seiner stillen Gruft im Mausoleum in Charlottenburg. Von ihm mußte
er Abschied nehmen, ehe er Berlin verließ, so wie der treue Soldat,
der abkommandiert wird von seinem Posten, sich noch einmal bei
seinem Vorgesetzten meldet. Das freundliche blaue Licht übergoß den
weihevollen Raum und zitterte weich auf den Marmorbildern, der Kanzler
aber war an den Sarkophag seines heißgeliebten Herrn herangetreten und
neigte schwer das Haupt. Kein Menschenauge hat es gesehen, kein Herz
es nachempfunden, was in jener Stunde durch die Seele des gewaltigen
Mannes ging … Dann fuhr er nach Berlin zurück, und nun – nachdem der
heiligsten Pflicht genügt war – hatte er hier nichts mehr zu tun.
Am 29. März verließ er das kleine Palais in der Wilhelmstraße, wovon
durch so lange Jahre der Hauch seines Geistes bewegend und belebend
ausgegangen war durch die ganze Welt, und der Abschied sollte ihm nicht
leicht werden. Nicht die Erinnerungen allein erschwerten dem Fürsten
denselben, sondern auch die gewaltig an ihn herandringende Liebe des
Volkes. Was galt aller Parteizwist in einer solchen Stunde!
Die Wilhelmstraße vermochte die Menschenmenge nicht zu fassen, welche
am Nachmittage jenes 29. März sie durchwogte. Um die fünfte Stunde
waren die Wagen vorgefahren, und nun erschien der Kanzler mit den
Seinen, einen letzten, bedeutsamen Blick noch zurückwerfend. Als
aber die Tausende, die seiner harrten, ihn erblickten, da brach ein
Brausen und Rufen aus, eine elementare Begeisterung, in welcher
Liebe, Verehrung und Dankbarkeit ihren Ausdruck suchten. Stürmische
Hochrufe wiederholten sich immer aufs neue, Blumenspenden wurden von
hundert Händen herangereicht, und so dicht wogte die Volksmenge, daß
die Wagen nur langsam zu fahren vermochten. Das war kein Vergessener
und Verstoßener, es war ein Triumphator, der wegzog von der Stätte
jahrzehntelangen Wirkens, um die wohlverdiente Ruhe zu suchen.
In allen Straßen dasselbe Bild – die schweigend, in ernster, wehmütiger
Weise harrende Menge, die, sobald der Wagen Bismarcks herankommt,
in endlose begeisterte Rufe ausbricht, die trotz der zahlreichen
Schutzmannschaften durch alle Schranken drängt, um dem geliebten Manne
den letzten Gruß, die letzte Blumenspende zu bieten.
So war der Wagen am Lehrter Bahnhof angekommen und an den kaiserlichen
Gemächern vorgefahren. Der Fürst stieg aus, und in der Vorhalle
blieb er stehen, während die Menge der Nachdrängenden nur mit
größter Anstrengung so weit zurückgehalten werden konnte, daß
für den Scheidenden und die Seinen ein Weg freiblieb; er sah mit
feuchtschimmernden Augen noch einmal zurück und winkte mit der Hand zu
Gruß und Dank.
Hell und warm lag die Frühlingssonne über dem ergreifenden Bilde; sie
blitzte auf den blanken Gardekürassieren, deren eine Schwadron dem
Fürsten das Ehrengeleite gab, auf den Helmen der Schutzleute und in den
Tränen von Hunderten.
Weiter schritt der Fürst nach den Gemächern, und überall streckten sich
ihm hier die Hände entgegen zu herzlichem Abschied. Hohe Offiziere,
Diplomaten, die Gesandten fremder Staaten, der neue Kanzler von Caprivi
– alle waren sie gekommen, ihm ihre Verehrung und Freundschaft zu
bekunden, und zarte Frauenhände reichten ihm auch hier immer neuen und
herrlicheren Blumenschmuck.
Nun schritt er langsam hinab nach dem Perron auf blütenüberstreutem
Wege. Der Trompetenklang der Kürassiere erschallte, an ihrer
Front vorüber ging er hochaufgerichtet, selbst in der Uniform der
Seydlitz-Kürassiere, seinem Wagen zu. Nun aber ließ sich die Menge
nicht mehr halten. Durch die geöffneten Türen der Wartesäle flutete
es heraus in breitem Strome und umringte den Wagen des Gefeierten, in
welchem dieser mit den Seinen in einer Fülle von Blumen Platz gefunden
hatte. Mit einem beinahe wehmutsvollen Blick streift sein Auge über
die herrliche Blumenspende, die mit dem schwarz-weiß-roten Bande
umflochten ist, – der Abschiedsgruß des Kaisers; die Fürstin aber hat
den prächtigen Korb voll Flieders an sich herangezogen, die Spende der
Kaiserin, und neigt sich darüber.
Nun trat Bismarck wieder an das Fenster und schaute tiefbewegt hinaus
auf die Tausende. Da pfiff die Lokomotive. Ein brausender, nicht
endenwollender Ruf: »Wiederkommen!« durchzitterte die Luft, der Kanzler
aber legte bedeutsam, beinahe unmutig den Zeigefinger an den Mund. Das
letzte Glockenzeichen erklang, ein Kommando der Kürassiere erscholl,
und ehern standen ihre präsentierenden Reihen, während die Musik einen
Marsch anstimmte. Dazwischen schallte der brausende Gesang der »Wacht
am Rhein«, die immer erneuten Zurufe: »Wiederkommen!« – »Lebewohl!«
und das stürmische »Hoch«, das noch immer nicht verhallt, als der Zug
bereits den Bahnhof verlassen hat und den Kanzler hinwegführt in die
friedliche Stille des Sachsenwaldes.
Dreizehntes Kapitel.
Im Abendrot.
Wer von Berlin nach Hamburg fährt, passiert den Sachsenwald mit
seinen einzigen, herrlichen Buchenbeständen, die nur da und dort von
dem dunkleren Grün des Nadelholzes unterbrochen werden. Etwa eine
Meile von Hamburg entfernt liegt die Station _Friedrichsruh_, ein
kleines Örtchen mitten im Buchenwald, an dem munteren Flüßchen Aue
gelegen. Hier ist die Residenz des »Herzogs von Lauenburg«, des ersten
deutschen Reichskanzlers. Das Besitztum mit dem reichen Grund und Boden
ringsumher hat ihm die Huld seines alten kaiserlichen Herrn nach dem
großen Kriege im Jahre 1871 geschenkt, hier hat er seinen Ruhesitz
gefunden, nachdem er aus dem Amte und aus Berlin weggegangen war.
Sein Schloß, das er eigentlich erst sich erbaut hat, ist nicht
prunkvoll und stattlich, wohl aber traulich und behaglich. Ringsum
rauschen die mächtigen Buchen und verhüllen mit ihren dichten grünen
Kronen das freundliche Haus und lassen beim Näherkommen nur die rote
Umzäunungsmauer des Parkes schauen. Eine schmale Pforte in derselben
führt uns in die anmutige Idylle hinein; das gelblich getünchte
schmucke Wohnhaus lacht uns entgegen, so gastlich und lieb, daß ein
warmes Behagen davon auszugehen scheint. Auf dem Vorplatze ragt eine
mächtige Tanne empor, ein Riese der Vorzeit, wie ein Symbol der Kraft
des Mannes, der sich hier seinen Herd gebaut hat. Die pyramidenartig
verlaufende Krone hebt sich hoch hinauf nach dem blauen Himmel. Kein
Vestibül nimmt uns auf, aus dem Korridor geht es sogleich hinein in das
Wohnzimmer und in die Reihe der Familiengemächer, aus deren Fenstern
der Blick gern hinausschweift in den grünen Park, auf spiegelnde
Wasserflächen und prachtvolle Baumgruppen.
Hier wohnt der Gewaltige, friedlich und still, im Kreise der Seinen,
und sieht wie der Adler aus freier Höhe herab auf das Treiben seiner
Tage und freut sich an der Verehrung und Liebe des deutschen Volkes,
die ihm auch hierher gefolgt ist. Seine Kinder und Enkel suchen ihm den
Abend seiner Tage zu verschönen, und oft genug kommen Gäste aus allen
Teilen Deutschlands nach dem ruhigen Sachsenwalde.
Wiederum feierte er seinen Geburtstag. Freundlich war die Sonne
aufgegangen über dem Sachsenwalde, und wenn auch der Frühling noch
nicht seinen Einzug zwischen die Baumriesen gehalten hatte, so blaute
doch der Himmel verheißungsvoll, und an den Waldrändern läuteten die
Blütenglocken.
Der nahezu achtzig Jahre alte Fürst hatte sich zur gewohnten
Morgenstunde erhoben, frisch und kraftvoll, und hatte mit herzlicher
Freude und Dank die Glückwünsche seiner Familie entgegengenommen sowie
jene der bereits eingetroffenen Gäste. Um die elfte Stunde betrat
er das Empfangszimmer, und hier lag ringsum ausgebreitet die Fülle
der Gaben, welche die Liebe des deutschen Volkes aus allen Gauen des
Reiches dem verehrten Manne übersandt hatte. Hunderte von Kisten waren
schon tags zuvor eingetroffen und ausgepackt worden, und nun stand
alles wohlgeordnet: Erzeugnisse der Kunst und des Gewerbes, Spenden
der Wissenschaft und der fleißigen Frauenhand, und dazwischen ein
Blumenschmuck, als sei in diesem Saale selbst der Frühling voll erblüht.
Im tiefsten Herzen ergriffen stand der Reichskanzler inmitten dieser
Spenden, und dann schritt er an ihnen entlang, jedes einzelne
beschauend, an allem sich freuend, gleichviel ob es seinen Wert an sich
hatte oder ihn erst erhielt durch die Liebe des Gebers.
Da klangen feierlich und getragen die Klänge eines Chorals in den Saal;
der Fürst horchte einen Augenblick auf, dann trat er, begleitet von
den Seinen, hinaus auf die freundliche Terrasse auf der Rückseite des
Schlosses. Da stand eine Militärkapelle und spielte die ergreifend
fromme Weise, welche das Morgenständchen einleitete, welches sie dem
alten Kanzler darbringen wollte.
Es war ein schönes Bild: Im Vordergrunde unter den alten Bäumen die
Musiker in ihren bunten Uniformen, umringt von einem kleinen Kreise
derer, die Zutritt zu dem Parke erlangt hatten, und jenseits desselben
auf grünem Wiesengrunde, der von den dunklen Rahmen des Föhrenwaldes
sich freundlich abhob, und von welchem aus die Schloßterrasse voll zu
überschauen war, eine bewegte, dichtwogende Menschenmenge, die von nah
und fern herbeigeeilt war. In dem Saale aber, der nach der Terrasse
sich öffnete, standen die Festgäste, Herren und Damen, und sahen mit
freudiger Teilnahme auf den herrlichen Mann, der im Interimsrock der
Kürassiere, die weiße Mütze auf dem mächtigen Haupt, hochaufgerichtet
dastand und in den sonnigen Frühlingsmorgen, in die ihm zulachende Welt
hinausblickte.
Von der Wiese herüber aber brausten in die Klänge der Musik die
lautschallenden, begeisterten Hochrufe der Menge, die ihn heraustreten
sah, und ihm ihren stürmischen Liebesgruß sandte. Da winkte er mit
der Hand hinüber zu freundlichem Danke, und lauter noch jauchzte die
Begeisterung auf.
Dann trat er auf den Kapellmeister zu und reichte ihm die Rechte mit
leutseligen Worten, und aufs neue erklangen die Weisen der Musik,
jetzt heller und frischer, und ihnen reihten sich Liederklänge an,
denn ein stattlicher Sängerchor aus Hamburg oder Altona war angekommen
und brachte seine Grüße und seine Huldigung. Und in dem Parke hallte
es wider, und die Menge auf der Waldwiese, deren Zahl immer mehr
anwuchs, stand und lauschte und harrte der Stunde entgegen, da es auch
ihr vergönnt sein würde, den Gefeierten aus größerer Nähe begrüßen zu
können.
Fast ward es zuviel für den beinahe Achtzigjährigen, und sein treuer
ärztlicher Hüter, Dr. Schweninger, bat endlich für ihn um ein Stündchen
Ruhe.
So ging der Apriltag hin und kündete dem alten Reichskanzler immer neu
und beredt die Liebe eines ganzen Volkes, das nicht von ihm lassen
konnte, und das immer wiederum alles dessen gedenken mußte, was
Deutschland seinem Bismarck verdankte.
Nur ein bitterer Tropfen blieb in seiner Seele, eine Verstimmung, die
wie ein Schatten zwischen ihm und dem jungen Kaiser lag. Er hatte das
Empfinden, als hätte ihn derselbe nicht _so_, eben so ziehen lassen
dürfen. Was galten ihm die äußeren Ehren, die ihm zum Abschied noch
angetan worden waren, ein Herzenswort und eine Herzenstat hätten ihm
weit schwerer gewogen.
Das deutsche Volk aber fühlte wie einen kältenden Hauch die Entfremdung
zwischen dem Enkel des großen Kaisers Wilhelm und dem treuesten
Paladin des letzteren, und hoffte in tiefster Seele, daß auch hier ein
Frühlingstag kommen möge, der diesen Hauch hinwegfegen werde. Und des
Volkes Hoffen sollte nicht betrogen werden.
Es lebt echtes, hochherziges Hohenzollernblut auch in Kaiser Wilhelm
II., und so war er es, der dem Alt-Reichskanzler die Hand reichte zum
freundlichen Bunde. Durch ganz Deutschland flog es wie ein warmer
Lichtstrahl, als erzählt ward, wie der Herrscher dem Fürsten, der von
einem heftigen Krankheitsanfall in einem süddeutschen Bade Genesung
gesucht hatte, eines seiner Schlösser für die Zeit der Rekonvaleszenz
zum Aufenthalt anbot, und wie er ihm manche Aufmerksamkeit erwies, wie
nicht der Kaiser seinem Untertan, sondern der Freund dem Freunde sie
zu erweisen bemüht ist, und noch erfreuter schlug des deutschen Volkes
Herz, als die Kunde erscholl, daß Fürst Bismarck nach Berlin kommen
und persönlich dem jungen Herrscher für sein huldvolles Entgegenkommen
danken werde.
Am 26. Januar 1894 war es, als die erwartungsvolle Hauptstadt des
Reiches der Ankunft des greisen Kanzlers entgegenharrte. Die Sonne war
herrlich aufgegangen, als wolle sie ihn freundlich mitbegrüßen, und
die Straßen vom Lehrter Bahnhofe nach dem Königlichen Schlosse waren
durchwogt von freudig erregten Menschen. Die breite Straße Unter den
Linden hatte reichen Flaggenschmuck angelegt, vom Zeughaus und dem
Kommandogebäude wehten die Fahnen, und auf dem Königsschlosse prangte
die gelbe Kaiser- und die rote Königsstandarte.
Immer dichter wurde das Menschengewühl, und lebhafter wurde die
Bewegung, als im hellen Sonnenglanz eine Abteilung Garde-Kürassiere
nach dem Bahnhofe ritt, um das Ehrengeleit für den Fürsten zu bilden.
Bald nach den glänzenden Reitern – es war um die Mittagszeit – fuhr ein
offener kaiserlicher Wagen durch die Straße, umbraust von Hoch- und
Hurrarufen: Des Kaisers Bruder, Prinz Heinrich, fuhr nach dem Lehrter
Bahnhofe, um den Ankommenden im Namen des Herrschers zu begrüßen.
Er dankte mit freudigem Gesichte dem jubelnden Volke und den an der
Moltkebrücke in vollem Wichs aufgestellten studentischen Verbindungen.
Auf dem Lehrter Bahnhofe hatten sich eine größere Anzahl hochgestellter
Persönlichkeiten und Freunde des Fürsten eingefunden. Kurz nach ein
Uhr fuhr der Zug ein, und Prinz Heinrich trat auf den Salonwagen zu,
an dessen Fenster sich bereits das markige Antlitz Bismarcks gezeigt
hatte. Nun stieg dieser aus, und der Prinz bewillkommnete ihn auf das
herzlichste und bot ihm seinen Arm.
Wohl hatte sich die Sonne wieder verhüllt, aber auch das trübere Licht
vermochte dem ergreifenden Bilde nichts von seiner Wirkung zu nehmen.
Auf den Arm des Kaisersohnes gestützt, schritt der greise Kanzler in
seiner Kürassieruniform, langsam, aber aufrecht einher, das ehrwürdige
Angesicht leuchtend vom Widerschein schöner freudiger Bewegung. Die
Tausende aber, die vor dem Bahnhofe seiner harrten, brachen bei seinem
Anblick in endlose Jubelrufe aus, die sich fortsetzten, wo immer der
kaiserliche Galawagen mit seinen beiden Insassen auftauchte. Die
Fenster des letzteren waren freilich wegen des kalten winterlichen
Hauches und mit Rücksicht auf die Gesundheit des Fürsten geschlossen
worden, aber sein freundliches Gesicht war doch sichtbar hinter den
Scheiben und begeisterte das Volk, das in musterhafter Ordnung in fünf
bis sechs Reihen dicht hintereinander stehend den Mittelweg Unter den
Linden besetzt hielt vom Brandenburger Tor bis an die Brücke.
Da tauchten die alten Erinnerungen wieder auf an die glanzvollen
Tage, welche Deutschland unter Kaiser Wilhelm I. und seinem Kanzler
geschaut hatte, an den Siegeseinzug von 1866 und nach 1870, und
sehnsuchtsvoller, dankbarer schlugen die Herzen dem herrlichen Manne
entgegen, dessen Name mit jener gewaltigen Zeit auf ewig verbunden war.
An allen Fenstern drängten sich die Köpfe, ja, von den Kandelabern der
Straßenlaternen herab schauten neugierig-mutwillige Knabengesichter,
und die Schutzmannschaft nahm es heute nicht übel, wenn hier und da
wohl auch einer auf einem Lindenast einen Sitz gefunden hatte.
Die Wachtparade war zur gewohnten Zeit, kurz vor ein Uhr, mit
klingendem Spiele nach dem Schlosse gezogen, und ihre Musikklänge
erhöhten die freudige Stimmung der Menge. Eine geraume Viertelstunde
später blinkten vom Brandenburger Tor her die Helme der
Garde-Kürassiere, und mit ihnen kam ein Brausen und Rufen, das sich
von Mund zu Mund fortpflanzte, immer anwachsend und immer stürmischer.
Eine Abteilung berittener Schutzleute jagte im stürmischen Ritt über
den Reitweg, näher kamen die Kürassiere, und hinterher der kaiserliche
Wagen.
Viel zu schnell für die Begeisterung der Menge, welche noch hinter ihm
dreinklang, war er vorüber, und die Blicke folgten ihm nach, wie er
seinen Weg verfolgte nach dem königlichen Schlosse zu.
Im Lustgarten standen die Bürgersteige gleichfalls voll dichtgedrängter
Menschen, die alle nach der Residenz hinüberschauten, vor deren Eingang
sich das bewegte Leben widerspiegelte, das heute in ihr herrschte.
Hofequipagen rollten heran und hinweg, Offiziere und Hofbeamte eilten
hin und her, herrlicher Blütenschmuck mitten im Winter war in reichster
Fülle herbeigebracht, und alles machte den Eindruck, daß man einen
lieben, hochzuehrenden Gast erwarte.
Die vom zweiten Garderegiment gestellte Ehrenkompagnie rückte
mit klingendem Spiele an und nahm zwischen den beiden Portalen
Aufstellung, und um die erste Mittagsstunde erschien der Kaiser. Er
trug die Kürassieruniform, und, mit begeistertem Morgengruß von seinen
Grenadieren empfangen, schritt er langsam deren Front entlang und trat
dann durch das Schloßportal zurück.
Unter den schmetternden Klängen der Musik schritt der Fürst neben dem
Prinzen Heinrich an der Front der präsentierenden Grenadiere hin, und
nun war kein Halten mehr für die immer stürmischer vordrängende Flut
des Volkes. Über den freien Platz vor dem Schlosse wogte sie heran,
schnell und immer schneller, und bald war der Gefeierte umringt von
den Tausenden, die nach seinen Händen, nach dem Saume seines Paletots
faßten, um ihm ihre Liebe und Verehrung zu bezeigen.
Jetzt betrat er das Schloß, durchschritt in dem ersten der für ihn
bestimmten Gastgemächer die Reihe des kaiserlichen Hauptquartiers – und
im zweiten stand er Kaiser Wilhelm II. selbst gegenüber, Auge in Auge,
Hand in Hand, und niemand war Zeuge dieser Begrüßung, deren Bedeutung
aber nachempfunden wurde, soweit die deutsche Zunge klingt.
Schöner konnten die freundschaftlichen Beziehungen des Herrschers zu
dem treuen Berater seines Hauses freilich kaum angedeutet werden, als
bei der Frühstückstafel, welche im allerengsten Kreise eingenommen
wurde. Zwischen dem Kaiser und der Kaiserin saß der Alt-Reichskanzler,
und niemand störte die freundliche Weihe dieser Stunde.
Dann war Kaiser Wilhelm auch auf die Ruhe seines Gastes bedacht, der
sich auf seinen Wunsch einige Zeit in seine Gemächer zurückzog. Aber
nicht für lange, denn ein solcher Tag konnte nicht zur Rast bestimmt
sein, und der Fürst zeigte, daß er trotz Alters und Unwohlseins noch
immer »der eiserne« Kanzler war. Um 4 Uhr nachmittags, nachdem ihm
schon vorher sein Amtsnachfolger General von Caprivi und sämtliche
Staatssekretäre durch Abgabe ihrer Karten begrüßt hatten, fuhr er bei
der Witwe Kaiser Friedrichs vor, um ihr seine Ehrerbietung zu beweisen,
und nach 6 Uhr fand er sich an der kaiserlichen Tafel ein, an welcher
außer dem kaiserlichen Paare auch König Albert von Sachsen und Graf
Herbert Bismarck teilnahmen.
Aufs neue aber begann sich die Volksmenge Unter den Linden
zusammenzuscharen, um den Fürsten auch bei seiner Abreise zu begrüßen.
Heller Lichtglanz flutete aus den Fenstern »Unter den Linden«, als um
7 Uhr 10 Minuten die Gardereiter durch die breite, prächtige Straße
ritten und hinter ihnen her der Galawagen rollte, in welchem diesmal
Kaiser Wilhelm II. selbst seinem Gaste das Geleit gab.
Auch der Lehrter Bahnhof war von vollem Lichtglanz erhellt, dessen
Schein die Gruppen der hohen Offiziere und des kaiserlichen
Hauptquartiers beleuchtete, das in erwartungsvollem Schweigen auf dem
Perron stand. Langsam schritt Bismarck zur Seite des Kaisers heran,
nach dem Salonwagen. Noch einmal fügte sich Hand in Hand, und in
sichtlicher Bewegung zog der junge Herrscher den greisen Recken näher
heran zu sich und küßte ihn wiederholt auf die Wangen.
Nun bestieg Bismarck den Salonwagen; entblößten Hauptes stand er an dem
Fenster und sah hinaus auf seinen Kaiser, der noch immer in huldvoller
Weise redete.
Das letzte Glockensignal verklang – – in die weithin schallenden
Hochrufe mischte sich der brausende Gesang:
Deutschland, Deutschland über Alles,
Über alles in der Welt!
Und den Nachhall dieses Liedes in gehobener Seele, fuhr der eiserne
Kanzler wieder heimwärts nach seinem stillen Sachsenwalde. Der
darauffolgende Besuch des Kaisers in Friedrichsruh besiegelte die
Versöhnung. Der letzte Schatten war gewichen aus seiner Brust, der
volle Friede eines großen, segensreichen, abgeschlossenen Wirkens
erfüllte ihn und verklärte wie ein mildes Rot den Abend seiner Tage.
* * * * *
Er sollte seinen lieben, stillen Sachsenwald nicht mehr verlassen. Mit
der gelassenen Ruhe des großen Mannes schaute er von seiner friedlichen
Warte den Welthändeln zu, glücklich im Kreise der Seinen, und immer
aufs neue erfreut durch die mannigfaltigen Kundgebungen der Liebe und
Verehrung seines deutschen Volkes, die ihn auch in seinem weltfernen
Asyl aufsuchten.
Da traf ihn der herbe Verlust seiner Gemahlin, die wie ein guter,
treuer Kamerad mit ihm durch das Leben gegangen, und die ihm innig
an das Herz gewachsen war. Seitdem sah ihn das Dasein mit immer
trüberen Augen an, und seine eigene Gesundheit kam immer mehr ins
Wanken. Und auch die treueste, hingebendste Liebe seiner Familie, die
aufopfernde Pflege seines Leibarztes Dr. Schweninger konnten zuletzt
das Unaufhaltsame nicht mehr aufhalten.
Es war der Sommer des Jahres 1898 gekommen und breitete seinen Schimmer
über den grünen Sachsenwald. Aber im Herrenhause zu Friedrichsruh
hegten liebende Herzen bange Besorgnisse. Der greise Fürst rang mit
immer wiederkehrenden Beschwerden, und wenn seine starke Natur auch
vorübergehend zu siegen schien, der heimtückische Gegner, mit dem er
kämpfte, setzte sein furchtbares Werk fort und brachte es jählings zu
Ende.
Am 28. Juli abends hatte der Fürst im Kreise der Seinen bei einem Glase
Wein gesessen, die geliebte Pfeife geschmaucht und sich lebhaft und
heiter wie in früheren Tagen unterhalten; am 30. vormittags las er
seine Zeitungen, frühstückte in gewohnter Weise und klagte scherzend
über den geringen Zusatz von Wein zu dem ihm gereichten Wasser. An dem
Nachmittag desselben Tages brach er zusammen, und um die elfte Stunde
der Nacht trat ihm schon der Tod an das große, treue Herz. Um ihn
stand seine Familie, ihm zur Seite der treue Leibarzt, der die letzten
Atembeschwerden ihm zu lindern bemüht gewesen, indes des Fürsten
edle Tochter, die Gräfin Rantzau, ihm den Todesschweiß von der Stirn
trocknete. Ihr galt des Sterbenden letztes Liebeswort: »Danke, mein
Kind!«
Dann lag er wie ein Schlafender, mit mildem, friedlichem Antlitz,
hoheitsvoll und edel. An seinen Sarg trat auch Kaiser Wilhelm II., der
auf die Trauerkunde, die er auf einer Nordlandsreise in Bergen erhalten
hatte, sogleich heimkehrte und am 2. August in Begleitung seiner
erlauchten Gemahlin in Friedrichsruh eingetroffen war. Im Sterbezimmer
fand die schlichte und doch so erhebende Trauerfeier statt. Das schwarz
drapierte Gemach war erfüllt von betäubendem Blumenduft, der das
ganze Schloß durchzog, und der schwarzpolierte Eichensarg verschwand
unter riesigen Kränzen, von denen Wagenladungen aus allen Teilen
Deutschlands nach dem stillen Friedrichsruh kamen. Am Fuße des Sarges
aber lagerte der prachtvolle Kranz von Teerosen auf Lorbeerblättern und
Eichenlaub, der auf einer weißseidenen Schleife die Anfangsbuchstaben
des Kaiserpaares trug.
Der Kaiser hatte gewünscht, daß »sein großer Toter« im Dome zu Berlin
beigesetzt werde, aber der eigene letzte Wunsch des Entschlafenen
stand dem entgegen. In seinem stillen Sachsenwalde wollte Bismarck
seinen letzten Schlaf schlafen in einem schmucklosen kleinen Hause, und
die Grabschrift, die er sich selbst verfaßt, sollte lauten:
»_Fürst von Bismarck, geboren am 1. April 1815, gestorben am ……, ein
treuer, deutscher Diener Kaiser Wilhelms des Ersten._«