Dieser war noch mit seinem kriegerischen Beirat in ernsten
Verhandlungen begriffen, welche sich außergewöhnlich in die Länge
zogen. Stille war rings um den Staatsmann, der Tag war heiß, die
Nacht arbeitsvoll gewesen. Da sank ihm langsam das Haupt auf die
Brust, die Natur machte auch an dem Gewaltigen ihr Recht geltend – er
schlummerte ein. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür des königlichen
Arbeitszimmers, und heraus trat ein Mann in Generalsuniform, eine Mappe
in der Hand. Er war weder sehr groß noch sehr kräftig, aber aus dem
bartlosen Gesichte mit den scharfgeschnittenen, geistvollen Zügen sahen
ein paar klare, kluge Augen, und um den schmalen Mund lag das Gepräge
unerschütterlicher Ruhe und Festigkeit.
Das war _Moltke_, der große Generalstabschef, die Seele der Schlachten,
der schweigende Kriegesdenker.
Er sah den Minister etwas wenig zusammengesunken in seinem Stuhle
sitzen, und es überkam ihn beinahe eine Wehmut. »Er hat so viel gewacht
für König und Vaterland« – dachte er – »wie gern gönnt’ ich ihm den
Schlummer – aber es darf nicht sein!«
Leise berührte er Bismarcks Arm, dieser öffnete die Augen, sprang
empor, und eingedenk der Situation drückte er dem anderen warm die Hand
und schritt hinein in das Arbeitsgemach des Königs.
In den Junitagen begann der Bruderstreit.
Bei Langensalza wurde das Heer der Hannoveraner samt seinem König
gefangen, und in Böhmen geschahen die ersten siegreichen Gefechte.
Eine bange Erwartung lag über den Straßen Berlins, so schwül wie
das sommerheiße, gewitterbange Wetter. Da brachte der Telegraph die
ersten Siegeskunden. Am 29. Juni ging ein Wogen und ein Treiben,
belebter als sonst, durch die Straßen der Hauptstadt. Unter den Linden
vor dem Palais des Königs staute sich die Menge, begeisterter Zuruf
klang hinauf zu den Fenstern, und in das stürmische Jauchzen schollen
die Klänge der Vaterlandsweisen, welche zuletzt übergingen in das
machtvolle Streit- und Siegeslied Martin Luthers: Ein’ feste Burg ist
unser Gott!
Es waren Stunden einer gewaltigen Erhebung und Bewegung; aber die Menge
hatte auch den Hauch jenes Geistes gefühlt, der von der Wilhelmstraße
herkam, und Bismarck, der »Bestgehaßte«, wurde mit einem Zauberschlage
der Bewunderte und Gefeierte. Die Volksmenge wälzte sich in dichtem
Strome nach seiner Wohnung; die breite Straße vermochte sie nicht zu
fassen alle die Tausende, die nach ihm riefen und ihm ihre Freude und
Verehrung ausdrücken wollten. Dunkle Wetterwolken schwankten am Himmel,
glutheiß lag es in der Luft – da trat Bismarck an das Fenster. In den
Jubelsturm der Menge dröhnte ein langhallender Donner, der einem Blitze
folgte, welcher mit seinem bläulichen Schein das bewegte Bild erhellt
hatte – dann wurde es still, und Bismarck redete, kurz und klar,
ergriffen und ernst, und als er mit einem Hoch schloß auf den König, da
schien die Straße zu erbeben unter der Gewalt der Begeisterung.
Und wieder am Himmel ein flammender Blitz, ein schweres Rollen des
Donners, und Bismarck rief:
»Der Himmel schießt Salut zu unseren Siegen!«
Einen Tag später war er mit seinem Könige auf dem Wege ins Böhmerland.
Neuntes Kapitel.
Im böhmischen Feldzuge.
Ein trüber Himmel breitete sich über der böhmischen Stadt Gitschin
aus, und ab und zu sickerte der Regen nieder in die grauen Gassen. Der
stille Ort sah an jenem 2. Juli hohe Gäste, wenn er sie auch freilich
nicht willkommen hieß. Der König war mit Bismarck, Moltke, Roon und
anderen hier eingetroffen, und traf von hier aus die Verfügungen für
den nächsten Tag – den Tag der Entscheidung. Bismarck wußte, was von
diesem abhing, und während in schweigender Nacht die Ordonnanzen auf
allen Wegen hinjagten und der Regen klingend gegen die Fenster schlug,
fand er lange keinen Schlaf. Er hatte in den Lazaretten an den Betten
der Verwundeten gestanden und hatte mehr als irgendeiner empfunden, wie
die Verantwortung für dies vergossene Blut und für diese Schmerzen auf
ihm ruhe, und er dachte seines Königs, dem er aus treuester Überzeugung
zu diesem Kampf raten mußte, und endlos lang dehnte sich die trübe
Sommernacht.
Am frühen Morgen folgte der Aufbruch. Noch immer weinte es aus den
grauen Wolken nieder, als die offenen Wagen, in deren erstem der König
mit Moltke, im zweiten Bismarck mit dem Geheimen Legationsrat von
Keudell saßen, durch Gitschins Straßen hinausrollten gegen _Sadowa_.
Drei Stunden später – es war 8 Uhr morgens – hielt der König auf
seiner Rappstute, von seinem Gefolge umgeben, auf der Höhe von Dub und
sah hinaus in die Ebene von _Königgrätz_, und der begeisterte Zuruf
der Soldaten mischte sich mit dem Dröhnen der Kanonen … Die schwere,
entscheidende Schlacht war im Gange.
Unfern von seinem König hielt auf seiner kräftigen Fuchsstute Bismarck.
Nebel und Pulverdampf wogen auf dem Walfelde durcheinander und
verhüllen oft die Bewegungen der Truppen, langsam gehen die furchtbaren
Stunden, und es ist um die Mittagszeit. Das preußische Heer ist in der
Minderzahl, und seine Führer spähen besorgt gegen Nordwesten aus, von
woher die Armee des Kronprinzen, die sehnlich erwartete, eintreffen
sollte.
Der schweigsame Schlachtenlenker Moltke aber sitzt wie aus Erz gegossen
auf seinem Pferde; sein Gesicht ist ruhig, und klar und sicher schauen
die hellen Augen auf die wogende Schlacht. Bismarck reitet an ihn
heran; er zieht sein Zigarrenetui heraus und reicht es geöffnet dem
großen Strategen hin. Der sieht auf die beiden Zigarren, welche es
enthält, mit einem prüfenden Blicke, dann greift er langsam nach der
einen. Über die Züge des Ministers fliegt es wie ein leises Lächeln, er
reitet zu seinem König zurück und spricht zu diesem:
»Majestät, unsere Sache muß gut stehen, denn Moltke hatte eben noch die
Kaltblütigkeit, aus meinem Etui die bessere Zigarre auszuwählen.«
Noch immer spähten die Blicke nach Nordosten. Dunkle Streifen traten
am Horizont hervor, die man bisher nicht bemerkt zu haben meinte.
»Ackerfurchen!« sagte jemand aus der Umgebung des Königs, Bismarck aber
schaute scharf aus, und plötzlich rief er:
»Das sind keine Ackerfurchen, die Zwischenräume ändern sich – das sind
marschierende Kolonnen!« Ein tieferer Atemzug hob die Brust des Königs,
dankend schaute eine Sekunde lang sein Auge gegen den grauen Himmel …
Nun kam die Entscheidung. Nicht lange danach donnerten von Chlum her
die preußischen Kanonen, der Kronprinz griff ein in die Schlacht, und
der Sieg konnte den Preußen nicht mehr entrissen werden.
Da übermannte den König seine Bewegung. Er sprengte dicht heran an
seine zujauchzenden Soldaten, die nach seinen Händen, nach seinem
Mantel faßten und ihre Lippen daraufdrückten.
Die Kugeln sausten und schlugen ringsum ein, eine zerspringende Granate
zerschmetterte ein Dutzend Reiter vom sechsten Kürassierregiment in
nächster Nähe des Herrschers, und Rosse und Männer wälzten sich blutig
übereinander, da ritt Bismarck dicht heran an den König, der mit voller
Ruhe nur auf die freudig bewegten Truppen achtete, und sagte:
»Als Major habe ich Eurer Majestät keinen Rat zu erteilen, als
Ministerpräsident aber bin ich verpflichtet, Eure Majestät zu bitten,
sich nicht auf diese Weise der Gefahr auszusetzen.«
Der König wendete sich lächelnd dem treuen Warner zu:
»Wohin soll ich denn als Kriegsherr reiten, wenn meine Armee im Feuer
steht?«
Bismarck entgegnete:
»Majestät, wenn Sie auch keine Rücksicht auf Ihre Person nehmen, so
haben Sie wenigstens Mitleid mit Ihrem Ministerpräsidenten, von dem Ihr
getreues Volk seinen König fordern wird; im Namen dieses Volkes bitte
ich Sie, diese gefährliche Stelle zu verlassen!«
Der König sah gerührt den Treuen an, reichte ihm die Hand und ritt
langsam weiter, viel zu langsam für den besorgten Begleiter, der seine
Erregung nicht mehr bezwingen kann und mit seiner Stiefelspitze das
Pferd des Herrschers in die Flanke stößt, daß es rascher ausgreift.
Die Entscheidungsschlacht war zu Ende – Bismarck sah am Abend auf
einen der gewaltigsten Tage in der Geschichte Preußens zurück. Der
Abend senkte sich auf das blutige Gefilde, Verwundete und Sterbende
stöhnten ringsum, und das Grauen schritt über das furchtbare Feld. Da
sah Bismarck, wie er so dahinritt, einen Dragoner zur Seite des Weges
liegen. Beide Beine waren dem Unseligen zerschossen, der regungslos
dalag und nur mit einem unsäglich bittenden Blick nach dem Reiter
schaute. Diesem tat der Jammer des Unglücklichen weh, er stieg vom
Pferde und trat an ihn heran. Gern hätte er ihm eine Linderung oder
Erquickung angedeihen lassen, er suchte in allen Taschen – aber er
fand nichts. Da stieß er mit der Hand an sein Zigarrenetui. Noch
eine Zigarre lag darin, sie sollte ihm selbst ein Labsal sein nach
den Anstrengungen und Aufregungen des Tages – aber der arme Teufel
mit seinen zerschossenen Beinen brauchte ein solches mehr, und rasch
entschlossen zog er seinen Schatz hervor, rauchte das duftende Kraut
an und steckte es dem Verwundeten zwischen die Zähne. Aus den Augen
des Soldaten aber leuchtete ein Blick unsäglicher Dankbarkeit, welchen
Bismarck nicht vergessen konnte, und besser hat ihm, nach seinem
eigenen Geständnis, keine Zigarre geschmeckt als diese, welche er –
nicht geraucht hatte.
Vorwärts ging es, hinein in die sinkende Sommernacht, in Verfolgung des
geschlagenen Gegners, und der Ministerpräsident kam bis hart vor die
Laufgräben der Festung Königgrätz. Dann ritt er zurück, um sich ein
Nachtquartier zu suchen. Seinen König hatte er untergebracht, wenn auch
nicht besonders bequem; auf einem harten Sofa hatte derselbe ein Lager
gefunden, nun galt es, für sich selbst ein Plätzchen zu finden, wo das
müde Haupt ruhen konnte.
Die Nacht war dunkel und kühl, der Regen rann noch immer in dünnen
Strähnen, und in dem Städtchen Horic waren alle Lichter längst
erloschen, als Graf Bismarck durch die engen und schlechtgepflasterten
Straßen ging. Er pochte da und dort an den Türen – niemand hörte, nur
das Bellen verschlafener Hunde klang durch die Stille. Unmutig schlug
er gegen die Fenster, daß die Scheiben splitterten – alles vergebens,
das kleine Nest war wie ausgestorben.
Endlich fand er in der Dunkelheit einen Torweg, durch welchen er in
einen Hofraum hineintappte. Im schmutzigen, weichen Boden sank der Fuß
tief ein, endlich verlor er fast völlig den Grund und sank nieder auf
das zwar nicht harte, aber sehr übelriechende Bett eines Düngerhaufens.
Dreizehn Stunden war er im Sattel gewesen, seine Glieder waren wie
zerschlagen, aber hier konnte er doch nicht bleiben. So raffte er sich
aufs neue auf und suchte wieder die dunkle, unheimliche, stille Gasse
auf und schritt bis auf den Marktplatz. In verschwommenen Umrissen
standen die grauen Häuser da, dazwischen eine Art offener Halle. Dahin
wandte sich Bismarck, und ob er auch die Überzeugung gewann, daß
der Ort eigentlich zum Aufenthalt für Rinder bestimmt war, streckte
er sich – froh, ein Dach über dem Kopfe und ein altes Wagenkissen
unter demselben zu haben – auf die harten Fliesen aus und versank in
Schlummer.
Aber noch einmal sollte er geweckt werden. Der Großherzog Friedrich
Franz von Mecklenburg fand den Schläfer und beeilte sich, ihm in seinem
eigenen Zimmer ein wenigstens einigermaßen behaglicheres Lager zu
verschaffen.
In dem traurigen kleinen Horic befand sich in den nächsten Tagen auch
das Hauptquartier des Königs, und hier traf in der Nacht zum 5. Juli
eine Depesche Napoleons III. ein, welcher sich zum Friedensvermittler
mit Österreich anbot und einen Waffenstillstand in Anregung brachte.
Der König geriet darüber in heftige Erregung, Bismarck jedoch, der
Mann der eisernen Selbstbeherrschung, fand auch hier die richtige
Antwort. Den Frieden wollte er gleichfalls, nur mußte der Preis dafür
ein entsprechender sein, und so erhielt der französische Kaiser die
in bestimmter Form gehaltenen preußischen Vorschläge: »Österreich
erkennt die Auflösung des alten deutschen Bundes an und widersetzt sich
nicht einer neuen Organisation Deutschlands, an welcher es keinen Teil
nimmt. Preußen bildet eine Union Norddeutschlands, welche alle Staaten
nördlich der Mainlinie umfaßt. Die deutschen Staaten südlich vom Main
haben die Freiheit, unter sich eine süddeutsche Union zu schließen. Die
zwischen der nördlichen und südlichen Union zu erhaltenden nationalen
Bande werden durch freies, gemeinsames Einverständnis geregelt. Die
Elbherzogtümer werden mit Preußen vereinigt. Österreichs Integrität
außer Venetien wird erhalten.«
Während die Verhandlungen noch schwebten, rückten die preußischen
Truppen unaufhaltsam vor gegen die Kaiserstadt an der Donau, und wenn
eine Besetzung derselben verhindert werden sollte, galt es für die
beteiligten Mächte rasch zu handeln.
In Mähren liegt eine kleine Stadt, _Nikolsburg_ mit Namen, überragt von
einem stolzen Schlosse, dessen Warte stattlich ins Land hinaussieht;
es ist Eigentum des Grafen Mensdorff und kam in den Julitagen des
verhängnisvollen Jahres 1866 zu großer geschichtlicher Bedeutung.
Hier hatte König Wilhelm sein Hauptquartier, und hier fand sich am 18.
Juli auch Graf Bismarck ein. Sinnend schritt er mit seinem Begleiter,
dem Geheimen Legationsrat von Keudell, durch den Torbogen in den
weiten, von stolzen Gebäuden umgebenen Hof, und wie er sein Auge
darübergleiten ließ, sprach er:
»Mein altes Schönhausen ist doch nichts dagegen, dennoch ist mir’s
lieber, daß wir hier bei Graf Mensdorff sind, als daß er jetzt bei mir
wäre.«
In Nikolsburg fanden sich auch die Vertreter Österreichs und Italiens
ein, und die Friedensverhandlungen begannen. Und hier brauchte es der
ganzen geistigen Überlegenheit, der rückhaltlosen Tatkraft Bismarcks,
um zu Ende zu führen, was er begonnen hatte. Friede wollte er haben,
und er wollte ihn zum Abschluß bringen, trotzdem die Generale des
siegreichen preußischen Heeres die Waffen noch nicht niederlegen
wollten. Selbst der König schien jetzt kriegerisch gesinnt, und sein
Ministerpräsident mußte auch ihm gegenüber seinen Standpunkt verfechten:
»Majestät, wir haben eine Höhe erreicht, von der aus die Wasser von
selbst abfließen ohne Gewalt. Uns droht der Einfall der Franzosen in
Süddeutschland, und ein neuer Kampf würde unsäglich viel Blut kosten,
und die Cholera ist uns auf den Fersen. Ich kann die Verantwortlichkeit
der Fortsetzung des Krieges nicht auf mich nehmen und müßte
zurücktreten.«
Das verfehlte seine Wirkung nicht, und Bismarck erreichte bei
seinem König auch die Zustimmung zu den meisten Einzelheiten seiner
Friedensvorschläge, und während ein Waffenstillstand die bewehrten
Gegner auseinanderhielt, ward in Nikolsburg auf den von Bismarck
entworfenen Grundlagen weiter verhandelt. Am 26. Juli aber konnte der
Meister der Politik sein Werk als fertig betrachten, und es war eines
Meisters wert. Preußen sollte eine Vermehrung erfahren um die Gebiete
von Hannover, Kurhessen, Nassau, Schleswig-Holstein und Frankfurt a. M.
und eine ansehnliche Kriegsentschädigung. Dabei war Energie mit kluger
Rücksichtnahme gepaart worden, der Weg zur Versöhnung mit dem Gegner
war offen geblieben, das diesem verbündete Sachsen geschont worden, und
worauf Bismarck sich viel zugute tun durfte – das alles war erreicht
durch Preußens eigene Kraft, und fremde Einmischung war ferngehalten
worden.
Wohl hatte Napoleon seinen Abgesandten Benedetti nach
dem Kriegsschauplatze geschickt und einen Einfluß in die
Friedensverhandlungen gewinnen wollen, aber es war nicht geglückt.
Die Friedenspräliminarien waren fertig und brauchten nur noch
unterzeichnet zu werden, da erschien Benedetti in Nikolsburg. Er ließ
sich bei Bismarck anmelden, und dieser empfing ihn, obwohl ihn die
Aufdringlichkeit des Franzosen unangenehm berührte, freundlich.
Der französische Gesandte sprach:
»Ich habe die Ehre, im Auftrage meines Souveräns Ihnen mitzuteilen, daß
derselbe, wenn er seine Zustimmung zu einer ansehnlichen Vergrößerung
Preußens geben solle, eine angemessene Entschädigung für Frankreich
verlangen müsse. Sobald der Kaiser seine Vermittlerrolle in der
preußisch-österreichischen Sache zu Ende geführt haben wird, wird er
nicht verfehlen, sich mit der Regierung seiner Majestät des Königs von
Preußen deshalb auseinanderzusetzen.«
Bismarck wurde von heißem Unmut erfaßt, aber zugleich auch von einem
Gefühl der Befriedigung darüber, daß der Franzose zu spät kam. Sehr
höflich, doch mit Festigkeit entgegnete er:
»Ich bedaure, Eurer Exzellenz bemerken zu müssen, daß amtliche
Mitteilungen solcher Art heute durchaus nicht am Platze sind. Preußen
hat die Vermittlung Frankreichs nicht gesucht und ist meines Erachtens
um so weniger zu etwas verpflichtet, als der Friede bereits fertig ist
ohne Intervention Ihres Souveräns und die Präliminarien noch in dieser
Stunde unterzeichnet werden.«
Er wandte sich ab mit einer Verneigung gegen den verblüfften
französischen Staatsmann und ging in sein Gemach. Die verhaltene
Erregung brach nun bei ihm durch. Die Tränen schossen dem gewaltigen
Manne aus den Augen, vor die er seine Hände preßte, ein Schluchzen
erschütterte den starken Recken, der von einem Weinkrampf erfaßt,
eine Zeitlang vergebens nach Fassung rang. Es war des Großen und
Erschütternden selbst für ihn zuviel gewesen in jenen Julitagen des
Jahres 1866.
Nun ging es wieder der Heimat zu. Mit seinem König traf Graf Bismarck
am 4. August bereits in Berlin ein, begrüßt von einer enthusiastischen
Volksmenge, die in maßloser Begeisterung dem König und seinem ersten
Minister entgegenjubelte. Und schon am nächsten Tage klangen im weißen
Saale des königlichen Schlosses die Friedensworte des Herrschers, mit
welchen dieser den Landtag eröffnete. Begeisterung in allen Häusern,
in allen Herzen, ein ganzes Volk, das dem so lange »bestgehaßten«
Manne zujauchzte! Diesem aber ging die Seele auf bei dem Gedanken,
wie Gott alles zum Herrlichen gewendet hatte, und in dem Hause in der
Wilhelmstraße herrschte Glück und Freude.
Am Abend des 7. August war ein kleiner Kreis von Freunden hier
versammelt. Im Salon saßen sie beisammen um den Teetisch, und die
anmutige Hausfrau wetteiferte an Liebenswürdigkeit mit dem Gatten, der
ganz das Behagen seiner wohltuenden Häuslichkeit empfand. Das war der
gewohnte sonnige Hauch, welcher durch diese Räume wehte, der Hauch der
vornehmsten und anmutigsten Gastlichkeit, welcher jedem den Aufenthalt
hier so lieb machte.
Es mochte um die zehnte Stunde sein, da meldete der Diener dem
Hausherrn, daß der französische Botschafter Benedetti um die Ehre
einer dringenden Unterredung bitte. Bismarck war gewohnt, sich zu
beherrschen; er entschuldigte sich in liebenswürdigster Weise bei
seinen Gästen und ging nach seinem Kabinett. Er wußte wohl, weshalb
der Franzose gekommen war; es war dieselbe Angelegenheit, welche
er schon in Nikolsburg berührt hatte, die Frage wegen Abtretung
deutschen Gebiets an Frankreich; aber Preußens Ministerpräsident war
entschlossen, diesmal eine ganz unzweideutige Antwort zu geben. Und er
durfte das; seines Königs Paladine Moltke und Roon hatten die Waffen
geschliffen und konnten mit ruhiger Sicherheit auf eine schlagbereite
Armee hinweisen, die stark genug sein würde, es auch mit Frankreich
aufzunehmen.
Das ging ihm rasch noch einmal durch den Sinn, als er in sein Kabinett
eintrat und Benedetti ihn mit höflicher Entschuldigung wegen der
Störung begrüßte.
»Sie vermuten, weshalb ich Sie um einiges von Ihrer Zeit bitte,« begann
der Franzose.
»Die schriftlichen Mitteilungen Ihrer Regierung, welche mir zugegangen
sind, lassen mich annehmen, daß es sich um die von Frankreich
gewünschte deutsche Gebietsabtretung handle.«
Sie hatten sich beide niedergelassen, und Benedetti fuhr fort:
»Frankreich glaubt für seine Haltung in der jüngsten Verwicklung einen
Tribut der Dankbarkeit verdient zu haben.«
»Und worin sollte dieser Tribut bestehen?«
»Frankreich wünscht seine Grenze vom Jahre 1814 wiederhergestellt zu
sehen.«
»Das heißt, wir sollen links des Rheines bayrisches, hessisches und
preußisches Gebiet abtreten –«
»Nebst der Festung Mainz.«
»Und Ihre Regierung meint, daß wir darauf eingehen würden?«
»Sie hofft dies im Interesse Preußens, das noch nicht seinen Frieden
gemacht hat mit den süddeutschen Staaten und nicht neue Verwicklungen
wünschen kann.«
»Solche wünschen wir nicht, aber wir fürchten sie auch nicht,
Exzellenz; darum bitte ich Ihre Vorschläge kurz und bündig zu
präzisieren!«
»Nun denn: Das linke Rheinufer mit Mainz oder Krieg!«
Bismarcks Falkenauge blitzte hell auf, eine flüchtige Röte huschte über
sein Gesicht, und er sah den anderen fest und ruhig an, als er sprach:
»Dann also Krieg!«
Der Franzose zuckte zusammen – eine kleine, peinliche Pause trat
ein, in welcher man nur den Pendelschlag der Uhr vernahm, dann sagte
Benedetti:
»Herr Ministerpräsident, bedenken Sie die Verantwortung die Sie mit
solcher Entscheidung auf sich laden …«
»Da gibt es kein Bedenken, und ich weiß mich der Zustimmung meines
königlichen Herrn sicher. Aber warum wollen Sie uns solche Sprünge
machen? Sie müssen doch wissen, daß für uns die Abtretung deutscher
Erde eine Unmöglichkeit ist. Ließen wir uns zu dergleichen herbei, so
hätte wir trotz aller Triumphe Bankerott gemacht. Vielleicht könnte
man andere Wege finden, Sie zu befriedigen. Aber wenn Sie auf diesen
Forderungen bestehen, so gebrauchen wir – täuschen Sie sich darüber
nicht – alle Mittel: Wir rufen nicht bloß die deutsche Nation in ihrer
Gesamtheit auf, sondern wir machen auch sofort Frieden mit Österreich
auf jede Bedingung hin, überlassen ihm ganz Süddeutschland, lassen
uns selbst den Bundestag wieder gefallen. Aber dann gehen wir auch
wieder vereinigt mit 800000 Mann über den Rhein und nehmen Frankreich
Elsaß ab. Unsere beiden Armeen sind mobil, die Ihrige ist es nicht;
die Konsequenzen denken Sie sich selbst. – Also, wenn Sie nach Paris
kommen, so verhüten Sie einen Krieg, welcher sehr leicht verhängnisvoll
werden könnte.«
Benedetti senkte das Haupt, er fühlte das Zutreffende dieser Worte, und
die Situation begann ihm immer unbehaglicher zu werden. Er erwiderte:
»Ich möchte gern Ihrem Rate folgen, aber mein Gewissen zwingt mich,
dem Kaiser zu erklären, daß, wenn er nicht auf der Gebietsabtretung
besteht, er mit seiner Dynastie der Gefahr einer Revolution ausgesetzt
ist.«
»Machen Sie Ihren Souverän darauf aufmerksam, daß gerade ein aus dieser
Frage entsprungener Krieg unter Umständen mit revolutionären Schlägen
geführt werden könnte, daß aber gegenüber einer revolutionären Gefahr
die deutschen Dynastien sich fester begründet zeigen würden als jene
des Kaisers Napoleon.«
Die Uhr zeigte Mitternacht, und noch immer endete das inhaltschwere
Gespräch nicht. Erst in der ersten Morgenstunde kam Bismarck in den
Salon zu seinen Gästen zurück, heiter und liebenswürdig, denn in
tiefster Seele wußte er, daß eine neue Gefahr abgeschlagen sei, daß
Frankreich nach seinen bestimmten Erklärungen jetzt nicht wagen würde,
das siegreiche Preußen anzugreifen. – – Und er täuschte sich nicht.
Noch der Verlauf des August brachte die Friedensschlüsse mit den
süddeutschen Staaten, die auf Seite Österreichs gekämpft hatten, und
mit diesem selbst, und in Preußens Hauptstadt erwartete man freudig
erregt die Heimkehr der ruhmbedeckten Truppen.