Mit einmal begann es heller zu leuchten als je zuvor. Ein Schimmer

wie von vollem Sonnenlichte flog durch die breite Straße und über

die vielen Menschen leuchtend in weißem Glanze lagen die Häuser

da, und einige Augenblicke schlossen sich die schier geblendeten

Augen. Die Arbeiter der Scheringschen Fabrik waren es, die mit

Magnesiumleuchten heranzogen, und als der volle magische Lichtglanz die

Szene überflutete, da traten die Sänger, wohl mehr als zweihundert,

aus dem Vorhofe des Schlosses und stimmten machtvoll ergreifend ihr

harmonisches Hoch auf das Geburtstagskind an.

Da winkte der Kanzler mit der Hand – er wollte sprechen. In wenigen

Augenblicken lag die Stille des Gotteshauses über der menschenvollen

Straße, und die Stimme Bismarcks klang klar und vernehmlich: »Noch

_zehn_ Jahre wie heute – –«

Aber schon brauste der Jubel wieder auf bei den ersten Worten.

»Zwanzig Jahre – hundert Jahre für den Fürsten! – Hoch Bismarck! – Hoch

der Kanzler!«

Und mit geradezu elementarer Gewalt brach sich die Begeisterung Bahn,

und Luft und Erde schien zu beben unter dem Jubelsturm. Immer aufs

neue winkte der Gefeierte mit der Hand, beschwichtigend und dankend

zugleich, und wiederum wurde es still, und seine Stimme klang weithin:

»Ich danke Ihnen allen aus tiefstem Herzen für die großartige Ovation,

welche Sie mir aus Anlaß meines siebzigsten Geburtstages dargebracht

haben. Das Verdienst, Deutschland groß und stark zu sehen, gebührt

unserem greisen Heldenkaiser, dem wir jetzt fünfzehn Jahre des Friedens

verdanken. Seine Majestät der Kaiser, er lebe hoch!«

Wenn die ungeheure Begeisterung überhaupt noch einer Steigerung

fähig war, so trat eine solche jetzt ein. Die ganze Liebe einer

großen, starken, glücklichen Nation drängte sich in diese riesigen,

nie gehörten Rufe der Begeisterung. Das Fest hatte seinen Höhepunkt

erreicht – aber während das aufgeregte Berlin noch lange in seinem

Jubel fortklang und sang, ward es allgemach still in der Wilhelmstraße,

und die Schleier der Nacht hüllten wieder das Haus ein, das noch vor

kurzem vom hellsten Lichte umflutet war.

Am Morgen des ersten April schritt der Kanzler langsam durch die breite

Allee seines Parkes. Noch waren die Rüstern unbelaubt, nur das Moos an

den gewaltigen Stämmen schimmerte grünlich, an dem Gesträuch ringsum

aber drängte es bereits hervor von knospendem Frühlingsweben. Vieles

ging durch die Seele des einsamen Mannes, Erinnerungen an Tage heißen

Kämpfens, aber auch schöne Erfolge.

Was war nicht durch ihn errungen und geschaffen worden seit der

Erneuerung des Reiches! Das Fundament desselben schien gesichert gegen

die Angriffe von innen und außen. Den Rachegelüsten Frankreichs war die

Spitze abgebrochen worden durch eine meisterhafte politische Aktion,

welche Deutschland mit Österreich und Italien zu einem Dreibund für

Schutz und Trutz vereinte. Der Kanzler denkt daran, wie er im September

1879 von Gastein aus nach Wien gefahren, wie ihn die Hauptstadt

Österreichs freundlich sympathisch aufgenommen, und Kaiser Franz

Joseph, der um seinetwillen die Jagd in Steiermark unterbrochen hatte,

mit herzlicher Liebenswürdigkeit empfing, in Schönbrunn ihm zu Ehren

ein diplomatisches Diner veranstaltete und ihn dabei an der Schwelle

des Saales als seinen Gast begrüßte. – Das alles dreizehn Jahre nach

Sadowa!

Der Fürst denkt auch an die Gefahr, die dem neuen Reiche von der

Eifersucht Rußlands drohte, und wie sie unter dem Einfluß günstiger

Umstände und dank seiner klugen diplomatischen Schachzüge beseitigt

worden war; er erinnert sich mit Freude und Dankgefühl der schönen

Stunde, da im September 1884 auf dem Schlosse Skierniewice sich die

Kaiser von Deutschland, Österreich und Rußland in Freundschaft die

Hände reichten zu einem neuen Dreikaiserbündnis und zu einer Bürgschaft

des europäischen Friedens.

Und weiter gehen an seinem Geiste vorüber seine Bemühungen, den

Ruhm und Ruf der deutschen Flagge und des deutschen Namens über

die Weltmeere zu tragen und in fernen Weltteilen, zumal in Afrika,

Ländereien und Kolonien zu gewinnen, um dem deutschen Handel neue

Bahnen zu erschließen und ihn zu fördern und zu heben.

Er denkt aber auch in dieser Stunde der heißen Kämpfe, die er mit

einzelnen Richtungen der deutschen Volksvertreter im Reichstage

auszustreiten hatte, und wie er manchmal an das Wort des Altmeisters

Goethe erinnert wurde: »Ach, ich bin des Treibens müde!« Mehr als

einmal hat er sein Amt niederlegen wollen in die Hände seines

Kaisers, der aber hatte auf sein Entlassungsgesuch nur das eine Wort

geschrieben: »Niemals!«

Dem gewaltigen Recken will es feucht und heiß in die Augen steigen,

wenn er des vielgeliebten greisen Herrn denkt, und er entsinnt sich

des Wortes, das er einst vor den Vertretern des deutschen Volkes

gesprochen: »Nachdem ich im Jahre 1878 meinen Herrn und König nach dem

Nobilingschen Attentate in seinem Blute habe liegen sehen, da habe ich

den Eindruck gehabt, daß ich dem Herrn, der seinerseits seiner Stellung

und Pflicht vor Gott und den Menschen Leib und Leben dargebracht und

geopfert hat, gegen seinen Willen nicht aus dem Dienste gehen kann. Das

habe ich mir stillschweigend gelobt.«

Heute ist er siebzig Jahre alt geworden im Kampf, aber auch in Ehren.

Doch dieser Tag gehört nicht ihm allein, er gehört dem ganzen deutschen

Volke. – Daran denkt er jetzt, und langsam wendet er seine Schritte dem

Hause zu.

Schon am vorhergehenden Tage waren Glückwünsche und Geschenke in

überreicher Zahl von allen Seiten her eingetroffen, heute aber kamen

deren noch weit mehr.

Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit schenkte ihm zum Angebinde den

alten Besitz seiner Familie in Schönhausen, Schloß und Gut, das 1835 an

die Familie von Gärtner gekommen war; die deutschen Papierfabrikanten

hatten einen gewaltigen Eichenschrank gesendet, der in seinen schier

zahllosen Fächern und Schubladen aller Arten Papier und Kuverts,

Stahlfedern und Bleistifte von den kleinsten und dünnsten bis zu den

mächtigen Parlamentsstiften, kurz, alles Schreibmaterial in solcher

Menge enthielt, daß Enkel und Urenkel des Kanzlers es kaum aufbrauchen

werden. Das war ja in den Sälen eine kleine Industrieausstellung.

Dazu der überreiche Blumenschmuck, und die »Getreuen in Jever«, die

alljährlich zu diesem Tage aus dem Lande der Friesen 101 Kiebitzeier zu

senden pflegten, fehlten natürlich auch diesmal nicht, und hatten ihrer

Gabe das hübsche plattdeutsche Wort beigefügt:

Säbentig Johr lewt,

Uemmer dütsch strewt,

Uemmer dütsch dahn:

Lat wieder so gahn!

Das Schönste und Liebste aber war doch wohl die Gabe seines greisen

Herrn und Kaisers, jenes prachtvolle, von der Meisterhand Anton

von Werners gemalte Bild, welches die ewig denkwürdige Szene der

Kaiserproklamation im Schlosse zu Versailles in überaus lebensvoller

Weise zur Darstellung brachte.

Tiefgerührt stand der Kanzler vor dem Gemälde, das ihm einen der

herrlichsten Augenblicke seines Lebens vor die bewegte Seele stellte,

noch mehr aber ergriff ihn das Handschreiben seines Kaisers, welches

der Gabe beigefügt war. Er las es, während es sich wie ein leiser

feuchter Schleier über seine Augen legte. Es lautete:

»_Mein lieber Fürst!_

Wenn sich im deutschen Lande und Volke das warme Verlangen

zeigt, Ihnen bei der Feier Ihres siebzigsten Geburtstages zu

bestätigen, daß die Erinnerung an alles, was Sie für die Größe

des Vaterlandes getan haben, in so vielen dankbaren Herzen

lebt, so ist es Mir ein tiefgefühltes Bedürfnis, Ihnen heute

auszusprechen, wie hoch es Mich erfreut, daß solcher Zug des

Dankes und der Verehrung für Sie durch die Nation geht. Es

freut Mich die für Sie wahrlich im höchsten Maße verdiente

Anerkennung und erwärmt Mir das Herz, daß solche Gesinnungen

sich in so großer Verbreitung kundgetan, denn es ziert die

Nation in der Gegenwart, und es stärkt die Hoffnung auf ihre

Zukunft, wenn sie Erkenntnis für das Wahre und Große zeigt,

und wenn sie ihre hochverdienten Männer ehrt und feiert. An

solcher Feier teilzunehmen, ist Mir und Meinem Hause eine

besondere Freude, und wünschen Wir Ihnen durch beifolgendes

Bild auszudrücken, mit welchen Empfindungen dankbarer

Erinnerung wir dies tun; denn dasselbe vergegenwärtigt einen

der größten Momente der Geschichte des Hohenzollernhauses,

dessen niemals gedacht werden kann, ohne sich zugleich auch

Ihrer Verdienste zu erinnern. Sie, mein lieber Fürst, wissen,

wie in Mir jederzeit das vollste Vertrauen, die aufrichtigste

Zuneigung und das wärmste Dankesgefühl für Sie leben wird,

Ihnen sage ich daher mit diesem nichts, was ich Ihnen nicht oft

genug ausgesprochen habe, und ich denke, daß dieses Bild noch

Ihren späten Nachkommen vor Augen stellen wird, daß Ihr Kaiser

und König und sein Haus sich dessen wohl bewußt waren, was Wir

Ihnen zu danken haben. Mit diesen Gesinnungen und Gefühlen

endige ich diese Zeilen, als über das Grab hinaus dauernd. Ihr

dankbar treu ergebener Kaiser und König Wilhelm.«

Und unter allen den vielen, den hervorragenden Persönlichkeiten,

welche an diesem Tage in das Palais nach der Wilhelmstraße kamen, war

die herrlichste der greise Kaiser selbst. Es war der weihevollste,

ergreifendste Augenblick dieses Tages, als der Herrscher in tiefer

Bewegung seinen treuen Kanzler in die Arme schloß, als das Haupt

Bismarcks sich einige Sekunden an die Schulter des teuren Herrn lehnte,

dem er sich mit Blut und Leben verpflichtet hatte bis zum letzten

Atemzuge.

Solche Minuten mußten dem Recken neue Kraft geben zu weiteren

Kämpfen, die er herrlich und mannhaft durchfocht zur Ehre und zum

Segen des Deutschen Reiches und Volkes. Immer wieder das rachelustige

Säbelrasseln von Paris her, und auch in Rußland machte sich eine

deutschfeindliche Strömung bemerkbar. Da galt es beizeiten zu kräftiger

Abwehr zu rüsten, und eine Verstärkung des Heeres zu erlangen. Und

das deutsche Volk widerstrebte der wiederholt vorgetragenen Forderung

nicht, und Bismarck konnte aller Welt das herrliche Wort zurufen:

»_Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!_«

Das war am 6. Februar 1888 gewesen, und das Wort klang in vieltausend

deutschen Herzen wieder, denen in jenen Tagen ein solcher Trost

ungemein not tat. Denn das Unheil hatte sich leise und heimtückisch

herangeschlichen an das Kraftgeschlecht der Hohenzollern, und des

Kaisers herrlicher Sohn, der Kronprinz Friedrich, »unser Fritz«,

siechte fern von der Heimat, in Italien, an einem furchtbaren Leiden

hin, das aller Kunst der Ärzte spottete. Das griff auch dem greisen

Herrscher an Seele und Leben.

Er erkrankte in den ersten Tagen des März, und dumpfes, schmerzliches

Bangen erfaßte alle Gemüter.

Am 8. März hatte der treue Kanzler seinem Herrn noch einmal kurzen

Vortrag gehalten, und die schwache Hand des kranken Greises, der »keine

Zeit hatte, um müde zu sein«, hatte mit zitternden Händen noch einmal

den kaiserlichen Namen unter das Dokument gesetzt, welches den Schluß

des Reichstags verkünden sollte.

Tieferschüttert, nahezu hoffnungslos war Bismarck fortgegangen. Vor dem

Palais aber drängten sich Tausende voll Liebe und Besorgnis, und sie

sahen ihm in das ernste Gesicht, das eisern seine Fassung zu wahren

bemüht war.

Eine endlos lange, bange Nacht verstrich; die Besorgnis raubte dem

Kanzler und manchem anderen die Ruhe, angstvoll schaute man dem Morgen

entgegen, und in dessen Verlaufe geschah das Traurige. Am 9. März um

½9 Uhr vormittags schied Kaiser Wilhelm aus dem Leben – nicht lange

danach sank die Kaiserstandarte auf dem Schlosse nieder, und ein ganzes

Volk weinte um seinen liebsten Helden.

Das waren unvergeßliche Stunden: schmerzerstarrte Männer, schluchzende

Frauen, weinende Kinder überall! Bei dem edlen Toten aber stand noch

einmal an jenem Vormittage des Reiches erster Kanzler. Da ruht der

Greis, dem er sich ganz geweiht hatte, halb sitzend, zurückgelehnt in

die weißen Kissen, und auf dem Antlitz liegt der Zug seligen Friedens,

unbeschreiblicher Ruhe und Milde. Da überwältigt es beinahe den

gewaltigen Mann; ihm stürzen unaufhaltsam die Tränen aus den Augen,

und er braucht sich ihrer nicht zu schämen, denn wer dem stillen,

unvergeßlichen Toten nahte, der mußte weinen im Übermaß eines Jammers,

der das ganze Volk durchzitterte.

Aber den Kanzler ruft seine Pflicht.

Um ½10 Uhr erschien er, fest und stark, aufgerichtet und gefaßt im

Reichstagssaale. Er erbat sich das Wort, und unter tiefem, heiligem

Schweigen begann er:

»Mir liegt die traurige Pflicht ob, Ihnen die amtliche Mitteilung von

dem zu machen, was Sie bereits tatsächlich wissen werden, daß Seine

Majestät der Kaiser Wilhelm heute vormittag ½9 Uhr zu seinen Vätern

versammelt worden ist –.«

Hier drohten die Tränen die Stimme des Redners zu ersticken, er rang

mit seiner Rührung wie ein Held, und fuhr fort:

»Die Folge dieses Ereignisses ist, daß die preußische Krone und damit

nach Artikel 11 der Reichsverfassung die deutsche Kaiserwürde auf Seine

Majestät Friedrich III., König von Preußen, übergegangen ist. Nach den

mir zugegangenen telegraphischen Nachrichten darf ich annehmen, daß

Seine Majestät, der regierende Kaiser und König, morgen von San Remo

abreisen und in der gegebenen Zeit hier eintreffen wird.

Ich hatte von dem Höchstseligen Herrn in seinen letzten Tagen« –

wiederum rannen dem Redner die Tränen über die Wangen – »in Betätigung

der Arbeitskraft, die ihn erst mit dem Leben verlassen hat, noch

die Unterschrift erhalten, welche vor mir liegt, und welche mich

ermächtigt, den Reichstag in der üblichen Zeit nach Abmachung seiner

Geschäfte, das heißt also etwa heute oder morgen, zu schließen.

Ich hatte die Bitte an Seine Majestät gerichtet, nur mit dem

Anfangsbuchstaben des Namens noch zu unterzeichnen, Seine Majestät

hatten mir darauf erwidert, daß Sie glaubten, noch den vollen Namen

schreiben zu können. Infolgedessen liegt dieses historische Aktenstück

hier vor.

Unter den obwaltenden Umständen nahm ich an, daß es den Wünschen der

Mitglieder des Reichstages ebenso wie denen der verbündeten Regierungen

entsprechen wird, daß der Reichstag noch nicht auseinander geht,

sondern zusammen bleibt bis nach dem Eintreffen seiner Majestät des

Kaisers, und ich mache deshalb von dieser Allerhöchsten Ermächtigung

weiter keinen Gebrauch, als daß ich dieselbe als historisches Denkmal

zu den Akten gebe und den Präsidenten bitte, die Entschlüsse, welche

den Stimmungen und Überzeugungen des Reichstages entsprechen, in

dieser Sitzung herbeizuführen. Es steht mir nicht zu, meine Herren,

von dieser amtlichen Stelle aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu

geben, mit welchen mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt. Diese

Gefühle bei dem Ausscheiden des ersten deutschen Kaisers aus unserer

Mitte, die mich tief bewegen, leben im Herzen eines jeden Deutschen.

Es ist deshalb nicht nötig, demselben hier Ausdruck zu geben. Aber

eines glaube ich Ihnen dennoch nicht vorenthalten zu dürfen, nicht von

meinen Empfindungen, sondern von meinen Erlebnissen, die Tatsache,

daß inmitten der schweren Schickungen, welche der von uns geschiedene

Herr in seinem Hause noch erlebt hat, es zwei Tatsachen waren, welche

ihn mit Befriedigung und Trost erfüllten. Die eine war diejenige,

daß die Leiden seines einzigen Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzt

regierenden Herrn, in der ganzen Welt Teilnahme erregten. Ich habe

noch heute ein Telegramm aus Neuyork erhalten, das von Teilnahme

erfüllt war und das Vertrauen beweist, das sich die Dynastie des

deutschen Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Das ist ein

Erbteil, kann ich wohl sagen, was des Kaisers lange Regierung dem

deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das sich die Dynastie

erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen. Die zweite Richtung,

in der Seine Majestät einen Trost gefunden hat bei den schweren

Schickungen, war diejenige, daß der Kaiser auf die Entwicklung

seiner Hauptlebensaufgabe, der Herstellung und Konsolidierung der

Nationalität des Volkes, dem er als deutscher Fürst enge angehörte,

daß der Kaiser auf die Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe

inzwischen genommen hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, die

den Abend seines Lebens verschönte und erleuchtete. Es trug dazu

namentlich in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit seltener

Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen, aller

Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags, dasjenige

beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft des Deutschen

Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte, als Bedürfnis

von den verbündeten Regierungen empfunden wurde. Diese Wahrnehmung

hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und noch in den letzten

Unterredungen, die ich mit meinem dahingeschiedenen Herrn gehabt

habe – es war gestern – hat er darauf Bezug genommen, wie ihn dieser

Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation, wie er durch die

Volksvertretung hier verkündet worden ist, gestärkt und erfreut hat.

Ich glaube, meine Herrn, es wird für Sie alle erwünscht sein, das

Zeugnis, das ich aus eigener Wahrnehmung aus den letzten Äußerungen

unseres dahingeschiedenen Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu

nehmen, da jeder einzelne von Ihnen einen Anteil an diesem Verdienste

hat. Die heldenmütige Tapferkeit, meine Herrn, das nationale Ehrgefühl,

die treue, arbeitssame Pflichterfüllung und die Liebe zum Vaterlande,

die in unserem dahingeschiedenen Herrn verkörpert waren, mögen sie ein

unzerstörbares Erbteil unserer Nation sein, das uns der aus unserer

Mitte geschiedene Kaiser hinterlassen hat. Das hoffe ich zu Gott, daß

dies Erbteil von allen, die wir an den Geschäften des Vaterlandes

mitzuwirken haben, im Krieg und Frieden, in Heldenmut und Hingebung,

Arbeitsamkeit und Pflichttreue bewahrt bleibe.«

Lautlose Stille folgte den Worten, die Abgeordneten, selbst jene der

sozialdemokratischen Partei, hatten sich von ihren Sitzen erhoben, der

Reichskanzler aber, der sein Schluchzen kaum mehr verhalten konnte,

hatte sich in seinen Sessel zurückgelehnt und schlug die Hände vor das

Antlitz. Es war ein erschütternder Anblick, den gewaltigen Mann, den

eisernen Kanzler, weinen zu sehen um seinen toten Kaiser.

Der Präsident von Wedell-Piesdorf schloß mit wenigen Worten die ewig

denkwürdige Sitzung, und nun schritt Bismarck von seinem erhöhten

Platze hinab in das Haus. Sein Blick haftete auf seinem treuen

Genossen, dem greisen Feldmarschall Moltke, der trotz der Nachtwachen,

trotz der Anstrengung und Aufregung der letzten Tage seiner Pflicht

getreu, seinen Sitz im Abgeordnetenhause eingenommen hatte. Er trat dem

Kanzler entgegen, und die Hände der beiden Männer fanden sich zu einem

beredten Drucke. Sprechen konnte zunächst keiner von ihnen, die Tränen

standen beiden in den Augen – es war eine ergreifende historische

Szene. Endlich faßte sich Bismarck, mit wärmerem Drucke der Hand sprach

er, und seine Stimme bebte:

»Uns beide hält des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr im Gleise!«

Der Dienst aber rief den Kanzler zur Begleitung und Heimholung des

neuen Kaisers Friedrich III. Der deutsche Himmel war nicht freundlich,

als der kranke Dulder heimkam. Es war, als liege Trauer und Schmerz

ausgebreitet durch das Land und durch die Lüfte. Als Bismarck, der

seinem neuen Herrn bis Leipzig entgegengefahren war, mit diesem nach

seinem Lande, in die Mitte seines bange und traurig harrenden Volkes

eilte, schnob der Ostwind eiskalt durch die Straßen, und der Sturm

wehte winterliche Flocken wild durcheinander, und in derselben Nacht,

um die Mitternachtsstunde, in der kein Stern vom Himmel leuchtete, und

nur die trübe flackernden, schneeverhüllten Gaslaternen und tiefrot

qualmende Fackeln die erschütternde Szene erhellten, ward die Leiche

Kaiser Wilhelms nach dem Dome überführt.

Dem Trauergottesdienst selbst vermochte Bismarck in seiner tiefen,

gramvollen Ergriffenheit nicht beizuwohnen, auch Moltke blieb fern

– beides auf Wunsch des neuen Kaisers, der ja selbst nicht seinem

toten Vater das letzte Geleit geben konnte, aber am 16. März, als der

teure Verblichene hinausgeleitet wurde nach dem stillen Mausoleum in

Charlottenburg, um dort neben seinen Eltern beigesetzt zu werden, da

fehlte der Kanzler nicht.

Als der Trauerzug die Schloßterrasse betrat, – es war etwa um ½4 Uhr,

erschien oben an einem Fenster eine hohe Gestalt in Generalsuniform,

das Orangeband des Schwarzen Adlerordens über der breiten Brust. Die

Hand winkte mit dem Taschentuche wehmutsvolle Grüße, und die stattliche

Erscheinung schien ab und zu wie von gewaltsamem Schluchzen durchbebt

zu werden. So schied der kranke Kaiser Friedrich von dem toten Kaiser

Wilhelm, der Sohn von dem heißgeliebten Vater …

Nun folgte die Regierung der 99 Tage, und solchen Heldenmut hat die

Welt selten geschaut, wie Kaiser Friedrich ihn zeigte. »Lerne leiden,

ohne zu klagen!« war sein schönes Wort, und treue Pflichterfüllung bis

in den Tod seine schöne Tat.

In ein freundliches, hohes Gemach des lieblichen, stilltraulichen

Schlosses Charlottenburg fiel der Schimmer des Frühlings. Vor den

Fenstern draußen lachten die Blüten von Baum und Strauch, und die Vögel

jauchzten, der kranke Kaiser aber saß in seinem Sessel zurückgelehnt,

zusammengebeugt, und wendete das bleiche Gesicht seinem Kanzler zu, der

vor ihm saß und ihm Vortrag hielt. Über das Antlitz Bismarcks lief ab

und zu ein leises Zucken, wie von mühsam unterdrücktem Schmerz, und der

Kaiser fragte:

»Ihnen ist nicht wohl, lieber Fürst?«

»Mein altes Nervenleiden, Majestät – die Neuralgie setzt mir wieder

einmal zu, aber man muß darüber wegkommen.«

Da erhob sich der Herrscher und zog einen Sessel heran; auf diesen

legte er die Füße seines treuen Beraters, und, damit noch nicht

zufrieden, ließ er eine Decke herbeibringen und wickelte dieselben

darin ein. Ein Gefühl tiefer Rührung erfaßte den Kanzler; der Kaiser,

kränker als er selbst, sorgte in so gütiger Weise für ihn … Der echte

Sohn des großen, edlen Hohenzollern, der ihm Herr und Freund zugleich

gewesen war.

Kaiser Friedrich war nach dem bei Potsdam gelegenen schönen

Friedrichskron übergesiedelt – – aber nur, um dort zu sterben. Am 14.

Juni hatte Bismarck den kaiserlichen Herrn noch einmal gesehen und noch

einmal den warmen Druck seiner Hand gefühlt; zu sprechen vermochte der

große Dulder beinahe nicht mehr – und einen Tag später starb der edle

Fürst.

Zum zweiten Male in kurzer Frist stand das deutsche Volk an der Bahre

seines Kaisers, und unsagbares Weh durchzitterte die Brust des greisen

Kanzlers. Aber er richtete sich auf in dem Gedanken, daß in dem Enkel

seines großen Kaisers der Geist desselben fortleben werde, und ihm

widmete er nun seine Treue und Liebe. – – –

Zum zweiten Male hatte Deutschland die schmerzliche Erinnerung an den

Tod Kaiser Wilhelms begangen – da fiel in den Nachklang dieser Stimmung

eine Kunde, welche alle Herzen mächtig bewegte: Im »Reichsanzeiger« vom

20. März 1890 stand es zu lesen, daß Fürst Bismarck und mit ihm seine

beiden Söhne aus dem Staatsdienst ausgetreten seien. Die Hand, welche

so lange das Staatsschiff sicher und fest geleitet, zog sich zurück von

dem Steuer – was mußte dazu veranlaßt haben?

Seltsame Kunden liefen von Mund zu Mund und durch die Spalten

der Blätter – absolut Sicheres war nicht festzustellen. Eine

Meinungsverschiedenheit sei zwischen dem Fürsten und dem jungen Kaiser

entstanden – das war zuletzt alles, was im Bewußtsein des deutschen

Volkes deutlich ward und dieses bis in die weitesten Schichten hinein

schmerzlich berührte.

In hohen Gnaden entließ Kaiser Wilhelm II. den treuesten Ratgeber

der Hohenzollernkrone – er ernannte ihn zum Herzog von Lauenburg und

zum Generalobersten, aber die Bitterkeit konnte er nicht bannen aus

dem Herzen des Mannes, der die Empfindung hatte, als solle er in die

Verbannung gehen. Aber er hatte den Trost, daß die Liebe mit ihm ging,

wohin er sich auch wenden mochte.

Das Buch vom eisernen Kanzler: Eine Erzählung für Deutschlands Jugend · 第 15 / 17 段