weiter, jedes Auge blitzte heller, und voll Begeisterung klang es durch
den Saal: »Es lebe der König!«
Und durch das ganze deutsche Volk zitterte und brauste dieselbe
Bewegung, und aus allen Gauen zogen die Söhne der _einen_ Mutter
Germania heran voll heiligen Kampfesmutes, voll Zuversicht auf die
gerechte Sache und auf ihre Kraft. Bayern und Sachsen standen neben
Preußen, und wenn Napoleon auf die alte Eifersucht der deutschen Stämme
gerechnet hatte, so sollte ihm das zum fürchterlichen Verhängnis werden.
Umtost vom Jubel seines Volkes verließ der vierundsiebzigjährige
König am 31. Juli seine Hauptstadt, und am 2. August übernahm er von
Mainz aus, wo er mit Moltke, Bismarck und Roon eingetroffen war, den
Oberbefehl über die deutschen Heere. Das blutige Kriegsspiel begann.
Das waren heiße Augusttage bei Weißenburg und Wörth und um die trutzige
Festung Metz, hinter deren Wällen der sieggewohnte französische
Marschall Bazaine mit eisernen Klammern festgehalten werden mußte.
Am 16. August war das heiße Ringen bei Vionville und Mars la Tour. In
Pont à Mousson war Bismarck im Hauptquartier des Königs, und dort, von
woher die Donner der Schlacht brüllten, kämpften seine beiden Söhne in
der dritten Schwadron der Gardedragoner. Das Vaterherz war voll banger
Sorge und würde es noch mehr gewesen sein, wenn es gewußt hätte, wie
das brave Reiterregiment furchtbar geblutet und viele seiner Offiziere,
darunter seinen tapferen Obersten von Auerswald, verloren hatte. Der
Abend senkte seine Schleier über das furchtbare Feld, und Bismarck ritt
hinter seinem König her, um ein Nachtlager für diesen finden zu helfen.
In allen Häusern und Hütten lagen Verwundete und Sterbende, und nur
mit Mühe gelang es, ein Stübchen ausfindig zu machen, wo ein Feldbett
für den hohen Herrn untergebracht wurde. Der aber wollte es nicht
besser haben als die Seinen. Das Bett sollte für einen Verwundeten
bleiben, er selbst wollte auf einem Strohlager schlafen, und Bismarck
und Moltke mußten mit ihm das Zimmer teilen.
Der Kanzler fand wohl wenig Schlaf; er dachte »der Toten, der Toten,«
er dachte seiner Söhne. Mit dem erwachenden Tage ritt er hinaus in das
Schlachtfeld nach dem Lagerplatz der Gardedragoner und fragte nach
seinen Lieben. Sie hatten sich beide brav geschlagen, und Herbert hatte
für König und Vaterland geblutet, aber das Geschick war ihnen gnädig
gewesen.
Im Lazarett in Mariaville fand er beide Söhne, und in freudiger
Ergriffenheit trat er an das Lager Herberts, der durch eine Kugel am
Oberschenkel verwundet war. Wilhelm hatte sein Pferd verloren, war aber
sonst unversehrt geblieben.
Es war ein trotz allem schönes Wiedersehen, aber ein von einem leisen
Wehmutshauch verschleiertes Abschiednehmen. Für den Grafen Herbert
winkte die Rückkehr in die Heimat, Graf Wilhelm aber zog mit seinem
Regimente weiter, neuen Gefahren und Siegen entgegen, und Vater und
Sohn sollten sich erst am 2. September wiedersehen.
Am 18. August brüllten die ehernen Schlünde um _Gravelotte_ und
_Rezonville_. Am Morgen ritt Bismarck mit seinem König die Höhe bei
Flavigny hinan und sah hinein in das wogende Kampfgewühl, das bis
hierher brandete. Mehr als einmal kam er selbst sowie auch König
Wilhelm in drohende Gefahr. Es war ein furchtbares Ringen, nicht _eine_
Schlacht, sondern eine Reihe von Schlachten, die hier um das alte Metz
geschlagen wurden. St. Privat war von den preußischen Garden und den
braven Sachsen erstürmt worden nach heißem Streit und unter schweren
Verlusten, und als der Sommertag sich zu neigen begann, sanken auch die
Sterne des französischen Marschalls.
Noch einmal in der siebenten Abendstunde machte er einen verzweifelten
Vorstoß über die Talschlucht von Gravelotte hinaus, aber die wackeren
Pommern, die nach einem beschwerlichen Marsche erst vor kurzem auf dem
Schlachtfelde eingetroffen, warfen sich ihm entgegen. »Es lebe der
König!« scholl es in heller Begeisterung, und hinab ging es in den
Talgrund, Bataillon um Bataillon und jenseits wieder die Höhen hinan.
Der greise Kriegsherr aber hielt auf der Höhe nördlich von Gravelotte
und sah hinein in die sprühenden Pulverblitze, und um ihn her und
über ihn hin sausten die todbringenden Geschosse und platzten die
Granaten. Und wie einst bei Sadowa, so wußte Bismarck auch hier seinen
königlichen Herrn aus der gefährlichen Stellung fortzubringen. Er blieb
ihm treu zur Seite und geleitete ihn gegen Rezonville. Hier stieg der
greise Held, ermüdet von dem furchtbaren Tage, vom Rosse und sah sich
um nach einem Sitze. Es war nichts zu erblicken; nur ein toter Schimmel
lag in der Nähe; auf den Leib desselben und auf eine alte Brückenwage
ward nun eine Leiter gelegt, und hier saß der König, mit dem Rücken an
eine Gartenmauer gelehnt.
Die Schatten des Abends wurden grauer, unheimlich loderten unfern die
Flammen aus einem großen brennenden Gebäude gegen den Himmel, dumpf
rollten fernher noch die letzten Donner der Schlacht, und um ihren
königlichen Führer her geschart standen in erwartungsvollem Schweigen
Generale und fürstliche Herren.
Um die neunte Stunde war es, als Moltke heransprengte; aus seinen
ernsten Augen leuchtete es hell – er brachte die Kunde von dem
errungenen Siege, von der endgültigen Festnagelung des französischen
Marschalls hinter den Mauern von Metz.
Ein Telegraphenbeamter brachte eine Meldung; ihm diktierte Bismarck im
Namen des Königs folgende Depesche an die Königin Augusta:
Biwak bei Rezonville, 18. Aug. 9 Uhr abds.
Die französische Armee in sehr starker Stellung westlich
von Metz angegriffen, in neunstündiger Schlacht vollständig
geschlagen, von ihren Verbindungen mit Paris abgeschnitten und
gegen Metz zurückgeworfen.
_Wilhelm._
Ein Marketender war herbeigerufen worden; er hatte wenig genug zu
bieten, aber auch der bescheidene Rotwein, mit welchem die Feldflaschen
gefüllt wurden, mundete, und aus einem zerbrochenen Tulpenglase trank
der König. Sein Kanzler aber kaute an einer harten Brotrinde, denn
besseres war augenblicklich nicht zur Stillung des Hungers zu finden.
Die Nacht sank nieder, und die Schwierigkeit, ein Lager zu finden, ließ
sich kaum verkennen. Der König ritt mit seinen Begleitern hinab nach
dem Dorfe Rezonville. In allen Häusern Verwundete, endlich in einem
ärmlichen Hause ein kleines Stübchen! Aus einem Krankentransportwagen
wurde eine Bahre herbeigeschafft, dazu einige Wagenkissen, und auf
diesem unbequemen Lager, völlig angekleidet, mit seinem Mantel bedeckt,
schlief der siegreiche alte Held, nachdem man mit Mühe noch ein
Abendbrot für ihn aufgetrieben hatte.
Bismarck aber irrte durch die nächtlichen Gassen des kleinen
französischen Nests, die erhellt waren von dem Feuerschein brennender
Häuser. Bei dem Wagen des Königs hielt der Erbgroßherzog von
Mecklenburg Wache, damit nichts abhanden komme, und der Kanzler selbst
suchte Haus um Haus nach einem Unterkommen. Überall vernahm er, daß
alles voll Verwundeter liege. Ein dunkles Fenster in einem Hause winkte
verheißungsvoll, und diesmal ließ er sich auch nicht von dem Hinweise
auf Verwundete abspeisen. Er stieg die Treppen hinan und fand in der
Tat ein Stübchen mit drei Betten und hielt hier erquickliche Nachtrast.
Nun galt es, Frankreichs zweites Heer festzulegen und seinen
berühmtesten Marschall Mac Mahon unschädlich zu machen, und die
deutschen Heersäulen zogen mit ruhiger Sicherheit die Wege, welche der
herrliche Schlachtenlenker Moltke ihnen anwies.
Am 23. August war das königliche Hauptquartier in Pont à Mousson. Am
Abend hatte Bismarck seine Wohnung aufgesucht; bei dem Posten an der
Tür des Hauses hielt er an:
»Nun, wie geht’s?«
»So gut es sein kann im Kriege, Exzellenz!«
»Wie steht’s mit der Verpflegung?«
»Untertänigst zu danken, Exzellenz – ich habe seit 24 Stunden keinen
Bissen gegessen!«
Bismarck erschrak beinahe über die Äußerung des Soldaten, und sogleich
eilte er in das Haus, suchte die Küche und kehrte bald mit einem
tüchtigen Stück Brot, das er selbst abgeschnitten, zu dem Manne zurück,
der die Gabe mit lebhaftem Dankgefühl entgegennahm.
Über Bar-le-duc ging es nach Clermont, einem kleinen Gebirgsstädtchen,
wo das königliche Hauptquartier mit jenem der Maasarmee zusammenkam.
In dem bescheidenen Schulhause wohnte der König, und in der Stube,
in welcher sonst der Lehrer arbeitete, war das Gemach des Kanzlers,
Arbeits- und Schlafzimmer zugleich. Eine Treppe höher in einem Saale
war das Bureau eingerichtet. Über einem Sägebock und einer Tonne
liegt eine ausgehobene Tür – das ist der Arbeitstisch, Kisten und
Koffer bilden die wenig bequemen Sitze, flackernde Kerzen, die in
leeren Weinflaschen stecken, werfen ein trübes Licht, und das Stroh
an der Wand auf dem Boden ist die Lagerstelle. – Und in diesem Raume
welch reges Leben, welch bedeutsame, hochwichtige Maschinerie! Da
arbeiten die Legationsräte von Keudell, Graf Hatzfeld, Abeken, Graf
Bismarck-Bohlen, und die Chiffreure, welche die Depeschen besorgen, da
kommen und gehen die Feldjäger und Ordonnanzen, da läuft vom frühen
Morgen bis in die Nacht ein Bericht nach dem anderen heraus und
herein, und zwischen seinen Beamten erscheint ab und zu die Gestalt
des Ministers im Interimsrocke der Landwehrreiter mit den gelben
Aufschlägen, die Beine in den hohen Stulpenstiefeln, und gibt kurze und
klare Anweisungen.
Und in einem nicht behaglicheren Raume des Schulgebäudes arbeitet der
große Generalstab mit seinem schweigsamen Chef ernst, ruhig, klar und
sicher weiter an seinem Werke, und von der Straße herauf schallt der
Trommelschlag und die Marschmusik vorüberziehender Regimenter, und die
wenigsten, die hier vorbeimarschieren, haben eine Ahnung, daß hinter
den Fenstern dieses schlichten Hauses das Räderwerk tätig ist, das die
ganze große Maschine in Bewegung setzt.
Das Vorspiel der großen Tragödie vor Sedan nahm seinen Anfang. Bei
Beaumont schlug Sachsens ritterlicher Kronprinz die Nachhut Mac Mahons
und schloß mit der von ihm befehligten Maasarmee den ehernen Gürtel,
der sich nun um Sedan legte.
Gegen Beaumont ritt auch der Kanzler her im Gefolge seines Königs.
Der Tag war heiß, schwül lag der Sommer auf dem Lande, und die
Marschkolonnen zogen langsam ihre Straße. Bismarck ritt an eine
Abteilung Bayern heran. Die Leute schienen sehr ermüdet und kamen nur
langsam vorwärts. Ein tiefes Mitgefühl erfaßt den Minister mit den
Braven, und er ruft dem Nächsten zu:
»Heda, Landsmann, wollen Sie einmal Kognak trinken?«
Der Mann sah, wie befremdet darüber, wie man eine solche Frage erst
noch tun könne, zu dem hohen Offizier auf und nickte. Da reichte ihm
der Kanzler seine Feldflasche, und als er die Kameraden des Beglückten
so sehnsüchtig und neidvoll auf diesen und das gebotene Labsal blicken
sah, ließ er die Flasche weitergehen, bis sie geleert zu ihm zurückkam.
Einer seiner Begleiter aber folgte seinem Beispiele, und auch die
zweite Feldflasche ging von Hand zu Hand. Nun holte Bismarck seine
Zigarren heraus und fing an auszuteilen, und die vergnügten Gesichter
der ermüdeten Soldaten waren ihm ein schöner Dank.
Was sich nun ereignete, in jenen ersten Septembertagen des Jahres 1870,
wird für ewig unvergessen bleiben im deutschen Volke. Das Heer Mac
Mahons, bei dem sich der Kaiser Napoleon III. selbst befand, war hinter
Sedan zurückgedrängt, und hier erfolgte die Katastrophe, in welcher der
französische Thron zerbrach.
Mit dem Morgen des 1. September hob das gewaltige Schauspiel an; noch
lag der Nebel über den Gefilden, und von Bazailles her, wo die Bayern
standen, zuckten rote Blitze, und dumpfer Donner grollte ihnen nach.
Rechts vom Dorfe Frénois auf einem Hügel hielt König Wilhelm mit seinem
Gefolge, und von hier überschaute er den Verlauf des furchtbaren
Ringens. Um die Mittagszeit war der Calvaire d’Illy, der Schlüssel der
feindlichen Stellung, genommen, erdrückend lag die deutsche Heeresmacht
um das bedrängte Sedan und um den verzweifelten Kaiser. Mac Mahon war
verwundet worden und hatte den Oberbefehl über das französische Heer
dem General Wimpffen übergeben. Aber auch dieser konnte nicht mehr
retten, was verloren war.
Die Abenddämmerung legte einen leichten Schleier über die Walstatt.
Brennende Dörfer leuchteten in der Runde, und die deutschen Batterien
spien noch immer von allen Seiten Verderben und Vernichtung gegen die
Festung. Endlich flatterte zwischen Rauch und Qualm auf der vorderen
Bastion etwas Weißes empor, die Kapitulationsflagge.
Um die siebente Stunde ritt den Hügel von Frénois der französische
General von Reille heran, tiefen Ernst in dem gebräunten Antlitz. Es
war eine erschütternde Kunde, die er brachte: Kaiser Napoleon legte
seinen Degen nieder in die Hand des Königs Wilhelm. In tiefer Bewegung
las dieser die kurzen, inhaltschweren Zeilen des besiegten Gegners
seinem Gefolge vor, und in Erschütterung und schweigend standen sie
alle. Selten wohl hat die sinkende Sonne ein solches Bild beleuchtet:
den greisen König, umgeben von deutschen Fürsten und Führern, der, auf
einer umgestürzten Pflugschar sitzend, seine Antwort auf dem Rücken
seines Adjutanten schrieb, indessen abseits in würdiger Resignation
der französische Parlamentär harrte, während nicht lange danach der
mit der wunderbaren Nachricht durch das ganze Heer fortschreitende,
lawinengleich anwachsende Jubelruf zum Himmel jauchzte, der gerötet
war von brennenden Ortschaften und von den Freudenfeuern, die weit ins
fremde Land hineinleuchteten.
Für Bismarck wie für Moltke und manchen anderen brachte die
kommende Nacht keine Ruhe. Es galt, mit dem General Wimpffen die
Kapitulationsbedingungen festzusetzen, und auf den Wunsch seines Königs
wohnte der Kanzler den Verhandlungen bei.
Im Erdgeschoß des Schlößchens von Donchery saßen die ernsten Männer in
schweigender Nacht beisammen.
»Die französische Armee ist kriegsgefangen einschließlich der
Offiziere, mit Waffen und Gepäck, doch sollen den Offizieren ihre Degen
bleiben!«
So lautete Moltkes ruhig-feste Bedingung, und vergebens bemühte sich
Wimpffen, eine günstigere zu erreichen. Er mahnte daran, wie man
durch milderes Entgegenkommen sich die Dankbarkeit des französischen
Volkes gewinnen würde, durch Härte aber dessen unauslöschlichen Haß
heraufbeschwören müßte.
Im Antlitz Bismarcks zeigte sich Erhebung, er hob das mächtige Haupt
und sah dem französischen General fest ins Gesicht, als er ihm
erwiderte:
»An die Dankbarkeit des französischen Volkes vermögen wir nicht zu
glauben, weil es keine dauerhaften Einrichtungen, keine Verehrung und
Achtung vor seiner Regierung und seinem Fürsten hat, der fest auf
seinem Throne sitzt. Auch wäre es Torheit, zu glauben, daß Frankreich
jemals uns unsere Erfolge verzeihen könnte. Sie sind ein über die
Maßen eifersüchtiges, reizbares und hochmütiges Volk, das in zwei
Jahrhunderten uns dreißigmal den Krieg erklärt hat, und das uns den
Sieg von Sadowa nicht verzeihen kann, gleich als ob das Siegen sein
alleiniges Vorrecht wäre. Frankreich muß für seinen eroberungslustigen
und ehrgeizigen Charakter gezüchtigt werden; wir wollen ausruhen, wir
wollen die Sicherheit unserer Kinder wahren, und dazu ist es nötig, daß
wir zwischen Frankreich und uns eine Schutzwehr, ein Gebiet, Festungen
und Grenzen haben, die uns für immer gegen einen Angriff schützen. Das
Glück der Schlachten hat uns die besten Offiziere der französischen
Armee überliefert; sie in Freiheit setzen, um sie aufs neue gegen uns
marschieren zu sehen, wäre Wahnsinn. Es würde den Krieg verlängern
und dem Interesse beider Völker widersprechen. Nein, General, alle
Teilnahme, welche uns Ihre persönliche Lage einflößt, alle gute
Meinung, welche wir von Ihrer Armee hegen – beides darf uns nicht
bestimmen, von den Bedingungen zurückzutreten, die wir gestellt haben.«
Es waren schwerwiegende, harte Wahrheiten, welche Bismarck hier nach
seiner ehrlichen, festen Art aussprach, und denen Wimpffen nichts
entgegensetzen konnte.
Die Mitternacht war vorüber, als der französische General mit seinen
zwei Begleitern von Donchery hinüberritt nach Sedan; er wollte die
letzte Entscheidung über die gemachten Bedingungen dem gebrochenen,
kranken Manne überlassen, der sich noch den Kaiser von Frankreich
nannte.
Bismarck hatte sich tief ermüdet nach seinem Quartier begeben und trotz
der gewaltigen Erregung, die dieser Tag gebracht, Schlaf gefunden. Aber
lange ward er ihm nicht gegönnt. Früh am Morgen wurde er geweckt mit
der Nachricht, daß Napoleon von Sedan her bereits unterwegs sei und ihn
zu sprechen wünsche. Er ritt dem Kaiser entgegen durch die dämmernde
Frühe des kühlen Septembermorgens. Da kam ihm ein zweispänniger
Wagen entgegen mit zwei galonnierten Dienern auf dem Bocke, und drei
französische Offiziere ritten zur Seite. Im Fonds des Wagens lehnte
mit müdem, gelbem Antlitz und mit dem Wesen eines kranken, gebrochenen
Mannes – Napoleon; drei Generale saßen neben ihm, beziehentlich ihm
gegenüber. Als Bismarck näherkam, stieg er vom Pferde, trat militärisch
grüßend an den Wagen und fragte nach den Befehlen des Kaisers.
Dieser hatte die Mütze abgenommen, und seine Begleiter folgten dem
Beispiel. Als Bismarck das gleiche tat, sagte Napoleon: »Bedecken Sie
sich doch!«
Sein Wunsch, zu dem König geführt zu werden, ließ sich aus mehreren
Gründen nicht erfüllen, und da er aus Furcht vor seinen eigenen Leuten
nicht nach Sedan zurückzukehren wagte, bot ihm der Kanzler sein
Quartier in Donchery an. Dahin fuhr jetzt der Wagen, dem Bismarck zur
Seite ritt.
Aber noch ehe das Städtchen erreicht war, wünschte Napoleon zu rasten.
Unfern der Maasbrücke, rechts von der Straße, deren einförmige
Pappelreihe gleichmütig zum Himmel ragte, stand ein kleines, gelb
getünchtes Haus mit vier Fenstern. Einem schlichten Weber gehörte
es. Hier stieg der Kaiser ab und ging langsam und müde, gefolgt von
Bismarck, die enge Holztreppe hinauf nach dem ersten Stockwerk. In
einer kleinen Kammer, die nur von einem Fenster erhellt wurde, standen
an einem fichtenen Tisch zwei Binsenstühle.
Hier saßen die beiden Männer, der kleine, zusammengebeugte,
tiefgedemütigte Franzose, der hochragende, stattliche, ernst und
teilnahmsvoll dreinsehende Deutsche. Eine Stunde beinahe verhandelten
sie hier miteinander. Der Kaiser beklagte, daß er wider seinen Willen
durch die öffentliche Stimmung in den unseligen Krieg hineingedrängt
worden sei und suchte für die Kapitulation von Sedan günstigere
Bedingungen zu erlangen. Bismarck mußte ihm darauf höflich, aber
entschieden bemerken, daß er in dieser militärischen Angelegenheit
inkompetent sei, wohl aber auf eventuelle Friedensverhandlungen
eingehen wolle. Dazu aber glaubte sich der gefangene Kaiser nicht mehr
berufen, und so floß das Gespräch ohne ein positives Resultat dahin.
Napoleon schien es zu enge zu werden in dem kleinen, kahlen Raume,
er erhob sich, und der Kanzler folgte ihm hinaus ins Freie. Vor dem
schlichten Weberhäuschen schweifte der Blick seitwärts über ein
blühendes Kartoffelfeld und über Buschwerk hinaus ins Land. Die beiden
Binsenstühle waren herausgetragen worden, und der Kaiser ließ sich noch
einmal nieder, Bismarck zu seiner Seite. Unter dem Himmel Frankreichs
ein wunderlich ergreifendes Bild! Noch einen letzten Versuch machte der
hohe Gefangene, seiner eingeschlossenen Armee den Abzug auf belgisches
Gebiet zu sichern, aber auch hier wich der Kanzler dieser Frage aus.
In der Nähe von Frénois liegt ein Schlößchen, Bellevue genannt. Dort
sollte Napoleon einstweilen Wohnung nehmen, und, begleitet von einer
Ehreneskorte des Leibkürassierregiments, führte Bismarck ihn dahin.
Und hier war es, wo um zwei Uhr mittags, nachdem die Kapitulation von
Sedan in dem von Moltke gewünschten Sinne abgeschlossen war, König
Wilhelm den unseligen Mann besuchte, dem sein Ehrgeiz verhängnisvoll
geworden war.
Es war um die zweite Nachmittagsstunde, als der Kaiser, das Haupt
entblößt, auf der Freitreppe am Eingange des Schlößchens, den
ehrwürdigen, weißhaarigen König begrüßte. In Napoleons Augen standen
Tränen, aber auch der siegreiche Monarch war tief bewegt. Eine
inhaltschwere Viertelstunde verrann, ehe die beiden voneinander
schieden, der Kaiser, um nach Deutschland zu ziehen, als Gefangener
nach jenem Schlosse Wilhelmshöhe bei Kassel, auf welchem zu Anfang des
Jahrhunderts der napoleonische König Jerôme seine lustige Herrschaft
geführt hatte, König Wilhelm in sein Hauptquartier zu Vendresse.
Der Champagner war selbst in Frankreich ein seltenes Getränk auf der
Tafel des greisen Heerführers, an jenem 3. September aber fehlte er
nicht, und bei dem schäumenden, perlenden französischen Weine im Kreise
seiner besten Paladine sprach der König das schöne Wort:
»Wir müssen heute aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee
trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft;
Sie, General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck,
haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen
jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns also auf das Wohl der
Armee, der drei von mir Genannten und jedes einzelnen unter den
Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen
beigetragen hat.«
In der Stille des Abends aber saß am selben Tage Bismarck in seinem
Quartier und schrieb an seine Gemahlin im Drange seines Herzens
einen schlichten und dabei doch ergreifenden Brief, der freilich
das Schicksal hatte, von den französischen Freischärlern abgefangen
zu werden, aber durch seine Veröffentlichung in der Pariser Zeitung
»Figaro« allgemein bekannt worden ist.
Mit Napoleons Gefangennahme hörte der Krieg nicht auf. Die Franzosen
gaben ihren Kaiser preis, setzten ihn ab und proklamierten die
Republik, und die Waffen redeten zunächst ihre ernste, furchtbare
Sprache noch weiter. Frankreich gedachte neue Armeen aus der Erde
zu stampfen und Freischarenbanden im Rücken der deutschen Heere
organisieren zu lassen, um diese zu beunruhigen, und diese unheimlichen
Gesellen in ihren dunklen Wollenblusen, mit der blauen Schärpe um
den Leib, lagen allerorten im Hinterhalt, zerstörten Schienenwege
und Telegraphenleitungen und suchten den deutschen Armeen die Zufuhr
abzuschneiden. Paris, das Kleinod von Frankreich, wurde stark befestigt
und eine starke Armee in die Hauptstadt gelegt, aber mit ruhiger
Sicherheit gingen die deutschen Heere ihre Siegespfade weiter, und
immer näher heran an die innerlich verkommene »Weltenseele«.
Es war am 19. September, als ein Mitglied der französischen Regierung,
der Advokat Jules _Favre_, im deutschen Hauptquartier eintraf und mit
Bismarck zu verhandeln wünschte. Dieser wohnte in der Nähe des Dorfes
Montry in dem Schlosse La Haute Maison. Langsam fuhr der Wagen des
Franzosen die bewaldete Anhöhe hinan, die nach dem wenig ansehnlichen
Hause führte, und sein Auge blieb unwillkürlich an den Zerstörungen
haften, die sich überall als Folgen von Kämpfen, die sich hier
abgespielt haben mußten, bemerkbar machten.
Bismarck empfing den Gast mit ritterlicher Höflichkeit und erkundigte
sich nach seinen Wünschen.
Favre wußte mit großer Gewandtheit und Geschicklichkeit auszuführen,
wie die französische Regierung dem Frieden nicht abgeneigt wäre, wie
dieselbe aber, ehe sie einen solchen schließen könne, gesetzlich
anerkannt sein müsse. Es liegt darum die Notwendigkeit vor, eine
konstituierende Nationalversammlung einzuberufen, was aber unmöglich
sei während der Fortdauer des Krieges; seine Bitte gehe darum auf
Abschluß eines Waffenstillstands.
Ernst und ruhig sah Bismarck dem Franzosen ins Auge, der einigermaßen
erregt mit den schlanken Fingern sich durch den weißen Bart strich.
Dann bemerkte er: