Heeresmacht; das sind Banden, die unter die Kategorie Ihrer
Freischärler fallen, mit ihnen werden wir nicht paktieren. Haben wir
uns auch veranlaßt gesehen, uns mit ihnen zu schlagen, so mag man
uns doch nicht zumuten, durch ein solches Zugeständnis ihnen eine
Berechtigung zuzuerkennen, sich in den Streit zweier großen Nationen zu
mischen.«
Der gewaltige Recke war in heftige und zornige Erregung gekommen,
und der Graf d’Hérisson, der ein schweigender Zeuge dieser ganzen
Szene war, gedachte jetzt der Äußerung, welche Bismarck vorher getan.
Mit einem raschen, kühnen Entschlusse faßte er den auf dem Tisch
stehenden kleinen Teller mit Zigarren und bot mit einer ehrerbietigen
Verbeugung dieselben dem Kanzler dar. Einen Augenblick sah ihn Bismarck
einigermaßen erstaunt an, dann flog ein Schimmer von Verständnis über
sein Gesicht, wie ein leichtes Lächeln spielte es um seinen Mund, und
er sagte:
»Sie haben recht, Kapitän, es führt zu nichts, sich zu ereifern … im
Gegenteil!«
Und als Jules Favre mit erneuter Wärme sich für den Waffenstillstand
mit Garibaldi verwendete, wurde ihm derselbe auch tatsächlich noch
zugestanden.
Die Verhandlungen dauerten auch in den nächsten Tagen noch fort. Am
Abend des 26. Januar aber fuhr der kaiserlich französische Wagen mit
dem abgekratzten Wappen wieder vor dem Hause in der Rue de Provence
vor, und in verbindlicher Weise geleitete Bismarck seine Gäste zu
demselben. Die stattliche, stolze Gestalt in der Kürassieruniform
sah achtungsgebietend aus neben der etwas zusammengebeugten hageren
und schlotterigen Erscheinung des Pariser Advokaten, dem der Kanzler
freundlich die Hand reichte. Ein Mitgefühl erfaßte ihn für den Mann,
der doch auch im Dienste seines Volkes und seiner Heimat unter den
mißlichsten Verhältnissen wirkte, und er sprach:
»Ich glaube nicht, daß, nachdem wir so weit gekommen, ein Abbruch der
Verhandlungen möglich wäre. Wenn Sie derselben Ansicht sind, wollen wir
heute abend das Feuer einstellen.«
In den Augen des Franzosen leuchtete ein Strahl dankbarer Freude auf,
als er erwiderte:
»Da ich das Unglück habe, das besiegte Paris zu vertreten, wollte
ich nicht um eine Gunst bitten, so sehr mir dies am Herzen lag. Ich
nehme gern Ihr Anerbieten an; es ist der erste Trost, den ich in
unserem Unglück empfinde. Es war mir ein unerträglicher Gedanke, daß
unnützes Blut vergossen wird, während wir über die Bedingungen eines
Waffenstillstandes verhandeln.«
»Nun wohl, so lassen wir beiderseits Befehl ergehen, daß das Feuer um
Mitternacht schweigt.«
Die Nacht brach ein, da und dort war der Himmel gerötet von Feuersglut,
die Kanonen donnerten zornig gegeneinander, um die zwölfte Stunde
aber ward es mit einmal still. Ein letzter dröhnender Schuß von der
Seinestadt herüber, und kein deutscher Schuß gab die Antwort mehr
darauf … Tiefe, beinahe ergreifende Ruhe lag über dem nächtlichen Lande.
Die Waffen hörten nun überhaupt auf zu sprechen, und am 21. Februar
trafen die neugewählten Häupter der jungen französischen Republik im
deutschen Hauptquartier ein, nachdem sich vorher die Kapitulation
von Paris vollzogen hatte; es waren _Jules Favre_ und der greise,
redegewandte und diplomatisch erfahrene _Adolf Thiers_.
So saßen sie abermals um den runden Tisch, der kleine Franzose mit
dem glatten, geistvollen Gesicht und den klugen Augen, die hinter
glänzenden Brillengläsern hervorschauten, der hagere, blasse Jules
Favre und Bismarck in seiner einfachen Uniform mit dem Eisernen Kreuze
auf der breiten Brust. Daß den Franzosen die Bedingungen, unter welchen
ihrem Lande der Friede gewährt werden sollte, hart erschienen, ist
begreiflich, aber der Kanzler wußte, was er notwendig begehren mußte:
Die Herausgabe von Elsaß-Lothringen mit den Festungen Belfort und Metz
und eine Kriegsentschädigung von 6 Milliarden Francs.
Wenn Thiers jemals den Ruf eines überaus beredten Mannes gerechtfertigt
hat, so war es in jenen Stunden, da er alles aufbot, um wenigstens
einigermaßen glimpflichere Bedingungen zu erhalten. Wenn auch
Elsaß-Lothringen preisgegeben werden mußte, so suchte er doch Metz und
Belfort für Frankreich zu retten und die Kontribution zu verringern. Im
letzteren Punkte gab Bismarck nach und ging von sechs Milliarden Francs
auf fünf herab, im übrigen aber blieb er fest. Bündig, klar und höflich
setzte er dies in seinem gewandten Französisch den beiden Gegnern
auseinander, und angesichts dieser unerschütterlichen Festigkeit geriet
Thiers in heftigere Erregung, so daß er sich zu der Äußerung hinreißen
ließ:
»~Ah, c’est une spoliation véritable, c’est une indignité~« (Ach, das
ist ja ein wahrhafter Raub, eine Schlechtigkeit!).
Bismarck hielt den Vertretern des gedemütigten, schwer getroffenen
Frankreich viel zugute, aber das ging über das Maß dessen hinaus, was
er als Vertreter Deutschlands sich bieten lassen durfte. Er erhob sich
von seinem Sitze, richtete sich hoch auf, sah den kleinen, erregten
Franzosen durchdringend an und sagte dann kühl und gemessen in
deutscher Sprache:
»Ich bedaure, aus der mir unverständlichen Äußerung, welche Sie
soeben getan, entnehmen zu müssen, daß ich des Französischen nicht so
mächtig bin, als es wünschenswert wäre, um unsere Verhandlungen in
französischer Sprache fortsetzen zu können. Wir werden uns deshalb der
deutschen Sprache bedienen müssen, um so mehr, da ich keinen Grund
erkennen kann, weshalb wir dies nicht von Anfang an getan haben. Ich
werde mir gestatten, die von uns gestellten Bedingungen des Friedens
noch einmal zusammenzufassen.«
Während er das letztere tat, saß Thiers zusammengesunken in seinem
Stuhle, Favre aber war aufgesprungen, mit erregten Händen durch das
graue Haar gefahren, dann eilte er nach einer Ecke des Gemaches und
drückte sein Haupt an die Wand.
Endlich faßte sich Thiers. Ein Zug des Unmuts ging über sein Gesicht,
dann erhob er sich, trat an einen anderen Tisch, ergriff hastig die
Feder und schrieb einiges nieder auf ein Blatt Papier, welches er nun
Bismarck reichte.
»Ist es das, was Sie wünschen?« fragte er mit vor Erregung heiserer
Stimme.
Bismarck warf einen Blick auf das Geschriebene, ein verbindliches
Lächeln huschte über seine ernsten Züge, und indem er sich langsam in
seinen Sessel niederließ, sprach er:
»Auf dieser Grundlage können wir die Verhandlungen auch in
französischer Sprache wieder aufnehmen.«
Aufs neue begann Thiers wegen Belfort zu unterhandeln mit dem Aufgebot
seines ganzen Patriotismus, mit seiner wärmsten Beredtsamkeit, aber
der Kanzler blieb auch jetzt voll höflicher Festigkeit, und tiefatmend
sagte der Franzose:
»Nun denn – Sie wollen, daß wir durch das Joch gehen, und unsere
ganze Unterhandlung ist leerer Schein. Belfort ist eine rein
französische Stadt; wollen Sie uns dieselbe nehmen, so heißt das einen
Vernichtungskrieg gegen Frankreich führen. Nun gut, führen Sie ihn
– wir aber werden Sie bis zum letzten Atemzug bekämpfen, wir werden
vielleicht erliegen, aber nicht entehrt sein!«
Das leidenschaftliche Pathos des Franzosen hatte etwas Erschütterndes,
und selbst Bismarck empfand dies. Er versicherte sich der Genehmigung
seines Kaisers und Königs, dann ließ er den Abgeordneten Frankreichs
die Wahl, ob sie Belfort behalten oder sich den Einmarsch deutscher
Truppen in ihre Hauptstadt, gegen welchen sie gleichfalls
remonstrierten, gefallen lassen wollten. Sie zogen das letztere vor.
Ein Sonntag war es, der 28. Februar, als der Friedensvertrag in
Versailles unterzeichnet wurde in Gegenwart der Vertreter Bayerns,
Württembergs und Badens. Die goldene Feder des Pforzheimer Fabrikanten
fand die ihr zugedachte Verwendung. Tiefes, ehrfurchtsvolles Schweigen,
wie es dem Unglück gegenüber geboten war, herrschte in dem Raume, als
Adolf Thiers sich niederbeugte auf das bedeutsame Dokument. In den
Augen des greisen französischen Staatsmannes schimmerte es feucht, als
er wieder aufsah, Bismarck aber war an ihn herangetreten, und indem er
ihm herzlich die Hand reichte, sprach er:
»Sie sind der letzte, welchem Frankreich diesen Schmerz hätte
auferlegen sollen, denn Sie unter allen Franzosen haben ihn am
wenigsten verdient.«
Der 1. März war angebrochen, und um die Mittagszeit dieses Tages hatte
Paris ein Schauspiel, das seine Bewohner mächtig erregte und ergrimmte.
Durch den ~Arc de Triomphe~, den Siegesbogen, zogen die deutschen
Truppen in Frankreichs Hauptstadt ein. Ein herrliches, erhebendes
Bewußtsein erfüllte die Brust der Braven, die hier endlich die
Genugtuung hatten, daß die Schmach gebüßt sei, die Frankreich zu
Anfang des Jahrhunderts ihren Vorfahren angetan. Stramm und kraftvoll
marschierten die Kolonnen, donnerndes Hurrarufen durchbrauste die
Luft, die Waffen glänzten, die Helme blinkten, und stumm, mit mühsam
verhaltenem Groll stand das Volk von Frankreich in den Straßen und
schaute auf die Sieger. Da ritt eine mächtige Gestalt heran in der
Uniform der Kürassiere, das Eiserne Kreuz auf der Brust. Unter dem
Stahlhelm blitzten ernst und scharf die Augen umher, und wie aus Erz
gegossen saß der Recke im Sattel.
Ein Murmeln und Murren ging durch die Neugierigen: »Da ist Bismarck!«
Die rückwärts Stehenden reckten sich höher, die Augen wurden finsterer
und drohend, der Kanzler aber sah hinein in die wogende Menge, ruhig
und kühl, wandte dann sein Roß herum und beugte sich herab zu einem
Manne, der ihn mit feindlicher Gehässigkeit anstarrte.
»Monsieur, darf ich Sie um etwas Feuer für meine Zigarre bitten?«
sprach er mit Liebenswürdigkeit, und der Angesprochene war so
verblüfft, daß er mit französischer Gefälligkeit dem Wunsche des
Reiters entsprach. – –
Nur wenige Tage noch weilte der Kanzler auf dem Boden von Frankreich;
am 6. März reiste er mit seinem König nach der Heimat zurück, das Herz
erfüllt von Sehnsucht nach den Seinen. Und als in den Morgenstunden
des 9. März der Zug in Berlin einfuhr, stand er schon am Fenster des
Kupees, und schaute hinaus nach den teuren Gesichtern. Und da standen
sie, die er suchte: die geliebte Frau, die herzige Tochter, und
zwischen beiden Graf Herbert in der Uniform mit dem Eisernen Kreuz.
Nach wenigen Sekunden war er bei ihnen.
»Da habt ihr euren Ollen wieder!«
Das war das humorvolle Wort, in dem er die gewaltige freudige Bewegung
seiner Seele verhüllte, als er seine Lieben umarmte.
Am nächsten Tage war er bereits wieder in Frankfurt a. M. Hier fand die
große Tragödie des gewaltigen Krieges ihren endgültigen Abschluß durch
Unterzeichnung des Friedensvertrages. Die alte, stolze Stadt hatte sich
festlich geschmückt, und durch ihre Straßen wogte eine freudig bewegte
Menge.
Vor dem Hotel »Zum Schwanen« staute sich die Masse; hier verkehrten die
Staatsmänner, welche bei diesem Nachspiel agierten, und man wollte sie
sehen, vor allen den einen, den Kanzler des neuen Deutschen Reichs.
Interesse hatte man indes für alle. Jetzt kam die hagere Gestalt
Jules Favres und schritt langsam durch die Menge, und nicht lange
nach ihm erschien der Erwartete. Die Kraftgestalt Bismarcks trat aus
dem Tore; das mächtige Haupt auf den breiten Schultern ragte über die
herandringende Menge, und begeisterte Zurufe schollen ihm entgegen.
Langsam schritt er durch die Straße, und der Jubel klang ihm nach,
wohin er ging, bis er plötzlich in eine Gasse abbog und in einem
kleinen, freundlichen Hause verschwand.
»Wer wohnt hier? Zu wem geht er?« fragte es in der Menge.
»Hier wohnt der Maler Becker! – Ah, das ist hübsch, daß er hierher
geht!«
Ja, er war gekommen, in Erinnerung an die alten, freundlichen
Beziehungen die ihm lieben Leute, seine »Sonnenscheinfamilie« zu
begrüßen. Diesmal brachte er selbst den Sonnenschein mit in das
anmutige Künstlerheim, und mancher Anklang längst verklungener
Stunden tauchte wieder auf. Wie war doch alles anders geworden, seit
er als Bundestagsgesandter hier in Frankfurt gelebt und sich mit
seinen süddeutschen Kollegen und mit dem österreichischen Präsidenten
herumgeärgert hatte.
Wenige Tage später erhielt er seine Erhebung in den Fürstenstand, die
Ehrengabe seines dankbaren Kaisers und Königs, der ihm außerdem einen
erblichen Grundbesitz im Herzogtum Lauenburg verlieh. Und am 20. März
sprach in dem neueröffneten ersten deutschen Reichstage Kaiser Wilhelm
die schönen Worte:
»Wir haben erreicht, was seit der Zeit unserer Väter für Deutschland
erstrebt wurde: Die Einheit und deren organische Gestaltung, die
Sicherung unserer Grenze, die Unabhängigkeit unserer nationalen
Rechtsentwicklung. Möge die Wiederherstellung des deutschen Reiches für
die deutsche Nation auch nach innen das Wahrzeichen neuer Größe sein;
möge dem deutschen Reichskriege, den wir so ruhmreich geführt, ein
nicht minder glorreicher Reichsfriede folgen, und möge die Aufgabe des
deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sich in dem Wettkampfe
um die Güter des Friedens als Sieger zu bewähren. Das walte Gott!«
Wenn irgendeiner in tiefster Seele dies kaiserliche Wort nachempfand,
so war es der Reichskanzler, der mit dem Bewußtsein, daß er mit seiner
Kraft redlich das Seine zum bisherigen Gelingen des großen Werkes getan
habe, das stille Gelöbnis verband, im Dienste seines Vaterlandes und
seines Kaisers unermüdlich weiterzuarbeiten.
»~Patriae inserviendo consumor!~ Im Dienste des Vaterlands will ich
aufgehen!«
Am 16. Juni feierte Preußen und des neuen Reiches Hauptstadt die
Heimkehr der Sieger. Wiederum kamen sie von dem Brandenburger Tor
herangezogen, und zwischen zujubelnden Menschenmassen zogen sie einher,
geschmückt mit Kränzen und grünen Reisern, und die breite Straße Unter
den Linden war überflutet von wehenden Fahnen, geschmückt mit bunten
Teppichen und Tüchern, mit Laubgewinden und Blüten. Wie schlugen die
Herzen all der Tausende höher, als vor ihrem greisen Heldenkaiser die
herrlichen drei, Bismarck, Moltke und Roon, einherritten, und nun der
alte, weißhaarige Sieger kam und mit seinem milden, freundlichen, von
tiefer Bewegung leuchtenden Antlitz auf sein Volk herniederschaute, das
immer neu in endlose Jubelrufe ausbrach, die lawinengleich fortbrausten
und immer noch anzuschwellen schienen. Hinter dem Kaiser ritten die
beiden Feldmarschälle, Kronprinz Friedrich und Prinz Friedrich Karl,
und mit ihnen ein glänzender Zug der deutschen Fürsten. Das war ein
Festtag, wie er kaum jemals in Berlin erlebt worden war, und selbst
die hereinbrechende Nacht machte der Begeisterung, dem festlichen
Wogen kein Ende. In allen Straßen und Gassen leuchtete es auf mit dem
Beginnen des Abends, aus allen Fenstern strahlte Lichtglanz, und
auch das fernste, kleinste Haus, auch das schlichte Mansardenstübchen
wollte heute nicht zurückbleiben.
[Illustration: ~Eis. Kanzler V.~
Wilhelm II. und Bismarck in Friedrichsruh.]
Um das Palais des Kaisers wogte die Menge am dichtesten;
Vaterlandslieder und stürmische Hochrufe schollen durch diese einzige
Sommernacht, und wie ein Echo klang es verhallend herüber aus der
Wilhelmstraße, wo Tausende und Abertausende um das Palais des Kanzlers
sich zusammenfanden zu stürmischen Huldigungen. Beim strahlenden
Lichterschein aber flatterte eine mächtige Fahne aus der Wohnung
Bismarcks, und was auf ihr geschrieben stand, rief immer aufs neue das
herrliche Dichterwort hinein in die Herzen der begeisterten Menge:
Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr!
Elftes Kapitel.
Des neuen Reiches Kanzler.
Im freundlichen Badeorte Kissingen war die Saison in vollem Gange, und
der Sommer des Jahres 1874 hatte auch die anmutige bayrische Stadt nach
gewohnter Weise lieblich und festlich herausgeputzt, und zahlreiche
Gäste aus allen Weltgegenden suchten hier Genesung und Erholung. Zu
Anfang des Juli war auch der deutsche Reichskanzler hier eingetroffen
und bildete beinahe den mächtigsten Anziehungspunkt des schönen
Kurorts, dessen zweifellos berühmtester Besucher er war. Wo er ging
und fuhr, blieb man stehen, drängte man sich näher heran, freute man
sich seines Grußes und war man stolz, wenn man eines Wortes von ihm
gewürdigt wurde.
An einer Straßenbiegung stand um die Mittagszeit des 13. Juli eine
größere Anzahl von Damen und Herren. Man wußte, daß der Kanzler um
diese Zeit hier vorüber nach seiner Wohnung im Hause des Dr. Diruff
fahren werde. Zwei vornehm aussehende Herren gingen langsam auf und ab
in lebhaftem Gespräche; der eine sagte:
»Deutschland darf mit Recht stolz sein auf ihn; er ist der größte
Staatsmann, welchen es vielleicht jemals besessen hat.«
»Wissen Sie, daß eine solche Anerkennung gerade aus Ihrem Munde
besonderen Wert hat?« sagte der andere.
»Weshalb?«
»Weil Sie Österreicher sind, und dazu noch ein begeisterter
Österreicher, bei dem es schwer wiegt, wenn er das Jahr 1866 Bismarck
vergibt und seine Größe so voll anerkennt.«
»Ja, der Schlag von damals hat uns weh getan, und ich habe wie Tausende
meiner Landsleute ihm gegrollt, aber zuletzt muß ruhige Überlegung und
vorurteilslose Betrachtung seiner Erfolge ihm die Herzen gewinnen,
zumal aller, die deutsch reden und empfinden, ob sie im neuen Reiche
oder in Österreich wohnen. Wie herrlich hat er es verstanden, mit
den ehemaligen Gegnern an der Donau seinen Frieden zu machen; seinen
Bemühungen war im Jahre 1872 die Zusammenkunft der drei Kaiser von
Deutschland, Österreich und Rußland in Berlin zu danken, und was
dieselbe für den europäischen Frieden bedeutet hat, wissen wir alle.«
»Gewiß, aber nicht minder bewundere ich als Engländer seine Tatkraft
und Energie der Anmaßung Roms gegenüber. Das Konzil, das die
Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma gemacht hat, hat viel Unheil
gebracht und hätte dem protestantischen Kaisertum eine schwere
Schädigung zufügen können, wenn Bismarck nicht wie der getreue Eckart
zum Schutze der Rechte der Krone und des deutschen Volkes eingetreten
wäre. Die Maigesetze (vom 15. Mai 1873) haben der römischen Anmaßung
einen Damm gesetzt. Die katholischen Priester sollen bei ihrer ganzen
Ausbildung und die geistlichen Oberhirten bei deren Anstellung
eingedenk bleiben, daß sie nicht außerhalb der Nation stehen, sondern
zu dieser sich zu zählen haben. Aber verzeihen Sie – Sie sind selbst
Katholik –«
»Aber ein solcher, der das Wort: ›Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
ist, und Gott, was Gottes ist,‹ verstanden zu haben meint, und dem die
Äußerung Bismarcks in der Sitzung vom 14. Mai 1872: ›Seien Sie außer
Sorge, nach Canossa gehn wir nicht!‹ die Seele erfreut und erwärmt hat
– doch sehen Sie, hier kommt er!«
Die beiden Männer standen still und sahen in der Richtung nach der
Saline hin, von woher ein offener Wagen heranrollte. Im Fond lehnte der
Kanzler, mit dem gewohnten breitrandigen Schlapphute auf dem mächtigen
Haupte, und dankte freundlich den Grüßen, welche von allen Seiten her
ihm entgegengebracht wurden.
Die zwei Herren zogen ebenfalls ihre Hüte ab, als der Wagen
vorüberfuhr, dann sahen sie ihm nach und kehrten zu ihrem Gespräche
zurück. Plötzlich vernahmen sie einen Knall, kurz und scharf, und der
Engländer rief:
»Das war ein Schuß!«
Gleich darauf eilten beide in der Richtung hin, woher der Schall
gekommen war, dem Wagen Bismarcks nach. An einer der nächsten
Straßenecken bereits drängte sich eine dichte Menge Volkes, geballte
Fäuste hoben sich in die Lüfte, und nun wurde auch ein bleicher,
aufgeregter junger Mensch dahergeschleppt, gegen welchen sich drohend
der Unmut und Zorn der Menge wendete.
»Er hat auf Bismarck geschossen – der Hund!« So lief es unheimlich von
Mund zu Mund – dazwischen klangen Fragen nach dem Kanzler.
»Er ist an der Hand verwundet, die er zum Gruße gehoben hat.«
Der Wagen, in welchem Bismarck gesessen, hatte angehalten, er
selbst war ausgestiegen, und um ihn drängten sich nun alle. Freudig
begeisterte Zurufe mischten sich mit lebhaften Kundgebungen der
Teilnahme und des heiligen Zornes, und immer dichter scharte es sich um
ihn her, als wollten alle eine Mauer bilden zum Schutze um den teuren
Mann, und wenig fehlte, so wäre er im Triumphe heimgetragen worden.
Entsetzt und erschreckt vernahm die Gräfin sowie Komtesse Marie, was
geschehen war, und wie einst in Berlin, so war er selbst auch hier am
meisten gefaßt und ruhig. Er ließ sich den Attentäter vorführen. Dieser
war ein Böttchergeselle aus Magdeburg, namens Kullmann, der durch die
fanatischen Worte seines Pfarrers zu seinem Verbrechen getrieben worden
war und unumwunden eingestand, daß er Bismarck habe töten wollen wegen
der von demselben ausgegangenen Kirchengesetze.
Mit einer Mischung von Abscheu und Mitleid betrachtete der Kanzler den
irregeleiteten Burschen, der auch aus deutschem Blute entsprossen war
und in seiner Verblendung die Mörderfaust heben konnte gegen einen
Mann, der in allem, was er tat, nur seines Volkes Ehre und seines
Vaterlandes Größe im Auge hatte.
Die Aufregung, welche durch das freundliche Kissingen ging, war groß,
gewaltiger noch jene, welche das ganze deutsche Land durchzitterte. An
dem Abend des unseligen Tages aber fanden sich Tausende von Menschen
ein vor dem freundlichen Hause des Dr. Diruff, um ihrem Herzen Luft zu
machen und ihre Liebe und Begeisterung für Bismarck zum Ausdruck zu
bringen. Stürmische Hochrufe brausten empor; man wollte den Mann sehen,
welchen die Huld des Himmels so augenscheinlich behütet hatte, und
endlich trat er heraus auf den Balkon, tiefbewegt über die Kundgebungen
treuer Anhänglichkeit und liebender Teilnahme.
Er winkte mit der unverwundeten Hand – man verstand, daß er sprechen
wolle, und tiefe, feierliche Stille lag ringsum. In diese hinein klang
die ruhige sonore Stimme, weithin vernehmbar:
»Ich danke Ihnen herzlich für die wohltuende Teilnahme, die Sie mir
bekunden, und die mich herzlich freut. Es geziemt mir nicht, weiteres
über den heutigen Vorgang zu reden. Die Sache ist dem Urteil des
Richters übergeben. Das aber darf ich wohl sagen, daß der Schlag,
der gegen mich gerichtet war, nicht meiner Person galt, sondern der
Sache, der ich mein Leben gewidmet habe: der Einheit, Unabhängigkeit
und Freiheit Deutschlands. Und wenn ich auch für die große Sache hätte
sterben müssen, was wäre es weiter gewesen, als was Tausende unserer
Landsleute betroffen hat, die vor drei Jahren ihr Blut und Leben auf
dem Schlachtfelde ließen! Das große Werk aber, das ich mit meinen
schwachen Kräften habe beginnen helfen, wird nicht durch solche Mittel
zugrunde gerichtet werden, wie das ist, wovor Gott mich gnädig bewahrt
hat. Es wird vollendet werden durch die Kraft des geeinigten Volkes.
In dieser Hoffnung bitte ich Sie, mit mir ein Hoch zu bringen dem
geeinigten deutschen Volke und seinen verbündeten Fürsten!«
Begeistert und aus bewegten Herzen stimmte die Menge in den Ruf ein,
der in allen Gauen Deutschlands frohen Widerhall fand.
* * * * *
Wer in den siebziger Jahren in die Hauptstadt des deutschen Reiches
kam, konnte wohl erstaunt und erfreut sein über die Rührigkeit, die
sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zeigte, wie über die
Verschönerungen auf den Plätzen und in den Straßen, durch Gebäude und
Denkmäler. Am Sedanstage 1873 war das imposante Siegesdenkmal auf
dem Königsplatze eingeweiht worden, im nächsten Jahre die herrliche
Nationalgalerie; das Zeughaus hatte durch einen Umbau hervorragend an
Schönheit und monumentaler Bedeutung gewonnen, Museen und Galerien
wuchsen aus der Erde empor, und unter den Denkmälern war es besonders
jenes der unvergeßlichen Königin Luise, welches Auge und Herz gefangen
nahm.