Der Mann vor mir ~hatte~ ihre Augen und ihr rotes Haar! —

Ich bat ihn, einzutreten. Er saß mir gegenüber. Sein kühnes, kluges

Gesicht hatte ich dicht vor mir. Er spricht gewandt, benimmt sich

wie ein Fürst, versteht es, sich angenehm zu machen durch flüchtig

hingeworfene Schmeicheleien, die sicherlich bei hundert Menschen

wirken werden — und doch — er ist mir unangenehm.

Warum?

Es ist eine solche Wahnsinnsidee! Ich muß krank sein, ja, ich ~bin~

krank. Marianne macht mich fieberkrank!

Ist’s nicht Wahnsinn, daß ich bei seinen Augen an Mariannens Augen

denke? Daß ich fortwährend die Farbe seines, um die Tonsur sich

wellenden, mit wenig Grau gemischten Haares mit Mariannens rotem Haar

vergleiche?

»Wie sind Sie mit dem Mädchen, das auf meine Empfehlung in Ihr Haus

kam, zufrieden, Herr Oberförster?« fragte er mich.

Sah er mich lauernd an? Hatte er nicht ein höhnisches Lächeln auf

seinem Munde? Hat er irgend etwas gemerkt? Weiß er ... mein Himmel,

weiß er etwa ... — Ich mußte wohl länger als schicklich geschwiegen

haben auf seine Frage, denn er fragte noch einmal und sah mich

verwundert an. Nur verwundert, natürlich, nur verwundert. Denn wo kann

er denn etwas wissen!

Ich wollte ihn doch über Mariannens Herkunft ausfragen! Und nun fragt

er ~mich~ nach ihr!

»Gut, ganz gut, Herr Domherr,« sagte ich und fuhr mir über die Stirn

— sei klug und sei wahr und verrate dich nicht, liebe Seele, redete

ich mir zu, »aber ich möchte Sie heute bitten, Herr Domherr, mir doch

etwas Näheres über des Mädchens Herkunft mitzuteilen, es interessiert

mich, da sie in meinem Hause ist und ich doch gerne wissen möchte, wen

ich im Hause habe, darum ...«

»Ich will Ihnen gerne sagen, was ich weiß«, unterbrach er mich ruhig,

und nur sekundenlang fühlte ich wie eines Messers scharfe Schneide

den Blick seiner Augen in den meinen: — »Dieses Mädchen wurde an der

Klosterschwelle als soeben geborenes Kind gefunden. Wir nahmen es in

unser Waisenhaus auf. In des Kindes Windeln fand sich ein Zettel mit

folgenden Worten: Nehmt dieses Mädchen im Namen Gottes, im Namen der

heiligen Mutter Gottes auf, so wird des Herrn und der Heiligen Segen

auf euch ruhen.«

»Und wie waren die Schriftzüge?« sagte ich, um etwas zu sagen, da er

schwieg und wie traumverloren zur Erde starrte.

Er fuhr auf.

»Wie? ... Was meinen Sie?« ... rief er.

Ich war ganz verblüfft über seine plötzliche Aufgeregtheit.

»Aber ich bitte Sie, Hochwürden«, sagte ich.

»Ach so, ... so, ... bitte, bitte ... Sie meinen die Schriftzüge?«

wiederholte er meine Frage und fuhr sich mit seiner schmalen Hand —

wo habe ich denn bloß solche Hand schon gesehen? durchfuhr’s mich —

über die Stirn. »Die Schriftzüge? ... Eines Weibes Handschrift war’s,

... wohl von der unbekannten Mutter dieses Mädchens ..., es ist lange

her ... man vergißt es ..., aber auch ~Sie~, mein Herr Oberförster,

tun ein gutes Werk, wenn Sie das elternlose Geschöpf in Ihrem Hause

behalten und ...«

»Ja, ja«, unterbrach ich ihn rasch, — ich hatte förmlich Angst, er

könnte sagen: »und es vor allem bewahren«.

Aber ~sie~ war es doch gewesen, ~sie~ hat jede Schranke durchbrochen,

~sie~ hat mich dazu gebracht! ~Ich~ habe mich gewehrt wie ein

Verzweifelter, immer, immer — gegen mich und mein eigenes Fleisch und

Blut habe ich mich gewehrt, übermenschlich, wie ein Ertrinkender sich

gegen die Wogen wehrt, bis er zuletzt doch ertrinkt, nein, trinkt,

trinkt, trinkt von dieser höchsten Lust und Wonne, aus dem Becher

dieses süßen, süßen Giftes!

»Ich wundere mich, Hochwürden, daß Sie Marianne in das Haus eines

evangelischen Hausherrn ziehen ließen«, sagte ich.

»Aber warum denn ~nicht~, Herr Oberförster, warum ~nicht~?« meinte

er lächelnd. »Ich wußte doch, daß Ihre Wirtin, Fräulein Bartel,

katholisch ist, daß Ihre Mutter selbst, mein Herr Oberförster,

Katholikin ist, ja, daß Sie selbst katholisch getauft sind, also

gehören Sie doch ~auch~ etwas ~uns~ an, sind ...«

»Ich bin ein Protestant, Hochwürden«, unterbrach ich ihn kurz und

scharf.

»Nun, nun, es war nicht schlimm gemeint«, sagte er mit derselben

Freundlichkeit. Bloß seine Augen sah ich einen Augenblick schillern.

Als er ging, wiederholte sich das Schauspiel des Handkusses und der

Segenspendung. Marianne kniete vor ihm nieder.

»Du warst lange nicht zur Beichte, Marianne«, sagte er, während er das

Zeichen des Kreuzes über sie machte.

Sie zuckte zusammen. Unmerklich. Aber er hatte es gesehen. Seine

tiefen, forschenden, dunklen Augen flammten auf.

»Du wirst zur Beichte kommen, mein Kind, nicht wahr?« Es klang sehr

ruhig, sehr gütig, aber es klang wie ein Befehl.

»Ja«, sagte Marianne gehorsam.

[Illustration]

»Dieser Mann hat große Gewalt über die Herzen der Menschen«, dachte

ich, als ich allein war. Wenn Marianne zur Beichte geht und ~alles~

beichtet, was wird sein?

Und dann rief ich mir die soeben mit ihm geführten Gespräche ins

Gedächtnis zurück.

Wie fein versteht er es, Schlingen zu legen. Er weiß natürlich ganz

genau, daß ich kein Kirchgänger bin. Daß ich im Walde immer am

besten die allwaltende Gottheit finde. Und nun sollte ich gar ein

ganz ansehnliches Häuflein von Heiligen und bestickten Fürsprechern

zwischen der Gottheit und mir haben? ... Ich mußte lachen. Nein, nein,

das wäre nun schon ~gar nichts~ für mich einfachen Sohn des Waldes!

Lieber sollt ~ihr~, meine lieben Bäume, Fürsprecher für mich sein!

Rauscht meine Gebete mit eurer grünen Blätterpracht dem lieben

Herrgott zu, erzählt ihm von dem Jägerlein, das an den Eichenstamm

sich lehnt mit aller seiner Sünde, all seiner Herzenseinfalt ~trotz~

aller Sünde, rauscht bittend dem lieben Gott ins Ohr: »Herr, geh’

nicht ins Gericht mit ihm, er ist ein ganz passabler Kerl und uns

viel lieber als mancher, der in der Kirche zu dir singt, schau ihn

dir an in seinem grünen Röcklein, lieber Gott, guck’ auch mal ~unter~

dieses grüne Röcklein, wo sein Herz sitzt, gönn’ ihm ein stilles

Plätzchen später mal zur ewigen Ruhe unter seinen Bäumen, dann wird er

schlafen dort gleich einem Dachs so schön und fest.« — Bin sonst nicht

neidisch: aber den Dachs beneide ich um seinen festen Winterschlaf.

Dächslein, komm in meine Kauzburg und bring’ mir deinen Schlaf mit.

Ich hab’ den ruhigen Schlaf verloren. Aber auch ~du~ würdest ihn

verlieren, sähest du dies rote fließende Goldhaar; oh, mein Dächslein,

mein liebes Dächslein, zu deinem Besten rate ich dir: bleib draußen im

Walde in deinem Bau! — — — —

Marianne kommt in die Stube und wischt Staub.

»Marianne,« sagte ich leise und trete an sie heran, »wirst du beichten

gehn? Wirst du ~alles~ beichten? Du ~kannst~ doch nicht alles

beichten, Marianne.«

»Hast du Furcht?« fragte sie und lacht, daß ihre Zähne blitzen. Und

umschlingt mich mit ihrem linken Arm und fährt mit dem rechten über

die Politur des Schränkchens. »Sieh, wie fein das nun blitzt und wie

sauber«, meinte sie, und drückte sich an mich wie eine Katze mit

weichem Katzenfell.

»Beichte, was du willst!« stoße ich hervor. »Aber bleib ~mein~!« — — —

— — — —

[Illustration]

Jetzt kenne ich den nächtlichen Spuk in meiner Kauzburg!

Daß ich nicht eher auf den so naheliegenden Gedanken kam! Seit

jenem Abend auf dem vollmondhellen Felde hinter dem Kirchhof an

der Gartenmauer meiner Kauzburg hätte ich wissen müssen, was zur

Vollmondzeit so ruhelos durch all die hohen Ordensräume dieses Hauses

schleicht. Armes Kind der Straße! Arme Marianne!

Ja, sie ist’s. Sie ist der ruhelose Geist der Kauzburg. Sie wird

von dem schlimmen Gesellen dort oben am nächtlichen Himmel mit

magnetischer Gewalt heraufgezogen, als wollte er damit sagen: »Seht,

sie ist nicht von eurem Fleisch und Bein, ihr Menschen habt sie

grausam ausgesetzt als kaum geborenes Wesen, nun will sie fort von

euch, nun sehnt sie traumverloren sich nach einer anderen Welt, nun

sucht sie ruhelos die andere Welt und kann sie nicht finden, und ich,

ich habe nicht so große Macht, um sie ganz an mich zu ziehen und aus

dem schweren Bannkreis eurer Erde sanft emporzuheben.«

Marianne, welch unendliches Mitleid krampfte mein Herz zusammen, als

ich dich langsam dahinschwebend am hohen Gesims der Kauzburg erblickte!

Ich hatte wach gelegen in dieser köstlich klaren, silberflüssigen

Vollmondnacht.

Zum Fenster schaute ich heraus und sah, wie’s silbern floß und strömte

um Baum und Strauch, um Feld und Wald, um Wiese und Rain.

Da kam es leise, ganz leise an der Tür vorbei, unhörbar fast, ich

ahnte es mehr, als daß ich etwas hörte. Wie ein seidenes, weiches,

ganz weiches Streifen und Rieseln, wie ein Seufzen, wie ein feines,

ganz feines und weiches Lachen. Es griff mir ans Herz, ich wußte nicht

warum, ich fühlte, wie meine Pulse klopften, wie sich’s schmerzhaft

zusammenzog in mir.

Von draußen zogen die Silberwellen des Vollmondlichtes durchs

offenstehende Fenster zu mir herein, auch fein und weich und leise.

Ein Fenster hörte ich klirren.

Da raffte ich mich auf und öffnete sachte die Tür nach der Halle.

Niemand zu sehn. Ich schlich den weiten, hohen Hallengang hinab, da

stand das Bogenfenster auf.

Ich beugte mich hinaus und schrak jäh und furchtbar zusammen.

»Marianne!« wollte ich schreien, aber gottlob erstickte ich noch den

Schrei.

Nur wie ein Ächzen kam’s über meine Lippen: »Marianne« ... Ja, da

schwebte ihre gertenhaft schlanke Pagengestalt hoch auf dem Rande

des Dachgesimses hin. Tief unter ihr, ganz tief und drohend ging’s

hinunter auf den felsgezackten Mauerrand. Ein einziger, kleiner

Fehltritt in ihrer grausigen Höh’, ein Stocken des Fußes, ein Zögern,

ein Nachlassen ihres Schlafzustandes, ein Aufwachen, ein Erwachen —

und zerschmettert lag sie da unten! Zerschmettert dieser herrliche

Mädchenleib, der für mich, ganz allein für mich in all seiner

berauschenden Schönheit blühte.

So ging sie sicher wie auf der breiten Straße unten im Tal auf ihrem

schwindelnden, schmalen Wege, ihr weißes Nachtgewand leuchtete wie ein

milchfarbenes Strahlenkleid, ihre Haarpracht schien Funken nach dem

silberglänzenden Licht, das sie in diese einsame Höhe emporgezogen

hatte, zu senden, und ich hier am Fenster, ich zitterte davor, daß sie

jemand anrufen und aus dem tiefen Geisterschlaf plötzlich aufwecken

könnte.

Wie kommt es, daß man in solchen Augenblicken zum alten Gott

zurückkehrt?

Daß man bei ihm und keinem anderen um Bewahrung, Schutz und Schirm

bittet?

Da schwöre ich nun auf mein Erdgeborensein, auf mein Erdenleben und

mein Erdensterben, da juble ich nun in den Wald hinaus: »Ich bin von

Erde und will wieder zu Erde werden, ich habe meinen Himmel auf der

Erde und sonst nirgendswo.«

Und heute, jetzt in dieser Nachtstunde, wo ich um jenes Leben

zittere, das wie gelöst von jedem irdischen Leben, umspült,

umschmeichelt von dem bleichen Mond, den Weg des Todes geht, heute

halte ich die Hände, wie’s der einstige Forstbub tat, und bete:

»Herrgott, der du über uns in Herrlichkeit und Macht und Güte thronst

.. Herrgott, himmlischer Vater, laß sie zurückkehren in meinen Arm von

ihrer furchtbaren Wanderung.«

Hatte mich Gott erhört? Gibt’s wirklich einen persönlichen Gott, der

auf Worte eines einzigen Wesens unter Millionen anderer Wesen hört?

Der milde und freundlich lächelnd wie ein guter Vater sich neigt und

spricht: »Dein Glaube hat dir geholfen?«

Denn siehe: Sie wandte sich um, sie drehte sich auf dem äußersten,

letzten Stein der Dachrinne, die über die Tiefe schwebte, um, sie hob

die Hände und schlang sie hinter dem feuersprühenden Haar zusammen

und schritt, das bleiche Gesicht wie in Sehnsucht gegen den Glanz des

Mondes erhoben, denselben Todesweg, den sie gegangen war, zurück.

Immer näher kam sie, immer näher. Oh, nur noch ein paar Schritte, nur

noch einen Schritt ... schon beugt sie sich in das Fenster hinein,

von dessen Öffnung ich zurückgetreten war, schon will sie durch die

Öffnung zurückschlüpfen in die sichere Halle, ... da wird drüben ein

Fenster aufgerissen, eine gellende Stimme ruft: »Marianne! Um Gottes

willen, Marianne ...!«

Sie zuckt zusammen, ihre Augen öffnen sich, ihr straff aufgerichteter,

schlanker Körper knickt ein, als ob die Macht, die ihn hielt, von ihr

genommen sei, aber schon bin ich vorgesprungen, schon hab’ ich sie

erfaßt, umschlungen, reiße sie in die Fensteröffnung hinein, reiße sie

~an~ mich, werfe mich zurück vor dem Sturz hinab auf die Steinmauer

tief unten, ... gerettet ... Gott, ich danke dir, gerettet!

Marianne lag ohnmächtig an meiner Brust. Fräulein Bartel kam den Gang

heraufgestürzt mit fliegenden Gewändern und wie wahnsinnig schreiend:

»Marianne, Marianne, Marianne!« »Ja, Marianne,« fuhr ich sie an,

»danken Sie Ihrem Herrgott, daß Sie nicht ihre Mörderin geworden sind,

Fräulein Bartel!«

»Ich? ... ihre Mörderin?« ... stotterte sie entsetzt.

»Ja, wissen Sie denn nicht, daß man Mondsüchtige nicht wecken, nicht

erschrecken darf?«

»Marianne? ... Mondsüchtig?«

Ganz fassungslos vor Schreck war sie. Und das versöhnte mich mit ihrer

Dummheit. —

Wir trugen Marianne auf ihr Zimmer und legten sie auf ihr Bett.

Sie erholte sich bald von ihrer Ohnmacht. Wußte sich auf nichts zu

besinnen.

Wir sagten ihr nichts.

In Vollmondnächten wird aber seitdem — ohne daß sie es weiß — ihre

Stubentür verschlossen. Vor ihrem Fenster ist ein Gitter.

Auch vor einigen der anderen Fenster. Dafür ist’s doch auch eine alte

Ordensburg.

[Illustration]

Tiefer Schnee deckt den Boden.

Dem Landmann ist’s lieb, daß die Schneedecke seine Saaten schützt,

und daß die Erde genügend Feuchtigkeit fürs Frühjahr durch die

Schneeschmelze erhält.

Noch ist das Frühjahr fern.

Noch denkt der Schnee nicht ans Schmelzen.

Noch sitzt er wie ein guter, mottenfreier Pelz auf der Erde. Auf

den Zweigen der Bäume liegt er wie eine hohe Schicht Streusel auf

schlesischem Streuselkuchen. Im Schlitten — ohne Schellengeläut —

fahre ich durch den Wald. Durch meinen Bergwald, den ich so liebe.

Über die Gebirgsbrücke hinüber. Aber der sonst so munter sprudelnde

kleine Fluß liegt im Dornröschenschlaf. Unterm Eise, vom Froste

eingeschläfert. Auf den holden Knaben, den Frühling, wartet das

Flüßchen. Der wird es mit rotknospendem Zweig berühren, mit Jauchzen

stromauf springen und überall sein holdes Antlitz zeigen, dann wird

mit Geknatter und Gekrach das Eis bersten, das Flüßchen wird anfangen

zu fließen, erst ganz verschämt und zagend, aber nicht lange wird’s

dauern, da haben wir das ganze muntere Plaudern und Plätschern wieder.

So schlafe denn wohl, du lieber Talfluß du!

Der Knabe Frühling wird dich wecken.

Am tiefsten still ist der Winterwald. Der hohe Schneeanhang am grünen

Nadelzweig, am trocknen vom Herbst her an den Ästen verbliebenen Laub,

— das hohe Schneepolster, das selbst auf kahlen Laubbaumzweigen liegt,

die weiche Schneedecke, die Waldwege, Waldstege wie eine Daunendecke

verhüllt, das alles macht stiller noch den sonst schon stillen Wald.

Auch die Singvögel singen nicht.

Sie weilen in wärmeren Landen und — blieben sie hier — so piepen sie

höchstens, wenn sie hungern, doch sie singen nicht.

Ich liebe den Winterwald. Fast mehr als den sommergrünen. Der

Winterwald spricht so deutlich von Ruhe. Von Ruhe und Schweigen. Und

Schlaf im Walde für ewig.

So rein sieht alles aus, so weiß, so grün darunter, wie frische Jugend

im Hermelinpelz. Hier scharrte ein Füchslein im Schnee, ich sehe seine

Spur. Dort ist ein Reh getrollt, hier hoppelte ein Hase, halt da ...

und ~hier~? Ein Wildschwein war’s, das ritterlichste Wild des Waldes.

Der Fährtenfinder Schnee verrät das alles. Er ist des Waldes Papier,

auf dessen Weiße alles schreibt, was durch den Wald schnürt, hoppelt

oder trollt.

Spät am Abend erst kam ich in die Kauzburg zurück. Es war so spät

geworden, daß ich mich wunderte, Fräulein Bartel noch aufzufinden. Ich

hatte ein für allemal angeordnet, daß sie mir mein Abendbrot in meine

Wohnstube hinstellen und zu Bett gehn sollte, wenn ich erst nach zehn

Uhr aus dem Walde heimkehrte.

Ich liebe es dann, den Abend allein für mich zu verbringen. Denn der

Waldfrieden, die Waldluft, des Waldes stille Schönheit hängen mir

an solchen Abenden noch in den Gliedern, es stört mich, wenn mir

dann irgendein Alltagsmensch Tagesklatsch und kleine Tagessorgen

vorplappert. Aber an solchen Abenden hatte Marianne immer am ehesten

Gewalt über mich. Sie, mit ihrer Waldnixenschönheit, mit ihrem weißen

Gesicht, aus denen wie zwei dürstende rote Brombeeren die Lippen

leuchten, mit ihren Rätselaugen, die geheimnisvoll sind wie das

nächtliche Walddunkel, mit ihrer roten, goldigen, sprühenden Haarflut,

ja, sie paßt zu dieser Stimmung, die ich an solchen Abenden mit heim

bringe. Oder sie löst vielmehr diese Stimmung in glühende Akkorde

auf. Was ich im tagtäglichen Leben nicht finde, glaube ich im Walde

und in der trunkenmachenden, liebeglühenden Schönheit Mariannens zu

finden. Eine Krankheit ist’s. Eine Krankheit der Seele. Ich glaubte

sie zu heilen, indem ich wie ein Kranker nach Betäubungsmitteln griff.

Es war mir daher direkt unangenehm, als mir heute am späten Abend

Fräulein Bartel oben in der Flurhalle entgegenkam. Verlegen, wie ich

sofort merkte. »Ach, gewiß irgendeine in ihren Augen große, in meinen

Augen kleine wirtschaftliche Sorge!« seufzte ich.

»Nun, Fräulein Bartel, noch auf?« fragte ich ziemlich unwirsch.

»Ach, Herr Oberförster, sie ist heute gekommen«, sagte sie und sah

mich ängstlich an.

»~Wer~ ist gekommen?« fragte ich.

»Nun, die Erika aus der Heide, Herr Oberförster.« Ich fing an, an

Fräulein Bartels Verstand zu zweifeln. »Erika aus der Heide, Fräulein

Bartel?« wiederholte ich maßlos verblüfft. »Ja, ich habe Herrn

Oberförster doch aber gesagt, und Herr Oberförster hatten doch nichts

dagegen«, meinte sie, ein wenig empfindlich.

»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen, mein liebes Fräulein

Bartel, und sagen Sie mir endlich klar und deutlich, wer gekommen

ist, was der Wer hier will, und zu welchem Wer ich meine Erlaubnis

gegeben habe.«

»Des Heidkönigs Tochter ist gekommen«, sagte sie.

»Ah!« ... nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen! Das hatte ich

längst, längst vergessen!

Ja, richtig, Fräulein Bartel hatte mich einmal gefragt, ob des

Heidkönigs — eines Lüneburgers Großgrundbesitzers — Tochter für einige

Zeit, solange der Vater im Auslande weilte, unter ihre Fittiche

kriechen dürfe.

Und nun war die Heidkönigstochter da. Wirklich da! ... Nun hatte

ich’s! Nun mußte ich mich drein finden. Drein finden, daß ein fremder

Mensch mir meine Hausruhe stören würde. Meine Hausruhe? ... Lieber

Gott im Himmel, Hausruhe hatte ich nicht mehr. Damals, ja damals, als

mich Fräulein Bartel fragte, hatte ich noch Hausruhe gehabt. Jetzt war

Leidenschaft und heimliche Sünde im Hause. Mein Herz war durchwühlt,

ein anderer war ich geworden.

Am liebsten würd’ ich die Heidkönigstochter gleich morgen wieder

einpacken und in ihre Heide zurückschicken ... Einen Beobachter im

Hause? Bis jetzt war nur Fräulein Bartel hier oben in meinen Räumen.

Die merkte und sah nichts von dem, was im geheimen hier geschah.

Merkte und sah es nicht, daß Marianne und mich die Sünde

zusammenhielt, daß Marianne wie ein schöner Dämon diese Räume und den

Herrn dieser Räume beherrschte.

Aber von jetzt ab dieses fremde Menschenkind.

»Wie ist sie denn?« fragte ich mechanisch, denn ich merkte, daß

Fräulein Bartel noch vor mir stand und mich ganz verwundert,

ordentlich erschrocken ansah.

»O, ein liebes, stilles Mädel ist’s, Herr Oberförster.«

»Ein liebes, stilles Mädel«, wiederholte ich ihre Worte. Weshalb

bewegten mich diese Worte so? War das nicht ein Traum, den ich immer

geträumt hatte? Ein liebes, stilles Mädel! ... Fort, fort ihr dummen

Forstbubengedanken! Vorbei, für alle Zeit vorbei ... »Ist gut,

Fräulein Bartel, gute Nacht«, sagte ich und fühlte mich auf einmal so

müde, ach, so müde.

»Wo ist denn Marianne? Was sagt ~sie~ denn dazu, ich meine, zu dem

neuen Bewohner, hm?« fragte ich noch nebenbei, und es war mir doch die

wichtigste Frage, die ich tat.

»Ach, Marianne, Herr Oberförster, aus ~der~ kann man nicht klug

werden. Sie war ja ganz freundlich zuerst, aber dann verschwand sie

gleich in ihrer Stube, ohne gut’ Nacht und so wie ein Geist.«

Lange blieb ich heute abend noch auf.

Also in meiner Kauzburg ist eine Königstochter.

Eine Heidkönigstochter. Gekommen aus einsamer, weiter Heide, wo die

Menschen weit voneinander entfernt wohnen in ihren in der weiten Heide

verstreut liegenden Gehöften.

Nun, es ist anzunehmen, daß dieses Heidkind wenig zu merken sein wird

und selbst ebensowenig wie Fräulein Bartel irgend etwas von dem merken

wird, was hier in meiner Kauzburg das Licht der Sonne scheuen muß. Die

Königstochter ist gekommen, ist da und wird wieder verschwinden. Ich

werde gar nicht wissen, daß sie wieder von der Bildfläche verschwunden

ist.

Aus ~meiner~ Bildfläche.

Was kümmern mich Königstöchter! Mögen sie Töchter wirklicher Könige

oder nur Töchter von Heidkönigen sein! Aber es ~gibt~ gar keine

Heidkönige, sondern nur diesen einen einzigen Heidkönig auf der ganzen

Erde. In seiner Art ist also der Mann ~mehr~ König als all die anderen

Könige.

Am nächsten Morgen begegnete ich der Heidkönigstochter in der

Flurhalle. Ich begrüßte sie freundlich und war gleich von ihrem

einfachen, schlichten Wesen sehr eingenommen.

Sie ist ein hübsches Mädchen, hat braunes Haar und braune Augen. Eine

Welt von Güte und Treue strahlt aus diesen Augen.

Sie würde zwischen anderen Mädchen sicher nicht auffallen. Aber allein

besticht sie durch eine eigenartige Lieblichkeit.

Sie ist wirklich eine Erika. Eine schlichte Heideblüte. Die erblüht

ist im einsamen Heidhof auf einsamer, weiter Heide. Nun, mein liebes

Heidekind, möchtest du, wenn du von hier wieder fortgehst, eine

freundliche Erinnerung an die Kauzburg mit hinausnehmen in deine

braune Heide!

[Illustration]

Du würdest Augen machen, glühende Kauzaugen, mein schlesisches

Waldkäuzlein, wenn du die beiden Mädchen in meiner Kauzburg sehn

würdest.

Marianne, dieses zauberschöne, schlanke, hochragende,

leidenschaftliche Geschöpf, mit seinen schwarzen Rätselaugen, mit

seinem feuerflammenden Gluthaar, und neben ihr Erika, die keusche,

treue, liebliche, schlichte Blume der Heide. Ich kann nicht recht

dahinterkommen, wie diese beiden Gegensätze miteinander stehen.

Man sagt ja, Gegensätze ziehen sich an. Nun, ~dann~ müßten die zwei

sich anziehen wie zwei Magnete, die im Weltall kreisen.

Wie sonderbar, ich komme mir vor wie der Forstbub im schlesischen

Wald. Und doch ist die schöne Forstbubenzeit im heimatlichen Wald

so lange schon vorbei. Aber Erika ist’s, das Heidekind! Das hat mir

gestern so viel erzählt vom stillen Wald in der Heide. Wie sie als

Kind sich dort verlaufen hat und Blumen pflückte, die gepflückten

fortwarf und wieder pflückte und gar nicht merkte, wie der Abend kam.

So recht nach Waldkinds Art. Und wie sie nirgends lieber hinlief

als in den Heidwald. Und wieder und wieder sich dort verlief, bis

die Hirten sie fanden. Die wurden aufmerksam durch das Geblök der

Heidschnucken, die sie durch den Waldbusch nach Hause trieben. Die

meldeten das Kind und blieben stehn, blökten und rupften die Blumen

aus ihren kleinen Händen.

Und nie ist dem Kinde im Heidwald etwas passiert. Der Heidwald schützt

die kleine, aufblühende Heidblume. Die nun in stiller Anmut erblüht

ist und unterm Dache meiner Kauzburg ist.

Zwei Blumen blühen in meiner Burg.

Eine rote, wilde Rose mit holdem und doch betäubendem Duft, mit Dornen

auch, die keiner Rose fehlen; eine Heidblume, Erika, eine liebliche,

stille Blume mit zartem Duft, eine Blume, die treu der einsamen Heide

bleibt und treu ausharrend ist in ihrem stillen Blühen. Nun ist sie

schon ein paar Wochen hier, wie doch die Zeit vergeht.

Wie ein Hauch des Friedens geht es durch die Kauzburg. Draußen liegt

tiefer Schnee, es ist Winter. In meiner Kauzburg ist’s sommerschön.

Marianne ist sehr wechselvoll in ihren Stimmungen. Viel ~mehr~ noch

als früher.

Ach, wie oft reißt sie den Frieden, in dem ich nun lebe, mit ihrer

Leidenschaft ein!

Und immer wieder unterliege ich ihrem Reiz und schlag’ mir den Frieden

um die Ohren.

Heute liegt sie zu Bett. Sie klagt über Kopfweh und Übelkeit. Ein

schrecklicher Gedanke kam mir. Um Gott, bloß ~das~ nicht. Das würde

mich unrettbar an sie ketten. Aber meine Angst ist grundlos; sie

lachte mich aus, als ich fragte, was ihr fehle. Sofort hat sie meine

Gedanken mir von der Stirn gelesen. Gott sei Dank, es ist nichts!

— Zum erstenmal saß ich des Abends mit Erika allein an dem großen

Tisch in meiner Stube; die Hängelampe warf ihren hellen Schein auf

die Tischplatte und ihr dämmeriges, dunkleres Licht ringsum auf

die gewaltigen Hirschgeweihe, die gut geperlten Rehkronen, den

Elchkopf mit seinen mächtigen Schaufeln, die beiden Wildschweinkämpfe

urgewaltiger Rassen, und das Heidekind, das seine Heide und sein

heimatliches, einsames Heidehaus verlassen hatte, erzählte mir von

seiner Heimat, der Heide.

Ich hörte staunend zu. Mir wurde bewußt, wie gerade die einfachsten

Landschaftsmotive Bilder von unvergleichlicher Kraft und Schönheit

geben können. Während dieses treue, schlichte Heidekind von seiner

geliebten Heimat in treuen, schlichten Worten sprach, aus denen man

wie eine zarte Blume die Herzenssehnsucht nach der Heide herausfühlte,

erstand vor mir die Heide, die weite blühende Heide.

Ich sah sie blühn in ihrem eigenartigen Braun und Lila der holden

Waldblume Erika, ich sah auf dieser einsam weiten braunvioletten

Heide die weiße Birke mit ihren hellgrünen zarten Blättern stehn,

jungfräulich in der jungfräulichen Heide, ich sah das dunkle Moor

mit seinem grauschwellenden Polster, mit seinen silbern schimmernden

Wollgrasbüscheln, die roten Doldentrauben der Eberesche, an denen die

Krammetsvögel picken und sich schon früh beim ersten Sonnenglühen dort

sammeln, ich sah dies schöne, ernste, wunderbare Sonnenglühen über die

Heide seine goldigrote feine Farbe legen, ich sah die Wasserflächen

einsamer Teiche unter dem goldigen, wärmenden Glanz der Morgensonne

aus ihrer Schwermut freundlich erschimmern, die hohen Wacholderbäume

wie hohe Lorbeerbäume von frohem Morgenglanz durchleuchtet, am

Horizont den dunklen Saum eines Waldgebüsches sich abheben, ich sah

die ganze ungeahnte Farbenglut wie Purpur aus dem Horizont sich heben,

immer weiter und weiter ihren roten Purpur verstrahlend, sah, wie die

Sonne stieg und stieg und nun dies verträumte Flimmern und Glänzen und

Zittern begann, das Nähe und Ferne in seine Märchenstimmung zieht und

allen Farben unsagbare Feinheit und Zartheit verleiht, und nun sah ich

den einsamen Hof, das einsame Heidehaus, das seine Heidblume Erika an

uns hier abgegeben hatte.

Ein Eichenwäldchen umgibt schützend und schirmend den einsamen Heidhof.

Von mächtiger Bauart ist das Herrenhaus mit seinem tiefhangenden

Strohdach, zwei Pferdeköpfe auf den Giebelseiten scheinen den

Fremdling begrüßen zu wollen mit lautem, tönendem Wiehern, über dem

Eingang ins Herrenhaus ein urgermanischer Spruch, er soll die bösen

Geister bannen und ihren Fluch abwehren; rings um das Herrenhaus

die holzgebauten Gehöfte, die Ställe, die Scheunen, der Speicher,

das Backhaus, unweit davon die Katen der Arbeiter, und als des

Hofes Wichtigstes der Steinbrunnen mit seinem gewaltigen, am nahen

Eichbaum hochgehangenen Brunnenschwengel. So ruht der Heidhof im

Flimmern stiller, träumender Mittagsonne; die Heidschnucken sind um

den Steinbrunnen gelagert, umschlossen das ganze Idyll von einem Wall

von Findlingssteinen im Osten und sonst von kunstvoll geflochtenem

Palisadenzaun.

»Fern von der Welt«, sagte ich, als sie schwieg.

»Ja, fern von der Welt«, wiederholte Erika träumerisch und mit einem

ungemein glücklichen, kindlichen Ausdruck in ihrem Gesicht.

»Mein Vater meinte, daß man fern von der Welt, auf dem einsamen

Heidhofe am glücklichsten lebe!«

»Recht hat Ihr Vater, und nun ist er ~doch~ in die Welt hinaus, sogar

in die weite Welt übers weite Meer!«

»Weil er ~mußte~«, sagte sie ernst, »es ist ihm bitter schwer

geworden, seinen Heidhof zu verlassen.«

»Seinen Heidhof, mehr noch seine Heidblume Erika«, sagte ich lächelnd.

»Ja, uns beide«, meinte sie ohne Ziererei, während ein freundliches

Lächeln ihr ernstes Gesicht erhellte.

»Der Heidkönig hat seine Tochter, die Heideprinzessin, unter den

Schutz meines Daches gegeben«, scherzte ich.

»Ach, wer hat das verraten?« fragte sie mit dem ihr eigentümlichen, so

wundervoll melodisch klingenden Lachen.

»Ja, es ist richtig, man nennt meinen Vater den Heidkönig und mich die

Heidkönigstochter; wohl weil von alters her unsere Eltern und Ureltern

auf diesem Binnenheidhof sitzen und wir den größten Eigenbesitz in der

Heide haben.«

»Ein kleines Fürstentum ... nun, wenigstens ein Grafentum, ja, ja!«

rief ich.

»Aber von dem Grafentum sind nur vierhundert Morgen unter dem Pfluge,«

sagte sie lachend, »alles übrige ist Wald, Heide, Moor und Bruchland.

Hei und Holt sin dem Buren sin Stolt!«

»Nun, Heide und Holz sind nicht nur des Bauern Stolz, Fräulein Erika.

Auch wir Grünröcke sind stolz auf unser Holz!«

»Haben Sie schönen Wald?« fragte sie.

»Morgen nehme ich Sie mit in den Wald, Fräulein Erika. Ich muß hinaus

in einige Holzschläge, und da sollen Sie den schönsten Bergwald, den

es gibt, in weißem Schneeglanz sehn.«

»Gerne fahre ich mit und freue mich sehr darauf. Werd’ ich auch Heide,

weite, weite Heide sehn?«

»Nein, weite Heide nicht. Nicht solche Heide, wie Ihre Heimatheide

ist, holde Heidkönigstochter. Die gibt es hier nicht; ich wünschte,

ich könnte sie Ihnen herzaubern.«

Einen Augenblick zog sich betrübt ihre Stirn zusammen und sie blickte

auf das vor ihr liegende Heidebild, das sie mitgebracht hatte, herab.

Gleich darauf schaute sie aber auf und blickte mir freundlich und

schelmisch in die Augen.

»So werde ich denken, daß hinter dem schönen Bergwald, in dem wir im

Schlitten fahren werden, die weite Heide liegt, und daß ich sie bloß

des Waldes wegen nicht sehen kann«, sagte sie.

»So ist es brav und hübsch von Ihnen, Heideprinzessin. Sie werden ja

wieder zurückkehren in Ihre einsame, schöne Heide, und ich muß hier

bleiben, wo ich bin.«

Ich weiß nicht, ob in meinem Ton, mit dem ich das sagte, etwas

Zerrissenes, Trübes lag. Denn sie sah mich einige Sekunden ernst und

prüfend an.

»Hier ist es doch ~auch~ schön und einsam. Wenigstens können Sie doch

so viel Einsamkeit haben, wie Sie wollen, nicht?« fragte sie dann.

»Ich möchte Einsamkeit und Ruhe haben, ja«, stieß ich unwillkürlich

hervor.

Ach, dieses unverdorbene Heidekind mit seinen unschuldigen Augen, die

schelmisch und träumerisch, lieb und gut blickten, ahnte ja nicht,

was in mir vorging! — Ahnte ja nichts von der Sünde, die durch dieses

Hauses Räume schlich, ahnte nichts von dem Zauberbann, unter dem ich

mich krümmte und wand, ahnte nichts von den roten Haarfesseln, die

mich umschlungen und fester hielten als Eisenketten.

»Erzählen Sie mir doch noch von Ihrer Heide, bitte, bitte, liebe

Heidkönigstochter, ich werde so ruhig und still dabei, wie der

Forstbub es wurde, wenn ihm die Mutter Märchen erzählte.«

Wieder traf mich ihr ruhig-ernster und prüfender Blick.

»Was sind denn zum Beispiel die Lieblingsgerichte der Heideleute,

hm?« fragte ich scherzend. Nun machte die Heidkönigstochter zwei

Schelmenaugen.

»To hungern brukt hi keen, so heißt es bei uns in der Heide!« sagte

sie fröhlich.

»Unsere Lieblingsgerichte wollen Sie wissen? Ei, so muß ich mit dem

Buchweizenpfannkuchen beginnen. Den ißt der Heidjer am liebsten. Auch

ich als Heidjerin. Aber auch Buchweizengrütze und Buchweizenklöße,

dann Erbsen und Kohl wie der Hase draußen, der sich sein Teil davon

zu holen weiß, Bratbirnen und Speck und Quetschkartoffeln mit

Buttermilch, ja, ja, to hungern brukt hi keen!«

»Weiß Gott!« rief ich laut lachend, so laut und froh wie seit langem

nicht, »to hungern brukt dort keen!« ... »Eins haben Sie noch

vergessen, Heidetochter, ... den Heidschnuckenbraten!«

»Schnuckenbraten gibt es nur am Sonntag«, meinte sie, »und wenn eine

Hochzeit gefeiert wird.«

»Haben Sie besondere Hochzeitsbräuche in der Heide«, fragte ich.

»O ja, noch den Brauch des Brautheischers«, erwiderte sie.

»Wie ist denn das, Fräulein Erika?«

»Nun, der Brautheischer tritt in die Diele des Brauthauses, schlägt

mit einem langen, mit Heideblüten bekränzten Stabe an den Dössel

des Tores und heischt feierlich dreimal die Braut, und ist sie ihm

überliefert, so zerbricht er den Stab und wirft die Stücke in das

flammende Feuer des Fletts.«

»Des Fletts?« fragte ich.

Sie sagte: »Das ist der ebenerdige Raum, in dessen Mitte die

Feuerstelle mit Feldsteinen ummauert sich befindet. Ein wichtiger

Platz, denn an ihm werden Knecht und Magd gedungen und gekündigt, von

ihm aus tritt die Heidetochter den Weg an in das Haus des auserwählten

Ehemannes.«

»Wie feierlich und ernst löst sich das Kind der Heide doch vom

Herdsitz seiner Väter!« sagte ich lächelnd.

Sie sah mich verwundert an.

»Es ~ist~ doch auch feierlich und ernst, wenn die Tochter den Hof der

Eltern verläßt, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen und seine Hausfrau

zu werden.«

»Und wenn die Eltern dagegen sind? Nicht wollen, daß ihre Tochter

seine Hausfrau wird? Fliegt dann nicht das Töchterlein manchmal dem

Vöglein gleich heimlich ins Freie? Hinaus aus dem Herdsitz der Väter?

Hinüber zum Heidhof des Geliebten?« scherzte ich.

Ich vergaß, daß ein reines Heidekind mir gegenübersaß; vergaß, daß nie

der Saum ihres Kleides etwas Sündhaftes berührt hatte, vergaß, ach ich

vergaß, daß ich, ich nicht mehr den Saum ihres Kleides berühren durfte.

Sie gab keine Antwort. Nur wie in schmerzlicher Trauer und Scham

senkte sie den Kopf und blickte von mir fort, zum Fenster, durch das

der weiße Schnee unterm Mondglanz hineinblickte.

»Sei’n Sie mir nicht böse, ich ~bitte~ Sie, sei’n Sie mir nicht böse!«

sagte ich rasch und dringend. »Sie ~dürfen~ mir nicht böse sein,

Erika, Sie sind doch ein Schutz für mich, Sie sind doch der Frieden,

die Ruhe für mein Herz!« Ich wußte kaum, was ich sprach. Plötzlich

überfiel mich mit schrecklicher Wucht dieses unglückselige Verhältnis

zu Marianne! Diesem reinen Heidekind gegenüber kam es wie eine

förmliche Verzweiflung über mich. Immerfort schrie es in mir: »Könnte

ich ~dir~ doch ~so~ in deine Augen schauen, wie ~du mir~ mit deinen

reinen Heideaugen in meine Augen blickst! O könnte ich das, ach könnte

ich das!«

Da wandte sie ihren Kopf wieder zu mir hin. »Ich bin Ihnen nicht

böse«, sagte sie so warm und herzlich, wie eine Mutter zu ihrem Kinde

spricht. »Weshalb sind Sie denn so sehr, so furchtbar unglücklich?«

Und ihre Augen blickten mich hell und klar wie zwei Sonnen

durchdringend an.

»Ich unglücklich? Ach, Unsinn ... ich bin ja ganz vergnügt und

glücklich!« rief ich hastig. Sie schwieg eine Weile und schaute mich

ruhig dabei an.

»Nein«, sagte sie dann und schüttelte den Kopf, »Sie sind unglücklich

über etwas. Ich weiß nicht, was es ist, aber sagen Sie’s mir doch, ich

möchte Ihnen so gerne helfen.«

Vielleicht wäre ich vor sie hingekniet nach diesen Worten, vielleicht

hätte ich meinen Kopf in ihren keuschen, unberührten Schoß gelegt,

vielleicht hätte ich dann den Mut gefunden, ihr alles zu sagen,

sie um Erlösung und Rettung gebeten, vielleicht hätte sie mit ihren

Händen dann leise und lind über meine brennende Stirn gestrichen, ach

vielleicht, vielleicht.

Da ging die Tür auf. Nicht heftig und laut. Leise und wie von selbst.

Und im Rahmen der Tür stand Marianne im langen, weißen Nachtgewand. So

leise war sie gekommen, daß Erika einen halblauten Schrei ausstieß und

erschrocken vom Stuhl aufsprang.

Aber ich erschrak nicht. Ich kannte ja Mariannens Wesen. Ich blieb

ruhig, ganz ruhig. Und hätte sie erwürgen können, daß sie gekommen

war. Daß sie diese eine friedvolle Stunde für mich abkürzte.

Aber als ich sie so stehn sah, als ich ihr lilienweißes Gesicht mit

den dunklen, nachtschwarzen, gierigen Augen, mit den blutroten,

vollen Lippen, als ich die Funken, die der Mondstrahl über ihr rotes

Haargewoge verstreute, schaute, da war ich wieder in ihrem Banne. Da

kam wieder diese Gier nach ihr langsam wie eine Schlange über mich

gekrochen. Sie stand noch immer schweigend in der Tür und sah mit

einem lauernden, gespannten Blick auf Erika.

Ohne ein Wort der Erwiderung drehte sie sich um und war ebenso leise

und lautlos, wie sie gekommen war, verschwunden.

Ich beruhigte zunächst das Heidekind und suchte ihr auszureden, daß

in Mariannens Wesen irgend etwas Besonderes gelegen hätte.

Erika ließ mich ruhig sprechen und sah still vor sich hin. Ob sie

gemerkt hat, daß ich mit Marianne anders stehe, als ich sollte?

Ich nahm mir vor, mit Marianne ernstlich zu sprechen. Erika ~darf~

nichts ahnen, nichts merken. Dieses unschuldige, treue, stille und

fröhliche Heidekind.

»Du willst sie mitnehmen in den Wald?« sagte Marianne, als sie am

nächsten Morgen zu mir in die Stube kam.

»Ja, ich will sie mitnehmen. Warum auch ~nicht~, Marianne? Diese

Heidkönigstochter bringt mir den freien Atem der Heide ins Haus, sie

bringt mir Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens, denn ihr ganzes

Wesen ist Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens.«

Spöttisch kräuselten sich ihre roten Lippen.

»Du willst frei sein? Wohl von ~mir~?« fragte sie langsam, während in

ihren dunklen Augen jenes rätselhafte, dämonische Funkeln trat, das

ich ... ja, das ich ... fürchtete.

»Frei sein? Von dir, Marianne?« wiederholte ich mechanisch.

Ich lachte bitter auf.

»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie.

»Ja, ja, ja, Marianne, ich liebe dich noch immer!« rief ich, »aber

deine Liebe ist das Gift meines Lebens.«

Ein merkwürdiger Ausdruck trat in ihre Augen. »Gift«, wiederholte sie

leise, kaum hörbar.

»Gift tötet, nicht wahr?«

»Was fragst du sonderbar, Mädchen! Ja, Gift tötet!«

»So werde ich dich also töten, langsam töten, und du wirst niemals

jener anderen gehören, die in dein Haus gekommen ist, und die dich ...«

»Nun, Marianne, die mich ...?« fragte ich, als sie schwieg.

»Ach nichts!« fuhr sie auf. »Nimm sie nicht mit in den Wald, ich

duld’s nicht!«

»Und doch werde ich sie mitnehmen!« schrie ich sie an, »soll ich wie

ein Knecht dir gehorchen?«

»Es ist gut, nimm sie mit«, erwiderte sie ruhig. »Nein, nein!«

jammerte sie dann plötzlich auf, »mein sollst du bleiben, mein!«

Und sie warf sich an mich, umschlang mich fest, daß mir fast der Atem

verging, und brach in ein ungestümes Weinen aus.

»So beruhige dich doch, Marianne, denke doch, wenn jemand kommt.« Im

selben Augenblick war mir’s, als ob ich im Spiegel die Tür sich öffnen

und Erika in ihrem Rahmen stehn sähe.

Aber ich hatte mich wohl getäuscht. Sekundenschnell war diese

Täuschung gewesen. Mein Himmel, bin ich denn schon so weit, daß ich

Halluzinationen habe?

Marianne beruhigte sich schließlich.

Man merkte ihr nichts an, als Erika hereinkam, freundlich und gütig

und sanft wie immer.

Mir kam’s aber vor, als läge ein eigentümlich trauriger Ausdruck in

den lieben, stillen Zügen des Heidekindes.

»Adieu, Marianne«, sagte sie und reichte ihr die Hand. »Ich freue

mich, daß ich einmal in den Wald komme, ich bin doch ein Waldkind. Nur

dieses eine Mal möchte ich mitfahren, darf ich?«

Ganz leise sagte sie die beiden letzten Worte, aber ich hatte sie doch

verstanden.

Marianne stand und blickte sie an. Und als sich ihr Erika entgegenbog,

hielten sich die beiden Mädchen plötzlich umschlungen. Ich tat, als

hätte ich nichts gesehn. Was mögen sich diese vier Mädchenaugen dort

gesagt haben?

Marianne, Marianne, ich traue dir nicht. Meinst du’s ehrlich mit

der lieben Heidkönigstochter? In ihrer Seele liegen keine Abgründe,

keine Tiefen wie in deiner Seele. Das Kind der Heide ist treu und

gut und hat den Glauben an die Menschen. Soll ich sie warnen vor den

Menschen? In der einsamen Heide lernt man die Menschen nicht kennen.

Die Heidemenschen sind nicht gleich uns. Anders geartet sind sie. Sie

wohnen weit voneinander auf großer Fläche. Einer nimmt dem andern

nicht sein Brot, nichts nimmt er ihm von Luft und Sonnenschein.

Nichts von Liebe. Denn wenn das Heidekind liebt, dann liebt es

in Zucht und Ehren. Es liebt treu und innig, fest und still. Das

Heidekind weiß nichts von unzüchtiger Liebe und Leidenschaft, will

nichts davon wissen. Nichts ahnt es von dem Bösen, das in Menschen der

Leidenschaft und der unzüchtigen Liebe steckt.

Heidkönigstochter, ob ich dich warne vor der anderen? Du bist in

deiner Heide aufgewachsen wie Erika, die Heideblume selbst. In

Frieden und in Zucht des väterlichen Heidhofes, die Linden am Tore

haben dich als Kind beschirmt und dir die hold duftenden Lindenblüten

auf den Schoß geschüttet, aus der Heide kam zu dir der Duft der

Heideblumen, der Duft der gelben Lupine, in der die summenden Bienen

schwelgen, und wenn du vors Tor liefst auf die Heide hinaus, dann

sahen deine Kinderaugen nichts als Blumen, violette und gelbe, auch

rote dazwischen und weiße, sahen über dem Feld all der Blumen den

Himmel mit seinem flimmernden Glanz, die Sonne mit ihren goldigen

Strahlen, sonst einsam, einsam, einsam ringsum. Kein Laut sonst als

das Bienensummen, als der Wachtelschlag, Lerchengetriller und Zirpen

der Grillen.

Ja, liebes Heidekind, jetzt bist du unter die Menschen gekommen. Kaum

kamst du unter sie, so kroch die Sünde an den Saum deines Kleides,

deine reinen Heideaugen haben vielleicht heute, vorhin zum erstenmal

etwas von der Sünde gesehn.

Armes Kind der Heide.

Ich sagte früher »armes Kind der Straße«.

Die Kauzburg · 第 9 / 21 题