dienstbeflissene Jüngling begann seine Proben vorzulegen. Der Diplomat
roch an jeder, dann wählte er jene, welche den stärksten Geruch hatte
und schob sie ohne weiteres in seine Tasche.
»Haben Sie auch Briefkuverts?«
»Sehr wohl!«
Nach kurzer Auswahl nahm Bismarck die schlichteste und einfachste
Sorte, zog dann ein bereits zusammengefaltetes Papier aus der Tasche,
schob es in den Umschlag und bat sich nun Tinte und Feder aus, um
die Adresse zu schreiben. Da jedoch die Handschuhe ihm hinderlich zu
sein schienen, bat er den Verkäufer, ihm die Mühe abzunehmen, was
dieser auch beinahe geschmeichelt tat. Behaglich steckte Bismarck nun
das Schreiben zu der Seife in seiner Tasche, und als er mit seinem
Begleiter vor der Türe stand, sagte er zu diesem:
»Glauben Sie nun, lieber Kollege, daß man unter diesem Kuvert, das
nach Käse und Hering, Seife und Wichse duftet, nicht so leicht meine
Depesche herausschnüffeln wird?«
Manchmal jedoch, wenn es ihm in dem Frankfurter Treiben zu unbehaglich
und in den Bundestagsverhandlungen zu langweilig und zu ärgerlich
wurde, setzte er sich auf die Eisenbahn und fuhr hinein in den
Odenwald, oder besah sich einmal das bunte Leben und Treiben in den
glänzenden Badeorten Homburg, Wiesbaden, Baden-Baden, oder er erquickte
sich an der ewigen Schönheit des Rheinstromes und seiner lieblichen
Ufer. So fuhr er eines Nachmittags nach Rüdesheim. Dort mietete er
einen Kahn und glitt hinaus auf den Strom. Der Mond warf seinen
milden, dämmerigen Schein auf die Fluten, die Luft war lau, und ihn
faßte ein Gelüste an, die Kleider abzuwerfen und sich in die silbernen
Wellen zu tauchen. Gedacht, getan, und bald schwamm er langsam und
behaglich dahin. Hinter ihm her, im Abendschimmer verdämmernd, kam
langsam das Boot, das der schweigende Ferge lenkte, hoch über dem
Schwimmer wölbte sich blau und klar der Himmel mit seinen vieltausend
Sternen, und drüben an den Ufern webte der bläuliche Mondenschimmer
um die dunkelnden Höhen, die bewaldeten Berge, die grünen Weingärten
und die grauen, schweigenden Ruinen der Vorzeit. Und das Wasser klang
und rauschte und flüsterte wie von alten Sagen. Von Bingen herüber
schimmerten einzelne Lichter, und nun hob sich der Mäuseturm düster und
ernst aus den Wellen. Hier stieg der Schwimmer ans Land, kleidete sich
an und fuhr nach Bingen hinüber, wo er Nachtrast hielt. Am nächsten
Morgen aber ging’s über Koblenz nach Frankfurt zurück.
Das erfrischte Leib und Seele.
Auf den 18. Oktober fiel der Geburtstag des Königs. Auf der Villa in
der Bockenheimer Landstraße wehten die preußischen Fahnen, und im
Laufe des Vormittags fuhren Bismarck und die Beamten der Gesandtschaft
in größtem Staat nach dem Kornmarkt, wo in der großen Reformierten
Kirche der Festgottesdienst abgehalten wurde. Die Mittagstafel aber
sah zahlreiche und erlesene Gäste, und der Hausherr verstand es, in
kräftigen, gehaltvollen Worten der Begeisterung Ausdruck zu geben,
die er selbst für seinen königlichen Herrn fühlte, und die er auch in
anderen Herzen zu entflammen wußte.
Und als der Abend kam, zog er seine Landwehrleutnants-Uniform an mit
der Lebensrettungsmedaille und begab sich nach der Kaserne, wo die
preußischen Soldaten gleichfalls festlich den Geburtstag ihres obersten
Kriegsherrn begingen. Hier war die Lust in vollem Gange. Rauschende
Musik klang durch den Saal, und in lauter, aufjauchzender Fröhlichkeit
drehten sich die Paare im Reigen. Als er eintrat, machten die Soldaten
am Eingang Honneurs und flüsterten sich, als er vorüber war, zu: »Seine
Exzellenz, der Herr Leutnant von Bismarck!« Sie kannten ihn alle, den
prächtigen, stattlichen Mann, der so heiter und herzlich sein konnte,
und auch diesmal wieder bald da, bald dort auftauchte und sich mit den
schlichten Kriegern unterhielt.
Der Herbst entblätterte die Bäume in dem Garten, und der Winter spielte
mit seinen Flocken um die freundliche Villa. Aber wenn auch der
Sturmwind um die Fenster fegte, drinnen war’s um so behaglicher. Diese
Winterabende waren köstlich, wenn in dem Salon bei dem flackernden
Kaminfeuer sich um die liebenswürdigen Wirte prächtige Gestalten
scharten, von denen jeder fand, was er nur suchen mochte: Schlichtheit,
Herzlichkeit, vornehme Sitte und frischen Humor. Wie zwanglos verkehrte
da Prinz Georg von Preußen mit Schriftstellern, in deren Kreis er sich
zählen durfte, wie gemütvoll und vergnügt plauderte die Großfürstin
Helene von Rußland (geborene Prinzessin von Württemberg) mit der Frau
des Malers Becker, und wenn die Gäste in stiller Nacht schieden, nahmen
sie etwas von dem Behagen dieses Hauses mit sich fort, das noch lange
in ihnen nachklang.
Der Winter stellte freilich auch gesellschaftliche Anforderungen, denen
Bismarck um seiner Stellung willen entsprechen mußte. Dabei fühlte
er sich nicht immer besonders vergnüglich, zumal der österreichische
»Botschafter« überall eine dominierende Stellung beanspruchte, und er
seinerseits darüber wachte, daß auch der Würde seines Staates nichts
vergeben werde.
Der englische Lord Cowley gab ein großes Fest zu Ehren seiner Königin.
Die Räume waren glänzend geschmückt; Farben und Fähnchen fast aller
Kulturstaaten woben sich zu einem bunten Bilde zusammen, aus welchem
sich das transparente englische Wappen abhob, dem gegenüber sich der
ungekrönte Doppeladler – das Wappen des deutschen Bundes – zeigte. Die
Gesellschaft war eine sehr vornehme. Graf Thun tänzelte zierlich um die
Damen, der Lord zeigte sich als vornehmer und lebhafter Wirt, zwischen
den Gesandten der deutschen Staaten bewegten sich mit graziöser
Gewandtheit der Vertreter Frankreichs, Tallenay, und der belgische Graf
Briey, und der Tanz bot bei der Reichhaltigkeit der Toiletten geradezu
glänzende Bilder. Bismarck lehnte behaglich an einer reichdekorierten
Säule und sah in das Gewühl. Im bunten Kotillon bewegten sich die
Paare, darunter viele der älteren Diplomaten, und er machte die
Bemerkung, wie viele von den Damen schwarzgelbe Seidenschleifen, die
Farben Österreichs, trugen, während er nach jenen Preußens vergebens
suchte. Eine junge Prinzessin von Nassau kam eben an ihm vorüber,
am Arme eines süddeutschen Diplomaten. Sie sah ihn flüchtig an,
aber es lag in dem Blicke selbst eine unverkennbare Beimischung von
Geringschätzung. In diesem Augenblicke trat ein anderes Mitglied der
preußischen Bundestagsgesandtschaft an ihn heran. »Fürchten Exzellenz
nicht die Ungnade Ihrer Hoheit der Prinzessin von Nassau?«
»Wieso?«
»Wir armen Preußen sind bei ihr schwer diskreditiert; Hoheit geruhte
mit allen anderen Mächten zu tanzen, nur mit Preußen nicht!«
»Das ist freilich schlimm, aber ich hoffe, daß es mir nicht den Rest
meiner Nachtruhe verderben wird,« sagte Bismarck lächelnd.
Nicht lange darauf verließ er das Fest.
Weihnachten wurde in freundlicher Weise verlebt, und das Fest brachte
dem Vielbeschäftigten einige Ruhe und Muße. Dann wieder Arbeit in
Fülle, zwischendurch aber auch manch ein vergnügter Tag! Wie war das so
lustig zur Fastnachtszeit, als er seinem Dienstpersonal ein fröhliches
Fest gab, wie er es daheim in der Altmark seit der Väter Tage gewohnt
war! Er fehlte nicht unter den »Seinen« und freute sich, wie alle Augen
lachten vor Fröhlichkeit, und wie vor allem die knusprigen, braunen
»Pannkauken« schmeckten, die er selber auch kostete. In solchen Stunden
wuchs er seinen Dienern noch mehr ans Herz, als es schon der Fall war,
und Frau Johanna nicht minder.
Der Frühling von 1852 kam ins Land. In Österreich war an Stelle des
Ministers Schwarzenberg der Graf Buol-Schauenstein getreten, und damit
schärfte sich eine bereits schwebende Angelegenheit zwischen Preußen
und Österreich noch mehr zu. Es betraf den von dem ersteren begründeten
deutschen Zollverein, für welchen die bisher noch unbeteiligten
deutschen Staaten gewonnen werden sollten, während Österreich, das von
demselben ausgeschlossen war, an der Auflösung desselben arbeitete.
Bismarck hatte hier seine vollgemessenen Verdienste, und da der neue
österreichische Ministerpräsident mit aller Macht den preußischen
Bestrebungen entgegenarbeitete, ging er im Auftrag seines Königs nach
Wien, um an den Kaiser ein Handschreiben Friedrich Wilhelms IV. zu
überbringen.
In den ersten Tagen des Juni traf er in der Hauptstadt an der Donau
ein. Der Minister Buol empfing ihn ziemlich ungnädig und erklärte
bestimmt, daß Österreich sich von Deutschland nicht als Ausland
behandeln lassen werde.
Bismarck war zwar verstimmt, aber nichts weniger als entmutigt.
Er freute sich der Liebenswürdigkeit, mit welcher er fast überall
aufgenommen ward, lebte in dem freundlichen Schönbrunn den anmutigen
Erinnerungen an seine Hochzeitsreise, und fuhr endlich am 23. Juni auf
der Donau hinab nach dem alten Ofen, wo er im kaiserlichen Schlosse
seine Wohnung erhielt. Hier saß er, hoch über Stadt und Strom, und ließ
den Blick hinausschweifen über das weite ungarische Flachland, und
dachte bei all den Schönheiten an den Kreis seiner Lieben in Frankfurt.
Von dem jungen Kaiser wurde er in besonderer Audienz mit
liebenswürdiger Herablassung empfangen und machte mit dem Hofe einen
Ausflug ins Gebirge. Stimmungsbilder von satter Farbenglut gingen
an seinem Auge vorüber. Im Hintergrunde die ungarische Königsstadt
mit ihrer hochragenden Burg, ringsum grüner Buchenwald, auf freiem
Rasenplane die kleine Tafel für etwa zwanzig Personen, eine jubelnde
Volksmenge, die sich ringsum drängte und bis in die Wipfel der Bäume
kletterte, leise hallender Hörnerklang, und als der Abend kam, das
ganze Bild übergossen vom bläulichen Mondschimmer und matt erhellt von
loderndem Fackelglanz – das alles war so fremdseltsam, daß es wie eine
Phantasie erschien, der die ernste Wirklichkeit bald folgte in Gestalt
eines Telegramms aus Berlin, welches entschieden die österreichischen
Zumutungen in der Zollvereinsfrage zurückwies.
Nicht lange darauf saß Bismarck wieder im Kreise der Seinen, der sich
am 1. August 1852 noch um ein Söhnchen vermehrte, das nach seinem hohen
Paten _Wilhelm_ genannt wurde.
Im Herbste desselben Jahres mußte er zu seinem großen Bedauern seine
freundliche Wohnung in der Bockenheimer Landstraße aufgeben, weil ein
reicher Westfale das Haus gekauft, und nun siedelte er nach der Großen
Gallusstraße Nr. 19 über; aber der Ruf der hohen Gastlichkeit, der
vornehmen und dabei gemütvollen Liebenswürdigkeit haftete auch hier an
dem Heim des Diplomaten.
Die kommenden Jahre gaben Bismarck genug Gelegenheit, seine Umsicht,
Klugheit und Tatkraft im Interesse seines Staates zu bekunden. Und
er hat in kleineren wie in gewichtigen Dingen seine Anschauungen zur
Geltung zu bringen verstanden – und eine Tätigkeit entwickelt, die
schon ihrem Umfange nach Staunen erregt. Die immerwährenden Reisen, die
eingehenden klaren Berichte, die unmittelbare Tätigkeit im Bundestage
selbst hätten einen anderen aufreiben müssen.
Da tat mitunter eine Erholung dringend not.
Im Sommer 1853 erfrischte er sich in den Wellen der Nordsee und reiste
dann durch Belgien und Holland zurück. Der politische Horizont hatte
sich umwölkt, der »Krimkrieg« zwischen Rußland und den europäischen
Westmächten hing in der Luft, und der preußische Staatsmann suchte
nach seiner besten Überzeugung seinen König in dieser Sache neutral zu
erhalten, was auch gelang.
Spott, der ihn deshalb traf, wußte er sehr geschickt und scharf
zurückzuweisen. So war er in diplomatischem Auftrage in München
gewesen, und als dort zu Ehren eines österreichischen Generals eine
Militärparade abgehalten wurde, erschien er dabei gleichfalls in
seiner Landwehruniform. Auf seiner Brust lag schon längst nicht mehr
die Rettungsmedaille allein, sondern zahlreiche hohe Orden schmückten
dieselbe. Der General, welcher an ihn herangeritten war, sah mit
einigermaßen spöttischem Blicke auf die blinkenden Auszeichnungen und
fragte:
»Schaun’s Exzellenz! Alle vorm Feind erworben?«
»Jawohl, Exzellenz, alle vorm Feinde, alle in Frankfurt a. M.,«
erwiderte Bismarck mit verbindlichem Lächeln.
Noch schärfer führte er den französischen Gesandten in Berlin, de
Moustier, ab. Die Franzosen waren über die Neutralität Preußens in
der orientalischen Frage verstimmt, und als der Gesandte mit Bismarck
zusammentraf, ließ er sich zu der Äußerung verleiten: »Preußen wird
seine Haltung noch einmal bedauern; auf diesem Wege kommt es vermutlich
nach Jena!«
»Und warum nicht nach Leipzig oder Waterloo?« fragte Bismarck dagegen,
und de Moustier war durch diese Antwort so gekränkt, daß er sich beim
König – jedoch ohne Erfolg – beschwerte.
Bismarck war einmal nicht der Mann, der seiner Würde, noch weniger aber
der Würde seines Staates etwas vergab.
Der Krimkrieg war zu Ende, und in Paris fanden sich die Vertreter der
Mächte ein, um über den Frieden zu verhandeln. Damals reiste auch der
Minister Graf Buol über Frankfurt dahin und hielt sich kurze Zeit in
letzterer Stadt auf. Da beeilten sich denn die meisten der deutschen
Bundesgesandten, ihm einen Beweis ihrer Ergebenheit zu geben, und
ließen sich durch den Graf Rechberg, welcher indes an Graf Thuns Stelle
getreten war, anfragen, wann sie ihre offiziellen Besuche machen
könnten. Aber der Herr Minister, ermüdet von der Reise, lehnte solche
Besuche ab, bestimmte jedoch eine Stunde, in welcher er für die Herren
in seiner Wohnung zu einer vertraulichen Besprechung anzutreffen sei.
Diese Mitteilung war auch Bismarck, trotzdem derselbe nicht angefragt
hatte, zugegangen. Er ließ dem Grafen Rechberg wissen, daß er durchaus
gar nicht die Absicht habe, die wertvolle Zeit des Grafen Buol in
Anspruch zu nehmen, und während die anderen Gesandten im Vorzimmer der
österreichischen Exzellenz warteten, bis es derselben genehm war, sich
von ihnen respektvoll begrüßen zu lassen, wartete Bismarck, ob nicht
Graf Buol zu ihm kommen werde.
Und derselbe kam trotz seiner »Ermüdung«.
Auch die Unterdrückung Schleswig-Holsteins durch die Dänen war eine
Angelegenheit, welche den Bundestag viel beschäftigte, ohne daß eine
Einigung zu erzielen war. Preußen hatte den besten Willen, zu helfen,
aber die Eifersucht Österreichs, die Zwietracht der anderen Mächte
banden ihm die Hände.
Trotzdem wußte Bismarck auch hier einiges zu erreichen, und vor allem
zu erlangen, daß Dänemark für den Herzog von Schleswig-Holstein eine
entsprechende Abfindungssumme entrichte.
In der schleswig-holsteinischen Sache war er übrigens selbst in
Kopenhagen gewesen. Im August 1857 war er aufgebrochen, seine Familie
hatte er nach Reinfeld gebracht, wo sie in ländlichem Behagen sich
freuen und erholen konnte, und in der dänischen Hauptstadt fand er eine
durchaus höfliche Aufnahme.
[Illustration: ~Eis. Kanzler III~
Napoleon und Bismarck in Biarritz.]
Hier war ihm alles fremd und neu, und so ließ er sich gern veranlassen
zu Ausflügen, welche den Reiz der nordischen Gegenden vor ihm
entrollten und überdies eigenartige neue Jagdvergnügen boten. Diese
Ausflüge erstreckten sich bis nach Schweden, wo er bis Tomsjonäs in
Smaland vordrang. Fremdseltsam mutete ihn die Gegend an mit ihren
weiten, wüsten Strecken, wo bald zwischen Sumpf und Moor dichtes
Gestrüpp und Unterholz wuchert, bald über grauverwittertes Gestein und
zwischen felsigen Ufern schäumende Bergwasser hinwegrauschen, bald, von
Waldesgrün umsäumt, große, dunkle Seen im Sonnenscheine träumen – wo
die Menschheit zu fehlen scheint in der großen Szenerie der Natur, die
wie im Sonntagsgewande ihrer Schöpfung ruht und mit tiefer Stille den
Jäger umfängt.
Manch jagdbares Getier verfiel seiner sicheren Büchse, und das Jagen
war nicht immer gefahrlos. So stand dem Jäger auf einer seiner Fahrten
plötzlich ein unbehaglicher Gesell gegenüber, ein braunes Ungeheuer,
das wie aus dem Boden gewachsen schien, ein Bär, der die zornigen Augen
gegen ihn wandte und nicht freundlich ihn anbrummte. Da galt kein
langes Überlegen. Auf sechs Schritte Entfernung gab der mutige Schütze
Feuer, und das Tier brach zusammen. Aber »Meister Petz« war zäh; er
begann sich noch einmal, jetzt zur Wut entfacht, zu erheben, doch
Bismarck lud schnell und ohne merkliche Bewegung seine Waffe, und als
das Tier sich nun erhob, traf es die zweite Kugel und streckte es tot
nieder.
An Körper und Geist erfrischt, die Seele erfüllt von neuen Bildern, kam
Bismarck nach Frankfurt zurück, froh, mit seinen Lieben wieder vereint
zu sein, die er sich manchmal zur Seite gewünscht hatte in einem
kleinen, stillen, freundlichen Landhause an einem der Nordlandsseen. –
Da brachte der Herbst wiederum Trübes. König Friedrich Wilhelm IV. war
infolge eines Schlaganfalles erkrankt und hatte die Stellvertretung in
der Regierung seinem Bruder, dem Prinzen Wilhelm, übertragen. Es war
eine bange Zeit für die preußischen Herzen, die bei aller Verehrung
für den Prinzen doch den Schmerz empfanden, der in dem königlichen
Hause lebte.
So ging wieder ein Jahr vorüber, und der politische Himmel schien
sich von neuem zu bewölken; zwischen Österreich und Italien begann
eine Spannung, welche für den Einsichtigen, zumal bei dem Ehrgeiz des
dritten Napoleon eine Einmischung Frankreichs zu befürchten war, eine
drohende Kriegsgefahr barg. Im Oktober 1858 übertrug der unheilbar
kranke König seinem Bruder die Regierung gänzlich, und der Prinzregent
schien der preußischen Politik eine andere Richtung geben zu wollen,
indem er ein neues Ministerium berief, auf welches er wie sein Volk
große Hoffnungen zu setzen geneigt waren.
Auch an Bismarck war anfangs dabei gedacht worden, aber seine Zeit
war noch nicht gekommen. Er wußte sich, trotz der Verstimmung seiner
Angehörigen, zu trösten, und tat auch angesichts der augenblicklichen
Situation das, was ihm das Richtige schien. Der Bundestag war in
Aufregung, mittel- und süddeutsche Staaten drängten zum Kriege gegen
Italien und Frankreich und zur Bundesgenossenschaft mit Österreich.
Eine solche unbedingte Heeresfolge ging dem preußischen Diplomaten
gegen seine Überzeugung. Dieselbe hatte er schon vorher unumwunden in
einer Denkschrift an seine Regierung ausgesprochen, in welcher er eine
selbständige preußische Politik dringendst empfahl und verlangte, daß
Preußen als der größte deutsche Staat an die ihm gebührende Stelle
in Deutschland treten müsse, selbst, wenn es darüber zum Bruche mit
Österreich komme.
Und als jetzt der Krieg sozusagen in der Luft schwebte, sahen die
übrigen deutschen Gesandten zu ihrem Erstaunen, ja Entsetzen, auf der
»Zeile« Bismarck Arm in Arm mit dem Gesandten Italiens, dem Grafen
Barral, einherschreiten.
In Berlin aber war man noch nicht geneigt, mit Österreich geradezu zu
brechen, und so erhielt der preußische Bundestagsgesandte an einem
schönen Februartage seine Ernennung zum Gesandten in Petersburg.
Erfreut war er über die Mitteilung nicht, er hatte die Empfindung,
daß man ihn »kaltgestellt« habe, aber der Prinzregent selbst gab ihm
die Versicherung, daß diese Versetzung ein Beweis ganz besonderen
Vertrauens sei – und der Mann der Pflicht tat seine Schuldigkeit.
Siebentes Kapitel.
An der Newa und der Seine.
An einem wenig freundlichen Märztage des Jahres 1859 fuhr frühmorgens
ein hochbeladener Postwagen, mit acht Pferden bespannt, zu dem Tore von
Königsberg hinaus. Auf dem Außensitze saß Otto von Bismarck und schaute
in den dämmerigen Morgen, der ihn aus Deutschland entführte nach den
Ufern der Newa.
Eine behagliche Fahrt war es eben nicht.
In den Steppen Rußlands lag noch tiefer Schnee, und mühsam arbeiteten
sich die Pferde fort, so daß der Gesandte es manchmal vorzog, neben dem
Wagen herzuschreiten, zumal das den frosterstarrten Gliedern guttat.
Bergab war es am schlimmsten; die Pferde glitten auf den glatten
Wegen aus und kamen wiederholt zum Stürzen, und in einer Stunde war
man einmal etwa 20 Schritte vorwärts gekommen. Dazu keine Nachtpost.
Durch das unbehagliche Dunkel leuchteten nur mit müdem Scheine die
Wagenlaternen, ein eisiger Wind blies über die Steppen und wehte den
feinen, beißenden Schneestaub dem Reisenden in das Gesicht, der auf
seinem freien Sitze auch gar nicht daran denken konnte, zu schlafen.
Es war eine Wohltat, das letzte Stück des Weges im Eisenbahnwagen
zurücklegen zu können.
Nach sechs Tagen traf er in Petersburg ein. In den winterlichen weißen
Hermelin gehüllt, lag die russische Kaiserstadt, und ihre Pulsader,
die Newa, flutete noch unter der Eisdecke dahin. Durch die prächtigen
Straßen fuhr Bismarck nach dem Hotel Demidoff, wo er fürs erste sein
Quartier nahm.
So verlebte er diesmal seinen Geburtstag fern von der deutschen
Heimat und den lieben Seinen, aber er war doch nicht ohne
Bedeutung; er überreichte an demselben dem Zaren Alexander II. sein
Beglaubigungsschreiben. Um die Mittagszeit war das reich vergoldete
Gefährt mit dem kaiserlichen Wappen vorgefahren, das den Gesandten nach
dem Winterpalais brachte. Durch die entlaubten Lindenalleen ging es
pfeilschnell hin, vorüber an dem Prachtbau der Admiralität, von dessen
Turme sich der herrlichste Blick über die Zarenstadt bietet, über
den Paradeplatz hinweg und dann hinein durch das Tor in den Hof des
Palastes.
Der Empfang ließ an Feierlichkeit und würdigem Zeremoniell nichts
zu wünschen, aber er hatte auch beinahe den Anstrich einer gewissen
Herzlichkeit. Der Kaiser empfing den preußischen Gesandten herablassend
liebenswürdig und schien an dessen feinem und offenem Wesen von der
ersten Stunde an Gefallen zu finden.
Auch sonst hatte Bismarck nicht über Mangel an freundlichem
Entgegenkommen zu klagen. Wie einst die Großfürstin Helene, die
geistvolle Witwe des Großfürsten Michael Pawlowitsch, eine geborene
Prinzessin von Württemberg, sich in seinem gastlichen Hause in
Frankfurt wohl befunden hatte, so vergalt sie ihm jetzt diese
Gastfreundschaft in liebenswürdigster Weise in Petersburg. Manch
schöner Abend wurde bei ihr verlebt, gemeinsam mit bedeutenden und
angesehenen Persönlichkeiten; besonderes Interesse aber erregte es,
wenn man mit Bismarck in intimem Gespräche in irgendeiner Fensternische
einen kleinen, grauhaarigen Herrn mit dem glattrasierten Gesichte und
den klugen Augen, die hinter glitzernden Brillengläsern hervorsahen,
erblickte. Das war der russische Kanzler, Fürst Gortschakoff.
Die Freundschaft der beiden war nicht neu, sie datierte schon aus
Frankfurt, wo der Fürst Gesandter seiner Regierung beim Bundestage
gewesen war, und sie wurde hier mit einer gewissen Herzlichkeit
erneuert.
Endlich kam auch für Petersburg der Frühling. Die Kanonenschüsse,
welche eines Tags von der Festung aus donnerten, verkündeten der
freudig aufatmenden Residenz, daß die Newa die starre Eisdecke
zerbrochen habe und ihr glänzender Wasserspiegel mindestens auf eine
Bootsbreite zutage getreten sei, und jedes Kind in Petersburg wußte
es, daß zu dieser Stunde der Kommandant der Festung im Paradeanzug,
und von seinen Offizieren begleitet, in eine reichgeschmückte Gondel
steige, in einem goldenen Becher Wasser aus dem Strome schöpfe und dann
hinüberfahre nach dem Winterpalais, um es dem Kaiser zu überbringen.
Tausende von Menschen strömten zusammen und füllten den Platz, während
der mächtige Herrscher oben den Becher empfing und auf das Wohl seiner
Residenz leerte. So war es alter Brauch, und der Kommandant erhielt
demselben gemäß zweihundert Dukaten.
Nun begann der Lenz auch die Ufer des Flusses zu schmücken, und
die Straßen der Stadt wurden lebendiger, zumal der glänzende
Newski-Prospekt. An der Umgebung der Residenz aber fand Bismarck
kein besonderes Gefallen. Nach Süden zu hatte die Kunst der Natur
einigermaßen nachgeholfen, nach den übrigen Seiten hin war noch viel
einförmiger Wald und Wildnis.