Und wer nach Berlin kam, verabsäumte auch nicht, nach der Wilhelmstraße

zu wandern, um das schlichte Palais zu sehen, in welchem der Mann

wohnte, der »Deutschland in den Sattel gehoben hatte«, und dem es zu

danken war, daß es im Völkerrate eine hervorragende, ja, die erste

Rolle spielte. Das konnte zumal einem Besucher klarwerden, der in den

Junitagen des Jahres 1878 nach der Wilhelmstraße kam und sah, wie in

den Mittagsstunden ein Wagen nach dem anderen heranrollte, und hörte,

wer die Besucher des Reichskanzlerpalais waren. Die Staatsmänner

sämtlicher europäischen Großmächte fanden sich hier zusammen zu

wichtigen Beratungen, und wenn wir in den vornehmen, doch einfachen

Sitzungssaal einen Blick werfen, sehen wir den österreichischen Kanzler

Grafen Andrassy in seiner goldstrotzenden Husarenuniform neben dem

russischen Kanzler Grafen Gortschakoff, der durch seine glänzenden

Brillengläser mit seinen klaren, scharfen Augen Umschau hält; ihm zur

Seite steht Graf Schuwaloff, der russische Botschafter, im Gespräche

mit dem hageren englischen Ministerpräsidenten Beaconsfield, und dem

italienischen Gesandten Grafen Corti; der Charakterkopf des Lords Odo

Russel taucht neben den mit dem Fez bedeckten Häuptern von Mohammed

Ali Pascha und Karatheodori Pascha auf; mit dem ungarischen Grafen

Caroly konversieren lebhaft die Gesandten Frankreichs, Waddington und

Desprez … und unter all diesen bedeutenden Persönlichkeiten steht Graf

Bismarck, hervorragend durch seine äußere Erscheinung sowie durch seine

Stellung, welche ihm in diesem Kreise angewiesen ist.

Das ist der _europäische Friedenskongreß_, welcher auf Bismarcks

Anregung zusammengetreten ist, um nach Beendigung des im Jahr 1877

geführten Krieges zwischen Rußland und der Türkei weitere feindselige

Verwicklungen fernzuhalten, und der deutsche Kanzler ist der Präsident

des Kongresses und leitet die Verhandlungen mit seiner sicheren Ruhe

und energischen Klarheit. Und Europa durfte ihm Dank dafür wissen. Er

wollte dabei nicht mehr sein als »der ehrliche Makler«, und das Wort

hat er redlich eingelöst.

Der Kongreß war aber zu einer Zeit zusammengetreten, da das Herz des

Kanzlers noch blutete unter dem Nachklang ungeheurer Freveltaten,

welche das ganze deutsche Volk tief erschüttert hatten.

Schon am 11. Mai nachmittags hatte ein verkommenes Individuum, der

Klempnergeselle Hödel, ein Attentat verübt gegen den greisen Kaiser

Wilhelm, aber Gott hatte schützend seine Hand gehalten über dem

geweihten, vielgeliebten Haupte.

Da geschah das Unglaubliche, Ungeheure zum zweiten Male. Als Kaiser

Wilhelm am 2. Juni die Straße Unter den Linden dahinfuhr, fielen

aus dem zweiten Stockwerk des Hauses Nr. 18 rasch nacheinander zwei

Schüsse. Zahlreiche starke Schrotkörner drangen in Kopf, Arm und Rücken

des greisen Helden, der blutüberströmt, auf seinen Leibjäger gestützt,

im offenen Wagen dahinfuhr, während die zornig erregten Zuschauer des

entsetzlichen Vorgangs in das Haus eindrangen, von welchem aus der

Attentäter gefeuert hatte. Die Tür seines Zimmers wurde aufgesprengt,

einige Offiziere, Kriminalschutzleute und andere Personen drangen ein,

noch zwei Schüsse krachten ihnen entgegen, am Ofen des Gemaches aber

lehnte mit blutigem Antlitz ein Mensch, der nach seiner Freveltat

bereits Hand an sich selbst gelegt hatte. Rasch war er überwältigt und

in Haft gebracht, und es ergab sich, daß er der Landwirt ~Dr. phil.~

Nobiling war, und ebenso wie Hödel durch die fanatische Verhetzung der

Sozialdemokratie zu dem furchtbaren Verbrechen veranlaßt worden war.

Wie ein Lauffeuer war die entsetzliche Kunde durch Berlin geflogen, der

Telegraph hatte sie fortgetragen durch die Welt und hatte sie schnell

genug auch nach dem stillen Friedrichsruh gebracht, wo der Kanzler an

der Gürtelrose erkrankt war. Da schreckte er empor, er vergaß seine

Krankheit und eilte an das Schmerzenslager seines teuren, greisen

Herrn. Noch sah er die Wunden auf dem geliebten Angesicht, und Schmerz,

heiliger Zorn und glühende Hingebung erfaßten den gewaltigen Mann. Er

fühlte, wie es ihm heiß in die Augen stieg, aber er gelobte sich auch

in dieser Stunde auszuhalten bei seinem Kaiser, solange ihn dieser

nicht entlassen würde.

Aber auch dem furchtbaren Feinde galt es zu Leibe zu gehen, der das

Mark des deutschen Volkes zu vergiften sich bemühte, und der durch

seine verhetzenden Grundsätze deutschgeborenen Männern die Mordwaffe

gegen ihren Kaiser in die Hand gedrückt hatte – der Sozialdemokratie.

Und unter dem Eindruck der fluchwürdigen Tat Nobilings stimmte der

Reichstag dem von dem Kanzler ihm vorgelegten Ausnahmegesetz gegen die

Sozialdemokratie zu.

Wie ein zorniger Löwe war er eingetreten für dies Gesetz, das dem

Schutze des friedlichen Bürgers dienen sollte, und ergreifend klangen

die Worte, welche er im Reichstage sprach, durch alles deutsche Land:

»Wenn die sozialistischen Agitatoren den Leuten, die zwar lesen, aber

nicht das Gelesene beurteilen können, glänzende Versprechungen machen,

dabei in Hohn und Spott, in Bild und Wort alles, was ihnen bisher

heilig gewesen ist, als einen Zopf, als eine Lüge darstellen, alles

das, was unsere Väter und uns mit dem Motto: »Mit Gott für König und

Vaterland!« geführt und begeistert hat, als eine hohle Redensart, als

einen Schwindel hinstellen, ihnen den Glauben an Gott, den Glauben an

unser Königtum, die Anhänglichkeit an das Vaterland, den Glauben an

die Familienverhältnisse, an den Besitz, an die Vererbung dessen, was

sie für ihre Kinder erworben, ihnen alles das nehmen, so ist es doch

nicht allzu schwer, einen Menschen von geringem Bildungsgrade dahin zu

führen, daß er schließlich mit Faust spricht: »Fluch sei der Hoffnung,

Fluch dem Glauben und Fluch vor allem der Geduld!« Ein so geistig

verarmter und nackt ausgezogener Mensch, was bleibt dann dem übrig,

als eine wilde Jagd nach sinnlichen Genüssen, die allein ihn noch mit

diesem Leben versöhnen können! Wenn ich zu dem Unglauben gekommen wäre,

der diesen Leuten beigebracht ist – ja, meine Herren, ich lebe in einer

reichen Tätigkeit, in einer wohlhabenden Situation; aber das alles

könnte mich doch nicht zu dem Wunsche veranlassen, einen Tag länger

zu leben, wenn ich das, was der Dichter nennt: »an Gott und bessere

Zukunft glauben«, nicht hätte. – Rauben Sie das dem Armen, dem Sie gar

keine Entschädigung gewähren können, so bereiten Sie ihn eben zu dem

Lebensüberdruß vor, der sich in ruchlosen Taten äußert, wie wir sie

soeben erlebt haben.«

In jenen Tagen tiefgehender Erregung war ihm der Frieden seines Hauses

und Heims doppelt wertvoll, und die Stunden im Kreise seiner Familie,

im vertrauten Verkehr mit Freunden und selbst parlamentarischen Gegnern

an seinem Herde boten manche Anregung und Erholung.

Wilhelmstraße 76! Es ist ein ziemlich einfaches, mäßig großes Gebäude,

dies Wohnhaus des deutschen Reichskanzlers in Berlin, in dessen erstem

und einzigem Stockwerk der größte deutsche Mann der Gegenwart sein Heim

hatte.

Es war Herbst geworden in dem unseligen Jahre 1878, und die Bäume in

dem Parke hinter dem Palais haben angefangen sich zu verfärben. Unter

ihnen schreitet der Kanzler hin, und wie einst als Knabe, so freut

er sich auch jetzt noch der Schönheiten der Natur, wo immer sie ihm

begegnen. Hier ist für ihn in dem geräuschvollen, lärmenden Berlin eine

freundliche Oase. Aus den Kronen uralter, stammgewaltiger Buchen und

Linden singen die Vögel, dichtes, noch immer grünes Buschwerk umsäumt

die Wege, und in der herrlichen, von stattlichen Rüstern überwölbten

Allee schreitet der Kanzler hin neben der geliebten Frau, der Gefährtin

seiner Tage, seinem guten Kameraden.

Die Frau des Hauses ist zwar heute besonders beschäftigt, denn am Abend

gilt es Gäste zu empfangen zu einer der beliebten parlamentarischen

Soireen, aber etwas Zeit bleibt für den Gatten, der so manches in ihr

treues, verschwiegenes Herz niederlegt, ehe er mit anderen darüber

verhandelt. Ein Stündchen ist zwischen den grünen Gehegen rasch

genug vergangen, und Bismarck geht nach seinem Arbeitszimmer. Es ist

nicht besonders groß, einfach, aber geschmackvoll in seiner ganzen

Ausstattung. Über dem großen Schlafsofa hängen mehrere Porträte,

darunter vor allem jene des kaiserlichen Herrn im Zivilanzuge, wie in

Generalsuniform; von einer anderen Wand schaut das Bild König Ludwigs

II. von Bayern her, es fehlen nicht in breiten goldenen Rahmen die

lebensgroßen Porträte der beiden gewaltigen Hohenzollern, des Großen

Kurfürsten und Friedrichs II., aber auch der Gegenwart wird ihr Recht.

Über dem Mahagonistehpult sehen die freundlichen Augen der Fürstin

Bismarck herab, und in ovalem Goldrahmen prangt an der Wand das in Öl

ausgeführte Porträt der Komteß Marie. Auch das Gipsmedaillon des treuen

Genossen, des Generals Moltke, fehlt nicht.

In der Mitte des Raumes steht der umfangreiche Schreibtisch, davor

zwei Polsterlehnstühle, in deren einem der Kanzler sich langsam

niedergelassen hat. Er lehnt sich noch einmal sinnend zurück und läßt

den Blick über den Tisch hinschweifen, an dem so manches bedeutsame

Schriftstück die letzte Vollendung erhalten hat. Seine Hand hat einen

der großen Bleistifte gefaßt und gleitet mit diesem über das rote

Löschpapier, das auf der grünen Tuchunterlage ruht. Vor ihm stehen

mancherlei Erinnerungen: Ein Briefbeschwerer aus einer 1866 eroberten

Kanone, und ein anderer, zu dem ein französisches Geschütz das Material

geliefert hat, und anderes mehr.

Das Signal »der Fürst ist im Arbeitszimmer« ist durch das Haus

gegangen, und es währt nicht lange, so erscheint der Geheime

Legationsrat Lothar Bucher, ein Herr von etwa sechzig Jahren mit einem

vornehmen Gesichte und klaren, verständigen Augen, der seit 1864 ein

treuer und gediegener Mitarbeiter Bismarcks geworden ist; er hält

dem Kanzler Vortrag, und nimmt seine Weisungen entgegen. Und von dem

kleinen Arbeitszimmer Bismarcks aus laufen all die tausend Fäden, die

mit der Regierung eines großen Reiches verknüpft sind.

So kommt der Abend, und der Kanzler hat daran zu denken, daß er die

Pflichten des gastfreundlich liebenswürdigen Wirtes zu üben hat.

Um die neunte Stunde belebten sich die Räume der ersten Etage.

Abgeordnete von allen Parteischattierungen stiegen die teppichbelegten

Treppen hinan, vorüber an zahlreichen Dienern in schwarzweißer Livree,

und betraten das behagliche, freundliche Empfangszimmer, wo der

Hausherr nebst seiner Gemahlin sie bereits begrüßte und den meisten

herzlich die Hand drückte. Flüchtig streiften die Augen der Ankommenden

durch den hellen Raum, und manch einer ließ sie auf dem springenden

Hasen, der auf dem Büfett stand, haften.

Da es sich just etwas um den Hausherrn lichtete, und die Besucher in

das Billardzimmer traten, fragte einer derselben flüchtig, was wohl

dieser »Meister Lampe« für eine besondere Bedeutung habe.

»Ja, sehen Sie, dieser Hase ist brünett,« sagte lächelnd der Kanzler.

»Brünett?«

»Ja, er hat einen dunkelbraunen Kopf und Rücken, während seine

Verwandtschaft gelb ist. Er war der einzige Brünette unter

fünfzehnhundert, die wir an dem Tage schossen.«

Durch die offene Tür warfen die Besucher einen Blick in das

Arbeitszimmer des großen Staatsmannes, ehe sie in die eigentlichen

Gesellschaftsräume traten und sich in denselben verteilten. Es

herrschte bald der heiterste und zwangloseste Verkehr, die weißen

Glacéhandschuhe verschwanden, in den Nischen der Fenster, an den

kleinen Tischen, überall bildeten sich plaudernde Gruppen, während die

Diener den Tee herumreichten. Frack und Uniform verkehrten friedlich

und gemütlich, sowie die Vertreter aller Fraktionen selbst. Da saß der

kleine, bewegliche Exminister von Hannover, Windthorst, zusammen mit

dem liberalen Forckenbeck, der Zentrumsführer Reichensperger mit dem

mitunter boshaften Lasker, und Scherzworte gingen hin und her.

Der Verkehr zog sich mehr nach dem länglich runden Speisesaale mit

seinen gelben Marmorwänden, von dessen Decke der altertümliche

Kronleuchter mit Messingreifen und Glasperlen herniederhängt, während

von der Wand eine Anzahl siebenarmiger Bronzeleuchter ihr Licht

hinwerfen über das belebte Bild. In diesem Raume war das Büfett

aufgestellt, das gar manches Verlockende darbot, und bald sah man

die Gäste da und dort beisammen stehen mit ihrem Teller in der Hand,

während behaglichere sich zusammensetzten, und die herumgehenden Diener

aus prächtigen silbernen Humpen das schäumende Bier einschenkten.

Der liebenswürdige Gastgeber aber tauchte mit seiner breiten Gestalt

bald da, bald dort auf, unter der machtvollen Stirne leuchteten die

Augen so frei und freundlich, und überall fand er das rechte Wort, um

die Stimmung zu beleben, und beim Zusammentreffen der Gegensätze jede

feindselige Spitze abzubrechen. Zuerst hatte das Gespräch noch eine

vorwiegend politische Färbung gehabt im Anschlusse an die erregten

Debatten über das Sozialistengesetz.

»Großen Nutzen erwarten wir von dem Gesetze nicht, Ausnahmegesetze sind

immer bedenklich!« hatte ein oppositioneller Abgeordneter bemerkt, und

Bismarck, welcher es vernahm, erwiderte:

»Mit der bloßen Abwehr der sozialistischen Umtriebe ist es freilich

nicht getan, es muß auch an die positive Heilung der sozialistischen

Schäden gegangen werden. Der Staat muß sich des kleinen Mannes, der

arbeitenden Klassen annehmen und ihnen helfen!«

»Aber das ist ja Staatssozialismus!« rief eine Stimme.

»Halt, meine Herren, so möchte ich es nicht bezeichnen, es ist vielmehr

praktisches Christentum, denn meines Erachtens sollte ein Staat, der

seiner großen Mehrzahl nach aus aufrichtigen Bekennern des christlichen

Glaubens besteht, auch bemüht sein, den Armen, Schwachen und Alten zu

helfen.«

Aber schon schweift der Blick des Kanzlers wieder durch den Kreis

seiner Gäste. Auf einem alten Herrn bleibt er haften, das war ein

Verbindungsbruder aus der fröhlichen Göttinger Studentenzeit, und

mit dem Glase in der Hand trat der Fürst an ihn heran: »Auf das alte

Blau-Rot-Gold der Göttinger Hannovera, Herr Korpsbruder!« und kräftig

klingen die Gläser zusammen.

Gleich darauf wendete er sich einer Gruppe von Herren zu, deren

heiteres Lachen ihn an ihren Tisch zog.

»Der vortreffliche Rehrücken verleitet zu Jagdgeschichten, und der Herr

Kollege X. verübt ein beneidenswertes Jägerlatein!« sagte einer der

Herren. Bismarck ließ sich bei ihnen nieder.

»Hören Sie, meine Herren, da kann ich mir’s nicht versagen, just

in Ihrem Kreise – und Sie repräsentieren Frankfurt-Nassau – eine

Jagdgeschichte zu berichten, die Ihren Landsmann, den »dicken

Daumer« mitbetrifft. Vielleicht ist einem oder dem anderen unter

Ihnen erinnerlich, daß derselbe von einer beständigen und gewaltigen

Todesfurcht gepeinigt wurde und durchaus nicht an das Sterben erinnert

sein wollte. Eines schönen Herbstmorgens bin ich mit ihm bei Frankfurt

auf der Jagd gewesen. Als wir hoch im Gebirge Rast hielten, fand ich

zu meinem Schrecken, daß ich mich nicht mit einem Frühstück versehen

hatte. Der »dicke Daumer« aber zog mit Behagen eine mächtige Wurst

hervor, von welcher er mir in großmütiger Weise die Hälfte anbot. Er

begann zu schmausen, mit einem beneidenswerten, in meiner Situation

aber sehr bedauerlichen Appetit, denn er war bereits in meine Hälfte

seiner Wurst hineingeraten. Ich hätte vor Wehmut Frankfurterisch reden

mögen. Da frage ich ihn denn so von ungefähr:

»Ach, sagen Sie mir, Her Daumer, was is doch des Weiße da unne, was aus

de Zwetschebaim herausschaut?«

»Gott, Exzellenz, da möchte eim ja der Appetit vergehe – des is der

Kirchhof.«

»Aber, lieber Daumer, da wollen wir uns doch beizeiten ein Plätzchen

suchen, da muß sich’s wunderbar friedlich ruhn.«

»Nu, Exzellenz, nu leg’ i awer die Wurscht weg.« Der dicke Daumer blieb

bei seinem Entschlusse, und ich hatte mein ordentliches Frühstück!«

Unter dem allgemein anhaltenden Lachen war Bismarck aufgestanden und

bereits zu einer anderen Gruppe getreten. Hier wurde eben erzählt, daß

ein bekannter Herr mit dem Pferde gestürzt sei, und er bemerkte:

»Ich glaube, daß es nicht reicht, wenn ich sage, daß mir das wohl

fünfzigmal passiert ist. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem

Pferde, so daß es auf einem liegt, das ist schlimm. Dabei habe ich mir

in Varzin einmal drei Rippen gebrochen. Das Seltsamste aber, was ich

in dieser Beziehung erlebte, war das: Ich war mit meinem Bruder auf

dem Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört

mein Bruder, der etwas voraus war, auf einmal einen fürchterlichen

Knall: Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein Pferd

war von der Laterne eines entgegenkommenden Wagens gescheut und mit

mir zusammengefallen, und zwar auch auf den Kopf. Ich verlor zuerst

die Besinnung, und als ich wieder zu mir kam, hatte ich sie nur halb

wieder. Das heißt, ein Teil meines Denkvermögens war ganz gut und klar,

die andere Hälfte war weg. Da mein Sattel zerbrochen war, nahm ich das

Pferd des Reitknechts und ritt nach Hause. Als mich da die Hunde zur

Begrüßung anbellten, hielt ich sie für fremde Hunde und schalt auf

sie. Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man

solle ihn doch auf einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie das

auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ich wußte nicht, daß

ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder vielmehr, ich war

ich und auch zugleich der Reitknecht. Ich verlangte nun zu essen, dann

ging ich zu Bette, und als ich am Morgen ausgeschlafen hatte, war alles

wieder gut.«

Nun wurden im Saale die Zigarren angebrannt, der Kanzler aber bat sich

aus, seine Pfeife rauchen zu dürfen; behaglich stiegen die blauen

Wölkchen gegen die Decke, und die Stimmung der Gäste wurde immer

lebendiger.

»Eine hocherfreuliche Eintracht zwischen Nord- und Süddeutschland!«

rief der Fürst lachend an einem Tische, wo Abgeordnete von diesseits

und jenseits des Mains sich in heiterster Weise unterhielten und

eben mit den gefüllten Gläsern anstießen. »Lassen Sie mich dieselbe

mitfeiern!«

»Ihr Verdienst, Durchlaucht!« rief einer der Gäste.

»Na, wie man’s nimmt! Der Himmel hat’s zum Segen gewendet. Aber wissen

Sie, wäre der Krieg von 1866 uns mißglückt, so hätte ich als Soldat den

Tod gesucht, denn ich bin überzeugt, daß mich sonst die alten Weiber in

Berlin mit nassen Handtüchern totgeschlagen hätten.«

»Ihr Empfinden in weltgeschichtlich bedeutenden und entscheidenden

Momenten muß aber doch jederzeit ein erhebendes und gewaltiges gewesen

sein, Durchlaucht,« bemerkte ein Abgeordneter, »wie war Ihnen wohl

zumute, als Sie mit Kaiser Napoleon nach Sedan zusammentrafen?«

»Ja, sehen Sie, meine Herren, das ist nun fast wunderlich. Als ich in

dem Stübchen des Weberhauses bei Donchery mit ihm zusammensaß, war mir

so wie als jungem Menschen auf dem Balle, wenn ich ein Mädchen zum

Kotillon engagiert hatte, mit dem ich kein Wort zu sprechen wußte, und

das niemand abholen wollte.«

So verrann die Zeit in dem gastfreundlichen, liebenswürdigen Hause,

und um die elfte Stunde brachen die Besucher allmählich auf. Der Fürst

reichte jedem freundlich die Hand und vergaß nicht, ein herzliches »Auf

Wiedersehen« beizufügen.

Der letzte Gast ist gegangen; der Kanzler steht einige Augenblicke

allein in dem Teezimmer und stützt die Hand auf einen kleinen

Mahagonitisch, auf welchem eine Metallplatte angebracht ist mit der

Inschrift: »Auf diesem Tische ist der Präliminarfriede zwischen

Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles, Rue de

Provence Nr. 14, unterzeichnet worden.« Sein Blick fliegt über die

Ahnenbilder an der Wand, ein leises Lächeln huscht um die Mundwinkel,

als ob ein angenehmer Gedanke ihm durch die Seele ziehe, dann tritt er

in das kleine anstoßende Gemach, wo bei traulichem Lampenschimmer seine

Gemahlin mit einigen verwandten Damen sitzt, und bringt noch einige

Zeit in anmutigem Geplauder zu.

Hierauf sucht er noch einmal sein Arbeitsgemach auf, aber diesmal

nur flüchtig, und tritt von hier aus durch eine Tapetentür in sein

Schlafgemach, wo das von einem rotbekleideten Schirm umgebene Bett

steht, und wo ein behagliches Sofa mit einigen Polsterlehnsesseln,

eine kleine Mahagonikommode und ein alter Holzschrein an der Wand die

einfache Einrichtung vervollständigen.

Der Kanzler tritt noch einmal an das einzige Fenster, schiebt den

Wollvorhang zurück und sieht hinaus. Leise verhallend klingt der Lärm

der auch in der Nacht nicht rastenden Großstadt hierher, aber er stört

nicht, und hoch am Himmel blinken die tausend und abertausend Sterne.

Der einsame Mann aber betet im frommen Aufblick in tiefster Seele:

»Vater im Himmel, schütze Reich und Kaiser!«

Zwölftes Kapitel.

In Ehren und Schmerzen.

Am Abend des 1. März 1885 ging durch Berlin eine freudige Erregung.

Es war der Vorabend des siebzigsten Geburtstages des Reichskanzlers,

und die Hauptstadt rüstete sich, denselben festlich zu begehen. Zumal

Unter den Linden, in der Wilhelmstraße und in allen angrenzenden

Straßen bis zum Kreuzberg hinauf drängten und fluteten Hunderttausende

durcheinander, um den großartigen Fackelzug zu sehen, den die Verehrung

der Vertreter eines ganzen Volkes dem großen Staatsmann darbrachte.

An den verschiedensten Punkten hatten sich die Teilnehmer gesammelt,

und um die siebente Stunde fanden sich die einzelnen Züge im Lustgarten

zusammen, und dann strömte es hinein in die breite Straße Unter den

Linden, um zuerst an dem Königsschlosse vorüberzudefilieren. Um ½8

kam die Spitze des Zuges bei demselben an, und weithin schallender

Jubel, begeisterter Gesang der Königshymne verkündete, daß der greise

Kaiser sich seinem Volke zeigte, freudig bewegt über die Kundgebung der

Verehrung, die seinem treuesten Diener dargebracht wurde.

Eine Viertelstunde später bog der Zug in die Wilhelmstraße ein. Alle

Fenster waren dichtbesetzt von Menschen, die Straße selbst lag in

feierlicher Stille, abgesperrt von jedem Verkehr. Sechs Fanfarenbläser

in reicher Heroldstracht eröffneten den Zug, dann kamen im Galawagen

das Zentralkomitee, zahllose Sänger und die Vertreter der deutschen

Hochschulen mit flatternden Fahnen und wehenden Bannern, auf welche der

rote Schimmer der Fackeln leuchtete, welche die nebenher Schreitenden

trugen.

Vor dem Reichskanzlerpalais bogen die Sänger in den Schloßhof ein – am

Eckfenster erschien die stattliche Gestalt des Fürsten, und während

aus tausend Kehlen wie ein machtvoller Hymnus das Lied »Deutschland,

Deutschland über alles« erklang, immer aufs neue übertönt von den

brausenden Hochrufen, entwickelte sich der glänzende Zug immer mehr.

Nun flutete heller Lichtschimmer durch die Straße. Der Zug der Künstler

kam. Alles war in Pracht und Glanz getaucht, und märchenhaft schön trat

aus den wogenden Menschen ein riesenhaftes Schiff hervor, auf welchem

unter einem prachtvollen Baldachin die imposante Gestalt der Germania

sich zeigte, den Goldhelm auf dem blonden Gelock, das blanke Schwert

im Arm, wie sie freundlich niedersah auf ein Bild des Friedens. Ihr zu

Füßen stehen, in anmutigen Frauengestalten verkörpert, die deutschen

Stämme um den von Adlern geschirmten Thron, und um sie her bindet der

Landmann seine Garben, hämmert der fleißige Schmied, regt sich Gärtner

und Fischer und scharen sich fleißige Schüler um das engumschlungene

liebliche Schwesternpaar Elsaß-Lothringen. Nach dem Bugspriet zu aber

halten deutsche Soldaten, um ihre Fahnen gereiht, die Friedenswacht.

Dann kamen, von deutschen Künstlern wirksam dargestellt, die deutschen

Brüder aus den Kolonien, die Bismarck dem Reiche gewonnen. King Bell

auf hohem Kamele reitet ihnen voran, und ihm folgen die Würdenträger

von Kamerun, das wunderliche Volk der fremden Schlangenbändiger und

Sänger, und die drastischen Gestalten der braunen Landwehrleute, die

sich vor dem Kanzler platt auf die Erde niederwerfen.

Vorüber! Bei zweihundert Ruderer und Segler bilden die Einleitung zu

den patriotischen Vereinen der Hauptstadt, es folgen die Innungen mit

den festlich geschmückten Bannern; rot glänzt der Schein ihrer tausend

Fackeln, der dunkle Qualm lagert sich breit und wuchtig über dem

Bilde, und immer aufs neue folgen phantastische Prunkwagen, schimmernde

Embleme, wunderliche Transparente und noch immer kein Ende!

Anderthalb Stunden waren vergangen. Mit den Seinen stand der Kanzler am

Fenster, hochaufgerichtet, die Seele erfüllt von glücklichem Stolze,

von dem freudigsten Bewußtsein der Verehrung des deutschen Volkes, das

ihn in dieser Stunde entschädigte für manchen herben und bitteren Tag.

Das Buch vom eisernen Kanzler: Eine Erzählung für Deutschlands Jugend · 第 14 / 17 段