»Neigung? – Nein! Aber wenn ich gewählt werde, werde ich gehen, um auch

dort Preußens Rechte zu vertreten. – Aber nun, Freunde – politisch

Lied, ein garstig Lied! Laßt uns etwas anderes reden. Wißt ihr auch,

daß ich unter die Poeten gegangen bin?«

Ein allgemeines »Ah!« dann wurde eine Stimme laut, – es war die

_Savignys_ – welche Proben verlangte.

»Eine Probe soll euch werden, aber ich bitte um nachsichtige

Beurteilung, damit ich mit meinem ~gradus ad parnassum~ nicht

eingeschüchtert werde. Zuerst aber sollt ihr sehen, was mich begeistert

hat, und ich hoffe auf eure Anerkennung.«

Er holte aus einem Schranke eine ziemlich umfangreiche braunfarbige

Kaffeetasse und stellte sie vor die Freunde hin.

»Na, ist das nicht ein stattliches Objekt für eine Poetenleier?«

»Aber nun auch die Verse dazu!« rief _André_.

»Eins nach dem anderen. Zunächst müßt ihr wissen, daß dieser praktische

Haushaltungsgegenstand zu einem Geburtstagsgeschenk bestimmt ist für

unseren hagestolzen alten Freund Kleist-Retzow. Und nun das Poem!«

Er las, behaglich sich in seinem Sitze zurücklehnend, mit komischem

Pathos:

»Nicht ganz so schwarz wie Ebenholz,

Doch braun wie Mahagonig,

Wünsch’ ich dir, aller Pommern Stolz,

Ein Leben süß wie Honig.

Wenn Wenzel[1] dich gelangweilt hat,

Schwerin[1] den Zorn erregt in dir,

Wenn übel dir vom Beckerrath,[1]

Dann, Hans, erhole dich bei mir!

Wenn dann der Kaffee dir behagt

Und du, um streng dich zu kastei’n,

Die zweite Tasse dir versagt,

Dann, Hans, laß mich die erste sein!

Und schein’ ich dir zu groß und weit

Für ein so kleines Landrätlein,

So denk: Es ist die höchste Zeit,

Dir eine Gattin anzufrei’n.

Ihr trinkt aus mir dann alle beide

Kaffee, Schok’lade oder Thee

Zu Tante Adelgundens Freude

Zu Kiekow auf dem Kanapee.

Geliebter Onkel Schievelbein,

Schaff’ bald uns eine Tante,

Dann wirst du alles hocherfreu’n,

Was jemals Hans dich nannte.«

[1] Namen von Abgeordneten.

Fröhliches Lachen lohnte den Vortrag, und die Geister des Humors

begannen in dem gemütlichen Raume jetzt ihre Flügel freier zu regen.

Noch im selben Winter kam ein Weihnachtskind in der Dorotheenstraße 37

an, ein kleiner Junker von Bismarck, der am 28. Dezember erschien und

am 12. Februar 1850 durch den Prediger Gaßner auf die Namen Nikolaus

Heinrich Ferdinand _Herbert_ getauft wurde. Die Freude war groß, da es

jetzt ein mit dem am 21. August 1848 geborenen Töchterchen _Marie_ ein

prächtiges Pärchen gab, an dessen frischem Gedeihen und munterem Wesen

die Eltern ihre herzliche Freude hatten.

Bei solchem Familienglück war es Bismarck nicht besonders erfreulich,

im kommenden Frühjahr nach Erfurt zu gehen, wohin er wirklich in das

Unions-Parlament gewählt war. Auch hier vertrat er seinen absolut

preußischen Standpunkt und war froh, als der Reichstag am 29. April

geschlossen wurde, nachdem allerdings die vorgelegte Verfassung Annahme

gefunden hatte.

Aber nun erhob sich drohend die österreichische Regierung, verlangte

entschieden die Herstellung des alten deutschen Bundestags, auf welchem

sie den ersten Rang einnahm, und lud sämtliche deutsche Fürsten

zur Beschickung desselben ein. Deutschland stand in zwei starken

Parteien sich gegenüber, die Erregung stieg auf beiden Seiten so weit,

daß in Kurhessen, wo das Volk sich gegen den Druck des Ministers

Hassenpflug auf das entschiedenste wehrte, es zwischen ihnen beinahe

zu einem blutigen Zusammenstoß gekommen wäre. Friedrich Wilhelm IV.,

eingeschüchtert durch das Dazwischentreten und die Drohungen des

russischen Kaisers Nikolaus, fürchtete jedoch einen entscheidenden

Schritt und gab in der Angelegenheit nach. Es kam der Tag von Olmütz

(29. November 1850), der in der preußischen Geschichte kein Ruhmesblatt

bedeutet, an welchem der Minister von Manteuffel dem österreichischen

Minister Schwarzenberg gegenüber die Auflösung der »Union« und die

Beteiligung Preußens an dem wiederhergestellten Bundestage zugestand

nebst einigem anderen, was drum- und dranhing.

Inzwischen hatte Bismarck im Sommer sein liebes, stilles Schönhausen

aufgesucht und mit Frau Johanna und seinem kleinen munteren

Pärchen sich der Ruhe und Muße hingegeben, welche ihm nach den

parlamentarischen Kämpfen ungemein wohltat.

Aber die Idylle fand eine kleine Unterbrechung.

Ein andauerndes Unwohlsein des Töchterchens machte einen Aufenthalt an

der See notwendig, und so ungern Bismarck sich aus dem Behagen seines

Landsitzes herausriß, der Rat des Arztes, das zärtliche Drängen seiner

Gemahlin bewogen ihn zuletzt doch, auf einige Wochen nach Stolpmünde zu

gehen.

Dann kamen wieder der Berliner Ärger und die Kammerverhandlungen den

Winter durch bis hinein in das Jahr 1851.

Um die Osterzeit desselben brach er aber auf aus der Residenz, um auf

einige Wochen zu seinen Schwiegereltern zu gehen nach Reinfeld in

Pommern. Die behagliche stille Häuslichkeit hier tat ihm wohl. Herr

von Puttkamer mit dem Samtkäppchen auf dem greisen Haupte waltete hier

wie ein guter Patriarch in Ehrbarkeit und Frömmigkeit, und von ihm und

seiner trefflichen Frau ging es wie ein stiller Segen aus durch das

ganze Haus. Das war ein Ort, so recht zu kurzdauernder Erholung, aber

Bismarck sollte auch hier nicht finden, was er suchte.

Eines Tages saß er mit seinem Schwiegervater beisammen und sprach von

der Wirtschaft und den Pferden und Hunden, als die Post gebracht wurde.

Ein Schreiben mit dem Siegel des Ministerpräsidenten von Manteuffel

fiel ihm in die Hand, und er betrachtete es einige Sekunden mit beinahe

bedenklichen Blicken. Dann öffnete er es, las flüchtig, lehnte sich mit

einem tiefen Atemzuge in seinen Sitz, und seine Hand mit dem Briefe

sank schwer auf den Tisch.

»Nach Frankfurt soll ich zum Bundestage als preußischer Gesandter, –

der Minister fragt, ob ich will.«

Herr von Puttkamer neigte sich in Erregung gegen ihn vor.

»Ja, besorgt das nicht der General von Rochow? Was bedeutet das?«

»Rochow soll, wie ich schon früher munkeln hörte, als Gesandter nach

Petersburg zurückgehen. – Aber das kommt mir so unerwartet, daß mir’s

doch ein wenig in die Glieder schlägt. Das ist weder ein besonders

angenehmer, noch besonders leichter Posten.«

»Nein, gewiß nicht,« sagte der alte Herr, »da wird einer gebraucht,

der diplomatisches Geschick und Festigkeit zugleich hat, um mit den

Beziehungen zwischen Österreich und Preußen fertig zu werden, ohne daß

auf der einen Seite gereizt, auf der anderen etwas vergeben wird. Der

Antrag will recht wohl erwogen sein!«

»Klar genug sehe ich die Verhältnisse,« sprach Bismarck lebhaft,

– »Österreich hat es darauf abgesehen, Preußen kleinzukriegen und

womöglich wegzuwischen aus der Reihe der maßgebenden Mächte. Da

heißt’s die Augen offen und den Nacken steif halten. Die Sache wird

mir verlockend. Wenn mein König dafür hält, daß ich für den Posten

brauchbar bin, werde ich ihm meine schwache Kraft nicht versagen.«

»Aber Otto, fehlt dir gerade für diese Stellung – du hast gewiegte

Staatsmänner dort – nicht die nötige diplomatische Erfahrung?«

»Erfahrungen müssen _gemacht_ werden. Papa – und übertölpeln lasse ich

mich doch nicht so leicht. Mit Patriotismus und Energie und mit etwas

natürlicher Klugheit läßt sich schon etwas wagen. Zudem weißt du ja,

daß schwierige Aufgaben und harte Nüsse meine Spezialität sind. Das

habe ich auch einmal einem gewissen Herrn von Puttkamer bewiesen, der

mir seine Tochter nicht zur Frau geben wollte.«

Der alte Herr lächelte:

»Na ja, einen festen Kopf hast du, und er sitzt auch, wie das Herz, auf

dem rechten Flecke. Tue, was du für recht hältst, und wozu dich dein

Empfinden als Mann und Untertan treibt.«

Und so schrieb Bismarck an den Minister von Manteuffel, daß er nach

Potsdam kommen und sich Seiner Majestät allergehorsamst zur Verfügung

stellen werde.

In dem Lustschlosse des großen Friedrich, dem herrlichen, grünumlaubten

Sanssouci, stellte er sich dem König vor. Friedrich Wilhelm IV.

betrachtete mit Wohlgefallen den prächtigen, hochgewachsenen Mann

mit den hellen, treuen Augen, den er schon lange um seiner ehrlichen

Geradheit und um seiner altpreußischen Gesinnung hochschätzte, und

sagte:

»Lieber Bismarck, Sie wissen, um was es sich handelt, und ich höre zu

meiner Freude von dem Minister von Manteuffel, daß Sie nicht abgeneigt

sind, Preußen in Frankfurt zu vertreten.«

Einfach und schlicht erwiderte der Angeredete:

»Wenn Eure Majestät es mit mir versuchen wollen, so bin ich bereit

dazu.«

Wieder sah Friedrich Wilhelm den Mann groß und beinahe mit Verwunderung

an.

»Aber Frankfurt ist ein schlechter Boden; und es läßt sich nicht

hehlen, daß gerade Preußen darauf nicht den besten Stand hat; ich

bewundere eigentlich Ihren Mut.«

Da erwiderte Bismarck:

»Eure Majestät bekunden durch meine Ernennung einen noch größeren Mut.

Wenn Allerhöchstdieselben mich zu dem Amte zu berufen geruhen, so hoffe

ich, daß mir Gott die Kraft geben wird, es auszufüllen. Eure Majestät

können es ja mit mir versuchen; geht es nicht, so ist’s ja leicht, mich

wieder nach Hause zu rufen.«

Das klang so fest und doch so schlicht und gerade, daß der König

beinahe ergriffen von der Antwort war und erwiderte:

»Dann versuchen Sie es mit Gott!«

Sechstes Kapitel.

Der Bundestagsgesandte.

Im alten Frankfurt a. M. liegt in der Bockenheimer Landstraße eine

freundliche Villa; inmitten grüner Gartenanlagen erhebt sich der

geschmackvolle Bau, in welchem auch der Reichsverweser Erzherzog

Johann von Österreich gewohnt hatte. Im Sommer des Jahres 1851 hatte

hier der preußische Bundestagsgesandte Otto von Bismarck seinen Sitz

aufgeschlagen und sein ganzes Familienglück mit hereingebracht in das

freundliche Haus.

Die Sonne blinkte noch in die Tautropfen im Grase, und eine wohlige

Kühle wehte von Baum und Strauch her, als er, von einem Morgenritte

heimgekehrt, durch den Garten schritt, um einen lieben Besuch

aufzufinden, den ihm das Geschick gestern in sein Haus geweht, und der

nach Aussage des Dieners auch bereits im Freien war. Auf einem sonnigen

Plätzchen traf er ihn und grüßte ihn mit Herzlichkeit.

»Guten Morgen, lieber Motley, Sie sind also auch ein Frühaufsteher!«

»Die Sonne und die Vögel locken, und hier läßt sich so gut träumen.«

»Wovon träumen Sie denn, wenn’s erlaubt ist zu fragen?«

Damit setzte sich Bismarck neben den Engländer, und dieser erwiderte

lächelnd:

»Ich habe die Vergangenheit ein wenig Revue passieren lassen. Da

tauchten mir die Göttinger Tage wieder auf, die wir zusammen verlebten,

und ich sah Sie wieder als den flotten Burschen, der in der Kneipe

und auf dem Paukboden mehr zu finden war als in den Kollegien, und

dann dachte ich wieder an unsere Berliner Zeit, an die Stunden, da

Kaiserlingk uns Beethovensche Sonaten spielte, und nun finde ich

Sie in glücklichster Häuslichkeit und zugleich als hervorragenden

Diplomaten. Verwunderlich ist mir’s just nicht, denn daß Sie aus dem

Holze geschnitzt sind, aus welchem man Männer macht, die schlechthin

alles fertigbringen, was sie wollen, ist mir schon in früherer Zeit

klargeworden, und Frankfurt ist wohl auch der Boden, wo Sie Gelegenheit

haben, Kräfte zu zeigen.«

»Sauer gemacht wird einem mitunter das Leben, aber unterkriegen

sollen sie mich nicht so leicht. Sie wissen ja, wie die Dinge liegen.

Österreich spielt hier die erste Geige, und die anderen hören in

stummer Bewunderung zu und klatschen Beifall. Das ist nun meine Sache

nicht, besonders wenn meine eigene Fiedel auf einen anderen Ton,

auf den preußischen, gestimmt ist. Sie glauben gar nicht, welche

Demütigungen man mitunter Preußen zumutet, oft bis ins Kleinliche

hinein. Aber ich werde dem einen Damm stecken.«

»Woran liegt das aber?«

Bismarck zuckte die Achseln.

»Von Wien weht keine gute Luft her. Der Minister Schwarzenberg hat

rundheraus erklärt, daß er Preußen erst erniedrigen und dann vernichten

will. Und der Bundestagspräsident, Graf Thun, im ganzen ein recht

genießbarer Herr, muß diesen völkerfreundlichen Absichten Rechenschaft

tragen. Da lobe ich mir noch den alten Fürsten Metternich, den

ehemaligen berühmten österreichischen Staatslenker, welchen ich jüngst

auf seinem Schloß Johannisberg am Rhein besuchte, der war doch nicht

gar so preußenfeindlich.«

»Von diesem Besuche habe ich gehört, und der alte Herr, dem sonst

nicht jeder paßt, soll ganz entzückt von Ihnen gewesen sein.«

»Ja, das ist einfach zu erklären: Ich habe seine Geschichten ruhig

angehört und nur manchmal die Glocke angezogen, daß sie weiterklang.

Das hat dem redseligen alten Herrn gefallen. Na, ich denke auch

Schwarzenberg mit der Zeit noch einige Achtung abzunötigen. Den

Anfang habe ich schon mit dem und jenem gemacht. Da hatte Österreich

einen Ausschuß – natürlich ohne Zuziehung Preußens – eingesetzt, der

über die Sitzungsprotokolle und deren eventuelle Veröffentlichung

beraten sollte. Freilich wäre Preußen bei den Publikationen schlecht

weggekommen. Da bin ich den Herren in die Parade gefahren, und die

Sache ist seitdem unterblieben. Und solche Geschichten könnte ich Ihnen

noch manche erzählen; aber nun kommen Sie, meine Frau wird mit dem

Frühstück warten, und nach demselben müssen Sie mich entschuldigen: Ich

habe eine Sitzung im Militärausschuß!«

Er faßte den Freund unter dem Arm und führte ihn nach dem Hause, wo

Frau Johanna anmutig und freundlich wie ein Frühlingsmorgen die Herren

begrüßte, und wo Bismarck erst noch einmal nach seinen Kindern sah

und sie fröhlich in die Luft hob, ehe er sich zu Tische setzte. Hier

war er ganz glücklicher Gatte und Vater, ganz von fröhlichem Humor

übersprudelnder Gastfreund.

Ernster sah er drein, als er nicht lange danach an dem grünen Tische

saß im Parterre des Taxisschen Palais. Auch hier winkten die grünen

Bäume herein zu den Fenstern, aber in dem Raume herrschte eine etwas

dumpfe Luft, und der Verkehr der anwesenden Herren war ziemlich

gemessen und formell.

Sie saßen in ihren Sesseln, genau nach der Rangordnung, die Vertreter

der fünf deutschen Königreiche und des Großherzogtums Hessen. Der

Präsidialsitz war noch unbesetzt, aber auch Graf Thun ließ nicht

lange auf sich warten. Er kam mit elastischen Schritten, so daß er

im ersten Augenblicke wohl für einen lebenslustigen aristokratischen

Herrn, aber nicht für einen Diplomaten hätte angesehen werden können,

blies vergnüglich den Rauch seiner Havannazigarre von sich, grüßte

liebenswürdig herablassend die Herren »Kollegen« und setzte sich dann

an seinen Platz oben an dem Tische.

Daß Graf Thun rauchte, und zwar _allein_ rauchte, während kein

anderer der Herren es wagte, dies Präsidialvorrecht ihm streitig

zu machen, hatte Bismarck bereits früher mit Mißbehagen gesehen.

Diesmal schien sich der Vorsitzende mit ganz besonderem Vergnügen dem

Genuß hinzugeben; die bläulichen Wölkchen zogen an dem Gesichte des

preußischen Gesandten hin, der feine Duft hatte etwas Verlockendes; und

da diesem nicht einleuchtete, weshalb Preußen hier am grünen Tische

nicht tun sollte, was Österreich sich erlaubte, zog er mit feinem

Lächeln sein Zigarrenetui hervor, bat sich von Graf Thun etwas Feuer

aus, und gleich darauf blies auch er die blauen Ringe in die Luft,

gleichmütig, behaglich, als ob sich das just so gehörte, während die

anderen Herren verwundert, ja, beinahe verblüfft schienen über den an

sich so unbedeutenden Vorgang.

Daheim erzählt Bismarck die Geschichte und fügte lächelnd bei:

»Es soll mich gar nicht wundern, wenn nächstens auch Bayern raucht,

und da keiner dem anderen etwas vergeben möchte, weil das als eine

Zurücksetzung seines Staates gelten könnte, wird auch Herr von Nostiz

(Sachsen) und Herr von Bothmer (Hannover) bald nachfolgen, und selbst

die Herren von Reinhard (Württemberg) und von Münch-Bellinghausen

(Hessen) werden ihre Aversion gegen das Rauchen trotz aller

unbehaglichen Folgen aufgeben. So kommt’s bei allem immer nur auf den

richtigen Anfang an!«

Die Folgezeit lehrte, daß er bezüglich des Rauchens recht hatte.

Nun widmete er sich wieder seinem lieben Gaste Motley, der in dieser

prächtigen Häuslichkeit sich einige Tage wohl und wie daheim fühlte.

Was waren das für den geistvollen Engländer für herrliche Tage und für

genußreiche Abende!

Das Wetter hatte nicht erlaubt, einen derselben im Garten zuzubringen;

so war man zuerst im Speisezimmer gewesen, wo man durch die Fenster

hinaussah auf die Bäume des Gartens, und genoß in vergnügter

Zwangslosigkeit, was die Gastlichkeit des Hauses, die Liebenswürdigkeit

der freundlichen Wirte bot.

Dann ging es nach dem anstoßenden freundlichen Saale. Außer Motley

war noch der treffliche Maler Jakob Becker mit seiner Familie des

Abends gekommen, und so saß ein Kreis guter, fröhlicher Menschen in

dem traulichen Raume beisammen. Die Herren rauchten, und der Duft der

feinen Havannas wirbelte empor, indes der geistvolle Hausherr in seiner

gemütlichen Weise scherzte:

»Sehen Sie, lieber Motley – das ist doch eine andere Tafelrunde als

die zwar achtenswerte, aber doch wenig unterhaltende im Taxisschen

Palais, wo in mir wirklich manchmal im Gefühle gähnender Unschuld die

Stimmung gänzlicher Wurschtigkeit vorherrschend wird. Ich bemühe mich

zunächst nur, und, wie es scheint, nicht ganz erfolglos, den Bund zum

Bewußtsein des durchbohrenden Gefühls seines Nichts zu bringen. Hier

aber sitze ich ohne jede andere Absicht, als mir Herz und Seele wieder

zu erfrischen im Umgang mit lieben Freunden. Und in der Hauptsache

kommen nur solche. Thun sieht in seinem Hause alles, was mit Österreich

sympathisiert, in den Kreisen des Hochadels – ich liebe mir hier den

Adel vom Schlage unseres braven Becker. Wie köstlich ist das erst im

Winter, wenn ich hier am Kamine sitzen und mit der Feuerzange in der

Glut herumstochern kann, während der Wind vor den Fenstern saust, wenn

Freund Becker oder sonst einer etwas erzählt von seinen Künstlerfahrten

und seinem Schaffen, und dann eine kunstfertige Hand in die Tasten

greift … ach bitte, Fräulein Becker, machen Sie uns die Freude!«

Die Angeredete erhob sich ohne Ziererei und setzte sich an das

Instrument. Die Töne rollten perlengleich unter den schlanken Fingern

hervor, und behaglich zurückgelehnt in seinen Sitz lauschte der

Hausherr, bis sie leise verhallend ausklangen.

»Das sind die guten Geisterchen, die dem geplagten Diplomaten manchmal

das Gleichgewicht wiedergeben helfen!« sagte er lächelnd.

»Der Himmel schenke Ihnen und Ihrem Hause recht viele gute Geister!«

erwiderte Motley.

»Na, einige ganz herzige und herrliche liegen da drüben in ihrem

Bettchen!« sprach der Maler.

»Da mögen Sie recht haben, lieber Becker,« bemerkte der Hausherr; »es

sind zwar Geisterchen mit Fleisch und Bein, aber die richtige Wirkung

tun sie doch!«

So ging der Abend hin, und als es ganz still im Hause geworden war, da

leuchtete der Lampenschimmer aus Bismarcks Arbeitsgemach hinaus in die

Nacht. Und Stunde um Stunde verging. Lange diktierte er seinem Sekretär

an den Berichten, die nach Berlin abgehen mußten, und die eine Fülle

von scharfen Beobachtungen und von klarer Einsicht in die politischen

Verhältnisse bekundeten. Dann entließ er den Beamten, setzte sich

selbst an den Tisch und schrieb noch einige wichtige Briefe, und als er

endlich zum Siegeln gekommen war, tagte bereits der Sommermorgen und

warf seinen erwachenden Schimmer in den Raum.

Nun erst legte er sich angekleidet auf sein Sofa. Gleich darauf schlief

er, tief, ruhig, aber kaum zwei bis drei Stunden. Der Sommermorgen

weckte, und der Sonnenschein lockte hinaus. Wohl waren ihm die Glieder

steif von dem nicht ganz bequemen Lager, und er fühlte eine Schwere und

Abspannung, aber er war der Mann der Kraft und der Selbstbeherrschung.

Er ließ sich sein Pferd satteln, und während die vornehme Welt

Frankfurts noch im Morgenschlummer träumte, ritt er die Bockenheimer

Landstraße hinaus, am Zoologischen Garten vorüber und in die lachende

Landschaft hinein, und da und dort blieben wohl zwei oder drei stehen

und sahen ihm nach, und einer sagte:

»Das ist der preußische Bundesgesandte – soll ein schneidiger Mann

sein!«

Motley war wieder abgereist, aber in Bismarcks gastliches Haus kamen

immer neue Besucher, und alle fühlten sich hier wohl und ungemein

angeheimelt von dem herzlichen und zwanglosen Ton, welcher hier

herrschte.

Da ließ sich eines Tages ein besonders erlauchter Gast melden,

Prinz Wilhelm von Preußen. Er war schon vordem gelegentlich einer

Truppeninspektion in Frankfurt gewesen und auf dem Bahnhofe bei seiner

Ankunft war ihm Bismarck vorgestellt worden, der in seiner Uniform als

Landwehrleutnant mit der Lebensrettungsmedaille auf der Brust dem hohen

Herrn besonders auffiel, so daß er nochmals dem General von Rochow

gegenüber seine Bedenken äußerte über die Wahl des Landwehrleutnants

Bismarck zu einem so wichtigen Posten. Aber im Gespräch mit diesem

überzeugte er sich selbst bald genug, daß der preußische Diplomat trotz

seiner verhältnismäßig jungen Jahre ein klarblickender und energischer

Mann und ein sehr warm fühlender Patriot sei.

Als er nun diesmal nach Frankfurt gekommen war, erbat sich der Baron

Rothschild eine Audienz und ersuchte, ihm die Ehre zu erweisen und bei

ihm zu speisen. Der Prinz erwiderte lächelnd, daß er sich bei Bismarck

bereits eingeladen habe, und als der Baron trotzdem in ihn drang, legte

er es ihm nahe, sich mit dem Bundesgesandten darüber abzufinden.

Rothschild fuhr in der Bockenheimer Landstraße 40 (jetzt 140) vor. Er

traf Bismarck daheim und trug ihm sein Anliegen vor, ihm den hohen Gast

zu überlassen.

»Es tut mir leid, mein verehrter Baron, Ihnen nicht dienen zu können,

aber abgesehen von der Ehre, welche ich damit meinem Hause entziehen

würde, ist mir jede Stunde wertvoll, welche ich in der Nähe des Prinzen

meines Königshauses zubringen kann.«

»Aber Exzellenz würden mich außerordentlich beglücken, wenn Sie

gleichfalls in meinem Hause und an meinem Tische erscheinen wollten.«

»Besten Dank, mein Herr Baron, aber ich muß schon auf meinem Schein

bestehen und auf meinem Vorrechte beharren.«

»Dann wollen Exzellenz mir mindestens gestatten, daß meine Speisen auf

Ihrer Tafel serviert werden, so daß wir uns in die Ehre, den hohen Gast

zu bewirten, teilen.«

»Ich kann Ihnen leider auch darin nicht entgegenkommen. Es

würde mindestens sehr verwunderlich sein, wenn der preußische

Bundestagsgesandte bei Bewirtung eines preußischen Prinzen nichts

weiter als den Tisch hergeben würde. Außerdem aber bin ich ein Gegner

jeder Halbheit – also verzeihen Sie, Herr Baron –«. Rothschild

erkannte, daß er den anderen nicht umstimmen würde, und leistete

seufzend Verzicht, der Prinz aber speiste an dem gastlichen Tische

Bismarcks und fand auch hier immer neues Wohlgefallen an dem prächtigen

Manne.

Dieser aber arbeitete unverdrossen und kraftvoll weiter in der Wahrung

der Interessen seines Staates. Dabei machte er aber bald genug die

Wahrnehmung, daß er nicht nur durch die österreichische Botschaft

sehr beobachtet werde, sondern daß man zweifellos auch Briefe von

ihm auffange und öffne. Es ging übrigens den anderen Bundesgesandten

nicht besser. Eines Tages klagte ihm Herr von Bothmer, der Vertreter

Hannovers, daß er begründeten Verdacht habe, daß auf irgendeinem Wege

Graf Thun Kenntnis von dem Inhalt seiner Korrespondenz haben müsse.

Bismarck lächelte und bemerkte, er müsse eben bei Absendung klug zu

Werke gehen.

»Aber was heißt hier klug?« fragte Bothmer.

»Das will ich Ihnen zeigen, wenn Sie ein halb Stündchen Zeit haben; ich

habe just eine Sendung zu expedieren.«

So gingen sie zusammen und bogen aus den belebten Straßen in ein

stilleres Viertel der alten Handelsstadt. In einem engen Gäßchen vor

einem schlichten Krämerladen blieb Bismarck stehen und zog seine

Handschuhe an.

»Hier lassen Sie uns eintreten!« sagte er.

Erstaunt folgte der Hannoveraner. In dem engen Laden roch es

wunderlich, so daß es ganz unmöglich gewesen wäre, diesen Geruch in

seinen Einzelheiten zu analysieren. Ein jugendlicher Verkäufer begrüßte

die beiden Herren und fragte nach ihren Wünschen.

Das Buch vom eisernen Kanzler: Eine Erzählung für Deutschlands Jugend · 第 5 / 17 段