Verlegen, kaum hörbar klingt ihr Gruß: »Gelobt sei Jesus Christus.«

Was sind mir die Grüße der Menschen!

Für anderes habe ich zu sorgen und zu denken. Früh sind wir gekommen,

gottlob, so haben wir die Tote noch für uns allein.

Mein Kind habe ich vorher gesehn. Es schrie so kläglich, als wüßte es,

daß seine Mutter jetzt tief in die Erde kommt.

Der Domherr wird, wie ich höre, die liebe Tote beerdigen. Das ist brav

von ihm. Ich hätte es nicht gedacht. Er selbst beerdigen und dieses

arme Straßenkind, diese uneheliche Mutter!

Und so stehe ich denn vor dir, Marianne, zum allerletztenmal.

Zum allerletzten Male sehe ich dein Gesicht.

Es ist noch unverändert, nur der kleine, bräunliche Fleck an der

Stirn, die im Leben weiß von Farbe wie die Gartenlilien gewesen, sagt

mir, daß die Erde anfängt, ihr Erdenkind wieder zurückzunehmen in sich

hinein.

Weshalb gab sie es her?

Ein so holdes Erdengeschöpf hat sie hilflos auf die Schwellen dieses

Hauses einst gelegt.

Hat doch ein jedes, selbst das kleinste der kleinen Vögel sein Nest

und seine Eltern, die den kleinen hilflos-nackten Vogel füttern. Doch

dir, du armes Straßenkind, haben Nest und Eltern gefehlt.

Aber ~deinem~ Kinde werden Nest und Eltern ~nicht~ fehlen. Das ist

das einzige, was den Schatten meiner Seele lichtet, was meine Reue in

stillen Schmerz verwandelt. Lebe wohl, Marianne. — —

Die Schwestern kamen. Der Sarg wurde geschlossen.

Zwei Chorknaben mit brennenden, efeuumrankten Kerzen stellten sich

neben den Sarg, ans Sargende zwei andere mit dem an silbernen Ketten

schwingenden Weihrauchgefäß mit Weihrauchschälchen und silberner

Schippe zum Nachfüllen des Gefäßes. Der Weihrauch erfüllte den kleinen

Raum mit betäubendem Duft, nun tönte ein fernes Glöckchen, dessen Töne

immer näher kamen, und der Domherr in seinem reichgestickten Gewand

trat ein. Ich fuhr zusammen. Wieder sah ich diese tiefen, dunklen

Augen eine Sekunde lang auf mir ruhen — dasselbe Flimmern, derselbe

Ausdruck, den Mariannens Augen in Leidenschaft und Zorn hatten,

dieselbe Farbe ihrer Haare hatte dieser Mann dort. Der wie ein Fürst

so stolz und hoch zu Häupten des Sarges stand und sofort nach seinem

Eintritt mit den Gebeten begann.

Ob ihm die Tote wohl ihr Geheimnis gelüftet hatte? Ob er jetzt in

diesem Augenblick schon den Vater ihres Kindes kannte?

Die Gebete waren beendet.

Noch einige Worte sprach er zum Nachruf der Toten.

O, dieser Mann! Wie ich ihn hasse!

Er sprach von dem kurzen, armselig kurzen und dunklen Leben der

Verstorbenen, er schilderte, wie sie, von der Schwelle dieses Klosters

aufgelesen, im Kloster eine Heimat fand, wie er selbst sich stets um

ihr Wohl gekümmert und über ihr gewacht habe, und wie es ihn schmerze,

daß sie nun doch das Opfer der Sünde, der Verführung geworden sei.

Lautlos still war alles an dem Sarg. Nur von draußen drang das

Zwitschern der Vögel bis hierher.

Starr sah ich dem Mann, der da sprach, ins Gesicht. Er blickte mich

an, aber sofort senkten sich seine Augen wieder auf das Gebetbuch

herab.

Ja, nun wußte ich: Er kannte den Vater des Kindes. Weshalb aber hielt

er meinen Blick nicht aus? Er, der Sündlose, den Blick eines Sünders

nicht?

Die Klosterschwestern trugen den Sarg auf den Klosterkirchhof. Der Weg

war kurz, der Sarg war leicht.

Über dem Grabe blüht der Flieder. Alte, uralte Fliedersträucher. Fast

Fliederbäume zu nennen. Drin nisten Nachtigallen immer wieder im

Frühling; ein schöner Platz. Es ist doch gleichgültig, wo man wieder

zu Erde wird. Aber die noch Lebenden finden eine Befriedigung darin,

daß der Platz ihres Toten schön ist. Sonderbar: auch ~ich~ möchte

lieber an solchem Platze wieder Erde werden, als in dem Staube der

Wüste zerstäuben. Ich stand mit Erika noch lange bei dem Grabe allein.

Die Kauzburg · 第 11 / 21 题