Venasque. Durch Buchenwälder ging es empor, bis der Schnee begann und
wunderliche dunkle Seen aus dem weißen Rahmen und zwischen den bizarren
Klippen hervorschauten. Von einer Höhe von 7500 Fuß schaute er hinab
ins spanische Land mit seinen Palmen und Kastanien, wie es eingefaßt
von der Kette des Maladetta dalag. Unter den Beschauern lag es grün
und sonnig, durchgezogen von dem Silberband seiner Flüsse, und im
Hintergrunde abgegrenzt von schneestarrenden Gipfeln und bläulichen
Gletschern, hinter denen das stolze Aragonien sich ausbreitet.
Eine Fülle von einzig schönen, fremden Bildern prägte sich der Seele
des deutschen Mannes ein, aber immer wieder kam ihm dabei der Vergleich
mit dem lieben Heimatlande, seinen grünen Bergen und seinem alten,
schönen Rhein. Und die Freude war nur halb für ihn, da er sie nicht mit
der lieben Frau teilen konnte, der er oft genug seine Grüße nach dem
stillen Reinfeld sandte.
Am 15. September traf er in Avignon ein, dem französischen Rom, und
hier fand er eine telegraphische Nachricht von größter Wichtigkeit:
Sein König berief ihn als _Minister_ nach der Heimat zurück.
Sinnend schritt der ernste Mann durch die herrlichen Gärten des Südens.
Seine Seele war voll von den Gedanken an die Zukunft, aber kein Ahnen
verkündete ihm noch, welchen Weg er eigentlich gehen, und welche Bahnen
er brechen sollte. Nach Frieden stand seine Seele, und durch blutige
Kriege sollte er schreiten! Über seinem Haupte rauschten noch die
Ölbäume Frankreichs, und er griff empor und brach sich einen Zweig ab,
den er sinnend betrachtete.
Und mit dem Ölzweig, dem Symbol des Friedens, zog er in Berlin ein.
Achtes Kapitel.
Der bestgehaßte Mann.
An einem Vormittage zu Anfang des November 1862 schritten zwei
stattliche Männer durch die Straßen der preußischen Hauptstadt.
Der eine war im Zivilanzuge mit dem dunklen Schlapphute auf dem
mächtigen Haupte, der andere trug den Militärpaletot; sein ernstes,
entschlossenes Gesicht mit dem kräftigen grauen Schnurrbart bekundete
Festigkeit und Mut.
Die beiden waren sich eben begegnet und hatten sich die Hand
geschüttelt, dann waren sie nebeneinander hergegangen, und der Offizier
sagte:
»Nun, wie war’s bei der Abschiedsaudienz in Paris, lieber Bismarck?«
»Das will ich Ihnen kurz berichten, bester _Roon_. Am 1. November fuhr
ich höchst feierlich in St. Cloud vor und überreichte unter allem
herkömmlichen Zeremoniell dem Kaiser mein Abberufungsschreiben, wobei
ich ihm zugleich mitteilte, daß Seine Majestät mich am 8. Oktober zum
Ministerpräsidenten und Minister der Auswärtigen Angelegenheiten zu
ernennen geruht haben. Napoleon war sehr liebenswürdig und gutmütig,
aber einen Einblick in unsere Verhältnisse scheint er ebensowenig
zu haben wie große wissenschaftliche Kenntnisse; ich glaube, daß er
bei uns nicht einmal das Referendarexamen bestehen würde. Der Kaiser
meinte, nachdem wir hier in Preußen erst einmal den Konflikt zwischen
der Regierung und dem Abgeordnetenhause in der Frage der Heeresreform
haben, würde es wohl nicht lange dauern, und es würde einen Aufstand
geben in Berlin und Revolution im ganzen Lande, und bei einer
Volksabstimmung hätte der König alle gegen sich. Ich sagte ihm, das
Volk baue bei uns keine Barrikaden, Revolutionen machten in Preußen nur
die Könige. Wenn der König die Spannung, die freilich vorhanden sei,
nur drei bis vier Jahre aushalte, so habe er gewonnenes Spiel. Wenn
er nicht müde würde und mich nicht im Stiche ließe, würde ich nicht
fallen. Und wenn man das Volk anriefe und abstimmen ließe, so hätte
er schon jetzt neun Zehnteile für sich. – Der Kaiser soll nach meinem
Weggange geäußert haben: »~Ce n’est pas un homme serieux~« (das ist
kein ernsthafter Mensch).«
»Und Sie haben in allem recht: daß wir in der Frage der
Heeresverstärkung zum Besten Preußens nicht nachgeben dürfen,
ist für uns selbstverständlich; sollen wir einmal dem Staat des
großen Friedrich wieder die gebührende Stellung und vor allem seine
Führerrolle in Deutschland sichern, so brauchen wir ein starkes Heer.
Und daß wir das Volk auf unserer Seite haben, beweisen die zahlreichen
Abordnungen aus allen Teilen des Landes, die an den König kommen, um
gerade jetzt ihn der Treue und der Zustimmung seiner Untertanen zu
versichern.«
»Gewiß, auch ich beharre fest bei dem, was ich in der Kammer schon
gesagt, und es ist meine tiefinnerste Überzeugung, daß Preußen nicht,
wie so oft schon, den günstigen Augenblick für sich verpassen darf
aus Mangel an Kraft, und daß die großen Fragen der Zeit zuletzt nicht
durch Reden und Majestätsbeschlüsse entschieden werden, sondern _durch
Blut und Eisen_. Darin werde ich mich nicht irremachen lassen, und ich
hoffe, die Zukunft wird mich verstehen.«
Die beiden Männer kamen an dem Schaufenster einer Buchhandlung vorüber,
und Bismarck blieb stehen:
»Lassen Sie uns sehen, was es Neues gibt!« Da hingen wunderliche
Bilder, Karikaturen, welche den Ministerpräsidenten in mancherlei
Situation darstellten, als feudalen Junker, welcher mit dem Besen die
großen Städte wegfegt, als Hausknecht, der den Saal der Abgeordneten
reinigt u. a.
Der alte General biß sich auf den grauen Schnurrbart und fand in seinem
Unmute kein Wort, Bismarck aber lachte:
»Sie sorgen damit besonders liebevoll für meine Popularität, und
einzelnes ist wirklich gar nicht übel; ärgern kann ich mich über dies
Zeug beim besten Willen nicht, ändern werden sie damit an mir auch
nichts.«
Und sie schritten weiter, bis an die Ecke der nächsten großen Straße;
hier wollte Bismarck sich verabschieden, Roon aber sagte:
»Nein doch, Verehrtester! Wenn Sie ein Stündchen Zeit haben, so nehmen
Sie mit uns das Frühstück ein; meine Frau wird sich herzlich freuen –
das wissen Sie!«
»Ich bin ohnehin schon mehr bei Ihnen als daheim in meiner
Junggesellenwirtschaft – aber Sie wollen’s nicht anders, und ich kann
mir’s gefallen lassen, solange ich hier noch allein stehe.«
Kurze Frist darauf saß er mit Roon zu Tische, und das Gespräch drehte
sich nicht mehr um die leidige Politik. Der General äußerte, sich
behaglich zurücklehnend in seinen Sessel: »Wenn ich mir das hätte
träumen lassen, lieber Bismarck, als ich in Pommern als blutjunger
Leutnant mit der Flinte hinauslief in die Felder oder Terrainaufnahmen
machte und Sie als frischer, prächtiger Junge mich begleiten, daß wir
einmal nebeneinander am Ministertische sitzen würden, Sie noch dazu –
mit allem Respekt zu melden – als Präsident –«
»Weiter können wir nun allerdings nicht kommen, und meine gute Mutter,
die schon auf Kniephof immer einen Diplomaten aus mir machen wollte,
sollte doch einigermaßen ihre Freude an mir haben.«
»Na, dafür hat jetzt Frau Johanna diese Freude!« bemerkte Frau von Roon.
»Ja, meine gute Johanna! Sie kennt aber nicht bloß die Freuden, sondern
auch die Leiden des Diplomatenlebens. Ach, wie ich mich danach sehne,
endlich wieder die Meinen hier um mich zu haben in meinem einsamen
Hause in der Wilhelmstraße, das glauben Sie kaum. Ich habe meiner Frau
auch geschrieben, daß ich alle Tage bei den guten Roons esse, und
wenn sie und meine Fuchsstute nicht wären, ich mir gar zu vereinsamt
vorkäme. Dabei wie Leporello: Keine Ruh’ bei Tag und Nacht! Da wollte
ich vor kurzem einige Tage wenigstens mich bei Malwine auf Kröchlendorf
erholen, arbeitete bis tief in die Nacht hinein, und wie ich fertig
war, goß ich statt des Streusandes die Tinte über die Geschichte,
daß sie mir nur so an den Knien hinunterfloß, und die nächsten Tage
brachten wieder so viel Arbeit, daß ich meinen schönen Gedanken
aufgeben mußte. Aber alles für König und Vaterland! Unserem guten
König!«
Er hob sein Glas mit dem funkelnden Wein, und hell klang es durch den
Raum.
Dann kamen wiederum Tage heftiger Kämpfe. Das Abgeordnetenhaus war am
14. Januar 1863 wieder zusammengetreten, aber eine Verständigung über
die von dem König gewünschte, von Bismarck als unbedingt notwendig
verfochtene Heeresreform wurde zunächst nicht erzielt, ja, die Spannung
zwischen der Regierung und den Kammern wuchs noch, als in Polen ein
Aufstand gegen Rußland ausbrach und Preußen nur einen Vertrag mit
demselben schloß, wonach bewaffnete polnische Banden und revolutionäre
Flüchtlinge auch über die preußische Grenze verfolgt werden durften.
Da die polnische Bewegung überall große Sympathien hatte, mußte sich
Bismarck heftige Angriffe gefallen lassen, sogar auf seine »preußische
Ehre«, und wohl nur wenige verstanden diesen meisterhaften politischen
Schachzug des fernblickenden Staatsmannes, der sich für künftige
Vorkommnisse die Freundschaft des mächtigen östlichen Nachbars sichern
wollte.
In jenen Tagen war es, daß er in einer Gesellschaft dem englischen
Gesandten, Sir Andrew Buchenan, begegnete, der ihn wegen des
geschlossenen Vertrages interpellierte.
Bismarck erklärte rund und bündig:
»Wir können ein unabhängiges Polen an unserer Grenze nicht dulden.«
»Wie aber, wenn der immerhin mögliche Fall eintritt, daß die Russen aus
Polen hinausgeschlagen werden, was werden Sie dann tun?«
»Dann müßten wir das Königreich selbst besetzen, um das Aufkommen einer
uns feindlichen Macht zu hindern.«
»Dies wird Europa niemals dulden – nein, dies duldet Europa nicht!«
»Wer ist Europa?«
Der Engländer war über diese Frage einigermaßen verdutzt, dann
erwiderte er:
»Nun, verschiedene große Nationen.«
»Sind dieselben bereits einig darüber?«
»Nun – die Frage ist ja – noch nicht ventiliert worden, aber Frankreich
beispielsweise würde niemals eine neue Unterdrückung Polens zulassen.«
»Und für uns ist die Unterdrückung des Aufstandes eine Frage über Leben
und Tod; übrigens ist es nutzlos, hier nicht vorliegende Möglichkeiten
weiter zu erörtern.«
Das war am 11. Februar gewesen, und eine Woche später stand der
Ministerpräsident im Abgeordnetenhause den erregten Volksvertretern in
derselben Angelegenheit gegenüber, und schwertscharf gingen die Worte
hin und her, so daß nicht lange darauf von dem König die Entlassung des
Ministeriums verlangt wurde.
Dieser aber hielt seinen Minister, und der Landtag wurde aufgelöst.
Aber trotz aller Anfeindungen fehlte es für Bismarck auch nicht an
ehrenvollen und ermunternden Anerkennungen. Besonders freute es ihn,
als eine Anzahl Patrioten ihm einen Ehrendegen überreicht hatte,
der auf der einen Seite der Klinge das Wahrwort des alten Ritters
Frundsberg: »Viel Feind’ viel Ehr’« trug, auf der anderen Seite aber
unter Bismarcks Wappen das Wort:
Das Wegkraut sollt du stehen lan,
Hüte dich, Jung, sind Nesseln dran.
Am 17. März 1863 hat er die schöne Waffe zum erstenmal getragen an
einem schönen Feste. Ein halb Jahrhundert vorher hatte an diesem Tage
König Friedrich Wilhelm III. den Aufruf an sein Volk erlassen zu dem
heiligen Kampfe gegen Napoleon, und nach fünfzig Jahren versammelte
König Wilhelm die Veteranen der Befreiungskriege um sich zu einer
erhebenden Erinnerungsfeier. Die breite Straße Unter den Linden entlang
zog die ehrwürdige Schar, geführt von dem Feldmarschall Wrangel, hinaus
nach dem Lustgarten. Aus allen Fenstern wurden die ersten Blüten des
Frühlings den greisen Männern zugeworfen, die an den Steinbildern ihrer
heldenhaften Führer vorbeiparadierten, und an dem Orte Halt machten, wo
das Standbild Friedrich Wilhelms III. sich erheben sollte. Das alte und
das neue Preußen reichten sich hier die Hand, und Gottes helle Sonne
beschien den vom besten Streben für sein Volk beseelten König und den
stattlichen Recken in Kürassieruniform, der an seiner Seite hielt, den
streitbaren und festen Ministerpräsidenten.
Der Konflikt mit der Volksvertretung jedoch dauerte fort, und
Mißstimmung und Spannung gegen Bismarck waren noch im Wachsen. Aber nun
konnte er sich wenigstens nach den Kämpfen des Tages wieder im Kreise
seiner Familie erholen, und Frau Johanna hatte ihm in der Wilhelmstraße
eine freundliche Häuslichkeit geschaffen.
Hier feierte er am 1. April 1864 seinen neunundvierzigsten Geburtstag,
und er brachte ihm zahlreiche Beweise von Liebe und Anhänglichkeit aus
Nähe und Ferne. Unter den vielen Schriftstücken lief auch eins ein, das
wunderlich genug war: Das polnische geheime Nationalkomitee in Warschau
teilte ihm mit, daß es das Todesurteil über ihn verhängt habe, und daß
er der Vollstreckung desselben gewärtig sein solle.
Er las das Schreiben noch einmal, dann schritt er langsam dem Kamin zu,
in welchem das Feuer flackerte, und warf den Drohbrief gleichmütig in
die Flammen. Es war nicht das erstemal, daß ihm solches begegnete, und
Frau Johanna sollte sich nicht ängstigen, wenn ihr der Zufall etwa ein
solches Schreiben in die Hände brächte.
Zu derselben Zeit war übrigens bereits eine neue bedeutsame Aktion im
Gange. Im Herbste 1863 war der König von Dänemark gestorben, und da
sein Nachfolger damit umging, die beiden Herzogtümer Schleswig und
Holstein gegen alles Recht seinem Staate einzuverleiben, nahm sich der
deutsche Bund der Bedrängten an. Bismarck aber hatte mit weitschauendem
Blicke erwogen, ob nicht eine Erwerbung dieser deutschen Ländergebiete
für Preußen möglich sei, und so setzte er durch, daß Österreich und
Preußen gemeinsam den Krieg gegen Dänemark führten. Und er wurde,
trotzdem das Abgeordnetenhaus dem Ministerpräsidenten die Mittel
verweigerte, entschieden und glücklich geführt, und endete damit, daß
Schleswig-Holstein an Österreich und Preußen abgetreten wurde. Nun
handelte es sich darum, wie es mit der Verwaltung beziehungsweise
Regierung in den Herzogtümern werden sollte, und Bismarck war fest
entschlossen, hier in keiner Weise sich von Österreich übervorteilen zu
lassen. Noch lag auf Preußen »die Schmach von Olmütz«, und diese mußte
gesühnt werden.
Es war im Hochsommer des Jahres 1865. Auf einer freundlichen, von
Tannen umgrünten Höhe in dem herrlichen Badeorte Gastein liegt ein
im Schweizerstil mit vorspringendem Dach und Holzveranden versehenes
einfaches Haus, die Villa Hollandia, und hier war es, wo in den
Augusttagen des genannten Jahres, in einer einfachen Stube, deren
Fenster hinaussahen auf die grünen Föhren, eine Anzahl Staatsmänner
in ernsten Verhandlungen sich zusammenfanden. Das Geschick von
Schleswig-Holstein sollte entschieden werden. Heiß wurde hin und her
gesprochen, während der Regen draußen tagelang niedersickerte und ab
und zu den Ausblick verhüllte. Endlich erreichte Bismarcks Festigkeit
und imponierende Ruhe, daß ein Vertrag vereinbart wurde, wonach
Österreich über Schleswig, Preußen über Holstein Hoheitsrechte ausüben
und Preußen gegen eine Abfindungssumme von 2½ Millionen das Herzogtum
Lauenburg besitzen solle. Dabei gab es noch manche Nebenbestimmungen,
welche Preußen wichtige Rechte auch für Holstein sicherten.
Am 20. August unterzeichneten in Salzburg die beiden Monarchen den
Gasteiner Vertrag, und nicht lange danach verlieh Kaiser Franz Josef
Bismarck den St. Stephanusorden, sein König aber zeichnete ihn
durch den hohen Orden vom Schwarzen Adler aus und erhob ihn in den
Grafenstand.
Aber die so geschaffenen Zustände in den Elbherzogtümern waren
unhaltbar. Österreich begünstigte in Holstein die preußenfeindlichen
Bemühungen des Herzogs von Augustenburg, Bismarck protestierte dagegen,
von Wien aus erfolgte eine scharfe, abweisende Antwort, und so spitzte
sich die Spannung zwischen Österreich und Preußen immer mehr zu. In
Österreich begann man bereits militärische Maßregeln zu treffen,
und auch Bismarck blieb nicht müßig. Er sicherte dem Staate einen
Bundesgenossen in dem Königreiche Italien und wußte sich auch der
eventuellen Neutralität Napoleons zu versichern, und nun mochte es zum
Äußersten kommen. Einmal mußte doch die Führerschaft über Deutschland
mit Blut und Eisen entschieden werden.
Im eigenen Lande aber verstand und würdigte man seine kühnen Pläne
nicht, schalt ihn einen Friedensstörer und bekämpfte ihn mit gehässigen
Verleumdungen, so daß zuletzt geradezu der Fanatismus gegen ihn
entfesselt wurde.
Es war am 7. Mai 1866 um die fünfte Nachmittagsstunde. Bismarck kam
aus dem königlichen Palais, wo er Vortrag gehalten hatte, und schritt
sinnend, langsamen Schrittes die Straße »Unter den Linden« entlang. Er
erwog die eiserne Notwendigkeit der Entscheidung mit den Waffen, zu
welcher sein friedliebender Monarch sich noch immer nicht entschließen
mochte, und so hatte er weder ein Auge für den beginnenden Frühling in
den jungbegrünten Bäumen, noch für die Menschen, welchen er begegnete.
So kam er bis in die Nähe des russischen Botschaftshotels. Da hörte er
plötzlich rasch nacheinander hinter sich zweimal einen kurzen Knall
und fühlte beinahe gleichzeitig einen Schmerz in der Seite. Er wandte
sich schnell um, und siehe, ganz nahe hinter ihm stand ein junger Mann,
der mit dem Revolver in seiner Rechten gerade nach ihm hinzielte.
Blitzschnell sprang er zu und faßte nach der Hand des Attentäters sowie
nach dessen Kehle. Da ging der Schuß los und streifte den Minister an
der Schulter; ehe es dieser versah, hatte der freche Angreifer auch
schon die Waffe in die Linke genommen und feuerte noch zweimal aus
unmittelbarster Nähe auf Bismarck; der eine Schuß fehlte, der andere
aber traf eine Rippe, und der Getroffene fühlte den erschütternden
Schlag so gewaltig, daß ihn die Besinnung zu verlassen drohte. Aber er
bezwang sich mit eiserner Gewalt und hielt den Menschen fest. Das alles
war wie in einem einzigen Augenblicke geschehen, und jetzt erklangen
ganz nahe Weisen eines militärischen Marsches. Ein Bataillon des
zweiten Garderegiments zog mit klingendem Spiele vorüber. Offiziere und
Soldaten sprangen heran, und wenige Minuten später wurde der Attentäter
gefangen abgeführt.
Der Minister atmete einigemal tief auf; über ihm lacht der blaue
Lenzhimmel, um ihn bewegt sich die geschäftige Welt wie vordem, und die
Klänge des fröhlichen Marsches schlagen noch immer an sein Ohr – und
doch hat er in Minuten Großes erlebt. Er schritt langsam, aber von dem
seltsam erhebenden Gefühl des göttlichen Schutzes erfüllt, weiter, und
in seiner Wohnung in der Wilhelmstraße stieg er bereits völlig ruhig
die Treppen hinan und begab sich nach seinem Arbeitsgemache, um vor
allem seinem König die aufregende Meldung von dem Geschehenen zu machen.
Dann wechselte er den Anzug und begab sich in den Salon seiner
Gemahlin. Er traf hier Gesellschaft, Damen und Herren, und begrüßte sie
in seiner gewohnten liebenswürdigen Weise, indem er scherzend, zu Frau
Johanna gewandt, beifügte:
»Warum essen wir denn heute gar nicht?«
Dann schritt er auf eine der Damen zu, um sie zu Tisch zu führen, und
dabei fand er Gelegenheit, indem er seine Gemahlin leicht auf die
Stirne küßte, ihr zuzuflüstern:
»Mein Kind, sie haben auf mich geschossen, aber sei ruhig, es ist
nichts!«
Die Gräfin erbleichte, und ein banger Schauer ließ sie einen Augenblick
erbeben – da war das Ereignis nicht länger zu verheimlichen. Eine
gewaltige Erregung bemächtigte sich der Gäste, schreckensvolle
Fragen, ängstliche Ausrufe klangen durcheinander, aber mit ruhigem,
verbindlichem Lächeln bat der Minister die Herrschaften, sich zu Tisch
zu begeben. Nun erzählte er kurz, wie sich alles zugetragen, und dann
aß er mit solcher Ruhe, als ob er von einem Fremden berichte, während
seine Gemahlin sowie die Gäste nicht imstande waren, sich um die
aufgetragenen Speisen zu kümmern.
Man hatte den Arzt rufen lassen, der rasch genug zur Stelle war
und nach seiner Untersuchung die Erklärung abgeben konnte, daß die
erhaltenen Verletzungen durchaus leicht und unbedenklich seien.
»Bei fünf Schüssen aus solcher Nähe,« sagte einer der Anwesenden – »das
ist wunderbar.«
»Gewiß,« erwiderte der Arzt – »hier gibt es eben nur eine Erklärung –
Gott hat seine Hand dazwischen gehabt.«
Es war wahrlich kein ruhiges Diner, das an jenem Maitag im
Ministerhotel in der Wilhelmstraße abgehalten wurde. Die Kunde von dem
Attentat hatte sich mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitet, und zu
Wagen und zu Fuß kamen jetzt die hochgestelltesten Persönlichkeiten der
Hauptstadt, um ihre Glückwünsche auszusprechen.
Allen voran war König Wilhelm gekommen. Bismarck war dem teuren Herrn
entgegengeeilt, und in einem stillen, einsamen Gemache standen die
beiden allein sich gegenüber. Tief ergriffen schaute der Herrscher
seinem treuesten Diener in die Augen, drückte ihm die Hände und zog ihn
an sich wie einen lieben Freund, Bismarck aber konnte auf die gütigen
Worte nur eines erwidern:
»Mein Leben gehört Eurer Majestät zu jeder Stunde, ob ich für Sie
sterbe auf dem Schlachtfelde oder durch die Hand eines Mörders!«
Prinzen, Minister, Gesandte der fremden Mächte drängten sich in
den nächsten Stunden herbei, um ihre Teilnahme und ihre Freude
auszudrücken, und ehe sich noch der Abend niedersenkte in die
Straßen der Residenz, strömten auch die Scharen des Volkes in der
Wilhelmstraße zusammen, um ihre Grüße und Wünsche dem wunderbar
Geretteten darzubringen. Der Haß gegen ihn schien wie hinweggewischt,
all die Tausende, welche hier durcheinanderwogten, und stürmisch ihn
zu sehen verlangten, empfanden jetzt vielleicht einen Hauch seines
patriotischen, opferbereiten Geistes, und als er an das Fenster trat
und die jubelnden, begeisternden Zurufe der Menge an sein Ohr schlugen,
da wurde die Seele des gewaltigen Mannes wundersam ergriffen, da hatte
er noch fester die Überzeugung, daß der Weg, welchen er gehe, der
rechte sei.
Erst die Nacht brachte Ruhe in die Bewegung; im Ministerpalais in der
Wilhelmstraße schloß Bismarck sein Tagewerk mit einem stillen Dankgebet
und mit dem Gedanken, daß der Himmel selbst ihm ein Zeichen gegeben,
daß er ihn schützen wolle bei allem, was er für des Vaterlandes Ehre
unternehmen würde … und zur selben Stunde beinahe, in welcher er mit
dem Frieden eines guten Gewissens sein Lager aufsuchte, hatte sich
der frevelhafte Attentäter, der fanatische Karl Cohen, mit seinem
Taschenmesser die Pulsader durchgeschnitten. Er war am anderen Morgen
eine Leiche.
Jetzt mochten die Würfel weiterrollen, er wollte und mußte die gerechte
Sache, die er begonnen, fortführen. Und die Ereignisse gingen nun
schnell genug. Österreich selbst drängte der Katastrophe entgegen. Mit
Verletzung des Gasteiner Vertrags überwies der Kaiser die Entscheidung
über Schleswig-Holstein dem deutschen Bund, berief die holsteinsche
Ständeversammlung, und als Preußen, um sein Mitbesitzrecht zu wahren,
Truppen in Holstein einrücken ließ, stellte er beim deutschen Bunde den
Antrag, gegen Preußen das Bundesheer mobil zu machen.
Das geschah am 11. Juni 1866. Und nun kam das Ende der morschen,
kraftlosen deutschen Bundesversammlung.
Am 12. Juni fand die Abstimmung statt; mit 9 Kurialstimmen gegen 6
wurde die Bundesexekution gegen Preußen beschlossen, dessen Gesandter
nunmehr im Namen seiner Regierung den Bund als zerrissen erklärte mit
dem Beifügen, daß dieselbe auf besseren Grundlagen einen neuen zu
errichten bemüht sein werde.
Nun mußte die Entscheidung durch die Waffen kommen. Eine fieberhafte
Erregung ergriff die Gemüter, zumal in der Hauptstadt. Tag und Nacht
arbeitete Bismarck, der Telegraph spielte ununterbrochen und trug seine
Botschaften weit hinaus ins Land: Der König rief sein Heer.