Die Komposition der Hölle zerfällt in zwei Abteilungen. In der oberen

ist der Zug der Verdammten zur Unterwelt dargestellt. Der Engel des

Zornes treibt mit Geisselhieben die Sünder vor sich her, welche von

langen, schweren Ketten gefesselt von den Teufeln vorwärts in die

Unterwelt gezerrt werden. Ihr Antlitz zeigt den Ausdruck höchster Angst.

Die einen verbergen vor Grausen die Augen, andere halten sich die Ohren

zu, um das laute Wehklagen des Nachbarn nicht zu hören, wieder andere

falten die Hände wie zum Gebet. In der unteren Abteilung der Hölle

erwartet Lucifer und die Teufel die Verdammten. Der Höllenfürst wird von

Drachen getragen, deren Schlangenhälse sich um seinen Körper ringeln und

mit ihm verwachsen zu sein scheinen. Ihre Köpfe verschlingen zu beiden

Seiten Lucifers die Sünder. Die nackte Gestalt des Teufels ist dagegen

rein menschlich. Seine Füsse und Hände sind von Schlangen gefesselt.

Ebenso winden sich um sein Haupt Schlangen, welche wie zu einer Krone

geflochten sind. Der Kopf selbst gleicht dem auf dem Relief von S.

Giovanni im Dome v. S. Andrea di Pistoja. Ebenso sind die nackten Teufel

menschenähnlich. Ihre Köpfe haben meist wie im Baptisterium zu Pisa den

antiken Satyrtypus, aber in's Scheussliche verzerrt. Aus den breiten,

grinsenden Mäulern, welche den Unterkiefer ausmachen, ragen lange Hauer

hervor. Die gut proportionierten Körper sind mässig schlank und

muskulös, entweder vollständig mit zottigem Fell bedeckt oder nur

teilweise wie bei Niccola behaart; an dem zum Skelett abgemagerten

Oberkörper scheinen die Rippen durch. Fledermausflügel an den Schultern

geben den Gestalten ein unheimliches Aussehen. Mit tierischer Freude

packen diese Teufel mit den Krallen die Sünder an, welche umsonst

schreien, klagen, sich das Haar raufen und vor den Teufeln sich ducken.

Schlangen, welche sich durch die Glut ringeln, erhöhen die Qualen der

Unglücklichen.

Die Örtlichkeit der Hölle ist hier räumlich gegliedert. Die zwei

Abteilungen, von denen die zweite die Fortsetzung der ersteren bildet,

fanden wir schon in den byzantinischen Darstellungen, so in St. Angelo

in Formis; wie denn überhaupt nach Jessen[192] in den Reliefs am Dome

von Orvieto das strenge Schema der byzantinischen Mosaicisten

beibehalten worden zu sein scheint. Der Darstellung Lucifers und der

Teufel liegt aber auch die Auffassung der Pisani unverkennbar zu Grunde.

Wie bei jenen, so ist auch hier die das Menschliche betonende Auffassung

der Byzantiner vollständig aufgegeben. Das Tierische und damit der

dämonische Charakter in seiner abstossenden Hässlichkeit wiegt vor. Die

Thätigkeit dieser Dämonen verrät höchste Leidenschaft, und das

Gesammtbild ist voll abwechslungsreicher Episoden. Nirgends findet sich

ein Moment der Ruhe. Dadurch ist aber eine der wichtigsten

Vorstellungen, welche sich mit dem Begriff der Hölle verbinden, zum

Ausdruck gekommen.

In den Werken der Vorläufer und Zeitgenossen Dantes sehen wir also ein

gleiches Streben, wie bei dem Dichter selbst, Antike und Christentum zu

verschmelzen und ihr eignes Empfinden frei von akademischen Regeln in

ihre Werke hineinzutragen, ohne dabei das traditionell Typische

aufzugeben. In Niccola Pisano's Darstellung sehen wir den Anfang, in

Orvieto eine gewisse Vollendung.

Die plastischen Arbeiten der Pisaner und ihrer Schüler werden

chronologisch fortgesetzt durch die Malereien von Dantes Freunde

Giotto,[193] denn von seinem Vorläufer Cimabue, sowie von den

Sienesischen Malern ist, soweit wir wissen, nichts auf die Ikonographie

des Teufels und der Hölle Bezügliches erhalten.

Giotto hat zweimal das Infernum dargestellt, in der Scrovegnikapelle in

Padua (1306/7) und kurz vor seinem Ende in Bargello (1336/7). Beide

Gemälde, besonders das in Florenz, sind im ruinenhaften Zustande,

während das in Padua starke Übermalungen zeigt.

In dem letzteren ist die Hölle eine von einem Feuerstrome, welcher von

den Füssen Christi in der Mandorla ausgeht, durchflutete Felsenhöhle.

Durch den Feuerstrom werden die Sünder in die Hölle geschwemmt, wo sie

Teufel in Empfang nehmen, oder sie ziehen über den Bogen des Portals,

»wie über eine Brücke,« in die Unterwelt ein. Diese zerfällt durch die

Felsen in natürlich abgeschlossene Räume, welche für einzelne Kategorien

von Sündern bestimmt sind. Ihre Zahl lässt sich infolge der vielen

Beschädigungen des Fresko nicht feststellen. Der interessanteste Raum

ist im untersten Bildstreifen erhalten. Hier sitzt im Centrum der

riesengrosse Lucifer auf einem doppeltgestaltigen Ungeheuer, dessen

Leiber in der Mitte zusammengewachsen sind. Seine Grösse beträgt etwa

1/3 der Höhe der ganzen Hölle. Er ist ein breitschultriger, dicker,

fleischiger Gesell. Sein Kopf tritt wenig vermittelt aus den Schultern

heraus. Borstige Haare umrahmen ihn. Seine Züge sind die des Satyrs. Aus

seiner Stirn ragen zwei mächtige Stirnhörner heraus. Von den Ohren ist

nichts zu sehen. An dieser Stelle des Kopfes aber schnellen Schlangen

nach den Seiten, um die in der Nähe befindlichen Sünder zu packen. Das

breite Maul Satans verschlingt gerade einen Verdammten. Mit den Armen

greift Lucifer in die Menge nach rechts und links, um neue Opfer dem

ersten folgen zu lassen. Seine Beine gehen in stark gespaltene Hufe aus,

welche unter sich die Sünder zertreten. Rechts und links von dem

Höllenfürsten sehen wir am Boden der Hölle sechs abgegrenzte, in die

Erde sich öffnende, flammende Felsengrotten, in welche die Teufel die

Sünder werfen. Im wüsten Durcheinander wälzen sich ihre nackten Leiber.

Hier ragt ein Kopf, dort die Beine heraus. Gewiss war eine jede Grotte

für eine gewisse Klasse von Sündern bestimmt, die möglicherweise durch

Inschriften kenntlich gewesen ist. Sie zu bestimmen ist leider nicht

mehr möglich. Nur zu der einen Grotte sehen wir auf den Schultern eines

Teufels rücklings einen mit der Tiara geschmückten Sünder reiten. Ihm

naht ein Weib, um ihm einen Geldsack zu geben. Er segnet sie.

Vielleicht ist dieser Ort für die Simonisten bestimmt. Zu Häupten

Lucifers sehen wir rechts Sünder, welche furchtbare Strafen erleiden. Da

erscheint eine Gruppe von Gehängten, deren Füsse im Feuer stehen. Einer

von ihnen hängt mit dem Kopfe nach unten, sodass ihm das Blut in den

Kopf schiesst. Es ist der Hochmütige, welcher das Haupt im Leben zu hoch

getragen hat. In einer anderen Gruppe wird der Unkeusche an seinen

Schamteilen von einem Teufel gebissen, dem am Boden liegenden

Habsüchtigen wird von einem auf seinem Leibe reitenden Teufel glühendes

Erz in den Rachen gegossen. Ein anderer Sünder hängt mit den Armen an

einer Stange; ihm durchsägen zwei Teufel den Körper von oben nach unten.

Über dieser Abteilung sehen wir in einer anderen zottige Teufel eine

Schar Verdammter verfolgen. Hier rast mit auf den Rücken gefesselten

Händen ein Sünder umher, dort schwebt eine mit einander verbundene

Gruppe, deren Körper in entgegengesetzter Lage liegen. So fliegt die

Schar hin und her im ewigen Taumel, ohne Ruhe zu finden. In sie fährt

ein Ungetüm mit einem Wolfsrachen und ein Teufel, angethan mit einem

Mönchskostüm, bläst auf einem Horne, als wollte er die Melodie zu dem

Reigen spielen. In die Mitte des obersten Bildstreifens ragt ein Fels

hinein. Auf diesem liegen die Leiber gehäuft durcheinander. Teufel

stürzen sie in die Tiefe hinab, wo sie von anderen in Empfang genommen

werden.

Dieses Fresko ist die erste malerische Darstellung der Hölle in der

gesammten Kunst des XIV. Jhrdts. und zugleich eine der packendsten.

Genauer, realistischer, grausiger ist sie wohl vor Giotto nie

dargestellt worden, wenigstens kennen wir keine weitere. Der feine

architektonische Aufbau des Ganzen, welcher so kunstlos grosse

Innenräume schafft, die Masse der Gruppen, welche trotz der Menge der

Sünder nie überladen erscheint, der Reichtum an Erfindung der

grauenvollen Qualen und die lebendige Darstellung der einzelnen Scenen

verdient unsere höchste Bewunderung. Man meint eine Illustration der

Hölle Dante's oder doch wenigstens eine Schöpfung im Geiste des Dichters

vor sich zu sehen und dies hat zu der Annahme geführt,[194] zumal da im

August 1306 Dante auf einige Tage in Padua zum Besuch weilte, letzterer

habe Giotto die Einzelheiten angegeben, was aber unwahrscheinlich ist,

da damals das Infernum noch nicht bekannt und das Fresko früher

entstanden ist. Auch scheint Giotto's Gemälde bei genauer Vergleichung

nach anderen Gesichtspunkten komponiert. Die Örtlichkeit der Hölle, ihre

Attribute Lucifer im Centrum, die Abteilungen und Klassificierung der

Sünder, die verschiedenen Strafen und deren Beziehung zur Sünde ist

ähnlich wie bei Dante und besonders in den Schilderungen der früher

erwähnten Legenden wie Tundalus. Der principielle Unterschied zwischen

dem Dichter und dem Maler liegt eben darin, dass Giotto sozusagen

christlicher traditioneller, jener antiker individueller denkt. Die

Verbindung von Christentum und Heidentum fehlt dem Fresko, die

byzantinische Tradition erscheint dem Inhalte nach gewahrt. Giotto ist

daher eher als ein Vorläufer Dantes zu betrachten, der den populären

Vorstellungen weise Rechnung trägt, ihnen aber neue Züge in Fülle

hinzufügt. Vorzugsweise dürfte seine Arbeit auf die rappresentazione

sacre und ähnliche öffentliche Volksschauspiele zurückgehen, wie sie

gerade in Florenz so üblich gewesen waren -- ich erinnerte bereits an die

Schilderung von Villani. Was Giotto's Form anlangt, so ist die

byzantinische freilich ein überwundener Standpunkt. Der Maler hat mit

den Plastikern das Streben nach Realität gemein, ja er hat sie darin

wohl übertroffen. Der Gestalt des Teufels hat er nichts Neues gegeben.

Er stellt sie nach Art der Byzantiner durchaus menschenähnlich dar, aber

er hat weniger durch den krassen Effekt der Karrikatur wie die Pisaner

als durch Handlung charakterisiert. Sein Teufel ist ein fühlendes

Individuum. Die Verdammten hat der Maler am wenigsten geschildert. Ihre

Köpfe sind Typen und wie in St. Angelo in Formis werden Priester und

Laien nur äusserlich unterschieden. Ihr Leid verraten die Unglücklichen

noch mit keiner Mine, nirgends ist ein Ausdruck der Angst, der

Verzweiflung und Reue in ihrem Gesichte zu lesen. Darin wird Giotto von

Giovanni und Lorenzo Maitani übertroffen, es ist aber unzweifelhaft,

dass die Mängel auf Schülerhände zurückgehen, welche dieses

Schlusstableau eines langen Cyklus notdürftig fertig machen mussten, da

der Meister selbst durch andere Arbeiten abberufen worden ist.

Das ganze Fresko der Hölle macht auch heute noch trotz seiner argen

Beschädigungen einen überwältigenden Eindruck. Und wie in einer

Symphonie jeder Satz ein Tongemälde für sich ist, das nur der

Interpretation eines einzigen Gedankens dient, so wird in diesem Inferno

die Idee von der Vergeltung nach dem Tode durch einzelne Seelengemälde

erläutert, welche zusammen ein harmonisches Ganzes bilden.

Dante's Gedanken und Giotto's Stil werden wenige Jahrzehnte später durch

Orcagna weiterfortgesetzt und dieser schafft in seiner Hölle in S. Maria

Novella zu Florenz das zweite grosse Fresko, das die von den Pisanern

erstrebte Richtung gleichsam abschliesst. Dieses Werk, ca. 1357 gemalt,

kann direkt eine Illustration des »Inferno« der divina commedia genannt

werden.[195]

Nach der Topographie Dante's ist das Gemälde entworfen.[196] Freilich

ist die trichterförmige Gestalt aufgegeben, wohl mit Rücksicht auf die

Wand der Strozzikapelle. Die Hölle ist in ein Rechteck, das durch einen

Halbkreis abgeschlossen ist, hineinkomponiert. Sie ist wie bei Giotto

als Felsenhöhle dargestellt, welche durch fünf einander parallel

laufende Querwände in sechs Zonen geteilt ist. Jede derselben zerfällt

in mehrere Abteilungen. Die erste Zone enthält die Vorhölle und den

ersten Kreis der Dant'schen Hölle, die zweite den zweiten und dritten,

die folgende je zwei Kreise, nur die vierte Zone den sechsten allein. In

diesen Zonen werden die Verdammten nach der Vorschrift Dantes bestraft,

und die Örtlichkeit der Strafe angepasst.

In der ersten Zone ist die Vorhölle dargestellt. An dem Ufer des Acheron

sammeln sich die Sünder, welche aus der Erde zum Teil emporsteigen, um

einen Fahnenträger. Es ist die Rotte der Feiggesinnten, denen zum Guten

wie zum Bösen die Thatkraft fehlte, und die sich wie eine Fahne nach

jeder Richtung drehen. Jenseits des Acheron, auf dessen Flut Charon im

Nachen fährt, liegt der primo cerchio des Inferno, durch eine

Gebirgswand von der Vorhölle getrennt. Hier erhebt sich auf felsigem

Grunde ein von einer Mauer umgebener Turm mit sieben sich nach oben

verjüngenden Stockwerken; er dient denen zum Aufenthalte, welche zwar

ohne Schande lebten, aber der Taufe entbehrten.[197] In der zweiten Zone

richtet Minos die vor ihm erscheinenden Sünder.[198] Der grause Dämon

hat die bekannte tierisch menschliche Gestalt der byzantinischen Kunst.

Mit flammenden Augen scheint er die armen Seelen zu durchbohren. Um

seine Beine, welche in Vogelklauen ausgehen, ringelt sich bis zur Hüfte

in fünf Windungen eine Schlange. Sie beisst ihm in die Scham und während

er selbst von den furchtbarsten Schmerzen gequält ist, vollführt er sein

Richteramt über die Verdammten, welche weinend oder flehend, teilweise

mit bedecktem Gesichte vor ihm stehen. Hinter ihm sehen wir die Schar

der Gerichteten.[199] Die sinnliche Leidenschaft, welche die edle Liebe

wie die Wollust gebiert, lässt sie nie zur Ruhe kommen und wie vom Sturm

getrieben fliegen sie im Kreise umher mit dem Ausdruck der Verzweiflung,

mit den Armen durch den leeren Raum suchend oder in inniger Umarmung

dahinschwebend, wie es Dante von Paolo und Francesca beschreibt.[200] An

diese Scene schliesst sich, wiederum durch eine Felswand getrennt, das

Reich des dreiköpfigen Cerberus (Dante, Kreis 3), welcher mit seinen

drei Rachen das Symbol der Unersättlichkeit ist.[201] Er hat den Körper

eines Hundes, nur ist das geradeaus blickende Gesicht durch den Bart und

durch Milderung der tierischen Form vermenschlicht. Während er einen

Sünder verschlingt, packt er mit seinen Armen zwei andere, die ihm

umsonst zu entrinnen suchen. Um ihn her aber sitzen oder liegen rechts

am Boden Verdammte, die vergeblich vor dem fallenden Regen Schutz

suchen.[202] Es sind die Säufer. Links aber sitzen an gedeckter Tafel

die Feinschmecker, welche einander die Bissen missgönnen.[203] In der

dritten Zone ist der quarto cerchio dargestellt. Hier wälzen die

Verschwender und Geizigen grosse Lasten, das Bild des Goldklumpens, der

ihr einziger Gedanke gewesen, in entgegengesetzter Richtung mit der

Brust entgegen.[204] Über die zum Teil als Geistliche charakterisierenden

Sünder steht als Wächter ein Teufel mit einer Keule in der Linken auf

hohem, breiten Felsen, welcher diese Unglücklichen von denen des fünften

Kreises trennt. Letzterer bildet einen Sumpf. In ihm stehen die

Jähzornigen und wüten gegenseitig, während die Lässigen (Accidiosi), die

ihren Hass und Groll wie ein schleichendes Feuer im Innern trugen, mit

den Köpfen aus dem Sumpfe herausgucken.[205] Ihr Wächter Phlegias[206]

aber rudert über den See. Die ganze vierte Zone bildet die Stadt

Dis.[207] Eine Mauer, welche durch drei in gleichen Abständen stehende

Türme unterbrochen ist, trennt sie von den oberen Kreisen. Auf dem

mittelsten Turme stehen die Erinnyen[208] mit ihren Schlangenhäuptern,

auf den anderen mit Lanzen bewaffnete Teufel, eine Wache haltende

Cohorte. Durch Thore gelangt man zur Gräberstadt. In lodernden Flammen

glühen da Särge, aus deren Öffnungen die Köpfe der Unglücklichen

herausblicken. Es sind dies Ketzer, welche die Unsterblichkeit leugnend

den Sarg als das Ziel ihres Lebens ansahen und ihn nun zur Strafe für

immer besitzen. Die fünfte Zone stellt den siebenten Kreis[209] des

Inferno dar. In der Mitte derselben liegt von felsigem Ufer umschlossen

ein See. Die Mörder trinken hier das von ihnen vergossene Blut.

Centauren, welche am Ufer dahinsprengen, schiessen nach ihren Köpfen

oder tauchen die, welche sich aus dem Blutmeer zu weit herauswagen,

wieder unter. Zur Linken dieses Seees ist ein Dickicht von Bäumen. Auf

den Ästen sitzen Vögel mit Menschenköpfen, die Harpyien.[210] Verdammte,

welche von Hunden verfolgt, hierher geflüchtet sind, verwandeln sich in

Bäume und letztere, deren Zweige verletzt wurden, umgekehrt in

Menschenköpfe.[211] Es sind die Selbstmörder, welche von einem Leben

nach irdischen Vorstellungen in verächtlichem Pessimismus nichts wissen

wollten. Rechts am Blutsee werden die Gotteslästerer, Wucherer und

Sodomiter gestraft.[212] Steine und Feuer fällt auf die am Boden

liegenden, kauernden oder aufrecht stehenden und mit geballten Fäusten

nach oben drohenden Sünder. Die sechste Zone ist die grösste. Die zehn

bei Dante geschilderten Bulgen sind hier durch Felsenwände von einander

getrennt dargestellt. Indem die Mitte für Lucifer und die vier

Abteilungen der Verräter freigelassen ist, ordnen sich je fünf Bulgen

rechts und links um sie. Hier geisseln gehörnte Teufel die Kuppler,

deren Hände auf dem Rücken gebunden sind.[213] In der nächsten Bulge

ragen aus Erdhöhlen die zappelnden Beine der Simonisten.[214] In den

Tiefen der Erde, wo die Erze liegen, haben sie ihren Gott gesucht, und

suchen ihn nun dort in Ewigkeit. In der nächsten Bulge[215] stecken die

Gauner, deren Thätigkeit durch die schlechte Erhaltung des Bildes nicht

mehr zu erkennen ist. In der folgenden Abteilung werden die Diebe von

Schlangen gefesselt und verwundet. Ihr Wächter ist der Centaur Cacus, in

dem sich tierische Kraft und List gepaart haben, ein Symbol für den Raub

und Diebstahl.[216] Ihnen schliessen sich die Zwiespaltstifter an.[217]

Ihre Sünde rächt sich, denn ihnen werden jetzt die Glieder ihres Leibes

von einem Teufel mit dem Schwerte getrennt. In der rechten Hälfte der

Zone wälzen sich die Schmeichler[218] im Kothe, die Wahrsager[219]

blicken mit dem Gesicht in entgegengesetzter Richtung rückwärts, um das

Verkehrte ihrer Kunst zu charakterisieren, die Betrüger (gente

depinta)[220] gehen in Kutten, die Augen fromm nach oben gekehrt, um

sich den Schein der Heiligkeit zu geben. In der nächsten Gruppe sehen

wir stolze Gestalten, denen man ansieht, dass sie einst im Leben eine

hervorragende Rolle gespielt haben. Es sind vermutlich die bösen

Ratgeber,[221] welche nach Dante als Flammengestalten dahinwandeln. In

der letzten Bulge werden die Fälscher und Lügner an ihrem Leibe durch

Krankheiten heimgesucht dafür, dass sie im Leben das Reine besudelten,

indem sie Personen und Sachen ein anderes Aussehen zu geben sich

bemühten. Die Mitte der Zone stellt nun den neunten Kreis der Hölle

Dantes dar. Die vier Abteilungen desselben Caïna,[222] Antenora,[223]

Ptolomaea,[224] Judecca,[225] sind auf dem Bilde zu einer verbunden. In

einem, von gradlinig behauenem Felsenrande umgebenen Eissee schmachten

die Verräter. In der Mitte aber sitzt Lucifer, getreu nach der bekannten

Schilderung Dantes ausgeführt. Um den See aber stehen die Giganten als

Repräsentanten jener übermütigen Menschen, welche sich gegen Gott

empörten und bestraft ihre menschliche Ohnmacht fühlen mussten.

So gross die Übereinstimmung mit Dantes Inferno, so weit ist die

Abweichung von Giotto's Schöpfung. Letzterer dürfte aber doch den Vorzug

vor Orcagna verdienen, da er selbständig gearbeitet hat. Mag man bei

Orcagna auch die Darstellung im Einzelnen, die wahrheitsgetreue

Zeichnung, das lebhafte Mienenspiel, die vorzügliche Ausarbeitung der

Gestalten, welche an Grossartigkeit den Vergleich mit denen

Michelangelo's aushalten können, noch so bewundern, das Werk bleibt doch

immer nur eine Illustration des Inferno, was vielleicht auch

beabsichtigt war. Die Existenz dieses Freskos wird aber beweisen, das

Dante's Gedicht Allgemeingut der Florentiner und damit überhaupt

Italiens geworden war. Denn nur wer ganz vertraut mit dem Inhalt des

Gedichtes ist, wird das Gemälde verstehen können. Wenn die Zeitgenossen

Orcagnas das aber gekonnt haben, -- und es ist kein Grund daran zu

zweifeln, -- so zeigt dies eben den Einfluss Dantes.

Überblicken wir nun die Periode der ersten italienischen Kunstblüte von

den Pisanern bis Orcagna, so finden wir, dass die künstlerische

Darstellung des Teufels eine wesentliche Bereicherung erfahren hat. Die

Antike, welche zur Zeit der Karolinger und Ottonen der äusseren

Erscheinung Attribute verliehen hatte, wird jetzt direkt nachgeahmt,

indem der Satyr zur Missgestalt umgebildet wird; oder es findet sich die

byzantinische Auffassung wie bei Giotto beibehalten, wobei aber ein

besonderer Wert auf die Individualisierung des Teufels gelegt ist. So

entstanden zwei Anschauungen. Die eine betonte, indem sie das

Menschliche der byzantinischen Darstellungsweise weit hinter sich liess,

mehr die tierische Unnatur, die zweite aber behielt die frühere Form

bei, gab ihr aber die Leidenschaft, die das Charakteristische jener Zeit

ist. Der Teufel wird grausamer, bestialischer. Wie ein wildes Tier fällt

er über die Menschen her und zerreisst sie, an dem Widerwärtigen und

Ekelhaften hat er seine Freude. Und was von ihm im Allgemeinen gilt,

passt auch für Lucifer: Die menschliche und tierische Natur gehen

ineinander auf. Er, welcher einst als der schönste der Engel galt, ist

zur hässlichen Missgestalt geworden. Unter dem Einfluss der Antike hat

er die dreiköpfige Gestalt des Cerberus bekommen, gleichsam als Parodie

auf die Person des dreieinigen Gottes. Die passive Rolle des Zuschauers,

als den wir ihn früher kennen gelernt haben, hat er aufgegeben. Zwar

sitzt er noch wie für die Ewigkeit nach alter Tradition gefesselt, aber

er ist kein teilnahmloses Wesen, sondern als die Personifikation der

gesammten Hölle verschlingt er, ähnlich, wie jene alle Sünder aufnimmt,

die in der Nähe befindlichen, um sie wieder von sich zu geben, das

vollendete Bild tierischer Rohheit.

Zu Lucifer und den Teufeln gesellen sich in dieser Periode als

Inkarnation des Bösen jene wunderbaren mythologischen Wesen, welche

einst die Dämonologien der Alten belebten. In christlicher Auffassung

wie historische Persönlichkeiten leben sie seit dieser Zeit in der Kunst

fort.

Ähnliche Umwandlungen wie die Person des Teufels hat sich auch die Hölle

gefallen lassen müssen. Die früher wenig betonte Örtlichkeit ist für

immer fixiert worden. Eine vollständige Welt ist für sie geschaffen

worden. Sie hat Landschaft und Scenerie bekommen. Wie Nationen die Erde,

so bevölkern Klassen von Sündern die Gebiete der Hölle; wunderbare

Fabelwesen, Dämonen und Schlangen haben hier ein Heim gefunden.

Bezeichnet diese Darstellung auch den Höhepunkt der Entwicklung, welche

nur von wenigen Künstlern erreicht wurde, so zeigt sie doch auch den

gewaltigen Abstand gegen die früheren byzantinischen Darstellungen. Dass

die Hölle jene reelle, der Erde ähnliche Welt geworden ist, und somit in

dieser Periode ein Vorbild für alle Zeiten geschaffen wurde, muss als

das hauptsächliche Verdienst Dantes angesehen werden.

Eine Weiterentwicklung der verschiedenen Anschauungen über den Teufel

und die Hölle in den kommenden Jahrhunderten würde zeigen, dass der

grosse Dichter aber auch die Künstler der Folgezeit inspiriert hat, dass

die Bildner im Campo santo zu Pisa, im Quatrocento Signorelli in seinen

»letzten Dingen« im Dome von Orvieto, im Cinquecento Michelangelo an der

Hinterwand der Sixtina, wenn auch nicht in der sklavischen Abhängigkeit

eines Orcagna, welche ihrer Schöpferkraft fremd gewesen wäre, so doch im

Geiste des Dichters arbeiteten und, indem sie einzelne Scenen und

Gestalten seines Werkes entlehnten, jene Dinge geschildert haben. So

verbindet ein sichtbares Band geistiger Ideen Dante und Giotto mit jenen

grossen Meistern.

Vita.

Der Teufel und die Hölle in der darstellenden Kunst von den Anfängen bis zum Zeitalter Dante's und Giotto's · 第 4 / 6 段