Zahlreicher als in diesen einzelnen symbolischen Darstellungen findet

sich die Wiedergabe der Hölle in grösseren Kompositionen, in denen sie

gleichsam ein notwendiges Requisit zu dem behandelten Gegenstande

bildet. Das neue Testament, besonders die Apokalypse, giebt dazu wieder

den Stoff.

Ein beliebtes Thema ist: Der reiche Mann und der arme Lazarus.[135]

Diese Parabel war für die bildliche Darstellung sehr dankbar, weil sie

dem Künstler Gelegenheit bot, an einem allbekannten Beispiel die Strafen

für begangene Sünden nach dem Tode vor Augen zu führen. Der Gegenstand

nimmt gewöhnlich drei Scenen ein: Das Mahl des Reichen, der Arme im

Schoosse Abrahams, und der Reiche in der Hölle. Von diesen kommt hier

nur die letzte in Betracht. In der Bilderhandschrift Kaiser Otto's in

Aachen (IX. Jhrdt.) ist in der Mitte dieser Scene in Form einer Ellipse

ein flammender Abgrund dargestellt. Aus seiner Mitte ragt in dunkeler

Schattierung ein Frauenkopf, in dessen langen Haaren das Wort abyssus

steht. Um diesen Kopf schauen aus den Flammen die Häupter der acht guten

Freunde, welche durch den geöffneten Mund die Zähne erblicken lassen,

als wollten sie sagen, dass sie vor Durst umkämen. Von ihnen gesondert

sitzt rechts der reiche Prasser. Durch seinen dunkelroten Mantel,

welcher ihn nur notdürftig bedeckt, scheint die rotbraune Haut hervor.

Der Unglückliche zeigt mit der linken Hand auf seine durstige Zunge hin.

Die flammende Hölle ist rotbraun gemalt.[136] In dem Evangelium zu Gotha

sitzt in der Hölle der Höllenfürst an Händen und Füssen gefesselt.[137]

Auch in der Echternacher Handschrift Otto's III. (in Gotha) findet sich

der Tod des Reichen. Teufel bemächtigen sich seiner Seele. In einem

anderen Bilde sitzt er mit seinen fünf Freunden in der Hölle und streckt

seine Arme nach dem im Schosse Abrahams sitzenden Lazarus aus.[138] Auch

auf dem Wandgemälde in S. Angelo in Formis ist diese Scene

dargestellt.[139] Man sieht den Reichen jammernd in einem Glühofen

schmachten und Abraham anflehen, der rechts von ihm erscheint, die Seele

des Lazarus als Kind im Schosse tragend. Aus dem XII. Jhrdt. sei eine

Miniatur im hortus deliciarum erwähnt. Der Reiche liegt in prächtiger

Kleidung auf weichem Kissen, zu seinen Füssen stehen seine Gattin und

seine Freunde, zu Häupten tragen zwei grinsende Dämonen seine Seele in

Gestalt einer kleinen Figur, die seinem Munde entschlüpft ist, fort. Die

Teufel haben ein breites, grinsendes Maul, Flammenhaare, die in fünf

Garben stehen, eine hakenförmige Nase, lange Nägel und in der Hand eine

dreizinkige Gabel.[140] In allen den angeführten Bildern ist die Hölle

als ein flammenerfüllter Abgrund gemalt. Sonst ist von einer genaueren

Bestimmung der Örtlichkeit abgesehen, und die Hölle nur notdürftig

charakterisiert. Die byzantinischen Darstellungen wie die in St. Angelo

in Formis und die abendländischen stimmen unter sich und auch mit der

Beschreibung im Malerbuch vom Berge Athos überein, sodass auch hier die

Annahme, dass auf die Byzantiner die genauere Ausbildung dieser Scene

zurückgehe, zutreffend sein dürfte. Wenn Didron behauptet,[141] dass die

byzantinische Kunst diese Scenen zwar mit der abendländischen

übereinstimmend komponiert habe, aber in ihrer Auffassung der allgemein

orientalischen Sitte entsprechend grausamer sei, so spricht dies

ebenfalls nicht gegen die Abhängigkeit beider Gebiete.

Ein gleich beliebtes Thema ist Christus in der Vorhölle.[142] Nach der

Legende ist Christus während der vierzig Stunden, welche er noch am

Kreuze lebte, in die Hölle gefahren, um die dort im limbus patrum

weilenden Patriarchen zu befreien. Die frühste, uns bekannte Darstellung

scheint eine Miniatur auf dem Palimpsest eines Psalters zu Pantokratoros

(IX. Jhrdt.) zu Psalm 68, 19 zu sein.[143] Der byzantinische Künstler

hat die Hölle durch einen zu Boden geworfenen Riesen angedeutet, über

welchen Christus triumphierend hinwegschreitet. Auf einem anderen Bilde

ebenda tritt Christus, das Kreuz erhebend, auf die Thore der Hölle. In

derselben Scene zu St. Angelo in Formis[144] tritt Christus auf die

kreuzweis liegenden Stücke der von zerbrochenen Schlössern und Riegeln

umgebenen Thür. Er hat die Hand Adams ergriffen, neben welchem Eva

erscheint, während hinter ihnen eine Menge Propheten der Erlösung

harren. Ein tiefer Abgrund thut sich unter den Füssen Christi auf.

Gewaltsamer spielt sich die Scene auf dem Fresko in der Unterkirche von

St. Clemente in Rom (X. Jhrdt.) ab.[145] Die nackte, schwarze Gestalt

des Teufels liegt in ohnmächtiger Raserei, Feuerbüschel aus dem Munde

speiend am Boden und schaut mit feurigem Blick zu Christus auf, der sie

niedergetreten hat. Satan hält Adam, den Christus ihm entreissen will,

an den Füssen zurück. Hier ist die Hölle nur durch den Teufel als ihre

Personifikation angedeutet. Auf den Erzthüren von St. Zeno zu Verona

(XI./XII. Jhrdt.)[146] ist die Hölle als ein fast quadratischer, von

Mauern und Thüren umgebener Raum versinnbildlicht. In seiner Mitte sitzt

ein grosser Teufel. Er hält einen Menschen, vielleicht Judas Ischarioth,

im Schoosse. Christus tritt als Erlöser durch das Thor der Höllenstadt.

Diese letzte Darstellung findet nirgends ihresgleichen und zeigt in dem

Bestreben eine Lokalität für die Hölle zu schaffen einen Fortschritt

gegenüber den bisherigen. Es seien noch zwei Miniaturen besprochen, die

eine in der Handschrift der Beverinischen Bibliothek zu Hildesheim,[147]

die andere in der Queriniana zu Brescia (XI. Jhrdt.)[148]. Die Hölle, in

welche Christus in aufrechter Haltung hinabschwebt, ist ein

Flammengrund, in dem die Sünder Adam und Eva schmachtend die Hände

erheben. Am Boden liegt der Satan an Händen und Füssen gefesselt. Nach

der Quirinianischen Handschrift ist er bärtig und von Schergen von

dunkler Hautfarbe umgeben, deren Haare flammenden Garben gleichen. Im

Cod. Quer. sind in der Gestalt der Teufel menschliche und tierische

Glieder vermischt. Hände und Füsse sind mit Krallen versehen, der Leib

in Abständen mit Strichlagen bedeckt, womit Behaarung angedeutet ist.

Die Hölle selbst ist reicher ausgemalt. Ausser Satan ist noch ein

zweiter Teufel in ihr. Dieser in hockender Stellung weist mit der Linken

auf Eva, in der Rechten hält er den Dreizack. In allen diesen Scenen

lassen sich Unterschiede in der Ausführung erkennen, obwohl die

Komposition überall die gleiche ist. In den byzantinischen Darstellungen

ist die Vorhölle, wie es auch das Malerbuch vom Berge Athos

verlangt,[149] als dunkele Höhle dargestellt, in denen aber unter

abendländischen Einfluss entstandenen als flammenerfüllter Raum. Die

Attribute, wie Riegel und Schlösser, ferner die büssenden Sünder, der

gefesselte Teufel und Drachen als Symbol der Hölle kehren immer wieder,

ein Beweis für die hier bestehende Tradition.

Wir wenden uns jetzt der für diese, wie für jede folgende Zeit

wichtigsten Komposition zu, in der die Hölle und der Teufel nie fehlen:

dem jüngsten Gerichte. Darstellungen desselben kommen bereits zu Ausgang

der altchristlichen Kunst vor, so in den Katakomben und in den Mosaiken

von Ravenna.[150] Dass sie in unsere Besprechung nicht aufgenommen

worden sind, veranlasste das Fehlen des Teufels und der Hölle in

damaliger Zeit. In den ersten acht Jahrhunderten wurde Christus im

Kreise der Apostel dargestellt, wie er die Guten von den Bösen scheidet.

Von einer Vergeltung des Guten und Bösen, von Belohnung und Strafe ist

noch nirgends etwas zu finden. Dieser Gedanke findet sich zuerst, wie

es scheint, auf einer Terracotta im palazzo Barberini (XI. Jhrdt.)[151]

Hier liegen zu Christi Füssen eine Geissel als Symbol der Strafe,

daneben zwei Beutel als das der Belohnung. Wie sich aus diesen

Andeutungen die im Mittelalter übliche Komposition, in der die Hölle mit

allen ihren Schrecken gezeichnet wird, entwickelt hat, lässt sich bei

dem gänzlichen Mangel an Zwischengliedern leider noch nicht verfolgen.

Für die Komposition aber, wie Kraus vorschlägt[152], vorbereitende

Momente anzunehmen, etwa die Scene: Der reiche Mann und der arme

Lazarus, ist kein Grund vorhanden, da diese Darstellungen jüngsten

Gerichte gleichzeitig sind und eine gegenseitige Entwicklung

ausschliessen. Wahrscheinlich hat sich die spätere Komposition, welche

seit dem X. Jhrdt. üblich wird, sich aus den beschriebenen frühen

allmählich entwickelt, nur müssen wir vorläufig auf die Erkenntnis

dieser Entwicklungsgeschichte verzichten.

Nach der gewöhnlichen Darstellung zerfällt das Bild in zwei horizontale

Hälften. Auf der oberen thront in der Mitte Christus, umgeben von einer

Aureole, zu seiner Seite rufen je zwei Engel die Toten aus den Gräbern.

Links und rechts von ihnen sind die Apostel. Zu ihren Füssen befinden

sich in der unteren Hälfte links die Seligen, rechts die Verdammten,

also in der Hölle.

Die früheste derartige uns bekannte Schilderung der Hölle innerhalb des

jüngsten Gerichtes dürfte sich auf einer Elfenbeinplatte des

South-Kensington Museums befinden, welche aus karolingischer Zeit

stammt.[153] Hier ist die Hölle als schreckliches Ungeheuer mit

gewaltigem Rachen geschildert, welcher die Verdammten verschlingt. Die

nächste vorhandene Darstellung ist erst in dem unter Ansfried (995-1005)

geschriebenen Evangelienbuch erhalten.[154] Hier sieht man in der

flammenden Hölle einen grossen Teufel. Von drei kleineren zieht einer

mittels Haken einen Kleriker an sich, ein zweiter erfasst mit seinen

Krallen einen Mönch und einen Laien. Ferner erblickt man einen gekrönten

Mann, zum Zeichen, dass in der Hölle jeder Standesunterschied aufgehoben

ist und nur die strafende Gerechtigkeit waltet. In dem Bamberger

Evangelistarium Heinrichs II. zu München[155] ist die Hölle als ein

Flammenmeer geschildert, das die Verdammten umschliesst. Teufel zerren

die Sünder mit Haken in die Tiefe zum gefesselten Lucifer hinab. Mit

diesen Miniaturen fällt zeitlich ein Fresko in St. Angelo in

Formis,[156] wohl das früheste Wandbild, das sich bis jetzt für das

jüngste Gericht nachweisen lässt und von Griechen gemalt zu sein

scheint, zusammen. Die Hölle zerfällt darauf in zwei Abteilungen. In der

oberen sehen wir die Schar der Verdammten, welche von dem Engel zu

Christi Füssen fortgewiesen werden. In der unteren Abteilung ist die

eigentliche von Flammen durchwogte Hölle geschildert, in welcher die

Sünder büssen. Hier thront der geflügelte Lucifer. Er hält auf seinem

Schosse Judas Ischarioth und greift mit den Klauen nach einem anderen

Sünder, der ihm aus der Schar der übrigen zugetragen wird. Ein anderer

Teufel zerrt aus einer Gruppe Mann und Frau, welche durch Schlangen mit

einander verbunden sind, in die Glut. Interessant ist hier der Versuch,

Lucifer menschlicher zu fassen. Der Kopf hat tierisches Aussehen, stark

hervortretende Unterkiefer mit grossen, sichtbaren Zähnen gleich einem

reissenden Tiere, Bocksohren und Hörner. Die grossen Augen strahlen

einen unheimlichen Glanz aus. Seine Schergen sind schwarz, geflügelt und

geschwänzt. Freilich ist das Vermögen des Künstlers Affekte, das

seelische oder körperliche Leiden, zu veranschaulichen gering,

möglicherweise haben hier auch die späteren Übermalungen diesen Mangel

mitverschuldet.

Als eine Weiterbildung dieses Gemäldes kann das grosse Mosaikbild in der

Kathedrale von Torcello[157] bezeichnet werden. Es zerfällt in mehrere

horizontale Streifen. In den beiden untersten ist die Seelenwägung und

die Hölle dargestellt. Skt. Michael hält die Seelenwage.[158] Zu seiner

Rechten versuchen zwei satyrköpfige, geflügelte Teufel die eine Schale

mit Stangen herabzudrücken oder durch Säcke, welche das Mass der Sünde

repräsentieren, zu beschweren. Gleich neben ihnen stossen Engel des

Zornes die Verdammten in die Hölle, welche in zwei Felder geteilt ist.

Beide werden von einem Feuerstrom, der von Christi Füssen ausgeht,

umflossen. In dem oberen Felde sitzt auf gewaltigen Schlangen Lucifer.

Sein Haar und Bart ist wirr und weiss. In seinem Schosse hält er Judas

Ischarioth. In dem Felde darunter werden die Sünder gemartert. Hier

erblickt man Priester und Könige. Ein nacktes Sünderpaar ist bis zu den

Hüften von Flammen umzüngelt. Einige Sünder nagen sich die Hände; es

sind vielleicht die Jähzornigen. Von anderen ragen nur die mit grossen

Ohrgehängen geschmückten Köpfe aus dem Flammenpfuhl hervor. Am Boden

aber liegen Schädel, aus deren Augenhöhlen sich Schlangen ringeln. Dass

hier verschiedene Klassen von Sündern dargestellt werden sollten, ist

sehr wahrscheinlich.

Auch dieses Gemälde ist ganz unter byzantinischem Einfluss, wenn nicht

gar von byzantinischen Künstlern selbst angefertigt. Die Komposition hat

mit der zweifellos byzantischen von Angelo in Formis die grösste

Ähnlichkeit. Die verschiedenen Abteilungen der Hölle, die Darstellungen

Lucifers, die verschiedenen Kategorien der Sünder stimmen in beiden

überein. Nur ist im Dome von Torcello alles ausführlicher und breiter

geschildert, und wenn die gesammte Komposition des jüngsten Gerichtes

auch andere Bestandteile wie Seelenwägung, Auferstehung noch enthält, so

darf man nicht vergessen, dass zwischen beiden Fresken vielleicht

zweihundert Jahre liegen. Dass aber auch die Seelenwage und die

Auferstehung byzantinischer Herkunft ist, zeigt Schäfer im

Malerbuche.[159] Wenn also Jessen[160] und andere den byzantinischen

Einfluss leugnen, indem sie bis ins Einzelne gehende stilistische

Untersuchungen anstellen, aus denen eine abendländische, gleichsam

autochthone Kunst hervorgehen soll, so muss dies, wollte man selbst die

Richtigkeit ihrer Auslegungen zugeben, doch zurückgewiesen werden, denn

nicht die Form allein darf für die Beurteilung der Frage geltend sein,

sondern vornehmlich der geistige Inhalt der Werke. Dieser ist aber

durchaus byzantinisch. Jeder Gedanke, den die abendländische Kunst zum

Ausdruck brachte, lässt sich, seltene Fälle ausgeschlossen, auch in der

byzantinischen nachweisen (wofür Didron in seinen Anmerkungen zum

Malerbuch zahlreiche Beweise erbracht hat). Da aber zweifellos Byzanz in

der Pflege der Kunst ununterbrochen thätig gewesen ist, während dieselbe

im Westen seit der Völkerwanderung so gut wie brach lag, und da Byzanz

zweifellos die Priorität vor dem Abendlande gehört, so muss das geistige

Eigentum oder sagen wir die Umbildung der in der späteren Kunst gültigen

Darstellungskreise wie überhaupt, so auch in betreff des vorliegenden

Gegenstandes Byzanz gewahrt bleiben.

Unsere Annahme wird durch eine andere Darstellung des XII. Jhrdts. im

hortus deliciarum vollständig bestätigt. Hier ist die Hölle getrennt vom

jüngsten Gerichte auf einem eigenen Blatte dargestellt.[161] »Ein

Geklüfte, in dessen Höhlungen Flammen sprühen und Verdammte braten,

bildet die Einfassung. Flammenmeere teilen das Innere in vier Felder. In

dem untersten, im tiefen Abgrund der Hölle, sitzt Lucifer mit Ketten

geschlossen, den Antichrist im Schoosse. Zunächst bringt ein Teufel

einen geldgierigen Mönch, dessen Strafe sogleich daneben erblickt wird;

er liegt entkleidet auf dem Rücken, während ihm ein Teufel glühendes

Gold in den Mund schüttet. Im zweiten Felde von unten sind zwei Kessel

aufgehängt, in denen Verdammte gesotten werden. In dem Felde darüber

wird dem Wucherer glühendes Gold in die Hand gegossen. Der Verleumder

muss eine Kröte belecken; dem Auflauerer werden die Ohren gezwickt;

einer Putznärrin macht der Teufel Toilette. Die Kindesmörderin muss ihr

eigenes Kind aufzehren. Im obersten Felde ist ein Seil so durch zwei

Öffnungen des Geklüftes gezogen, dass es in der Mitte eine Schaukel

bildet, auf der ein grinsender Teufel sitzt; an den beiden Enden des

Seils, die durch das Geklüfte auf den Seiten herabhängen, schweben, das

Gleichgewicht haltend, zwei Verdammte, an Händen und Füssen gebunden;

überdies wird jeder von einem Teufel an den Haaren festgehalten. Weiter

ist ein Verdammter an den Füssen aufgehängt, von dessen Hals an einem

Seile ein Block herabhängt, an dem sich ebenfalls ein Teufel schaukelt.

Noch sind hier Wollüstlinge, die von Schlangen umwunden und zerbissen

werden; ein Selbstmörder ist verdammt, sich ewig das Messer in den Leib

zu stossen.«

Diese Beschreibung zeigt eine Unmenge von Motiven, denen wir freilich

vorher nirgends begegnet sind. Voss hat diese Darstellung des jüngsten

Gerichtes mit gleichzeitigen Miniaturen, auf deren Wiedergabe wir

verzichten wollen, verglichen und gelangt zu dem Resultat, dass dieses

Werk der Herrad einzig dasteht und sich seine Motive sonst nirgends in

der abendländischen Kunst finden. Einen Vergleich lässt höchstens die

byzantinische Darstellung der Hölle im Dome von Torcello zu. Und doch

ist zwischen beiden ein noch grösserer Abstand, wie zwischen denen von

Torcello und St. Angelo in Formis. Dagegen bietet das Malerbuch eine

Menge von Vergleichungspunkten. Jeder von der frommen Äbtissin

dargestellte Gedanke scheint einer der dort aufgestellten Forderungen zu

entsprechen. Und da auch sonst in ihren Werken sich Darstellungen

finden, die nur in byzantinischen Miniaturen vorkommen, so haben wir im

hortus deliciarum unzweifelhaft eine Höllendarstellung, in welcher

byzantinische Motive und Gedanken auf deutschen Boden verpflanzt

wiederkehren.

Eine besondere Besprechung verdienen noch die Compositionen im Anschluss

an die Apokalypse, deren allegorische Bilder wir bereits kennen gelernt

haben. Der Drache wird gewöhnlich im Kampfe mit dem Erzengel Michael

dargestellt. In einer Handschrift aus dem X. Jhrdt. stösst der Heilige

dem Untier, welcher einen Schlangenleib, Katzenkopf und Flügel hat, die

Lanze in den Rachen. Aus der Nase speit er Feuer, seine Zunge geht in

einen kleinen Drachen aus. Eine mit Miniaturen geschmückte byzantinische

Apokalypse zeigt den Drachen mit sieben Köpfen, eine Frau in der Wüste

verfolgend, und das Seetier ebenfalls mit sieben Köpfen. Letztere sind

gelb und grün und tragen den Nimbus als Symbol der Gewalt.[162] Ein

anderes Mal finden wir zu Apoc. III, 3 einen Leoparden mit Bärenfüssen

als Illustration. Eine Miniatur bietet der hortus deliciarum zu Apoc.

XVII, 3. Die grosse Hure Babylon sitzt gekrönt, mit prächtigen Gewändern

geziert, mit über die Schultern wallenden Haaren auf dem Meerungeheuer,

dem Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern. Das Tier hat Ochsenfüsse

mit gespaltenen Klauen, was der Beschreibung der Apokalypse nicht

entspricht, welche ihm Bärenfüsse beilegt. Es geht im Meere, während am

Ufer Menschen aller Klassen auf die Hure schauen. Sie trägt ein Diadem

mit der Schrift: Babylon magna. Dass für diese Darstellungen die

byzantinischen Miniaturen Vorbild waren, wird durch das Fehlen

gleichzeitiger abendländischer erklärt.

=Welches Gesammtbild tritt uns nun aus diesen zahlreichen Bildern für

die künstlerische Darstellung des Teufels und der Hölle entgegen?=

Der Teufel hat in den meisten Bildern eine ziemlich gleichmässig

wiederkehrende Gestalt. Sie ist zwiefacher Bildung: symbolisch und

wirklich. Die symbolische Darstellung war in der altchristlichen Kunst

allein üblich und ist von der byzantinischen übernommen und weiter

entwickelt worden. Sie lebte ja auch in der Phantasie der Völker durch

die Bibel fort und ihre Wiedergabe entsprach somit dem Bedürfnis, das,

was man glaubte, auch mit den Augen zu sehen. Der Teufel tritt in der

Kunst als Schlange, Drache, Löwe und phantastisches Ungeheuer auf.

Diesen Tieren wird ein lebhafter Anteil an der jedesmaligen Handlung

zugeschrieben, wie im Sündenfall, im Kampfe Christi und St. Michael's

mit dem Drachen. Der letztere, welchem wir in der altchristlichen Kunst

nur als Seedrachen begegneten, ist ein vielgestaltiges Ungeheuer

geworden, für welches die Apokalypse dem Künstler die einzelnen Züge

vorgezeichnet hat. Er ist das ständige Symbol des Teufels geworden und

trägt den Nimbus als Zeichen seiner Macht. Diese sucht er im Kampfe

geltend zu machen, aber er unterliegt und liegt gefesselt im Abgrund der

Hölle. Hier setzt er vergeblich dem niederfahrenden Christus Widerstand

entgegen und windet sich wutschnaubend am Boden. Wie in den Bildern der

altchristlichen Kunst spricht sich auch in diesen eine frohe Zuversicht

und ein inniger Glaube an die Macht Christi als den Erretter aus der

Gewalt des grimmen Feindes aus.

Die konkrete Gestalt des Teufels tritt häufiger als die symbolische auf.

Sie war in der altchristlichen Kunst nie versucht worden und ist wohl

sicher als eine Schöpfung der Byzantiner anzusehen. Der Böse wird

zwiefach, rein menschlich oder in Verbindung mit tierischen Attributen

gestaltet. Als Mensch tritt er meist nackt auf. Indem so sein Bild das

sittliche Gefühl des Beschauers verletzte, entsprach es der Vorstellung

von seiner Verworfenheit und Niedrigkeit. Wenn ihn aber die Künstler

zuweilen mit einem Lendenschurz darstellten, so folgten sie dem in

damaliger Zeit üblichen strengeren Schicklichkeitsgefühl. Der Typus der

gesammten Gestalt ist byzantinisch. Das Gesicht mit den grossen

flammenden Glotzaugen und der hakenförmigen Nase zeigt meist verzerrte

Züge. Die Glieder sind unproportioniert, Arme und Beine sind mager. Der

Oberkörper, welcher oft mit Runzeln und Haaren bedeckt ist, wird fettig

und schwammig oder geradezu im Gegenteil zum Skelett eingetrocknet

geschildert. So nimmt die Gestalt den Zug der Hässlichkeit und

Niedrigkeit an. Noch diabolischer wird ihr Aussehen durch das

Hinzutreten tierischer Attribute. Der Teufel hat dann Ähnlichkeit mit

dem Satyr der antiken Mythologie. Er ist kenntlich durch das Bocksohr,

das borstige Haar, das Schwänzchen, durch die Umgestaltung des Fusses in

ein Bocksbein, in Greifenfüsse und durch lange Krallen an Händen und

Füssen. So vereinigt sich die tierisch-sinnliche Kraft mit der geistigen

des Menschen zu jenem Doppelwesen, welches dem Phantasiebilde am besten

entspricht. Beide Gestalten haben aber die Farbe des Aussehens gemein.

Sie ist schwarz und grau. Eine geistvolle Erklärung zu dieser

Darstellung giebt Gottfried von Viterbo, wenn er sagt:[163] »Gott habe

den Teufel geschaffen, weil er in seinem Weltgemälde nach Art der Maler

die dunkelen Farben gebrauchte, um die Wirkung der hellen zu

verstärken.« Die schwarze Farbe erweckte auch das Gefühl des Grauens und

passte zu dem Gott der finsteren Unterwelt. Schwarz ist die Farbe der

Nacht, welche das Verbrechen verbirgt. Bisweilen wird der Teufel auch

rotbraun gemalt gleichsam in den Farben der flammenden Hölle, um ihn als

Sohn der letzteren zu bezeichnen. Die menschliche, wie tierische Gestalt

haben endlich noch die Flügel gemeinsam. Diese sind der der Fledermaus

nachgebildet, verleihen der Erscheinung ein gespensterhaftes Aussehen

und sind ein sinniges Attribut für den nimmer ruhenden Geist der Lüge.

Die enge Beziehung, in welcher der Teufel nach dem Glauben jener Zeit zu

den Menschen stand, findet in den zahlreichen Darstellungen einen

künstlerischen Ausdruck. Ebenso wie er Christum verführen wollte, Judas

zum Verräter machte und die Menschen durch Krankheiten heimsuchte, so

versuchte er es täglich bei den Frommen; jene biblischen Bilder gaben

somit die Stimmungen eines geängstigten Gemütes in einer allgemein

verständlichen Einkleidung wieder. Dabei ist die zwiefache Auffassung

von der Thätigkeit des Teufels als der Repräsentation des bösen Willens

im Menschen und der äusseren Machtinstanz, welche in der Bibel deutlich

zu unterscheiden war, künstlerisch nicht zum Ausdruck gekommen. Der

Teufel tritt stets als handelnde Person auf. Er trägt Christus auf den

Gipfel des Berges, auf die Zinne des Tempels, in die Wüste.

Eindringlich, lebhaft gestikulierend redet er auf ihn ein. Er peinigt

den armen Hiob und schleppt die Seele des Lazarus fort. So hat ihn die

Kunst in seiner Thätigkeit in anschaulicher Weise geschildert.

Der Teufel und die Hölle in der darstellenden Kunst von den Anfängen bis zum Zeitalter Dante's und Giotto's · 第 2 / 6 段