Deichhauptmann ritt hinaus, um in Wetter und Graus seinen Pflichten zu
genügen, und dabei lebte seine Seele in einer freundlichen Zukunft,
wie schön es sein werde, wenn er nach stürmischem Tage heimkommen und
Sturmmütze und Regenmantel ablegen und in das wohnliche Heim eintreten
werde, wo zwei freundliche Augen ihm entgegenleuchten, zarte, liebe
Lippen ihn begrüßen werden. Was kümmerten ihn die Frühlingsschauer
und die rauhen Wettertage! Mitunter trieb es ihn auch zu Fuße hinaus
an den Strand, um zu sehen, ob dem Uferlande keine Gefahr drohe.
So kam er einmal dahergeschritten, mit seinem forschenden Auge die
Deiche prüfend. Eine große, tiefe Lache – die Elbe war über ihre Ufer
getreten – hemmte ihn auf seinem Wege. Er stand einen Augenblick still
in ruhiger Überlegung, da erblickten ihn zwei Bauern, die mit ihren
Angelruten am Ufer standen.
Der eine kam eilig herbei:
»Herr Deichhauptmann, ich trage Ihnen auf dem Rücken hinüber.«
Bismarck lachte: »Lieber Pietsch, das sind 182 Pfund!«
»All’ eins, Herr Deichhauptmann, Ihnen tragen wir alle mit Freuden!«
Dem Edelmann schlug das Herz wärmer bei solchen Worten des schlichten
Mannes aus dem Volke. Das war die ehrliche märkische Art, die Art,
aus welcher die Liebe auch zu König und Vaterland in Not und Gefahr
erwuchs. Er dankte dem Manne herzlich, dann trat er mit seinen hohen
Stiefeln ruhig in die Lache und schritt hindurch. Wenn es der einfache
Bauer konnte, so mußte es auch der Deichhauptmann können. Die Bauern
aber sahen ihm noch ein Weilchen nach, dann sagte der eine:
»Ein ganzer Mann mit dem Herzen auf dem rechten Flecke!«
»Gott erhalt’ ihn!« sprach der andere.
Der Sommer kam, und am 20. Juli ward in Reinfeld ein schönes Fest
gefeiert, das zwei Menschen für ein ganzes reiches Leben verband, wie
sie besser sich nicht finden konnten: Die Kraft und die Anmut, die
Energie und die Milde hatten sich vereint – Otto von Bismarck hatte für
sein Haus »das Herz« gefunden.
Und nun ging es hinein in die lachende Gotteswelt, dem schönen Süden
entgegen. Die Tiroler Alpen und die Schweizer Firnen sahen nieder auf
das glückliche Paar, dem die ganze Welt zu gehören schien, und das sein
Glück widerspiegelte in den dunkeläugigen Bergseen und in der lachenden
Wonne des italienischen Landes.
In der alten Dogenstadt Venedig hielten sie kurze Rast und fuhren
über die in ernstem Schweigen ruhenden Lagunen und des Markusplatzes
historische Pracht, aber das Herz des märkischen Edelmannes schlug
höher, als er vernahm, daß gleichzeitig auch sein König Friedrich
Wilhelm IV. in der alten Stadt der Wunder weile, und er konnte es sich
nicht versagen, ihm seine Ehrerbietung auszudrücken.
Auch der König war erfreut über die Begrüßung, zumal ihm Bismarcks
Name aus seiner jungen politischen Tätigkeit, die er seit kurzem
entwickelte, vorteilhaft bekannt war; er unterhielt sich mit ihm in
seiner lebhaften, geistvollen Art und war sichtlich erfreut über die
ehrliche, schlichte Weise seines Untertans, so daß er ihn zur Tafel
lud. Einen hoffähigen Anzug führte Bismarck freilich nicht auf seiner
Hochzeitsreise mit, und er hatte Not, in Venedig etwas Passendes zu
erhalten, aber das Herz, das unter dem geliehenen Gewande schlug, war
und blieb die Hauptsache.
Begeistert für seinen König noch mehr als zuvor, setzte Bismarck mit
seiner jungen Gattin seine Reise fort, und erst der Herbst lockte ihn
wieder nach der Heimat, in das trauliche Nest, in dem er sein Vöglein
betten wollte.
Die Altmark zeigte dem Heimkehrenden kein besonders freundliches
Gesicht. Die Ernte war längst vorüber; kahl standen die Felder, durch
die Kiefernbestände fauchte der Herbstwind, und durch den sinkenden
Abend fuhr das Paar dem alten Herrensitze an der Elbe entgegen.
Sie hofften überraschend zu kommen, aber der Tag ihrer Ankunft war doch
kein Geheimnis geblieben. Über den alten, rauschenden Linden hin zog
sich ein grüßender Lichtschimmer, und als der Wagen hielt, da strahlte
es von hundert Lichtern und Fackeln, und ihr Schein vergoldete das
alte Bismarckwappen über dem Portal, die grünen Kränze und Girlanden,
die es reich umschlangen, und die glücklichen Gesichter einer lebendig
bewegten Volksmenge, welche erschienen war, des Hauses junge Herrin
festlich zu begrüßen.
Jubelnder Zuruf klang dem Paare entgegen, höher loderten die Fackeln
und Lichter, so daß ein rötlicher Schimmer über dem ganzen Bilde
lag und gegen den Himmel stieg. Noch wogte die Lust und Freude, als
Räderrasseln erklang und eine Spritze aus dem nahen Dorfe angefahren
kam, deren Bemannung, getäuscht durch den Lichtschein, jetzt erkannte,
daß es hier nichts Ernstliches zu löschen gab.
Nun konnte der Winter kommen; das freundliche Herrenschloß hatte
seinen Sonnenschein alle Tage, und der wackere Deichhauptmann fand,
wenn nach des Tages Mühen Frau Johanna im traulichen Gemache sich
an den Flügel setzte und den Zauber der Töne mit ihren gewandten
Fingern heraufbeschwor, daß es kein Glück gebe, dem einer anmutigen
Häuslichkeit vergleichbar.
Fünftes Kapitel.
In gärender Zeit.
Das Sturmjahr 1848 war über Deutschland hingebraust. Die Vertreibung
des französischen Königs durch sein Volk hatte auch hier die Geister
entfesselt, und ein ungestümer Freiheitsdrang regte sich überall.
Volksaufstände fanden da und dort statt, und während die Sehnsucht
der Besseren nach nationaler Einigung Deutschlands und nach einem
freieren Verfassungsleben hindrängte, verlangten die ungebildeten
Bevölkerungsschichten sowie fanatische Hitzköpfe überhaupt den Umsturz
alles Bestehenden, Republiken und Freiheit und Gleichheit aller Stände.
Alles war aus Rand und Band, und bis in die kleinsten Orte hinein
zitterte die Aufregung, und feindliche Parteien standen einander
gegenüber. Die Erbitterung derselben steigerte sich noch mehr, sobald
es sich um politische Wahlen in den Landtag handelte. Demokratisch und
königstreu waren die Schlagworte, um welche sich alles drehte.
Das konnte man an einem Frühlingstage des Jahres 1849 auch in
der märkischen Stadt Rathenow sehen. In den Gassen war eine
außergewöhnliche Bewegung, mehr noch aber war dies der Fall in einem
der bekanntesten Gasthäuser des Ortes, in dessen Saale Otto von
Bismarck in einer von den Königstreuen einberufenen Versammlung seine
Kandidatenrede halten wollte.
In der Gaststube im Erdgeschoß platzten die Geister bereits lebhaft
aufeinander.
»Er ist ein Junker, ein Streber, und einen solchen können wir nicht
in der Kammer brauchen!« rief ein Mann im Schurzfell, und ein anderer
erwiderte:
»Aber er weiß, was er will, und das wißt ihr Demokraten allesamt nicht!
Und er ist ein charakterfester Mann, und solche Leute brauchen wir
heutzutage.«
»Ach was, er schreibt Briefe an den König und läßt sich von ihm
einladen, sperenzelt um ihn herum in Berlin und Sanssouci.«
»Schämt Euch, Krämer« – schrie jetzt der Schornsteinfegermeister Wolf
– »daß Ihr die Tatsachen so entstellt. Ihr wißt so gut wie wir, was es
mit alledem für eine Bewandtnis hat. Den Brief hat er geschrieben, wie
in Berlin alles aus Rand und Band war, und wie die Umstürzler unseren
König so schwer beschimpft haben, und er hat darin nichts anderes
gesagt, als was jeder ehrliche, brave Preuße damals gesagt hat. Daß
das dem hohen Herrn wohltat und daß er nicht nur den Brief wochenlang
auf seinem Schreibtische liegen ließ, sondern auch den Schreiber zu
sich rief und um seinen Rat anging, ist doch nichts, was dem Herrn von
Bismarck zum Vorwurf gereichen kann.«
»Na, er hat in solchen Unterhaltungen wohl nicht fürs Volk geredet,
sondern sein Schäflein geschoren!« rief es wieder von einer Seite,
und unter Beifallsgebrüll nahm ein junger Mensch das Wort, ein
herumziehender Agitator, von dem eigentlich niemand wußte, wer und was
er war:
»Wie gut es euer Bismarck mit dem Volke meint, hat er selber klar
ausgesprochen. Alle großen Städte müßten vom Erdboden vertilgt werden,
das ist sein Wort, und warum: Weil dort allein das Volk stark genug
ist, seinen Willen durchzusetzen und seine Freiheit zu erzwingen, wie’s
in Berlin geschehen ist. Und was er dem König für Ratschläge gegeben
hat, das wissen wir ganz genau. Friedrich Wilhelm IV. war immer zu
Nachgiebigkeit geneigt, aber Bismarck war wie der Böse dahinterher
und suchte ihn zu reizen, durch Gewalt und mit Blut die heilige
Erhebung des Volkes niederzuschlagen. In Potsdam hat er das sogar in so
entschiedener Weise getan, daß die Königin hinzutretend gesagt haben
soll: »Wie können Sie in solchen Ausdrücken mit Ihrem König reden?« –
Das ist euer Bismarck, dem nichts hart genug ist, wenn dem Volke das
Fell über die Ohren gezogen werden soll, und der unsere neue Freiheit
in unserem Blute ersticken will. Fort mit Bismarck!«
Und »Fort mit Bismarck!« scholl es jetzt vielstimmig, nur der
Schornsteinfeger ließ sich nicht einschüchtern:
»Das ist leeres Geschwätz von einem hergelaufenen Manne. Freiheit von
eurer Sorte wünschen wir gar nicht, und uns ist Herr von Bismarck
gerade so recht, wie er ist. Dem wühlenden Demagogentum, das den
ehrlichen Bürgerstand beunruhigt und ruiniert, müssen die Zähne gezeigt
werden. Wir wollen auch Freiheit, aber ohne den Umsturz von alledem,
was uns von unseren Altvorderen heilig gewesen ist.«
Schreien und Johlen unterbrach den Sprecher, um den sich seine
Parteigenossen drängten, denn die Gemüter wurden immer erhitzter, der
aber rief mit lauter Stimme:
»Das ist wohl eure Freiheit, daß ihr jeden niederbrüllt, der eine
andere Meinung hat als ihr? – Gerade so haben sie’s dem Herrn von
Bismarck gemacht, als er 1847 seine Jungfernrede im Landtage hielt.
Aber er hatte gezeigt, daß er Mut und Kaltblütigkeit hat. Er las,
während sie lärmten, seine Zeitung, und als sie aufhörten, nahm er sein
Wort wieder auf. Das hat mir gefallen, und darum bleibt er mein Mann!«
Der brave Meister war in dem Lärm und Getöse wenig verständlich mehr
gewesen, nun trank er ruhig seinen Schoppen aus, und forderte seine
Parteigenossen auf, mit ihm zu gehen. Unter dem lauten Geschrei und
Hohngelächter der Gegner gingen die Männer hinaus und nach dem Saale,
welcher schon völlig angefüllt war mit Menschen, die den königstreuen
Kandidaten sehen und hören wollten.
Otto von Bismarck war eben eingetroffen. Die im Erdgeschoß hatten ihn
in ihrer Erregung nicht kommen sehen, zumal er nicht, wie man erwartet
hatte, im Wagen vorfuhr. Er stand bereits auf der Tribüne, als der
Schornsteinfegermeister mit seinen Gefährten eintrat. Die kraftvolle
Gestalt war hoch aufgerichtet, aus dem vom Vollbart umrahmten frischen
und energischen Antlitz blitzten hell und falkenklar die Augen, und die
Stimme klang hell, vernehmlich, ja mitunter scharf.
Er verurteilte rückhaltlos die Vorgänge, welche in der revolutionären
Bewegung in Berlin zur Demütigung des Königtums geführt hatten, und
entwickelte seinen Standpunkt, wie er ihn wiederholt furchtlos und
entschieden im Abgeordnetenhause betont hatte:
»Der Prinzipienstreit, welcher in diesem Jahre Europa in seinen
Grundfesten erschüttert hat, ist ein solcher, der sich nicht vermitteln
läßt. Die Prinzipien beruhen auf entgegengesetzten Grundlagen, die
von Haus aus einander ausschließen. Das eine zieht seine Rechtsquelle
angeblich aus dem Volkswillen, in Wahrheit aber aus dem Faustrecht
der Barrikaden. Das andere gründet sich auf eine von Gott eingesetzte
Obrigkeit, auf eine Obrigkeit von Gottes Gnaden, und führt seine
Entwicklung in der organischen Anknüpfung an den verfassungsmäßig
bestehenden Rechtszustand. Dem einen dieser Prinzipien sind Aufrührer
jeder Art heldenmütige Vorkämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht,
dem anderen sind sie Rebellen. Über diese Prinzipien wird nicht durch
parlamentarische Debatten eine Entscheidung erfolgen können; über kurz
oder lang muß der Gott, der die Schlachten lenkt, die eisernen Würfel
der Entscheidung darüber werfen. Ich aber werde leben und sterben für
den Grundsatz der Treue zu König und Vaterland, und muß es nun Ihnen
überlassen, ob Sie mich für den rechten Mann halten, Ihre Anschauungen
zu vertreten.«
Im Saale klang lauter Beifall, der bis auf die Gasse hinausdrang.
Dort aber fand er keinen Widerhall. Der junge demokratische Agitator
hatte in der Wirtsstube auch das Eisen in seinem Sinne geschmiedet,
und die Bewegung war bis auf die Straße hinaus gedrungen. Der
Schornsteinfegermeister Wolf, der nahe an dem Fenster des Saales stand,
blickte hinunter und sah die vielköpfige erregte Menge, die mit heißen
Gesichtern, glühenden Augen und geballten Fäusten sich hier drängte.
Da aber jetzt Bismarck den Saal verlassen wollte, suchte der wackere
Mann eilig zu ihm heranzukommen und sagte:
»Herr von Bismarck, gehen Sie jetzt nicht hinaus, sie wollen Ihnen an
den Leib.«
Der Angeredete hob seine mächtige Gestalt höher, ein beinahe
spöttisches Lächeln umflog den Mund, und die Augen schauten furchtlos
und ruhig drein, als er erwiderte:
»Ach, glauben Sie doch den Bläffern nicht!«
Ohne weiter sich aufzuhalten, trat er auf den Vorsaal und ging die
Treppe hinab. Im Hausflur bereits stand eine johlende Menge. Geschrei,
Zischen, niedrige Schimpfworte flogen ihm entgegen, und einige geballte
Fäuste hoben sich wider ihn.
»Rebellen hat er uns genannt – totschießen will er uns lassen – fort
mit dem Junkerregiment!« so schrie es ihm auch von der Gasse entgegen,
aber mit festem Blick schaute er über die Menge hin, und während
Meister Wolf und der Stadtschreiber Noack ihn in die Mitte nahmen,
schritt er hochaufgerichtet, mit ruhiger Sicherheit durch das Volk, das
ihm eine Gasse machte und dem kühnen Recken nicht den Weg zu verlegen
wagte.
So kam er nach dem Gasthause, wo sein Wagen stand. Die aufgeregten und
von dem unreifen Hetzer aufgereizten Leute waren ihm auch bis hierher
gefolgt und schienen seine Abfahrt hindern zu wollen. Die Lage war
äußerst unbehaglich, und als er aus dem Hause trat, gelang es ihm nur
mit Mühe, an das Gefährt heranzukommen und dasselbe zu besteigen.
Wilder und ungestümer aber brach jetzt das Geschrei und Pfeifen los,
und aus der gedrängten Schar sausten Steine nach dem kühnen Manne.
Einer derselben traf wuchtig seinen linken Arm und fiel in den Wagen.
Einen Augenblick übermannte ihn jetzt Zorn und Schmerz: er ergriff den
Stein und sprang von seinem Sitz empor mit flammenden Augen, und wie
er so den Arm erhob zum Wurfe, da drängte das feige Gesindel zurück
vor der imponierenden Erscheinung. Das gab ihm seine Ruhe wieder. Es
schien ihm unwürdig, hier Gleiches mit Gleichem zu vergelten, mit einer
verächtlichen Gebärde warf er seinen Angreifern den Stein vor die
Füße, legte sich in den Sitz zurück, rief dem Kutscher zu: »Vorwärts!«
und gleich darauf zogen die bereits unruhigen Tiere an, und durch die
zu beiden Seiten zurückweichende Menge fuhr der Wagen rasch dahin durch
die Gasse.
Die Rathenower wählten aber doch Bismarck wiederum zu ihrem
Abgeordneten, und so reiste er, nachdem er zuvor in seiner freundlichen
Häuslichkeit zu Schönhausen gewesen, neuerdings nach Berlin, um den
übernommenen Pflichten zu genügen.
Im Eisenbahnkupee saß er mit einem alten Herrn, einem ehemaligen
Offizier, beisammen und unterhielt sich mit diesem über die politische
Lage. Da stieg in einer Zwischenstation ein junges Herrchen ein,
der sein Gepäck – allem Anschein nach einen Musterkoffer – ziemlich
herausfordernd auf den Sitz legte, sich dann in eine Ecke lehnte und
nun mit überlegen spöttischem Blicke die beiden Herren betrachtete,
welche sich in ihrem ruhigen Gespräche nicht stören ließen.
Der alte Offizier hatte eben sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß
bei den Berliner Straßenunruhen der König das Militär zurückgezogen und
sich in die Hand des Volkes gegeben hatte, da warf der junge Mann eine
höhnische Bemerkung dazwischen:
»Ja, die Volkssouveränität paßt manchem nicht in den Kram, glaub’s
wohl, aber gottlob, mit Säbelrasseln und feudalen Phrasen wird die neue
Zeit nicht aufgehalten. Es geht ein scharfer Wind für die Junker, und
er wird manche alten Vorrechte wegblasen. Ja, Freiheit und Gleichheit!
Freiheit und Gleichheit!«
Bismarck sah den Menschen mit einem durchdringenden Blicke an, ohne ihn
eines Wortes zu würdigen, jener aber perorierte, unbekümmert um die
beiden anderen, in seiner geschwätzigen Art weiter. Seine Ansichten
waren so unreif, daß der alte Offizier, obwohl gerade er sich vielfach
hätte verletzt fühlen dürfen, es doch nicht der Mühe wert hielt, mit
dem kecken Angreifer anzubinden, der dadurch nur immer mehr ermutigt zu
werden schien. Bismarck aber hatte ihn immer wieder einmal mit seinen
scharfen Augen gemessen und dann sein Gespräch mit seinem Gegenüber
fortgesetzt, als ob der vorlaute Musterreiter Luft wäre.
Nun hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Berlin. Der Reisende war
ausgestiegen, und nachdem Bismarck sich rasch von dem Offizier
verabschiedet, verließ auch er das Kupee. Mit einigen weitausgreifenden
Schritten stand er vor dem jungen Manne, seine mächtige Gestalt hoch
aufrichtend und die blitzenden Augen ihm in das Gesicht bohrend, so
daß derselbe beinahe scheu zurückwich. Wiederum machte Bismarck einen
Schritt auf ihn zu, mit seinen mächtigen Blicken ihn bannend, so daß
der andere abermals zurücktrat. Der unerbittliche Verfolger aber
heftete sich an seinen Fuß und drängte ihn so vor sich her, bis der
geängstigte Reisende beinahe an die Wand gedrückt war.
»Wie heißen Sie denn?« fragte der Verfolger kalt und fest, und der
andere stotterte in Befangenheit und Ängstlichkeit:
»Ich – ich heiße Nelke!«
»Dann hüten Sie sich, Sie Nelke, wenn Sie nicht von mir gepflückt
werden wollen!«
Noch einmal sah Bismarck dem zerknirschten Schwätzer in das blasse
Gesicht, dann wendete er sich langsam ab und schritt ruhig den Perron
entlang.
Berlin selbst wollte ihm jetzt gar nicht gefallen. Die neue Zeit
rumorte hier zu sehr in allen Köpfen, und ihre Zeichen machten sich auf
Schritt und Tritt bemerkbar. Selbst der Drang nach einer nationalen
Einheit, welcher die besten deutschen Herzen erfüllte, hatte für
Bismarck etwas beinahe Unheimliches, weil daneben auch jener unklare
Freiheitsdrang sich breitmachte, der am liebsten Thron und Krone
hinweggefegt hätte und aus Deutschland eine Republik machen wollte.
Diese Bestrebungen traten deutlich genug hervor bei der seit dem 18.
Mai 1848 in Frankfurt a. M. tagenden deutschen Nationalversammlung,
welcher Männer aus ganz Deutschland angehörten, welche den Bundestag
beseitigte, einen Reichsverweser in der Person des Erzherzogs Johann
von Österreich wählte und nun die »Grundrechte des deutschen Volkes«
und eine »Verfassung für Gesamtdeutschland« beriet. Da platzten die
Geister oft stürmisch aufeinander, und selbst die vielen vortrefflichen
Männer, die, erfüllt von wahrer Begeisterung für das Wohl des deutschen
Volkes, ihre beste Kraft und Überzeugung einsetzten, konnten nicht
immer den revolutionären Demokraten, welchen die Freiheit über die
Einheit ging, einen Damm setzen, und es kam in Frankfurt selbst unter
den Augen der Nationalversammlung zu den rohesten Ausschreitungen des
fanatischen Pöbels.
Endlich war man aber doch einig geworden, daß fortan ein erblicher
Kaiser an der Spitze Deutschlands stehen solle, und als solcher war am
28. März 1849 mit geringer Stimmenmehrheit König Friedrich Wilhelm IV.
von Preußen gewählt worden.
Der zweite April fand Berlin in einer ganz besonderen Erregung.
Die Abgesandten der Frankfurter Nationalversammlung trafen ein,
um dem König die Kaiserkrone anzubieten. In den Straßen war ein
fröhliches Wogen und Treiben, die hochgehende Begeisterung jauchzte
den einziehenden Abgeordneten zu, und der Traum der deutschen Einheit
schien sich verwirklichen zu sollen.
Um so größer war die Enttäuschung, als schon am nächsten Tage die
Nachricht von Mund zu Munde ging, der König habe die Deputation
im Rittersaale des Schlosses feierlich empfangen, aber sich nicht
entschließen können, die ihm gebotene Krone aus den Händen des Volkes
anzunehmen.
Wie ein Mehltau fiel es auf die Hoffnungen und Erwartungen der Besten,
und als die Kunde nach Frankfurt kam, wirkte sie hier so niederdrückend
auf alle Gutgesinnten, daß die radikalen Stürmer und Dränger wieder die
Oberhand gewannen und infolgedessen da und dort wieder revolutionäre
Erhebungen stattfanden, und daß sich endlich das Parlament auflöste,
beziehentlich der nach Württemberg übergesiedelte Rest desselben, das
sogenannte »Rumpfparlament«, gewaltsam aufgelöst wurde.
In Berlin gingen nach der Ablehnung der Kaiserkrone die Wogen der
Bewegung noch immer hoch, und der Landtag beriet am 20. April über
die Frankfurter Reichsverfassung und über Schritte, um den König noch
nachträglich zur Annahme der Kaiserwürde zu bewegen.
Bismarck gehörte zu jenen, welche sich nicht überzeugen konnten, daß
auf den damaligen Grundlagen eine wirkliche Einigung Deutschlands
erreicht werden könne, und daß die Eifersucht Österreichs und anderer
deutscher Staaten an der leitenden Stellung Preußens fortwährend
rütteln würde, so daß es ihm richtiger schien, daß dieses für
sich selbst auf starke Füße gestellt werde und nicht seine Kraft
unfruchtbaren Bestrebungen opfere.
So trat er auch im Abgeordnetenhause unerschrocken für diese
Überzeugung ein. Am 20. April stand er auf der Tribüne und erklärte:
»Ich habe als Abgeordneter die Ehre, die Kur- und Hauptstadt
Brandenburg zu vertreten, welche dieser Provinz, der Grundlage und
Wiege der preußischen Monarchie, den Namen gegeben hat, und ich fühle
mich deshalb um so stärker verpflichtet, mich der Diskussion eines
Antrages zu widersetzen, welcher darauf ausgeht, das Staatsgebäude,
welches Jahrhunderte des Ruhmes und der Vaterlandsliebe errichtet
haben, welches von Grund aus mit dem Blute unserer Väter gestiftet
ist, zu untergraben und einstürzen zu lassen. Die Frankfurter Krone
mag sehr glänzend sein, aber das Gold, welches dem Glanze Wahrheit
verleiht, soll erst durch das Einschmelzen der preußischen Krone
gewonnen werden, und ich habe kein Vertrauen, daß der Umguß mit der
Form dieser Verfassung gelingen werde.«
Noch energischer äußerte er sich in diesem Sinne am sechsten September.
Inzwischen hatte aber Preußen einen anderen Einigungsversuch gemacht
und mit Sachsen und Hannover das »Dreikönigbündnis« geschlossen, dem
sich eine Anzahl anderer deutschen Staaten anschloß. Aber Österreichs
Einfluß wußte die beiden Königreiche wieder von Preußen zu trennen,
welches nun mit den übriggebliebenen Bundesstaaten die sogenannte
»Union« bildete und, um derselben eine einheitliche Verfassung zu
geben, ein Parlament nach Erfurt einzuberufen beschloß.
In dieser Zeit saß Bismarck eines Abends in seiner Wohnung,
Dorotheenstraße 37, mit einigen politischen Freunden beisammen.
Das Heim war schlicht, aber gemütlich; die Lampe warf ihren milden
Schein über den breiten Tisch und auf die geistvollen Gesichter, um
die behaglicher, blauer Tabaksdampf sich wölkte, und in den Gläsern
schäumte der braune Gerstensaft. Der Hausherr saugte an »dem geliebten
Rohre«, aber dazwischen wetterleuchtete es aus seinen Augen, und seine
Hand legte sich manchmal geballt auf den Tisch, da er sagte:
»Laßt sie doch uns »Stockpreußen« schelten, ’s ist kein schlechter
Titel, und ich kann nur wiederholen, was ich in der Kammer gesagt habe:
Das Stockpreußentum, wie es vor allem in der Armee vorhanden ist, ist
unsere Stütze. Und so gut unsere Soldaten unter der schwarzweißen Fahne
bisher sich ehrenhaft geschlagen und wohlbefunden haben, so gelüstet es
weder sie noch uns, für das erprobte alte Banner ein neues dreifarbiges
einzutauschen, dessen Dauerhaftigkeit unter den jetzigen Verhältnissen
sehr zu bezweifeln ist. Wir wollen einmal dem preußischen Adler nicht
die Flügel stutzen lassen durch die gleichmachende Heckenschere aus
Frankfurt.«
»Und was versprichst du dir eigentlich von der Union?« fragte einer der
Gäste.
»So gut wie nichts, sie wird an der Eifersucht Österreichs, dem wir
zunächst noch nicht die Zähne zu zeigen uns getrauen, zugrunde gehen.
Das Erfurter Parlament verläuft im Sande, verlaßt euch darauf!«
»So hast du wohl gar keine Neigung, dich hineinwählen zu lassen?«