Der Lenz des Jahres 1847 zog ins Land mit Sturm und Brausen, und der

Deichhauptmann ritt hinaus, um in Wetter und Graus seinen Pflichten zu

genügen, und dabei lebte seine Seele in einer freundlichen Zukunft,

wie schön es sein werde, wenn er nach stürmischem Tage heimkommen und

Sturmmütze und Regenmantel ablegen und in das wohnliche Heim eintreten

werde, wo zwei freundliche Augen ihm entgegenleuchten, zarte, liebe

Lippen ihn begrüßen werden. Was kümmerten ihn die Frühlingsschauer

und die rauhen Wettertage! Mitunter trieb es ihn auch zu Fuße hinaus

an den Strand, um zu sehen, ob dem Uferlande keine Gefahr drohe.

So kam er einmal dahergeschritten, mit seinem forschenden Auge die

Deiche prüfend. Eine große, tiefe Lache – die Elbe war über ihre Ufer

getreten – hemmte ihn auf seinem Wege. Er stand einen Augenblick still

in ruhiger Überlegung, da erblickten ihn zwei Bauern, die mit ihren

Angelruten am Ufer standen.

Der eine kam eilig herbei:

»Herr Deichhauptmann, ich trage Ihnen auf dem Rücken hinüber.«

Bismarck lachte: »Lieber Pietsch, das sind 182 Pfund!«

»All’ eins, Herr Deichhauptmann, Ihnen tragen wir alle mit Freuden!«

Dem Edelmann schlug das Herz wärmer bei solchen Worten des schlichten

Mannes aus dem Volke. Das war die ehrliche märkische Art, die Art,

aus welcher die Liebe auch zu König und Vaterland in Not und Gefahr

erwuchs. Er dankte dem Manne herzlich, dann trat er mit seinen hohen

Stiefeln ruhig in die Lache und schritt hindurch. Wenn es der einfache

Bauer konnte, so mußte es auch der Deichhauptmann können. Die Bauern

aber sahen ihm noch ein Weilchen nach, dann sagte der eine:

»Ein ganzer Mann mit dem Herzen auf dem rechten Flecke!«

»Gott erhalt’ ihn!« sprach der andere.

Der Sommer kam, und am 20. Juli ward in Reinfeld ein schönes Fest

gefeiert, das zwei Menschen für ein ganzes reiches Leben verband, wie

sie besser sich nicht finden konnten: Die Kraft und die Anmut, die

Energie und die Milde hatten sich vereint – Otto von Bismarck hatte für

sein Haus »das Herz« gefunden.

Und nun ging es hinein in die lachende Gotteswelt, dem schönen Süden

entgegen. Die Tiroler Alpen und die Schweizer Firnen sahen nieder auf

das glückliche Paar, dem die ganze Welt zu gehören schien, und das sein

Glück widerspiegelte in den dunkeläugigen Bergseen und in der lachenden

Wonne des italienischen Landes.

In der alten Dogenstadt Venedig hielten sie kurze Rast und fuhren

über die in ernstem Schweigen ruhenden Lagunen und des Markusplatzes

historische Pracht, aber das Herz des märkischen Edelmannes schlug

höher, als er vernahm, daß gleichzeitig auch sein König Friedrich

Wilhelm IV. in der alten Stadt der Wunder weile, und er konnte es sich

nicht versagen, ihm seine Ehrerbietung auszudrücken.

Auch der König war erfreut über die Begrüßung, zumal ihm Bismarcks

Name aus seiner jungen politischen Tätigkeit, die er seit kurzem

entwickelte, vorteilhaft bekannt war; er unterhielt sich mit ihm in

seiner lebhaften, geistvollen Art und war sichtlich erfreut über die

ehrliche, schlichte Weise seines Untertans, so daß er ihn zur Tafel

lud. Einen hoffähigen Anzug führte Bismarck freilich nicht auf seiner

Hochzeitsreise mit, und er hatte Not, in Venedig etwas Passendes zu

erhalten, aber das Herz, das unter dem geliehenen Gewande schlug, war

und blieb die Hauptsache.

Begeistert für seinen König noch mehr als zuvor, setzte Bismarck mit

seiner jungen Gattin seine Reise fort, und erst der Herbst lockte ihn

wieder nach der Heimat, in das trauliche Nest, in dem er sein Vöglein

betten wollte.

Die Altmark zeigte dem Heimkehrenden kein besonders freundliches

Gesicht. Die Ernte war längst vorüber; kahl standen die Felder, durch

die Kiefernbestände fauchte der Herbstwind, und durch den sinkenden

Abend fuhr das Paar dem alten Herrensitze an der Elbe entgegen.

Sie hofften überraschend zu kommen, aber der Tag ihrer Ankunft war doch

kein Geheimnis geblieben. Über den alten, rauschenden Linden hin zog

sich ein grüßender Lichtschimmer, und als der Wagen hielt, da strahlte

es von hundert Lichtern und Fackeln, und ihr Schein vergoldete das

alte Bismarckwappen über dem Portal, die grünen Kränze und Girlanden,

die es reich umschlangen, und die glücklichen Gesichter einer lebendig

bewegten Volksmenge, welche erschienen war, des Hauses junge Herrin

festlich zu begrüßen.

Jubelnder Zuruf klang dem Paare entgegen, höher loderten die Fackeln

und Lichter, so daß ein rötlicher Schimmer über dem ganzen Bilde

lag und gegen den Himmel stieg. Noch wogte die Lust und Freude, als

Räderrasseln erklang und eine Spritze aus dem nahen Dorfe angefahren

kam, deren Bemannung, getäuscht durch den Lichtschein, jetzt erkannte,

daß es hier nichts Ernstliches zu löschen gab.

Nun konnte der Winter kommen; das freundliche Herrenschloß hatte

seinen Sonnenschein alle Tage, und der wackere Deichhauptmann fand,

wenn nach des Tages Mühen Frau Johanna im traulichen Gemache sich

an den Flügel setzte und den Zauber der Töne mit ihren gewandten

Fingern heraufbeschwor, daß es kein Glück gebe, dem einer anmutigen

Häuslichkeit vergleichbar.

Fünftes Kapitel.

In gärender Zeit.

Das Sturmjahr 1848 war über Deutschland hingebraust. Die Vertreibung

des französischen Königs durch sein Volk hatte auch hier die Geister

entfesselt, und ein ungestümer Freiheitsdrang regte sich überall.

Volksaufstände fanden da und dort statt, und während die Sehnsucht

der Besseren nach nationaler Einigung Deutschlands und nach einem

freieren Verfassungsleben hindrängte, verlangten die ungebildeten

Bevölkerungsschichten sowie fanatische Hitzköpfe überhaupt den Umsturz

alles Bestehenden, Republiken und Freiheit und Gleichheit aller Stände.

Alles war aus Rand und Band, und bis in die kleinsten Orte hinein

zitterte die Aufregung, und feindliche Parteien standen einander

gegenüber. Die Erbitterung derselben steigerte sich noch mehr, sobald

es sich um politische Wahlen in den Landtag handelte. Demokratisch und

königstreu waren die Schlagworte, um welche sich alles drehte.

Das konnte man an einem Frühlingstage des Jahres 1849 auch in

der märkischen Stadt Rathenow sehen. In den Gassen war eine

außergewöhnliche Bewegung, mehr noch aber war dies der Fall in einem

der bekanntesten Gasthäuser des Ortes, in dessen Saale Otto von

Bismarck in einer von den Königstreuen einberufenen Versammlung seine

Kandidatenrede halten wollte.

In der Gaststube im Erdgeschoß platzten die Geister bereits lebhaft

aufeinander.

»Er ist ein Junker, ein Streber, und einen solchen können wir nicht

in der Kammer brauchen!« rief ein Mann im Schurzfell, und ein anderer

erwiderte:

»Aber er weiß, was er will, und das wißt ihr Demokraten allesamt nicht!

Und er ist ein charakterfester Mann, und solche Leute brauchen wir

heutzutage.«

»Ach was, er schreibt Briefe an den König und läßt sich von ihm

einladen, sperenzelt um ihn herum in Berlin und Sanssouci.«

»Schämt Euch, Krämer« – schrie jetzt der Schornsteinfegermeister Wolf

– »daß Ihr die Tatsachen so entstellt. Ihr wißt so gut wie wir, was es

mit alledem für eine Bewandtnis hat. Den Brief hat er geschrieben, wie

in Berlin alles aus Rand und Band war, und wie die Umstürzler unseren

König so schwer beschimpft haben, und er hat darin nichts anderes

gesagt, als was jeder ehrliche, brave Preuße damals gesagt hat. Daß

das dem hohen Herrn wohltat und daß er nicht nur den Brief wochenlang

auf seinem Schreibtische liegen ließ, sondern auch den Schreiber zu

sich rief und um seinen Rat anging, ist doch nichts, was dem Herrn von

Bismarck zum Vorwurf gereichen kann.«

»Na, er hat in solchen Unterhaltungen wohl nicht fürs Volk geredet,

sondern sein Schäflein geschoren!« rief es wieder von einer Seite,

und unter Beifallsgebrüll nahm ein junger Mensch das Wort, ein

herumziehender Agitator, von dem eigentlich niemand wußte, wer und was

er war:

»Wie gut es euer Bismarck mit dem Volke meint, hat er selber klar

ausgesprochen. Alle großen Städte müßten vom Erdboden vertilgt werden,

das ist sein Wort, und warum: Weil dort allein das Volk stark genug

ist, seinen Willen durchzusetzen und seine Freiheit zu erzwingen, wie’s

in Berlin geschehen ist. Und was er dem König für Ratschläge gegeben

hat, das wissen wir ganz genau. Friedrich Wilhelm IV. war immer zu

Nachgiebigkeit geneigt, aber Bismarck war wie der Böse dahinterher

und suchte ihn zu reizen, durch Gewalt und mit Blut die heilige

Erhebung des Volkes niederzuschlagen. In Potsdam hat er das sogar in so

entschiedener Weise getan, daß die Königin hinzutretend gesagt haben

soll: »Wie können Sie in solchen Ausdrücken mit Ihrem König reden?« –

Das ist euer Bismarck, dem nichts hart genug ist, wenn dem Volke das

Fell über die Ohren gezogen werden soll, und der unsere neue Freiheit

in unserem Blute ersticken will. Fort mit Bismarck!«

Und »Fort mit Bismarck!« scholl es jetzt vielstimmig, nur der

Schornsteinfeger ließ sich nicht einschüchtern:

»Das ist leeres Geschwätz von einem hergelaufenen Manne. Freiheit von

eurer Sorte wünschen wir gar nicht, und uns ist Herr von Bismarck

gerade so recht, wie er ist. Dem wühlenden Demagogentum, das den

ehrlichen Bürgerstand beunruhigt und ruiniert, müssen die Zähne gezeigt

werden. Wir wollen auch Freiheit, aber ohne den Umsturz von alledem,

was uns von unseren Altvorderen heilig gewesen ist.«

Schreien und Johlen unterbrach den Sprecher, um den sich seine

Parteigenossen drängten, denn die Gemüter wurden immer erhitzter, der

aber rief mit lauter Stimme:

»Das ist wohl eure Freiheit, daß ihr jeden niederbrüllt, der eine

andere Meinung hat als ihr? – Gerade so haben sie’s dem Herrn von

Bismarck gemacht, als er 1847 seine Jungfernrede im Landtage hielt.

Aber er hatte gezeigt, daß er Mut und Kaltblütigkeit hat. Er las,

während sie lärmten, seine Zeitung, und als sie aufhörten, nahm er sein

Wort wieder auf. Das hat mir gefallen, und darum bleibt er mein Mann!«

Der brave Meister war in dem Lärm und Getöse wenig verständlich mehr

gewesen, nun trank er ruhig seinen Schoppen aus, und forderte seine

Parteigenossen auf, mit ihm zu gehen. Unter dem lauten Geschrei und

Hohngelächter der Gegner gingen die Männer hinaus und nach dem Saale,

welcher schon völlig angefüllt war mit Menschen, die den königstreuen

Kandidaten sehen und hören wollten.

Otto von Bismarck war eben eingetroffen. Die im Erdgeschoß hatten ihn

in ihrer Erregung nicht kommen sehen, zumal er nicht, wie man erwartet

hatte, im Wagen vorfuhr. Er stand bereits auf der Tribüne, als der

Schornsteinfegermeister mit seinen Gefährten eintrat. Die kraftvolle

Gestalt war hoch aufgerichtet, aus dem vom Vollbart umrahmten frischen

und energischen Antlitz blitzten hell und falkenklar die Augen, und die

Stimme klang hell, vernehmlich, ja mitunter scharf.

Er verurteilte rückhaltlos die Vorgänge, welche in der revolutionären

Bewegung in Berlin zur Demütigung des Königtums geführt hatten, und

entwickelte seinen Standpunkt, wie er ihn wiederholt furchtlos und

entschieden im Abgeordnetenhause betont hatte:

»Der Prinzipienstreit, welcher in diesem Jahre Europa in seinen

Grundfesten erschüttert hat, ist ein solcher, der sich nicht vermitteln

läßt. Die Prinzipien beruhen auf entgegengesetzten Grundlagen, die

von Haus aus einander ausschließen. Das eine zieht seine Rechtsquelle

angeblich aus dem Volkswillen, in Wahrheit aber aus dem Faustrecht

der Barrikaden. Das andere gründet sich auf eine von Gott eingesetzte

Obrigkeit, auf eine Obrigkeit von Gottes Gnaden, und führt seine

Entwicklung in der organischen Anknüpfung an den verfassungsmäßig

bestehenden Rechtszustand. Dem einen dieser Prinzipien sind Aufrührer

jeder Art heldenmütige Vorkämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht,

dem anderen sind sie Rebellen. Über diese Prinzipien wird nicht durch

parlamentarische Debatten eine Entscheidung erfolgen können; über kurz

oder lang muß der Gott, der die Schlachten lenkt, die eisernen Würfel

der Entscheidung darüber werfen. Ich aber werde leben und sterben für

den Grundsatz der Treue zu König und Vaterland, und muß es nun Ihnen

überlassen, ob Sie mich für den rechten Mann halten, Ihre Anschauungen

zu vertreten.«

Im Saale klang lauter Beifall, der bis auf die Gasse hinausdrang.

Dort aber fand er keinen Widerhall. Der junge demokratische Agitator

hatte in der Wirtsstube auch das Eisen in seinem Sinne geschmiedet,

und die Bewegung war bis auf die Straße hinaus gedrungen. Der

Schornsteinfegermeister Wolf, der nahe an dem Fenster des Saales stand,

blickte hinunter und sah die vielköpfige erregte Menge, die mit heißen

Gesichtern, glühenden Augen und geballten Fäusten sich hier drängte.

Da aber jetzt Bismarck den Saal verlassen wollte, suchte der wackere

Mann eilig zu ihm heranzukommen und sagte:

»Herr von Bismarck, gehen Sie jetzt nicht hinaus, sie wollen Ihnen an

den Leib.«

Der Angeredete hob seine mächtige Gestalt höher, ein beinahe

spöttisches Lächeln umflog den Mund, und die Augen schauten furchtlos

und ruhig drein, als er erwiderte:

»Ach, glauben Sie doch den Bläffern nicht!«

Ohne weiter sich aufzuhalten, trat er auf den Vorsaal und ging die

Treppe hinab. Im Hausflur bereits stand eine johlende Menge. Geschrei,

Zischen, niedrige Schimpfworte flogen ihm entgegen, und einige geballte

Fäuste hoben sich wider ihn.

»Rebellen hat er uns genannt – totschießen will er uns lassen – fort

mit dem Junkerregiment!« so schrie es ihm auch von der Gasse entgegen,

aber mit festem Blick schaute er über die Menge hin, und während

Meister Wolf und der Stadtschreiber Noack ihn in die Mitte nahmen,

schritt er hochaufgerichtet, mit ruhiger Sicherheit durch das Volk, das

ihm eine Gasse machte und dem kühnen Recken nicht den Weg zu verlegen

wagte.

So kam er nach dem Gasthause, wo sein Wagen stand. Die aufgeregten und

von dem unreifen Hetzer aufgereizten Leute waren ihm auch bis hierher

gefolgt und schienen seine Abfahrt hindern zu wollen. Die Lage war

äußerst unbehaglich, und als er aus dem Hause trat, gelang es ihm nur

mit Mühe, an das Gefährt heranzukommen und dasselbe zu besteigen.

Wilder und ungestümer aber brach jetzt das Geschrei und Pfeifen los,

und aus der gedrängten Schar sausten Steine nach dem kühnen Manne.

Einer derselben traf wuchtig seinen linken Arm und fiel in den Wagen.

Einen Augenblick übermannte ihn jetzt Zorn und Schmerz: er ergriff den

Stein und sprang von seinem Sitz empor mit flammenden Augen, und wie

er so den Arm erhob zum Wurfe, da drängte das feige Gesindel zurück

vor der imponierenden Erscheinung. Das gab ihm seine Ruhe wieder. Es

schien ihm unwürdig, hier Gleiches mit Gleichem zu vergelten, mit einer

verächtlichen Gebärde warf er seinen Angreifern den Stein vor die

Füße, legte sich in den Sitz zurück, rief dem Kutscher zu: »Vorwärts!«

und gleich darauf zogen die bereits unruhigen Tiere an, und durch die

zu beiden Seiten zurückweichende Menge fuhr der Wagen rasch dahin durch

die Gasse.

Die Rathenower wählten aber doch Bismarck wiederum zu ihrem

Abgeordneten, und so reiste er, nachdem er zuvor in seiner freundlichen

Häuslichkeit zu Schönhausen gewesen, neuerdings nach Berlin, um den

übernommenen Pflichten zu genügen.

Im Eisenbahnkupee saß er mit einem alten Herrn, einem ehemaligen

Offizier, beisammen und unterhielt sich mit diesem über die politische

Lage. Da stieg in einer Zwischenstation ein junges Herrchen ein,

der sein Gepäck – allem Anschein nach einen Musterkoffer – ziemlich

herausfordernd auf den Sitz legte, sich dann in eine Ecke lehnte und

nun mit überlegen spöttischem Blicke die beiden Herren betrachtete,

welche sich in ihrem ruhigen Gespräche nicht stören ließen.

Der alte Offizier hatte eben sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß

bei den Berliner Straßenunruhen der König das Militär zurückgezogen und

sich in die Hand des Volkes gegeben hatte, da warf der junge Mann eine

höhnische Bemerkung dazwischen:

»Ja, die Volkssouveränität paßt manchem nicht in den Kram, glaub’s

wohl, aber gottlob, mit Säbelrasseln und feudalen Phrasen wird die neue

Zeit nicht aufgehalten. Es geht ein scharfer Wind für die Junker, und

er wird manche alten Vorrechte wegblasen. Ja, Freiheit und Gleichheit!

Freiheit und Gleichheit!«

Bismarck sah den Menschen mit einem durchdringenden Blicke an, ohne ihn

eines Wortes zu würdigen, jener aber perorierte, unbekümmert um die

beiden anderen, in seiner geschwätzigen Art weiter. Seine Ansichten

waren so unreif, daß der alte Offizier, obwohl gerade er sich vielfach

hätte verletzt fühlen dürfen, es doch nicht der Mühe wert hielt, mit

dem kecken Angreifer anzubinden, der dadurch nur immer mehr ermutigt zu

werden schien. Bismarck aber hatte ihn immer wieder einmal mit seinen

scharfen Augen gemessen und dann sein Gespräch mit seinem Gegenüber

fortgesetzt, als ob der vorlaute Musterreiter Luft wäre.

Nun hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Berlin. Der Reisende war

ausgestiegen, und nachdem Bismarck sich rasch von dem Offizier

verabschiedet, verließ auch er das Kupee. Mit einigen weitausgreifenden

Schritten stand er vor dem jungen Manne, seine mächtige Gestalt hoch

aufrichtend und die blitzenden Augen ihm in das Gesicht bohrend, so

daß derselbe beinahe scheu zurückwich. Wiederum machte Bismarck einen

Schritt auf ihn zu, mit seinen mächtigen Blicken ihn bannend, so daß

der andere abermals zurücktrat. Der unerbittliche Verfolger aber

heftete sich an seinen Fuß und drängte ihn so vor sich her, bis der

geängstigte Reisende beinahe an die Wand gedrückt war.

»Wie heißen Sie denn?« fragte der Verfolger kalt und fest, und der

andere stotterte in Befangenheit und Ängstlichkeit:

»Ich – ich heiße Nelke!«

»Dann hüten Sie sich, Sie Nelke, wenn Sie nicht von mir gepflückt

werden wollen!«

Noch einmal sah Bismarck dem zerknirschten Schwätzer in das blasse

Gesicht, dann wendete er sich langsam ab und schritt ruhig den Perron

entlang.

Berlin selbst wollte ihm jetzt gar nicht gefallen. Die neue Zeit

rumorte hier zu sehr in allen Köpfen, und ihre Zeichen machten sich auf

Schritt und Tritt bemerkbar. Selbst der Drang nach einer nationalen

Einheit, welcher die besten deutschen Herzen erfüllte, hatte für

Bismarck etwas beinahe Unheimliches, weil daneben auch jener unklare

Freiheitsdrang sich breitmachte, der am liebsten Thron und Krone

hinweggefegt hätte und aus Deutschland eine Republik machen wollte.

Diese Bestrebungen traten deutlich genug hervor bei der seit dem 18.

Mai 1848 in Frankfurt a. M. tagenden deutschen Nationalversammlung,

welcher Männer aus ganz Deutschland angehörten, welche den Bundestag

beseitigte, einen Reichsverweser in der Person des Erzherzogs Johann

von Österreich wählte und nun die »Grundrechte des deutschen Volkes«

und eine »Verfassung für Gesamtdeutschland« beriet. Da platzten die

Geister oft stürmisch aufeinander, und selbst die vielen vortrefflichen

Männer, die, erfüllt von wahrer Begeisterung für das Wohl des deutschen

Volkes, ihre beste Kraft und Überzeugung einsetzten, konnten nicht

immer den revolutionären Demokraten, welchen die Freiheit über die

Einheit ging, einen Damm setzen, und es kam in Frankfurt selbst unter

den Augen der Nationalversammlung zu den rohesten Ausschreitungen des

fanatischen Pöbels.

Endlich war man aber doch einig geworden, daß fortan ein erblicher

Kaiser an der Spitze Deutschlands stehen solle, und als solcher war am

28. März 1849 mit geringer Stimmenmehrheit König Friedrich Wilhelm IV.

von Preußen gewählt worden.

Der zweite April fand Berlin in einer ganz besonderen Erregung.

Die Abgesandten der Frankfurter Nationalversammlung trafen ein,

um dem König die Kaiserkrone anzubieten. In den Straßen war ein

fröhliches Wogen und Treiben, die hochgehende Begeisterung jauchzte

den einziehenden Abgeordneten zu, und der Traum der deutschen Einheit

schien sich verwirklichen zu sollen.

Um so größer war die Enttäuschung, als schon am nächsten Tage die

Nachricht von Mund zu Munde ging, der König habe die Deputation

im Rittersaale des Schlosses feierlich empfangen, aber sich nicht

entschließen können, die ihm gebotene Krone aus den Händen des Volkes

anzunehmen.

Wie ein Mehltau fiel es auf die Hoffnungen und Erwartungen der Besten,

und als die Kunde nach Frankfurt kam, wirkte sie hier so niederdrückend

auf alle Gutgesinnten, daß die radikalen Stürmer und Dränger wieder die

Oberhand gewannen und infolgedessen da und dort wieder revolutionäre

Erhebungen stattfanden, und daß sich endlich das Parlament auflöste,

beziehentlich der nach Württemberg übergesiedelte Rest desselben, das

sogenannte »Rumpfparlament«, gewaltsam aufgelöst wurde.

In Berlin gingen nach der Ablehnung der Kaiserkrone die Wogen der

Bewegung noch immer hoch, und der Landtag beriet am 20. April über

die Frankfurter Reichsverfassung und über Schritte, um den König noch

nachträglich zur Annahme der Kaiserwürde zu bewegen.

Bismarck gehörte zu jenen, welche sich nicht überzeugen konnten, daß

auf den damaligen Grundlagen eine wirkliche Einigung Deutschlands

erreicht werden könne, und daß die Eifersucht Österreichs und anderer

deutscher Staaten an der leitenden Stellung Preußens fortwährend

rütteln würde, so daß es ihm richtiger schien, daß dieses für

sich selbst auf starke Füße gestellt werde und nicht seine Kraft

unfruchtbaren Bestrebungen opfere.

So trat er auch im Abgeordnetenhause unerschrocken für diese

Überzeugung ein. Am 20. April stand er auf der Tribüne und erklärte:

»Ich habe als Abgeordneter die Ehre, die Kur- und Hauptstadt

Brandenburg zu vertreten, welche dieser Provinz, der Grundlage und

Wiege der preußischen Monarchie, den Namen gegeben hat, und ich fühle

mich deshalb um so stärker verpflichtet, mich der Diskussion eines

Antrages zu widersetzen, welcher darauf ausgeht, das Staatsgebäude,

welches Jahrhunderte des Ruhmes und der Vaterlandsliebe errichtet

haben, welches von Grund aus mit dem Blute unserer Väter gestiftet

ist, zu untergraben und einstürzen zu lassen. Die Frankfurter Krone

mag sehr glänzend sein, aber das Gold, welches dem Glanze Wahrheit

verleiht, soll erst durch das Einschmelzen der preußischen Krone

gewonnen werden, und ich habe kein Vertrauen, daß der Umguß mit der

Form dieser Verfassung gelingen werde.«

Noch energischer äußerte er sich in diesem Sinne am sechsten September.

Inzwischen hatte aber Preußen einen anderen Einigungsversuch gemacht

und mit Sachsen und Hannover das »Dreikönigbündnis« geschlossen, dem

sich eine Anzahl anderer deutschen Staaten anschloß. Aber Österreichs

Einfluß wußte die beiden Königreiche wieder von Preußen zu trennen,

welches nun mit den übriggebliebenen Bundesstaaten die sogenannte

»Union« bildete und, um derselben eine einheitliche Verfassung zu

geben, ein Parlament nach Erfurt einzuberufen beschloß.

In dieser Zeit saß Bismarck eines Abends in seiner Wohnung,

Dorotheenstraße 37, mit einigen politischen Freunden beisammen.

Das Heim war schlicht, aber gemütlich; die Lampe warf ihren milden

Schein über den breiten Tisch und auf die geistvollen Gesichter, um

die behaglicher, blauer Tabaksdampf sich wölkte, und in den Gläsern

schäumte der braune Gerstensaft. Der Hausherr saugte an »dem geliebten

Rohre«, aber dazwischen wetterleuchtete es aus seinen Augen, und seine

Hand legte sich manchmal geballt auf den Tisch, da er sagte:

»Laßt sie doch uns »Stockpreußen« schelten, ’s ist kein schlechter

Titel, und ich kann nur wiederholen, was ich in der Kammer gesagt habe:

Das Stockpreußentum, wie es vor allem in der Armee vorhanden ist, ist

unsere Stütze. Und so gut unsere Soldaten unter der schwarzweißen Fahne

bisher sich ehrenhaft geschlagen und wohlbefunden haben, so gelüstet es

weder sie noch uns, für das erprobte alte Banner ein neues dreifarbiges

einzutauschen, dessen Dauerhaftigkeit unter den jetzigen Verhältnissen

sehr zu bezweifeln ist. Wir wollen einmal dem preußischen Adler nicht

die Flügel stutzen lassen durch die gleichmachende Heckenschere aus

Frankfurt.«

»Und was versprichst du dir eigentlich von der Union?« fragte einer der

Gäste.

»So gut wie nichts, sie wird an der Eifersucht Österreichs, dem wir

zunächst noch nicht die Zähne zu zeigen uns getrauen, zugrunde gehen.

Das Erfurter Parlament verläuft im Sande, verlaßt euch darauf!«

»So hast du wohl gar keine Neigung, dich hineinwählen zu lassen?«

Das Buch vom eisernen Kanzler: Eine Erzählung für Deutschlands Jugend · 第 4 / 17 段