wohlig zumute. Da unten schritten die ehrsamen Bürger hin, rasch
hinhuschende Mädchen, geschäftige Arbeiter und sorglose Studenten,
entweder ganz kommentmäßig in Flaus und Kanonen, mit dem Cerevis, oder
im Schlafrock und Morgenschuhen, den Ziegenhainer in der Faust und
die dampfende Pfeife im Munde. O, es war auch in Göttingen schön, und
an der »Königlich Großbrittanisch-Hannoverschen Georgia Augusta« ließ
sich’s leben!
Er hatte anfangs für Heidelberg geschwärmt, aber die besorgte Mama
fürchtete den burschikosen Geist, der dort walten sollte, und nachdem
in einem Familienrate ein Verwandter des Hauses, der geheime Finanzrat
Kerl, Göttingen als eine Hochschule der vornehmen Welt empfohlen und
Briefe an die Professoren Hugo und Hausmann mitzugeben versprochen
hatte, war die Sache entschieden.
Nein, in Göttingen war es gar nicht so übel! Eben als der junge Student
sich in diesen behaglichen Gedanken versenkte, pochte es an der Tür.
Die Dogge hob den Kopf, und auf das »Herein!« erschien auf der Schwelle
der Universitätspedell und überreichte mit höflichem Gruße Bismarck
ein Schreiben. Dieser liest mit einiger Verwunderung, daß er u. z.
citissime – möglichst bald – vor dem Universitätsrichter zu erscheinen
habe.
»Dem Manne kann geholfen werden!« zitierte der Studiosus halb
pathetisch, halb ärgerlich; dann fuhr er langsam in die spiegelblank
gewichsten Kanonenstiefel, sah sich einen Augenblick nach einer
geeigneten Kopfbedeckung um, und ergriff endlich einen hohen
Zylinderhut, den er sich auf das Haupt stülpte, und so, die weißen,
ledernen Beinkleider umflattert von dem bunten Schlafrock, die lange
Pfeife im Munde, schritt er, begleitet von der englischen Dogge, durch
die Gassen der vornehmen Universitätsstadt nach dem Hause des Richters.
Als er bei demselben eintrat, fuhr der alte Herr entsetzt auf vor der
respektwidrigen Erscheinung, und als ihm der gewaltige Hund, der noch
vor seinem Herrn sich hereingedrängt hatte, um die Beine schnupperte,
ward es ihm völlig unbehaglich, und er suchte sich mit vorgestemmtem
Stuhle zu schützen, wobei er rief:
»Schaffen Sie sogleich den Köter hinaus!« Bismarck rief die Dogge und
öffnete die Tür. Der Hund ging gehorsam hinaus, und jetzt kam der
Richter hinter seinem Sitze hervor, noch immer ängstlich und zornig
zugleich, und fragte:
»Wer sind Sie, und was wollen Sie?«
»Ich bin der Studiosus ~juris~ Otto von Bismarck, und was ich hier
will, müssen Sie wissen, denn Sie haben mich zitieren lassen!« Er
entfaltete das Papier, welches er erhalten hatte.
»Richtig – gut! Aber fürs erste habe ich Ihnen mitzuteilen, daß es
verboten ist, Hunde mitzubringen vor das Universitätsgericht, und daß
ich Sie darum mit einer Ordnungsstrafe von 5 Talern belege.«
»Hm – auch nicht übel!« brummte der Verurteilte halblaut, der andere
aber fuhr fort:
»Die Sache, derohalben Sie zitiert worden sind, ist die: Gestern abend
ist ein Herr, der an der »Goldenen Krone« vorüberging, durch eine
Flasche am Arme getroffen worden. Die Erörterungen haben ergeben,
daß die Flasche von Ihnen herrührte. Können Sie sich entsinnen, wie
dieselbe auf die Straße gelangte?«
»Zweifellos durchs Fenster!«
»Na, ja, allerdings – aber ich meine, eine Wirkung, wie der Wurf einer
Flasche durch das Fenster, muß doch auch eine Ursache haben!«
»Die war auch vorhanden in der Anspannung meiner Muskeln und der
Schwungkraft des Armes. Wenn Sie wünschen, Herr Universitätsrichter,
kann ich die Prozedur Ihnen ~ad oculos~ demonstrieren!«
Bismarck griff nach dem großen Tintenfasse auf dem Tische des Richters
und hob dasselbe in bedrohlicher Haltung.
»Das genügt, Herr von Bismarck, und da Sie im übrigen das Faktum nicht
in Abrede stellen, kann ich Sie entlassen. Das weitere wird Ihnen noch
mitgeteilt werden!«
Die Aussicht auf das »weitere« stimmte den jungen Studenten nicht
gerade heiter, und einigermaßen ärgerlich ging er mit seiner Dogge
heimwärts.
Noch ehe er in die Rote Straße kam, begegneten ihm vier Korpsburschen
von den Hannoveranern. Bismarck ging mit weitausgreifenden Schritten
daher, mit fliegendem Schlafrock, die Pfeife wie eine Waffe in der
Hand, und der hohe Zylinderhut, der wunderlich zu dem sonstigen Aufzuge
paßte, glänzte in der Sonne. Die »Hannoveraner« blieben stehen und
brachen in ein lautes Gelächter aus.
Bismarck war nicht in der Stimmung, sich etwas bieten zu lassen; er
trat an den vordersten der Burschen dicht heran und fragte scharf:
»Lachen Sie über mich, Herrens?«
»Natur, das können Sie doch sehen!« lachte es ihm entgegen.
»Dummer Junge!« brauste nun der Geärgerte auf.
»Wen meinen Sie?« riefen die anderen.
»Natur, alle viere!«
Damit wandte er sich und ließ die einigermaßen verblüfften
»Hannoveraner« stehen. Obwohl er noch ein Neuling war, wußte er doch,
was nun kommen mußte. Das gab höchstwahrscheinlich vier blutige
Auseinandersetzungen, aber auch davor ward ihm nicht bange. Da er
Sekundanten und kommentmäßige Waffen brauchte, begab er sich gleich
darauf zu dem Senior des Korps der Braunschweiger (Brunsvigia) und
belegte dort die Schläger. Nun wartete er ruhig das weitere ab, aber
das kam anders, als er gemeint hatte.
Die vier »Hannoveraner« waren zunächst aufgebracht über den »frechen
Fuchs«, aber einer von ihnen, ein Hausgenosse Bismarcks, der diesen
einigermaßen besser kannte, und dem die ganze »forsche« Art und Weise
desselben gefiel, warf auch den anderen einen Gedanken hin, der diesen
völlig annehmbar dünkte, und so kam es, daß alle vier noch an demselben
Tage sich bei Bismarck einfanden.
Der empfing sie mit kühler Höflichkeit.
»Ich weiß, weshalb Sie kommen, meine Herren!«
»Verzeihen Sie, Herr von Bismarck, das dürften Sie nicht wissen.
Wir kommen, um Sie wegen unseres Gelächters von heute morgen um
Entschuldigung zu bitten, und hoffen, daß Sie die »dummen Jungen«
zurücknehmen werden!«
»Unter solchen Umständen mit Vergnügen!«
»Schön. – Und wissen Sie auch, was uns veranlaßt zu solchem Vorgehen?
– Sie gefallen uns, Herr von Bismarck, und da Sie noch nirgends
eingesprungen sind, und wir uns auf einen so schneidigen Fuchs etwas
zugute tun würden, so fragen wir an, ob Sie nicht für unser Korps zu
haben sind?«
»Abgemacht! – Ihr gefallt mir, – ich bin der eure!«
Ein vierfacher herzlicher Händedruck, und die Sache war in Ordnung.
Aber um sein Duell kam er bei alledem nicht. Die »Brunsvigia« war
empört, weil er bei ihr die Waffen belegt und nun bei einem anderen
Korps eingesprungen war. Die Beleidigung konnte man nicht auf sich
sitzen lassen, und der Konsenior der Brunonen ließ Bismarck seine
Forderung überbringen.
Man war gespannt darauf, wie der junge Fuchs sich herausbeißen werde;
der aber ging frohgemut auf die Mensur gegen seinen renommierten
Gegner. Dieser glaubte anfangs den Neuling so leichthin behandeln
und mit Leichtigkeit »abführen« zu können, aber Bismarck hatte Kraft
und Übung; schon nach einigen Paraden ging er zum Angriff über, und
gleich darauf zog sich ein blutiger Schmiß über das Gesicht des
»Braunschweigers«. Im Triumph führten die »Hannoveraner« ihren Fuchs
von dannen, doppelt froh, ihn für sich gewonnen zu haben, und er machte
dem Korps auch als Paukant alle Ehre, denn aus allen seinen Mensuren
ist er als Sieger hervorgegangen.
Eines Abends saß er in der Korpskneipe der »Hannoveraner«, im
»Deutschen Haus«. Als Gast war auch ein junger Engländer, Coffin,
anwesend, der zu seinem Vergnügen einige Vorlesungen besuchte. Die
jungen Gemüter waren durch Gesang und Trunk angeregt, lebhafter
schwirrte die Unterhaltung hin und her und kam endlich auch auf
politisches Gebiet.
Angehörige verschiedener deutscher »Vaterländer« befanden sich in dem
Kreise, und das schien den Engländer zu belustigen.
»Sie haben 36 Vaterländer und kein Vaterland, und ihr Schutzpatron,
der deutsche Michel, hat’s auch gar nicht eilig, eine Eintracht zu
schaffen. Er zieht behaglich seine Schlafmütze über die Ohren, hüllt
sich vergnüglich in seinen bunten 36farbigen Schlafrock und – –«
Da stand Bismarck neben dem Fremden. Mit seinen flammenden Augen sah er
ihn an, hochaufgerichtet und drohend.
»Herr, schwätzen Sie nicht, was Sie nicht verstehen, sonst dürften Sie
den deutschen Michel ohne Schlafrock kennen lernen! – Umgürte dich mit
dem ganzen Stolze deines England, ich verachte dich, ein deutscher
Jüngling!«
Stürmische Bewegung ging durch den ganzen Kreis. Coffin war
aufgesprungen:
»Das ist eine Beleidigung!«
»Sie haben zuerst beleidigt!«
»Wir werden uns an einem anderen Orte finden!«
»Ich werde nicht fehlen!« – –
Am nächsten Tage wurde die Sache mit den Waffen ausgetragen, und der
Engländer erkannte, daß der »deutsche Michel« eine gute Klinge schlage.
Damit war der Ehre Genüge getan und die Geschichte beigelegt. Schon
wenige Tage später saßen die beiden Gegner wieder im »Deutschen Hause«
beisammen und sprachen in ernster und ruhiger Weise.
»Und Deutschland wird doch einig werden, und in seiner Einigkeit sich
wie ein Riese erheben über die Völker Europas,« sagte Bismarck.
Coffin schüttelte energisch mit dem Kopfe:
»Das wird niemals werden; aus so vielen Stücken wird kein Ganzes –
niemals!«
»Und doch werde ich rechtbehalten; in zwei Jahrzehnten ist das ganze
deutsche Volk eins geworden, aber es braucht dazu mehr als unsere
Hieber und die Tinte der Diplomaten!«
»Davon werden Sie mich nicht früher überzeugen, als bis ich es erlebe!«
»Gut, – wetten wir! 25 Flaschen Champagner gibt der Gewinner, der
Verlierer aber kommt übers Meer, um sie auszutrinken!«
»Das soll gelten, – die Herren sind Zeugen!«
So lebte in der stolzen, starken Jünglingsseele die Ahnung der großen
kommenden Zeit, die freilich im Jahre 1853 noch nicht anbrechen sollte.
Bismarck aber hat die Wette nicht vergessen und hätte sie seinerzeit
auch eingelöst, wenn der Tod nicht vordem schon seinen Partner
abgerufen hätte.
Ei, wie dem flotten Burschen die Tage dahinflogen im freundlichen
Göttingen, so daß er beinahe gar nicht dazu kommen konnte, die
Kollegien zu besuchen, weil er alle Hände voll zu tun hatte, mit
anderen Dingen! Sein Name galt etwas in Studentenkreisen, und er hatte
seinen Ruf nicht bloß auf dem Paukboden, sondern auch durch sein
Geschick, Gegensätze auszugleichen und diplomatisch zu vermitteln,
erworben.
Es war an einem kalten Januartage des Jahres 1833, als vor Göttingen
draußen in einem Wäldchen sich einige junge Leute einfanden zu
einem, wie es schien, recht ernsten Geschäft. Am Abend vorher war
ein englischer Student, Knight, auf einem Balle von dem jungen Baron
von Grabow beleidigt worden. Die Sache war an sich nicht von Belang,
aber die Gegner waren hitzig geworden und hatten sich auf Pistolen
gefordert. Und nun standen sie an dem klaren, kalten Wintermorgen da,
um die Sache auszutragen.
Bismarck war mit Knight herausgefahren, um diesem als Dolmetsch
zur Seite zu stehen. Da es aber an einem Unparteiischen fehlte, war
er gern bereit, das Amt zu übernehmen. Die Sekundanten hatten die
Waffen geladen, der Arzt stand seitwärts vor seinem aufgeschlagenen
Verbandskasten, und auf allen Gesichtern lag schwerer Ernst, denn die
Duellanten hatten nur drei Schritt Barriere verabredet.
Da sagte Bismarck:
»Meine Herren, Ihre Ausmachung bedeutet nicht mehr ein Duell, sondern
einen Mord. Dazu gebe ich meine Hand nicht! Die Sache, um deretwillen
Sie sich hier gegenüberstehen, ist, wie ich nicht zweifle, auf ein
unseliges Mißverständnis zurückzuführen, und nicht derart, daß darüber
zwei Menschenleben mit beinahe absoluter Sicherheit aufs Spiel gesetzt
werden. Ich meine, der Ehre ist auch völlig genügt, wenn Sie zehn
Schritte Abstand nehmen. Und nur für diesen Fall fungiere ich als
Unparteiischer.«
Die Duellanten erklärten sich einverstanden.
Bismarck schritt die Entfernung mit weitausgreifenden Schritten ab
und fügte noch zwei Schritte zu. Dann trat er an den Arzt heran, um
diesen von der Eigenmächtigkeit zu verständigen – und nun mußten die
Dinge ihren Lauf nehmen. Bismarck kommandierte, die Schüsse krachten
gleichzeitig, – eine Sekunde lang stand jedem der Herzschlag still,
– dann zog sich der bläuliche Rauch verschwimmend in die Morgenluft,
und die Kugeln saßen irgendwo in zwei Baumstämmen. Blut ist bei jenem
Zweikampf nicht geflossen.
Ruchbar ward die Sache aber trotzdem, und der Studiosus Bismarck
erhielt zehn Tage Karzerstrafe, die er mit stoischem Behagen absaß,
wobei er nicht versäumte, sich in die Präsenzliste einzuzeichnen, indem
er seinen Namen in die Karzertür schnitt.
Nicht gar lange danach fühlte er eines Morgens ein seltsam Mißbehagen
in seinen Gliedern. Das war ein Ziehen und Frösteln, so ganz anders
als nach lustig durchlebter Nacht, und er fand, daß es doch vielleicht
gut wäre, einen Medikus zu Rate zu ziehen. Der Arzt konstatierte
Wechselfieber, und so lag er einige Tage zu Bette, verstimmt,
gelangweilt, appetitlos, und versuchte unmutig ab und zu etwas von dem
verschriebenen Chinin einzunehmen.
Da kam eines Morgens eine Sendung aus Pommern. Ein köstlicher Duft
stieg aus der geöffneten Kiste, und der Patient begann mit zunehmendem
Interesse die Herrlichkeiten auszupacken, welche mütterliche Liebe und
Sorgfalt ihm hatte zugehen lassen. Neben den berühmten pommerschen
Gänsebrüsten lachte ein saftiger bräunlicher Schinken, und behagliche
Würste streckten ihre glänzenden Glieder dazwischen.
Ein Gruß aus der Heimat! Na, ein Stückchen Wurst wird auch bei Fieber
nicht schaden! Die Mettwurst ist so saftig und würzig, und es ist ganz
wunderbar, wie einem der Appetit beim Essen kommt. Der Kranke schneidet
eine Scheibe nach der anderen herunter, und erst, als eines der kleinen
Ungetüme, die ihre drei bis vier Pfund wiegen mochten, zur Hälfte
verschwunden war, stellte Bismarck seine Tätigkeit ein. Dabei war ihm
so wohl, wie seit einigen Tagen nicht, und der Arzt sah, als er kam,
mit freudiger Verwunderung seinen Patienten.
»Da hat das Chinin wieder einmal sein Wunder getan!« sagte er mit
Genugtuung; Bismarck aber sprach:
»Ich habe ein Mittel genommen, das mir noch wirksamer scheint.
~Recipe~: Jede Stunde ein halb Pfund pommersche Mettwurst; ’s ist
probat, lieber Doktor!«
Der Arzt sah mit verwundert großen Augen die geöffnete pommersche Kiste
und »was Arbeit unser Held gemacht.«
Zu Michaelis ging’s nach Kniephof. Drei Semester waren verlebt an
der Georgia Augusta. Da saß er wieder in dem kleinen pommerschen
Herrenhause und sah hinaus auf die bewegten Wipfel im Parke und
blies aus der langen Pfeife vergnüglich seine Rauchwolken. Die Frau
Mama schaute ihn mit Liebe und Sorge zugleich an und schien von
Göttingen ein wenig enttäuscht. Die kleine Schmarre auf der Wange –
sie stammte von der abgesprungenen Klinge eines Gegners – die bunten
Pfeifentroddeln, die Cerevis schienen ihr verwunderliche Geschichten zu
erzählen, und sie wollte ihren Jüngsten von nun ab etwas mehr in ihrer
Obhut wissen!
So kam es, daß Otto von Bismarck nicht nach Göttingen zurückging,
sondern noch drei Semester an der Berliner Hochschule verbrachte.
Es ging auch hier eine Zeitlang flott und lustig weiter, und das
»~Gaudeamus!~« klang in der preußischen Residenz nicht minder frisch
und froh als in Göttingen.
Eines Abends trat er bei seinem Freunde, dem jungen Grafen
_Kaiserlingk_, ein.
»Wie ist’s – gehst du mit zur Kneipe?« fragte er.
»Heute bin ich nicht in der Stimmung, und denke mich darum in meinen
vier Pfählen behaglich einzurichten. Bleib da, Bismarck, an »Stoff«
soll’s auch hier nicht fehlen, und meine Pfeifen stehen dir zur
Verfügung.«
»Soll gelten – das Wetter ist jetzt verlockend zum Daheimsitzen –
höre, wie der Wind um die Fenster saust. – Ah, da ist auch _Motley_«
– unterbrach er sich, als ein junger, blonder Mann eintrat, den die
beiden anderen herzlich begrüßten – »na, ~tres faciunt collegium~!«
Er streckte sich behaglich auf dem Sofa und bat: »Aber nun mußt du
unser Konvivium auch stimmungsvoll einleiten, Kaiserlingk!«
Der junge Graf setzte sich an das Instrument, und das sang und klang
durch den Raum, als webe eine Geisterschar an einem Märchen; bald weich
und melodisch, bald wild bewegt wie ein aufgeregtes Gemüt – klang es
aus den Saiten, und der große Beethoven hatte das Wort! Und auf dem
Sofa saß der wilde, flotte Bursche und hatte sich in die Ecke gelehnt
und den Kopf in die Hand gestemmt. Als der letzte Ton verklungen, sagte
er:
»Sehr schön, Kaiserlingk! – das kann böse Geister bannen, und mir ist,
als verstehe ich jetzt erst die Geschichte von Saul und David. Heute
taugte ich überhaupt nicht mehr für die Kneipe. Motley, haben Sie nicht
einen Ihrer geistvollen geschichtlichen Aufsätze bei sich, es wäre
köstlich, wenn Sie uns was mitteilen wollten.«
»Wenn es gewünscht wird, kann ich etwas holen« – sagte der junge
Engländer, der in demselben Hause wohnte, und ging. Als er
zurückkehrte, hatten sich noch zwei junge Gäste eingefunden, und
nun wurde der Abend in der anregendsten Weise verlebt. Es war spät
geworden, als Bismarck bat: »Kaiserlingk, nun noch etwas zur guten
Nacht!«
Und der junge Graf griff noch einmal in die Tasten, und der
bestrickende Zauber der »Mondscheinsonate« nahm die jungen Gemüter
gefangen.
»Kinder,« sagte Bismarck, »solch ein Abend gibt einem ordentlich eine
Sehnsucht nach dem Philistertum; lacht mich aus, wenn ihr wollt – aber
von morgen an werde ich solide und verlege mich aufs Arbeiten. Und das
hat mit ihrem Singen die Loreley getan! Gute Nacht!«
Und in der Tat legte er sich ins Zeug, um das in der flotten
Burschenzeit Versäumte nachzuholen. Um die Osterzeit des Jahres 1835
kam er eines Tages in das Haus seiner Tante, der Generalin von Kessel,
und wurde hier, wie immer, von seinen Cousinen heiter und herzlich
begrüßt.
»Na, heute bitte ich mir etwas Respekt aus! Seht ihr mir nichts an?«
Neugierig und lachend betrachteten ihn die jungen Damen von allen
Seiten.
»Was soll denn aus dir wohl werden, so über Nacht?«
»Ja, das Raten ist nicht eure starke Seite! Da will ich’s euch sagen.
Ich habe vorgestern mein Staatsexamen gemacht und bin als Auskultator
für das Stadtgericht vereidigt worden!«
»Ah! – Gratuliere! – Aber ansehen kann man dir die Würde nicht!« rief
es durcheinander, doch Fräulein Helene, die als Künstlerin sehr tüchtig
war, rief:
»Diese Phase seines Lebens muß festgehalten werden! Otto, ich male dich
als Auskultator!«
»Kann mir nur schmeichelhaft sein! Da weiß man später doch einmal, wie
man als neugebackener Philister ausgesehen hat.«
Da trat Bernhard von Bismarck ein, der gleichfalls in Berlin als
Referendar tätig war, und der mit Otto zusammenwohnte.
»Ich habe mir’s gleich gedacht, daß er bei Euch stecken wird« –
rief er; »jetzt, da er in Amt und Würde ist, sucht er freundliche
Häuslichkeiten mit heiratsfähigen Töchtern!«
»Aber Bernd« – riefen die Damen entrüstet.
»Freut euch doch, daß die Zeit vorüber ist, in welcher er jungen Damen
die Fenster einzuwerfen pflegte.«
»Und das hat er wirklich getan?«
»Da sieht man wieder die Übertreibung,« lachte Otto von Bismarck
– »wobei nicht einmal meine besondere Liebenswürdigkeit erwähnt
wird. Daß der Göttinger Professor, der durch sein Verhalten gegen
mich das Fensterattentat provoziert hatte, einige Töchter besaß,
konnte ihn freilich vor meiner Rache nicht retten, aber ich kann zu
meiner Entschuldigung sagen, daß ich die Scheiben nicht mit Steinen,
sondern mit Kandiszucker eingeworfen habe, um den Mädchen wenigstens
einigermaßen den Schrecken zu versüßen. Übrigens, bitte, stellt mir
einmal einen dienstbaren Geist zur Verfügung! Ich habe einen Schuster
in der Kronenstraße, welcher mir bis gestern ein Paar Stiefel liefern
sollte, und mich, wie bereits in früheren Fällen, im Stiche ließ. Den
Mann will ich Ordnung lehren. Seit heute früh sechs Uhr schicke ich ihm
alle zehn Minuten einen Boten mit der Anfrage, ob meine Stiefel noch
nicht fertig wären. Ich vermute, daß ich sie heute noch erhalte.«
Wenige Tage später saß der junge Auskultator im Berliner Stadtgericht
und waltete seines Berufes mit Eifer und – je nachdem – auch mit Humor.
Der Sommer verging und der Herbst, und der Winter brachte mit seinen
geselligen Vergnügungen manche schöne Abwechslung in die Einförmigkeit
seines Amtes. Von besonderem Interesse war dabei der erste Hofball,
welchem er beiwohnte.
Seine äußere Erscheinung auf demselben war in jeder Weise vornehm und
durch Gestalt und Haltung geradezu auffallend. Üppiges Haar umwallte
das hochgetragene Haupt, und in dem geistvollen aristokratischen
Gesichte blitzten frisch, lebhaft und durchdringend klar die Augen.
Wie er so Arm in Arm mit seinem Kollegen, dem Auskultator von Scherk,
dahinschritt, folgten alle Blicke den beiden prächtigen Gestalten, die
der bekannte selige Preußenkönig sich für seine Potsdamer Riesengarde
nicht gern hätte entgehen lassen. Auch dem Prinzen Wilhelm (dem
nachmaligen Kaiser Wilhelm I.) fielen die beiden jungen Männer auf, und
als sie ihm vorgestellt wurden, sagte er mit wohlgefälligem Lächeln:
»Nun, die Justiz legt wohl auch jetzt das Gardemaß an ihre Leute?«
»Königliche Hoheit,« erwiderte Bismarck, indem er klar und voll den
Prinzen anblickte, »auch wir Juristen ziehen den Soldatenrock an, wenn
es fürs Vaterland gilt!«
Am nächsten Morgen saß er, noch in Erinnerung an den vorigen Abend
versunken, am grünen Tische des Stadtgerichts. Vor ihm stand ein
biederer Berliner, der in einer Bagatellsache zu vernehmen war. Der
Mann, welcher den kaustischen Humor, aber auch die Zungenfertigkeit des
hauptstädtischen Proletariers besaß, glaubte, dem jungen Auskultator
gegenüber sich noch mehr als üblich herausnehmen zu dürfen, und
perorierte in nicht ganz ruhiger Weise. Bismarck, dem die Sache endlich
zu arg ward, sprang mit seiner imponierenden Gestalt auf und rief:
»Wenn Sie sich nicht mäßigen, werfe ich Sie hinaus!«
Der Mann war einigermaßen verdutzt über diesen unerwarteten Ausbruch,
aber auf Bismarck selbst trat der anwesende Stadtgerichtsrat herzu und
sagte, indem er ihm die Hand auf den Arm legte:
»Das Hinauswerfen ist _meine_ Sache, Herr Auskultator!«
Bismarck nahm sein Gerichtsverfahren wieder auf, der Berliner
aber, welcher nun Oberwasser erhalten zu haben meinte, wurde noch
unangenehmer als zuvor, bis der Auskultator zum zweitenmal aufsprang
und mit einem sehr bezeichnenden Seitenblick rief: »Herr, wenn Sie
sich nicht mäßigen, lasse ich Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat
hinauswerfen!«
Das Stadtgericht wollte Bismarck überhaupt nicht länger behagen;
er brauchte ein größeres Feld, einen weiteren Gesichtskreis, und
so verließ er 1836 Berlin und begab sich als Hilfsarbeiter zur
Königlichen Regierung nach Aachen, wo der Regierungspräsident Graf
Arnim-Boytzenburg sich freundlich des jungen Referendars annahm und
auch gesellig in seiner Familie mit ihm verkehrte.
Viertes Kapitel.
Am eigenen Herde.
König Friedrich Wilhelm III., der die Not und die herrliche Erhebung
Preußens gesehen, war gestorben, und sein Sohn, Friedrich Wilhelm
IV., hatte den Thron bestiegen. Das war im Jahre 1840, und in den
Oktobertagen desselben fanden sich zahlreiche Vertreter des Volkes und
des Adels zur Huldigungsfeier in der Hauptstadt ein. Die Sonne des
15. Oktobers war freundlich aufgegangen über dem Lustgarten, wo die
tausendköpfige Menge sich um die reichgeschmückten Söller drängte, von
welchen herab der neue Herrscher zu seinem Volke sprechen wollte.
Nun war er erschienen, ließ seine hellen Augen über die in Ehrfurcht
schweigende Versammlung schweifen, und dann begann er in der ihm
eigenen lebhaften und begeisternden Art zu sprechen. Und die Stimme
klang so klar wie Glockenton hinein in die heftiger pochenden Herzen: