»Ich bin nur ein Edelknecht,« sagte der Mann, »und reise schon mehrere

Wochen in Angelegenheit meines Herrn weit umher. Da hab ich mich in

diesem waldigen Gebirge verirrt. Die Nacht überfiel mich. Auf einmal

stürzte ich in der Finsterniß, samt meinem Pferde, den steilen Abhang

dort herunter in diese Tiefe. Dem Pferde, das gut auf den Beinen ist,

geschah nichts. Aber ich habe mich da an dem Fuße beschädigt, daß ich

nicht mehr gehen, und mich nicht einmal mehr auf das Pferd schwingen

kann. Indeß ists ein Wunder, daß Mann und Roß nicht sogleich zu Grund

gingen. Ich kann Gott nicht genug danken! Ich verband mir die Wunde;

aber das Wundfieber setzte mir hart zu. Ich hatte mich schon darein

ergeben, zwischen diesen Felsen Hungers zu sterben. Da erschienst du

mir, guter Jüngling -- wie ein Engel des Himmels. Sag doch an, wie

kommst du hieher in diese menschenleere, einsame Wüste?«

Fridolin erzählte, und der Mann hörte aufmerksam zu, und that dazwischen

allerley Fragen. »Wunderlich,« sagte er, indem er auf die Eyerschaalen

zeigte, die auf dem Moose umherlagen, »daß sie so schön roth und blau

sind. Ich habe noch nie solche Eyer gesehen. Wie, laß mich das Ey, das

noch ganz ist und das du wieder in den Queersack stecktest, doch einmal

näher betrachten!«

Fridolin gabs ihm, und erzählte, wie er dazu gekommen. Der Mann

betrachtete das Ey sehr aufmerksam, und die Thränen drangen ihm in die

Augen. »Mein Gott,« sagte er, »was da auf dem Ey steht, ist wohl recht

wahr: _Vertrau auf Gott, -- Er hilft in Noth._ Das habe ich jetzt

erfahren. Mit heißer Inbrunst flehte ich in diesem Abgrunde zu Gott um

Hülfe, und Er hat mein Flehen erhört. Seine Güte sey dafür dankbar

gepriesen. Gesegnet seyen die guten Kinder, die dir das Paar Eyer

schenkten. O sie dachten wohl nicht, daß sie damit einem fremden Manne

das Leben retten würden. Gesegnet sey die gute Frau, die auf dieses Ey

hier den tröstlichen Reim schrieb.«

»Du,« fuhr er fort, »gib das Ey mir. Ich will es aufheben, damit ich den

schönen Spruch, der sich an mir so schön bewährte, immer vor Augen haben

kann. Ja, meine Kinder und Kindeskinder sollen noch im Vertrauen auf

Gott gestärkt werden, so oft sie das Ey erblicken und den Spruch lesen.

Vielleicht erzählen nach hundert Jahren meine Urenkel noch davon, wie

wunderbar Gott ihren Urgroßvater durch ein Paar Eyer vom Hungertode

gerettet habe. -- Ich will dir für die Eyer etwas anders geben.« Er zog

seinen Geldbeutel heraus, und gab ihm für jedes Ey, das er gegessen,

hatte, ein Goldstück -- für das mit dem schönen Reim aber zwey. Fridolin

wollte ihm das Ey zwar nicht lassen. Der Mann aber bat so lange, bis er

es ihm gab.

»Doch sieh,« sagte der Mann jetzt, indem er an der Felsenwand hinauf

blickte, »es will Abend werden, und die Felsen und Gesträuche da oben

schimmern in der Abendsonne schon wie rothes Gold. Versuch es doch

einmal, mir auf das Pferd zu helfen. Der Weg, auf dem du herabkamst in

diese fürchterliche Schlucht, wo die Sonne nie hinscheinet, läßt mich

doch einen Ausgang hoffen.«

Fridolin half ihm auf das Pferd, und führte es am Zügel. Sie kamen durch

den Hohlweg mit vieler Mühe, aber dennoch glücklich hinauf. O wie sich

da der Mann freute, als er die Sonne wieder erblickte, und Wald und

Gebirg umher, von ihren glühendrothen Strahlen herrlich beleuchtet.

»Zu meinem Vetter,« sagte Fridolin, »kommen wir jetzt wohl noch. Ich

gehe einen starken Schritt und euer Pferd bleibt gewiß nicht zurück. Der

Vetter wird euch mit Freuden aufnehmen. Er ist ein braver Mann. Ihr

findet nicht nur eine gute Nachtherberge, sondern sicher auch, bis ihr

wieder hergestellt seyd, eine liebreiche Pflege.«

Mit anbrechender Nacht kamen sie vor der Hütte des ehrlichen Steinhauers

an. Er nahm den Edelknecht mit Freuden auf, und klopfte seinem jungen

Vetter Fridolin auf die Schulter, daß er so brav und gut gehandelt habe.

-- Fridolin trug seine Bedenklichkeit vor, daß er nicht Wort halten und

seiner Mutter und seinen Geschwistern die gefärbten Eyer nicht senden

könne. »Ach was, Eyer,« sagte Fridolins Vetter, »ich weiß zwar nicht,

was du alles von rothen und blauen und bunten Eyern daher schwatzest,

oder was diese Eyer vor andern Vogeleyern, deren viele gewiß noch weit

schöner und zarter bemahlt sind, besonders haben sollen; aber wären sie

auch pures Gold, so wären sie dennoch wohl fort -- da nur der brave Mann

hier nicht hungers sterben durfte, und du einmal ein braver Kerl wirst.

Du hast gehandelt, wie der wohlthätige Samariter -- und ich will nun den

Wirth machen. Aber bezahlen darfst du mir nichts, setzte er noch

lächelnd hinzu. Hörst du?«

Der Edelknecht zeigte das Ey mit dem Spruche. »Es ist wunderschön,«

sagte der Vetter zu Fridolin. »Indeß laß ihm's nur; das Gold da wird

deiner Mutter lieber seyn. Komm, ich will es dir auswechseln!« Der

Jüngling erstaunte über die Menge Münze, die er dafür bekam; denn er

hatte das Gold nicht gekannt. »Sieh,« sagte der Vetter, »auch an deiner

Mutter wird der Spruch wahr: _Gott hilft in Noth!_ Der Spruch ist mehr

werth, als all das Gold. Es ist indeß gut, daß man den Spruch auch ohne

das Ey merken kann. Vergiß ihn daher dein Lebenlang nicht.«

Der Edelknecht blieb so lange, bis er ganz gesund war, und beschenkte,

ehe er aufsaß, noch alle im Hause reichlich.

Sechstes Kapitel.

Ein Ey, das wirklich in Gold und Perlen gefaßt wird.

Den Frühling und Sommer über fiel in dem Thale nichts besonders vor. Die

Kohlenbrenner bauten ihr kleines Feld und gingen fleißig in den Wald,

Kohlen zu brennen; ihre Weiber besorgten die Haushaltung und zogen viele

Hühner; und die Kinder fragten sehr oft, ob es wohl nicht bald wieder

Ostern sey. Die edle Frau aber war jetzt manchmal sehr traurig. Ihr

alter, treuer Diener, der sie hieher begleitet hatte, und anfangs von

Zeit zu Zeit bald größere, bald kleinere Reisen machte, und ihre

Geschäfte besorgte, konnte das Thal schon lange nicht mehr verlassen.

Denn er fing an zu kränkeln. Ja, als es Herbst ward und die Gesträuche

an den Felsen umher bereits bunte Blätter hatten, konnte er kaum mehr

vor die Thüre, um sich, was er sonst so gerne that, ein wenig zu sonnen.

Die Frau vergoß aus Mitleid mit dem guten, alten Manne, und aus

Besorgniß, ihre letzte Stütze zu verlieren, manche stille Thräne. Auch

das fiel ihr sehr schwer, daß sie nun durch ihn von ihrem Vaterlande

keine Nachricht mehr erhalten konnte, und in diesem abgelegenen Thale

von der ganzen übrigen Welt wie abgeschieden war.

Um diese Zeit setzte aber noch ein anders Ereigniß die gute Frau in

nicht geringe Aengste und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen eines

Morgens aus dem Walde heim, und erzählten, als sie die vergangene Nacht

wohlgemuth bey ihren brennenden Kohlhaufen gesessen wären, da seyen auf

einmal vier fremde Männer zu ihnen gekommen, die eiserne Kappen auf dem

Kopfe und eiserne Wammse angehabt, und große Schwerter an der Seite und

lange Spieße in der Hand geführt hätten. Sie hätten sich Dienstleute des

Grafen von Schroffeneck genannt, der mit vielen Reisigen in dem Gebirge

angekommen sey. Sie hätten sich auch nach allem in der Gegend wohl

erkundigt. Der Müller eilte mit dieser Neuigkeit sogleich zu der Frau,

die eben an dem Bette des kranken Kuno saß. Sie wurde, als der Müller

den Namen Schroffeneck nannte, todtenbleich, und rief: »O Gott, der ist

mein schrecklichster Feind! Ich glaube nicht anders, als er stellt mir

nach dem Leben. Die Kohlenbrenner werden den fremden Männern meinen

Aufenthalt doch ja nicht entdeckt haben!« Der Müller versicherte, so

viel er wisse, sey von ihr gar nicht die Rede gewesen. Die Männer hätten

sich an dem Feuer nur gewärmt und seyen gegen Tag wieder weiter

gegangen. Daß sie aber noch in dem Gebirge umherstreifen, sey dennoch

gewiß.

»Lieber Oswald!« sagte die Frau zum Müller, »Ich habe, seit ihr mich in

euer Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfürchtigen,

rechtschaffenen, redlichen Mann kennen gelernt. Euch will ich daher

meine ganze Geschichte anvertrauen, und auch die große Angst entdecken,

die jetzt mein Herz erfüllt; denn auf euern guten Rath und auf euern

treuen Beystand mache ich sichere Rechnung.«

»Ich bin Rosalinde, eine Tochter des Herzoges von Burgund. Zwey

angesehene Grafen warben um meine Hand -- Hanno von Schroffeneck und

Arno von Lindenburg. Hanno war der reichste und mächtigste Herr weit

umher, und hatte viele Schlösser und Kriegsleute; allein er war nicht

gut und edel. Arno war wohl der tapferste und edelste Ritter im Lande;

allein im Vergleich mit Hanno arm; denn er hatte von seinem edlen,

uneigennützigen Vater nur ein einziges alterndes Schloß geerbt, und war

auch gar nicht darauf bedacht, durch Gewalt mehrere an sich zu reißen.

Ihm gab ich, mit Gutheißen meines Vaters, meine Hand, und brachte ihm

eine schöne Strecke Landes mit mehreren festen Schlössern zum

Brautschatze. Wir lebten so vergnügt, wie im Himmel.«

»Hanno von Schroffeneck faßte aber einen grimmigen Haß gegen mich und

meinen Gemahl, und wurde uns todtfeind. Indeß verbarg er seinen Groll,

und ließ ihn nicht in öffentliche Feindseligkeiten ausbrechen. Nun mußte

mein Gemahl mit dem Kaiser in den Krieg gegen die wilden heidnischen

Völker ziehen. Hanno hätte den Zug auch mitmachen sollen. Allein unter

allerley Vorwänden wußte er seine Rüstungen zu verzögern, blieb zurück,

und versprach blos, dem Heere sobald möglich zu folgen. Während nun mein

Gemahl mit seinen Leuten an den fernen Grenzen für sein Vaterland

kämpfte, und alle genug zu thun hatten, den übermächtigen Feind

abzuhalten, brach der treulose Hanno in unser Land ein -- und niemand

war, der sich ihm widersetzen konnte. Er verwüstete alles weit umher,

und erstürmte ein festes Schloß nach dem andern. Mir blieb nichts übrig,

als mit meinen zwey lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein guter

alter Kuno war mein einziger Schutzengel auf dieser gefährlichen Flucht,

auf der ich keinen Augenblick vor Hanno's Nachstellungen sicher war. Er

führte mich in dieses Gebirg, wo ich in diesem vor aller Welt

verborgenen Thale einen so ruhigen Aufenthalt fand.«

»Hier wollte ich nun weilen, bis mein Gemahl aus dem Kriege zurück

kommen, und unsre Habe dem unrechtmäßigen Besitzer wieder entreißen

würde. Von Zeit zu Zeit zog Kuno aus dem Gebirge in die bewohntere Welt,

Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein immer kehrte er mit traurigen

Nachrichten zurück. Immer noch waltete der böse Hanno in unserm Lande,

immer noch dauerte der Krieg an den Grenzen mit abwechselndem Glücke

fort. Nun aber ist schon bald ein Jahr, daß mein guter Kuno krank ist,

und seit der Zeit weiß ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande,

und von meinem lieben Gemahl. Ach, vielleicht fiel er schon lange unter

dem Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno, der mir mit seinen Leuten

so nahe ist, meinem geheimen Aufenthalte auf die Spur -- und was wird

dann aus mir werden? Der Tod wäre noch das Beste, was mir begegnen

könnte! --«

»O redet doch mit den Köhlern, lieber Oswald, daß sie mich doch nicht

verrathen!« »Was verrathen!« sagte der Müller. »Ich stehe euch gut für

alle; jeder gäbe sein Leben für mich. Ehe der von Schroffeneck euch

etwas zu leid thun sollte, müßte er es mit uns allen aufnehmen. Seyd

daher außer Sorgen, edle Frau!« Eben so sprachen die Kohlenbrenner, als

ihnen der Müller die Sache vortrug. »Er soll nur kommen,« sagten sie,

»dem wollen wir mit unsern Schürhacken den Weg weisen.«

Die gute Frau brachte indeß ihr Leben unter beständigen Sorgen und

Aengsten zu. Sie getraute sich kaum mehr aus der Hütte, und ließ auch

keines ihrer Kinder vor die Thüre. Ihr Leben war sehr betrübt und

kummervoll. Da es aber in dem Gebirge wieder ruhig wurde, und man von

den geharnischten Männern nichts mehr sah und hörte, wagte sie es

einmal, einen kleinen Spaziergang zu machen. Es war nach langem Regen

gar ein schöner, lieblicher Tag spät im Herbste. Einige hundert Schritte

von ihrer Hütte war eine Art ländlicher Kapelle. Sie war nur aus rohen

Tannenstämmen erbaut, und an der Vorderseite ganz offen. In der Kapelle

sah man die Flucht nach Aegypten, ein sehr liebliches Gemählde, das Kuno

einmal von einer seiner Wanderungen mitgebracht hatte, die gute Frau

über ihre eigene Flucht zu trösten. Hinter der Kapelle erhob sich eine

hohe Felsenwand, und vor der Kapelle standen einige schöne Tannen, und

beschatteten den Eingang derselben. Das Plätzchen hatte noch etwas

Stilles und Trauliches, daß man mit Wehmuth und Freude hier verweilte.

Ein angenehmer Weg über grünen Rasen, zwischen mahlerischen Felsen und

Gesträuchen führte dahin. Dies war ihr liebster Spaziergang. Sie ging --

nicht ganz ohne Bangigkeit -- auch dieses Mal dahin. Sie kniete mit

ihren Kindern einige Zeit auf dem Betstuhle am Eingange der Kapelle. Die

Aehnlichkeit ihres Schicksals mit dem der göttlichen Mutter, die auch

mit ihrem Kinde in ein fremdes Land flüchten mußte, rührte sie, und

manche Zähre floß von ihren Wangen. Sie betete eine Zeit, und setzte

sich dann auf die Bank. Ihre Kinder pflückten indeß an den Felsen umher

Brombeeren, freuten sich, daß jede Beere gleichsam ein kleines,

glänzendschwarzes Träubchen bilde, und entfernten sich nach und nach

ziemlich weit.

Als nun die Frau so einsam da saß -- sieh, da kam ein Pilgersmann

zwischen den Felsen hervor und näherte sich der Kapelle. Er hatte nach

Art der Pilger ein langes, schwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel

darüber. Sein Hut war mit schönfarbigen Meermuscheln geziert, und in der

Hand führte er einen langen, weißen Stab. Er war, wie es schien, schon

sehr alt, aber doch ein stattlicher, sehr wohlaussehender Mann. Seine

langen Haare, die auf beiden Seiten der Scheitel schlicht herab hingen,

und sein langer Bart waren weiß wie Schleeblüthe, aber seine Wangen noch

röther, als die schönsten Rosen. Die Frau erschrack, als sie den fremden

Mann sah. Er grüßte sie ehrerbietig und fing ein Gespräch mit ihr an.

Sie aber war in ihren Reden sehr vorsichtig und zurückhaltend. Sie

blickte ihn nur sehr schüchtern an, als wollte sie ihn erst ausforschen,

ob sie ihm -- als einem ganz Fremden -- wohl auch trauen dürfe.

»Edle Frau,« sagte endlich der Pilger, »habt keine Furcht vor mir. Ihr

seyd mir nicht so fremd, als ihr denket. Ihr seyd Rosalinde von Burgund.

Ich weiß auch gar wohl, was für ein hartes Schicksal euch zwang,

zwischen diesen rauhen Felsen eine Zufluchtsstätte zu suchen. Auch euer

Gemahl, von dem ihr nun schon drei Jahre getrennt seyd, ist mir recht

wohl bekannt. Seit ihr hier in dieser abgelegenen Gegend wohnet, hat

sich in der Welt vieles geändert. Wenn euch je noch daran liegt, von dem

guten Arno von Lindenburg zu hören, und das Andenken an ihn in eurem

Herzen noch nicht erloschen ist, so kann ich euch die fröhlichsten

Nachrichten von ihm mittheilen. Es ist Friede! Mit Siegeskränzen

geschmückt kehrte das christliche Heer zurück. Euer Gemahl hat seine

geraubten Festen wieder erobert. Der Bösewicht Hanno rettete sich mit

genauer Noth in dieses Gebirg, und auch aus diesem hat er sich schon

weiter flüchten müssen. Der innigste Wunsch eures Gemahls ist nun, euch,

seine geliebte Gemahlinn, wieder aufzufinden.«

»O Gott!« rief jetzt die Frau, »welch eine Freudenbothschaft! O wie dank

ich Dir, lieber Gott!« Sie sank auf die Knie, und reichliche Thränen

flossen über ihre Wangen. »Ja,« sprach sie, »Du, guter Gott, hast meine

heißen Thränen gesehen, meine stillen Seufzer vernommen, mein

unaufhörliches Flehen erhört! -- O Arno, Arno, daß mir doch bald der

selige Augenblick würde, dich wieder zu sehen, und dir deine Kinder, die

bey deiner Abreise noch ganz unmündig waren, vorzuführen, damit du nun

aus ihrem Munde das erste Mal den holden Vaternamen vernehmest!«

»Ja wohl zweifeln, du frommer Mann,« sagte sie zum Pilger, »ob ich

meines Gemahls noch gedenke -- ob nicht sein Andenken in meinem Herzen

erloschen? -- O meine Kinder,« rief sie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die

schüchtern in einiger Entfernung standen, und den fremden Mann neugierig

betrachteten -- »o kommt hieher!« Beyde Kinder kamen eilig.

»Du, Edmund,« sprach sie jetzt zum Knaben, indem sie das Kind küßte und

ermunterte, nicht scheu, sondern hübsch dreist zu seyn, »sage dem Manne

hier das kleine Gebet, das wir alle Morgen für den Vater beten.« Der

Kleine faltete, als ob es allzeit so seyn müßte, auch wenn man es nur

auswendig hersagte, andächtig die Hände, und sprach mit sichtbarer

Rührung, die Augen zum Himmel gerichtet, laut und mit Ausdruck: »Lieber

Vater im Himmel! Sieh auf uns zwey arme Waislein herab! Unser Vater ist

im Kriege. O laß ihn nicht umkommen! O wir wollen auch recht fromm und

gut seyn, damit der liebe Vater Freude habe, wenn er uns einmal

wiedersieht! Ach ja, erfülle unsre Bitte!«

»Und du, Blanda,« sagte sie zum gelblockigten Mädchen mit den

Rosenwangen, »sag, wie beten wir Abends für den Vater, ehe wir uns

schlafen legen?« Das Kind faltete eben so wie der Knabe die kleinen

Händchen, schlug die blauen Augen zum Himmel auf, und betete schüchtern

mit sanfter, leiser Stimme: »Lieber Vater im Himmel! Ehe wir zur Ruhe

gehen, flehen wir noch zu Dir für unsern Vater auf Erde. Laß ihn sanft

ruhen und dein Engel beschütze ihn vor feindlichem Ueberfall. Schenke

auch der lieben Mutter sanften Schlaf, damit sie ihres tiefen Kummers

ein wenig vergesse. Oder wenn Du ihr auch den süßen Schlaf entziehen

willst -- so laß ihn auf die Augenlieder des Vaters sanft herabsinken. O

möchte dieser Abend der letzte unsrer traurigen Trennung seyn -- möchte

bald der frohe Morgen jenes Tages anbrechen, an dem wir ihn

wiedersehen!«

»Amen, Amen!« sagte die Mutter, indem sie die Hände faltete, und weinend

zum Himmel aufblickte. -- --

Jetzt fing der Pilger mit einem Male an laut zu weinen. In einem

Augenblicke hatte er die Verkleidung -- Haare und Bart, Pilgermantel und

Pilgerrock hinweg geworfen -- und stand nun in prächtiger, ritterlicher

Tracht, in Gold und Purpur, in jugendlicher Schönheit, voll Kraft und

Leben da, und breitete seine Arme weit gegen Frau und Kinder aus, und

rief mit lauter, tiefgerührter Stimme: »O Rosalinde, meine Gemahlinn --

o Edmund und Blanda, meine liebsten Kinder!«

Die Frau war vom plötzlichen Freudenschrecken ganz betäubt. Die Kinder,

die bey dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer Mutter aufgeblickt

hatten, als wollten sie um Hülfe für den Mann flehen, schauten, als sie

jetzt ihren Namen hörten, um -- und erschracken über das Wunder, das sie

zu sehen glaubten; denn sie meinten, da die Mutter ihnen öfters aus der

Legende erzählt hatte, nicht anders, als der Greis habe sich mit einem

Male in einen schönen Jüngling des Himmels -- in einen Engel verwandelt;

so schön kam ihnen ihr Vater vor. Denn wirklich war er auch der schönste

Mann unter dem ganzen christlichen Heere. O wie entzückt waren sie, als

die Mutter ihnen nun sagte, der schöne Herr sey ihr lieber Vater, von

dem sie ihnen so oft erzählt habe. Vater und Mutter und Kinder fühlten

sich so glücklich, als wären sie schon im Himmel, und ein Paar Stunden

verschwanden ihnen wie ein Paar Augenblicke.

Rosalinde hatte aus den Reden ihres Gemahls vernommen, daß er unter

starker Bedeckung spornstreichs hieher geritten sey, um sie hier

abzuholen; daß er aber wegen der steilen, gefährlichen Felsenwege sein

Gefolge von Reitern zurückgelassen habe, und in Pilgertracht, deren sich

die Vornehmen damals oft bedienten, wenn sie unbekannt reisen wollten,

zu Fuße vorausgeeilt sey, schneller bey ihr zu seyn, sich unter dieser

fremden Gestalt von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten seiner

Kinder zu überzeugen, und sie auf seinen Empfang vorzubereiten.

Rosalinde fragte, wie es gekommen sey, daß er ihren Aufenthalt so sicher

erfahren habe.

»O Rosalinde,« sagte er, »unser Wiedersehen ist die Frucht deiner

Wohlthätigkeit gegen die armen Leute, besonders gegen die Kinder in

diesem Thale. Darum hat Gott deinen Kindern den Vater wieder geschenkt.

Ohne diese deine wohlthätigen Gesinnungen hätten wir uns nicht so bald,

ach vielleicht gar nicht mehr gesehen! Denn überall warest du von unsren

Feinden umgeben, und leicht hättest du in ihre Hände fallen können. Erst

nachdem ich mit meinen Leuten im Gebirge angekommen war, entfloh Hanno

mit den Seinigen über alle Berge. Sieh da,« sprach er, und zeigte ihr

das gefärbte Ey mit dem Spruche: _Vertrau auf Gott, Er hilft in Noth!_

»Dieses Ey ward in der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu vereinigen.

Ich hatte lange Zeit her Leute ohne Zahl ausgesendet, dich zu suchen --

aber immer vergebens. Da kam einmal Eckbert, einer meiner Edelknechte,

den ich schon für verloren hielt, weil er mir gar lange ausblieb, von

einem Ritte zurück. Er war in einen Abgrund gestürzt, und wäre da bald

verhungert. Ein fremder Jüngling rettete ihn mit einem Paar Eyer vom

Hungertode, und ließ ihm noch obendrein dieses Ey mit dem schönen

Spruche zum Andenken an seine Rettung. Eckbert zeigte mir das Ey. Aber,

lieber Himmel, wie erstaunte ich! Auf den ersten Blick erkannte ich

deine Hand. Augenblicklich saßen wir auf, und ritten dem großen

Marmorbruche zu, in dem der gute Jüngling arbeitete. Dieser zeigte mir

den Weg hieher. Hättest du den schönen freundlichen Gedanken nicht

gehabt, den Kindern mit den bunten Eyern ein Fest zu machen; hättest du

bey den leiblichen Wohlthaten nicht auf den Geist so schön Bedacht

genommen, und die schönen Denkreime nicht auf die Eyer geschrieben,

wäret ihr alle -- du mein lieber kleiner Edmund da, und du meine kleine

holde Blanda hier, gegen einen fremden Jüngling nicht so wohlthätig

gewesen: o so wäre uns der heutige Freudentag nicht geworden. Auf jeder

milden Gabe -- sie sey auch noch so klein -- ruht doch immer der Segen

des Höchsten, wenn sie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer

Vergeltung gegeben wird. Sie ist ein Samenkorn, das reichliche Früchte

trägt. Unter Gottes Leitung bringt sie uns oft auf Erden schon großes

Heil. Merkt euch das euer Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen

gerne, sucht andern einen frohen Tag zu machen, gleicht eurer Mutter!

Helft andern aus der Noth, und euch wird auch geholfen werden! Erbarmet

euch, und ihr werdet auch Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann auf

Gott vertrauen können, und die felsenfeste Wahrheit auf der

zerbrechlichen Eyerschale da, die heute so schön in Erfüllung ging, wird

auch fernerhin an euch herrlich in Erfüllung gehen. Er wird euch nie

ohne Hülfe lassen. -- Dieß seht ihr aus dieser Geschichte. In Gold und

Perlen werde ich deßhalb dieses Ey fassen, und zum steten Andenken in

unsrer Burgkapelle am Altare aufhängen.«

Indeß war es Abend geworden, und schon glänzte hie und da ein Sternlein

am klaren Himmel. Graf Arno ging mit seiner Gemahlinn am Arme ihrer

ländlichen Wohnung zu, und die zwey Kleinen gingen voraus. Hier

erwartete sie neue Freude. Der Edelknecht und Fridolin, sein Erretter,

waren hier und hatten sich indeß mit Kuno unterhalten, den die Ankunft

seines geliebten Herrn schon fast gesund gemacht hatte. Der gute

Jüngling Fridolin, dem die Gräfin die Eyer geschenkt hatte, kam zuerst

herbey, und grüßte sie und die Kinder als alte Bekannte auf das

freundlichste und freudigste. Dann trat Eckbert, der Edelknecht, den die

Eyer vom Hungertode gerettet hatten, ehrerbietig herbey und sagte: »Laßt

mich, theure Gräfin, die wohlthätige Hand küssen, die mir unter Gottes

Leitung das Leben rettete.« Den braven Kuno umarmte der Graf als seinen

treusten Diener, und auch dem wackern Müller, der festlich geputzt in

seinem hellblauen Sonntagsrocke dastand, schüttelte er mit dankbarer

Rührung treuherzig die Hand. Sie speisten den Abend alle zusammen und

waren von Herzen fröhlich und vergnügt.

Die Ostereyer: Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder · 第 2 / 3 段