Weniger eingehend und weniger häufig ist der Lebenslauf des Teufels

behandelt. Seine Erschaffung durch Gott ist nirgends dargestellt. Über

sie mochte auch das Volk nicht nachgrübeln und überliess diese Fragen

den Philosophen und Theologen. Daher war für eine solche Darstellung

kein Bedürfnis vorhanden. Wenn dagegen die Besiegung des Teufels durch

Christus und seine ewige Fesselung häufig abgebildet erscheinen, so

liegt der Grund dafür wieder in der allgemeinen Verständlichkeit, in der

Beziehung dieser Scenen auf Christus als den Erlöser der verdammten

Menschenseele.

Individuelle Gesichtszüge zur Charakterisierung des eigentlichen

teuflischen Elementes, das uns aus dem Inhalt der Darstellung

entgegentritt, sind freilich nicht zu finden, weil die Kunstmittel dazu

nicht ausreichten. Zudem liess der hieratische Charakter der

byzantinischen Kunst dem individuellen Ermessen nur wenig Spielraum.

Demgemäss hat auch der Gesichtsausdruck des Teufels den gleichen

nichtssagenden, generellen Typus und der Charakter wird nur äusserlich

durch die Handlung und Attribute angedeutet.

Eng verwachsen mit der Darstellung des Teufels ist die der Hölle, in

welcher jener als Nachrichter schreckliche Vergeltung übt. Auch sie

wird in zwei Auffassungen geschildert: Symbolisch und wirklich. Die

erste, welche schon die altchristliche Kunst anzudeuten versucht hatte,

nimmt in dieser Zeit eine bestimmte Form an. Der weitgeöffnete Rachen

des Untieres, der feuerspeiende, zu Boden geworfene Drache oder Riese

sind die einzigen Symbole. Meist ist eben das Bild ein konkretes, und es

lässt sich für diese Composition eine allmähliche Entwicklung verfolgen,

indem die Scenerie im Laufe der Zeit immer reicher ausgemalt wurde.

Während sie auf den frühsten Bildern nur angedeutet wird ohne eine

besondere nähere Bestimmung der Örtlichkeit, wird diese auf den späteren

als flammendurchwogter Abgrund oder als Felsenhöhle geschildert. Ein

Unterschied wird wohl zwischen der Vorhölle und der Hölle gemacht, indem

die erstere in der byzantinischen Kunst meist flammenlos abgebildet

wird, in der abendländischen aber nicht. Thore und Schlösser, welche bei

der Höllenfahrt Christi oft am Boden zertrümmert liegen, deuten auf den

Ort als einen wohlbewahrten hin. In der Hölle thront als oberster

Herrscher der Teufel, welchen man gewöhnlich als Lucifer zu bezeichnen

pflegt. Als Personifikation der Hölle fehlt er selten. Er sitzt in der

Tiefe derselben auf Schlangen und ist an den Füssen gefesselt, getreu

der bekannten Schilderung der Bibel. Seine Gestalt zeigt die

gewöhnlichen Züge des Teufels, nur ist sie grösser und trägt als Zeichen

ihrer Macht die Krone. Lucifer hält den Erzsünder Judas Ischarioth auf

dem Schoosse und scheint Befehle an die ihn umgebenden Teufel, welche

die Rolle von Schergen spielen und gewissermassen als weitere Emanation

seines Wesens erscheinen, zu erteilen. Diese erfüllen ihre Arbeit mit

grösstem Eifer, indem sie die Sünder mit Ketten, Stricken und Haken in

die Hölle zerren. Die Schrecken der Hölle werden durch Schlangen und

Kröten vervollständigt.

Die Sünder, welche in der Hölle schmachten, repräsentieren verschiedene

Menschenklassen, ohne Rücksicht auf Rang und Stand. In den frühsten

Schilderungen erleiden sie alle nur die gleiche Pein durch die

Feuerstrafe, im XI. und XII. Jhrdt. aber werden die verschiedenen

Verbrechen verschieden bestraft, und zwar sind die Strafen analog den

Vergehen auf der Erde. Freilich sind sie rein äusserlich und nur

physischer Natur, von den psychischen Leiden merkt man den Sündern

nichts an. Es herrscht auch hier der schablonenhafte Typus der

byzantinischen Vorbilder vor.

Die Darstellung der Hölle entspricht ebenso wie die des Teufels den

Anschauungen, denen wir in der Litteratur begegneten. Und wenn sich die

christliche Vorstellung von beiden, wie gezeigt worden, leicht mit

germanischen vereinigte, so finden wir dies in den Bildern bestätigt,

welche ja jene Ideen wiederspiegelten. Die byzantinischen Künstler aber

erweisen sich als poesievolle Naturen, welche ihren Gestalten sinnige

Attribute gaben. Sie haben den Gedanken an die leibhaftige Gestalt des

Teufels, seiner Macht und an die einstige Vergeltung zuerst in eine

künstlerische Form gebracht. Ihre Bilder traten demjenigen, der nicht

lesen konnte oder nicht gebildet genug war die Predigt und Lektionen zu

verstehen, als eine geschriebene Predigt zur bleibenden Erinnerung vor

die Seele und mochten um so eindringlicher und überzeugender sein.

Die Darstellung des Teufels und der Hölle von den Pisanern bis Orcagna.

Bei der Darstellung des Teufels und der Hölle trat sowohl in der

altchristlichen, wie in der byzantinischen Kunst die Individualität der

schaffenden Künstler vollständig zurück. Die Darstellungen wurden nach

einer festen Tradition in bestimmte Typen und Formen gebracht, und der

Ort ihrer Entstehung war für die selbstständige Erfassung und Ausführung

derselben von geringer Bedeutung.

Die Ursache lag darin, dass die Kirche bisher die Trägerin der gesammten

Kunst und Kultur war, und die Beteiligung der Laienwelt so gut wie ganz

ausgeschlossen blieb. Erst mit dem Aufblühen der Städte, mit der

Ausbildung nationaler Elemente, mit der Concentration des geistigen

Lebens auf einzelne hervorragende Orte, etwa seit der Regierung der

Hohenstaufen, trat im Westen Europas ein Umschwung ein. Namentlich

entwickelten sich in Italien mächtige Gemeinwesen, so besonders Florenz,

die unter dem Einfluss ihrer gegenseitigen Kämpfe und ihrer inneren

politischen Parteiungen starke Individualitäten auf allen Gebieten des

geistigen Lebens hervorbrachten. Italien beginnt seit der Mitte des

zwölften Jahrhunderts getrennt von Deutschland und Frankreich seine

eigene Entwicklung zu nehmen, besonders auf geistigem Gebiet. Für die

Kunst wird es und damit hauptsächlich Florenz von jetzt an die Führerin

im Abendlande.

In Florenz treten zuerst die grossen genialen Künstlernaturen auf,

welche durch ihre monumentalen Werke, in denen sie sich allmählich von

den Fesseln der byzantinischen Tradition freimachten, bahnbrechend für

die gesammte Kunst wirkten. In dem Bestreben nicht sowohl Neues als

vielmehr das Alte, den bisherigen, religiös-kirchlichen

Darstellungskreis so lebendig und wahr wie möglich zu schildern, um eben

dadurch umso nachdrücklicher auf Herz und Phantasie des Beschauers zu

wirken, haben sie auch allmählich den Typus von Teufel und Hölle

abgewandelt und zuletzt jenes farbensatte Bild geschaffen, das für die

Folgezeit bis auf die Gegenwart in Geltung geblieben ist.

Alle Studien über diese Zeit, mögen sie nun die gesammte Kunst oder ein

Gebiet derselben betreffen, müssen immer auf den Genius zurückgeführt

werden, welcher die geistigen Anschauungen seiner Zeit in seinen Werken

am prägnantesten zum Ausdruck gebracht und am meisten umgestaltend auf

das ganze Kulturleben nicht nur seiner engeren Heimat, sondern der

Menschheit überhaupt gewirkt hat: auf Dante

»Dal ciel discese e col mortal suo, poi

Che visto ebbe l'inferno giusto e'l pio

Ritornò vivo a contemplare Dio,

Per dar di tutto il vero lume a noi.«[164]

recitierte einst Michelangelo seinen Freunden Donato Gianotti, Luigi del

Riccio u. a., eine vorzügliche Beurteilung, da Dante thatsächlich neues

Licht in die bisherigen eschatologischen Vorstellungen gebracht hat.

Sein »Inferno« kommt für die Ikonographie des Teufels und der Hölle

wesentlich in Betracht, da es das zu allen Zeiten detaillierteste und

anschaulichste Bild davon enthielt.

Dante hat zu seinem Werke das Material gleichsam vorbereitet gefunden

und seine Vorläufer sind zum Teil bekannt. Zu diesen gehören zunächst

die Scholastiker, welche den kirchlichen Glauben an die Existenz von

Hölle und Teufel unterstützten, indem sie besonders genau die

Örtlichkeit fixierten. Sie verlegten dieselbe nämlich ins Erdinnere und

unterschieden vier Abteilungen: 1. sinus Abrahae, nunc vacuus, 2.

purgatorium, 3. sinus liberorum, 4. gehennae.[165] Thomas v. Aquino

nannte die Hölle ignis corporalis und meinte, dass hier die Leiber

glühen, ohne zu brennen.[166] Ferner wurde unter dem Einfluss der

allgemeinen Verhältnisse jener Zeit, in welchen infolge des Kampfes

zwischen Papst und Kaisertum die Entsittlichung und Irrreligiosität in

den höheren geistlichen, wie weltlichen Ständen gewaltig zunahm,

Aberglaube aller Art in den Vorstellungen des niederen Volkes herrschte,

und selbst der Gottesdienst nur in Äusserlichkeiten bestand, da die

Predigt durch Anekdoten und Scherze die Menge zu interessieren suchte,

der Gedanke an die einstige Vergeltung, an die Hölle und den Teufel in

der ganzen Litteratur in Legenden, Visionen und besonders in den seit

dem 12. Jhrdt. aufkommenden geistlichen Schauspielen immer auf's Neue

und gründlichste erörtert.[167] Giacomo v. Verona, Bonvesinus, Jacopone

da Todi schildern die Hölle in grellen Farben, besonders aber drei

grosse aus Irland stammende Visionen: »Die Reise des hlg. Brandanus, das

Purgatorium des hlg. Patritius und Tundalus.« In diesen früh in die

Vulgärsprachen übertragenen Dichtungen werden die Örtlichkeiten der

Hölle und die Qualen der Verdammten eingehend beschrieben. »So sieht der

Tundalus einen hohen Berg, auf der einen Seite stinkendes Feuer, auf der

andern Eis und Wind, wo abwechselnd in dem einen und dem andern die

Seelen gepeinigt werden. Das sind die Treulosen und Betrüger, sagt ihm

der führende Engel; er sieht einen Schwefelfluss mit anderen Seelen

darin. Hier schmachten die Hochmütigen.« Es bildete sich daher bald eine

typische Manier für die Beschreibung der Strafarten: Seeen von Eis, voll

Feuer und Blut, in welche die Sünder eingetaucht sind, Dämonen und

Schlangen, welche sie zerreissen, der offene Rachen des höllischen

Abgrundes, kehren in allen Gedichten wieder. Dergleichen

veranschaulichen auch die Mysterienspiele: wie die Parabel von den

klugen und törichten Jungfrauen, vom reichen Mann und armen Lazarus, von

Theophilus und Frau Jutta, Christus im Limbus.[168] Giovanni Villani

erzählt,[169] dass am 1. Mai 1304 zur Belustigung des Volkes in Florenz

ein Fest auf Barken veranstaltet wurde, bei welchem die Hölle

dargestellt wurde: »mit Flammen und anderen Strafen und Qualen, mit

Menschen, die als Dämonen verkleidet, furchtbar anzusehen waren, und

anderen in Gestalt von nackten Seelen, welche wahrhafte Personen

schienen, und man brachte diese in jene verschiedene Höllenabteilungen

mit sehr grossem Geschrei und Gelärm und Getöse, dass es peinlich und

schrecklich zu hören und zu sehen war.«[170] Die Seelen waren

wahrscheinlich nur durch ausgestopfte Bälge dargestellt, was Villani nur

ungeschickt ausdrückt (que pareano persone) und wurden in verschiedene

Abteilungen geworfen. Über jeder aber stand geschrieben: In questo luogo

son puniti i tali. Diese Pantomimen, welche auf eine lange Übung in

dieser Beziehung weisen, lassen an Realität nichts zu wünschen übrig,

wobei den Darstellern bei der Erfindung von Strafen der weiteste

Spielraum gestattet war.

Dantes Verdienst besteht nun darin, dass er unter Beibehaltung der

kirchlichen Lehre vom Teufel und der Hölle den Glauben daran ethisch

vertiefte. Er verbindet die christliche Lehre mit der Ethik des

Aristoteles und Plato,[171] zieht den Apparat der heidnischen

Mythologie, welche er wie historische Fakta betrachtet, in die

christliche Dämonologie hinein, entsagt den kanonischen und römischen

Rechtsanschauungen über die Stufenfolge der Sünde, um dafür diese nach

dem Princip der Gerechtigkeit zu ordnen und vornehmlich das Strafmass

zur Sünde in Beziehung zu setzen.[172] Sein »Inferno« verhält sich zu

den Werken seiner Vorgänger wie das neue Testament zum alten. Wie das

erstere das jüdische Sittengesetz ethisch vertiefte, so lehrt Dantes

Gedicht, dass die Hölle nicht ein Äusseres, sondern ein Inneres sei.

Das äussere Bild, das der Dichter von der Hölle entwirft, ist freilich

auf das Feinste komponiert. Die Hölle bildet einen Trichter, dessen

Spitze in der kugelförmigen Erde liegt. Sie wird durch acht

concentrische Kreise in neun Zonen geteilt. Dante trennte von der Hölle

den sinus Abrahae und das Purgartorium. Die neun Zonen verjüngen sich

von oben nach unten und sind voller Schluchten und Thäler, Gewässer und

Wälder, kurz sie bilden eine Welt im Innern, zu der Italiens Landschaft

das Bild gegeben hat. Jede Zone ist für gewisse Klassen von Sündern

bestimmt und zwar die obere Hälfte bis zur Stadt Dis (5. Zone.) als

Strafort für Diejenigen, welche aus Unenthaltsamkeit und Schwachheit des

Willens fehlten, wie die Wollüstlinge, Schlemmer, Geizigen,

Verschwender, Zornigen, Lässigen; die untere von Dis bis zum Centrum für

die, welche aus Bosheit fehlten. Die letzteren zerfallen in die

Gewaltthätigen (Mörder, Tyrannen, Räuber, Selbstmörder, Spieler,

Gotteslästerer, Sodomiter und Wucherer) und in die Betrüger und

Verräter. Die ersteren von diesen gliedern sich in zehn Klassen:

Kuppler, Schmeichler, Simonisten, Wahrsager, Gauner, Heuchler, Räuber

und Diebe, böse Ratgeber, Sektirer, Fälscher; die letzteren in vier

Abteilungen: Verräter an Verwandten, am Vaterlande, an Freunden und

Wohlthätern. Die Strafen für die in der Hölle schmachtenden Sünder

bestehen darin, dass die sündigen Seelen ihren inneren Zustand aus

dieser Welt in jene hinübernehmen und dort in Ewigkeit fortsetzen

mussten. Ein Beispiel sei zur Illustration dafür angeführt: »Die Sünde

der Geizigen und Verschwender geht aus einer falschen Schätzung des

wahren Wertes des irdischen Gutes hervor. Jede Sünde hat unausgesetzte

innere Unruhe zu ihrer unzertrennlichen Begleiterin, weshalb diese

Seelen als ewig ruhelos sich abmühend und abmattend erscheinen. Die

schweren Steinmassen, die sie in entgegengesetzter Richtung einander

zuwälzen, das Bild des Goldklumpens, auf den sie all ihr Mühen, all ihr

Sinnen und Denken verwenden. Nur ist der Klumpen kein angenehmes und

ersehntes Objekt mehr, denn das Gold hat nun seinen verführerischen

Glanz verloren und erscheint als das, was es in Wirklichkeit ist, als

eine schwere, unfruchtbare Masse, deren Last die Seele zuerst in der

Zeit, dann aber auch in Ewigkeit erdrückt.«[173] Was der Mensch also auf

Erden oft verbergen konnte, wird im Jenseit erbarmungslos enthüllt,

fortentwickelt und gesteigert und »wenn die Worte vom jenseitigen Leben

reden, der wahre Sinn gilt dem diesseitigen, die physische Strafe ist

nur ein Sinnbild für den Seelenzustand des in seiner Sünde verstockten

Sünders.« So hielt der Dichter seinen Zeitgenossen einen Spiegel vor die

Seele und stellte eine Lehre auf, von der die kirchliche nichts wusste,

weshalb es mit Recht heisst: Per dar di tutto il vero lume a noi.

Ist Dante in der Auffassung der Sünde und Strafe individuell, so auch in

der über den oder die Teufel, da der Dichter von »einem« nie spricht. Wo

sie geschildert werden -- was übrigens selten geschieht -- zeigen auch sie

einen innerlichen Zusammenhang zu der Strafe der Verdammten. So treten

in der vierten Abteilung der siebenten Zone gehörnte Teufel auf, welche

mit langen Peitschen die Kuppler und Verführer geisseln.[174] Sie treten

vor das Bewusstsein dieser Sünder als der Zorn der betrogenen

Verwandten, Dämonen einer ewigen Rache. Vielleicht hat Blanc recht, wenn

er sagt: Der Dichter schildert sie deshalb gehörnt, weil sie die

Verdammten auf schauerliche Weise an die einst von ihnen verspotteten

und becchi cornuti genannten betrogenen Ehegatten erinnern sollten.[175]

Ein anderes Mal schildert der Dichter schwarze Teufel mit hohen, spitzen

Schultern, zu deren Seiten breite Schwingen sind. Mit Haken fangen und

stossen sie die Verdammten in den Pechsee.[176] Sie stellen Gaunertypen

vor und haben alle komische Beinamen, wie dies unter Verbrechern üblich

ist. Sie können als Personifikation bestimmter Verbrechen gelten. Den

obersten der Teufel, das Urbild des Bösen, Lucifer, versetzt der Dichter

in das Centrum der Erde, weit entfernt von Gott, den äussersten Gegenpol

bezeichnend. Er steht bis zur Brust im Eise. Die grandiose Schilderung

dieses Ungeheuers,[177] aus dessen Zügen uns die infernalische Bosheit

zähnefletschend angrinst, dürfte in der ganzen Litteratur nirgends ihres

Gleichen haben.

Wie nun der Dichter für diese Gestalt Attribute aus der Antike entlehnt

hat, so wählte er überhaupt mit Vorliebe die mythischen Fabelwesen der

Griechen und Römer als Wächter und Peiniger der Verdammten. Charon, der

Greis mit den glühenden Augen, welcher in das Innerste der Menschen

hineinsieht und den Auserwählten von den Verdammten unterscheidet,[178]

Minos, der grause Richter,[179] Pluto als Symbol des immer mehr sich

verzehrenden und begehrenden Reichtums,[180] der Minotaurus als das

abstrakte Symbol der Grausamkeit und der Gewaltthätigkeit,[181] die

Harpyien, das Symbol des Zweifels,[182] Cacus, dessen tierische Hälfte

die brutale Gewaltsamkeit, die menschliche mit Schlangen bedeckte die

List versinnbildlicht,[183] die Giganten gleich den Gottesleugnern die

Repräsentanten übermütiger Kraft,[184] alle diese Monstra stehen den

Verdammten zur ewigen Qual als Personifikation ihrer Sünde vor Augen.

Antike Vorstellungen haben ferner das landschaftliche Bild der Hölle

vervollständigen müssen, so dienen der Acheron,[185] Styx,[186]

Phlegeton[187] und Cocytus[188] zur Trennung von Abteilungen der Sünder

oder zur Bestrafung.

Die Hölle Dante's ist also, wie wir sehen, aus den heterogensten

Elementen in eigenartiger Weise zusammengesetzt. Der Dichter hat den

ganzen Stoff vorgefunden, aber nach seiner Phantasie umgestaltet, indem

er die christliche Lehre und antike Vorstellungen mit denjenigen seiner

Zeit kombinierte. Er hat eine Welt des Jenseits aufgebaut, welche die

Phantasie mit Schrecken erfüllt hat, und die zu allen Zeiten in dem

Vorstellungskreise der gläubigen Christen geblieben ist.

Analog dem Dichter haben auch die Florentiner Künstler, welche wie die

Pisaner als Vorläufer Dante's oder wie Giotto als Zeitgenossen anzusehen

sind, die hergebrachten christlichen Anschauungen hauptsächlich unter

dem Einfluss der Antike in neue Formen gekleidet, während spätere

Künstler von dem Dichter beeinflusst erscheinen, und dieser dadurch auch

für die Kunst umgestaltend wirkte.

In Niccola Pisano pflegt man den Interpreten der neuen Richtung zu

erblicken. An dem Kanzelkasten im Baptisterium von Pisa (1260) befindet

sich unter den fünf Reliefs, welche die Geschichte Christi darstellen,

als Schluss derselben ein jüngstes Gericht.[189] Die Composition

desselben ist, wenngleich zusammengedrängt, die bisher übliche und zeigt

zur Rechten des Erlösers die Hölle. Ihre Örtlichkeit hat keinen

besonderen Lokalton und ist nur durch die Vorgänge selbst

charakterisiert. Lucifer als die Personifikation der Hölle sitzt auf

einem Untier, dessen tierischer Kopf allein zu erkennen ist. Unter dem

linken Arm hält er einen Missethäter, mit dem rechten wirft er einen

anderen in den neben ihm befindlichen Tierrachen, mit den Füssen tritt

er auf einen Übelthäter, dessen Arm ein gnomenartiger Teufel bereits

verschlingt. Der Kopf des Höllenfürsten, von einem langen zottigen

Haupt- und Vollbart umgeben, hat die verzerrten Züge des Satyrkopfes.

Die Stirn ist stark durchfurcht, unter den kräftigen Brauen liegen tief

in den Höhlen die Augen. Die Nase ist unförmig platt und eingedrückt.

Das grosse Maul ist zum Grinsen verzerrt. Der Oberkörper und die

Oberschenkel, deren Rückseiten lange zottige Haare zeigen, sind

menschlich geformt, während die Unterschenkel in Greifenfüsse ausgehen.

Die nackten Teufel, welche die Verdammten von den Engeln in Empfang

nehmen, Lucifer zuführen oder selbst in den Rachen des Untieres

befördern, haben sorgfältig durchgebildete Glieder; der Kopf hat

männliche, aber unschöne Züge, und tierische Schadenfreude blickt aus

den Augen. Eine groteske Erscheinung ist der zwerghafte Teufel, auf

dessen dicken und fetten Körper ein unförmiger, grosser Kopf sitzt,

welcher mit dem Typus eines Sokrateskopfes antiken Masken nachgebildet

ist.

Indem Meister Niccola so die Gestalten bis zur Scheusslichkeit

karrikierte, gab er ihnen ein teuflisches Aussehen, welches wir in der

byzantinischen Kunst vermissen. Freilich hat er es noch nicht

verstanden, den Charakter Lucifers zu seiner Thätigkeit und zu dem Ort

derselben in Beziehung zu setzen, denn Lucifer schaut mit widerwärtigem

Gesicht aus dem Relief heraus, indem er die Strafe an den Verbannten

gleichsam mechanisch vollzieht. Dagegen sind die Teufel mit ganzer Seele

bei ihrer Arbeit. Ihre freudige Geschäftigkeit und der Schmerz der

Verdammten, welche unter Schreien zu entrinnen suchen, bilden einen

lebenswahren Contrast, und wenn dies auch nur an einer vollständig

erhaltenen Gruppe wahrgenommen werden kann, so wird dies folgerichtig

für die leider arg verstümmelten übrigen angenommen werden müssen. Das

innere Leben der einzelnen Gruppen wird ferner noch durch die gesammte

Komposition erhöht. Während die Seligen gleichsam zu Christus

emporzusteigen scheinen, werden die Sünder in die Tiefe gezogen. So

kommt durch die entgegengesetzte Richtung wie von selbst Bewegung in die

Gesammtkomposition, welche den Totaleindruck erhöht. Darin liegt aber

auch das Hauptverdienst Niccola's, dass er sich frei machte von dem

leblosen Schematismus der byzantinischen Darstellung und die Vorgänge

mit lebenswahrer Treue und künstlerischem Verständnis so zu schildern

versuchte, wie er sie in seinem Innern fühlte. Wenn ihm auch die Mittel

fehlten, seinen Gedanken immer einen formvollendeten Ausdruck zu geben,

jenes Verdienst, seine Individualität seinem Werke eingehaucht zu

haben, muss dem Meister bleiben.

Einen Fortschritt in der feineren Durchführung der Details zeigt die

Darstellung der Hölle und des Teufels in dem jüngsten Gericht an der

zweiten Kanzel zu Siena (1266), welche zwar ebenfalls auf Niccola

zurückgeht, aber in ihrer Ausführung nachweislich seinem Sohne Giovanni

zuzuschreiben ist.[190] Das jüngste Gericht nimmt hier zwei Reliefs ein,

und die Hölle ist auf dem einen allein dargestellt. Ihre Komposition

gleicht der auf dem Relief in Pisa. In fünf Reihen sind die Verdammten

übereinander geordnet. Lucifer und die Teufel zeigen die gleiche

Auffassung, nur ist die Anteilnahme an ihrer Thätigkeit intensiver. Der

grösste Wert ist auf die Charakterisierung der Sünder im Einzelnen

gelegt. Sie sind unglückliche, bemitleidenswerte Geschöpfe. Ein Mönch

fleht den strengen Engel des Gerichtes um Erbarmen an. Ein gekrönter

Sünder hält jämmerlich weinend die gefalteten Hände vor den Mund, ein

anderer hat sein Antlitz bedeckt. Die Leidenschaft, welche diesen

Gestalten, den Teufeln in ihrer Schadenfreude und gierigen

Geschäftigkeit, den Verdammten in ihrem Schmerze und in ihrer Reue

innewohnt, ist das für Giovanni Pisano Charakteristische. Und in den

beiden Arbeiten desselben Inhalts, welche er unabhängig vom Vater

geschaffen hat, in den Reliefs an den Kanzeln zu S. Andrea di Pistoja

(1302) und im Dome von Pisa (1310) hat er sich zwar, was die

Composition, die Attribute der Hölle und des Teufels anbelangt, an die

frühere Darstellung ohne Abweichung angeschlossen, aber der Handlung die

feurige Lebendigkeit und den Schwung seines Geistes gegeben, die er im

höheren Grade besass als der Vater.

Dieses Streben nach einem natürlichen, lebenswarmen Ausdruck erreicht in

der Plastik seine höchste Vollendung in der Darstellung eines Inferno an

der Façade des Domes von Orvieto, das nur wenig später a. 1310 von

Giovanni Pisano's Schülern Lorenzo Maitani, seinen Söhnen und Gehilfen

gearbeitet ist.[191]

Der Teufel und die Hölle in der darstellenden Kunst von den Anfängen bis zum Zeitalter Dante's und Giotto's · 第 3 / 6 段