_Brandenburger Tor_ drängte es von Tausenden, um hier bereits der
Begrüßung des Königs durch die Vertreter der Stadt beizuwohnen. Grüne
Girlanden schmückten die Säulen, die Fahnen wehten lustig in die Weite,
und durch das Tor mit seinen stolzen Bogen kamen die Heldenscharen
herein, umjauchzt von der Begeisterung der Menge. Die Straße Unter den
Linden war verwandelt in eine herrliche ~via triumphalis~, tausend
Flaggen flatterten in den Lüften, tausend Kränze und Festons hingen an
den Häusern und den Bäumen, Blumen regnete es von allen Seiten nieder
auf die blitzenden Helme, und immer aufs neue brauste der Jubel auf
in seinen vollsten, unvergleichlichen Akkorden: wie lauter Donner
dröhnte er fort die breite Straße entlang, wo immer die Heldengestalt
des greisen Königs erschien und die Gestalten seiner Paladine. Da
ritten sie ihm vorauf mit leuchtenden Augen, der stattliche Roon, der
ernste, ruhige Moltke und Graf Bismarck. Hochaufgerichtet saß er im
Sattel, an der Uniform die Abzeichen als _Generalmajor_, wozu ihn sein
König vor kurzem ernannt hatte, und das orangefarbige Band des hohen
Ordens vom Schwarzen Adler über der breiten Brust. Unter dem blinkenden
Kürassierhelm hervor blickten die hellen, scharfen Augen, und die
gewaltige Erregung dieser Stunde machte, daß er die schwere Erschöpfung
und Abspannung niederkämpfte, die den eisernen Mann infolge der letzten
Zeit ergriffen hatte.
Aber der Erholung bedurfte er dringend, und er suchte und fand sie an
der See, auf dem grünen Eiland von Rügen, wo er in stillem Behagen
im Spätherbst jenes ereignisvollen Jahres saß, während in deutschen
Landen sein Name von Mund zu Mund ging, während der alte Groll, den
man gegen ihn gehegt, weil man ihn nicht verstanden, immer mehr und
mehr verschwand. Es galt, zwischen Preußen und den Staaten bis zur
Mainlinie, einschließlich von Sachsen, einen Verband zu schaffen zu
Schutz und Trutz, zu gemeinsamer innerer Arbeit, und Bismarck hatte
die Freude, den konstituierenden _Reichstag des Norddeutschen Bundes_
am 24. Februar 1867 eröffnet zu sehen, der nun den von seinem Schöpfer
ausgearbeiteten Verfassungsentwurf beriet. Ihm rief am 11. März der
unermüdliche Bismarck zu:
»Arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland in den Sattel, reiten wird
es schon können!«
Am 16. April war die neue Verfassung angenommen, am 1. Juli trat sie
ins Leben, und am 14. Juli war Bismarck _Kanzler des Norddeutschen
Bundes_.
[Illustration: ~Eis. Kanzler IV.~
Am Abend der Schlacht von Gravelotte.]
Nun konnte er sich eine kleine Rast gönnen auf seinem neuerworbenen
Tuskulum _Varzin_. In Hinterpommern bei dem Städtchen Schlawe liegt das
Gut, welches Bismarck mit dem zugehörigen Besitz von Wussow, Puddiger,
Misdow, Chomitz und dem Vorwerk Charlottenthal sich ankaufte aus der
Ehrengabe, die er nach dem Kriege mit Österreich aus Staatsmitteln
erhalten hatte. Es liegt nicht weit von dem freundlichen Reinfeld, wo
die Wiege seiner Gattin stand, und hat einen prächtigen Waldbestand,
der den Weidmann lockte. Im Frühling 1867, als der Park seinen
Blätterschmuck angelegt hatte, und die Wiesen ringsum grünten, hatte er
es erworben, und dann war er zum erstenmal hinausgefahren.
Die Eisenbahn führte damals nur bis Schlawe, und hier mußte die Fahrt
mittels Extrapost fortgesetzt werden. Er kam mit einem Separatzug
angefahren, früher, als man ihn erwartet hatte, und ließ sich nun
behaglich auf einer Bank auf dem Perron nieder, brannte sich eine
Zigarre an und ließ die friedliche Stille ringsum auf sich wirken. Da
näherte sich ihm mit halb scheuer, halb neugieriger Miene ein Mann,
seinem Äußeren nach ein biederer, schlichter Handwerker, der ihn grüßte
und sich dann einigermaßen verlegen an das Ende der Bank setzte. Er
betrachtete eine kleine Weile den ihm Unbekannten, dann fragte er:
»Sie sind wohl der Herr, welcher mit dem Extrazuge gekommen ist?«
»Jawohl,« erwiderte Bismarck, einigermaßen über die Anfrage verwundert,
aber gutmütig-jovial fügte er bei: »Wer sind Sie?«
»Ich bin der Schuster N. aus Schlawe – und mit wem habe ich die Ehre?«
»Na, ich bin auch Schuster!«
»I, was Sie da sagen!« sprach beinahe erschrocken der schlichte Mann
und sah doch einigermaßen ungläubig nach dem stattlichen Fremden – »und
da fahren Sie mit Extrazug?«
»Warum nicht, lieber Freund? Wir Berliner Schuster können uns das
bieten.«
Der brave, neugierige Handwerker war eben daran, seine Verwunderung
auszudrücken, als eine Abteilung Husaren in Paradeuniform heranritt;
man hörte das Kommando des Rittmeisters: »Eskadron halt! Richt’ euch,
Augen rechts!« und mit Staunen sah der Schuster, wie der Offizier jetzt
an den Fremden heranritt und salutierte. Er sprang beinahe entsetzt von
der Bank auf und starrte seinen Nachbar an, als aber jetzt auch die
Extrapost heranfuhr mit dem gleichfalls parademäßig herausgeputzten
Postillon, reichte Bismarck dem vollständig verlegenen Manne die Hand
und sagte lächelnd:
»Wenn Sie einmal nach Berlin kommen, so besuchen Sie meine Werkstatt!«
Dann fuhr er hinein in den Frühlingstag, während die Husaren ihm
ihre Honneurs machten, vorbei an Feld und Wiese, durch grünen,
rauschenden Wald, durch das hübsche, kleine, bucklige Ländchen, wie es
die Gräfin Bismarck scherzend einst bezeichnete, bis die Landstraße
hineinführt in das Hof- oder Herrengut. Da liegen ihm zur Linken die
Wirtschaftsgebäude, zur Rechten das überaus schlichte, einstöckige
Herrenhaus, aber hinter diesem grüßen und winken die Buchen und Eichen
des Parkes und rauschen ihm entgegen:
»Willkommen in deinem neuen Heim!«
Zehntes Kapitel.
Mit Blut und Eisen.
Ein herrlicher Sommermorgen ist über Varzin und seinem Parke
aufgegangen, ein Julimorgen des Jahres 1870. Die Sonne spiegelt sich
in den Fenstern des Herrenhauses, die Rosen blühen und duften in dem
Garten, und über die Freitreppe schreitet Graf Bismarck herab. Er trägt
eine einfache graue Joppe, ein leicht geschlungenes Tuch um den Hals,
auf dem Haupte einen Schlapphut und in der Hand einen kräftigen Stock;
gemessen folgt seinen Schritten eine schöne Ulmer Dogge, die ab und
zu mit klugen, großen Augen nach ihm hinschaut. Über den knirschenden
Kies der Gartenwege schreitet die stattliche Gestalt dahin, vorbei
an großen Sandsteinfiguren und an einem kleinen Teiche und dann über
eine Terrasse hinauf in den leise rauschenden Park, durch dessen grüne
Laubkronen die spielenden Lichter niederhuschen. Jeden Baum sieht
das klare Auge an, denn er kennt sie alle, die prächtigen Buchen und
Eichen, und selbst den kleinen Nachwuchs. Wie einst der Knabe auf
Kniephof, so freut sich jetzt der ernste, gewaltige Mann an jedem
Nestchen, das zwischen dem Gezweige hervorlugt, an jedem Vogel, der
über ihm singt, an jedem Stämmchen, das sich kräftig entwickelt.
Auf einer Bank hält er Rast. Das treue Tier liegt zu seinen Füßen und
blinzelt hinauf nach dem blauen Himmel, sein Herr aber läßt vor seinem
Geiste eine Reihe von Bildern vorüberziehen in der einsamen Stille, die
ihm selten genug zuteil wird.
Er denkt der vergangenen Tage und all des Großen, was sie gebracht
haben, aber er schaut auch aus in eine ernste Zukunft. Der Nachbar
im Westen, Kaiser Napoleon III., der sich nicht ganz sicher fühlte
auf seinem Thron, suchte nach irgendeiner Verwicklung, die ihm in den
Augen der Franzosen Ruhm und Ansehen verleihen sollte. Er war bereits
bestrebt gewesen, das Großherzogtum Luxemburg zu annektieren, das zum
ehemaligen deutschen Bunde gehörte, aber Bismarck hatte erreicht, daß
das Ländchen als neutrales Gebiet erklärt wurde, und Frankreich mußte
die Finger davon lassen. Immer unbehaglicher wurde für Napoleon das
wachsende Ansehen Preußens, und immer mehr drängte die Stimmung des
französischen Volkes zu einer Demütigung desselben.
Da schien sich eine besonders günstige Gelegenheit zu bieten.
Spanien hatte seinen eben erledigten Thron dem Prinzen Leopold von
Hohenzollern-Sigmaringen angeboten, der mit Napoleon selbst verwandt
war. Trotzdem hatte man in Frankreich erklärt, daß die Wahl eines
Hohenzollern eine Schädigung seiner Interessen, ja, geradezu eine
Herausforderung bedeuten würde, und hatte an König Wilhelm die
Forderung gestellt, er solle dem Prinzen von Hohenzollern befehlen,
sich der Bewerbung um den spanischen Thron zu enthalten. Der König
hatte Benedetti in Ems erklärt, daß er dem Prinzen nichts zu befehlen
habe.
So lagen die Dinge augenblicklich, und Bismarck fühlte mit aller
Bestimmtheit, daß Frankreich immer neue Forderungen stellen und Preußen
um jeden Preis zum Kriege reizen würde. Seine Beruhigung war jedoch die
gerechte Sache seines Königs, die schlagfertige Armee und die Hoffnung
auf das erwachende nationale Gefühl des deutschen Volkes.
Er sah hinein in die sonnige, stille Welt, in seinen grünen, schattigen
Park und hinüber nach den weißen Mauern seines Herrenhauses, und eine
Friedenssehnsucht zog ihm durch die Seele. Da kam den Kiesweg heran
ein älterer Herr mit Zeitungen in der Hand; der Hund hob den Kopf,
blinzelte mit den klugen Augen und wedelte leicht mit dem Schweife,
– er begrüßte einen guten Bekannten, den Vorstand des Geheimbureaus
Bismarcks, den Geheimen Legationsrat Lothar Bucher.
»Gibt’s Neues von Wichtigkeit, lieber Bucher?«
»Bis jetzt nichts von Belang, Exzellenz; die französischen Zeitungen
aber rasseln sehr energisch mit den Säbeln, hier ist eine äußerst
bezeichnende Stelle!«
Er hatte sich auf Einladung seines Vorgesetzten neben diesem
niedergelassen und las:
»Unser Kriegsgeschrei ist bis jetzt ohne Antwort geblieben; die Echos
des deutschen Rheines sind noch stumm. Hätte Preußen zu _uns_ die
Sprache gesprochen, welche Frankreich spricht, wir wären schon längst
unterwegs.«
»Darin mögen sie recht haben,« sagte Bismarck, »es fragt sich nur, wie
weit sie gekommen wären.«
»Wie ist die Stimmung in den deutschen Blättern, zumal in den
süddeutschen?«
»Ganz ausgezeichnet, Exzellenz! Man erwartet, daß der König jedes
freche Ansinnen Frankreichs entschieden zurückweisen werde und ist in
Verurteilung des französischen Vorgehens von seltener Einstimmigkeit.«
»Na, und wenn es zum Äußersten kommt, wir sind bereit, denn auf
Moltke und Roon können wir uns verlassen, und wir haben in acht
Tagen gewaltige Heeresmassen marschfertig. Frankreich rennt in sein
Verderben, wenn es den Krieg provoziert.«
»Das ist die öffentliche Meinung in Deutschland!« sagte Bucher und las
aus hervorragenden Blättern einige Aufsätze Bismarck vor, der, die Arme
auf den Stock gestützt, das Haupt vorgeneigt, ihn ruhig anhörte.
Nach einiger Zeit erhob er sich.
»Nun muß der Gutsherr in sein Recht treten. Auf Wiedersehen in einer
Stunde. Hoffentlich bringt sie uns nichts Unangenehmes.«
Er ging langsam, gefolgt von der Dogge, nach dem Herrenhause zu,
durchschritt hier einen langen, schmalen Korridor, und betrat am Ende
desselben ein kleines Zimmer mit weiß getünchten Wänden und einem
breiten Fenster, durch welches das volle Licht hereinfiel auf den
einfachen Tisch und die daneben stehenden hohen Schränke, von welchen
ausgestopfte Vögel herabschauten. Ein schwarzes Ledersofa, einige
geschnitzte Stühle, altertümliche Glasgefäße auf dem breiten Kaminsims
vervollständigen die Einrichtung des Gemachs, in welchem »der Gutsherr
von Varzin« mit seinen Leuten verkehrt.
Da wartet schon mancher auf den großen Staatsmann, um mit ihm über
Forstnutzung, Industrieanlagen, Gartenwirtschaft und dergleichen zu
verhandeln, und eine Stunde ist rasch genug vorüber. Der letzte ist
gegangen, aufatmend erhebt sich Bismarck und sieht nach der Uhr, – es
ist Zeit zum Frühstück, und er wird wohl bereits erwartet.
Im Billardzimmer ist der Tisch gedeckt. Der große Raum sieht freundlich
aus. Die Fenster gehen hinaus in das Grün des Gartens, an den Wänden
hängen Bilder rheinischer Städte, die Möbel, teils gepolstert, teils
mit braunem Schnitzwerk, sehen traulich und behaglich aus, die beiden
Öfen mögen im Winter mit ihrem offenen Feuer die Gemütlichkeit des
Raumes ganz besonders erhöhen, und das in einer Nische stehende
Billard sowie der Flügel der Hausfrau lassen erkennen, daß der ernste
Diplomat gerade hier manche Stunde verbringt, die ihm wohl Erholung und
Zerstreuung bieten mag.
Hier ist er im Kreise der Seinen. Seine Gemahlin eilt ihm entgegen,
seine Tochter, Komteß Marie, hängt sich an seinen Arm, seine Söhne
grüßen ihn mit herzlicher Freundlichkeit, und bald sitzt er in seinem
Lehnstuhl, aber noch immer ist es keine ungestörte Rast. Lothar Bucher
hat ihm Briefe und Depeschen überreicht, ehe er sich mit an den Tisch
setzte, und Bismarck öffnet und überfliegt die letzteren.
Ein Schatten zieht über sein Gesicht.
»Aus Ems. Benedetti sucht um eine neue Audienz nach bei dem König. Er
wird die unverschämte Forderung seiner Regierung wiederholen; man hat
die zweifellose Absicht, uns zu brüskieren.«
Da war das Gespräch ganz von selbst wieder bei der brennenden
Tagesfrage, und Bismarck hatte zu tun, um die erregten Damen zu
beruhigen. Er selbst nahm dabei das einfache Frühstück ein, das für ihn
in der Hauptsache aus weichgekochten Eiern mit geröstetem Weißbrot,
einer Schale Milch und etwas schwarzem Kaffee bestand. Nach Beendigung
desselben sprach er:
»Aber nun ein halbes Stündchen ohne Politik! Laß uns einen Gang durch
den Park tun, mein liebes Herz, ich muß dir drei junge Buchen zeigen,
die aus einem Stamm herauswachsen, und die ich bisher noch gar nicht
entdeckt hatte. Ich habe dabei unwillkürlich an unseren Wappenspruch
denken müssen: ~In trinitate robur~ – in der Dreiheit die Stärke, und
dann habe ich an unsere lieben drei gedacht! Komm, Marie, du mußt die
Bäume gleichfalls sehen.«
Er reichte den beiden Damen den Arm, die Grafen Herbert und Wilhelm
gingen hinterdrein. So schritten sie unter den stattlichen Bäumen des
Parkes hin im lachenden Sommersonnenschein und vergaßen für eine kurze
Zeit die Wetterwolken, die am westlichen Himmel Europas sich auftürmten.
Aber die kurze Spanne gemütlichen Behagens war bald vorüber, und
Gattin und Tochter begleiteten Bismarck in sein Arbeitszimmer, in die
Werkstätte des Diplomaten.
Ein großer, sechseckiger Raum von vornehmer Einfachheit.
Eichenholzgetäfel in mehr als Manneshöhe zieht sich an den Wänden
hin, und die Decke ist durch vortretende Eichenbalken in Quadrate und
Dreiecke geteilt. In einem sechseckigen Erker sind drei schmale Fenster
angebracht, an der Wand der Tür gegenüber ein breites. Nahe demselben
steht der Schreibtisch aus Nußbaumholz mit blitzenden Messingbeschlägen
an Türen und Schubladen. Auf der mit grünem Tuch überzogenen Platte
befinden sich ein zweiarmiger Leuchter, mehrere verschieden geformte
Briefbeschwerer, ein Schreibzeug, das aus dem Holze einer bei der
Düppelstürmung eroberten Lafette geschnitzt ist, Federn und lange,
dicke Bleistifte. Kleinere Tische, mit Büchern und Schriftstücken
bedeckt, stehen da und dort, zwei Sofas laden zur Ruhe ein, im Erker
steht ein kleiner Diwan neben einer Causeuse, und von hier schweift
der Blick hinaus auf den blinkenden Spiegel eines kleinen Teiches, auf
einen ferner liegenden Ruheplatz zwischen je einer stattlichen Eiche
und Buche, und auf die wogenden Saatfelder, welche durch das dunkle
Grün bewaldeter Hügel begrenzt werden. In einer abgestumpften Ecke aber
steht das Prachtstück dieses Raumes, ein riesenhafter Kamin von nahezu
vier Meter Breite und fünf Meter Höhe.
In dem Lehnstuhl am Schreibtische hat sich Bismarck niedergelassen, die
Gräfin steht neben ihm, legt ihm zärtlich die Hand auf die Schulter und
sagt mit einem besorgten Blick auf die sich häufenden Schriftstücke:
»Das wird dich wieder viele Anstrengung und Aufregung kosten, und du
bist von deiner letzten Erkrankung noch nicht erholt!«
Der Kanzler des Norddeutschen Bundes lehnt sich behaglich in den Sitz
zurück und spricht:
»~Patriae inserviendo consumor!~ Das ist mein Wahlspruch, und du
weißt, was es heißt: Im Dienste des Vaterlands will ich aufgehen! Und
so schlimm wird es wohl nicht werden, wir Bismarcks sind aus altem
märkischen Holze – das hält etwas aus.«
Er faßte nach der lieben Hand, die noch auf seiner Schulter lag, und
streichelte sie, Gräfin Marie aber eilte herbei und brachte ihm die
lange Pfeife.
»Danke, mein liebes Kind! Das ist auch ein Sorgenbrecher!«
Er öffnete den Deckel des vor ihm stehenden Tabakskastens, der dem
Kopfe seines treuen vierfüßigen Begleiters, der prächtigen Dogge,
die sich auch jetzt zu seinen Füßen gestreckt hat, nachgebildet ist,
und stopft sich die Pfeife. Die junge, schöne Komteß hat den Fidibus
angebrannt und hält ihn zurecht, – einige kräftige Züge, der blaue
Rauch wirbelt um den Lehnstuhl und den, welcher darin sitzt, und nun
gehen die Damen und überlassen den Staatsmann seinen Sorgen und seiner
Arbeit.
Bismarck liest, und der mächtige Blaustift in seiner Hand arbeitet
dabei unablässig. Lothar Bucher kommt, hält Vortrag und macht sich
seine Notizen, und so arbeitet die Staatsmaschine von dem stillen
Varzin in Hinterpommern aus unablässig. Die Stunden vergehen, und der
Erholung darf nicht ganz vergessen werden.
Der Wagen ist vorgefahren, denn Bismarck darf, da er noch
Rekonvaleszent ist von einem Nervenleiden, nicht reiten, und mit Frau
und Tochter fährt er hinein in das freundliche, sonnige Land, und wo er
vorüberkommt, bleiben die schlichten Landleute stehen und grüßen ihn
und die Seinen mit aufrichtiger Herzlichkeit. Da und dort läßt er wohl
auch halten und redet einen oder den anderen der Leute an. Ein alter
Taglöhner stand am Wege und zog ehrerbietig die Mütze; er war krank
gewesen bis vor kurzem, und Bismarck wußte dies. Er rief dem Alten zu:
»Nu, Krischan, du büst woll wedder ganz op den Tüge?«
»I, ja,« – sagte der Angeredete treuherzig. »Sie sollten man ok hier
blieven, dann wurden Sie nochmal so frisch!«
Bismarck lachte, und im Weiterfahren sprach er:
»Ja, wer immer in Varzin sein könnte!«
Gegen sechs Uhr wurde das Diner eingenommen. Was auf den Tisch kam,
stammte beinahe alles von den Besitzungen des Grafen selbst und
mundete um so besser, als es mit heiterem Tafelgespräch gewürzt ward.
Die Stunde ging rasch, und noch einmal wanderte der Kanzler mit den
Seinen in den Park und freute sich des herrlichen Sommerabends, der
grüngoldenen Lichter, welche auf den Wegen spielten, und der tiefen
Ruhe. Da und dort ward kurze Rast gehalten; schlanke Rehe kamen aus
dem nahen Walde und huschten durch den Park bis herein in den Garten,
und Bismarck freute sich der Zutraulichkeit der schönen Tiere, die
sich durch die Nähe der Menschen nicht verscheuchen ließen. Es war
eine liebliche Idylle, in welche die Abendglocken vom Dorfe her
stimmungsvoll klangen.
Nun ward der Tee eingenommen in der umgrünten Veranda. Die Dämmerung
legte sich langsam über das Land, vom Blumengarten wehte süßer Duft,
die Lampe warf ihren traulichen Schimmer über den Tisch, und die Gräfin
Bismarck kredenzt dem Gatten das Getränk. Dann wird die lange Pfeife
wieder angebrannt, behagliche Wölkchen ziehen durch den Raum; in seinen
weiten Sessel zurückgelehnt, sitzt der große Staatsmann schweigend
und träumend, indes aus den geöffneten Fenstern des Frühstückszimmers
die Klänge an sein Ohr schlagen, welche Frau Johannas Meisterhand dem
Flügel entlocken.
Noch eine kurze Stunde, dann neigt sich der Sommertag seinem Ende zu.
Es ist noch nicht ganz um Mitternacht, als Bismarck sich erhebt, um
sich zur Ruhe zu begeben … die letzten Lichter in Varzin verlöschen,
der blaue Nachthimmel spannt sein weites Zelt über Schloß, Park
und Dorf, und die ewigen Sterne flimmern so friedvoll in ihrer
unvergänglichen Schönheit, und sie kümmern sich nicht um der Menschen
und Völker Haß und Hader.
Und drei Tage später leuchteten dieselben Sterne, aber in den stillen
Frieden von Varzin trägt fast um die Mitternachtstunde der Telegraph
eine erregende Mitteilung: Der König beruft seinen Ratgeber sogleich
nach Ems!
Am nächsten Tage war Bismarck bereits in Berlin. Hier fand er gute
Kunde: Der Prinz von Hohenzollern hatte, um nicht Veranlassung zu einer
blutigen Verwicklung zu geben, freiwillig auf den Thron von Spanien
verzichtet. Den Franzosen war der Vorwand zum Kriege genommen, beruhigt
atmete der Kanzler auf und glaubte nun auch seine Reise nach Ems nicht
beschleunigen zu müssen.
Da geschah das Unglaubliche. Benedetti trat in Ems vor den König mit
der Forderung, daß er schriftlich sich verpflichten solle, niemals
einen Hohenzollern auf dem Throne von Spanien zu dulden. Würdig und
entschieden lehnte Preußens Herrscher die demütigende Forderung ab,
einen Tag später reiste Benedetti ab, und abermals einen Tag später,
am 15. Juli, beschloß die französische Regierung unter dem übermütigen
Zujauchzen eines fanatisierten Volkes den Krieg.
An eben diesem Tage reiste auch der König Wilhelm nach Berlin, und was
er auf seinem Weg sah und hörte, durfte ihm wohl die Seele erheben
und befreien. So weit die deutsche Zunge klingt, bebten die Herzen
vor Entrüstung über die französische Frechheit und Anmaßung, und in
Millionen lebte nur ein Gedanke: dieselbe gebührend zurückzuweisen.
Überall dieselbe Begeisterung, die gleichen Beweise der Liebe und
Verehrung des einen deutschen Geistes:
Vergessen ist der alte Spahn,
Das ganze Volk ist eins!
Bismarck war mit dem Kronprinzen sowie mit Roon und Moltke dem König
bis Brandenburg entgegengefahren. Bewegt reichte der Herrscher seinen
Treuen die Hand, und weiter ging es der Hauptstadt zu. Durch ihre
Straßen flutete das Volk in dichtem Gedränge; mit entblößten Häuptern
stand es da, und während aus allen Fenstern die Tücher wehten zum
Empfangsgruß, schwollen die begeisterten Zurufe immer lauter an, je
näher die Wagen dem Schlosse kamen. Bis in die Nacht hinein erklangen
brausende Vaterlandslieder, stürmische Hochrufe, indes aus dem
bekannten Eckfenster des schlichten Palais der Lichtschimmer seinen
freundlichen Gruß hinaussandte. Dort beriet der König mit seinen
Getreuen, und ein Adjutant ersuchte das Volk im Namen des Herrschers um
Ruhe. Da ging _ein_ Empfinden durch all die Tausende; tiefstill ward es
um das Standbild des großen Friedrich her, und lautlos ging die Menge
auseinander.
In derselben Nacht flogen die Befehle zur Mobilmachung des Heeres durch
alle Gaue Norddeutschlands.
Es kam der 19. Juli, der Todestag der unvergeßlichen Königsrose
Luise. Vor 60 Jahren war sie heimgegangen, hinsiechend an der Not des
Vaterlands, und nun sollte in ihrem Sohne ihr ein herrlicher Rächer
erstehen. Vormittags fand im Dome ein feierlicher Gottesdienst statt in
Gegenwart des königlichen Hofes, der Ministerien und der Abgeordneten.
Unter diesen saß in der letzten Reihe die hagere Gestalt des Generals
von Moltke so schlicht und bescheiden, als wäre ihm nicht gerade eine
Hauptrolle bestimmt in dem gewaltigen historischen Drama, für welches
jetzt der Segen des Himmels erfleht wurde, und von der Empore herab
schaute Graf Bismarck ehern und ruhig auf die Andächtigen nieder. Nach
dem Gottesdienst erfolgte die Eröffnung des Reichstags im Weißen Saale
des Schlosses durch den König. Es waren erhebende, mächtig bewegende
Worte, und tiefe Ergriffenheit erfaßte die Versammlung, als er schloß:
»Je unzweideutiger es vor aller Augen liegt, daß man uns das Schwert
in die Hand gezwungen hat, mit um so größerer Zuversicht wenden wir
uns, gestützt auf den einmütigen Willen der deutschen Regierungen des
Südens wie des Nordens, an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des
deutschen Volks mit dem Aufrufe zur Verteidigung seiner Ehre und seiner
Unabhängigkeit.
Wir werden nach dem Beispiele unserer Väter für unsere Freiheit und für
unser Recht gegen die Gewalttat fremder Eroberer kämpfen, und in diesem
Kampfe, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas
dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern
war!«
Kurze Zeit danach fuhr der König hinaus nach Charlottenburg. Dort
liegt zwischen grünen Parkgehegen ein schlichter Bau, das Mausoleum,
in welchem Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise ruhen. Zwei
herrliche Marmorbilder, welche die Verewigten wie friedlich Schlafende
darstellen, stehen über der Gruft, und bläulicher Lichtschimmer flutet
mild und freundlich darüberhin. Hier in einsam weihevoller Stille
betete der König und flehte den Segen seiner Eltern nieder auf den
Pfad, den er nun gehen mußte für seine und seines Landes Ehre.
Und beinahe zur selben Stunde betrat Graf Bismarck den Sitzungssaal des
Reichstags. Hochaufgerichtet und mit vor Erregung leuchtenden Augen
betrat er die Tribüne, und aller Blicke hafteten auf dem herrlichen,
stattlichen Manne, aller Parteigroll war geschwunden, und die Ahnung
dessen, was dieser große Augenblick bringen sollte, ging durch jede
Seele. Deutlich und fest klangen die inhaltschweren Worte des Kanzlers:
»Ich habe dem hohen Hause die Mitteilung zu machen, daß mir der
französische Geschäftsträger Le Sourd heute die Kriegserklärung
Frankreichs überreicht hat. Nach den Worten, die Seine Majestät soeben
an den Reichstag gerichtet hat, füge ich der Mitteilung dieser Tatsache
weiter nichts zu.«