»Es wird Ihnen zweifellos klar sein, welche Nachteile für unsere

siegreich fortschreitenden Heere in einem Waffenstillstande liegen,

doch kann ich Ihren Standpunkt begreifen und würde geneigt sein, Ihren

Wunsch zu befürworten, doch werden Sie einsehen, daß wir für dessen

Gewährung eine entsprechende Entschädigung erhalten müßten.«

»Und worin würde diese wohl zu bestehen haben?«

»Da uns vor allem daran liegen muß, die Verpflegung unserer Heere

und die damit zusammenhängende Verbindung mit Deutschland gesichert

zu sehen, würden wir die Übergabe der Festungen Toul und Straßburg

verlangen müssen.«

Der Franzose fuhr erregt auf:

»Das ist eine Forderung, die doch wohl zu weit geht.«

»Ich bedaure, darauf bestehen zu müssen.«

»Das wird Frankreich und Paris niemals zugestehen, eher wird die

Hauptstadt in Trümmer sinken und alle seine Söhne opfern.«

Bismarck zuckte bedauernd die Achseln, und so beredt der Franzose auch

sprechen mochte, er blieb fest. So schied Favre, ohne einen Erfolg

erreicht zu haben, und der Kanzler geleitete seinen Besucher die Treppe

hinab. Dieser wies auf die beschädigten Wände und Mauern.

»Die Spuren Ihrer Franctireurs,« bemerkte Bismarck – »die Gegend ist

hier voll von ihnen, aber wir machen schonungslose Jagd auf sie; wir

behandeln sie als Raubgesindel, denn sie sind keine Soldaten.«

»Aber bedenken Sie, es sind doch Franzosen, welche ihren Boden, ihren

Herd und ihr Haus verteidigen. Sie sind doch wohl sicher in ihrem

Rechte, wenn sie der feindlichen Invasion Widerstand leisten, und

wenn Sie das Kriegsgesetz auf diese Leute anwenden, so ist das eine

Verkennung desselben.«

Der Kanzler erwiderte ruhig:

»Wir kennen nur Soldaten, welche einer regelmäßigen Disziplin

unterworfen sind, die anderen sind außerhalb dieses Gesetzes.«

»Dann gestatten Sie mir jedoch, Sie an das Jahr 1813 zu erinnern und an

den Aufruf des Königs von Preußen an sein Volk. Was war diese Erhebung

in Ihrem Lande damals anders als die gegenwärtige der Franctireurs?«

»Richtig,« bemerkte Bismarck, »aber unsere Bäume zeigen noch die Spuren

derjenigen Landeseinwohner, welche Ihre Generale hängen ließen.« –

Noch einmal machte Favre am nächsten Tage den Versuch, auf Schloß

Ferrières Bismarck zu günstigeren Waffenstillstandsbedingungen zu

bewegen – umsonst! »Straßburg ist der Schlüssel zu unserem Hause –

ihn _müssen_ wir haben!« Das war der bittere Bescheid, welchen der

französische Abgeordnete mit sich nahm, der von dem Kanzler mit den

Worten schied:

»Ich bin sehr unglücklich, aber ich hoffe noch immer!«

Drohender zogen sich die Wetterwolken um Paris zusammen. Mit eisernen

Armen umklammerten die deutschen Heere den Leib der koketten

Seinestadt, die sich vergebens gegen die Erdrückung wehrte; am 19.

September war die Einschließung vollendet. Etwa 8 Tage später kam von

Straßburg her die Kunde, daß die Festung sich ergeben und die alte, gut

deutsche Stadt von der Mutter Germania wieder heimgeholt worden sei.

Zu Anfang Oktober war das deutsche Hauptquartier in Versailles.

Auf der Präfektur wohnte der greise preußische Herrscher, in einem

kleinen Hause aber, in der Rue de Provence, von dessen Balkon die

schwarz-weiß-rote Fahne lustig in die Straße hineinwehte, hatte

Bismarck sein Quartier aufgeschlagen, und die Staatsmaschine arbeitete

von hier aus unaufhörlich und wahrlich auch erfolgreich, denn vergebens

hatte Frankreich den ruhig besonnenen, redegewandten Staatsmann Thiers

dahin und dorthin an andere Regierungen gesandt, um eine Einmischung

zu seinen Gunsten herbeizuführen, es hatte niemand Lust, sich um der

jungen Republik wegen in Unkosten und Aufregung zu stürzen, und die

Dinge gingen ihren Gang weiter.

Da kam auch die Kunde, daß Metz (am 29. Oktober) gefallen und die Armee

Bazaines kriegsgefangen sei. Ein neuer Jubel durchbrauste die deutschen

Heere, die Kampfesbegeisterung wuchs im Lager vor Paris, und wenn

Bismarck durch die Straßen von Versailles ritt, die Kraftgestalt in der

kleidsamen Kürassieruniform stramm aufgerichtet im Sattel, grüßten ihn

die deutschen Soldaten mit warmer Herzlichkeit, und die Franzosen sahen

mit einem Gemisch von Ingrimm und Verwunderung dem stattlichen Recken

nach.

Und hier in Versailles, in dem schlichten Hause der Madame Jessé,

liefen die Fäden zusammen, welche die starke Hand Bismarcks zu einem

gewaltigen Ganzen verflocht, zum Bande, das das einige deutsche

Reich umschlang. Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit hatte eine

Bluttaufe erhalten, welche allen Zwiespalt verwischte, und aus allen

Gauen des deutschen Südens kamen Wünsche, sich dem norddeutschen

Bunde anzuschließen. Nach Versailles kamen die Sendboten von Baden

und Hessen, Württemberg und Bayern, und die wichtigen Verhandlungen

waren im vollen Gange, während die Kanonen gegen die Außenforts der

französischen Hauptstadt ihre furchtbaren Grüße sandten.

Als der badische Minister Jolly Bismarck besuchte, brachte er ein

sinniges Geschenk mit, eine goldene Feder.

»Der Pforzheimer Fabrikant Bissinger hat mich gebeten, Eurer Exzellenz

diese Gabe zu überbringen und in seinem Namen zu bitten, daß Sie den

dritten Pariser Frieden damit unterzeichnen möchten.«

Sinnend und mit überwallender Rührung betrachtete Bismarck das

Geschenk, das ihm aus Deutschlands Süden zuging, wo er vor nicht zu

langer Zeit noch der bestgehaßte Mann war. Dann sprach er:

»Was soll ich dem gütigen Spender sagen? Wie soll ich ihm danken? In

einer Zeit, da das Schwert der deutschen Nation so ruhmreiche Taten

vollbracht hat, tut man der Feder beinahe zu viel Ehre an, wenn man

sie so kostbar ausstattet. Ich kann nur hoffen, daß der Gebrauch, zu

welchem diese Feder im Dienste des Vaterlandes bestimmt ist, demselben

zu dauerndem Gedeihen in glücklichem Frieden gereichen möge, und ich

darf unter Gottes Beistand versprechen, daß sie in meiner Hand nichts

unterzeichnen soll, was deutscher Gesinnung oder deutschen Schwertes

unwert wäre.«

Der Winter war allgemach gekommen und trieb seine Flocken durch

das französische Land, und in Bismarcks Wohnung knisterte das

Feuer im Kamin. Es war am 23. November. Der Abend war schon lange

hereingebrochen, die Teestunde, in welcher der Kanzler mit einigen

seiner Beamten, so behaglich es angehen mochte, sonst zusammenzusitzen

pflegte, war gekommen, und in dem kleinen Salon harrten bereits einige

Herren. Nahe beim Kamin saß Graf Bismarck-Bohlen, unfern davon Graf

Hatzfeld.

»Will denn die Angelegenheit noch nicht vorwärtsrücken?« sprach der

eine. »Nun haben wir glücklich Baden und Hessen dem Norddeutschen

Bunde eingegliedert – aber Bayern und Württemberg machen doch, wie es

scheint, besondere Schwierigkeiten.«

»Im Prinzip gewiß nicht,« erwiderte der andere, »aber es ist

begreiflich, daß sie gewisse Rechte sich reservieren wollen.«

»Ja, die Verwaltung von Eisenbahn-, Post- und Telegraphenwesen –«

»Und wie ich gehört habe, will Bayern auch die Leitung seines Heeres

wenigstens zu Friedenszeiten nicht an Preußen abgeben. Hoffentlich

scheitert nicht auch diesmal das große Einigungswerk an kleinen

Bedenken.«

»Lassen Sie nur unseren geistvollen großen Chef machen, verehrter

Freund; er hat Klugheit und Energie zugleich, und versteht zu rechter

Zeit zu geben und zu nehmen.«

Der Schriftsteller Moritz _Busch_, der als Zeitungsberichterstatter

sich im Hauptquartier befand, trat herein zu den beiden Herren.

»Seine Exzellenz konferieren wohl noch immer?« fragte er. Graf Hatzfeld

deutete nach der Türe, welche zum Salon führte.

»Dort ist er mit dem bayrischen Kleeblatt, Graf Bray, Lutz und Prankh,

und die Herren scheinen zäh zu sein.«

Noch eine Viertelstunde verstrich, da öffnete sich die Flügeltüre, der

Kopf Bismarcks erschien mit hellen Augen, und das Antlitz in angenehmer

Erregung. Als er die drei bemerkte, trat er in das Zimmer, einen Becher

in der Hand. Seine Stimme klang bewegt, als er sprach:

»Nun, meine Herren, der bayrische Vertrag ist jetzt fertig und

unterzeichnet, die deutsche Einheit ist gemacht und der deutsche Kaiser

auch.«

Die Herren hatten sich erhoben, sie sahen mit leuchtenden Blicken

den Sprecher an – einige Sekunden tiefer, ergreifender Stille

verstrichen, dann erbat sich Dr. Busch die Erlaubnis, die Federn

holen zu dürfen, mit welchen das bedeutsame Aktenstück unterschrieben

worden war. Bismarck aber befahl dem Diener, eine Flasche Champagner

herbeizubringen. Die Gläser mit dem Schaumwein klirrten zusammen, und

der Kanzler sprach tief atmend:

»Es ist ein Ereignis.«

Dann schwieg er sinnend einige Augenblicke, und nun fuhr er fort:

»Die Zeitungen werden nicht zufrieden sein, und wer einmal in der

gewöhnlichen Art Geschichte schreibt, kann unser Abkommen tadeln. Er

kann sagen, der dumme Kerl hätte mehr fordern sollen; er hätte es

erlangt; sie hätten gemußt; er kann recht haben mit dem Müssen. Mir

aber lag mehr daran, daß die Leute mit der Sache innerlich zufrieden

waren. – Was sind Verträge, wenn man muß! – und ich weiß, daß sie

vergnügt fortgegangen sind. Der Vertrag hat seine Mängel, aber er

ist so fester. Ich rechne ihn zu dem Wichtigsten, was wir in diesen

Jahren erreicht haben. – Was den Kaiser betrifft, so habe ich ihnen

denselben bei den Verhandlungen damit annehmbar gemacht, daß ich ihnen

vorstellte, es müsse für ihren König doch bequemer und leichter sein,

gewisse Rechte dem deutschen Kaiser einzuräumen, als dem benachbarten

König von Preußen.«

Die Erneuerung der deutschen Kaiserkrone! Das war der Wunsch der Besten

seit Jahrzehnten, das war die immer wieder erwachende Sehnsucht des

deutschen Volkes, und nun sollte sie im fremden Lande sich erfüllen.

Und die Erfüllung ward nicht künstlich herbeigeführt, sie wuchs aus den

gewaltigen geschichtlichen Ereignissen selbst heraus. Die deutschen

Fürsten und das deutsche Volk waren eins in diesem schönen Ziele.

Am 18. Dezember trafen in Versailles dreißig Mitglieder des

Norddeutschen Reichstages ein, geführt von ihrem Präsidenten Simson.

Die vornehme französische Präfektur sah sie durch ihre Prunkhallen

schreiten, und die Bilder der alten französischen Herrscher schauten

wohl mit Verwunderung herab auf die deutschen Männer, die hier im

Namen eines ganzen Volkes kamen, um dem greisen König Wilhelm jenes

Schreiben zu überreichen, das ihn bat, die deutsche Kaiserkrone

anzunehmen. Draußen lag der Winter auf den Feldern von Frankreich, aber

Sonnenschein war’s in allen deutschen Herzen, jener Lenzessonnenschein,

der die Auferstehung schlafender Herrlichkeit verkündet.

Um den König standen die Edelsten des deutschen Volkes, seine Fürsten

und Helden, und hervorragend unter diesen die Kraftgestalt des

Kanzlers, der mit freudigem Bewußtsein daran denken durfte, daß er

diese Stunde hatte vorbereiten helfen.

Mit bewegter Stimme sprach Dr. Simson:

»Eure Majestät empfangen die Abgeordneten des Reichstags in einer

Stadt, in welcher mehrmals ein verderblicher Heereszug gegen unser

Vaterland ersonnen und ins Werk gesetzt worden ist. Und heute darf die

Nation von eben dieser Stelle her sich der Zuversicht getrösten, daß

Kaiser und Reich im Geiste einer neuen lebensvollen Gegenwart wieder

aufgerichtet und ihr, wenn Gott ferner hilft und Segen gibt, in beiden

die Gewißheit und Macht von Recht und Gesetz, von Freiheit und Frieden

zuteil werden.«

Das war des deutschen Volkes Weihnachtsgabe. Die Zeit des schlafenden

Kaisers im Kyffhäuser sollte vorüber sein, der Kaiser Rotbart sollte

verschwinden vor der Herrlichkeit des Kaiser Weißbart. Der Gedanke

mußte all die tausend Männerherzen entschädigen, die in Eis und Schnee

fern von der Heimat und ihren Lieben das schönste Fest, das Christfest,

verleben mußten.

Im Hause in der Rue de Provence in Versailles dachte Bismarck mit

verhaltener Wehmut an jenem 24. Dezember der Seinen. Im Kamin flackerte

das Feuer, und um den Tisch saß ein kleiner Kreis von Männern, der hier

gleichsam seine Familie repräsentierte, seine treuen Mitarbeiter. Ein

Christbäumchen fehlte nicht, aber es war ein winzig Dingelchen, doch

gehörte es in das deutsche Heim, um wenigstens einigermaßen Stimmung

zu machen. Und unter dem Bäumchen lag eine liebe Gabe, die mit anderen

von daheim gekommen war, ein Geschenk von Frau Johanna. Sie wußte, daß

ihr Gemahl eine besondere Vorliebe für schöne Becher habe, und so hatte

sie ihm in zierlichem Kästchen zwei derselben zugesandt, den einen in

Tula-Manier, den anderen in geschmackvollem Renaissancestil.

Aber auch sein König hatte ihn nicht vergessen. Er sandte ihm am

Christabend das Eiserne Kreuz erster Klasse, um die Verdienste

des Mannes zu ehren, der mit sicherer Hand auch aus der Mitte des

feindlichen Landes die Fäden der Politik zum Segen Deutschlands und zur

Ehre seiner Heimat verknüpfte.

Der herrlichste deutsche Festtag aber, welchen das französische

Königsschloß in jenen Tagen schaute, war der 18. Januar 1871. Vor

170 Jahre hatte der Brandenburger Kurfürst sich an diesem Tage die

preußische Königskrone aufs Haupt gesetzt, und nun ward ein König von

Preußen deutscher Kaiser. Im Palaste jenes Ludwig XIV., der einst so

tiefe Schmach und Schädigung über deutsches Land und Volk gebracht,

feierte unseres Reiches Herrlichkeit seine Auferstehung – ein Walten

der Weltgeschichte, wie es nicht ergreifender gedacht werden kann.

Vom Herrenschlosse zu Versailles wehte die Fahne der Hohenzollern

hinaus in die Winterluft. Um die Mittagsstunde standen zu beiden Seiten

der Straße von der Präfektur her in Reih und Glied die Scharen der

deutschen Soldaten, mit flammender Begeisterung im Auge, die Brust

geschwellt von einem maßlosen Hochgefühl. Andere hatten sich um das

mitten auf dem Schloßplatz sich erhebende gewaltige Reiterstandbild

Ludwigs XIV. gruppiert und unter den Statuen französischer

Kriegshelden. Die mächtigen Pforten des glänzenden Palastes, welche

in goldenen Lettern die prunkende Aufschrift tragen: »~A toutes les

gloires de la France~« waren weit geöffnet, um die erlauchten deutschen

Gäste aufzunehmen, welche im glänzenden Zuge herankamen.

Nun nahte die ehrwürdige Gestalt des Königs. Ein Brausen und Jauchzen

erhob sich, das die Lüfte erschütterte, und das selbst die neugierigen

Gaffer mächtig ergriff und eine Ahnung treudeutschen Empfindens in ihre

Seelen trug, und zwischen den jubelnden Soldaten schritt der königliche

Greis hin, hochaufgerichtet und herrlich. Am Portale begrüßte ihn

der Kronprinz, in den Vorgemächern empfingen ihn Fürsten, Minister

und Generale, und so geleiteten sie ihn in die festlich geschmückte

herrliche Spiegelgalerie des Schlosses. An der Decke des Saales war

ein Bild, das wunderlich in diese Situation paßte, eine Verherrlichung

Ludwigs XIV., vor dessen Thron sich die Mächte Europas demütig beugen.

Am Mittelpfeiler der Gartenseite war ein Altar errichtet, zu dessen

beiden Seiten die Vertreter des deutschen Heeres, Mannschaften aller

Truppenteile, standen, und von einer Estrade her winkten die Fahnen der

deutschen Armeen herab, welche von Unteroffizieren gehalten wurden,

deren Brust das eiserne Kreuz schmückte.

Eine ergreifende Stille trat ein, als der König, von den Fürsten

und seinen Recken umgeben, dem Altare zuschritt und demselben

gegenüber Platz nahm. Mit frommem Aufblick zu Gott ward die feierliche

Stunde eingeleitet. Wie daheim im Gotteshause erklang die Liturgie.

»Jauchzet dem Herrn alle Welt!« jubelte der Sängerchor, und dann trat

Hofprediger Rogge vor, um die Festpredigt zu halten. In die glänzende

und weihevolle Versammlung rief er das Wort des Psalmisten: »Herr,

der König freuet sich deiner Kraft, du setzest eine goldene Krone auf

sein Haupt,« und nun wandte er den Blick empor zu dem übermütigen

Deckengemälde und pries den Herrn, der den feindlichen Hochmut

zuschanden gemacht hatte.

Machtvoll und erhebend klang der fromme Choral: »Nun danket alle Gott!«

von hundert Männerlippen, und jetzt schritt der greise König, von dem

Kronprinzen und Bismarck gefolgt, auf die Erhöhung, von der die Fahnen

niederwallten, und verlas das Wort vom wiedererstandenen deutschen

Reiche. Dann forderte er den Kanzler auf, des neuen Kaisers ersten

Erlaß, seinen kaiserlichen Gruß, den Fürsten und Vertretern des Volkes

zu verkündigen.

Stattlicher erhob sich die Gestalt Bismarcks, festen Fußes trat er

einige Schritte vor, ernst und mit verhaltener Bewegung flog sein Auge

durch den Saal, auf welchem tiefes, feierliches Schweigen ruhte, und

dann klangen die Worte so ruhig und klar bis in die fernste Ecke des

Raumes:

»Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen – nachdem die

deutschen Fürsten und freien Städte den einmütigen Ruf an Uns gerichtet

haben, mit Herstellung des deutschen Reiches die seit mehr denn sechzig

Jahren ruhende deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen,

und nachdem in der Verfassung des deutschen Bundes die entsprechenden

Bestimmungen vorgesehen sind – bekunden hiermit, daß Wir als eine

Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem

Rufe der verbündeten deutschen Fürsten und freien Städte Folge zu

leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen. Demgemäß werden Wir

und Unsere Nachfolger an der Krone Preußens fortan den kaiserlichen

Titel in allen Unseren Beziehungen und Angelegenheiten des Deutschen

Reiches führen, und hoffen zu Gott, daß es der deutschen Nation

gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das

Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen. Wir übernehmen

die kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher

Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den

Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die

geeinte Kraft seines Volkes, zu verteidigen. Wir nehmen sie an in der

Hoffnung, daß dem deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner

heißen und opfermutigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der

Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten

entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren. Uns

aber und unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen,

allezeit Mehrer des deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen

Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem

Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.«

Langsam trat Bismarck an die Seite seines Kaisers zurück, aus dem

Kreise der deutschen Fürsten aber schritt der Großherzog von Baden bis

an die Erhöhung heran, hoch in der Rechten schwang er den blitzenden

Helm, und in wahrer und warmer Begeisterung rief er:

»Seine Majestät der Kaiser Wilhelm lebe hoch!«

Schmetternd in Jubeltönen fiel die Musik ein, aus der ganzen

Versammlung brauste es mit erhebender Gewalt empor, das stolze Wort,

und während die Volkshymne machtvoll einsetzte, pflanzte sich die

Begeisterung fort, hinaus durch die Hallen und Höfe, die Straßen und

Plätze. Das war die Weihestunde des neuen Reiches.

Aber der Kampf auf Frankreichs Feldern und um seine Hauptstadt dauerte

noch immer fort, bis in der letzteren die Not auf das äußerste

gestiegen war: Übermütiger Trotz konnte hier nicht weiter nützen. Am

Abend des 23. Januar fuhr durch die Straßen von Versailles ein Wagen,

der wohl vordem dem kaiserlichen Hofe gehört haben mochte, aber das

Wappen daran war beseitigt worden. Drei Männer saßen darin, der hagere,

bleiche Advokat Jules Favre, dessen kleiner, beweglicher Schwiegersohn,

der Maler Martinez de Rio und Graf d’Hérisson. In der Rue de Provence,

vor dem Hause der Frau Jessé, hielt das Gefährt, die Insassen stiegen

aus und gingen langsam die Treppen nach dem ersten Stockwerk hinan. Sie

wurden von den Ministerialbeamten empfangen und erhielten an Bewirtung,

was eben aufzutreiben war, dann bat Bismarck Favre und den Grafen

d’Hérisson, bei ihm in den kleinen Salon einzutreten.

An einem runden Tisch saßen die drei, und Bismarck bot seinen Gästen

Zigarren an, welche vor ihm standen. Beide lehnten dieselben ab, und

lächelnd bemerkte der Kanzler:

»Sie tun unrecht daran; wenn man eine Unterredung beginnt, die zu

heftigen Auseinandersetzungen führen kann, ist es doch besser, beim

Zwiegespräch zu rauchen. Die Zigarre paralisiert, indem man sie hin und

her dreht und nicht fallen lassen will, einigermaßen die körperliche

Erregung und stimmt uns milder, man fühlt sich behaglich und macht sich

eher Konzessionen.«

Der bleiche, hagere französische Abgeordnete saß etwas zusammengebeugt

in seinem Stuhle, der Kanzler in seiner Kürassieruniform aufrecht

und stattlich. Er führte die Verhandlungen in einem ausgezeichneten

Französisch, welches Graf d’Hérisson geradezu mit Verwunderung anhörte.

Jules Favre glaubte an die Unterredung von Schloß Ferrières wieder

anknüpfen zu können, aber Bismarck bemerkte höflich:

»Sie vergessen, daß unsere Lage heute bereits eine andere ist wie

damals. Wenn Sie an Ihrem Grundsatze festhalten: ›Keinen Zollbreit

unseres Gebietes, keinen Stein unserer Festungen,‹ so ist es

überflüssig, weiter darüber zu sprechen. Meine Zeit ist kostbar, die

Ihrige auch, und ich sehe nicht ein, weshalb wir sie vergeuden sollten.«

Es handelte sich um die Bedingungen des Waffenstillstandes, und der

redegewandte Franzose bot alles auf, dieselben den Verhältnissen

gemäß günstig zu gestalten. Aber er fand einen überlegenen, eisernen

Gegner. Übergabe der Außenforts von Paris, Kriegsgefangenschaft der

Verteidigungstruppen, Entwaffnung der Nationalgarde und Einmarsch

deutscher Truppen in Frankreichs Hauptstadt – das waren die

wesentlichsten Forderungen des Kanzlers.

Jules Favres bleiches Gesicht rötete sich vor innerer Erregung, er

strich sich die wirren weißen Haare aus der Stirn und begann aufs neue

mit dem Versuche, eins und das andere abzudingen. Daß deutsche Soldaten

durch die Straßen von Paris marschieren sollten, war dem Franzosen ein

besonders unerträglicher Gedanke, und er bestürmte Bismarck, indem

er an dessen Großmut appellierte und auf die tiefe Verletzung der

französischen Nationalehre hinwies, darauf zu verzichten. Auch die

Entwaffnung der Nationalgarde erschien dem Vertreter Frankreichs als

tief demütigend und kränkend, und er bat dringend, von dieser Forderung

abzustehen.

Der Kanzler sah ihn ernst an und erwiderte nach einer kleinen Pause:

»Ich will Ihnen in dem letzten Punkte entgegenkommen, aber glauben

Sie mir, Sie begehen eine Dummheit. Sie werden selbst noch mit den

Gewehren zu rechnen haben, die Sie den exaltierten Menschen lassen

wollen.«

»Und Paris soll nicht verschont bleiben vor dem Schmerz einer Invasion

Ihrer Truppen?«

»Ich würde Ihnen auch hier ein Zugeständnis zu machen bereit sein,«

sprach der Kanzler, »aber der König und die Generale bestehen darauf.

Das ist die Belohnung für unsere Armee. Wenn ich nach der Rückkehr in

die Heimat einem armen Teufel mit einem Stelzfuß begegnen werde, dann

wird er sagen: Das Bein, das ich vor den Mauern von Paris gelassen

habe, gab mir das Recht, meine Eroberung zu vervollständigen; dieser

Diplomat, der im Besitze seiner gesunden Gliedmaßen ist, hat mich daran

verhindert. – Wir können uns dem nicht aussetzen, in diesem Punkte das

öffentliche Gefühl zu verletzen. Wir werden in Paris einziehen, aber

nicht über die Elyséischen Felder hinausgehen, und dort die Ereignisse

abwarten. Wir werden auch den 60 Bataillonen der Nationalgarde, welche

zuerst gebildet wurden und Sinn für Ordnung haben, die Waffen belassen.«

»Und wir dürfen wohl annehmen, daß in den abzuschließenden

Waffenstillstand auch die von Garibaldi zu unserer Unterstützung

herbeigeführte Armee eingeschlossen werde?«

In das Antlitz Bismarcks stieg eine wärmere Röte, sein ernstes Auge

blitzte auf.

Das Buch vom eisernen Kanzler: Eine Erzählung für Deutschlands Jugend · 第 12 / 17 段