wehte es ihm entgegen wie der Hauch der Heimat. Das war das Schloß
_Peterhof_, der überreich geschmückte Sommersitz Peters des Großen, das
Versailles der russischen Kaiser, zu jener Zeit aber der Aufenthaltsort
der Kaiserin-Mutter Charlotte, der Tochter der unvergeßlichen Königin
Luise von Preußen.
An einem herrlichen Lenztage hatte er sie abermals aufgesucht, und
sie empfing ihn wie eine mütterliche Freundin. Auch heute saßen sie
auf dem Balkon, die Kaiserin auf der Chaiselongue, er selbst in einem
Fauteuil, und sahen hinaus auf das Bild zu ihren Füßen: Unmittelbar
unter ihnen der prächtige Garten mit seinen leise rauschenden Bäumen
und seinen springenden Kaskaden, dann weiter hinaus der wunderbare
Blick auf die märchenhafte Landschaft, in der aus grünen Gehegen weiße
Schlösser hervorlugen, darunter zumal das anmutige Babigon, glitzernde
Teiche, breite Alleen, dann zur Rechten die große Residenzstadt, zur
Linken die weißen Mauern der Festung Kronstadt, und im Hintergrunde das
schimmernde Meer und die im Blauen verdämmernde Küste von Karelien. Die
alte Dame in dem schwarzen Seidengewande, die mit langen Holzstäben
an einem Wollschal strickt, läßt die fleißigen Hände einen Augenblick
sinken und sagt:
»Manchmal habe ich hier an Potsdam gedacht und Sanssouci; hier ist ja
alles größer und glänzender, daheim aber ist es voll lieber Anmut –«
»Ja, Majestät, die Scholle, auf welcher unsere Wiege stand, bleibt
immer die schönste,« erwiderte Bismarck, »und sie lieben wir
unvergessen, und für sie setzen wir unser bestes Blut ein.«
»Das kann der Mann; die Bestimmung der Frau ist anders, zumal die
der Fürstin. Ihr gibt das Geschick oft eine neue Heimat, die ihr von
Gottes und Rechts wegen an das Herz wachsen muß, und es kann dann für
sie nichts herber sein, als wenn ihr Herz in Zwiespalt kommt, mit den
leidigen Erwägungen der Politik. Ich und der Kaiser nicht minder, wir
haben uns gefreut, daß Preußen im Krimkriege Neutralität bewahrte, und
dafür sind wir Ihnen ganz besonders dankbar, lieber Bismarck.«
»Ich habe dabei lediglich das Beste für Preußen im Auge gehabt,
Majestät, genau so, wie ich es in der gegenwärtigen Verwicklung
zwischen Österreich und Italien halte.«
»Sie meinen nicht, daß es für Preußen richtig sei, zugunsten
Österreichs zu intervenieren?«
»Wenn wir hier eingreifen, so wird das für uns gleichbedeutend damit,
daß wir Österreich den Krieg abnehmen und uns für dasselbe opfern. Mit
dem ersten Schuß am Rhein wird der _deutsche_ Krieg die Hauptsache,
weil er Paris bedroht. Österreich bekommt Luft, und wird es seine
Freiheit benutzen, um uns zu einer glänzenden Rolle zu verhelfen? Wird
es vielmehr nicht dahin streben, uns das Maß und die Richtung unserer
Erfolge so zuzuschneiden, wie es dem spezifisch österreichischen
Interesse entspricht? Und wenn es uns schlecht geht, so werden die
Bundesstaaten von uns abfallen wie welke Pflaumen im Winde, und
jeder, dessen Residenz französische Einquartierung bekommt, wird sich
landesväterlich auf das Floß eines neuen Rheinbundes retten.«
»Sie mögen recht haben, und haben auch den schärferen Blick für die
Verhältnisse – ich möchte nicht so düster sehen, aber wir Frauen sind
Gefühlspolitiker. – Doch schauen Sie!«
Die hohe Frau deutete mit der Rechten hinaus auf das Landschaftsbild,
wo über der See die Sonne unterging. Ein rötlicher Schimmer lag
über den blinkenden Wasserspiegeln, heller hoben sich die Häuser der
Residenz, die schweren Gebäudemassen von Kronstadt vom Horizonte ab.
»Es hat doch jedes Land seine wunderbaren, ihm eigentümlichen
Schönheiten – das Bild ist einzig, Majestät!«
»Dies Bild hat seinen eigentümlichen Reiz. – Gewiß, aber Petersburg
selbst ist eine moderne Großstadt wie die meisten anderen. Wenn Sie ein
eigenartiges Stadtbild sehen wollen, müssen Sie nach Moskau fahren.
Moskau ist Rußland, das alte, starre, halbasiatische Rußland. Den
Genuß lassen Sie sich nicht entgehen. Und jetzt eben wäre die beste
Reisezeit; wenn Ihre Geschäfte es gestatten, würde ich Ihnen sehr dazu
raten, lieber Bismarck.«
Und nun plauderte die Kaiserin so heiter und geistvoll von der alten
Russenstadt, daß ihr Zuhörer sich ganz in die seltsamen Bilder
versenkte, welche sich vor seinem Geiste entrollten, und entschlossen
war, bereits in der nächsten Zeit nach der Stadt aufzubrechen, welche
einst dem großen Napoleon zu fürchterlichem Verhängnis geworden war.
Es war zu Anfang des Juni, als er seinen Vorsatz ausführte.
Der Sonnenschein lachte in die Fenster des Kupees herein und lag
draußen über dem grünen Lande, als er abfuhr; die Tage brachten
eine beinahe unbehagliche Wärme, und da die Gegend anfing einförmig
zu werden mit ihren weiten, grünen Ebenen, Sumpfgeländen und
Birkenwäldchen, zwischen welchen keine Stadt, ja, selten ein Dorf das
Vorhandensein von Menschen bekundete, gab sich der Reisende dem Behagen
des Schlafes hin.
Als er am nächsten Morgen erwachte – es war hinter der Station Twer –
und durch das Fenster blickte, glaubte er seinen Augen kaum trauen zu
dürfen; im Frührot schimmerte weithin auf der Ebene der Schnee!
Und weiter rollte der Zug und hielt endlich im Bahnhofe in Moskau,
der heiligen Stadt der Russen. Feiner Regen sickerte nieder, als
er durch die Straßen fuhr, und der Schnee war wieder verschwunden.
Bismarck stieg im Hotel de France ab, und nachdem er von hier aus
einen brieflichen Gruß an Frau Johanna geschickt hatte, machte er sich
daran, die wunderliche Stadt kennen zu lernen, in welcher Europa und
Asien sich gleichsam die Hand reichen, und die einen seltsamen Zauber
auf jeden Besucher ausübt. Das Aussehen von Moskau ist seit dem großen
Brande im Jahre 1812 sehr zu dessen Vorteil verändert, aber auch in
der Erneuerung ist man dem alten Stil treu geblieben in der Anlage der
meist gekrümmten Straßen und in der Mischung aller Bauarten der Welt.
Von freier Höhe sah Bismarck die Stadt unter sich liegen mit ihren
grünen Dächern, ihren zahllosen grünen Kirchenkuppeln, ihren prunkenden
Palästen; zwischendurch windet sich das glitzernde Band der Moskwa,
an deren linkem Ufer das Kapitol der Stadt, der Riesenbau des Kreml
mit seinen 32 Kirchen und zahlreichen Palästen, sich erhebt, überragt
von dem achteckigen »Iwan Weliki«, über dessen zwiebelförmiger Kuppel
das hohe, vergoldete Kreuz weithin leuchtet im Sonnenglanz. Es war ein
Städtebild von überwältigender Großartigkeit und einem märchenhaften
Reiz.
Auch die Umgegend der Stadt wurde durchstreift, dem Schlosse Petrowski,
das nach dem großen Brande Napoleon zum Hauptquartier gedient hatte,
ein Besuch abgestattet und zwischen Dörfern und Fabriken weit
hinausgeschweift in die wellenförmige, fruchtbare Ebene, bis sie in die
weite, wüste Steppe übergeht.
Aber für die mannigfachen Genüsse dieser Reise mußte Bismarck büßen.
Nach Petersburg zurückgekehrt, erkrankte er an einem rheumatischen
Leiden, das sich immer mehr steigerte, und so lag er in seinen
Schmerzen fern von der Heimat und von seinen Lieben, an welche er mit
Sehnsucht dachte, und ließ sich von den russischen Ärzten Schröpfköpfe
aufsetzen und mit spanischen Fliegen quälen, bis seine gute Natur
wenigstens einigermaßen ihn auf die Beine brachte, so daß er imstande
war, am 28. Juni nach Peterhof hinauszufahren zu der Kaiserin-Mutter,
welche über sein Aussehen erschrak.
»Aber Sie müssen Urlaub nehmen, lieber Bismarck, und einige Zeit in der
Heimat zubringen. O, die Luft der Heimat und der Hauch der anmutigen
Häuslichkeit tun Wunder. Ihre Frau wird recht in Sorge um Sie sein!«
sagte die gütige Zarin.
Bismarck erwiderte:
»Um den Urlaub habe ich bereits nachgesucht, Majestät, und was Frau
Johanna betrifft, so hat sie gottlob keine Ahnung, wie man mir hier
zugesetzt hat – sie weiß nur etwas von meinen üblichen Hexenschüssen.«
»Sie sind ein guter Gatte – aber Frau Johanna verdient einen solchen
nach allem, was ich von ihr weiß. Grüßen Sie dieselbe herzlich von mir.«
Nach einiger Zeit brach er nach Deutschland auf. Angenehm war das
Reisen nicht. Bis Dünaburg ging es an, weil im Eisenbahnkupee doch
noch einigermaßen Bequemlichkeit zu erreichen war. Von dort aus
nach Königsberg aber ging es zu Wagen weiter, und Bismarck merkte
schon während der Fahrt, daß das Leiden sich mit erneuter Heftigkeit
eingestellt hatte.
So kam er in Berlin an, ein kranker Mann, und der Arzt war beinahe der
erste, welcher ihm seinen Besuch im Hotel d’Angleterre abstattete.
Zumal mit dem linken Beine sah es schlimm aus. Hier hatte er eine
Erinnerung an seine schwedischen Jagdfahrten sitzen, wo er sich bei
einem Falle am Schienbein verletzt hatte – und hier rumorte nun der
Rheumatismus am heftigsten, so daß die verordnete Jodtinktur nicht nur
nicht wirkte, sondern, wie es schien, das Übel noch verschlimmerte.
Da blieb denn nichts anderes übrig, als den besten Arzt herbeizurufen.
Dieser trat denn auch, eben aus Pommern angekommen, in die Krankenstube
und brachte Sonnenschein und eine heilende Hand mit. Es war Frau
Johanna. Sie machte dem Gemahl zärtlich besorgte Vorwürfe, daß er nicht
früher ihr von seinem Zustande Mitteilung gemacht hatte; der aber war
glücklich, als er sie bei sich hatte, und als sich auch ohne Jodtinktur
durch ihre sorgsame Pflege, durch ihr klares, heiteres Wesen, durch
ihre Umsicht und ihr Geschick sein Zustand bald so besserte, daß er
daran denken konnte, nach dem Bade Nauheim zu gehen.
So kam der September, und der Prinzregent rief ihn nach Berlin, wo er,
obgleich von der Jodvergiftung noch nicht ganz erholt, doch seine Kraft
dem Vaterlande zur Verfügung stellte, da es galt, den russischen Kaiser
in Warschau zu begrüßen und ihn von dort nach Breslau zu begleiten zu
einer Zusammenkunft mit dem Prinzregenten.
Am 16. Oktober reiste Bismarck von Berlin ab und hatte das Glück,
unterwegs mit einem alten russischen General zusammenzutreffen, welcher
ihn auf einer polnischen Station erkannt hatte. Die Wirtschaft hier
an der russischen Grenze war für gewöhnliche Reisende nicht gerade
ergötzlich: Die Polizeibehörde verlangte den Paß, die Zollbehörde
begehrte Einsicht in das Gepäck, – so ein russischer General ist jedoch
ein Gewaltherr, mächtiger als ein preußischer Gesandter, und Bismarck
wurde nicht bloß aller Plackerei überhoben, sondern fuhr auch mit
dem alten Herrn in dessen Extrazug weiter, noch dazu im kaiserlichen
Salonwagen.
So ward Lagienki erreicht, wo einst Stanislaus August sich einen
prächtigen Sommersitz erbaut hatte inmitten eines herrlichen, weit
ausgedehnten Gartens, in welchem noch eine ganze Anzahl kleiner Paläste
sich um das Schloß des Herrschers gruppieren.
Hier vergingen einige Tage in vergnügter Weise. Ein prächtiges Hoffest,
bei dem Wald und Wasser märchenhaft schön beleuchtet war und das alte,
prachtliebende polnische Blut seinen ganzen Glanz und seine volle
Lebhaftigkeit entfaltete, sowie eine Jagd im Parke von Skierniewice
hatten für Bismarck besonderes Interesse, und doch war er froh, als er
über Breslau wieder in Berlin eintraf und von hier nach dem lieben,
stillen Reinfeld fuhr.
Und wenn es denn nun wieder nach Rußland auf seinen Posten gehen
sollte, so sollte er diesmal doch nicht allein reisen; seine Familie
ging mit ihm an die Newa, und nun überkam ihn beinahe eine stille
Sehnsucht nach dem Winterquartier in Petersburg; mit Frau Johanna
und seinen Kindern zur Seite gedachte er auch den russischen Winter
auszuhalten.
Er war mit den Seinen bereits in Elbing eingetroffen; da dachte er
seines Freundes, des Herrn von Bülow, der nicht gar fern auf seinem
Gute Hohendorf saß, und diesen suchte er auf. Es war nur ein kurzes
Wiedersehen geplant, aber das Geschick fügte es anders. Er erkrankte
hier auf Hohendorf an einer schweren Lungenentzündung, und wieder hatte
Frau Johanna mit ihrem besorgten Herzen alle Hände voll zu tun, um den
teuren Mann zu pflegen.
Für diesen Winter war an die Petersburger Reise nicht mehr zu denken.
Am behaglichen Kamin zu Hohendorf saß der langsam Genesende, stocherte
nach seiner Gewohnheit in der zuckenden Flamme, freute sich, daß er
wenigstens die Seinen bei sich haben konnte, und plauderte mit seinem
Freunde über die politische Lage, die ihm ganz leidlich behagte.
Der österreichisch-italienische Krieg war vorüber, Preußen hatte
sich dabei nichts vergeben, sondern in würdiger Weise seine Stellung
gewahrt, ja, es war durch die Verhältnisse in den Stand gesetzt, näher
an die eigentliche deutsche Frage herantreten und eine Reorganisation
des deutschen Bundes ins Auge fassen zu können.
Der Rekonvaleszent auf Hohendorf freute sich, daß die Dinge still für
sich weiterreiften, ohne damals zu ahnen, daß er selbst die letzten
entscheidenden Worte dabei sprechen und die entscheidenden Taten dafür
tun sollte.
Es kam wiederum der Frühling; der Mai streute seine Blüten durch das
deutsche Land, und nun konnte Bismarck erst daran denken, mit seiner
Familie auf seinen Posten abzureisen.
Am 5. Juni rollte der Wagen durch die russische Residenz, welcher
den preußischen Gesandten und die Seinen nach dem englischen Kai
führte, wo er im Hause der Gräfin Stenbock schon im vorigen Jahre
eine entsprechende Wohnung gemietet hatte. Sie war weit und geräumig,
und wenn auch die Möbel darin abgenutzt und »ruppig« schienen, bald
ging auch durch diese Räume wie einst in Frankfurt der Hauch einer
Gemütlichkeit und eines vornehmen Behagens, wie es hier an der Newa
vielleicht einzig dastand.
Der Sommer und Herbst vergingen. Besuche und Jagdfahrten unterbrachen
das Petersburger Leben in angenehmer Weise. Auf Peterhof hatte Bismarck
zum letztenmal am 1. Juli 1860 die liebenswürdige Kaiserin-Mutter
besucht – sie starb bald darauf – und er behielt die hohe Frau in
freundlichstem Gedenken. Auf der Wende von Herbst und Winter aber
begannen die Jagden. Da gab es noch Bären und Elche in den russischen
Wäldern, und für den Weidmann war es eine Lust, im dicken, kurzen
Jagdpelz und mit den hohen Juchtenstiefeln durch Gestrüpp und
Schneehalden zu waten nach köstlicher Beute.
Der Winter aber rückte einen freundschaftlichen Kreis näher aneinander.
In den hohen, weiten Räumen flimmerte der Lichtglanz, behagliche
Wärme durchflutete die Gemächer, und im Speisezimmer saßen liebe
Gäste: Der gute Graf Kaiserlingk, der einst in Berlin den Studiosus
Bismarck mit Beethovenschen Sonaten erfreut, und welcher jetzt die
Würde eines Kurators der Universität Dorpat bekleidete, die preußischen
Gesandtschaftsmitglieder General von Loën und Legationsrat von
Schlözer, der russische Hauptmann von Erckert und andere.
»Ja, was wollen Sie, Kaiserlingk,« sagte der liebenswürdige Hausherr,
»so glänzende Feste wie der französische Gesandte kann ich nicht geben
bei meinen 25000 Talern Gehalt und 8000 Talern Mietgeld; er hat 300000
Franken zur Verfügung.«
»Dafür kann auch er keine Feste geben wie Sie, Exzellenz!« erwiderte
Erckert; »dort ist man immer unter einem unbehaglichen Zwange, hier
fühlt man sich wie daheim.«
»Na, das freut mich! So ist mir’s auch am liebsten! Doch nun
erlauben Sie mir, daß ich mich an den Kamin setze, das gibt mir ein
absonderliches Behagen!«
Zwanglos gruppierten sich die Gäste, und einer von ihnen bemerkte:
»Sie haben doch wenigstens freie Feuerung, Exzellenz, und das will in
Rußland etwas bedeuten.«
»Gott bewahre, mein Bester, die muß ich auch bezahlen. Das Holz wäre
übrigens nicht so teuer, wenn die Beamten es nicht so teuer machten.
Da sah ich einmal schönes Holz auf einem finnischen Boote. Ich fragte
die Bauern nach dem Preise, und sie nannten mir einen sehr wohlfeilen.
Als ich’s aber kaufen wollte, fragten sie mich, ob es für den Fiskus
wäre. Da beging ich die Unvorsichtigkeit, zu antworten: Nicht für den
kaiserlichen Fiskus, sondern für den königlich preußischen Gesandten.
Preußen wäre wohl ein Gouvernement des russischen Reiches? Ich sagte,
das gerade nicht, aber die Gesandtschaft hat mit der kaiserlichen Krone
zu tun. Das war eben unvorsichtig, undiplomatisch; es befriedigte die
Bauern offenbar nicht, und es half auch nichts, daß ich ihnen das Geld
gleich geben wollte. Sie fürchteten ohne Zweifel, daß ihnen dasselbe
von mir wieder abgedrückt werden würde, und daß man sie obendrein unter
dem Vorwande, sie hätten das Holz gestohlen, einstecken und ihnen
Prügel aufzählen würde. Als ich später wiederkam, waren sie alle auf
und davon. Hätte ich ihnen die Adresse eines Kaufmanns gegeben, mit
dem ich mich inzwischen verständigen konnte, hätte ich das Holz um den
dritten Teil dessen gehabt, was ich sonst bezahlte.«
Das Gespräch kam auf die Jagd, zumal sich manche schöne Trophäe
derselben in der Wohnung Bismarcks befand.
»Sie scheinen ein besonderer Günstling St. Huberts zu sein nach allem,
was ich sehe und höre,« sagte einer der Anwesenden, und Hauptmann
Erckert erwiderte:
»Herr von Bismarck schießt eine absolut sichere Kugel. Da erzählte
mir ein Bekannter, der Oberst M., vor kurzem, er sei mit fünf anderen
Jagdgefährten und unserem liebenswürdigen Hausherrn auf die Bärenpirsch
gefahren. Als der erste Bär sich zeigte, schoß Herr von Bismarck, und
das Tier brach im Feuer zusammen; es kam ein zweiter Bär, der nächste
Schütze fehlte ihn, Herr von Bismarck aber streckte ihn mit einem
Prachtschuß nieder. Ein dritter Bär rückte an, der Oberst schoß zweimal
nach demselben ohne Erfolg, und in demselben Augenblick hatte Herr von
Bismarck ihn mit tödlicher Sicherheit gefällt. Ein vierter Bär kam
nicht!«
Das Töchterchen Bismarcks lehnte bei diesen Gesprächen an dem
Fauteuil der Mutter, die beiden Söhne, der zehnjährige Herbert und
der achtjährige Bill (Wilhelm), hörten dem Gespräch von einer Ecke
des Gemaches aus zu. Als die Rede von der Bärenjagd war, flüsterten
sie einander etwas zu und eilten dann hinaus. Das Gespräch hatte bald
eine andere Wendung genommen, als sie wiederkehrten, und hinter ihnen
trabten und kollerten zwei kleine, drollige, braune Tiere herein.
»Ah, da kommt Mischka,« rief lachend Bismarck, einige Damen schrien in
augenblicklichem Schrecken auf, aber als sie die zwei possierlichen
Kerle näher ansahen, schwand jede Furcht. Es waren zwei junge Bären,
die der Hausherr gleichfalls auf der Jagd erbeutet hatte. Die Tiere
waren offenbar nicht das erstemal in den Gesellschaftsräumen der
preußischen Gesandtschaft. Sie wälzten sich behaglich auf dem Teppich,
kletterten sogar auf den Tisch und gingen behutsam darüberhin, und
als ein Diener erschien und Erfrischungen servierte, schienen sie zu
glauben, daß ihnen ein Genuß zugedacht sei, und sie hefteten sich an
die Fersen des Mannes; als er sich nun nicht um sie kümmerte, zwickten
sie ihn in die Beine, so daß er Mühe hatte, sich der drolligen braunen
Burschen zu erwehren.
So verfloß der Abend in zwangloser Heiterkeit und liebenswürdigem
Verkehr.
Auch in Petersburg ließ sich’s leben, und sogar mit einem gewissen
Behagen. Die Vormittage gab es wenig zu tun, und sie wurden der
Promenade, dem Frühstück und etwaigen Kurvorschriften gewidmet. Der
Nachmittag bis fünf Uhr gehörte dem Dienst, der Abend, soweit es
möglich war, der Familie. Sonnabend abends nahm Bismarck überdies
eine Repetition vor mit seinen Söhnen, die sich dann mit ihren Heften
bei ihm einzufinden hatten, und die der Vater in Gegenwart ihres
Hauslehrers, des Kandidaten Braune, sehr eingehend examinierte.
Drei Jahre gingen in Petersburg hin, vielfach allerdings durch Reisen
im Dienst unterbrochen. Mancher bedeutsamen Fürstenzusammenkunft hatte
er mit dem Prinzregenten beizuwohnen, und am 18. Oktober 1861 war er
in Königsberg Zeuge der erhebenden Feier der Krönung Wilhelms I., der
seinem am 2. Januar verstorbenen Bruder auf dem Throne folgte. Als
»Wirklicher Geheimer Rat« kehrte er nach Petersburg zurück, und in
seiner Seele leuchteten wie ein herrlicher Stern die Worte nach, welche
der neue königliche Herr gesprochen hatte:
»Meine Pflichten für Preußen fallen mit meinen Pflichten für
Deutschland zusammen.«
Noch einmal sah er die in Eisesfesseln geschlagene Newa, die
verschneiten Paläste des Alexander Newski-Prospektes, die glänzenden
Feste des Zarenhofs, und sein einfach-vornehm-gemütliches Haus war die
liebliche deutsche Oase im russischen Osten.
Im Mai 1862 war er bereits wieder in Berlin, gewärtig dessen, was sein
König über ihn verfügen würde. Es war eine Zeit einer unangenehmen
Spannung, und er war nahe daran, in das neugebildete Ministerium
berufen zu werden. Aber die Sache blieb in der Schwebe, und Bismarck
ritt jeden Morgen mit neuer Ungeduld auf seiner Fuchsstute hinaus in
den Tiergarten, sah den Frühling ringsum sich entfalten und Blüten
treiben und dachte an seine Lieben, welche indes in dem stillen Pommern
weilten. So kam er wieder einmal heimgeritten, und das erste, was man
ihm noch im Sattel entgegenreichte, war ein amtliches Schriftstück
mit dem bekannten großen Siegel. Er erbrach es und las, daß er zum
Gesandten in Paris ernannt sei.
So ging es aus dem Osten nach dem Westen Europas, und noch im Mai traf
er in der glänzenden Weltstadt an der Seine ein, wo Napoleon III. sein
neues Kaiserreich errichtet hatte und den Plan entwarf, »die Karte von
Europa in Ordnung zu bringen.«
Ein freundlicher Frühlingstag lachte über Paris, seinen glänzenden
Boulevards und seinen leichtlebigen Menschen, der 1. Juni war’s, und
durch die Straßen fuhr die goldglänzende Hofequipage, welche den
preußischen Gesandten nach den Tuilerien führte und zur Empfangsaudienz
bei dem Kaiser. Dieser war freundlich und entgegenkommend, und auch die
Kaiserin zeigte sich von einer liebenswürdigen Seite.
Hier warm zu werden, durfte Bismarck kaum hoffen; er hatte die
Empfindung, auf einer Durchgangsstation zu sein, die ihn bald entweder
auf den Ministersitz in Berlin oder in das Stilleben des märkischen
Landedelmannes führen mußte.
Noch im Juni hatte er sich zur Weltausstellung nach London begeben, und
dabei die hervorragendsten englischen Staatsmänner kennen gelernt, und
nachdem ihm ein Urlaub bewilligt worden, verließ er das sommerheiße
Paris, um den schönen Süden Frankreichs kennen zu lernen.
In dem alten Königsschlosse der Orleans, Chambord, das wie ein
Märchenbild mit seinen sonnbeglänzten stillen Hallen und Höfen sich
vor ihm auftat, dachte er der versunkenen Herrlichkeit des alten
französischen Herrschergeschlechts; vom alten Schlosse von Amboise
schaute er mit Entzücken hinaus auf das blühende Gelände an der Loire
mit den weißen Schlössern und Landhäusern, den weiten Maisfeldern, den
dunklen Kastanienwäldern und den grünen Weinbergen, und durch das Land
der Reben, wo an sonnigen Hängen von Margaux, Lafitte, St. Julien,
Latour und Armeillac die dunkelglutigen Trauben reifen, streifte er in
angenehmer Gesellschaft.
Von Bordeaux fuhr er nach Bayonne durch Fichtenwälder, purpurblühendes
Heidekraut und gelben Ginster wie auf einem Blumenteppich, und von
dort durch die herrlichste Landschaft nach San Sebastian. Zur Linken
erhoben sich die gewaltigen Berge der Pyrenäen, zur Rechten leuchtete
der Spiegel des Meeres. Im Fuentarabia betrat er den Boden Spaniens,
»des schönen Lands des Weins und der Gesänge«. Steile, enge Gassen,
Balkone vor den Fenstern, Schönheit und Schmutz und lustiges Lärmen von
tanzenden Weibern auf dem Markte – ein fremdes, neues Bild!
Dann saß er in dem berühmten Seebade Biarritz und schaute aus den
Fenstern des Hotel l’Europe hinaus auf die blaue See, wie sie weiß
aufschäumte zwischen den Klippen und gegen den Leuchtturm brandete, der
in ruhiger Majestät über Meer und Land hinblickte. Und am Strande von
Biarritz konnte man wohl auch an schönen Morgen, wenn der Wind kühl und
weich zu Lande wehte, ein paar Menschen sehen, denen alle die anderen
Badegäste nachschauten, und vor denen sich alle Häupter entblößten:
den breitschultrigen, hochgewachsenen preußischen Gesandten mit dem
Schlapphut auf dem mächtigen Haupte und ihm zur Rechten den dunkel
gekleideten kleinen Mann, der trotz seines Zylinderhutes nicht die
Größe des anderen erreichte – Kaiser Napoleon III.