Ich wollte Erika fortschicken. Aber sie wollte bleiben.
»Sie werden mich brauchen«, sagte sie eigentümlich ernst.
»Mein Heidkind, gehn Sie, gehn Sie. Setzen Sie sich nicht den Reden,
den Augen der Menschen dieser Stadt aus, wenn ich mit meinem Kinde
durch die Straßen gehe und es in meine Kauzburg bringe.«
»Ich bleibe«, erwiderte sie.
»So kommen Sie, Erika.«
Wir gingen über den stillen Kirchhof nach dem Kloster hinüber.
Die Tür war verschlossen. Ich klingelte. Das Glöckchen tönte. Eine
Schwester öffnete einen Spalt breit die Tür.
»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte sie und sah mich fragend an.
»Ich will zu dem Kind der soeben zur Ruhe Gebetteten«, sagte ich.
»Zu dem Kinde Mariannens?« fragte sie.
»Ja, zu dem.«
»Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie herführt?« fragte sie.
»Ich sagte schon: Zu dem Kinde will ich. Ich will es zu mir nehmen.«
Ein Lächeln, — kein schönes Lächeln — huschte über das fromme
Schwesterngesicht.
»Ohne des hochwürdigen Domherrn Genehmigung darf ich niemand zu dem
Kinde lassen, es gehört von jetzt ab dem Kloster und wird im Kloster
bleiben«, sagte sie und sah mich lauernd an.
Ich stand noch vor der kaum ein Viertel offenen Tür mit Erika.
Nun stieß ich ruhig die Tür ganz auf und trat in den schmalen
Klostergang. Erika stand dicht bei mir.
»So sagen Sie dem hochwürdigen Herrn, daß ich ihn sprechen will.«
»Ich werde Ihre Bitte Seiner Hochwürden unterbreiten.«
»Sagen Sie ihm, ich ~wünsche~ ihn zu sprechen, und ich ~muß~ ihn
sprechen wegen dieses Kindes.«
Wieder huschte dieses höhnische Lächeln über das stille, heilige
Nonnengesicht der vor mir Stehenden.
Sie nickte stumm, schloß die Tür und ging lautlos davon.
Ich stand mit Erika im Flur.
Ich fühlte, wie der Zorn über den Domherrn in mir wuchs. Schon seine
Worte am Grabe! Und nun diese Art des Empfanges!
»Ich bitte Sie, seien Sie ruhig, bleiben Sie ruhig«, flüsterte Erika
mir zu.
»Ich will’s versuchen, solange es mir möglich sein wird, Erika.«
»Seine Hochwürden lassen bitten«, sagte die lautlos zurückkehrende
Schwester. Jetzt widerte mich dieses lautlose Schleichen an. Wozu?
Hier lagen keine Kranken. Drüben im untern Flügel.
~Das~ hier war domherrliche Privatwohnung. Fest und hart klangen meine
Schritte auf dem Steinpflaster des Klosterganges wider. Soll ich
~kriechen~ vor dieser Domherrlichkeit? Niemals!
Endlich waren wir vor der rechten Tür.
»Ich werde Seiner Hochwürden melden, daß Sie, Sie allein ihn sprechen
wollen.«
»Nicht nötig, liebe Schwester,« sagte ich kurz, »ich melde mich
selbst, und diese Dame wird bei der Unterredung zugegen sein.«
Laut klopfte ich an die geschnitzte Eichentür. Ja, hier oben sah es
anders aus als unten in den schlichten, einfachen Klosterräumen. Als
ich öffnete und in das, man kann ruhig sagen, prachtvoll ausgestattete
domherrliche Gemach eintrat, stand die hohe Gestalt des Domherrn
am Fenster. Auf den Kirchhof hatte man den Blick von hier oben.
Gerade auf Mariannens Grab sah man hinab. Erst zuckte es drohend über
sein Gesicht, es war nur ein Zucken, dieses Zucken in dem unleugbar
schönen, schmalen Gesicht, dieses Aufblitzen in den dunklen Augen, als
er mich mit Erika eintreten sah, dieses Aufblitzen, das mich stets und
stets sekundenlang an ein anderes Gesicht erinnerte, das nun nie mehr
zucken kann, nein, wie in marmorner Ruhe bleiben würde, bis die Erde
sagen wird: Werde wieder zu Erde. Eine einladende Handbewegung machte
er, indem er auf einige Sessel wies, die auf dem Teppich standen.
»Ich danke; aber ich komme nicht als Gast zu Ihnen«, sagte ich kalt
und abweisend. »Ich komme nur, um Sie zu fragen, ob ich die Schwester
unten recht verstanden habe?«
»Recht verstanden, womit?« fragte er mit gutgespieltem Erstaunen.
»Keine Worte weiter,« unterbrach ich ihn, denn ich fühlte, wie
verhaßt mir dieser Mann seit jenen Worten am Grabe war, »ich kam, um
Mariannens Kind in mein Haus zu holen, man wollte es nicht zugeben
ohne Ihre Einwilligung, ja, man sagte mir, das Kind sei Eigentum des
Klosters und würde es bleiben.«
Er spielte einige Augenblicke an dem goldenen Kreuz, das um seinen
Hals an goldener Kette hing.
»Die Schwester hat Sie recht berichtet,« sagte er; »bitte, bitte, mich
ausreden lassen,« fuhr er auf, als ich ihn unterbrechen wollte, ...
»es ist so. Wir kennen nur die ~Mutter~ des Kindes; diese Mutter, —
Marianne, — haben wir im Kloster erzogen, sie hat das Kind im Kloster
geboren, ist zu uns geflüchtet vor ihrer schweren Stunde, hat uns das
Kind noch ~vor~ der Geburt anvertraut, also ...«
»Sie kennen also ~wirklich~ den Vater des Kindes nicht?« schnitt ich
ihm das Wort ab. Seine Augen glühten.
»Ich ~will~ ihn gar nicht kennen«, sagte er rasch.
»Sie ~sollen~ ihn kennen! Er steht hier vor Ihnen!« rief ich. »Ich bin
der Vater des Kindes, und ich fordere mein Kind!«
Er sah aus, als wollte er sich auf mich stürzen. Wenigstens sagten
es mir seine Augen. Und seine Hände, die sich an die Stuhllehne
verkrampften.
»Was Sie mir hier sagen, betrachte ich als Beichtgeheimnis; niemand
wird es erfahren, sofern nicht ~Sie~, mein Fräulein, ...« wandte er
sich zu Erika. »Ich bedaure es übrigens schmerzlich, daß man Sie
gezwungen hat, dieser Verhandlung beizuwohnen, unschöne, sündige Dinge
kommen dabei zur Sprache ...«
»Ich wohne dieser Verhandlung nicht gezwungen bei, es war mein
Wunsch, ihr beizuwohnen«, unterbrach ihn Erika ruhig.
»So? Warum?« fragte er und sah sie forschend an.
Sie schwieg.
»Wir sind wohl fertig miteinander, Hochwürden,« sagte ich nun; »ich
werde also mein Kind jetzt mit mir nehmen.«
»Gemach, gemach,« stieß er hervor, »dieses Kind bleibt hier im Kloster
... für ~immer~!«
»Herr Domherr!!!« stieß ich heraus.
»Ich wiederhole,« fuhr er fort, »was Sie mir sagten, bleibt
Beichtgeheimnis ...«
»Ich weiß von keinem Beichtgeheimnis, ich bin Protestant«, unterbrach
ich ihn barsch.
Er drückte seine Augen zusammen. Dann trat er dicht an mich heran und
legte sanft seine bischofsringgeschmückte Hand auf meinen Arm.
»Ihre Mutter ist katholisch,« sprach er halblaut und beschwörend,
»Marianne war katholisch, ist im katholischen Glauben erzogen, als
fromme Katholikin gestorben, ihr Kind habe ich gestern getauft ...«
»Wie?« unterbrach ich ihn heftig, »getauft? Ohne mich zu
benachrichtigen?«
»... Aber ich bitte Sie,« sagte er beschwichtigend, »bleiben Sie ruhig
... wie sollte ich begründen, daß ich Sie benachrichtige davon? ...
Nein, nein, ich meine es gut mit Ihnen, herzlich gut mit Ihnen, mit
der lieben Toten und Ihrer beider Kind. Sie sollen das Kind haben ...
nur eins ... Sie selbst sind katholisch getauft ... kehren Sie zurück
in den Schoß unserer, Ihrer Kirche, werden Sie ...«
»Halt! Kein Wort mehr!« rief ich und streifte seine Hand fort von
meinem Arm. »Was fällt Euer Hochwürden ein? Wen glauben Sie vor sich
zu haben? Wie?«
Er wich zurück und wurde wachsbleich.
»Gut, so sind wir fertig miteinander«, sagte er.
»Und mein Kind nehme ich ~mit~«, rief ich, kaum noch meinen Zorn
bemeisternd.
»Nein, es bleibt ~hier~,« zischte er; »wer weiß etwas, wer glaubt
etwas von dem, was Sie mir hier sagten? Es bleibt ein Beichtgeheimnis
für mich.«
»Aber nicht für ~mich~, hochwürdiger Herr!«
»Wie?« sagte er maßlos erstaunt, »Sie wollten davon anderen erzählen?
Sie wollten den Leuten sagen, daß Sie, ... Sie ... dieses Mädchen ...«
»Ja, ja und ja!« schrie ich ihn an.
»Ich gehe von dieser Stube aus mit dem Kinde zum Standesamt, dort sage
ich vor Zeugen, daß ich sein Vater bin, daß ich dieses Kind als das
meine anerkenne, daß ich es adoptiere, ihm meinen Namen gebe ... nun,
Euer Hochwürden, ~jetzt~ werden Sie wohl davon überzeugt sein, daß
dieses Kind nicht im Kloster bleibt?«
Wie von einem Krampfe geschüttelt stand er ans Fenster gelehnt und
blickte hinab auf das noch offene Grab derjenigen, um deren Kind ein
Kampf gekämpft wurde.
»Nein,« sagte er nach einigen Minuten tiefer Stille, »nein, ich bin
~nicht~ davon überzeugt. Dieses uns von der Mutter übergebene Kind
verbleibt dem Kloster, ich gebe es ~nicht~ heraus, eher ...«
»Eher drehn Sie ihm den Hals um!« höhnte ich außer mir.
»Nun ist’s genug!« sagte er, und richtete sich hoch auf.
»Genug, übergenug!« Und seine Hand wollte auf den elektrischen Knopf
der Klingel drücken. »Ich wollte sagen, eher ...« Da wurde er wiederum
unterbrochen — durch Erika! Durch Erika, deren Gegenwart wir beide
ganz vergessen hatten in unserem heftigen Streiten.
»Ich weiß es, was Sie sagen wollen, Euer Hochwürden!« sprach die
sanfte, liebe Stimme der Heidkönigstochter, »ich weiß es, weil mir’s
Marianne gesagt hat.«
Der Domherr fuhr herum. Als ob ihn ein Pfeil träfe, so trafen ihn
diese sanft und schlicht gesprochenen Worte. Er starrte Erika an.
»Sie wollen sagen, eher verschwindet das Kind in einem anderen Kloster
... in Österreich drüben ... in dem Kloster, das hoch auf einem Felsen
steht, wo Marianne das Licht der Welt erblickt hat, ... ich sehe, Euer
Hochwürden wissen, welches Kloster ich meine ...«
In einen Sessel war der Kirchenfürst gesunken. Wie irre schauten seine
lodernden Augen auf das schlichte Heidekind. »Und ~weil~ ich das weiß,
und weil wir schon morgen das Kind vergeblich hier suchen würden,
darum müssen Sie Ihr Kind noch in dieser Stunde mitnehmen«, sagte das
liebe Mädchen zu mir gewandt.
Er bohrte drohend seine dunklen Augen in die Augen Erikas.
»Ich ~weiß~ nicht, welches Kloster Sie meinen, mein Fräulein,« stieß
er hervor. »Das Kind verbleibt dem Kloster! Mariannens Kind gebe ich
~niemals~ heraus. Eine Braut des Klosters soll ihr Kind werden, so ist
alles gesühnt.«
»Nein, gesühnt wird alles, wenn sich zu diesem Kinde der Vater bekennt
...!« rief ich in wilder Entgegnung und Angst.
»Still, still,« sagte da Erika, »diese Sühne meint Seine Hochwürden
~nicht~. Hier, nehmen Sie das und halten Sie es fest wie Ihr Leben«, —
und sie drückte mir ein zusammengeschnürtes und versiegeltes Päckchen
loser Briefblätter, das sie verborgen bei sich getragen hatte, in die
Hand. Nur ein Blättchen behielt sie und hielt es dem Domherrn hin.
»Nicht wahr, Euer Hochwürden, Sie meinen, dann ist ~dieses~ gesühnt?
~Dieses~, das hier auf diesen Blättern steht. Nein, nein, Hochwürden,
Marianne ist nicht das Opfer ~dieses~ Mannes hier« — und sie zeigte
auf mich — »wie Sie es heute am Grabe sagten! — — — Soll ich sagen,
~wessen~ Opfer Marianne ist?«
»Sag’ es erst, wenn sie ihm das Kind entreißen wollen,« hat mich
Marianne angefleht und mir diese Papiere gegeben; »aber zerreiße
ungelesen diese Blätter, ~wenn~ er mein Kind erst sicher hat«,
beschwor sie mich weiter. »Euer Hochwürden, hier, sofort müssen Sie
sich entscheiden: wollen Sie uns mit dem Kinde ruhig unserer Wege
gehen lassen, oder sollen diese Blätter gelesen werden? Nimmer Herr
Domherr, wird über meine Lippen kommen, was Marianne mir aus Angst um
ihr Kind anvertraut hat; ungelesen verbrannt werden diese Papiere,
sobald dieser um sein Kind besorgte Vater von seiner Sorge befreit
ist.«
»Erika«, stieß ich hervor.
Sie hob abwehrend ihre Hände.
Was für ein furchtbares Geheimnis mußten diese Blätter bergen! War
diese gebrochene Gestalt noch dieselbe stolze Gestalt des hohen
Kirchenherrschers?
Er hielt sich, ja, man sah es, er hielt sich am Fensterkreuz fest,
sonst wäre er zusammengebrochen.
»Diese Papiere«, keuchte er, »woher hat sie sie ... woher ... woher
...?«
Er schien ganz vergessen zu haben, daß wir noch im Zimmer waren.
»Ich ersuche Euer Hochwürden, den Befehl zu geben, daß wir das Kind
mit uns nehmen können, ... sofort ...« sagte Erika.
Ich staunte die Tochter der Heide an. Wie ernst, wie fest in sich
gehalten stand sie hier und forderte ruhig und unentwegt. »Werden ...
werden ... diese Papiere ...«, stammelte der Domherr.
»Euer Hochwürden, ich gab mein Wort. Ich gab ~Ihnen~ mein Wort, ich
gab der ~Toten~ mein Wort, daß diese Papiere verbrannt werden, sobald
der Vater sein Kind hat«, sagte Erika einfach.
Ja, als sie das sagte, mußte man ihr glauben. Jeder hätte ihr
geglaubt. Mehr geglaubt als tausend Eiden anderer.
»Und niemand, auch dieser nicht ...« und der Domherr zeigte auf mich
»... wird jemals erfahren ...«
»Niemand, Herr Domherr, ich verspreche es Ihnen bei Gott im Himmel«,
sagte Erika.
Der Domherr rüttelte sich auf und drückte auf den Klingelknopf. Eine
Schwester trat lautlos ein.
»Ich gebe das Kind seinem Vater heraus«, sprach er zu ihr. »Nichts
soll ihm in den Weg gelegt werden.« Dann sank er in dem Sessel
zusammen wie leblos. —
Wir folgten der Schwester.
Ich nahm mein Kind in meine Arme; Erika ging stumm neben mir her.
So gingen wir unerkannt durch die stillen Straßen des Städtchens.
Ach, unerkannt! Und wenn die Menschen an den Wegseiten wie Mauern
gestanden hätten, es hätte mich nicht gekümmert. Ich hatte mein Kind,
dieses kleine, arme Geschöpflein, ja in meinem Arm, dicht neben mir
ging die liebe, treue Heidkönigstochter, über uns blinkten die Sterne,
und ein holdes Duften strömte aus den Gärten zu uns.
Marianne, bist du zufrieden?
[Illustration]
Nun weiß es jeder in der Stadt, daß ich Vater eines unehelichen Kindes
bin. Daß ich dieses Kind adoptieren will.
Ein paar von den Herren, mit denen ich hier verkehrt habe, sind des
Abends zu mir gekommen und haben mir abgeredet.
»Sie werden sich doch so was nicht für Ihr ganzes Leben aufladen; es
ist eine Last, bedenken Sie’s doppelt, bevor Sie’s tun. Lassen Sie
sich versetzen, geben Sie das Jöhr irgendwohin in Pflege, kein Hahn
kräht dann danach«, sagte der eine.
Der Zweite meinte: »Es ist wirklich Pech für Sie, nun so’n Kind. Wenn
Sie wirklich die Vaterschaft nicht leugnen wollen — es wäre übrigens
gar nicht so schwer, wo die Mutter tot ist und niemand sonst nach ihr
fragt —, dann tun Sie’s wenigstens heimlich. Es braucht doch keiner zu
wissen davon.«
Der Dritte sagte lachend: »Wissen Sie, geben Sie das Ding fort, eine
Frau kriegen Sie deshalb immer noch.«
Ich hörte alle drei an.
Dann sagte ich ganz ruhig und freundlich: »Meine Herren, ich weiß,
Sie haben sich’s nicht überlegt, was Sie mir eben sagten. Denn ~wenn~
Sie sich’s überlegt ~hätten~, müßten Sie mich für einen Schweinehund
halten, und der bin ich nicht, rate auch keinem, mich dafür zu
halten. Prosit, meine Herren!« —
Da wurden sie höllisch verlegen, stießen eiligst mit mir an und
plauderten harmlos von anderen Dingen.
Als ich dann dem einen von den dreien im anderen Zimmer ein paar
Rehkronen zeigte, gab er mir die Hand und sagte ganz treuherzig: »Wenn
ich mir’s recht überlege, kriege ich alle Hochachtung vor Ihnen, weiß
Gott.«
»Erst jetzt?« rief ich lachend und klopfte ihm freundschaftlich auf
die Schulter.
Ähnlich ging mir’s mit dem zweiten und dritten. Mir war’s lieb. Denn
alle drei hatte ich gern, und es waren im Grunde brave Menschen.
[Illustration]
Erikas Vater hat geschrieben, daß er am Sonnabend kommt.
Sie fährt ihm ein paar Stationen entgegen.
Ich weiß, sie will ihm in Ruhe erzählen.
Erzählen von der Kauzburg, von Mariannen, von mir und dem Kind.
Also Sonnabend!
Noch eine kurze Woche! Mir klopft das Herz zum Zerspringen.
Gott, Gott, soll ich dieses Mädchen verlieren? Soll mein Kind diese
treue Mutter verlieren? ~Zeige~ nun, Gott, daß du wirklich Gott bist!
Zeige es, so will ich glauben! Laß sie mir. Laß den guten Geist des
Hauses in meinem Hause! Aber unmöglich ist’s, ich ~weiß~ doch, daß es
unmöglich ist!
Am Sonnabend also kommt der Heidkönig!
[Illustration]
Jedem Mädchen ist die Liebe zum Kinde tief eingepflanzt von Natur: die
Mutterliebe.
Wie soll man sich’s sonst erklären, wenn man Erika mit der kleinen
Marianne sieht.
»Sind Sie denn dem Kinde gut, Erika?« fragte ich sie heute. Da nahm
sie das hilflose Geschöpf und drückte es wortlos an sich.
»Noch ein paar Tage, dann kommt Ihr Vater, Erika, was wird ~dann~?«
Sie sagte nichts, aber ich sah, wie sie sich festklammerte an das
kleine Menschenkind in ihrem Arm.
[Illustration]
Tief unten rauscht der Fluß unter der hochbogigen Brücke, die
Wasserflut drängt an die Pfeiler.
Es hat geregnet, und rasch schwillt der aus den Bergen kommende Strom
an.
Doch seit gestern scheint die Sonne wieder freundlich vom Himmel.
In den Frühlingswald fahre ich heute hinaus. Ich will den Wald um mich
haben.
Meine Waldbäume will ich sehn.
Morgen ist Sonnabend. Heidkönig, komme! Ich bin gefeit gegen dich.
Erika liebt mein Kind; sie läßt es nimmer.
Will sie das Kind behalten für immer, so muß sie den Vater des Kindes
mit in den Kauf nehmen. Es geht nicht anders, Heidkönig, also mußt du
nachgeben!
Ich mache mir ganz umsonst so viel Sorgen. Frisch glänzen die Wiesen
vom letzten Regen. Frisch glänzt — fast scheint es — das Gefieder des
Störchleins, das in den Wiesen nach Fröschen herumstrolcht. — — —
Ich vermisse Erika. Gestern fuhr sie ihrem Vater entgegen. Noch mehr
wird sie von dem Kinde vermißt. Das schreit ganz kläglich.
»Heute, bald kommt sie wieder, kleine Marianne, eia popeia,
eiapopeia.« —
Und nun schreitet sie neben ihrem Vater über den Burghof. Also so
sieht er aus, der Heidkönig?
Nicht groß, nicht klein, eine Mittelfigur. Ernst ist sein vom braunen
Vollbart umrahmtes Gesicht, klar und treu und mit dem den Heidmenschen
eigentümlichen Ausdruck des Verträumtseins und eines tiefen
Innenlebens sind seine Augen. Auf dem Burghofe blieb er stehen und sah
sich um. Dann sprach er ein paar Worte zu Erika. Sie nickte. Gewiß
hat er zu ihr gesagt: »Es ist hübsch hier zwischen den grünumrankten
Mauern, zwischen den Fliedersträuchern und dem gelben, hängenden
Goldregen, hübsch hier in dem Burghofe, über den der Rotdorn seine
Äste ausbreitet.«
Ja, zur Frühlingszeit kann sich die Kauzburg sehen lassen. Ich
höre, wie der Heidkönig von Fräulein Bartel begrüßt wird. Natürlich
wortreich, mehr als wortreich. Und nun klopft es an meiner Tür.
»Herein!« rufe ich. Erst kommt Erika herein, sie hat das Kind draußen
schon jammern hören. »Grüß Gott!« sagt sie und gibt mir die Hand und
wendet sich gleich zur Wiege, in der das Mariandel liegt und schreit
und ruhig wird und lacht, als sie es aufnimmt und hin und her wiegt.
Und vor mir steht nun ihr Vater, der Heidkönig. Er prüft mich klar
und ernst mit seinen Augen. Wir geben uns die Hände. Ein kurzer
Händedruck. Warum werde ich denn verlegen und komme mir klein vor
diesem Manne gegenüber? Der hat ~nie~ gesündigt, der kann auf sein
ganzes Leben zurücksehn wie auf einen sauberen Tisch — das sind meine
Gedanken. Und diese Gedanken machen mich verlegen und klein vor ihm.
Ein großer, von Vater und Vaters Vater her ererbter Landsitz macht die
Menschen merkwürdig sicher und in sich selbst gefestigt. Man spricht
nicht umsonst von »Bauernstolz«. Bei diesem Manne hier machte sich ein
Selbstgefühl nicht unschön breit.
Aber Selbstgefühl und Stolz ... Stolz auf seinen großen, einsamen
Heidbesitz, auf seinen Namen und vor allem auf sein und seiner Väter
unberührtes Heidleben hatte er. Den hatte Erika auch. Und diese
Menschen durften ihn haben. Mit viel ~mehr~ Recht als mancher andere.
Aber was diesen Stolz — auch beim Heidkönig — so milderte und ihn
schön machte, das war die schlichte Treue, die volle Ehrlichkeit, die
selbstverständliche Pflichterfüllung, die reinste Offenheit ohne jedes
Körnchen Lug und Trug, Verstellung und Heucheln.
»Ich kenne nur einen Weg, den geraden«, sagte der Heidkönig, sobald
man ihn sah, ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte.
Wir plauderten zunächst über alltägliche Dinge. Ich fragte ihn nach
dem Erfolge seiner Reise, nach seinem Heidhofe, seiner Heide! Er
antwortete wortkarg. Fragte mich nach meinem Walde, nach dem Wild im
Walde, besah sich die Geweihe, Rehkronen und ausgestopften Wildköpfe,
dann aber sagte er nach einer Weile nachdenklichen Schweigens: »Ich
bitte Sie, mir zu sagen, was ich an Pensionsgeld für Erikas Aufenthalt
an Sie zu zahlen habe, da ich sie morgen wieder mit mir nehme.«
Die Worte trafen mich wie ein Schuß.
Und doch war nichts natürlicher, als daß er das sagte. »Da ich sie
morgen wieder mit mir nehme«, ... immerfort hörte ich das in meinen
Ohren klingen.
Er sah mich freundlich und doch auch ernst an. Zuletzt wiederholte er
seine Frage, da ich immer noch schwieg. »Unsinn ... davon kann keine
Rede sein«, stotterte ich. »Ihre Tochter hat doch im Hause geholfen
...«
»Das ist selbstverständlich, und müßig hier sein hätte sie nicht
gekonnt, das liegt nicht in ihr, und so habe ich sie mir auch nicht
erzogen. Aber daß ich den Aufenthalt meiner Tochter nicht als Geschenk
annehmen kann, werden Sie sich selbst sagen, also bitte überlegen Sie
es sich, und sagen Sie mir morgen Bescheid.«
Dann schwieg er wieder.
Nach einer Weile sagte er: »Ich danke Ihnen, daß Sie sich bereit
erklärten, meine Tochter so lange unter Fräulein Bartels Schutz bei
sich aufzunehmen. Freilich, wenn ich gewußt hätte, ... doch nein,
Erika hat mich gebeten, Ihnen nichts darüber zu sagen, also mag es
schon so bleiben, und so sage ich Ihnen nur meinen besten Dank.«
»Und Sie wollen Erika mitnehmen, und was soll aus ~mir~ werden und aus
dem Kinde?« rief ich aufspringend.
Ruhig und prüfend lag sein Blick auf mir. Der Mann hier war freilich
ein anderes Gegenüber als der Domherr mit seiner bösen Schuld.
Das Päckchen mit Papieren hatte ich Erika sofort nach unserer Heimkehr
mit dem Kinde in die Kauzburg zurückgeben müssen. Ich hatte sie
gebeten, nur einen Blick hinein tun zu dürfen. Vergeblich natürlich
gebeten! Das Kind war ja mein geworden, in meinem sicheren Besitz,
also — mußten die Papiere ungelesen vernichtet werden. Keine Macht
der Erde hätte an ihrem Versprechen, das sie Mariannen gegeben hatte,
etwas ändern können. Aber ich war überzeugt davon, daß der Domherr
schwere Schuld an Mariannen hatte. Ich war überzeugt, daß Marianne,
das arme, auf des Klosters Schwelle ausgesetzte Kind der Straße,
~sein~ Kind war. Was war ~meine~ Schuld dagegen? Ein Stäubchen nur
gegen einen Berg!
Der Mann der Heide aber stand wie ein wirklicher König vor mir, wenn
ein reines und vornehmes Innenleben den König macht, wie man so gerne
und so falsch oft glaubt.
»Wie meinen Sie Ihre Worte, ich verstehe Sie nicht? Was aus Ihnen
und dem Kinde werden soll, wenn ich Erika mit mir nehme?« sagte er
langsam. »Was hat meine Tochter damit zu tun?«
»Hat Ihnen Erika nicht gesagt, was sie der Mutter des Kindes
versprochen hat?« rief ich.
»Nein«, sagte er. »Was hat sie der Mutter des Kindes versprochen? ...
Ach, ... da kommt sie ja selbst, ... ist gut, daß du kommst, Erika ...
was hast du ihr versprochen? Hast du gehört, worum es sich handelt?«
»Ja, Vater«, sagte sie, nichts weiter.
Er sah sie fragend an. Dann mich.
»Bitte wollen Sie mir nun dieses Versprechen nennen, von dem meine
Tochter nichts gesagt hat?«
»Vater«, sagte Erika und trat zu ihm hin.
»Schweige jetzt, da du vorhin deinem Vater nicht geantwortet hast«,
wies er sie freundlich, aber entschieden ab.
»Sie hat der Sterbenden in ihre erkaltende Hand hinein versprochen,
ihrem armen Kinde eine treue Mutter zu sein«, sagte ich, und meine
Stimme bebte. Ich kämpfte ja um das Glück meines Lebens.
»So?« ... sprach er, und seine Stirn zog sich zusammen. Seine Augen
sahen auf die Tischplatte, und so stand er lange Zeit und sprach kein
Wort.
Es war lautlos still in der Stube.
Ein paarmal weinte das Kindchen im Schlafe, weinte sich aber immer
wieder schnell in sein ruhiges Schlummern zurück.
»So?« ... sagte er noch einmal.
»Wiederhole, was du der Toten in ihre Hand hinein versprochen hast,
Erika«, wandte er sich dann an sie.
Es war, als ob er Zeit, viel Zeit brauchte, um sich in das, was er
soeben gehört hatte, hineinzufinden.
»Ich habe der Sterbenden in die kalt werdende Hand hinein unter
Anrufung Gottes versprochen, diesem Kinde hier für alle Zeit eine
treue Mutter zu sein, mein Vater«, sprach sie, ohne zu stocken, mit
tiefer, leiser, treuer Stimme. Ihre Augen, mit denen sie ihren stumm
dastehenden Vater ansah, schimmerten feucht.
»So?« ... sagte der Heidkönig zum dritten Male und fuhr sich mit
seiner rechten Hand über die Stirn.
Eine Ewigkeit schien mir’s zu sein, ehe er weitersprach.
»Und wie gedenkst du dieses Versprechen einzulösen?« fragte er.
— Was wird sie antworten?
»Ich will das Kind mit mir nehmen auf den Heidhof, Vater«, sagte sie.
Er schwieg. Ein paar Schritte machte er auf den Wagen zu, in dem das
Kind schlief, und blickte auf das schlafende, lächelnde Gesichtchen
hinab.
»Das Versprechen, dieses Versprechen an deine Mutter ...« murmelte er
zu dem Kinde.
Als ob das Kind ahnte, daß es sich um Sein und Nichtsein handelte,
denn ein Nichtsein würde es wohl werden, wenn man diesem Geschöpfchen
Erika nehmen würde, — das Mariandel in seinem Korbwagen wachte auf,
rieb sich mit den Fäustchen die Augen und fing zu schreien an.
Es klang, als ob ein Junghäslein klagte. Da drehte sich der Heidkönig
um. Eine tiefe Röte lag auf seiner Stirn. Finster sahen seine Augen
aus; tief gefurcht seine Stirn.
»Es ist nicht anders,« hub er zu sprechen an, während Erika das Kind
hochnahm und beruhigte, »es ist nicht anders; jeder Mensch muß halten,
was er verspricht. Lebte dieses Kindes Mutter noch, so würde ich mich
an ihrem Sterbebett niederknien und sie bitten: lege ~nicht~ diese
bittere Schwernis auf die jungfräulichen Schultern meines Kindes und
nimm dieses Versprechen zurück. So aber bleibt es bestehn wie des
Petrus Fels. Erika, ich erlaube dir, dein Versprechen einzulösen. Du
darfst morgen dieses Kind mit in den Heidhof nehmen. Halt,« wehrte er
sie ab, »ich bin noch nicht zu Ende. Klar muß alles werden. Auch« —
wandte er sich an mich — »zwischen Ihnen und mir und ... der Erika.«
Er schwieg eine ganze Zeit, dann sprach er weiter, ruhig, ernst und
nachdenklich:
»Ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe mein ganzes Leben in
einsamer Heide zugebracht, und so habe ich nichts von der Welt und
ihrem Tun und Treiben kennengelernt. ~Hätte~ ich’s, vielleicht dächte
ich so, wie viele denken mögen über die Unzucht und Unkeuschheit.
Ich kann aber nur so darüber denken, wie ich eben denke. Und so sage
ich Ihnen denn: nie wird meine Tochter meinen väterlichen Segen dazu
erlangen, daß sie einen Mann zum Ehemann nimmt, der so wie Sie der
Vater eines unehelichen Kindes ist. Ich sage ~Ihnen~ das und sage es
~dir~, Erika. Meine Augen sehen scharf wie des Wanderfalken Augen,
wenn es sich um meine Tochter, um mein einziges Kind handelt. Und
ich habe gesehn, daß Erika Ihnen zugetan ist und Sie der Erika. Laß
mich reden, Kind,« wehrte er seine Tochter wiederum ab, »was ich
hier sage, ~muß~ gesagt werden, damit alles für alle Zeit klipp und
klar ist. Wollen Sie leugnen,« sagte er zu mir gewandt, »daß Sie sie
liebgewonnen haben, nachdem Sie erkannt haben, daß es ein keusches,
braves unverdorbenes Heidekind ist?«
»Nein, ich leugne es nicht!« rief ich, »Erika ist der gute Geist
dieses Hauses, sie ist mein guter Geist geworden, ich weiß nicht, was
aus mir werden soll, wenn ich sie für immer verliere.«
»Sie sind ein ~Mann~«, sagte der Heidkönig, »~seien~ Sie ein Mann!
Ein Mann muß stets wissen, was werden soll, und hätten Sie das früher
gewußt und bedacht, so ständen Sie jetzt keusch und in allen Ehren vor
mir, und ich würde Ihnen meine Tochter nicht weigern. Aber Sie werden
und müssen einsehn, daß ich so handeln muß, wie ich jetzt handle, und
ich denke, daß Sie mir nichts in den Weg legen?«
Ich hörte die tief verborgene Besorgnis aus seiner Stimme? O, er
wußte, daß ich in Erikas Liebe zu dem Kinde und in ihrem Mitleide mit
mir, dem Vater dieses Kindes, starke, gefährliche Bundesgenossen hatte!
Sollte ich sie brauchen? Sollte ich mich hinwerfen vor ihr, ihre
Knie umfassen und immer wieder bitten: »Bleib, du guter Geist dieses
Hauses, ach, bleibe!?«
Da tönte wieder seine Stimme.
»Geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin,« sagte er, und mir war,
als habe er in meiner Seele gelesen, »Erika wird nie einem Manne
angehören wollen, der ein Kind sein eigen nennt, zu dem er sich erst
bekennen mußte, ehe es vor den Menschen sein Kind werden konnte.
Unsere Frauen und Mädchen in der einsamen Heide denken darüber streng.
Nicht wahr, Erika?«
Ich hielt den Atem an.
Sie schwieg.
Da vertiefte sich die Furche in der Stirn des Alten. »Wie, Erika,
du schweigst? Hab’ ich dich deshalb aus dem Heidhofe hierher gehen
lassen, damit der Schmutz deine reine Seele vergiftet?«
»Ich denke ~so~, wie du denkst, Vater«, sagte die Heidkönigstochter
und sah in Scham auf das Kind in ihrem Arm herab. »Ich habe aber einer
Sterbenden mein Wort gegeben, Vater. Und ...« Sie sah ihn nun bittend
an.
»Das sollst du halten, meine Tochter«, unterbrach sie der Heidkönig.
»Das Kind darfst du mit in den Heidhof nehmen, und zwar für ein Jahr.
Dann ist es aus dem gröbsten heraus, und wir können es seinem Vater
ohne Sorge wieder zurückgeben. So hast du dein Versprechen gelöst und
bleibst trotz allem mein reines Kind der Heide.«
»Sind Sie damit einverstanden?« wandte er sich an mich.
»Ich bin’s«, erwiderte ich, denn die Hoffnung zog wie ein Lichtstrahl
in mein Herz.
»Ja, ich bin’s und danke Ihnen, daß Sie das erlauben! Was sollte sonst
werden jetzt mit mir und dem Kinde?«
»Gut, so sind wir einig. Nur mache ich zur Bedingung, daß Sie vor
Ablauf dieses Jahres Ihren Fuß nicht über die Schwelle des Heidhofes
setzen.«
Ich blickte hinüber, wo Erika mit meinem Kinde stand. Ich sah, wie sie
erblaßte, wie ihre Augen angstvoll und in voller Frauenliebe auf mir
ruhten, ich sah aber auch, daß irgend etwas in diesen braunen Augen
stand, das mir zurief: »Gehe auf diese Bedingung ein, harre aus und
hoffe!«
»Darf ich wegen des Kindes ab und zu an Ihre Tochter schreiben?«
fragte ich.
Er dachte lange nach.
»Man kann einem Vater solche Bitte nicht abschlagen,« sagte er dann;
»darf er an dich schreiben, Erika, und willst du ihm antworten?«
»Ja, Vater«, erwiderte sie.
»Nun gut, so mag’s sein«, sprach er. »Und nun wissen wir voneinander,
was wir wissen mußten, bevor ich von hier wieder abreise«, sagte er zu
mir. »Ich halte Sie trotz der schweren Verfehlungen für einen braven
Mann. Sehn Sie zu, daß Sie sich in Ihrem Kinde eine brave Tochter
erziehn, so wird das Unrecht gesühnt, daß diesem Kinde das Leben gab.
Jetzt will ich’s Ihnen auch offen sagen: es hat mich gefreut, daß Sie
sich so offen zu dem Kinde bekannt haben. Hätten Sie’s nicht getan,
so hätte ich nicht den Dank über meinen Mund gebracht dafür, daß Sie
damals Fräulein Bartel erlaubten, Erika herzunehmen. — Bis morgen
also.«
[Illustration]
Bis morgen also!
Es ist spät am Abend. Die andern schlafen, ich aber bin noch wach und
wandere ruhelos in meiner Stube auf und ab. Bis morgen also!
O, wäre ewig diese Nacht! Gäbe es doch kein Morgen! So behielte ich
sie in diesem Hause, so hätte ich wenigstens das Gefühl: sie ist noch
hier.
Sie und mein Kind.
»Eine schwere Verfehlung«, hatte der Mann gesagt. Keiner hat mir so
ruhig, so schlicht und so wahr meine Sünde vorgehalten, als dieser
Mann!
Ach, Marianne, du bist nun tot, und nun geht auch deine Schuld auf
meine Rechnung über.
Nun muß ich alles auf mich nehmen und kann nicht sagen: »Mann, sie hat
doch ~auch~ schuld. Sie hatte doch ~mehr~ schuld als ich!« — Du bist
tot: Was würde er sagen, hätte ich so von einer Toten gesprochen!
Nein, Marianne, ich werde deine Ruhe nicht stören. Aber, so es
wirklich ein Jenseits gibt, an das du doch auch immer glaubtest, so
mache ~deinen~ Teil der Schuld gut, wirf dich hin vor Gottes Thron und
flehe ihn an, daß des Heidkönigs Tochter nicht nur für dieses eine
Jahr dem Kindchen eine treue Mutter sei, sondern fürs ganze Leben.
Flehe ihn an, daß sie mein Weib wird.
So wirst du gutmachen, was du an mir gesündigt hast in deiner
Leidenschaft und Liebe zu mir. Wenn zwei eine Sünde tun, so sind doch
~beide~ Sünder!
Ach, dieser schreckliche Begriff von Sünde!
Festgeschmiedet ist die Menschheit in unheilvolle Fesseln. Nein, nein,
nicht unheilvoll!
Gibt es etwas Heiligeres als die Fesseln von Staat und Kirche, die den
Mann an ein geliebtes Weib binden?
Sie werden nur unheilvoll durch das Verschulden der Gefesselten
~selbst~.