die meine Stimme vernehmen können, ich frage Sie, wollen Sie mit
Geist und Herz, mit Wort und Tat und ganzem Streben, in der heiligen
Treue der Deutschen, in der heiligeren Liebe der Christen mir helfen
und beistehen, Preußen zu erhalten, wie es ist, wie es bleiben muß,
wenn es nicht untergehen soll? Wollen Sie mir helfen und beistehen,
die Eigenschaften immer herrlicher zu entfalten, durch welche Preußen
mit seinen nur 14 Millionen den Großmächten der Erde beigesellt
ist, nämlich Ehre, Treue, Streben nach Licht, Recht und Wahrheit,
Vorwärtsschreiten in Altersweisheit zugleich und heldenmütiger
Jugendkraft? Wollen Sie in diesem Streben mich nicht verlassen und
versäumen, sondern treu mit mir ausharren durch gute und böse Tage?
O, dann antworten Sie mir mit dem schönsten und klarsten Laut der
Muttersprache, antworten Sie mir ein ehrenhaftes Ja!«
Und mit überwältigender Macht brauste das Wort durch die bewegten
Lüfte, unten aber in der dichtgedrängten Menschenmenge faßte ein
junger, stattlicher Mann die Hand des neben ihm Stehenden mit warmem
Drucke und sagte:
»Das soll gelten, Bernd, für alle Zeiten!«
»Helf uns Gott, Otto!« erwiderte der andere; der alte, stattliche Herr
aber, welcher bei den beiden stand, wischte sich einmal mit der Hand
über die Augen.
Die Menge wogte auseinander. Die drei jedoch schritten langsam
hindurch, der alte Herr in der Mitte, der nun sagte:
»Das war seit langem wieder eine schöne, erhebende Stunde, die wir alle
nicht vergessen wollen. Schade, daß wir der Mutter nicht mehr davon
erzählen können.«
Es waren drei hochragende, prächtige Gestalten, welche durch die
belebten Gassen schritten nach der Behrenstraße zu; ehe sie aber
dieselbe erreichten, kreuzte ein junger Mann von gleichfalls
auffälliger Statur ihren Weg. Er zog überrascht den Hut, und der
Jüngste von den dreien rief lebhaft:
»Schenk! – Du bist hier?«
Eine herzliche Begrüßung der Freunde folgte, und bald gingen sie,
nachdem sie sich von den beiden anderen verabschiedet hatten, zusammen
auf den Bürgersteig hin, und betraten endlich ein Weinhaus, wo sie in
einer abgelegenen Ecke sich niederließen. Der Kellner brachte Wein,
leise klangen die Gläser zusammen, und Wilhelm von Schenk sagte: »Nun
weißt du meine Erlebnisse, lieber Bismarck, jetzt laß mich hören, wie
es dir gegangen ist, seitdem du nach Aachen übergesiedelt warst.« Der
andere sprach:
»In Aachen habe ich nicht lange ausgehalten. Ich kam beinahe wieder
in die alte Burschenherrlichkeit hinein, und das wollte mir nicht
passen. Ich hatte das Bewußtsein, daß mein preußisches Beamtentum mir
dort mit Grundeis gehe, und das wollt’ ich nicht. Ich hatte mir in
den Kopf gesetzt, redlich zu arbeiten im Dienste des Vaterlandes, und
so wurde ich auf mein Ansuchen im Herbste 1837 nach Potsdam versetzt,
wo der Geheimrat Wilke mir Pünktlichkeit und Strammheit im Dienste
angewöhnte. Die konnte ich auch ganz gut brauchen, als ich im nächsten
Frühling des Königs Rock anzog und bei den Potsdamer Gardejägern als
Einjährig-Freiwilliger die Anfangsgründe der Kriegskunst exerzierte.
Das habe ich so ein halbes Jahr getrieben. Dann ließ ich mich zum
2. pommerischen Jägerbataillon in Greifswald versetzen. Da war ich
Soldat und Student zugleich und hörte in Eldena landwirtschaftliche
Vorlesungen, denn in dem Hintergrunde der nächsten Zeit lag bereits die
Aussicht, einen Teil unserer Güter übernehmen und Landwirt werden zu
müssen. Es gab so manches gutzumachen und in die Höhe zu bringen – na,
wie das eben so geht. Ostern 1839 war ich denn auch wieder in Kniephof.
Meine Eltern zogen sich nach Schönhausen zurück, und Bernhard und ich
übernahmen die pommerischen Güter, so zwar, daß mir Jarchelin und
Kniephof und meinem Bruder Külz zukam. Es fiel mir aber gleich in den
Anfang dieser selbständigen Tätigkeit ein trüber Schatten – du weißt
wohl – –«
»Ich weiß, deine treffliche Mutter ist voriges Jahr gestorben – nimm
noch die Versicherung meiner herzlichen Teilnahme! Sie war eine
ausgezeichnete Frau!«
[Illustration: ~Eis. Kanzler II.~
Friedrich Wilhelm IV. und Bismarck.]
»Ja, sie war »Verstand des Hauses«, und uns war sie noch mehr. Nun
sitzt mein Vater ernst und trüb in Schönhausen, und Malwine sucht ihn
zu erheitern, so gut das gehen will. Ich aber habe den Diplomaten an
den Nagel gehängt und baue meinen Kohl!«
»Und wenn das Vaterland ruft, bist du doch da!«
»Das ist selbstverständlich. War das nicht herzerhebend heute, wie alle
die Tausende dem König die Versicherung ihrer Treue gaben? Mir ist mein
»Ja« aus vollem Herzen gekommen – laß uns anstoßen: Dem Vaterlande die
ganze Kraft!«
Die Gläser klangen hell und voll, und die Augen der beiden jungen
Männer leuchteten. Sie saßen noch eine Weile beisammen und tauschten
alte Erinnerungen, dann erhob sich Bismarck:
»Mein Aufenthalt in Berlin ist knapp bemessen, so daß wir uns hier kaum
noch einmal sehen. Aber wenn dich dein Weg ins Pommernland führt, so
erinnere dich, daß Otto von Bismarck auf Kniephof bei Naugard sitzt und
seinen Freunden dankbar ist, wenn sie ihm die Gelegenheit geben, sie zu
bewirten!«
Kurze Zeit darauf saß er wieder in seinem schlichten Herrenhause.
Mit Scharfblick und Tatkraft erfaßte er die Verhältnisse und suchte
nach allen Kräften zu bessern. Am frühen Morgen schon war er im
Sattel und ritt durch die Felder, um nach dem Rechten zu sehen, oder
bei erfahrenen Nachbarn Rat zu erholen, und daheim machte er sich
über seine Wirtschaftsbücher und brachte Klarheit und Ordnung in die
Verwaltung seines Besitztums. Im dämmernden Abendschein schritt er
durch den Park, begleitet von seiner Dogge, und manchmal kamen ihm
recht wunderliche Gedanken, und ein stürmischer Tatendrang wollte ihn
erfassen und in die Welt treiben.
An einem solchen Abend kam er unmutig herein in seine vereinsamten,
stillen Räume. Die Bücher, welche er sonst in diesen Stunden zur
Hand nahm, wollten ihm heute nicht gefallen, die Pfeife war ihm
ausgegangen, und mit weitausgreifenden Schritten ging er durch die
Wohnräume seines Kniephof. Da blieb er vor einem Bilde stehen. Es war
ein alter preußischer Reiteroberst, der da aus dem Rahmen auf ihn
herunterschaute, sein Urgroßvater, Herr Friedrich August von Bismarck,
dem weiland in der Czaslauer Schlacht eine Kugel zwischen Leib und
Seele gefahren war. –
»Ein ganzer Mann, dieser alte Herr! Das Leben genießen und dann einen
fröhlichen Reitertod sterben fürs Vaterland – das muß schön sein! Ich
glaube, in mir steckt etwas von dem »tollen Bismarck«, und ein lustig
Reiten, ein fröhlich Zechen tut mir wieder einmal not, wenn ich nicht
versauern soll. Dabei braucht man nicht zu verderben! Morgen geht’s
einmal ins Weite!«
So sprach er zu sich selber, und wie er wieder nach seinem Zimmer
zurückschritt, sah er seine Pistolen an der Wand hängen. Er nahm sie
herab.
»Ich muß mir Luft schaffen!« rief er, wie einstens in der Behrenstraße
53 im Zimmer seines Bruders, und gleich darauf krachten die Schüsse und
schlugen in die Decke, daß Kalk und Mörtel splitterten.
Am anderen Morgen ließ er sein Pferd satteln und brauste fort, »daß
Kies und Funken stoben«. Er hatte sich erinnert, daß in Kollin bei
Stargard an diesem Abend eine vergnügte Gesellschaft beisammen sei, und
wenn es bis dahin auch etwa 14 Meilen waren, er wollte zeigen, was ein
tüchtiger Reiter und ein gutes Pferd leisten können.
In Wangerin hielt er Mittagsrast. Am Tische neben ihm saß ein junger
Mann, der sich ihm als Weinreisenden vorstellte und seine Ware anpries.
Bismarck verlangte, daß er ihm Proben vorführe, und der andere brachte,
was er bei sich hatte.
Ein Fläschchen um das andere wurde vor den Augen des erstaunten
Reisenden leer, und Bismarck begehrte immer mehr Proben, bis dem
anderen der Vorrat ausging. Das war in einem kleinen Stündchen abgetan,
und nun ging’s wieder zu Roß weiter auf der Stargarder Straße, und
abends traf der wilde Reiter in Kollin ein und überraschte die heitere
Gesellschaft. Nun gab es ein fröhlich Zechen, schallendes Gelächter
bei manchem lustigen Schwank, und dem Besucher, der aus der Einsamkeit
seines Kniephof kam, erfrischte es Herz und Mut, sich wieder einmal in
genialer Burschenlust gehen zu lassen.
Er lud seine Freunde ein, ihn auf seinem Schlößlein zu besuchen, und
sie blieben nicht aus. Der alte Kniephof sah nun manche übermütige
Stunde. In die Nacht hinaus klangen lärmende Zecherlieder, und oben
ging das Trinkhorn in die Runde, und aus den großen Pokalen trank
man Porter und Champagner durcheinander. Dann raste es mitunter
nächtlicherweile wie die wilde Jagd durch den schweigenden Park,
krachende Schüsse weckten die Ruhe der Schläfer, von abenteuerlichen
Streichen, von wunderlichen Wetten gingen die seltsamsten Geschichten
in der Runde, und bald hieß es: »der tolle Bismarck ist auf Kniephof
wieder lebendig geworden!«
Manch einer kam, angezogen durch dieses Treiben; er fand ein gastliches
Haus, einen gefüllten Becher, einen jovialen Wirt, – aber es geschah,
daß dieser mitten in der übermütig lärmenden Unterhaltung ein Wort
aufgriff, an das er ernste und geistvolle Erörterungen knüpfte, wie sie
aus historischen Reminiszenzen und aus seinem eigenen, für die Ehre des
Vaterlandes begeisterten Herzen kamen. Dann horchte die verwunderte
Tafelrunde hoch auf, und manch einem kam ein Ahnen, daß in dem jungen
Gutsherrn mehr stecke, als zur Verwaltung von Kniephof gehöre.
Das Herz hatte er auf dem rechten Flecke, und das hat er, wo es galt,
bewiesen. Im Sommer 1842 war er als Landwehroffizier in Lippehne.
Der schneidige Ulanenleutnant war auch hier einem kecken, lustigen
Streiche nicht abgeneigt, so wenig wie den Freuden des Bechers. Eines
Nachmittags kam er mit einigen Kameraden an den Wendelsee. Er wollte
mit seinen Begleitern über die Brücke gehen, die über denselben führt,
da er aber merkte, daß eben sein Reitknecht ankam, um in dem Wasser
sein Pferd zu schwemmen, blieb er stehen. Der Bursche ritt zwischen
der Brücke und der Gotthardtschen Gerberei in den See. Ob nun die
Anwesenheit der Offiziere ihn verwirrte, oder ob das Pferd den Grund
verlor, – genug, er zog die Zügel zu straff an, das Tier wurde unruhig,
bäumte sich, und der Reiter flog herab und verschwand auch sogleich in
den Wellen.
Bismarck überlegte in diesem Augenblicke nicht; er warf Mütze und
Säbel fort und sprang, wie er war, in Uniform, über das etwa 15 Fuß
hohe Brückengeländer kopfüber in den See. Mit starker Hand faßte er
den Burschen, der halb bewußtlos ihn so umklammerte, daß er selbst in
freier Bewegung gehindert war. Da riß er denselben mit sich nieder zum
Grunde, um ihn bewußtlos zu machen. Es waren bange Augenblicke für die,
welche auf der Brücke standen. Blasen stiegen aus dem Wasser … aber die
beiden Menschen kamen nicht empor. Endlich tauchte das Haupt Bismarcks
auf. Er hatte mit fester Hand den Burschen gepackt, ihn auf den Rücken
geworfen, und zog nun schwimmend ihn hinter sich her, bis er Grund
fand. Nun schleppte er den Bewußtlosen auf seinen Armen an das Ufer, wo
er freudig begrüßt wurde.
Eine gewaltige Erregung ging durch die ganze kleine Stadt, und
als Bismarck, der sich in der Nähe umgekleidet, nach derselben
zurückkehrte, kam ihm eine Schar von Bürgern mit dem Oberpfarrer Stöhr
in seiner Amtstracht an der Spitze entgegen, um ihn zu begrüßen und zu
beglückwünschen.
Bald darauf erhielt er vom König die Rettungsmedaille, welche er
jederzeit mit Stolz getragen hat.
Der flotte Offizier ging wieder nach Kniephof zurück. Es kam ihm
doppelt still vor, und manchmal war’s ihm, als dränge es ihn hinaus
in die Welt, – der gärende Most wollte noch nicht zur Klärung kommen.
Das Wort, das seine herrliche Mutter einst gesprochen: »Bernhard soll
Landrat, Otto Diplomat werden!« kam ihm immer wieder in den Sinn. Der
erste Teil war zur Wahrheit geworden, sein Bruder saß als Landrat in
Naugard, und der Ausspruch der Mutter erschien ihm bezüglich seiner
selbst wie eine vorwurfsvolle Mahnung.
So kam es, daß er einen neuen Anlauf nahm und wieder bei der Potsdamer
Regierung als Referendar eintrat. Ein rechtes Behagen fand er aber
bei alledem nicht, zumal sein Vorgesetzter, der Regierungspräsident,
ihn in beinahe geringschätziger Weise behandelte. Da kam ihm der alte
Bismarcktrotz, und es brauchte nicht viel, um den Becher des Unmuts bei
ihm überschießen zu lassen.
Eines Tages erhielt er von seinem Bruder das Ersuchen, ihn auf einige
Zeit zu vertreten. Er begab sich zu seinem Vorgesetzten, um sich einen
Urlaub zu erbitten. Als er eintrat, stand dieser am Fenster, kehrte
ihm den Rücken zu und trommelte auf der Scheibe. Bismarck stand einige
Augenblicke ruhig, dann schritt er an ein anderes Fenster und begann
nun seinerseits erst leise, dann immer vernehmbarer und lustiger einen
Marsch mit den Fingerspitzen zu exekutieren.
Jetzt fuhr der Präsident unmutig herum, und während der Referendar noch
weitertrommelte, fragte er zornig:
»Was wünschen Sie?«
»Eigentlich wollte ich mir einen Urlaub nachsuchen, jetzt bitte ich um
meinen Abschied.«
Und nun ging er nach Pommern, um für seinen Bruder einzutreten, dann
aber trieb es ihn hinaus in die Welt, und selbst seine Freunde wußten
nicht immer, wo sie mit ihrem Gedanken ihn suchen sollten.
Im Herbst 1844 trafen sich zwei derselben im Seebad Norderney. Der eine
fragte:
»Wissen Sie nichts von Otto von Bismarck?«
»Nach den letzten Nachrichten war er in England – und dieser Tage habe
ich eine Mitteilung aus Pommern erhalten, nach welcher er von dort nach
Indien zu gehen beabsichtigt.«
»Sieht ihm ähnlich, dem unruhigen Geiste, – er weiß eben nicht, wohin
er soll mit seiner Kraft.«
Und während die zwei so redeten, kam er selber mit langsamen Schritten
über die Dünenhügel her. Die Gestalt schien noch stattlicher geworden;
aus dem gesunden, bartumrahmten Gesichte blitzten die klaren Augen,
und kraftvoll und sicher kam er heran, sehr zum Staunen und zur Freude
seiner Freunde.
Lange hielt er an der See nicht aus. Er mußte heim, es zog ihn nach
Schönhausen, wo am 30. Oktober ein schönes Familienfest stattfinden
sollte, die Vermählung seiner Schwester Malwine mit seinem
Jugendfreunde Oskar von Arnim-Kröchlendorff. Das Herrenhaus in der
Altmark prangte im Festschmucke, seine »Malwine« strahlte vor Glück,
und sein Vater war freudig erregt, ihn selbst aber wollte eine leise
Wehmut fassen bei dem Gedanken, daß sein »sehr Geliebtes« jetzt aus dem
Elternhause gehe und sein Vater nun ganz allein bleiben sollte.
Als der Hochzeitslärm und die Festlust verrauscht war, blieb er noch
bei dem alten Herrn zurück. Sie gingen täglich zusammen durch den
Park und nach der Schäferei, widmeten sich gemeinsam der Beobachtung
der Thermometer und bemühten sich gleich weiland Karl V. die Uhren
im Herrenhause in Übereinstimmung zu bringen. Endlich mußte er aber
doch daran denken, wieder nach Kniephof zu gehen. Beim Abschied von
Schönhausen band er dem Inspektor Bellin und seiner Frau es dringendst
auf die Seele, recht gut für den alten Herrn zu sorgen, eine Mahnung,
welche die kleine, wackere Frau beinahe als Beleidigung hätte ansehen
dürfen.
Nicht lange danach gab es eine zweite Hochzeitsfeier, auf dem
pommerschen Herrensitze Triglaff, wo Bismarcks liebster Freund, Moritz
von Blankenburg, mit der Tochter des Hauses sich vermählte. Es war
ein vergnügtes Fest, und die Zahl der Gäste eine große. Unter den
Brautjungfern aber befand sich ein anmutiges Edelfräulein, einfach und
doch gewinnend in ihrem ganzen Wesen, und als Bismarck ihr vorgestellt
wurde, hatte er ein eigentümlich wonniges Empfinden. Das Mädchen mit
den blauen Augen, _Johanna von Puttkamer_, hatte es ihm von der ersten
Begegnung ab angetan.
»Sie ist die einzige Tochter von Jakob von Puttkamer; seine Frau ist
eine geborene von Glasenapp, und sie sitzen auf Reinfeld,« hatte
Blankenburg ihm gesagt, und ein anderer Freund fügte bei:
»Da geht’s anders zu als auf Ihrem Kniephof, lieber Bismarck. Da gibt’s
keine tollen Wetten, keine wilden Jagden und kein Porter-Sekt-Gemisch
aus Ochsenhörnern, da ist alles fein ehrsam und sittsam, ruhig und
fromm. Ihr singt »Freut euch des Lebens«, und auf Reinfeld werden nur
Choräle gesungen. Also sehen Sie dem Fräulein von Puttkamer nicht zu
tief in die Augen!«
Aber Bismarck tat, wie es ihm paßte, und als er abends im Garten zu
Triglaff neben dem anmutigen Mädchen saß und mit ihr plauderte, da
war ihm das ganze Feuerwerk gleichgültig geworden, welches dem jungen
Paare zu Ehren losgebrannt wurde. Die Stimmung war bei allen eine
froherregte: Die spielenden Lichter, die rollenden Feuersonnen,
die aufzuckenden Strahlengarben, welche in die Abenddämmerung
hineinglühten, erhöhten dieselbe, und Scherze und heitere Zurufe gingen
hin und her. –
Da sauste zischend eine Rakete empor, den funkelnden Schweif nach
sich ziehend, und aller Augen folgten. In demselben Moment erhob sich
ein stärkerer Windstoß, welcher das Geschoß seitwärts trieb gegen
den Wirtschaftshof. Dort fiel es auf ein Strohdach nieder, und nach
wenigen Minuten loderte daraus eine Flamme empor, welche nichts weniger
als programmgemäß war. Der Wind machte die Sache noch gefährlicher.
Angstrufe erschollen, Verwirrung kam unter die Gäste, die Dienerschaft
und die Dorfleute liefen davon, und die glühende Lohe schlug bereits
hoch empor und schwelte hinüber nach einem Nachbargebäude.
Bismarck verlor keinen Augenblick seine Besonnenheit. Er eilte nach dem
Stalle, wo er mit der neuvermählten Frau von Blankenburg zusammentraf,
welche, beseelt von gleicher Energie, ihm half, die Pferde
herauszuholen und vor einen Wasserwagen zu spannen, und gleich darauf
jagte der junge Edelmann die Rosse nach der Brandstätte zu und brachte
hier mit seinem bestimmten Wesen, mit seiner sicheren Klarheit Ordnung
in die Löschanstalten. Das Feuer aber griff trotzdem rasch um sich, und
am Morgen beleuchtete die aufgehende Sonne die rauchenden Trümmer auf
dem Gutshofe wie im Dorfe selbst.
Als Bismarck von Triglaff schied, sagte ihm der alte Herr von Thadden:
»Ich glaube, lieber Freund, es hat gestern zweimal gebrannt auf
Triglaff, und der zweite Brand wird sich wohl nicht wieder löschen
lassen. Na, Sie wissen wenigstens, wo die Brandstifterin wohnt und
können sie auf Reinfeld zur Rechenschaft ziehen. Viel Glück dazu!«
Die Worte sangen und klangen dem jungen Edelmann noch lange in den
Ohren, und wenn er daran dachte, mußte er still vor sich hinlächeln.
Der Winter ging, und der Frühling kam, und der junge Gutsherr hatte
alle Hände voll zu tun mit seiner Landwirtschaft, dazwischen brach wohl
auch einmal die alte, stürmische Lust, in die Welt zu jagen, sich Bahn.
Das Gefühl einer gewissen Vereinsamung überkam ihn manchmal auf seinem
Kniephof, und er strich dann freundlicher über den Kopf Odins, seines
Hundes, der ihm ein treuer Begleiter war.
Das Jahr sollte auch noch trübe genug enden. Im November erhielt
Bismarck die Nachricht, daß es mit seinem Vater, der von einem
Schlaganfall sich nicht mehr erholen konnte, recht schlimm stehe, und
so eilte er nach Schönhausen. Er fand den Teuren sehr schwach, und gab
sich keinen Hoffnungen hin. Auch der Inspektor Bellin und seine Frau
waren mutlos und verzagt. Die Frau erzählte:
»Ach, ich hab’s ja schon kommen sehen. Vor einigen Wochen, Sonntags,
kam der gnädige Herr gar nicht, um sich zur Kirche zu begeben, die er
doch nie versäumte. Die Glocken hatten schon geläutet, und so nahm ich
mir den Mut, bei ihm einzutreten und ihn zu erinnern. Da sprach er
ganz traurig: ›Ach, liebe Bellin, ich muß doch sehr schlecht hören,
wenn ich die Kirchenglocken überhöre.‹ Und dann ging er eilig nach dem
Gotteshause.«
Und der Inspektor fügte bei:
»Er hat manchmal so Ahnungen gehabt, und das gefällt mir nicht. Wie
heuer im Frühjahr uns die Elbe bis in den Park hereinkam und einige von
unseren schönen, alten Linden wegnahm, da war der gnädige Herr so sehr
gedrückt. ›Mein lieber Bellin,‹ sagte er, ›die Linden sind eingegangen,
ich denke, ich gehe nun auch bald ein‹.«
Und am 22. November hielt der treue Sohn die erkaltende Hand des Vaters
in der seinen und drückte diesem die Augen zu.
Das war ein Trauertag für Schönhausen, als der alte, brave Gutsherr in
die Gruft gesenkt wurde, und von den Bauern wischte sich manch einer
die Augen aus, dem der Verewigte mit Rat und Hilfe beigestanden. Ernst
und trübe sahen die beiden Brüder den Sarg hinabsenken, dann gingen sie
schweigend nach dem Herrenhause zurück.
»Wie ist’s, Otto,« sagte dort Bernhard, »du übernimmst Schönhausen und
überläßt mir Jarchelin.«
»Wenn dir’s so recht ist, Bernd – ich bin einverstanden!«
So war die Erbschaftsangelegenheit glatt und einfach geordnet, und das
alte Schönhausen sah im nächsten Frühling einen freundlicheren Tag.
Johannistag war’s, das liebliche Sommersonnwendfest. Die alten Linden
blühten und dufteten, die Sonne blickte hell vom blauen Lenzhimmel,
und am Portal des Herrenhauses standen der Inspektor und seine Frau,
Knechte und Mägde, Bauern und Bäuerinnen. Der Eingang war mit grünen
Reisern umwunden, und Otto von Bismarck hielt seinen Einzug in seinen
Stammsitz, und nannte sich nun _von Bismarck-Schönhausen_.
Aber einsam war es ihm hier, gar so einsam. Der tolle Jugendübermut
schien ausgeschäumt zu haben, er hatte wiederholt bereits dem Ernst
des Lebens in das Auge geschaut, hatte Amt und Würden angenommen als
Deichhauptmann und als Vertreter der Ritterschaft des Kreises Jerichow
im Merseburger Provinziallandtag. Aber seine Seele sehnte sich nach
dem Glücke des Familienlebens, und immer wieder trat das Bildnis jenes
anmutigen Fräuleins, das es ihm auf Triglaff angetan, vor ihn hin.
In solcher Stimmung traf ihn eine Aufforderung seines Freundes
Blankenburg zu einer Herbstreise; auch Fräulein von Puttkamer werde
sich beteiligen. Das war der Wink des Schicksals, ihm mußte Folge
geleistet werden.
Was war doch das für ein herrliches Wandern durch die malerischen
Täler, auf die umgrünten Höhen des eigenartigen deutschen Gebirges!
Blauer Himmel über herrlichen, lachenden Landschaftsbildern,
Lerchengesang in der Luft und jauchzenden Herzschlag in der Brust.
Das junge Blankenburgsche Paar störte den in zwei Seelen erwachenden
Frühling nicht, und unter den leise rauschenden Bäumen des Harzwaldes
ward der Bund so gut wie geschlossen. Glückselig kehrte Bismarck in
sein Schönhausen heim und setzte sich nun hin, um an Herrn und Frau von
Puttkamer auf Reinfeld zu schreiben und sie um die Hand ihrer Tochter
zu bitten.
Der Brief tat eine wunderliche Wirkung. Der alte Herr, der eben von
einem Ritt ins Feld heimkam, las ihn und traute seinen Augen kaum. Dann
eilte er zu seiner Frau.
»Höre, Luitgard, – lese ich denn recht? – Mir ist’s, als hätt’ mir
einer mit der Axt auf den Kopf geschlagen! – Der wilde Bismarck will
unsere Johanna zur Frau!«
Frau von Puttkamer schlug die Hände zusammen.
»Unmöglich – unser stilles, frommes Kind und dieser tolle Bismarck. Da
ist kein Segen drin, dazu gebe ich niemals meine Hand!«
»Ja, er schreibt auch hier, mit Johanna wäre er einig – na, das ist
eine schöne Bescherung!« Die Frau des Hauses war aufgesprungen, sie
rief nach ihrer Tochter. Das Fräulein kam mit geröteten Wangen, sie
schien zu ahnen, um was es sich handle, und daß sie nun den ersten
Kampf für den Mann ihrer Wahl bestehen müsse. Und sie bestand ihn
siegreich gegen die Aufregung des Vaters und gegen die Tränen der
Mutter. Von der Kraft ihrer Herzensneigung erfüllt, trat sie mutvoll
für den Geliebten ein, und als die Eltern den entschiedenen Willen
ihrer sonst so sanften Tochter erkannten, wurde der Freier eingeladen,
nach Reinfeld zu kommen.
Und er kam. Die imponierende Persönlichkeit mit ihrer ritterlichen,
gewinnenden Vornehmheit gewann die Mutter, der patriotische,
warmherzige, königstreue Sinn den Vater, und so gab es eine fröhliche
Verlobung.
Nun ward auf Schönhausen gerüstet zum Empfang der Herrin. Das alte
Herrenhaus ward neu in Stand gesetzt, aber es kam noch ein Winter und
ein Frühling, ehe der Bund den Segen der Kirche erhielt.