Um Mitternacht ging ich zu Bett.
Still lag die Landschaft im milden Mondschein um meine Kauzburg.
Eine sommerlich warme, ganz klare Nacht. Drüben in den Feldern zirpten
die Grillen. In weißen Gewändern hing der Nebel auf den Wiesen und
schwebte als weißseidenes Feintuch über den Fluß. Mir ward ruhig
zumute; wunderlich ruhig. Warum nicht immer so? Aber ist denn das Meer
zu jeder Stunde ruhig? Brandet es nicht zuzeiten in wildem Gischt an
den Strand? O Menschenherz, wie gleichst du dem Meer. Wie gleichst du
der Natur in ihrer sanften Schönheit, in ihrem wilden Sturm. —
Ihr fliegt um die Kauzburg, ihr beiden Käuzlein? Der Mond ist euer
Helfer und Freund bei eurer lautlosen Mausjagd. Auch mein schlesisches
Käuzlein mag nun im stillen, mondbeglänzten Wald auf seine Mäuslein
jagen. Und meine Mutter mag gerade die Hände falten und leise beten:
bleib brav und gut, du lieber Sohn. — O Mutter, Mutter! —
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Verstoßen könnte ich sie; fortstoßen mit den Füßen könnte ich sie!
Aber sie zieht mich in ihren Arm, ihr goldenes Rothaar schlingt sie
um meine Schultern, sie küßt mich voll Gier und voll Wonne, voll
trunkener Lust und seliger Wonne, sie trinkt mein Blut, und ihre
nachtschwarzen Augen sengen bis tief in mein Herz; ich reiße sie an
mich, ich zähle die Stunden, wo ich sie habe im stillen, kleinen Tal,
am dunklen Waldsee, im grünen Wiesengras, wo Schmetterlinge gaukeln,
wo das Finkenhähnchen seine Rufe schmettert, und wo es sonst so still
ist wie im Paradies.
Fortstoßen könnte ich sie; nein, niemals kann ich sie lassen; ~mein~
muß sie sein, ~mein~ muß sie bleiben. —
Merkt es denn niemand, niemand, daß ich ein anderer geworden bin?
Merkt es denn niemand, daß wir sündigen? Bin ich ein Doppelmensch?
Vor den andern der eine, vor mir der andere? — Aber die Sünde wird
zuletzt zur Gewohnheit. Das Gewissen schläft ein. Wozu es wecken! —
So gehen die Tage hin. Abwechselnd zwischen der Sünde und Pflicht. Die
Pflicht hält jener das Gegengewicht. Die Arbeit reißt mich wieder und
wieder empor, sie bringt mir die Ruhe und lenkt mich wohltuend ab.
Die Arbeit, die der Wald wie grünes Gezweig über mich ausschüttet. Daß
ich sein Jünger bin, sein Pfleger und Schirmer, ist meine Rettung.
O Wald, wie liebe ich dich!
Weißt du es, Bergwald draußen, was du mir bist? Daß ich mich an dich
anklammere, wie rankender Efeu am starken Eichenstamm es tut?
Mein lieber Bergwald, deine Luft macht rein und gesund. Gesund an
Seele und an Leib. Ja, bin ich denn krank?
Ach, trauter Wald, ich möcht’ es dir sagen. Ich möchte mich hinknien
auf hoher Berghöh’, wo ~du~ nur um mich bist mit deinem Rauschen, das
so kräftig klingt, so wunderschön, so stolz und ruhig, dort möcht’
ich zu dir sagen und reden von meinem tiefen Leid. Sieh’, keiner weiß
es, und keiner ahnt es. Wie mich umschlingt diese Zauberkraft, dieses
feuerglühende Haar, wie sie mich immer und immer in Fiebergluten
reißt, wie ich so machtlos bin im Banne ihrer grausigen Augen. Wie,
grausig sag’ ich und lache mich nicht selbst gleich aus? Sind’s Augen
nicht wie dunkle, schlummernde Tiefen des Sees? Des Waldsees, der den
Tag verträumt in stiller, kosender Ruhe? So sanft und weich, wie das
Wasser des Waldsees ist?
Kann denn ein Waldsee zum Tode locken?
Zur Tiefe, in der man ertrinkt mit ringendem Arm, mit verlöschender
Kraft, mit letztem Kampfe ums Leben?
Doch, doch! — — — Ein See hat Tiefen, die niemand kennt. Ich weiß von
einem, der lockt so weich, so kosend, doch was er an sich lockt, nie
wieder kehrt es ans Ufer zurück. Hab’ ich das Ufer verloren? — —
O, Bergwald, wie kühl und kraftvoll ist dein Atmen, dein Leben!
An dich, du starker Eichenstamm, hab’ ich mich angelehnt. Und
schaue hinab ins Tal zu meinen Füßen. Lau spielt der Sommerwind in
den Blättern der Eichen und Buchen. Wie grünes Flimmern im blauen
Himmelssommerglanz. Die Blätter sprechen, sie sprechen schön wie
Vogelsang und Vogelsingen. Zur Ruhe sprechen sie. Zum Frohsinn mahnt
ihr trauliches Rauschen und Klingen.
Zum Frohsinn in Ruhe. Das ist das Rechte! Ja, Frohsinn in Ruhe!
Das Leben lebt, und es lebt nur einmal, nie wieder. Weshalb denn
traurig sein?
Hab’ ich nicht ~dich~, mein Wald?
Durchspüle mich, rasch, durchspüle mich mit deiner kräftigen Waldluft!
Füll’ mir mein Herz damit, so widersteht es der Lockung, füll’ mir die
Brust, so werd’ ich sie dehnen und frischen Atem schöpfen, füll’ mir
die Kehle, so will ich singen dem Waldvogel gleich auf den wiegenden
Ästen der Buchen, füll’ meine Augen damit, so werden sie trunken ewig
schaun die Schönheit der Natur, der Wald- und Bergnatur, in der ich
Sünder stehe, erfülle mein ganzes Ich mit deiner reinen Würze, so bin
ich sündlos zur Stunde.
Und ~ist’s~ denn Sünde? Ist’s wirklich Sünde, wenn sich zwei Menschen
schrankenlos einander geben? Wozu denn Schranken? ~Frei~ will ich
sein von allen Schranken! Sind denn die Vögel in Ketten gelegt, in
Schranken? Ist denn der freie Hirsch, der durch die Waldgründe zieht,
gebunden? Muß denn das Füchslein erst bitten, wenn es die Hasen holt?
Der Wanderfalk, wenn er aufs Rebhuhn stößt? Frei, Frei! — — — Du bist
ein ~Mensch~, kein Falk, kein Hirsch! Bedenke es, du bist ein ~Mensch~.
O, teuer muß man erkaufen, ein Mensch zu sein. Denn Zucht und Sitte
binden. Und ~müssen~ binden, soll nicht die Allgemeinheit leiden.
Singt, singt, ihr Vögel in den grünen Zweigen! O singt, ihr seid ja
luftbeschwingte, freie Sänger!
Schreite stolz wie der Waldfürst durch die tiefen, atmenden Gründe,
du hochgeweihter Hirsch, du bist ja ein Hirsch, ein freier Hirsch des
herrlichen Waldes!
Schleiche, mein rotes Füchslein, schleiche hinaus ins Feld, durch das
wogende Meer der Halme, und greif dir das hoppelnde Häslein. Du bist
ja ein Waldfuchs, ein loser Gesell, brauchst keinen zu fragen: »Sag’,
~darf~ ich?«
Blauschimmernder Wanderfalk, Beherrscher der Luft, stoß herab, stoß
herab! An den Grabenrain hat sich das Rebhuhn gedrückt, kaum hebt es
sich ab im braunen Gefieder von brauner Erde. Doch deine pfeilscharfen
Augen sehen es ... Stoß zu, stoß zu! Wer sollte dich hindern? ...
Ich bin nur ein Mensch. Nichts weiter. Und hab’ mich an Menschengebot
zu halten. Und soll ihn gehn, den Tageslauf der Pflicht. Und ~wollt’~
ihn gehn und ~will~ ihn gehn. Wozu bist du, rothaarige Hexe,
dazwischen getreten in meine Pflicht und in den Tageslauf eines
Menschenseins?
Warum nur, warum?
Als Waisenkind, als Kind der Straße nahm ich dich in mein Haus.
~Bist~ du ein Kind der Straße?
Man hat dich auf der steinernen Schwelle des Klosters gefunden, in das
man barmherzig das elternlose, ausgesetzte Kind aufnahm. Doch niemand
weiß, woher du kamst.
Stammst du von Wesen ab aus einer anderen Welt, die wir nur ahnen,
niemals aber sehn?
Ich fand dich unter der Erde vor dem gähnenden Abgrund zur Tiefe,
neben dem Stein mit dem heidnischen Zeichen stehn, ~mein~ bist du
geworden im kleinen Tal, an heidnischer Opferstätte. Im heidnischen
Waldsee hattest du gebadet, noch perlten die Tropfen wie klare Tränen
von dem herrlichen Weiß deines Körpers, da riß ich dich, nein, ~du~
rissest mich in deine Arme, in all dein flutendes, sprühendes Haar — —
— wer bist du, wunderbares Zauberweib? Hast du die Macht, der Menschen
Seelen in dich einzusaugen? Hilf mir, Wald! Mach’ mich wieder frei von
ihr! Hilf deinem Grünrock, du schöner, grüner Wald! — — —
Im Mondschein ritt ich nach Hause. Über mondbelichtete Berge, durch
ein mondbelichtetes Tal.
An jedem Zweige hing wie ein Silberschein des Mondes Glanz, in seinem
Silberglanz gebadet schien das Tal.
So ritt ich der Kauzburg zu, und meines Reitpferdes Hufe tönten vom
Wurzelwerke, mit dem der Waldweg durchflochten war, dumpf zurück. Ein
unvergeßlich schöner Ritt.
Froh fühlte ich mich und frei.
Mit meinen Förstern, den ehrlichen, geraden Naturmenschen, war ich
zusammen gewesen, hatte die herbstlichen Schlagflächen mit ihnen
besucht, über die Pflanzen, die Saaten, über Wald und Wild, über den
Dienst und seine Forderungen hatten wir gesprochen, und fast unbewußt
hatte ich mein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden.
Aber, je näher ich dem Städtchen und meinem Forsthause kam, desto mehr
wich die Ruhe von mir. Mein Gaul merkte es mit dem feinen Instinkt,
den Pferde und Hunde, unsere intimsten Hof- und Hausgenossen, für
unsere Stimmungen haben. Aufgeregt tanzte er unter meinen Schenkeln.
Und plötzlich stutzte er, sprang zurück, und stand zitternd still.
»Was hast du, Pascha?« sagte ich und klopfte ihm den Hals. Der
Mondschein lag hell über der Straße. Vor mir bauten sich klar und
scharf die Häuser des Städtchens auf. Ganz deutlich sah ich die
Kauzburg, jeden Schornstein konnte ich erkennen.
»So geh doch, Pascha, vorwärts!« Ich gab ihm etwas die Sporen. Da
schnaubte er und gehorchte. Aber als ich auf das mondhelle Feld
blickte, das unter dem alten Kirchhof, der dicht an der Gartenmauer
meiner Kauzburg liegt, sich hinzieht, fuhr ich im Sattel zusammen.
Eine weibliche, weiße Gestalt bewegte sich quer über das Feld auf mich
zu. Nicht schnell, nicht langsam, ganz monoton und traumhaft. Ich
erkannte sie sofort. Denn wie ein köstlich goldener, wie Feuerschein
lohender Mantel floß über das weiße Kleid das lange, gleitende Haar
und ließ sich bespiegeln von dem silbernen Schein des Vollmondes.
Es war Marianne.
Marianne, die mir die Ruhe geraubt hat, Marianne, meine Sünde.
Meine Sünde, mein Leid und meine wonnige Lust.
So kam sie über das mondbleiche Feld, so leuchtete ihr rotes Gluthaar
im Silberstrahl des Mondes. Ja, sah sie mich nicht? Ging sie im Schlaf?
Da fiel es mir jäh aufs Herz: sie leidet an der Mondsucht, mondsüchtig
ist sie und heute ist Vollmond.
»Marianne!« rief ich.
Da stand sie still und hob den Kopf. Und sah starr auf mich und mein
Pferd, und sprang wie ein schlankes Reh auf uns zu und hing an meinem
Halse, ich wußte nicht, wie.
Und hing vor mir im Sattel und herzte und küßte mich, und Pascha,
mein Gaul, ging ruhigen, stolzen Schrittes den schmalen Pfad, der zur
Kauzburg führt, hinan, und der volle Mond sah mit einem Lächeln auf
uns herab, und eine Wolke kam und hüllte des Mondes blasses Licht in
Dämmerung, und der Sommer blühte und koste in den Halmen, und ich,
ich hatte alles vergessen, was ich mir vorgenommen hatte, draußen im
frischen Wald, ich hatte dieses Mädchens Leib in meinem Arm, und so,
auf meinem Pferde, brachte ich sie heim zur Kauzburg, schlich mit ihr
heimlich wie ein Dieb in meine Stube ... Marianne, Marianne.
[Illustration]
Der Domherr ist heute bei mir gewesen, und machte mir seinen Besuch.
Lange war er verreist. In jedem Jahre macht er große Reisen.
Ich sah ihn vom Fenster aus ins steinerne Burgtor treten. Was tausend,
wie kann sich der Mann benehmen.
Gleich im Burghofe blieb er stehen und sah sich um. »Niemand da, mich
zu empfangen?« Jede Bewegung, sein ganzes Wesen sprach das aus.
Mein Forstlehrling kam aus dem Bureau, dummdreist wie immer. Je näher
er dem Domherrn kam, desto unterwürfiger wurde der Junge. Ich glaube
gar, er küßt ihm noch die Hand. Das fehlte gerade, er, der Sohn
evangelischer Eltern, der Lehrling eines evangelischen Oberförsters!
Ich hörte des Domherrn wohlklingendes Organ: »Ist der Herr Oberförster
zu Hause?« Ich sah, wie mein Lehrling bejahte und vor dem geistlichen
Herrn die Tür der Halle aufriß, ich hörte im Flur die Klingel, einen
Ausruf Fräulein Bartels, ich öffnete meine Stubentür und sah, wie
Fräulein Bartel ihrem Seelsorger die Hand küßte, sah seine segnende
Handbewegung, sah, wie Marianne fast auf die Knie sich vor ihm beugte,
sah, wie er auf ihr rotes Haar seine Hände legte und leise einen
Segen auf dies rote Haar — ach, dieses Haar, das mich verführte —
sprach, da richtete er seine hohe Gestalt auf, seine Augen trafen die
meinen ... ja, bin ich denn närrisch? Seh’ ich denn schon in allen
anderen Augen die Augen Mariannens? In jedes anderen Menschen Haar die
Haarpracht Mariannens? — — —