Mein Heidekind, ich glaube, das Straßenkind ist ärmer als du. —

Mein Heidekind, ich fühle mich schuldig. Aber ich bin nur ein Mensch.

Und wir Menschen sind schwach. Wirst du mir einst, wenn klar vor dir

die Sünde dieses Hauses stehn wird, verzeihn? Oder wirst du den Saum

deines Kleides an dich raffen und dich fortwenden von mir und von ihr?

Es ward heute eine stille Waldfahrt.

Im tiefen Schnee lag noch der Wald. Und doch ging es wie ein fernes

Frühlingsahnen durch die verschneiten Zweige. Eine wärmere Luft schien

schüchtern anzufragen: »Wann darf ich kommen, du kalter Schneemann,

sag’ ~an~?«

Diese Frage der wie ein Hauch uns umschmeichelnden Frühlingsluft

machte Erika und mich still. Fast den ganzen herrlich-schönen Weg

im Schlitten durch den im Schnee ruhenden, prächtigen Wald, den

neckend die leise fragende Frühlingsluft umspülte, saßen wir still

nebeneinander. Ich fühlte aber oft zwei heimlich und traurig mich

anblickende Augen. Erikas, des Heidekinds Augen.

Tat ich ihr leid? Ahnte sie vielleicht ein Stückchen von der ganzen

schweren Wahrheit? Hatte sich ein Zipfel des drückenden, wie schwerer

Nebel auf mir lastenden Tuches vor ihr gelüftet? — Unsinn! — Fräulein

Bartel ist von Anfang an, von dem Tage an, an dem mir das Schicksal,

dieses unergründliche, blindwaltend grausame Schicksal, Marianne ins

Haus brachte, in meiner Kauzburg gewesen und merkt noch heute nichts.

Niemand hat es gemerkt.

Und dieses harmlose Heidekind sollte nach kurzer Zeit etwas ahnen?

Unmöglich! Auch wenn sie wirklich Marianne vorhin weinend und neben

mir stehend gesehn hätte. Nur die Liebe macht scharfsehend und

vorausahnend. Ich fuhr zusammen.

»Tor!« lachte ich bitter in mich hinein, während ich das reine,

kindliche Profil der neben mir Sitzenden musterte. »Mich Erika

lieben!« Scheiden tut sich Rein und Unrein wie auf Messers Schneide.

Einen Mann könnte sie lieben, der gleich ihr in einsamer Heide vom

Kind zum Knaben, vom Knaben zum Manne erwuchs. Gleich ihr, unberührt

und keusch wie die Heide, fern von der argen Welt. Solchen Mann der

jungfräulichen Heide darf das jungfräuliche Weib der Heide fordern. Zu

solchem Manne fühlt sich solches Weib hingezogen. Ich krampfte meine

Hände in das harte, kalte Leder der Leinen, mit denen ich den Gaul

lenkte, zusammen.

War’s nicht lächerlich, war’s nicht wie ein Wahnwitz, daß ich mir

trotz allem oft so unschuldig vorkam wie solcher Knabe der Heide?

Als ob alles gar nicht wahr, gar nicht Wirklichkeit sei? Bloß wenn

die Leidenschaft kam in Gestalt jenes zauberschönen, glühenden,

rothaarigen Mädchens, brach alles zusammen, mein ganzer Traum von

einem unschuldigen Mann der Heide, der seine Hände ausstrecken darf

nach dem unschuldigen Mädchen der Heide.

»Weiche von mir! Weiche von mir! ... Nein, bleib, bleib, bleibe! Deine

Haare sprühen wie rote Feuersglut, dein weißer Leib macht trunken.

Der Seele Seligkeit geht verlustig, wer diesen Leib mit seinen Armen

umschlingt. Weiche von mir, weiche von mir! Nein: bleib, bleib, bleib.«

[Illustration]

Nun taute es wirklich und wollte Frühling werden.

In meiner Kauzburg ist’s wie Frühling. Ich habe ja den holdesten

Frühling im Hause. Ist nicht des Heidkönigs Tochter unter meinem

Dache? Ist des Heidkönigs Tochter nicht wie die Frühlingsbraut?

Strahlt aus ihren Augen nicht das freundliche Winken des Frühlings.

Dieses freundliche und doch so rührend keusche, fast schüchtern

fragende Winken?

Dieses freundliche, schüchterne und mit ein wenig versonnener, ernster

Schwermut fragende Winken? Die Versonnenheit der weiten Heide ist’s,

die innen wohnende, mit dem inneren Frohsinn gepaarte Schwermut all

der Kinder einer weiten, weiten, einsamen Heide.

Ja, Erika, ich kann es niederschreiben. Aus meinem Herzen heraus

könnte ich es dir sagen: du hast der Kauzburg den Sonnenschein

zurückgegeben.

Wenigstens dem Kauz in der Kauzburg. Und ich bin doch der Kauzherr der

Kauzburg.

Dein reines, keusches Wesen hat diesen Räumen ihre Reinheit und

Keuschheit eingehaucht. Ich bin durch dich gefeit gegen die wie

Sturmtoben über mich hereinbrechende Leidenschaft zu den roten,

wogenden wie Feuerschlangen mich umstrickenden Haaren der Hexe.

Nein, nein, nicht die Hexe. Sie bleibt für mich das arme Kind der

Straße. Ich will für sie sorgen und über sie wachen mein Leben lang.

Nur »lieben«, nur »sie verlangen« ... vorbei, vorbei! —

Ich bin ~frei~! Frei von den Banden, die mich umschlossen! Ich

widerstehe Mariannen! Ich ~kann~ ihr widerstehn! Mir ist, als sei ich

neu geboren. Sie ~war~ mein; jetzt soll sie mir fürderhin nur noch das

arme Kind der Straße sein und bleiben, für das ich immer sorgen werde.

Ich will sie schützen und will ihr treu sorgend zur Seite stehn. Wie

ein Bruder seiner Schwester.

Als ich ihr’s kürzlich sagte, sah sie mich lange durchdringend und

spöttisch an.

»Du liebst mich nicht mehr, ich weiß es«, sagte sie dann.

»Meinetwegen, du liebst das fremde Mädchen aus der Heide. Aber du bist

unfreier denn je.«

»Marianne!« rief ich.

»Still, lüge nicht, kein Wort sprich!« zischte sie mich an. Und ehe

ich etwas erwidern konnte, war sie zur Tür hinaus.

[Illustration]

Nun ist es schon seit Wochen so still. Fast ohne ein Wort zu sprechen,

schleicht Marianne im Hause umher. »Sie fühlt sich krank«, sagte

Fräulein Bartel zu mir, »am besten ist es, man läßt sie gewähren, so

findet sie sich am ehesten wieder zu sich selbst zurück.«

Sie ist allein in ihrer Stube, und wenn sie sich zeigt, ist sie stets

in ihren großen, weiten Mantel gehüllt; sie friert, und der Frühling

naht. —

Mit Erika spricht sie kein Wort. Und doch trägt ihr Erika das Essen

aufs Zimmer, wenn Marianne nicht aufstehn will, und doch ist sie stets

und immer so rührend freundlich zu ihr.

Das Kind der Heide ist zu jedermann gleichmäßig freundlich und gütig.

Auch zu mir. Aber ich merke es, ach ich fühle es, sie ist anders

zu mir, als sie früher war. Scheu hat sie vor mir. Gewiß, es ist

nicht anders: sie weiß um unser sündiges Verhältnis, das wir gehabt

haben, oder sie ahnt es. Sie hat Erbarmen mit Marianne, — ich fühl’s:

Erbarmen auch mit mir! Ich bin viel weniger an dieser Sünde schuld als

Marianne. Was nutzt das alles? Ich bin der Mann, und dem Manne rechnet

man’s stets viel mehr als Vergehen an. Er ist der stärkere Teil. Den

schwächeren Teil soll der Stärkere schonen.

Schonen! Schonen! Wenn das Weib lockt mit all seiner Zaubermacht, wenn

es sündigen ~will~ mit dem, der schonen soll! Ja, ja, der Frühling ist

da! Was war ich vor kurzem noch frühlingsfroh und frühlingsfreudig!

Fort, fort damit! Was soll mir der Frühling. Freut sich der Falke des

Frühlings, wenn er an seinen Fängen gefesselt ist?

[Illustration]

Ich sitze in meiner Stube und schreibe. Draußen ist wunderschöner

milder Frühlingsabend und Vollmondschein. Alle Zugvögel sind wieder

bei uns. Manche, zum Beispiel die Schnepfe, sind schon weiter nach

Norden gezogen. Es grünt und blüht schon mächtig um die Kauzburg.

Sie fängt an, das verzauberte Dornröschenschloß zu werden, wie im

vorigen Jahr. Und die Nachtigall singt. Weich, feucht, dunstig und

voller Duft ist die Luft. Ein schweres, weiches Atmen der neues

Leben hervorbringenden Natur. Die feuchte, weiche, schwere, duftende

Frühlingsluft zieht ins Fenster hinein. Zu mir in die Stube, an meinen

Schreibtisch, vor dem ich sitze. Sie legt sich feucht und weich und

schwer auf meine Brust, über meine Stirn und macht mich müde und

traurig.

Vollmond ist heute. Ich muß an Marianne denken. Welchen Einfluß hat

doch stets der Mond auf sie! Dadurch, daß wir heimlich ihre Tür

verschließen, haben wir ihr den Weg für die nächtlichen Wanderungen im

Schein des Vollmondes verlegt. Ist sie vielleicht deshalb krank? Wie

hell erstrahlt heute doch der Vollmond zur Erde herab! Mondwechsel!

Das letzte Strahlen ist stets das schönste und hellste.

Wie? Fräulein Bartel wird doch nicht vergessen haben, Mariannens Tür

zu verschließen? Ich hör’ doch ein Schleichen, ein leises, gieriges

Lachen? Ein tiefes, tiefes Aufseufzen?

Mein Gott ... da steht sie ja im Rahmen der Tür! Da ist sie ja, ... es

ist Marianne .... Zu mir herein tritt sie ... gespenstisch, und weiß

leuchtet ihre Gestalt ..., nur um die Hüfte hat sie ein schwarzes Tuch

geschlungen; ihr Haar ist zerwühlt, verwirrt, ihr schönes goldrotes

Haar. Sie spricht vor sich hin ... leise, ganz leise, und singend:

... »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf in den

gleißenden Mondschein, dort tanzen wir, dort sind wir allein« ...

Um Gottes Willen, ist sie irre geworden, hat ihr armer Geist gelitten,

was singt sie denn für ein tolles, irres Zeug?

»Marianne!« sagte ich sanft zu ihr, um sie nicht zu erschrecken.

Und wie ich das sage, steht Erika neben ihr. Schlingt beide Arme um

die im Schlaf Wandelnde und wiederholte mit ihrer lieben, freundlichen

Stimme: »Marianne!«

Da wacht sie auf. Da schaut sie sich um, da sieht sie, wo sie ist.

Einen schrillen Schrei tut sie und stiert mich an. Stiert Erika an;

stößt sie von sich und lehnt sich dann aufstöhnend an den Türpfosten

an.

Aber auch mit Erika geht Wunderbares vor.

Eben erst hatte sie Mariannen umschlungen. Und nun steht sie neben

ihr, leichenblaß, zitternd, als hätte sie etwas Schreckliches,

Unglaubliches gefühlt, im Arme gehabt.

Ich will auf Marianne zueilen, sie stützen, sie zurückführen in ihr

Zimmer! Da wirft sich Erika dazwischen und sagt zu mir: »Bleiben Sie,

rühren Sie sie nicht an, ich will ihr helfen, nicht wahr, Marianne,

ich soll dir helfen, ich allein?«

Und nun schluchzt Marianne auf; wie im Traum läßt sie sich von

Erika fortführen, schwer stützt sie sich auf die zarte Gestalt des

Heidekindes. —

[Illustration]

Habe ich das alles gestern abend geträumt? Heute, wo die helle

Morgensonne freundlich über der Kauzburg liegt, glaube ich, daß ich

wirklich gestern um Mitternacht das alles geträumt habe. Geträumt,

daß Marianne plötzlich so geisterhaft vor mir im Vollmondschein

stand, daß Erika, das schlichte Heidekind, ebenso plötzlich neben

der Schlafwandlerin auftauchte, geträumt von dem irren Sprechen, dem

merkwürdigen Singen Mariannens, — was sprach sie doch so singend vor

sich hin? »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf

in den gleißenden Mondschein dort tanzen wir, dort sind wir allein?«

... Geträumt von dem schrillen Schrei, von Erikas Entsetzen, ach, nur

geträumt von allem ...!

Aber noch sehe ich, jetzt im hellen Morgenlicht sehe ich es noch so

deutlich vor mir, wie sich Marianne so schwer, so schwer, als trüge

sie schwere, bitterschwere Last, auf Erika, das Heidekind stützte ...!

Ich danke dem Geschick, das mir dieses Heidekind ins Haus führte.

Ihre bloße Gegenwart, der Gedanke schon, daß sie unter einem Dache

mit mir ist, beruhigt mich. Unruhe, viel Unruhe berge ich in

meinem Innern. Die Reue ist’s, ja, es ist die quälende Reue, daß

ich Mariannens Lockungen nicht widerstanden habe. Oh, könnte ich

ungeschehen machen, was geschehen ist. All diese nächtlichen Stunden

wahnsinniger Leidenschaft. Nie wäre es geschehn, was geschah, wäre

diese liebe Heidblume schon gleich in mein Haus gekommen.

Und doch! ... Nein, nein ... ich will nicht feige sein! Ich will mich

nicht hinter Ausflüchten verstecken. Auch ~ich~ hatte Schuld. Ich

mußte widerstehn, ~mußte~ stark sein, stark bleiben. Und nun danke

ich dir, Gott, den ich überall in der Natur um mich sehe, ich danke

dir, daß aus der Sünde kein neues Leben entkeimte. Daß ich mich lösen

konnte von Marianne und sie nun Schwester nennen werde. Wie für eine

Schwester werde ich für sie sorgen fortan.

Es klopft? ... Wer wird es sein so früh? ... »Herein! ... Ach, Erika,

... wie geht es Mariannen?«

»Sie ist nicht hier?« sagte Erika und blickte sich suchend um.

»Nein, hier ist sie nicht. War’s denn gestern wirklich kein Traum,

Erika? Marianne gestern zur Nachtstunde dort, wo Sie stehn?«

»Lassen Sie, lassen Sie« ... unterbrach sie mich.

»Ich muß Mariannen suchen ... Gott im Himmel, sie schlief so fest,

drum ließ ich sie allein ... und nun suche ich sie schon überall und

finde sie nicht ... und ... und ... sie darf nicht fort ... sie ist

... ja, sie ist krank ...«

»Ich suche mit Ihnen, Erika!« Und schon war ich neben ihr im Flur

draußen.

»So beruhigen Sie sich doch, Erika,« rede ich auf sie ein, »wo soll

sie denn sein? Bei Fräulein Bartel vielleicht, oder unten im Garten

oder schon wieder in ihrer Stube ...«

»Nein, nein, nein!« jammert Erika auf und schlägt ihre Hände vors

Gesicht.

»O, warum ließ ich sie allein, warum ließ ich sie allein.«

[Illustration]

Es ist Abend. Wir haben sie nicht gefunden. Schwerer, ganz

dichter, schwerer Frühlingsregen fällt, und immer stärker wird der

Frühlingswind. Überall haben wir sie gesucht.

Im unterirdischen Gang bin ich mit Erika bis zu dem stillen,

heimlichen Tal gekrochen. Dort, auch dort war sie nicht. Als ich den

tiefen Waldteich sah, auf dessen stille Fläche der Frühlingsregen in

schweren Tropfen aufschlug, faßte ich Erika krampfhaft bei der Hand.

Sie las das Entsetzen, das in meinen Augen stand. Da sagte das liebe

Heidekind: »Nein, ~das~ hat sie nicht getan, ich weiß, daß sie das

nicht tut, ich weiß, ~warum~ sie das nicht tun wird ..., sie hat sich

~nicht~ das Leben genommen, glauben Sie’s mir und ... und ... fassen

Sie Mut ... Nicht dieses Entsetzen in den Augen.«

»Warum, Erika, sagen Sie, ~warum~ glauben Sie, daß sich Marianne nicht

das Leben genommen hat?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, flüsterte sie und sah zur Erde.

»Aber wir müssen sie finden, sie kann in ihrem Zustande ja nicht fort,

sie muß in Pflege kommen, bald, bald in treue Hut und Pflege ...«

»Ja, bald, bald, denn sie ist krank,« rief ich; »ach Marianne, hätten

wir dich erst wieder!«

[Illustration]

Der Frühlingssturm braust stärker und stärker.

Wie sich die Bäume biegen! Wie sie geschüttelt und gerüttelt werden!

Aber das junge Frühlingslaub hält fest. Es ist kein Laub des Herbstes.

Nein, nein, heut hast du keine Macht!

Das junge Leben kann dir widerstehn! Das junge Leben! Überall junges,

werdendes Leben in der Natur. Was weiß solches junges Leben von den

Stürmen des Herbstes! Was weiß junges Leben überhaupt vom Leben! Wie

schwer das Leben ist.

Es ist gut, daß junges Leben nichts weiß von der Schwernis des Lebens.

Des Lebens Schwernis kommt von selbst. Man braucht sie nicht zu rufen.

Herein tritt sie wie jemand, der ein Recht hat, einzutreten. Sie läßt

sich bei uns nieder und bleibt an unserem Tische. Sie schleicht sich

bis aufs Ruhelager und schläft mit uns und wacht mit uns wieder auf.

Ach, bei manchem jungen Leben steht diese Lebensschwernis schon am

Bett, kaum daß dies junge, neue Leben den ersten Lichtstrahl dieser

Erde in sich aufnahm.

Draußen treibt der Frühlingssturm, der Regen gießt wie in Schleusen

herab, — wo bist du, Marianne, um des Himmels willen, wo ~bist~ du!?

Ich sprang auf. Ich darf nicht hier sitzen und dem Sturmwind lauschen,

suchen muß ich sie wieder, suchen, bis ich sie gefunden habe!

Da stand plötzlich Erika vor mir. Sie war in einen Umhang gehüllt. Von

ihr tropfte des Regens Nässe. Ganz bleich stand sie vor mir. »Erika!«

rief ich und sprang auf.

»Kommen Sie, kommen Sie!« keuchte sie atemlos. »Sie müssen gleich,

gleich, gleich mit mir kommen ... zu Marianne!«

»Zu ~Marianne~? Sie haben sie gefunden? Sie wissen, wo sie ist?«

»Kommen Sie!« stieß sie hervor.

»Marianne will Sie sehn, Sie müssen Marianne sehn, ehe ... ehe ...«

Ein Schluchzen erschütterte sie.

»Marianne stirbt, nicht wahr, sie stirbt?« rief ich und taumelte nach

der Tür. —

Sie nickte bloß und schrie laut auf vor Schmerz. Schon stand ich

unten mit ihr in dem tobenden Frühlingssturm. Ach, der Regen strömte

in Güssen herab, aber alles ringsum atmete den Frühling aus. Die vom

Sturm bewegte Luft war weich und frühlingswarm.

»Kommen Sie!« sagte Erika und faßte mich an der Hand.

»Ich führe Sie, Sie gehn ja wie ein Trunkener, Sie armer Mensch.«

Ich stolperte hinter ihr her. Kein Mensch war auf den engen Gassen des

Städtchens. Der strömende Regen hatte die ganze kleine Krämerwelt in

die Stuben gebannt.

Wohin führte mich Erika? Endlich standen wir vor einer Pforte still.

Einer Pforte in einer hohen Mauer. Ich strich mir den Regen aus dem

Gesicht und blickte mich um.

»Das ist ja das katholische Kloster«, sagte ich wie im Traum.

Erika pochte dreimal an die Pforte. Ein Schlüssel knarrte, und die

Pforte wurde geöffnet. Eine Schwester stand vor uns. »Lebt sie?« stieß

Erika hervor. »Ja, sie lebt, kommen Sie, ich führe Sie hinauf.«

Wir gingen über den Klosterhof, bis zu dem hinein dieser heftige

Frühlingssturm nicht drang. Der Regen schlug klatschend auf den

steingepflasterten Hof; süße Düfte drangen vom Klostergarten hierher,

ganz fern hörte ich eine Nachtigall pfeifen. Sie wollte singen trotz

des Sturmes, weil’s doch Frühling war.

Ich hätte weinen können, so war mir zumute. Viele Treppen stiegen

wir hinan, durch die stillen, schmalen Klostergänge folgten wir

der Schwester. Ein paar Schwestern in ihrer schwarzen Nonnentracht

begegneten wir. Sie huschten an uns vorbei und sagten leise: »Gelobt

sei Jesus Christus!«

»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte auch ich, ich, der ich im grünen

Walde draußen meinem Gott am nächsten stehe! Aber dieser tiefe Frieden

in diesen Klostermauern erschütterte mein Herz. Vor einer Tür blieben

wir stehn.

»Hier liegt sie, aber bitte, seien Sie ruhig, leise und gefaßt«, sagte

die Schwester bittend und drückte auf die Türklinke.

Ja, da lag sie in blütenweißen Linnen des Bettes. Über die Weiße des

Bettzeuges fluteten ihre rotgoldenen Haare, die mein Entzücken und

meine Pein gewesen waren.

Tief und groß und strahlend sahen mich ihre Augen an, sofort, als ich

ins Zimmer trat, nein, als ich noch in der Tür stand.

Wie? Das sollte eine Sterbende sein? Waren in ihrem lilienweißen

Gesicht die Wangen nicht von sanfter Rötung? Die Lippen, die sich

so oft in glühender, verzehrender Leidenschaft an die meinen

gepreßt hatten, nicht rot wie die Kirschen? Die Arme, die sie mir

entgegenstreckte, nicht von derselben köstlichen Rundung, wie einst,

da sie noch mein gewesen war?

»Du kommst, Du bist gekommen und hast mir verziehn«, sagte sie leise

zu mir, so leise, daß es kaum bis zu mir hindrang. Ja, an dieser

Stimme erkannte ich, daß sie krank, sterbenskrank war.

»Marianne«, sprach ich, trat neben das Bett und wollte mich auf die

Knie niederlassen zu ihr. Da erklang plötzlich in dem kleinen, matt

erhellten Raum ein Wimmern, ein Weinen. Ich fuhr zusammen und horchte.

Wie ein Entsetzen durchfuhr’s mich. »Was, was ist das?« fragte ich

fassungslos. »Ein Kind, ein eben geborenes Kind hier bei der Kranken?«

Erikas Hand legte sich ruhig, aber mit festem Druck auf meinen Arm.

»Fassung und Ruhe,« raunte sie mir zu, »vergessen Sie nicht, daß Sie

eine Sterbende vor sich haben.«

»Mein Kind,« flüsterte Marianne, während ein unendlich glücklicher und

trauriger Ausdruck ihre Züge überhauchte, »mein und dein Kind«, setzte

sie verzagt hinzu und sah mich ängstlich an.

»Marianne!« schrie ich, nein, wollte ich aufschreien, hätte ich

geschrien, wenn sich nicht rasch Erikas Hand auf meinen Mund gelegt

hätte.

»Fassung und Ruhe«, sagte sie ernst zu mir. Ich stürzte vor dem Bette

auf die Knie, Mariannens eine Hand streckte sich mir entgegen, die

andere Hand legte sie mir auf mein Haar, und ich, ich verbarg mein

Gesicht in ihrer Hand und stöhnte tief, tief auf.

Also ~das~ war’s! Das war ihre Flucht, ~das~ war ihr Verborgensein,

das war’s, was ihr das Leben nun nahm.

»Marianne, Marianne«, ich konnte nichts anderes, als immer nur ihren

Namen sagen. Und das Kindchen, ~mein~ Kind und ~ihr~ Kind, weinte

kläglich, wie ein Häslein, das der Fuchs gepackt hat. Erika beugte

sich zu der Wiege und nahm das Bündchen neues Leben in ihre Arme: Da

beruhigte sich das Geschöpflein und schlief ein.

»Die dort soll seine Mutter sein, sie hat es mir bei Gott geschworen,

sie wird ihr Wort doch halten?« sagte Marianne, auf Erika zeigend, zu

mir, und blickte mich forschend an.

»Ich schwöre es hier vor dir und vor dem Vater dieses Kindes noch

einmal, bei Gott im Himmel, der in das Herz von uns sieht: Ich will

diesem Kinde eine Mutter sein, eine treue Beschützerin, darüber

kannst du ruhig sein und ruhig schlafen, Marianne«, sagte Erika mit

erstickter und doch mit einer so treuen, klaren Stimme, daß ein

Schimmer des Glücks über Mariannens Gesicht glitt.

Und jetzt wandte die Sterbende den Kopf mir zu. Sie sagte nichts, aber

ihre tiefen, schönen Augen, in die der kommende Tröster Tod schon den

schönen Glanz ewiger Ruhe gedrückt hatte, taten stumm und doch so

sprechend eine Frage an mich.

Ich war so erschüttert, daß ich erst gar nicht sprechen konnte.

Erika legte mein Kind in meinen Arm. Ich küßte das liebe, schlafende

Gesichtlein und sagte, während die Tränen mir aus den Augen stürzten,

zu der mich forschend und mit dem Ernst des Todes anblickenden

Marianne: »Ich erkläre dieses Kind für mein Kind; und damit es in den

Augen der Menschen als ein ehrliches Kind gilt, und nie die Schmach

und den Fluch fühlt, die man außerehelich geborenen Kindern zur

Schande der ganzen Menschheit entgegenbringt, werde ich dieses Kind

adoptieren und ihm meinen Namen geben. Ich leiste darauf vor der

Mutter dieses Kindes, vor dir, Marianne, und vor Erika den Eid der

über uns waltenden unsichtbaren Gottheit.«

Tief atmete Marianne auf. Sie lehnte sich in die Kissen zurück, und

ein unendlich glücklicher Ausdruck verklärte ihr Gesicht. »Sie will

schlafen«, sagte ich leise. Die Schwester war hereingekommen, beugte

sich über das Bett und betete halblaut. Und während sie mit ihrer

linken Hand der Schlafenden die Kissen ordnete, tauchte sie die Finger

der rechten Hand in das an der Wand hängende, mit Weihwasser gefüllte

kleine Becken, über dem der gekreuzigte Christus hing, und bespritzte

das Gesicht der Schlafenden mit dem geweihten Wasser.

»Daß sie sich nicht erschrickt und aufwacht«, bat ich leise.

Da richtete sich die Schwester auf, wandte sich mir zu und antwortete

mit ihrer sanften Stimme: »Sie schläft und wird erst aufwachen im

Himmel oben.«

Und nun sah ich Mariannens Gesicht. Ich sah, daß sie tot war. Sie

lächelte noch immer unendlich glücklich, aber das Lächeln war wie in

weißen Marmor gegraben.

Marianne, Marianne!

Man ließ mich neben ihr niederknien. Kein Wort wurde gesprochen.

Lange, lange sah ich mir ihr holdes Gesicht an. Wie sanft, wie

friedlich, wie von innerem Glück verklärt sah es aus. Nichts mehr von

der dämonischen Leidenschaft war in diesen engelsreinen, schönen Zügen.

O, Raffael Sanzio von Urbino, du gottbegnadeter Maler der holden

Madonna della Sedia und der von St. Sixto, lebtest du noch,

herbeirufen würde ich dich in diese Klosterkammer, und du fändest die

schönste Madonna, die du malen könntest zur ewigen Unsterblichkeit

auf Erden. Und du, edler Tiziano Vecellio aus dem kleinen verborgenen

Pieve di Cadore, der du in unerreichter Schöne das goldenbraun

gefärbte Haar der alten Römerinnen auf die Leinwand zaubern konntest,

hier würdest du goldleuchtendes, niemals von Farbe berührtes Haar

zu sehn bekommen, das dich, den Maler schönen Weiberhaares, in

begeisterndes Entzücken versetzte. »Wir wollen sie nun schlafen lassen

und sie nicht stören in ihrem ewigen Schlaf«, sagte die Nonne leise

und legte über das Gesicht der Toten ein weißes Tuch.

Schwer erhob ich mich. Verstört blickte ich mich um.

»Und das Kind?« brachte ich endlich heraus.

»Für das sorgen wir«, sagte die Schwester.

Ich trat zu der Wiege hin. »Es ist ein Mädchen?« fragte ich. Erika

nickte.

»Ach, du liebes Geschöpfchen, du wirst nie deine Mutter sehn. Um dir

das Leben zu geben, hat sie ihr Leben hingegeben. War’s nicht besser,

sie nahm dich mit in diese schöne, lächelnde Ruhe? Dich und auch mich

zugleich? Nun muß ich es tragen, daß mein Kind der Mutter meines

Kindes das Leben nahm. Und ich, ich bin an all dem schuld.«

»Kommen Sie«, bat Erika, die inzwischen alles leise mit den Schwestern

besprochen hatte.

Ich folgte ihr wieder durch die vielen Gänge des Klosters nach, bis

wir an die Pforte kamen. Lautlos trat eine Schwester vor und schloß

die Pforte auf, sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!«, und draußen auf

der Straße stand ich mit Erika in der Frühlingsnacht.

Der vordem so starke Sturm hatte sich zu einem fast schwach zu

nennenden Winde gemildert.

Der Himmel hatte sich aufgeklärt, man sah die Sterne flimmern. Aus

jedem Garten, an dem wir vorüberkamen, klang der weiche, schöne Gesang

einer Nachtigall, drang der aromatische Duft von Flieder und Jasmin.

Fast betäubend in meinem Burggarten.

Wir hatten unterwegs kein Wort zusammen gesprochen. Hier in dem

Burggarten, wo ich schon so oft mit so viel Freude, mit so viel Leid

gewesen war, blieb ich stehn.

Der ganze Schmerz um Marianne faßte mich hart an. Die ganze

Verantwortung um das Kind stand mir vor Augen. Aber hätte jetzt

jemand zu mir gesagt: »Ich will dir dein Kind abnehmen, ich gebe dir

dein Kind nicht«, — wie ein Wolf hätte ich ihn angefallen und um das

Kind mit ihm gekämpft. So groß war meine Liebe für das liebe, arme

Geschöpflein, das ich kaum ein paar Minuten in meinen Armen gehalten

hatte. Aber es war ~mein~ Kind; es war ~Mariannens~ Kind. Wie nennen

doch die Menschen solche Kinder? Kinder der Sünde! O, ihr ruchlosen

Menschen, wie könnt ihr solche Geschöpflein Kinder der Sünde nennen!

Eure Zunge müßte im Gaumen verdorren, wenn ihr das aussprecht!

Schlimmer seid ihr, die ihr verächtlich auf solche Kinder herabseht,

schlimmer als die wildesten Bestien seid ihr! Die wildeste Bestie

kennt kein Kind der Sünde. Die wildeste Bestie kennt nur ihr Kind.

Nein, frei will ich mich zu dem Kinde bekennen. ~Mein~ Kind ist es!

Jeder soll es hören, der es hören will!

O, schon jetzt sah ich die Kleinkrämer des Städtchens höhnisch

lächelnd ihre Kleinkrämernasen rümpfen! Rümpft sie nur, ihr

Kleinkrämerpack! Über ~mich~ könnt ihr eure Nasen rümpfen, wehe

aber, wenn ihr Mariannen, die Mutter dieses Kindes, oder mein Kind

verunglimpft! »Erika,« wandte ich mich an das stumm neben mir

stehende Heidkönigstöchterlein, »Sie haben es Mariannen versprochen,

ihrem Kinde eine treue Mutter zu sein?«

»Ich habe es ihr versprochen und will mein Versprechen halten. Fragen

Sie nichts mehr«, bat sie plötzlich und hob ihre Hände bittend gegen

mich. Sie weinte. Weinte ganz still und leise, und ich sah, wie ihr

die Tränen aus den Augen strömten.

»Gut, Erika, Sie sollen keine weitere Frage von mir hören. Aber

dankbar werde ich Ihnen sein, wenn Sie sich meines Kindes annehmen

wollen.«

Oben stürzte uns Fräulein Bartel entgegen.

»Haben Sie Marianne gefunden?« rief sie. Sie war ~doch~ ein guter

Mensch, denn man hörte die Angst aus ihrer Stimme deutlich heraus.

»Ja, wir haben sie gefunden«, sagte ich. »Weiß sie das andere, ich

meine das mit dem Kinde, schon?« wandte ich mich an Erika. Die

schüttelte schluchzend ihren Kopf.

»Marianne ist tot, Fräulein Bartel ...«, sagte ich.

»Gott im Himmel!« schrie sie laut auf.

»Ja, Marianne ist tot, sie ist an der Geburt eines Kindes, eines

Mädchens, gestorben.«

Mit großen, geradezu entsetzten Augen sah sie mich an. Ich winkte ihr,

still zu sein. Allein wollte ich sein.

»Gute Nacht, Fräulein Bartel, und gute Nacht, liebe, liebe Erika.

Nicht wahr, Sie sehn morgen früh gleich nach dem Kinde?« Sie nickte

stumm. Sing’ dein Trauerlied zur stillen Frühlingsnacht, liebholde

Nachtigall!

Marianne ist tot.

Du kanntest sie ja. Oft ist sie, wenn du sangest, an deinem

Fliederstrauche stehn geblieben, die Blumen dufteten, es duftete ihr

goldrotes Haar, in dessen seidenen Wellen das weiße Mondlicht spielte.

Ja, singe ein Trauerlied. Ich stehe hier am Fenster und höre dir

zu und lasse die Vergangenheit an meinen Augen vorübergehn. Von

dem goldenen Haare aber behalte ich mir eine Strähne. Die wird

dann leuchten wie eitel Feuergold, wenn ich sie herauslege zur

Vollmondstunde im Mondessilberglanz.

Marianne: Leid und Lust bist du mir gewesen. Soll ich richten jetzt,

ob größer das Leid, ob größer die Lust?

Mit Wonne ist Leid verknüpft, nie ist es anders. Die Wonne allein ist

Menschen nicht beschieden.

Das Leid ist unser Gefährte. Nur wie ein toller Bub kommt gesprungen

und ist fort wie ein Bub des Augenblicks die Wonne. So also sieht die

Freiheit von den goldenen Fesseln aus? Lange wird es dauern, ehe ich

mich der Freiheit erfreuen werde.

Das rote Gold der Flechten war zu schön.

Zu schön der weiße Leib, den man so bald nun in die tiefe Erde senken

wird.

Aber wir sollen doch Erde werden. Wir ~sind~ doch von Erde und sollen

doch Erde bleiben.

O liebe Erde, den schönsten Menschenleib sollst du so bald erhalten.

Sei ihm ein treuer Mutterschoß und laß Veilchen nur aus jener Stätte

sprießen.

[Illustration]

Soeben kommt Erika aus dem Kloster zurück. Sie sagt mir, daß für das

Kind gesorgt sei.

»Ich will’s aber doch so bald als möglich in die Oberförsterei nehmen,

Erika.« Sie sieht zur Erde und sagt kein Wort. Dann spricht sie: »Auch

ich halte es für das beste.«

»Ach, Erika, was müssen auch ~Sie~ unter dem allen leiden. Sie, ein

unschuldiges Kind der Heide! Kaum setzen Sie den Fuß in die Welt

hinaus, so tritt der Welt Sünde an Sie heran«, sagte ich herzlich zu

ihr und faßte ihre Hände warm und fest mit den meinen.

»Der Welt Sünde, aber noch mehr der Welt Unglück, und im Unglück

müssen die Menschen doch einander beistehn so gut, als sie können.

Auch bindet mich das Versprechen, das ich der Toten gab.«

»Werden Sie bei mir bleiben?« fragte ich zaghaft.

»Ich weiß nicht, was ich tun darf; mein Vater wird bestimmen«,

erwiderte sie leise.

»Sie wollen alles Ihrem Vater sagen, Erika?«

»Ja, alles«, sagte sie ruhig. »Er kommt in den nächsten Tagen und will

mich abholen, in die Heide zurück.«

»Und ~wird~ Sie in seine keusche Heide mit sich nehmen, ich weiß es,

Erika. Ja, ich weiß es. Ihr Vater kann nicht anders handeln, und

töricht war meine Frage, ob Sie hier bei dem Kinde Mariannens bleiben

wollen. Ich muß ~allein~ sehn, wie ich es in Zukunft machen, wie ich

mein Kind mir erhalten soll. Allein, allein!«

»Ich will das Kind mit mir in die Heide nehmen, wenn Sie’s mir

anvertrauen«, sagte sie sanft. »Solange will ich’s behalten, bis Sie

es bei sich haben können.«

»Erika! ~Das~ wollen Sie tun! Wie soll, wie kann ich’s Ihnen danken!«

Wie ein Jubelschrei brach’s von meinen Lippen. Ja, in die Heide soll

mein Kind, in die Heide zur Heidkönigstochter! Die schwere Sorge

der nächsten Zeit um das mutterlose Geschöpf will mir Erika, das

Heidekind, abnehmen.

Ich hätte ihr die Hände küssen können.

Aber mein innerer Jubel galt nicht dem Kinde allein. Wenn mein Kind

bei ihr im Heidhofe ist, würde ich, mußte ich ja Erika wiedersehen.

Blieb mit ihr in steter Verbindung — ein Herz würde weiter für mich

schlagen, das zu verlieren die schreckliche Angst der letzten Stunden

für mich gewesen war.

[Illustration]

Die Stunde ist da, in der man Marianne ins Grab legt.

Ich ging mit Erika und Fräulein Bartel am frühen Morgen ins Kloster.

Weil ich noch einmal, zum letztenmal das Gesicht der Toten sehn wollte.

Die mir im Leben so nahe stand. Von deren Leibe und Seele ein Kind

mein eigen ist.

Nach der Beerdigung will ich das Kind gleich mitnehmen zu mir, um mich

als Vater zu ihm zu bekennen, eintragen zu lassen als Vater und die

Kleine zu adoptieren.

Ich sehe es an den Leuten, die uns begegnen, daß man schon etwas weiß

in der Stadt.

Man sieht mir nach, man kriecht in die Haustür zurück, man grüßt mich

ersichtlich verlegen und erstaunt. Aber mancher auch herzlich und

warm.

Im Kloster schleichen die Schwestern scheu an mir vorbei.

Die Kauzburg · 第 10 / 21 题