischan
= Christian über Kschischan schließlich der in der Lausitz häufige
Familienname Zschieschan geworden ist, so hat sich jener Stamm křem im
Munde der Umwohner zu Zschem-elska, Zschem-elschka verwandelt.
Da die weißen Felsen, die leider schon zur Hälfte abgebaut sind
und als harter Klarschlag im Schotter der benachbarten Straßen und
Fahrwege begraben liegen, weithin leuchten, ist es nicht allzu schwer,
sich auf Feldwegen und Rainen zur Zschemelschka heranzupirschen. Dem
Landmann liegt sie höchst unbequem mitten in Feldgebreiten, und ich
glaube wohl, daß er nichts dawider haben würde, wenn sie eines Tages
völlig zersprengt und abgebaut würde, wenn das unfruchtbare Riff so
verschwände, die Grube aufgefüllt würde und der Pflug darüber hinziehen
könnte.
[Illustration: =Die Zschemelschka bei Niedergurig, Bezirk Bautzen=
(Phot. _Rich. Huth_, Bautzen)]
Dem Naturfreund und dem Forscher aber wird »der Stein des Anstoßes«
zu einem _Naturdenkmal_. In der Richtung ~NW~--~SO~ erstreckt sich
das weiße Quarzriff, etwa fünf Meter am Grunde breit, fünfundzwanzig
Schritte lang, und der bereits abgebaute westliche Teil war
etwa ebenso lang. Aus der Sprenggrube wuchern Salweide, Hasel,
Hirschholunder, Weißdorn, Wildkirsche, Eberesche; am östlichen Ende
treibt eine erst im Kriege gefällte Eiche neue Stockausschläge; den
Fuß der Quarzmauer schmücken im Sommer allerhand Stauden und Gräser,
Brombeerranken und Himbeerruten, Rumex, Johanniskraut, Fetthenne,
Weidenröschen, Wollkraut, Steinnelken, Besenstrauch. Aber selbst in
die schutterfüllten Längsrisse drang der Pflanzenwuchs ein, ja der
harte, lebensfeindliche, »nackte« Fels mit seinen wohl durch Mangan-
und Eisenbeimischung rötlichfleischfarbenen und violetten Adern ist
mit schwärzlichen Schrift- und grünlichen Schüsselflechten getüpfelt,
hie und da schon von einem Mooskissen besetzt worden. Die höchsten
Teile werden gerne von Raubvögeln als Auslug und Kröpfstellen
benutzt; in den Rissen spannen Spinnen ihre Fangnetze und Brutwiegen;
Kaninchenhöhlen und allerhand Tierlosung verraten besonders an der
windgeschützten, sonnenbeschienenen Südseite auch andere Liebhaber der
Zschemelschka.
Den _Naturfreund_ wird der _Aus-_ und _Umblick_ erfreuen. In der
Längsrichtung des Riffes schaut er über das in der Teichaue der
Spree gelegene Doberschütz und Niedergurig nach ~NW~ hin bis zur
spitztürmigen Kirche von Quatitz; nach ~SO~ über den Bytschin bei
Breitendorf zum Doppelgipfel des Löbauer Berges und zum Rotstein
bei Sohland. Nach ~N~ haftet der Blick an den kleinen Gehölzen der
nächsten Granitkuppen, z. B. an dem Teufelsstein bei Pließkowitz mit
seinen hünengrabähnlichen Gipfelklippen im Zwergwalde grüner, später
gelbblühender »Ginster«büsche, am Windmühlenberge bei Gleina, an den
Essen des Braunkohlenwerkes von Kleinsaubernitz. Am lohnendsten aber
ist der Südausguck: erst bauen sich mit dunklem Nadelwald, aus dem im
Frühjahr helleres Laubgrün aufleuchtet, die rundlichen Granitkuppen
der Kreckwitzer Höhen auf: Krähen-, Linden-, Mittel- und Birkberg;
dahinter aber staffeln sich wunderschön fernblau die nicht abgesunkenen
Basteien des Granitberglandes vom Hochstein bis zum Klosterberge: das
türmereiche Bautzen liegt malerisch dazwischen.
Dem _Forscher_ erzählt die Zschemelschka mehr -- er erinnert sich
des »Pfahls« im Bayrischen Wald, der hundertdreißig Kilometer lang
von Amberg bis Passau in einem ähnlichen Granitgebiete schnurgerade
dahinzieht und oft auch ähnliche Mauern und Riffe bildet, wie hier die
Zschemelschka eins ist. Und wenn er die geologischen Karten zu Rate
zieht, so erkennt er bald, daß sie auch nur ein »hervorragender« Teil
eines »_Lausitzer Pfahls_« ist, der sich von Maltitz bei Weißenberg bis
Schmerlitz westlich Königswartha über fünfunddreißig Kilometer weit
verfolgen läßt. Quarz ist hart; der umgebende Granit verwitterte eher
und rascher, so blieb das Riff erhaben in der Landschaft stehen und
bildete ragende weißliche Mauern. Bei _Belgern_[2] im ~SO~ errichteten
auf einem an hundert Meter breiten Stück dieses Quarzganges, von dessen
ragender Höhe man einen weiten Umblick hat, schon die Urbewohner
unserer Lausitz eine _Ringwallwohnstätte_. Aber dort ist die Quarzmauer
schon gewaltig abgebaut.
[2] Bel-gern, vergl. Belgrad = Weißenburg, wegen der _weißen_
Farbe des Quarzgangs.
Die _schnurgerade Richtung_ des langen Quarzganges, der übrigens im
Granitlande südwärts zahlreiche größere und kleinere, meist ähnlich
verlaufende, aber oft nur noch an Lesesteinen erkennbare Brüder hat,
bezeugt uns, daß wir hier an der Grenzscheide zweier gegeneinander
abgesunkener oder verschobener Granitschollen stehen, deren Abrißfuge
durch nachdrängende kieselsäurereiche Lösungen aus der Tiefe
ausgekittet wurde, wie ja in Augustusbad bei Radeberg noch heute an
die Quarzgänge Mineralquellen gebunden sind. Sonst haben sich in
solchen Spaltenfüllungen oft auch _Erze_ mit ausgeschieden, aber unsere
Lausitzer Gänge sind meistens »taub« -- auch die Zschemelschka. Aber
indem nun das harte Quarzfüllsel der Spalte durch die jahrtausendelange
Verwitterung zum ragenden Riff aus der Umgebung sich heraushob, indem
es den darüber hingleitenden Eismassen Trotz bot, die die Kuppen der
Kreckwitzer Höhen zu »Rundhöckern« abschliffen, ist die Zschemelschka
ein »beredter« Zeuge erdgeschichtlichen Werdens auf Lausitzer Boden
geworden, wert, erhalten und geschützt zu werden, ehe sie das Schicksal
der »Steinklunse« im Cunewalder Tal trifft; denn die ist längst
zersprengt und zerschlagen. Wer mehr davon zu lesen wünscht, der möge
den letzten Dreijahrsbericht der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft
Isis in Bautzen (1916--1918) nachschlagen, der noch mancherlei anderes
Neues aus der Natur der Heimat enthüllt.
Die Besitzer des Grundstücks, Gemeindevorstand Zieschang und
Gutsbesitzer Kunath in Doberschütz, haben die Erhaltung des
Naturdenkmals in dankenswerter Weise dem Landesverein Sächsischer
Heimatschutz zugesichert. Eine von diesem angebrachte Tafel macht den
Wanderer auf die Felsen aufmerksam und mahnt zu ihrem Schutze.
Erhaltet dem heimatlichen Landschaftsbilde die Alleen und die
hervorragenden Bäume
Von _A. Klengel_, Meißen
»Dem teutschen Menschen müssen nirgends Bäume fehlen!« schrieb
Ernst Moritz Arndt, der gründliche Kenner echten deutschen Wesens
zu Anfang des vorigen Jahrhunderts. Und wahrlich, dieser urdeutsche
Mann hat recht mit seinen schlichten Worten. Die deutsche Landschaft
ist ohne das belebende Grün von Baum und Strauch, ohne den ernsten
Waldhintergrund nicht denkbar und im Herzen des echten Deutschen, der
sich die Gemütstiefe bewahrt hat im Strome der Zeit, klingt, einer ewig
ungestillten Sehnsucht gleich, das Verlangen nach dem grünenden Baum
und Strauch, die festverankert sind im Schoße der heiligen Mutter Erde,
die Zeugnis geben von der urwüchsigen Naturkraft, die aus der Scholle
quillt, den Baum zu beleben, mit frischem Grün und duftenden Blüten zu
schmücken und ihn zu befruchten im bunten Wechsel des Jahres. --
Die alten Germanen, die Urbewohner deutschen Landes, wohnten in
Wäldern. »Allenthalben starrt der Urwald« berichtet der Römer Tacitus,
der zu Anfang unserer Zeitrechnung das Land beschrieb, das wir heute
unsere Heimat nennen. Dies erklärt gar vieles im deutschen Wesen. Die
Liebe zum Walde, die Liebe zum grünen Baum lebt fort im Herzen des
Deutschen als ein teures, ein heiliges Vermächtnis aus den Urtagen
deutschen Seins, aus jener fernen Zeit, da unsere Väter noch in den
Wäldern lebten, sich geborgen fühlten unter der Krone des Baumes, die
über ihnen rauschte, im Haine zu ihren Göttern beteten und Baum und
Strauch mit Gottheiten beseelten.
Durch Jahrtausende hat der Deutsche Bäume und Sträucher um sich gehegt;
er hat festgehalten an dem uralten Brauch, den ihm die Väter vererbten.
Als Frevel, als fluchwürdiges Verbrechen galt das mutwillige Fällen
eines Baumes.
Betrachten wir alte Bilder deutscher Landschaften und Siedlungen!
Niemals werden wir Bäume und Sträucher darauf vergeblich suchen. Die
Linde auf dem Dorfplatze ist geradezu ein Wahrzeichen des deutschen
Landes geworden; unter ihr wurde nach altem Brauche Recht gesprochen,
unter ihr sammelten sich die Glieder der Gemeinde zu ernsten
Beratungen, unter ihr tummelte sich die Jugend und feierte ihre
fröhlichen Feste mit Spiel und Tanz.