Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
4 bis 6
Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
Band X
_Inhalt_: Das westliche Vogtland, ein deutsches Wald- und
Wandergebiet -- C. G. Schillings † -- Praktische Arbeit zur
Erhaltung unserer Steinkreuze -- Vom Heimatgefühl -- Die
Zschemelschka -- Erhaltet dem heimatlichen Landschaftsbilde
die Alleen und die hervorragenden Bäume -- Schlagbaum und
Chausseehaus in Sachsen -- Die Schneeheide -- Seiffen und
das Bunte Haus, eine Fahrt ins Weihnachtsland -- Neue
Wohnhausbauten im Erzgebirge -- Bücherbesprechungen --
»Vogelschutz« von seiten eines Forschers -- Hermann Vogel † --
Der nutzlose Baum
Einzelpreis dieses Heftes M. 5.--, Bezugspreis für einen Band (aus 12
Nummern bestehend) M. 15.--, für Behörden und Büchereien M. 10.--.
Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos, _Mindest_jahresbeitrag
M. 10.--
Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
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Dresden 1921
Aufruf
an die Sachsen im Ausland zur Erwerbung der Mitgliedschaft des
Landesvereins Sächsischer Heimatschutz.
Von vielen, die im Auslande die Treue zu ihrem Heimatland auch dadurch
zum Ausdruck bringen, daß sie Mitglieder unseres Vereins sind, erhalten
wir über unsere Veröffentlichungen so begeisterte Zuschriften, daß wir
den Mut fassen, weiter im Auslande Mitglieder für unseren Verein zu
werben, um unsere Bewegung auch wirtschaftlich zu stärken. Wir bitten
unsere werten Mitglieder zu diesem Zwecke, uns die Anschriften ihrer
Verwandten, Freunde und Bekannten im Auslande mitzuteilen oder selbst
unter Abforderung von geeigneten Werbesachen bei uns an diese im Sinne
dieser Ausführungen zu schreiben.
Über nichts freut sich der Auslanddeutsche fern vom Heimatlande so sehr
wie über Bilder und Schilderungen der Stätten, wo er die Kindheit, die
Jugend verlebt hat. Und könnte es da geeignetere Veröffentlichungen
geben als unsere »Mitteilungen« mit ihren zahlreichen Bildern und
Schilderungen des alten Heimatlandes?
Wir fügen diesem Hefte eine Postkarte bei, auf der wir geeignete
Anschriften erbitten.
Für eine freundliche Hilfe sagen wir im voraus herzlichen Dank.
=Landesverein Sächsischer Heimatschutz=
Dresden-A., Schießgasse 24, I.
Band X, Heft 4/6 1921
[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den
Vorstand herausgegeben
Abgeschlossen am 1. April 1921
Das westliche Vogtland, ein deutsches Wald- und Wandergebiet
Von Studienrat _Hans Hänig_, Wurzen
Aufnahmen von _Curt Sippel_, Plauen
Unsere engere Heimat ist reich an Schönheiten. Wer das Erzgebirge
durchwandert und den Reiz des Elbsandsteingebirges genossen hat,
wem es vergönnt war, von der Höhe des Oybin aus seine Blicke über
das böhmische Mittelgebirge schweifen zu lassen, der wird voll
sein von Lobes über ein Land, dessen Lebensbedingungen im übrigen
Deutschland nicht eben für günstig gelten. Aber wie es z. B. die
Geschichtswissenschaft nicht immer mit den Höhen des menschlichen
Daseins zu tun hat, sondern auch die Niederungen berücksichtigen muß,
so muß man von dem Schilderer unserer Heimat verlangen, daß er auch
den Gegenden ein liebevolles Verständnis entgegenbringt, die nicht
von vornherein als Glanzpunkte von Wanderungen gelten können. Er
wird vielleicht manches vermissen, was ihm sonst als beachtenswert
erscheint, aber er wird auch hier vieles finden, an dem sein Blick mit
Wohlgefallen hängt und von dem echtes Heimatsgefühl ausströmt, das uns
gerade jetzt so vonnöten ist. Warum immer nur das Erzgebirge oder die
Lausitz oder die Sächsische Schweiz? Auch in Südwestsachsen gibt es
Landschaften, die eine eingehende Betrachtung wert sind. Ich will den
Leser in das Vogtland führen, und zwar in den westlichen Teil, und
hoffe ihn überzeugen zu können, daß auch dieser Teil unserer engeren
Heimat mit seinen Naturdenkmälern, Bergen und Erinnerungen aus der
Vergangenheit eine liebevolle Anteilnahme verdient.
[Illustration: Abb. 1 =Straßberg bei Plauen i. Vogtl.=]
So lade ich denn den freundlichen Leser ein, eines Nachmittags mit
mir von Plauen aus ins westliche Vogtland zu wandern. Wir benutzen
die Straßberger Straße und erblicken schon in dem ersten Dorfe
Straßberg, das etwa eine Wegstunde von Plauen entfernt liegt, ein
ehrwürdiges Denkmal aus der vogtländischen Vergangenheit. Es ist die
altertümliche Kirche dieses Dorfes, die wie so manche andere des
westlichen Vogtlandes (Untertriebel, Schwand, Thierbach bei Plauen)
Spuren ehemaliger Befestigungen aufweist. Es war ein Schutz gegen
die unaufhörlichen Kriegsnöte, die dem Vogtland niemals erspart
worden sind: seit es von Franken aus besiedelt wurde (daher auch die
ostfränkische Mundart der Bewohner, die auch ihrem Wesen nach eher
den Bayern nahestehen als den Sachsen), hörte das Land nie auf, ein
Durchgangsgebiet zwischen Bayern und Mitteldeutschland zu sein, auch
nachdem die Herrschaft der Vögte -- das Land war bis dahin sogar
zeitweise Reichslehen gewesen -- an die der Wettiner übergegangen war.
Noch erzählen zahlreiche Steinkreuze von der Herrschaft der Kirche
oder von Mordtaten, die begangen worden waren (der derbe, wenn auch
gutmütige Vogtländer greift auch heute noch gern zur Selbsthilfe, was
an seine bayrische Verwandtschaft erinnern mag oder an die Zeit, in
der noch die Sorben und Deutschen nebeneinander wohnten), und fast
jede der größeren Städte an der Elster erfuhr an sich das Wüten des
grausamen Generals Holk, der mit seinen Scharen im Dreißigjährigen
Krieg von Eger anrückte und überall ein Schrecken der Vogtländer
wurde. Was könnten allein die Kirchenbücher von Ruppertsgrün und von
Pausa Schreckliches von den Leiden jener Zeit erzählen! Auch in den
folgenden Kriegen ist das Land nicht verschont geblieben: am Wartberge
bei Taltitz fochten im Siebenjährigen Kriege die Ziethenschen Husaren
gegen die Österreicher, und im Jahre 1806 wurden die Dörfer Groß-
und Kleinzöbern, sowie Thiergarten bei Plauen von den Franzosen
niedergebrannt, um den übrigen Scharen, die von der Schleizer Gegend
aus vordrangen, ein Zeichen zu geben. Aber wir wollen nicht immer bei
den schweren Zeiten verweilen, die über das Vogtland hinweggegangen
sind. Bereits das nur wenige Minuten entfernt gelegene Dorf Kürbitz
ladet mit seiner herrlichen Kirche, die für eine der schönsten in
ganz Sachsen gilt, zu sinniger Betrachtung ein. Wohl ragt sie rein
äußerlich höchstens durch die Größe ihres 42 Meter hohen Turmes etwas
aus der langen Reihe der Schwesterkirchen hervor, die so manches
vogtländische Dorf aufzuweisen hat, aber schon ein Blick durch die
schöne Hauptpforte zeigt, daß die Kunst hier eine dauernde Stätte
gefunden hat. Wir stehen in einer Hallenkirche mit drei Schiffen, über
die sich ein kunstvolles Kreuzgewölbe spannt, während an den Fenstern
Spitzbogen mit Rundbogen abwechseln. Auch die Kanzel aus Sandstein mit
den Evangelisten und Moses, sowie der Taufstein mit dem kelchartigen
Unterbau ist erwähnenswert, aber niemand wird die schlichte Größe
des Altares vergessen, der aus der alten Kirche vor der Reformation,
einer Gründung der Deutschritter in Plauen, übernommen worden ist. Es
ist ein dreiteiliger Flügelaltar, dessen geschnitzte und vergoldete
Figuren wie verwundert und versonnen aus jener Zeit in die heutige
hineinschauen und gerade deshalb durch ihre kindliche Einfalt so
ergreifend wirken: die Mutter Maria mit dem Jesuskindlein und den
Aposteln, Maria Magdalena am Grabe des Herrn und die Mutter Maria,
wie sie ihrer Mutter, der heiligen Anna, das Kind darreicht. Auch die
Gemälde möchte man an dieser Stätte dörflicher Kunst nicht missen, die
biblische Begebenheiten sowie solche aus der Geschichte der Herren von
Feilitzsch darstellen, und es möge erwähnt werden, daß eines dieser
Bilder, die Einkehr des Herrn bei Maria und Martha, aus der Schule von
Rubens herrühren soll. Auch die drei kleinen Altäre sind erwähnenswert,
die ebenfalls mit Schnitzwerk und Malereien reichlich versehen sind.
Die Kirche soll eine Stiftung des kunstsinnigen Urban Caspar von
Feilitzsch sein, der sie in den Jahren 1624--1626, also während des
Dreißigjährigen Krieges gebaut haben soll. In einem Seitenschiffe
befindet sich die Begräbnishalle dieser Familie, und viele ihrer
Mitglieder sind auf den Grabsteinen, umgeben von vielen Wappen,
dargestellt.
[Illustration:Abb. 2 =Kirche zu Kürbitz=
(Phot. _Hans Ulbricht_, Chemnitz)]
Der Weg von dem Elstertale bis zur bayrisch-reußischen Grenze ist
noch weit, und wir müssen noch manche Höhe überwinden, ehe wir zu
unserem Ziele für heute gelangen. Das ganze westliche Vogtland, das
mit dem östlichen Teile einen Übergang zwischen dem Erzgebirge und
dem Thüringer- und Frankenwald bildet, steigt von hier an allmählich
zu der Höhe von etwa 600 Meter auf, die zugleich die Grenze zwischen
dem Vogtland und dem reußischen Gebiet bildet, aber das Gelände ist
von zahlreichen Talrinnen durchfurcht, von denen die meisten nach der
großen Elsterkrümmung zwischen Plauen und Ölsnitz zu verlaufen. Nur ein
eigentlicher Paß, der von Wiedersberg, bildet eine mäßige Einsenkung
dieser Hügelketten, die, wie das ganze Gelände, auch nach Norden einen
allmählichen Abfall zeigen, und dort führt auch die Straße von Plauen
nach Hof ins Bayrische hinüber. Somit ist auch eine Wanderung in dieser
Gegend nicht ohne Reiz, wenn auch überragende Berggipfel fehlen: Dörfer
wechseln mit Waldstücken und Äckern, auf denen der Bauer jahraus,
jahrein in harter Arbeit dem Boden seine Erzeugnisse abringt (der
Boden des Vogtlandes ist zumeist felsig und gibt nur dort einigermaßen
gute Ackererde, wo Grünsteinschichten verwittert sind), und zwischen
dem Grün der Wiesen schlängelt sich manches Bächlein dahin, um in
eine größere Schwester einzumünden. Die Bauernhäuser zeigen auch hier
die Merkmale fränkischer Besiedlung: der Hof von Gebäuden umgeben,
die Häuser von Fachwerk, und dazwischen manch altes Blockhaus, die
Kirchtürme oft mit zwiebelförmigem Aufbau wie in Franken, und
vielfach noch alte Dorflinden, die manches ländliche Fest im Reigen
der Jahre gesehen haben. Nur das Herrschaftshaus eines Rittergutes
hebt sich mitunter einigermaßen aus dieser Bauart heraus, und manche
dieser Schlösser wie die von Geilsdorf, Reuth und Rodersdorf zeigen
geradezu durch ihre Wasserbefestigungen, daß sie aus alten Wasserburgen
entstanden sind.
[Illustration: Abb. 3 =Altes Wasserschloß in Mechelgrün=]
Aber es ist unterdessen spät geworden bei unseren Betrachtungen, und
wir müssen noch ein tüchtiges Stück Weg über die Höhen zurücklegen,
die vor uns liegen, um noch vor Abend zu unserem Ziel zu kommen. Schon
ziehen sich im Reußischen, das sich drüben jenseits des Stelzenbaumes
erhebt, die Abendwolken zusammen, aber rückwärts von uns hat das
Gewitter ausgetobt, das noch vor einer Stunde über der Landschaft
gelegen hat: der ganze Grund, der sich bis in die Straßberger Gegend
hinzieht, ist von Nebel verhüllt, aus dem sich nur taufrisch einzelne
Waldstücke und Wiesen hervorheben. Noch ein seltsam schönes Bild soll
unsere Aufmerksamkeit anziehen, ehe wir weiter wandern. Seitwärts von
dem holprigen Wege, der eben wieder am Tannenwald entlang eine größere
Höhe genommen hat, ruht ein See, dessen Oberfläche nach dem Gewitter
dampft, das auch hier wie ein verjüngendes Bad über die Natur gegangen
ist, und wie scheu öffnen sich die Kelche der Wasserrosen den Strahlen
der Sonne, die sie jetzt wieder auch in diesen stillen Erdenwinkel
herniedersendet. Der Dichter des Vogtlandes, J. Mosen, der in einem
Dörfchen an den Abhängen jenseits der Elster geboren ist, hat das Bild,
das uns hier die Natur vor Augen zaubert, in Worte gekleidet:
Der See liegt tief im blauen Traum,
von Wasserblumen zugedeckt;
ihr Vöglein hoch im Fichtenbaum,
daß ihr mir nicht den Schläfer weckt!
Doch leise weht das Schilf und wiegt
das Haupt mit leichtem Sinn;
ein blauer Falter aber fliegt
einsam darüber hin! -- --
Unser Weg geht nach dem hart an der bayrisch-reußischen Grenze
gelegenen Dorfe Mißlareuth; aber bevor die Sonne untergeht, soll
sie uns noch einmal ein Stück vogtländischer Landschaft von einer
weihevollen Stätte aus vor Augen zaubern. Nach einstündigem Marsche,
der wegen der Steigerung zusehends anstrengt, gelangen wir nach dem
Dörfchen Krebes, das sich eine lange Talrinne hinaufzieht, und daneben
liegt, mit überraschend schönem Blick auf das wellige Hügelland, eine
weithin sichtbare Grünsteinkuppe, der Burgstein, in dessen Ruinen die
Reste zweier Wallfahrtskapellen zu finden sind. Beide wurden 1430
von den Hussiten zerstört, und damit verschwand auch das berühmte
Marienbild, dessen Gnadenhandlungen der Burgstein seinen Ruhm und
seinen Reichtum zu danken hatte. Das liebliche Landschaftsbild, das
ehrwürdige Gemäuer umrandet vom Grün der Fichten, erinnert an so
manches Gegenstück im Fichtelgebirge wie an den Epprechtstein und den
Waldstein, von dem die Blicke fast bis zu uns herüberschweifen. Wir
empfinden, was ein Dichter des Vogtlandes aus jüngster Zeit hier in
Worten ausgesprochen hat:
Burgsteinkapellen.
Geborsten die Wandung, das Meßwerk welk,
Hussitenverwunschen Gewölb und Gebälk,
Entgöttert das Chor.
Kein wunderwirkend Marienbild
Nickt mehr aus der Nische versöhnungsmild,
Keine Glockenverheißung, kein Weihrauchflor
Hängt mehr in der Luft.
Aber Fichtenwald predigt im Chor.
Königskerzen lohn. Und im Wehmutsfeuer
Des Sonnabendabschieds strahlt wie verklärt das Gemäuer.
Harzduft wittert vom frühen März
Bis spät in den Sommer. Stundenlang läutet die Kuckucksterz,
Und im Herbstwind nestelt Mariengarn,
Heimwehwimpel in Fichte und Farn -- Gottes voll kniet das Herz.
(K. A. Findeisen).
Aber drüben grüßt, schon im Dunkel des Abends umfangen, der Turm von
Mißlareuth zu uns herüber, wo wir für heute Nacht rasten wollen. Über
den Schienenstrang, auf dem die Schnellzüge der Nord-Süd-Expreßlinie
nach dem Süden eilen, geleitet uns ein anmutiger Buchenweg nach der
Höhe hinüber, an der sich das Dorf entlang zieht. Ein vogtländisches
Bauerndorf wie viele andere, aber im Herzen der Natur und fern von
der Kultur, die auf die größeren Städte des östlichen Vogtlandes
beschränkt geblieben ist. Auch der Gasthof, in dem wir übernachten,
ist ein Bauernhof mit derben Pfosten und schlichten Kammern, aber
in den einfachen Betten schläft es sich besser als in den weichen
Hotelbetten, die wir vielleicht eine halbe Stunde weiter nach Westen,
in dem preußischen Städtchen Gefell, finden würden. Wir brauchen die
Ruhe; denn wir haben noch einen weiten Weg vor uns, wenn wir noch den
nördlichen Teil des westlichen Vogtlandes kennen lernen wollen.
[Illustration: Abb. 4 =Ruderitz mit Burgstein=]
Das Dorf Mißlareuth, in dem wir die letzte Nacht zugebracht haben,
braucht sich, was seine Höhenlage anbetrifft, nicht vor den übrigen
Dörfern des Vogtlandes und des Erzgebirges zu schämen, es wetteifert
mit den 620 Metern seiner Höhenlage mit den höheren Siedlungen des
Erzgebirges, und sein schmucker Kirchturm grüßt frühmorgens hinüber
zu dem von Schöneck und leuchtet selbst dem entgegen, der von der
Ruine des Epprechtsteines im Fichtelgebirge seinen Blick gegen Norden
schweifen läßt. Aber selbst der hochgelegene Kirchhof legt dem Besucher
nahe, den Blick von der heimatlichen Scholle in die Weite schweifen
zu lassen; denn gleich am Anfang liegt, durch ein Denkmal geziert,
das Grab des gelehrten vogtländischen Bauern Nikolaus Schmidt, nach
dem Großvater genannt Küntzel, auf den noch heute seine Landsleute
stolz sein können und der zwei ihrer besten Eigenschaften, die
Zähigkeit und die Bodenständigkeit, zum Ausdruck gebracht hat. Er
wurde zu Rothenacker geboren, das zwar im Reußischen liegt, aber nach
Mißlareuth eingepfarrt ist. Dort lernte Nikolaus, dessen Vater das
größte Bauerngut im Dorfe besaß, durch Vorsagen von der Mutter die
ersten Gebete und die Hauptstücke des Katechismus, während ihm ein
Dorfjunge, der an seiner Stelle die Kühe hüten sollte, an der Hand
eines A-B-C-Buches zum ersten Lehrer wurde. Von dem Schulmeister in
Mißlareuth erhielt er ein Buch, das seinen Wissenstrieb in weitere
Bahnen lenkte: einen Katechismus, der in vier Sprachen (deutsch,
lateinisch, griechisch und hebräisch) geschrieben war. Und nun wächst
dieser seltsame Mensch Schritt für Schritt aus der Enge seines
Heimatbodens heraus, der er doch bis an das Ende seines Lebens als
Bauer treu geblieben ist. Von dem gelehrten Sprachkenner, der mehr
als ein Dutzend fremder Sprachen lesen, sprechen und verstehen
konnte, redete man am Hofe des Kurfürsten Johann Georg I., der ihm
eine zehnbändige Bibel in deutscher und lateinischer Sprache und
dreiunddreißig Taler schenkte, wie an dem zu Gera, dessen Fürst ihm
Steuerfreiheit und das Recht verlieh, den Titel Herr zu führen, und der
Erfolg des ersten Schmidt-Küntzelschen Kalenders, der im Jahre 1653
erschien (man bedenke, daß das Leben dieses seltsamen Mannes in das
Dunkel des Dreißigjährigen Krieges fiel) und der bis ins achtzehnte
Jahrhundert hinein fortgeführt wurde, zeigt, daß auch in weiten Kreisen
des deutschen Volkes hinein sein Name gedrungen war. Die Bücher zu
seinem rastlosen Studium mußte er sich freilich selbst beschaffen, und
so finden wir ihn mit seinem Schubkarren in Hof, Schleiz, Lobenstein,
ja selbst in Leipzig und Nürnberg, und welch ein Verlust muß es für ihn
gewesen sein, als seine kostbare Sammlung von sechshundert Bänden im
Jahre 1640 von plündernden Kroaten vernichtet wurde. In der Dresdner
Bibliothek befindet sich noch eine Handschrift vom gelehrten Bauer mit
150, in der von Schleiz eine solche mit 250 Schrift- und Sprachproben
(er hat es bis zur Meisterschaft im Schönschreiben gebracht), und von
seiner Beschäftigung mit der Arznei- und Himmelskunde legt der erwähnte
Kalender beredtes Zeugnis ab. Im Jahre 1671 ist sein müder Leib der
Heimatserde zurückgegeben worden. --
Wir setzen unsere Wanderung an dem taufrischen Morgen auf der großen
Straße fort, die sich etwa auf der Grenze des Vogtlandes und des
reußischen Gebietes dahinzieht. Überall dasselbe Bild, das für diese
Landschaft charakteristisch ist: Waldstücke und Wiesen in anmutigen
Hügelformen, wechselnd mit Äckern und wohlhabenden Dörfern, von denen
gar mancher Name (als zweiter Bestandteil reuth von roden) von der
Tätigkeit der Ansiedler auf diesem Stück Land Zeugnis ablegt. Das große
Dorf Reuth ist eine namhafte Station an der Bahn zwischen Reichenbach
und Hof, die sich in mannigfachen Windungen durch das Vogtland zieht
und in stetem Wechsel Bilder von Heide, Wiesen und Wald bietet, und
es enthält noch die Reste einer Wasserburg, wie wir sie schon früher
kennen gelernt haben. Wir müssen noch einmal ins Reußische, ehe wir
die Höhe mit dem Stelzenbaum, auch jetzt noch das Wahrzeichen unseres
Wandergebietes, erreichen können. Die Kirche des Ortes Stelzen, das zu
seinen Füßen liegt, gehört nach Reuß, während in den Bauergütern zum
Teil geborene Vogtländer auf ihrer Scholle sitzen. Fast versteckt in
den Wogen der Ährenfelder, die sich bis auf den Hügel hinaufziehen,
steht ein kleiner Stein und nicht weit davon der ehrwürdige Rest des
alten, sagenumwobenen Stelzenbaumes, der im Jahre 1897 vom Blitze
getroffen worden ist. Von seinem Umfange redet noch der Stumpf,
den fünf Männer kaum umspannen können und dessen oberes Ende durch
eine mächtige Platte vor weiterer Zerstörung geschützt ist. Eine
Orientierungstafel des Vogtländischen Touristenvereins Plauen zeigt,
daß die Höhe, auf der wir uns befinden (618 Meter), groß genug ist,
um nach allen Seiten Umschau zu halten. Eine Menge von Dörfern im
bunten Wechsel von Tal und Hügel dehnt sich nach allen Seiten vor dem
Beschauer aus, und bei klaren Tagen reicht der Blick von der Plauener
Gegend bis zu den Höhen des Frankenwaldes.
[Illustration: Abb. 5 =Der Burgstein von Westen=]
Nur zwei Städte sollen uns bei unserer Wanderung noch aufhalten, um
auf diese Weise das Bild zu vervollständigen, das wir von diesem
Teil des Vogtlandes gewonnen haben. Sie zeigen uns beide in ihrer
Art, daß wenigstens dieser westliche Teil auch heute noch ein Acker-
und Weideland ist und daß sich größere Städte abseits von der großen
Heerstraße, die sich an der Elster entlang zieht, hier nicht zu
entwickeln vermögen. Zwischen Wiesen gebettet und mit seinem Schloßturm
noch an das Mittelalter erinnernd, tritt uns zunächst Mühltroff
entgegen, ein Städtchen von etwa 2000 Einwohnern, dessen Mittelpunkt
auch heute noch der überragende, festgefügte Schloßbau ist, unter
dessen Schutz sich die Stadt entwickelt hat. Schon die Bauart des
Schlosses mit seinem runden, hohen Turm, dessen Wände drei Meter
stark sind, und seiner Wasserbefestigung, die jetzt zugeschüttet
ist, erinnert an jene Zeit, wo deutsche Kaiser ihre Macht durch
feste Grenzplätze zu stärken suchten, und so scheint die Herrschaft
Mühltroff schon im frühen Mittelalter ein unmittelbar kaiserliches
Reichslehen und im zwölften Jahrhundert mit Lobenstein, Schleiz, Pausa
und Elsterberg vereinigt gewesen zu sein. Heute ist das Schloß verödet
und die großen Säle dienen zur Aufbewahrung von Feldfrüchten, während
die Prunksäle zu Rumpelkammern geworden sind, aber noch immer zeigt
man geheimnisvolle Räume und dunkle Gänge, wo die Erinnerung an einen
der Schloßherrn spukt (den Grafen Kospoth), dem man nachsagte, daß er
der Geisterbeschwörung und Alchemie ergeben war und daß er bei dem
Brande des Schlosses 1817 in dem Wahne, den Feuersegen zu besitzen,
elendiglich zugrunde ging. Auch die Bauart der Stadt mit dem engen
Markte (in dem Gasthofe zum halben Mond residierte die eine Linie
der Gutsherrn) hat noch heute etwas Altertümliches und ist nie über
die eines kleinen Landstädtchens hinausgekommen, und zu erwähnen ist
höchstens die ehemalige Schloßkirche, zu der eine Brücke vom Schlosse
aus führt und die nach dem großen Stadtbrande der Stadt überwiesen
wurde. Mehr der heutigen Zeit hat sich Pausa angepaßt, das in einem
weiten Talkessel liegt und vor allem der Stickereiindustrie seinen
Aufschwung verdankt. Die Stadt ist, wie der Name sagt, eine Gründung
der Slawen gewesen, die sich mehr die Niederungen und Flußgegenden
zu Wohnsitzen aussuchten, sie kam schon zu Anfang des fünfzehnten
Jahrhunderts mit anderen Städten in den Besitz der Wettiner und hat
besonders im Dreißigjährigen Krieg, wie der Bericht ihres treuen
Pfarrers Pyrläus zeigt, schwere Zeiten durchlebt. Heute zeigt Pausa das
Bild einer sächsischen Kleinstadt wie so manche andere: die Kirche im
altsächsischen Renaissancestil, ein geräumiger Markt und die Häuser,
im übrigen vielfach einstöckig, mit reinlichen Straßen -- man fühlt,
daß man hier abseits ist von dem großen Weltgetriebe, und man möchte
gern ein paar Stunden verweilen, um sich satt zu sehen an dem Grün der
Wiesen und um dem Gesang der Vögel zu lauschen, die nicht müde werden,
auf diesem schönen Stück Erde ihre Lieder erschallen zu lassen. Kein
Wunder ist es daher, daß bei der Nähe der heilkräftigen Moore von jeher
die Menschen hier Heilung gesucht haben und daß besonders der Name des
Bades Linda weit über die sächsischen Grenzen bekannt geworden ist.
Mit Bad Elster, das auf dem südwestlichen Teile des vogtländischen
Hügellandes in einem Tale, von Nadelwäldern umgeben, eingebettet ist,
kann sich allerdings Pausa nicht messen, das außer Linda auch noch ein
älteres Bad mit schönen Anlagen besitzt, aber die Heilberichte, die
uns auch von hier vorliegen, zeigen, daß auch dieses Bad trotz der
augenblicklich ungünstigen Zeitumstände noch eine Zukunft hat.
[Illustration: Abb. 6 =Elstertal mit Eisenberg=]
[Illustration: Abb. 7 =Vogtländisches Dorf Tremnitz= (Nord-West)]
Von Pausa selbst lassen sich besonders zwei Gebiete in kurzer Zeit
erreichen, die durch ihre landschaftliche Schönheit ausgezeichnet
sind: die Schleizer Gegend und die vogtländische Schweiz, der wir
uns zuletzt noch zuwenden wollen, um an den Ausgangspunkt unserer
Fahrt wieder anzuknüpfen. Wir müssen ein Stück durch das Reußische
hindurch, um die Höhe zu erreichen, die von einer Windmühle, einem
Wahrzeichen des nördlichen Vogtlandes, gekrönt ist. Der Berg, auf dem
sie steht, trägt noch heute den Namen »Liekirch« und erinnert an ein
altes Kirchlein, das vor Jahrhunderten an dieser Stelle gestanden
haben soll und das der Sage nach seinen Namen (Lindwurmskirche)
von der mutigen Tat eines Müllerknechtes erhalten hat, der die
Tochter seines Herrn und die Umgegend von Syrau vor den Zähnen eines
greulichen Lindwurms rettete. Auf dem Kirchturm von Syrau hängt noch
heute ein Glöckchen, das einst die alte »Liekirch« geziert haben
soll. Vor unseren Augen entfaltet sich, wenn wir jenseits dieser
Mühle, etwa bei Steinsdorf, auf die Plauen-Reichenbacher Heeresstraße
kommen, eine Landschaft, wie sie an Mannigfaltigkeit und Reiz der
Erscheinungen in Sachsen, ja in Deutschland ihresgleichen sucht. Es
ist wieder der Grünstein, der hier, am Kreuzungspunkt zweier großen
Eisenbahnlinien, einen entzückenden Bilderreichtum vor das Auge des
Wanderers gezaubert hat. Berggipfel mit Waldstücken bauen sich hoch zu
beiden Seiten der Elster, die, von der einen Bahn begleitet, in dem
waldumkränzten Tale dahinrauscht, und mit königlichem Bogen spannt
sich die Elstertalbrücke dort, wo sich die beiden Linien kreuzen,
über die hohen Ufer. Das Dorf Jocketa, das neben der Brücke auf der
andern Seite hoch über dem Tal liegt, ist beinahe durch die Schönheit
seiner Lage zu einer Villenkolonie geworden, und der Blick in das
Elstertal ist von hier aus ebenso lohnend wie der in das stille
Triebtal, dessen wir noch gedenken werden. Und darüber hinaus weitet
sich der Blick noch nach allen Seiten und ladet zu weiteren Fahrten
ein: im Süden erscheinen die blauen Linien des Elstergebirges, und zur
linken Seite können wir ein Stück des Elsterlaufes verfolgen, die hier
stundenlang zwischen tannengekrönten, zerklüfteten Grünsteinfelsen in
einem engen Talkessel -- besonders im sogenannten Steinicht zwischen
Jocketa und Elsterberg -- dahinfließt. Darüber erhebt sich in der
Ferne der Kuhberg bei Netzschkau, von dem wieder ein weiter Blick
in das gewerbfleißige östliche Vogtland mit seinen Industriestädten
gestattet ist. Aber wir hätten beinahe ein noch schöneres, wenn auch
stilleres Naturbild vergessen, das hinter den Bogen der Elstertalbrücke
versteckt liegt. Wir gehen den Saumweg zur linken ins Tal herab
und werfen noch einen Blick auf die Barthmühle, die wie die weiter
nördlich gelegene Rentzschmühle wegen der landschaftlichen Schönheit
ihrer Lage viel besucht wird. Hinter der Brücke mündet die Trieb in
die Elster, für flüchtige Besucher kaum sichtbar, aber doch so reich
an Schönheiten, daß wir ihrer an dieser Stelle noch gedenken müssen.
Noch vor wenig Stunden ein stiller Waldbach, der an den Dörfern und
Wiesen des östlichen Vogtlandes vorüberzieht, hat sie sich kurz vor
ihrer Vereinigung mit der Elster durch Felswände ein großartiges,
etwa hundert Meter tiefes Bett gebrochen und rauscht nun durch dieses
tannenumdüstert der Mündung in die größere Schwester zu. Nur wenige
der Schnellzugsreisenden, die dort oben über der Elstertalbrücke
dem Süden zustreben und denen nur ein flüchtiger Blick in diesen
bewaldeten Talkessel vergönnt ist, ahnen, daß hier unbemerkt von ihnen
seitwärts eine Perle deutscher Flußlandschaft vorübergezogen ist:
die Trieb, die sich dort durch die Enge des Tales hindurchzwängt und
sich von den gewaltigen Granitblöcken, die ihr allerorts den Lauf zu
versperren scheinen, von der Vergangenheit der Erde erzählen läßt, die
Bergwände, die mit steilen Pfaden und Tannenwäldern in das Dunkel des
Talkessels hinabstürzen und der Saumpfad, der sich fast scheu an der
Seite des Flüßchens dahinschlängelt, als wollte er das Weben der Natur
nicht stören und der nur bei der Pyramidenwiese zu kurzem Verweilen
einladet, wo sich hohe Fichten, gleich den ägyptischen Königsgräbern in
ihrer Spitze verjüngend, ein weltverlorenes Stelldichein geben. Aber
wir sind hier schon auf dem andern Ufer der Elster, das nicht mehr zu
unserem Wandergebiet gehört. Noch eine halbe Stunde von der Brücke weg
nach Süden zu, und das Tal erweitert sich, und vor uns liegt wieder die
Hauptstadt des Vogtlandes, die auch nach dieser Seite zu im Vollgefühl
ihrer Kräfte die Arme ausgestreckt hat. Das westliche Vogtland wird
aber auch weiterhin ein deutsches Wald- und Wanderland bleiben zumal
für den, der es zu verstehen und in seiner Eigenart zu lieben vermag --
bedürfen wir nicht gerade heute mehr als je diese Eigenschaften, um im
Inneren wiederzufinden, was wir nach außen -- wenn auch hoffentlich nur
vorübergehend -- verloren haben?
[Illustration: Abb. 8 =Triebtal=]
[Illustration: Abb. 9 =Loreleysteg im Triebtal=]
C. G. Schillings †
Am 29. Januar dieses Jahres ist der bekannte Zoologe und Afrikaforscher
_C. G. Schillings_ in Berlin gestorben. »Sein Tod,« so schrieb mir
Hermann Hähnle, »reißt eine solche Lücke in den Naturschutz, daß wir
andern um so enger zusammenhalten müssen.« In der Tat, ein Mann ist von
uns gegangen, der sein ganzes Leben in den Dienst unsrer Sache gestellt
und nicht nur in großzügigster Weise die Idee des Naturschutzes
allezeit mannhaft vertreten, sondern auch auf diesem Gebiete wahrhaft
Großes, ja Unsterbliches geschaffen hat.
Dem Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« stand der Verstorbene sehr
nahe; wiederholt weilte er in unserm Kreise. Noch im Mai vorigen Jahres
sprach er vor überfüllten Sälen in seiner ihm eignen packenden Weise
über Weltnaturschutz. Mit hinreißender Beredsamkeit, mit glühender
Wahrhaftigkeit -- ein Wesenszug seiner ganzen Persönlichkeit -- mit
rücksichtsloser Offenheit gegenüber den kleinlichen und nur auf
persönlichen Vorteil gerichteten Anschauungen seiner Gegner wußte er
die Zuhörer zu überzeugen und für seine Ideen zu begeistern. Gerade
bei uns hier in Dresden hat Prof. Schillings eine große Menge treuer
Anhänger und Verehrer gefunden, und so ist es nur eine Pflicht der
Dankbarkeit, wenn wir dem _mannhaften Vorkämpfer auf dem Gebiete des
Naturschutzes diese Zeilen widmen_.
Durch sein berühmtes Werk »_Mit Blitzlicht und Büchse_«, das im Jahre
1905 in R. Voigtländers Verlag erschien, ward C. G. Schillings Name
mit einem Schlag in den weitesten Kreisen bekannt. Etwas ganz Neues,
Niegeahntes, ja Unerhörtes und Unbegreifliches ward uns mit diesem
herrlichen Werke geschenkt. Das Tierleben Afrikas hat uns Schillings
durch seine Blitzlicht-Aufnahmen aufgehellt, wie es bisher noch keines
Menschen Auge geschaut hat. Durch ihn erst weiß man, was es heißt:
»Tierbilder nach dem Leben,« und immer mehr noch wird man einsehen, was
sie bedeuten -- unersetzliche Natururkunden, deren Wert von Jahrzehnt
zu Jahrzehnt in dem Maße steigt, wie die afrikanische Großtierwelt
infolge der fortschreitenden Zivilisation immer mehr von der Bildfläche
des Lebens schwindet. »Die Erhaltung der großen lebenden Naturdenkmäler
wenigstens im photographischen Abbilde Schillingsscher Natururkunden
ist wahrlich eine der dringendsten Forderungen unsrer Zeit auf dem
Gebiete idealer Wissenschaft und selbstloser Naturbetrachtung.« So
schrieb ~Dr.~ L. Heck in seinem Vorwort zu dem großen Erstlingswerk von
Schillings.
Noch klarer tritt der Naturschutzgedanke in dem ein Jahr später,
gleichfalls in R. Voigtländers Verlag erschienenen Werke »_Der
Zauber des Elelescho_« hervor, das der Verfasser seinem Bruder, dem
berühmten Komponisten Max v. Schillings und dessen Gattin gewidmet
hat. »Mit schwachen Kräften habe ich mich bemüht,« schreibt er, »einer
großen Idee gerecht zu werden, einem Ideengang, den jeder ohne Mühe
herausfinden und, was mehr wäre, für den er hoffentlich eintreten
werde. Durch Anschluß an die bestehenden großen Vereinigungen, den Bund
für Heimatschutz, die Jagd- und Vogelschutzvereine kann jedermann das
Seinige zur Erhaltung der Naturdenkmäler im weitesten Sinne beitragen.«
Gemeinsam mit diesen Vereinen begann Schillings im Jahre 1910 einen
heftigen Kampf gegen die Unsitte, Federn freilebender Vögel als
Damenschmuck zu tragen. Ein Aufsatz von ihm, der zuerst in den
»Süddeutschen Monatsheften« erschien: »_Die Tragödie des Paradiesvogels
und Edelreihers_« wurde vom Bund für Vogelschutz, dem Schillings bis
zuletzt sehr nahe stand, den weitesten Kreisen zugängig gemacht. Wie
sucht hier der Verfasser das Gewissen der Frauenwelt zu schärfen, wie
eindringlich, wie überzeugend sagt er es allen, daß diese barbarische
Mode die herrlichsten Wunder der Schöpfung bedrohe und vernichte!
In einer zweiten Schrift »_Die Arche Noah_« forderte Schillings
gesetzgeberische Maßnahmen zum Schutze der gefährdeten Vogelwelt nach
dem Vorbild Amerikas und Englands. Ich greife einen Satz heraus, der
nicht nur den Titel dieser Schrift erklärt, sondern zugleich ein
treffliches Beispiel für den Humor wie für die Überzeugungskraft aller
Ausführungen des Verfassers bietet. »Wir wollten von der Arche Noah
reden, hören wir! Klingt es nicht seltsam und sollte es nicht den
heutigen Erdenbewohnern zu denken geben, daß dem Urpatriarchen und
ersten großen Naturschützer Weisung wurde, _alle_ Tierarten, _ohne
Ausnahme_, nicht also wie es etwa die heutigen nackten Utilitarier
tun würden, nur Ochsen, Esel und Schafe in die rettende Arche zu
überführen? In den Urzeitmythen der Völker liegt goldene Weisheit
verborgen, und alte Wahrheit künden uns diese Überlieferungen.«
Der Erfolg blieb nicht aus. Im Oktober 1913 verboten die Vereinigten
Staaten von Nordamerika die Einfuhr von Schmuckfedern freilebender
Vögel, und auch in England nahm das Unterhaus am 9. März 1914 in
zweiter Lesung die Gesetzesvorlage zur völligen Verhinderung jeder
Federeinfuhr mit Ausnahme von Eiderdaunen und Straußenfedern an. Da kam
der Krieg und brachte die Bewegung vorläufig zum Stillstand. Zugleich
verhinderte er die Herausgabe einer dritten Schrift von Schillings, die
bereits druckfertig vorlag: »_Paradiesvogel, Edelreiher und die Frau_«.
Bei den Tagungen der Naturforscher, Geographen, Naturschützler
war der hochgewachsene, blonde Mann mit seinem offenen Blick eine
bekannte Erscheinung. Wenn er mit lebendigster Anschaulichkeit und mit
geradezu hinreißendem Schwunge für den Schutz der Vogelwelt eintrat
oder unbedingten Naturschutz namentlich in den Kolonien forderte,
zum Beispiel auf dem Kongresse der deutschen Kolonialgesellschaft in
Stuttgart oder auf dem der deutschen Naturforscher und Ärzte in Wien
1913, da lauschte jeder gespannt den Worten des von seiner Idee so ganz
erfüllten Redners. Der Naturschutz war ihm Herzenssache, und so sprach
er zu den Herzen seiner begeisterten Zuhörer.
Der beispiellose Erfolg, den Schillings durch seine beiden großen,
wundervoll ausgestatteten Werke erzielt hatte, spornte ihn natürlich
an, auch weiterhin auf dem Gebiete der _Naturphotographie_ wildlebender
Tiere an der Spitze zu bleiben. Es war ja, wie er mir im Gespräch
wiederholt betont hat, sein Stolz, daß gerade ein Deutscher es
hierin den Engländern und Amerikanern zuvorgetan habe. Sobald er von
jeder seiner vier großen Expeditionen in das äquatoriale Ostafrika
wieder heimkehrte, war es immer das erste von ihm, seine Apparate
zu vervollkommnen. Die rasche Entwicklung der Optik bot ja von Jahr
zu Jahr neue Möglichkeiten, die Erfolge noch zu steigern, obgleich
namentlich die Schillingsschen Nachtaufnahmen noch heute fast für
unerreicht gelten müssen.
Im Jahre 1910 war die technische Ausrüstung für eine neue Reise bereit;
aber sie ward durch Widerwärtigkeiten, die hier nicht näher berührt
werden sollen, verhindert. Es war ja kein Wunder, daß das offene,
freimütige Wesen des Verstorbenen, der keinerlei Rücksicht kannte,
am wenigsten sich durch Rücksichten auf seinen eignen Vorteil oder
Schaden bestimmen ließ, eine große und einflußreiche Gegnerschaft auf
den Kampfplatz herausgefordert hatte. Diese unbedingte Wahrhaftigkeit
ist es, die uns die Schillingsschen Forschungen wie seine Aufnahmen
doppelt wertvoll erscheinen lassen. Da handelt es sich stets um
freilebende, nicht etwa um gefangene, eingehegte oder verwundete Tiere,
und die Retusche mußte jedem Bilde fernbleiben. _Unbedingte Wahrheit
in Wort und Bild!_ Das war sein Grundsatz, von dem er auch nicht um
Haaresbreite abwich.
Schon bei seinen letzten Afrikareisen hatte Schillings einen
_kinematographischen_ Apparat mitgenommen; leider genügten die
in Afrika angefertigten Laufbilder seinen überaus hochgestellten
Anforderungen und Erwartungen nicht. Es waren ja auch weitere
Verbesserungen der Kinoaufnahmen unterdessen erzielt worden. Die
bedeutendste Leistung auf diesem Gebiet erblickte Schillings in den
_Fernlaufbildern_ des Bundes für Vogelschutz, wie sie Herr Ingenieur
Hermann Hähnle geschaffen hat. Es sind dies Natururkunden in höchster
Vollendung, da die Tiere in ihrem Leben und Treiben aufgenommen werden,
ohne davon das geringste zu merken. Bei seiner letzten öffentlichen
Ansprache in Stuttgart im Dezember 1920 bezeichnete Schillings diese
Aufnahmen als »Gottesgeschenk«. Sein heißer Wunsch war es, das neue
Verfahren nun auch auf die afrikanische, indische und polare Tierwelt
anzuwenden.
Der Tod des fünfundfünfzigjährigen Forschers hat diesen Wunsch
vereitelt. Die beste Ehrung für den Verstorbenen, dessen Ideale sich
schon heute so allgemeine Anerkennung erworben haben, dürfte es wohl
sein, in seinem Sinne weiterzuarbeiten und die neuesten Erfolge der
Photographie und Kinematographie derartigen Aufnahmen zu widmen. Seine
Freunde haben daher beschlossen, einen Aufruf zu Spenden für eine _C.
G. Schillings-Stiftung_ zu erlassen. Schreiben und zugedachte Beiträge
sind schon heute an die C. G. Schillings-Stiftung, Berlin-~W~ 10,
Margaretenstraße 1 zu richten.
_Martin Braeß._
Praktische Arbeit zur Erhaltung unserer Steinkreuze
Schon seit Jahren suche ich auf unseren Wanderungen mit großem
Interesse die alten Mord- und Sühnekreuze auf, welche dann -- durch
eine Skizze oder photographisch festgehalten -- unser Tourenalbum
zieren. Zum Aufsuchen derselben dienten mir bisher die in den Jahren
1912/13 von Herrn ~Dr.~ _Kuhfahl_ herausgegebenen und im Dresdner
Anzeiger seiner Zeit erschienenen Verzeichnisse über »Die Mordkreuze in
Sachsen«:
Sonntagsbeilage des Dresdner Anzeigers
vom 7. 4. 1912 Nummer 14,
vom 23. 3. 1913 Nummer 12,
vom 26. 10. 1913 Nummer 43.[1]
[1] Siehe auch ~Dr.~ Kuhfahl: »Die Steinkreuze in Sachsen«.
Preis M. 6,50. Heimatschutz, Dresden.
Auf einer Wanderung im Frühjahr vergangenen Jahres nach Dohna und
Maxen suchte ich an der Hand dieser Verzeichnisse die beiden Kreuze
in _Gorknitz_ mit auf. Bei der Besichtigung des hundertzwanzig Meter
vor dem östlichen Dorfausgange, am Fahrweg nach Rittergut Gamig zu
gelegenen Steinkreuzes (Verzeichnis vom 3. April 1912, Nummer 14) war
mir aufgefallen, daß dieses bis zu den Seitenarmen in der Erde stak,
obwohl im Verzeichnis steht: »Neuerdings ausgegraben«. Sofort reifte
in mir der Plan, mit Hilfe meiner Klubgenossen dieses Kreuz zu heben.
Ich ging persönlich zu Herrn ~Dr.~ Kuhfahl, um ihn von meinem Vorhaben
in Kenntnis zu setzen. Wie er mir erklärte, hatte sich seiner Zeit
trotz eifrigen Bemühens niemand dazu bereit gefunden, dieses Kreuz zu
heben, und später infolge des Krieges ist wohl alles in Vergessenheit
geraten. -- Auch meine Klubgenossen, die ja fast alle Heimatschützler
sind, brachten dieser Sache reges Interesse entgegen und so wurde für
_Sonntag_, den _4. Juli 1920_, eine Wanderung dorthin festgesetzt. Die
Genehmigung des Gemeindevorstandes, auf dem betreffenden Grundstücke
graben zu dürfen, hatte ich mir vorher schriftlich eingeholt. Um
unnötige Belastung auf dem Marsche zu vermeiden, bat ich gleichzeitig
um Bereitstellung des benötigten Gerätes. In entgegenkommendster Weise
erhielten wir alles Gewünschte.
Am genannten Sonntagmorgen hatten sich sechs Teilnehmer zu dieser
Wanderung beziehungsweise zur Hebung des Steinkreuzes am Treffpunkt
eingefunden. Darunter auch ein Maurer, der sich noch das nötige
eigene Handwerkzeug mitgebracht hatte. Ein kleiner Sack Zement --
von einem der Teilnehmer zu diesem Zweck gestiftet -- mußte auch
hinausgebracht werden. Er verschwand im Rucksack eines jungen Mannes,
der ihn schweißtriefend an Ort und Stelle brachte. Bei herrlichem,
sehr warmem Wetter ging die Wanderung von Reick über Lockwitz, Luga,
Wölkau, Bosewitz nach Gorknitz. Strahlend blau wölbte sich der Himmel
über den im Sonnenglanze reifenden Fluren. Wogende Getreide- und
blühende Kartoffelfelder, die den bunten Kleeflächen an Schönheit nicht
nachstanden, wechselten in buntem Mosaik. In den Wipfeln der Obstbäume
da klingelten und piepsten die Meisen, da schlug der Fink und lockte
die Goldammer und hoch über uns schmetterte die Lerche ihr Loblied. --
So kamen wir, immer auf bunten Feld- und Wiesenwegen wandernd, unserm
Ziele näher. Aber im Süden türmte sichs dunkelblau auf. Immer näher
rollte der Donner, und noch ehe wir im Dorfe anlangten, öffneten sich
die Schleusen des Himmels. Zum Glück war das erste Haus der Gasthof, wo
wir hinein flüchteten.
Eineinhalb Stunden hat uns das Gewitter hier festgehalten, endlich
gegen einhalb elf Uhr hört der Regen auf. Nun aber ans Werk!
Zunächst zum Gemeindevorstand, um die erbetenen Geräte zu holen.
Sehr freundlich wurden wir empfangen, alles Gewünschte stand schon
bereit. Bei dieser Gelegenheit legte ich ihm eine Urkunde, die
gleichfalls ein Heimatschützler geschickt und originell angefertigt
hatte und welche nach der Hebung mit niedergelegt werden sollte, zur
Unterschrift vor. Dieselbe soll bei einer eventuellen Veränderung an
dieser Stelle beziehungsweise bei einer späteren Auffindung Aufschluß
geben, wann, von wem und warum dieses Kreuz gehoben worden ist. In
entgegenkommendster Weise versah der Gemeindevorstand das Dokument
mit Siegel und Unterschrift, wie er überhaupt unserer Sache lebhaftes
Interesse entgegenbrachte. Nachdem auch wir unsere Unterschriften
geleistet hatten, zogen wir, jeder mit Rucksack und einem Gerät
bewaffnet -- einem Trupp Auswanderer gleich -- hinaus zur Stelle, wo
das alte Steinkreuz steht. Kopfschüttelnd sahen uns verschiedene
Dorfbewohner, die nicht wußten, um was es sich hier handelte, nach:
»Was mögen die wohl vorhaben?«
[Illustration: Abb. 1 =Steinkreuz in Gorknitz= (früherer Zustand)
(Phot. ~Dr.~ _Kuhfahl_, Dresden)]
Dort angekommen, wurde das alte Steinkreuz, da es einige von uns
noch nicht kannten, auf seine Form, Gesteinsart, Größe, Schwere
und Inschriften oder Bildzeichen hin genau untersucht. In seiner
unregelmäßigen Anordnung ähnelt es einem Balkenkreuz am meisten, doch
läßt sich durch verschiedene abgestoßene Kanten, die verhältnismäßig
kleinen und ungleichen Seitenarme im Vergleich zu dem viel stärkeren
Oberteil, viele Vertiefungen, Risse und Furchen, schwer erkennen, ob
es in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben ist, oder ob der
Zahn der Zeit daran genagt hat. Obwohl von eisenhartem Sandstein,
wird dieses Kreuz, besonders die Seitenarme, infolge seiner Lage am
Feldwege durch passierende Fuhrwerke Beschädigungen erlitten haben.
Seine übrigen Form- und Größenverhältnisse sind ja genau zu ersehen
aus dem Werke von ~Dr.~ Kuhfahl, in welchem auch ein sehr schönes Bild
wiedergegeben ist. Wir hielten es daher für zwecklos, eine Aufnahme
des Kreuzes in seinem Urzustande zu machen. Sein Gewicht schätzten
wir, so wie es vor uns stand, auf zirka sechs bis acht Zentner, hatten
uns aber, wie wir uns später nach der völligen Ausgrabung überzeugen
konnten, arg getäuscht. Inschriften oder sonstige Schriftzeichen
waren nicht festzustellen. Auch läßt sich ein richtiges Bild einer
eingemeißelten Zeichnung trotz vorhandener Striche und Einkerbungen
sehr schwer herausfinden.
Nun ging es ans Ausgraben. In ziegelgroßen Stücken wurde erst die
Rasendecke ausgestochen, die nach der Hebung wieder aufgelegt werden
sollte. Als wir aber weiter schaufeln wollten, erlebten wir eine große
Enttäuschung; die dünne Rasendecke war die ganze Erdschicht, dann
stießen wir nur auf Plänergestein. Nur mit der Hacke konnte gearbeitet
werden, und es war ein sehr schwieriges Stück Arbeit, die mitunter
recht großen und festgelagerten Plänerplatten loszubekommen. Wie uns
der Gemeindevorstand von Gorknitz, der inzwischen auch hierhergekommen
war, erklärte, soll das zwischen den beiden Wegen gelegene Grundstück
in früheren Zeiten von einer starken Plänermauer umgeben gewesen
sein. Die beiden Wege aber waren seiner Zeit Hohlwege. Nun hat man
wahrscheinlich diese beiden Hohlwege zuschütten beziehungsweise höher
legen wollen, weshalb man die alte Plänermauer einfach in den Hohlweg
hinabgedrückt hat. Das alte Kreuz aber, das vermutlich einer Zeit schon
auf beziehungsweise zum Teil in der Mauer eingemauert hier gestanden
hat, ist stehen geblieben. Wie wäre es sonst möglich, daß dasselbe
fast bis zu den Seitenarmen fest eingesenkt nur zwischen größeren und
kleineren Plänerplatten sitzt?
Platte um Platte wurde losgewuchtet und langsam, aber sicher kamen wir
tiefer. Wenn wir anfangs glaubten, das Kreuz säße so zirka dreißig
bis vierzig Zentimeter in der Erde, so hatten wir uns auch hier
gehörig getäuscht. Als wir einen halben Meter tief gehackt hatten,
ließ sich dieser Koloß auch noch nicht einen Zentimeter bewegen, trotz
aller Kraftanstrengung, die wir dabei aufwendeten. Es wurde weiter
gehackt -- bei dreiviertel Meter dasselbe Resultat. Das Kreuz saß in
seinem Plänerfundament wie angewachsen. Jeder mußte mal mit der Hacke
antreten; wir waren alle wie in Schweiß gebadet. Jetzt versuchten wir
es auf eine andere Art. Unter den beiden Seitenarmen wurde je ein
starker Hebebaum untergeschoben. Alle Beteiligten -- selbst meine Frau
und der Gemeindevorstand nebst Sohn stellten ihre Kräfte zur Verfügung
-- verteilten sich nach Größe und Stärke auf die beiden Seiten und
hingen sich an das in die Höhe ragende Ende. Unter Kommando wurden
die Hebebäume gleichmäßig niedergezogen und das Kreuz Zentimeter um
Zentimeter in die Höhe gewuchtet. Auf diese Weise holten wir das Kreuz
noch zirka fünfundzwanzig Zentimeter aus der Erde und sparten uns
dadurch das letzte und schwerste Stück Hackarbeit. Jetzt erst bekamen
wir einen rechten Begriff, wie tief das Kreuz in der Erde stak (einen
Meter) und wie schwer dieser Koloß war.