Zuletzt wurde schöner grüner Ackersalat aufgetragen. Kuno br

Die

Ostereyer.

Eine Erzählung

zum

Ostergeschenke

für

Kinder.

Von

dem Verfasser der Genovefa.

Leitmeritz. 1818.

bey Carl Wilhelm Medau.

Vorerinnerung an die Kinder.

Die folgende kleine Erzählung ward schon einmal vielen Kindern, die

längst zuvor über den hohen Sinn und die schöne Bedeutung des heiligen

Osterfestes unterrichtet worden, zu einer lehrreichen und angenehmen

Unterhaltung vorgelesen, und nicht nur die Kinder, sondern auch mehrere

Erwachsene hörten sie mit Freuden an.

Weil ich nun dachte, daß diese Erzählung auch euch, meine lieben Kinder

-- ja wohl auch euren größern Geschwistern und selbst euren Aeltern --

Vergnügen machen dürfte, so ward sie als ein kleines Ostergeschenk für

euch gedruckt.

Die Erzählung handelt, wie es der Titel sagt, freylich nur von einer

Kleinigkeit -- den Ostereyern; indeß werdet ihr gewiß gerne lesen, wie

auch die kleinste Gabe Gottes -- ein Ey! -- ein großes Wunder der

Allmacht und Weisheit Gottes und eine mannigfaltige Wohlthat für die

Menschen sey, ja wie Gott sich oft einer geringen Sache bediene, seine

heilige Vorschrift und liebreiche Vatersorgfalt an den Menschen zu

verherrlichen.

Diese und andere gute Lehren sind in diesem Büchlein die Hauptsache; das

übrige soll blos dazu dienen, euch eine unschuldige Freude zu machen --

wie etwa eure Mutter euch auf das Osterfest ein Ey schenkt, das nicht

nur durchaus voll kräftiger Nahrung ist, sondern auch durch ein

gefälliges Aeußeres und eine freundliche Farbe das Auge vergnügt.

Der Verfasser.

Erstes Kapitel.

»O weh, da giebts noch nicht einmal Hühner!«

Es lebten einmal vor vielen hundert Jahren, in einem kleinen Thale tief

im Gebirge, einige arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war rings von Wald

und Felsen eingeschlossen. Die Hütten der armen Leute lagen im Thale

umher zerstreut. Einige Kirsch- und Pflaumenbäume bey jeder Hütte, etwas

Ackerland mit Sommergetreide, Flachs und Hanf, eine Kuh und einige

Ziegen waren all ihr Reichthum. Indeß erwarben sie noch einiges mit

Kohlenbrennen für die Einschmelze im Gebirge. So wenig aber die Leute

hatten, so waren sie dennoch ein sehr glückliches Völklein; denn sie

wünschten sich nicht mehr. Sie waren bey ihrer harten Lebensart, bey

steter Arbeit und strenger Mässigkeit vollkommen gesund und man sah in

diesen armen Hütten -- was man in Pallästen vergebens suchen würde --

alte Männer, die über hundert Jahre zählten.

Eines Tages, da schon der Haber anfing zu bleichen und es in dem Gebirge

sehr heiß war, kam ein Köhlermädchen, das die Ziegen hütete, fast außer

Athem nach Hause gesprungen, und brachte den Aeltern die Nachricht, es

seyen fremde Leute in dem Thale angekommen von gar wundersamer Tracht

und seltsamer Redensart -- eine vornehme Frau, und zwey Kinder, und ein

sehr alter Mann, der, ob er gleich sehr prächtige Kleider anhabe, doch

nur ihr Diener scheine. »Ach, sagte das Mädchen, die guten Leute sind

hungrig und durstig, und sehr müde. Ich traf sie, als ich eine verlorne

Ziege suchte, ganz abgemattet im Gebirge an, und zeigte ihnen den Weg in

unser Thal. Wir wollen ihnen doch etwas zu essen und zu trinken hinaus

tragen -- und sehen, ob wir sie die Nacht bey uns und den Nachbarn nicht

unterbringen können.« Die Aeltern nahmen sogleich Haberbrot, Milch und

Ziegenkäse und gingen hin.

Die Fremden hatten sich indeß in den Schatten einer buschigen Felsenwand

gelagert, wo es sehr kühl war. Die Frau saß auf einem bemoosten

Felsenstücke, und hatte ihr Angesicht mit einem weißen Schleyer von

feinem Flor bedeckt. Eines der Kinder, ein zartes, wunderschönes

Fräulein, saß ihr auf dem Schooße. Der alte Diener, ein ehrwürdiger

Greis, war damit beschäftigt, das schwer beladene Maulthier abzupacken,

das sie bey sich hatten. Das andere Kind, ein muntrer, schöner Knabe,

hielt dem Thiere einige Disteln hin, an denen es begierig fraß.

Der Kohlenbrenner und sein Weib näherten sich der fremden Frau mit

Ehrerbietung. Denn an ihrer edlen Gestalt, ihrem Anstande und ihrem

langen, weißen Gewande merkte man sogleich, daß sie von hohem Stande

seyn müsse. »Sieh nur, sagte die Kohlenbrennerinn leise zu ihrem Manne,

den zierlich ausgezackten, stehenden Halskragen, die feinen Spitzen, aus

denen die zarten Hände nur zur Hälfte hervorblicken, und -- der tausig!

-- sogar die Schuhe sind so weiß, wie Kirschenblüthe, und mit silbernen

Blümchen geziert!« Der Mann tadelte aber sein Weib und sagte zu ihr:

»Dir steckt doch nichts im Kopfe, als die Eitelkeit! Den höhern Ständen

geziemt eine vornehmere Kleidung. Indeß macht das Kleid den Menschen um

nichts besser, und mit den zierlichen Schuhen hat die gute Frau wohl

schon manchen harten Tritt thun und manche rauhe Wege gehen müssen.«

Der Köhler und die Köhlerinn bothen der fremden Frau jetzt Milch, Brot

und Käse an. Die Frau schlug den Schleyer zurück und beyde wunderten

sich über die Schönheit und die edle, sanfte Gesichtsbildung der Frau.

Sie dankte freundlich, und ließ sogleich das Kind auf dem Schooße aus

der irdenen Schale voll Milch trinken -- und die hellen Thränen drangen

ihr aus den Augen, und benetzten die blühenden Wangen, als das Kleine

die Schale mit beyden Händchen festhielt und begierig trank. Auch der

liebliche Knabe kam herbey und trank auch. Darauf theilte sie von dem

Brote aus -- und dann trank sie erst selbst, und aß von dem Brote. Der

fremde Mann aber ließ sich besonders den Käs' sehr gut schmecken.

Während sie aßen, kamen aus allen Hütten groß und klein herbey, standen

im Kreise umher, und betrachteten neugierig und wundernd die

neuangekommenen Fremden.

Nachdem der alte Mann satt war, bat er flehentlich, die Leute möchten

der Frau doch in irgend einer Hütte auf einige Zeit ein kleines Stübchen

einräumen; sie werde ihnen nicht zur Last fallen, sondern alles

reichlich bezahlen. »Ach ja,« sagte die Frau mit sanfter, lieblicher

Stimme, »erbarmt euch einer unglücklichen Mutter und ihrer zwey Kleinen,

die durch ein schreckliches Schicksal aus ihrer Heimath vertrieben

wurden.« Die Männer traten sogleich zusammen, und hielten Rath, wie das

zu machen sey.

Oben im Thale brach hoch aus röthlichen Marmorfelsen ein Bächlein

hervor, stürzte sich, schäumend und weiß wie Milch, von Felsen zu

Felsen, und trieb eine Mühle, die gleichsam nur so an den Felsen dort

hing. Auf der andern Seite des Bächleins hatte der Müller noch ein

anderes nettes Häuschen erbaut. Freylich war es, wie alle übrigen Häuser

im Thale, nur ganz von Holz; aber gar freundlich anzusehen, von

Kirschbäumen lieblich beschattet, und von einem kleinen Gärtchen

umgeben. Dieses Häuschen bot der Müller der fremden Frau zur Wohnung an.

»Mein neues Hüttchen da droben,« sagte er, indem er mit der Hand hinauf

zeigte, »räume ich euch, wie es dasteht, herzlich gerne ein. Es ist

spanneu, und noch kein Mensch hat darin gewohnt. Ich baute es

eigentlich, um einmal dahin zu ziehen, wenn ich die Mühle meinem Sohne

übergeben werde. Wie doch der liebe Gott -- Ihm sey Dank! -- so

wunderbar für euch sorgt! Erst gestern bin ich damit vollends fertig

geworden, und heute könnet ihr nun schon einziehen. Es ist recht so, als

wenn ich es gerade nur für euch gebaut hätte. Es wird euch gewiß

gefallen!«

Die gute Frau war über dieses freundliche Anerbiethen hocherfreut.

Nachdem sie etwas ausgeruht hatte, ging sie sogleich hinauf. Sie trug

das kleine Fräulein auf dem Arme, und der alte Mann führte den Knaben an

der Hand. Der Müller aber besorgte das Maulthier. Die Frau fand das

Häuschen, zur großen Freude des Müllers, ganz unvergleichlich. Mit einem

Tische, einigen Stühlen, und Bettstätten war es schon versehen. Schöne

Teppiche und prächtige Decken zur Nachtruhe hatte die Frau auf dem

Maulthiere mitgebracht. Sie übernachtete daher sogleich da -- und dankte

Gott mit ihren beiden Kleinen vor dem Schlafengehen noch herzlich, daß

er ihr nach langem Herumirren einen so angemessenen Zufluchtsort habe

finden lassen. »Wer hätte es geglaubt, sagte sie, daß ich, in Pallästen

erwachsen, mich noch glücklich schätzen würde, in eine solche Hütte

aufgenommen zu werden. Wie nöthig hat auch der Höhere, gegen den

Niedrigsten gut und gefällig zu seyn! Könnte er auch so hart seyn, es

nicht aus Menschenfreundlichkeit zu thun, so sollte ihn doch die

Klugheit dazu bewegen. Denn kein Mensch weiß, was ihm bevorsteht.«

Den andern Morgen kam die Frau in aller Frühe mit ihren Kleinen aus der

niedern Wohnung hervor, sich ein wenig in der Gegend umzusehen. Denn am

Tage zuvor waren sie dazu allzumüde. Mit Entzücken betrachtete sie die

schöne Aussicht ins Thal. Die Hütten der Köhler lagen tief unten im

grünen Thale wie hingesäet, nur immer zwey oder drey beisammen. Das

Mühlbächlein schlängelte sich hell wie Silber mitten durchhin. Die

bunten Felsen voll grüner Gesträuche, an denen die Ziegen nagten, hätte

man, so wie sie jetzt von der Morgensonne beleuchtet waren, nicht

schöner mahlen können.

Der alte Müller kam, sobald er die Frau mit ihren Kindern erblickte,

sogleich aus der Mühle heraus, und über den schmalen Steg, der über das

Bächlein führte, herüber. »Aber nicht wahr, rief er, ein schöneres

Plätzchen als dieses, giebt es doch im ganzen Thale nicht! Hier scheint

die Morgensonne immer am ersten hin. Wenn die Hütten unten, wie eben

jetzt, noch im schwarzen Schatten liegen, so ist da droben schon alles

von der Sonne wie vergoldet. Ja oft, wenn in dem tiefen, feuchten Thal

kaum die Kamine der Hütten aus dem grauen Nebel hervorragen, hat man

hier den klaren blauen Himmel.«

Den Kindern der Frau gefiel aber das Mühlrad, das sich beständig so

geschäftig umdrehte, am besten. Den Knaben ergötzte besonders das

Klappern der Mühle, und das Rauschen des Wassers, das wie siedende Milch

zu kochen schien. Das Mädchen hingegen hatte ihre vorzügliche Freude an

den funkelnden Edelsteinen von allen Farben, die, wie sie sagte, im

Sonnenglanze von dem immer tröpfelnden Rade fielen.

Die Frau brachte den Tag zu, sich einzurichten, so gut es in diesem

armen Thale seyn konnte. Die Leute wetteiferten, sie mit Lebensmitteln,

mit Brennholz, irdenem Küchengeschirre, und andern Kleinigkeiten zu

versehen. Das Mädchen, das ihr zuerst den Weg in das Thal gezeigt hatte

und Martha hieß, kam zu ihr in den Dienst.

»Vor allem brauche ich Eyer!« sagte die Frau, als sie sich zum Kochen

anschickte. »Sieh doch, daß du mir für Bezahlung einige auftreibest.«

»Eyer?« fragte Martha ganz verwundert. »Je wozu denn?« »Närrisches

Mädchen,« sagte die Frau, »wozu? -- zum Kochen. Gehe nur, und mache, daß

du bald wieder kommest.« »Zum Kochen?« sagte das Mädchen; »aber die

Vögelein haben ja nun keine Eylein mehr, und dann wäre es doch auch

Schade. Vier Personen hätten ja wohl einige hundert Eylein von Finken

oder Hänflingen nöthig, sich satt zu essen.« »Was plauderst du da,«

sagte die Frau; »wer redet denn von den Eyerchen der Vögelein. Ich meyne

Hühnereyer.« Das Mädchen schüttelte den Kopf und sagte: »Was das für

Vögel sind, weiß ich gar nicht. In meinem Leben habe ich noch keine

gesehen.« »O weh, sagte die Frau, so giebts bey euch noch nicht einmal

Hühner!«

Denn da die Hühner erst aus dem Morgenlande zu uns gebracht wurden, so

war damals in manchen Gegenden ein Huhn wirklich etwas so seltenes, als

jetzt ein Pfau. Die Frau wußte sich, da hier auch nichts von

Fleischspeisen zu haben war, in ihrer kleinen Küche fast nicht zu

helfen. »Ich hätte nie daran gedacht,« sprach sie, »was es um ein Ey für

eine Wohlthat Gottes ist, bis jetzt, da ich keines haben kann. So gings

mir aber auf meiner Wanderung schon mit hundert Dingen. Mangel und Noth

haben doch auch ihr Gutes, indem sie uns auf manche Gabe Gottes, die wir

bisher nicht achteten, aufmerksam machen, und uns Dankbarkeit lehren.«

Die gute Frau mußte sehr kümmerlich leben. Die Leute trugen ihr indeß

fleißig zu, was sie nur immer glaubten, daß ihr angenehm seyn könnte.

Wenn der Müller eine schöne Forelle oder ein Köhler ein Paar

Krametsvögel fing, so brachten sie ihr dieselben sogleich. Die größten

Dienste that ihr aber der alte Diener, der mit ihr gekommen war. Sie

hatte noch einige goldene Kleinodien und kostbare Edelsteine. Von diesem

gab sie ihm von Zeit zu Zeit, und er verreiste damit, und blieb oft

mehrere Wochen aus. So oft er zurück kam, brachte er immer allerley mit,

das er für die kleine Haushaltung eingekauft hatte. Die Leute bemerkten

indeß, daß die Frau nach seiner Zurückkunft oft sehr traurig war, und

rothgeweinte Augen hatte. Sie wären gar gerne dahinter gekommen, wer sie

denn eigentlich sey, und woher sie komme. Allein sie selbst zu fragen,

hatten sie den Muth nicht. Der alte Mann aber sagte ihnen, wenn sie ihn

fragten, so seltsame Namen, daß sie dieselben kaum nachsprechen konnten,

und sie in einer Viertelstunde schon wieder vergessen hatten, bis sie

endlich merkten, daß der muntere Greis sie nur zum Besten habe. Da

machten sie sich an die Kleinen. »Sag' uns doch, sagten sie zum Knaben,

wie heißt denn deine Mutter eigentlich? Wir wollen es nicht weiter

sagen. Sag es uns nur ins Ohr.« Da sagte ihnen denn das Kind sehr

geheimnisvoll, aber auch sehr offenherzig und zutraulich: »Sie heißt

eigentlich Mamma.« Aehnliche Antworten gab auch das Mädchen. Die Leute

mußten es also der Zeit überlassen, dieses Geheimniß zu enthüllen.

Zweytes Kapitel.

»Gottlob, nun sind doch einmal die Hühner da!«

Einmal kam der alte Diener, der Kuno hieß, wieder von einer Reise heim,

und trug einen Hühnerstall auf dem Rücken. In dem waren ein Hahn und

einige Hennen. Als die Kinder im Thale den alten Mann kommen sahen,

liefen sie alle zusammen; denn er brachte ihnen immer etwas mit --

weißes Brot, getrocknete Pflaumen, ein Pfeifchen, ein Glöcklein für ihre

Ziegen oder sonst eine Kleinigkeit.

Dießmal waren die Kinder sehr neugierig, was denn in dem vergitterten

Kästchen sey, das fast ganz mit Tuch bedeckt war, so daß man nicht recht

hinein sehen konnte. Sie begleiteten ihn bis vor die Thüre der Frau, die

mit ihren zwey Kleinen sogleich freudig herauskam und ihn grüßte.

»Gottlob, rief das kleine Fräulein und klatschte in die Hände, nun sind

doch einmal die Hühner da!«

Der Mann stellte den Kasten nieder, öffnete das Thürchen, und da kam

denn zuerst ein prächtiger Hahn heraus. Die Kinder erstaunten. »Was für

ein sonderbarer Vogel das ist! riefen sie; denn wie man ihn heiße,

wußten sie noch nicht. In unserm Leben haben wir noch keinen so schönen

Vogel gesehen! Was er für eine schöne Krone auf dem Kopfe hat, noch

schöner roth, als Kornblumen; und wie wunderschön bräunlich und gelblich

seine Federn schimmern, noch schöner als reifes Getreide in der

Abendsonne; und wie wunderlich er den Schweif trägt, fast wie eine

Sichel gekrümmt!« Auch die Hennen gefielen ihnen sehr wohl. Es waren ein

Paar Schwarze mit hochrothem Kamme, ein Paar Weiße mit Schöpfen, und ein

Paar Röthlichbraune ohne Schweif. Die Frau streute den Hühnern einige

Hände voll Haberkörner hin. Die Hühner pickten sie geschäftig hinweg,

und die Kinder standen und knieten im Kreise umher, und sahen mit

vergnügten Gesichtern zu.

Als der Haber aufgefressen war, da schwang mit einem Male der Hahn die

Flügel und krähte -- und alle Kinder lachten laut zusammen, so freuten

sie sich darüber. Und im Heimwege schrien die Knaben alle: »Kikeriki«

und die Mädchen machten es ihnen wohl auch nach, aber doch nicht gar so

laut. Als die Kinder heimkamen, erzählten sie von den Wundervögeln, die

viel größer seyen, als die Ringeltauben, ja wohl größer, als die Raben,

und wie sie so schöne Farben hätten, noch viel schöner als alle Vögel im

Walde. »Und, sagte die kleine Marie, Marthas Schwesterlein, wie sie so

ein rothes Käpplein auf dem Kopfe tragen, wie es bisher noch bey keinen

Vögeln des Waldes gebräuchlich gewesen.« Auch die Aeltern wurden

neugierig und kamen, die fremden Vögel zu sehen, und waren nicht weniger

darüber verwundert.

Nach einiger Zeit ließ sich eine der Hennen zum Brüten an. Martha mußte

die Henne täglich füttern. Die Frau zeigte einmal den Kindern aus dem

Thale das Nest, und die Kinder wunderten sich alle laut über die Menge

von Eyern. »Funfzehn Eyer!« riefen sie; »die Holztauben legen nur zwey,

andere Vögelein nur fünf Eyer. O wie wird die Henne so viele Junge

auffüttern!«

Da die Jungen anfingen auszukriechen, wollte die Frau den Kindern eine

Freude machen, und ließ sie rufen. Es kamen aber, da es eben Feyertag

war, auch viele große Leute mit. Sie zeigte ihnen ein aufgepicktes Ey. O

wie freuten sich die Kinder, als das junge Hühnlein so geschäftig

pickte, herauszukommen. Die Frau half ihm vollends heraus. Nun war die

Verwunderung noch größer, daß das kleine Vögelein schon über und über so

schöne gelbe Flaumfederlein habe, so munter aus den schwarzen Aeuglein

blicke, und sogleich davon laufen könne, da doch andere junge Vögelein

nackt, blind und ganz hülflos zur Welt kämen. »Das ist doch etwas

unerhörtes,« sagten die Kinder, »solche Vögel giebt es in der ganzen

Welt nicht mehr.«

Als die schöne, glänzend schwarze Glucke mit dem purpurrothen Kamme, in

Mitte ihrer fünfzehn gelbhaarigen Jungen, das erste Mal auf den grünen

Rasen herausschritt, da war die Freude der Kinder und Aeltern gar über

alle Weise. »Schöneres kann man doch nichts sehen!« sagte ein Köhler.

»Und horcht nur,« sprach die Köhlerinn, »wie die Alte den Jungen lockt,

und wie die kleinen Dingerchen den Ruf verstehen, und sogleich folgen.

Es wäre zu wünschen, daß ihr Kinder auch immer so auf den Ruf ginget.«

Ein Knabe wollte ein junges Hühnlein fangen, um es näher zu betrachten.

Das kleine Dingelchen schrie aber kläglich, und auf das Geschrey schoß

die Alte plötzlich und mit weitgeöffneten Flügeln herbey, und flog dem

Knaben, der heftig erschrack und jammernd um Hülfe schrie, auf den Kopf.

Sie hätte ihm wohl die Augen ausgekratzt, wenn er das Junge nicht

augenblicklich wieder hätte laufen lassen. Der Vater schmähte den

Knaben, und die Mutter sagte: »Wie das treue Thier sich seiner Jungen so

eifrig annimmt! Menschen könnten sogar von ihm lernen.«

Wenn die Henne nun einen guten Bissen fand, so erhob sie sogleich ein

Geschrey, und die Jungen eilten alle zusammen. Die Alte zerhackte ihn

erst mit ihrem Schnabel und legte ihnen gleichsam vor. Jedermann

wunderte sich, daß so junge Thierchen, die kaum über einen Tag alt

wären, nicht nur sogleich laufen, sondern auch schon fressen könnten.

Da jetzt die Sonne sich etwas unter die Wolken verbarg -- so sammelten

sich alle Jungen unter die Alte, und versteckten sich da, um sich zu

wärmen. »Das ist noch das allerschönste,« sagten die Leute. »Es ist gar

so artig und munter, wie hie und da ein Köpfchen unter den Flügeln der

Henne hervorsieht, oder sich ein Junges hervorwagt, und sogleich wieder

an einer andern Stelle unter sie hineinkriecht.«

Der Müller, der in seiner weißbestäubten Kleidung in Mitte der schwarzen

Köhler sich gar sonderbar ausnahm, aber auch an Einsicht sich eben so

vor ihnen auszeichnete, sprach: »Was das doch ein Wunderding mit diesen

fremden Vögeln ist! Wir erblicken zwar Gott überall in der Natur; aber

wenn wir etwas ungewöhnliches sehen, fällt uns seine Allmacht, Weisheit

und Güte doch noch mehr in die Augen. Bedenkt nur, wie gut es ist, daß

diese kleinen Vögelein sogleich laufen und fressen können; wenn die Alte

so vielen Jungen das Futter im Schnabel zutragen müßte, wie eine

Schwalbe, da würde sie nicht fertig! Wie gut ists, daß es schon die

Natur der Jungen so ist, der Alten nachzulaufen und ihrer Stimme zu

folgen. Liefen sie, weil sie doch auf der Stelle laufen können, sogleich

auseinander; die Alte könnte sie nicht mehr zusammen bringen, und die

Jungen gingen verloren. Besonders wundert mich aber, wo die Henne den

Muth hernimmt, ihre Jungen so tapfer zu vertheidigen! Habe ich mich doch

oft schon über die Hühner geärgert, und sie dumme Thiere gescholten,

weil sie allemal, so oft ich an ihnen vorbey ging, vor Furcht scheu

auseinander flogen, obwohl sie längst merken konnten, daß ich ihnen

nichts zu leid thue. Und nun ist die Natur des Thieres ganz verändert,

und sie setzt sich gegen einen Mann zur Wehre. Oft hat es mich ergötzt,

wie die Hennen um einen Bissen zanken, oder wie diejenige, die ein

größeres Bröcklein fand, so neidig ist, und sogleich davon läuft, und

wie die andern ihr nachlaufen, und es ihr nehmen wollen. Jetzt aber hat

sie ihre Gefrässigkeit ganz abgelegt, und ruft den Jungen selbst und

rührt nichts an, bis alle satt sind. Ich glaube das gute Thier stürbe

lieber selbst Hungers, als daß sie eines ihrer Jungen verhungern ließe.

Diese zärtliche Sorgfalt, mit der die Henne ihre zarten Jungen

umherführt, Futter für sie aufsucht, sie ernährt, sie beschützt, sie

unter ihren Flügeln wärmt -- hat Gott dem Thiere eingepflanzt. So

zärtlich ist Gott für diese jungen Hühnlein besorgt! Und wie sollten nun

wir verzagen? Sollte Er nicht noch mehr für uns besorgt seyn? Freylich

sorgt Er noch mehr für uns. Darum nur guten Muth, lieben Leute! Gott

macht alles wohl. Er sorgt für alle seine Geschöpfe -- am meisten aber

für den Menschen, der in seinen Augen mehr ist, als alle Hühner und alle

andern Vögel in der ganzen Welt.«

Drittes Kapitel.

»Jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß.«

Weil die guten Leute im Thale gegen die fremde Frau immer gar so

gefällig gewesen, so war sie schon lange darauf bedacht, ihnen auch

wieder eine Freude zu machen, und ihre ärmliche Haushaltung zu

erleichtern. Die gute Frau hatte daher Eyer und Hühner sehr geschont,

und da sie nun einen schönen Vorrath von Eyern und auch mehrere Hühner

beysammen hatte, schickte sie Martha ins Thal, alle Hausmütter auf den

morgigen Tag, der ein Sonntag war, einzuladen. Sie kamen mit Freuden,

und in ihrem schönsten Aufputze. In dem kleinen Gärtchen hatte der alte

Diener einen ländlichen Tisch mit einigen Bänken bereitet. Hier mußten

sie Platz nehmen.

Martha brachte hierauf einen großen Korb voll Eyer. Die waren alle so

reinlich, daß man kein Flecklein daran sah, und weiß wie Schnee. Die

Kohlenbrennerinnen erstaunten und wunderten sich nicht wenig über die

Menge von Eyern. »Gottlob! sagte die Frau, jetzt giebt es Eyer im

Ueberfluß, und es ist allerdings ein schöner Anblick, so viele reinliche

Eyer beysammen zu sehen. Nun will ich euch aber auch zeigen, wie man sie

in der Haushaltung nützen kann.«

In einer Ecke des Baumgärtchens, unten an einem Felsen, war Feuer

aufgemacht. Eine große Pfanne voll Wasser hing über dem Feuer. Die Frau

schlug zuerst ein Ey auf, um zu zeigen, wie es innen aussehe, bevor es

in das heiße Wasser komme. Alle betrachteten mit Aufmerksamkeit die

schöne kristallhelle Feuchtigkeit, in der gleich einer gelben Kugel der

Dotter schwamm. Nun wurden so viele Eyer, als es Gäste waren, weich

gesotten. Auf dem Tische war Salz und weißes länglich geschnittenes Brot

in Bereitschaft. Die Frau lehrte sie die Eyer öffnen, und nun wunderten

sich alle, wie das durchsichtige des Eys so schön weiß wie Milch aussah,

und eben so, wie das Gelbe, fester geworden. Alle lobten, indem sie nach

Anweisung der Frau die Eyer mit dem Brote austunkten, die treffliche

Speise. »Da hat man,« sagten sie, »Geschirr und Speise sogleich

beysammen. Und wie schön und reinlich, wie lieblich weiß und gelb alles

aussieht! Wie schnell, ohne Kunst, ohne allen Aufwand ein Ey gekocht

ist. Auch für Kranke könnte man nicht leicht eine wohlfeilere und

nahrhaftere Speise finden.«

Die Frau schlug hierauf Eyer in heißes Schmalz. Dieses war für die

Köhlerinnen wieder eine neue Erscheinung. »Wie das Gelbe so schön vom

Weißen umgeben ist,« sagten sie, »wie bey den großen weiß- und gelben

Wiesenblumen, die man Ochsenaugen nennt.« Die Eyer wurden nach und nach

auf grünen Spinat gelegt, der in einer großen flachen Schüssel bereit

stand -- und auch diese Speise wurde von allen gelobt. So machte die

Frau noch andere Eyerspeisen, und unterrichtete die Köhlerinnen, wie die

Eyer nicht nur an und für sich eine gesunde Speise seyen, sondern mit

noch größerm Vortheil zur bessern Bereitung anderer Speisen benützt

werden können.

Zuletzt wurde schöner grüner Ackersalat aufgetragen. Kuno brachte einen

Teller voll Eyer, die schon früher hart gesotten wurden, damit sie indeß

wieder kalt würden. Der fröhliche Alte ließ aus Scherz die Eyer fallen,

daß sie auf dem steinigen Boden herumrollten. Die Köhlerinnen am Tische

erschracken, daß sie laut aufschrien. Sie meynten, die Eyer würden

ausfließen. Aber wie wunderten sie sich alle, als die Frau die Schalen

rein ablöste, und jedes Ey so durchaus hart erschien, daß es sich

schneiden ließ. Die Sache schien ihnen ein Wunder. Indeß sagte ihnen die

Frau, wie man die Eyer hart siede und legte die zierlich geschnittenen

Eyer auf den Salat, und auch diese Speise schmeckte den Gästen sehr gut.

Nachdem die Mahlzeit geendet war, vertheilte die Frau einige Hähne und

mehrere Hennen unter die Hausmütter. Sie sagte ihnen, daß eine Henne des

Jahres hundert, bis hundert fünfzig Eyer lege -- worüber alle

erstaunten. »Ueber hundert Eyer!« riefen sie. »Welch ein Vortheil in der

Haushaltung!« Die guten Hausmütter brachten mit den Hühnern eine große

Freude ins Thal. In allen Hütten war Jubel. Alle Leute im Thale segneten

die Frau, und dankten Gott für so schöne wohlthätige Geschenke.

Die Hühner waren lange Zeit das tägliche Gespräch. Immer bemerkten die

Leute noch etwas neues daran, das sonderbar und zugleich nützlich war.

Die Eigenschaft, daß der Hahn morgens krähe, war den Hausvätern

besonders lieb. »Er verkündet so,« sagten sie, »den nahen Tag und

fordert die Menschen auf, an ihr Tagwerk zu gehen. Es ist ein ganz neues

Leben im Thal, wenn am Morgen die Hähne so zusammen krähen, und man geht

ordentlich munterer an die Arbeit!« »Freylich wohl!« sagte der Müller.

»Wenn der Hahn aber gegen Mitternacht das erste Mal kräht, so ruft er

den lustigen Gesellschaften mit lauter Stimme zu, jetzt sey es die

höchste Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.«

Den Hausmüttern gefiel es noch besonders, daß die Henne es gatzend

ankündete, wenn sie ein Ey gelegt hatte. Allemal war Freude im Hause,

wenn sie sich hören ließ. »So weiß man es doch gleich,« sagten sie, »und

kann das nützliche Geschenk sogleich in Empfang nehmen.«

Hausväter und Hausmütter sagten oft unter einander: »Diese Vögel sind

wahrhaftig von Gott recht eigentlich zu Hausthieren geschaffen. Sie

halten sich so treulich an das Haus, entfernen sich nie weit davon,

kommen, sobald man ihnen lockt, sogleich alle zurück, ja, sie gehen am

Abende von selbst heim, und warten an Hausthür oder Fenster, bis man sie

hereinlasse. Nicht nur bringen sie in der Haushaltung einen großen

Nutzen; ihr Unterhalt kostet auch sehr wenig. Sie nehmen mit Kleye, mit

dem Abfalle vom Gemüse, und mit andern schlechten Dingen vorlieb, die

man im Hause sonst nicht weiter nützen könnte. Ja sie gehen vom Morgen

bis Abend außer dem Hause überall umher und scharren und suchen ihr

Futter selbst auf. Viele tausend Körnlein, die besonders zur Erntezeit

und bey dem Dreschen verloren gingen, kommen so noch den Menschen zu

gut. Die Hennen lesen sie fleißig auf und geben uns Eyer dafür. Die

ärmste Wittwe, die sonst kein Hausthier halten konnte, vermag doch noch

eine Henne, und das tägliche Ey ist ein tägliches Almosen für sie.«

Auch die zwey Kinder der Frau sahen nun ein, woran sie im Ueberflusse

nie gedacht hatten, was die Eyer für gütige Geschenke Gottes seyen. O

wie froh waren sie, als sie hie und da morgens ein Ey in Milch essen

konnten! Wie gut fanden sie nun manche Speise, die ihnen vorhin nicht

recht genießbar schien, weil das Ey daran fehlte. Wie sehr dankten sie

Gott dafür!

Viertes Kapitel.

Das Fest der bemahlten Eyer, ein Kinderfest.

Indeß gingen Sommer und Herbst vorüber, und der Winter kam. Er war,

zumal in dieser rauhen Gegend, sehr hart. Die kleinen Hütten im Thale

lagen Monate lang, wie im Schnee vergraben. Nur die rauchenden Kamine

und etwas von den Dächern schauten noch aus der weißen Hülle hervor. Von

dem Hohlwege zwischen den Felsen herauf sah man gar nichts mehr. Die

Mühle stand still, und die Wasserfälle hingen starr und geräuschlos an

den Felsen da. Man konnte nur wenig zusammen kommen. Desto größer war

die Freude, als der Schnee schmolz, und es wieder Frühling ward.

Die Kinder aus dem Thale kamen sogleich wieder herauf, und brachten den

beyden fremden Kindern, Edmund und Blanda, die ersten blauen Veilchen

und gelben Schlüsselblümchen, die sie im Thale finden konnten. Ja sie

flochten ihnen, sobald es mehrere dieser holden Frühlingsblümchen gab,

die schönsten blauen und gelben Kränze. »Ich muß,« sagte die edle Frau,

»den guten Kindern doch auch eine Freude machen. Ich will ihnen auf den

kommenden Ostertag ein kleines ländliches Kinderfest geben. Denn es ist

gar schön, daß man solche Tage den Kindern, so gut man nur immer kann,

zu Freudentagen mache. Aber was soll ich ihnen geben? Auf Weihnachten

konnte ich sie mit Aepfeln und Nüssen beschenken, die ich für sie hatte

bringen lassen. Allein zu dieser Zeit hat man nichts im Hause, als etwa

ein Ey. Noch bringt die Natur nichts hervor, das zu genießen wäre. Alle

Bäume und Sträuche stehen ohne Früchte und Beeren. Eyer sind die ersten

Geschenke der wieder auflebenden Natur.«

»Aber,« sagte Martha, »wenn die Eyer nur nicht so ganz ohne alle Farben

wären! Weiß ist wohl auch schön. Allein die allerley Farben der Früchte

und Beeren, zumal die schönen rothen Wangen der Aepfelein, sind doch

noch schöner.«

»Du bringst mich da auf einen Einfall,« sagte die gute Frau, »der nicht

gar übel seyn mag. Ich will die Eyer hart sieden, und sie, was sich

während des Siedens leicht thun läßt, zugleich färben. Die mancherley

Farben machen den Kindern gewiß große Freude.«

Die verständige Mutter kannte verschiedene Wurzeln und Moose, die man

zum Schönfärben brauchen kann. Sie färbte nun die Eyer auf verschiedene

Art. Einige wurden schön himmelblau, andere gelb wie Zitronen, andere so

schön roth wie das Innere der Rosen. Einige hatte sie mit zarten grünen

Blättchen eingebunden, die sich dann auf den Eyern abbildeten, und ihnen

ein unvergleichlich schönes buntes Aussehen gaben. Auf einige setzte sie

auch einen kleinen Reim.

»Die bemahlten Eyer,« sagte der Müller, als er sie erblickte, »sind

gerade recht für das Fest, wo die Natur ihr weißes Kleid ablegt, und

sich mit allerley Farben schmückt. Die gute Mutter macht es gerade wie

der liebe Gott, der uns nicht nur schmackhafte Früchte giebt, sondern

sie auch noch für das Auge schön und freundlich macht. Wie er die

Kirsche roth, die Pflaume blau, die Birne gelb färbt, so macht sie es

mit den Eyern.«

Der Ostertag war diesesmal ein überaus schöner Frühlingstag -- ein

wahrer Auferstehungstag der Natur. Die Sonne schien so schön und warm,

der Himmel war so rein und blau, daß es eine Lust war, und alles neues

Leben fühlte. Die Wiesen im Thale waren bereits schön grün und hie und

da schon bunt von Blumen.

Schon lange vor Anbruch der Morgenröthe hatten die Frau und der alte

Kuno sich auf den Weg zur Kirche gemacht, die über zwey Stunden weit

entfernt jenseits mehrerer Berge lag. Die Väter und Mütter aus dem

Thale, und die größern Kinder, die so weit gehen konnten, zogen auch mit

dahin. Gegen Mittag kam die Frau mit Hülfe des Maulthieres, das Kuno

führte, wieder zurück; die übrigen Leute aber kamen mit ihren Kindern

erst lange nach Mittag, oder gar erst gegen Abend nach Hause.

Sobald die Frau angelangt war, eilten jene Kinder, die man daheim

gelassen hatte, und die mit Edmund und Blanda ungefähr von einerley

Alter -- und schon lange eingeladen waren, voll Freude herauf.

Die Frau führte sie in das Gärtchen, das Kuno im vorigen Jahre sehr

verschönert hatte. Nahe an der Felsenwand, auf einem zierlich mit Kiese

beschütteten Grunde, war ein länglicht runder Tisch. Der war jetzt mit

einem farbigen Teppiche belegt. Rasensitze von jungem, frischen Grün

umgaben ihn. Die Kinder setzten sich rings um den Tisch, und mitten

unter ihnen Edmund und Blanda. Alle sahen freundlich und fröhlich aus

den Augen und waren voll Erwartung der Dinge, die da kommen würden. Es

war wirklich ein ungemein lieblicher Anblick, den schönen Kreis von

gelb- und braunlockichten Köpfchen und alle blühenden Gesichtchen zu

sehen. »So schön ist kein Blumenkranz,« sagte die Frau bey sich selbst,

»und wäre er auch aus den schönsten Rosen und Lilien gewunden.«

Nun erzählte ihnen die Frau zuerst sehr schön und deutlich, warum der

heilige Ostertag ein so großes Freudenfest sey -- und dann wurde eine

große irdene Schüssel voll heißer Milch aufgetragen, darein Eyer

geschlagen waren. Jedes Kind hatte ein neues irdenes Schüsselchen vor

sich stehen. Jedes bekam nun seinen Theil und ließ sichs trefflich

schmecken. Hierauf führte die Frau die Kinder durch eine Seitenthür des

Gärtchens in das kleine Tannenwäldchen, das an den Garten stieß.

Zwischen den jungen Tännchen waren hie und da schöne grüne Rasenplätze.

Da sagte die Frau den Kindern, jedes solle aus Moos, mit dem die Felsen

und Bäume umher reichlich bewachsen waren, ein kleines Nestchen machen.

Sie gehorchten mit Freuden. Denjenigen Kindern, die nicht zurecht kommen

konnten, mußten die geschicktern helfen. Jedes mußte sich sein Nestchen

recht wohl merken.

Nun kehrten die Kinder wieder in den Garten zurück. Aber sieh -- da

erblickten sie auf dem Tische einen großen Kuchen von Eyerbrot, der wie

ein großer gewundner Kranz gestaltet war. Jedes bekam nun ein großes

Stück Kuchen. Indeß nun die Kinder aßen, schlich Martha mit einem großen

Korbe voll gefärbter Eyer heimlich in das Wäldchen, und vertheilte die

Eyer in die Nestchen, und die blauen, rothen, gelben oder bunten Eyer

nahmen sich in den zierlichen Nestchen von zartem, grünlichem Moose

ungemein schön aus.

Nachdem die Kinder genug gegessen hatten, sagte die Frau: »Nun kommt,

jetzt wollen wir nach den Nestchen sehen.« In jedem Nestchen lagen fünf

gleichfarbige Eyer, und auf Einem derselben stand ein Reim. Was da die

Kinder für ein Freudengeschrey erhoben! Die Freude und der Jubel ging

über alle Beschreibung. -- »Rothe Eyer! Rothe Eyer!« rief das eine, »in

meinem Nestchen sind lauter rothe Eyer.« »Und in dem meinigen blaue,«

rief ein anderes, »o alle so schön blau, wie jetzt der Himmel.« »Die

meinigen sind gelb,« schrie ein drittes, »noch viel schöner gelb, als

die Schlüsselblümchen, oder der hellgelbe Schmetterling, der dort

fliegt.« »Die meinigen, rief das vierte, haben gar alle Farben!« »O das

müssen wunderschöne Hühner seyn,« rief ein kleiner Knabe, »weil sie so

schöne Eyer legen. Die möchte ich einmal sehen.«

»Ey,« sagte Martha's Schwesterchen, das Kleinste aus allen Kindern, »die

Hühner legen freylich keine so schöne Eyer. Ich glaube gar, das Häschen

hat sie gelegt, das aus dem Wachholderbusche heraussprang und davon

lief, als ich dort das Nestchen bauen wollte.« Und alle Kinder lachten

zusammen, und sagten im Scherze, der Haase lege die bunten Eyer. Ein

Scherz, der sich in manchen Gegenden bis auf unsere Zeiten erhalten hat.

»O mit wie wenigem,« sagte die Frau, »kann man den Menschen eine große

Freude machen! Wer sollte nicht gerne geben; indem ja geben seliger ist,

als empfangen! -- Wer doch noch ein Kind seyn könnte! Eine solche Freude

empfinden unter den Erwachsenen nur diejenigen, die ihr Herz rein und

schuldlos bewahrten. Nur die leben noch in dem Paradiese der Kindheit --

diesem Gottesreiche schuldloser Freude.«

Nun machte die Frau den Kindern wieder eine andere Unterhaltung. Manches

Kind, das nur blaue Eyer bekam, hätte gerne auch ein rothes oder gelbes

gehabt. Denen, mit den rothen, gelben oder bunten Eyern ging es eben so.

Die Frau sagte daher den Kindern, sie sollen mit einander tauschen. Nur

das Ey mit dem Sprüchlein durfte nicht vertauscht werden. Das war jetzt

eine neue Freude, da jedes Kind auf diese Art Eyer von allen Farben

erhielt. »Seht,« sagte die Frau, »so muß man einander aushelfen. Wie es

mit den Eyern hier ist, so ist es mit tausend andern Dingen. Gott

theilte seine Gaben so aus, daß die Menschen einander davon wechselweise

mittheilen können, und so einander Freude machen und einander lieber

gewinnen sollen. Möchte doch jeder Tausch oder Kauf, wie euer kleiner

Eyerhandel beschaffen seyn, daß immer beyde Theile gewinnen, und keiner

verliere.«

Der kleine Edmund las seinen Reim. Ein Köhlerknabe war darüber voll

Erstaunen. Denn damals gab es noch wenige Schulen, und mancher

Erwachsene wußte kaum, daß es um das Lesen und Schreiben etwas Schönes

und Nützliches sey. Der Köhlerknabe wollte nun sogleich wissen, was denn

da auf _seinem_ Ey geschrieben stehe. »O ein unvergleichlich schönes

Sprüchlein!« sagte die Frau. »Höre einmal! _Für Speis und Trank -- dem

Geber dank!_« Sie fragte die Kinder, ob sie dieses immer gethan hätten?

Jetzt fiel es ihnen erst ein, Gott für die fröhliche Mahlzeit und die

schönen Eyer zu danken, was sie denn nach Anleitung der Frau auch

sogleich von Herzen thaten.

Nun wollte aber jedes Kind wissen, was auf seinem Ey stehe. Alle

drängten sich um die Frau. Alle die kleinen Händchen, und in jedem der

Händchen ein Ey, waren gegen sie ausgestreckt. Alle riefen wie mit einem

Munde: »Was steht auf meinem? Was auf meinem? Wie heißt meines? O meines

zuerst lesen!«

Die Frau mußte Friede machen, und die Kinder in einen Kreis stellen.

Jetzt las sie in der Reihe herum ein Sprüchlein nach dem andern. Jedes

Kind war voll Begierde zu wissen, wie sein Reimlein heiße. Alle horchten

auf die Frau, und wandten kein Auge von ihr, wenn sie wieder ein

Sprüchlein las.

Die Reimlein bestanden nur immer aus einigen Wörtchen. Alle zusammen,

sowohl auf den Eyern, die sie jetzt, als auf jenen, die sie nachher noch

austheilte, waren ungefähr folgende:

1. Nur Eins ist noth,

Kind, liebe Gott!

2. Gott sieht dich, Kind,

Drum scheu die Sünd.

3. Für Speis und Trank

Dem Geber dank'.

4. Ein dankbar Herz

Flammt himmelwärts.

5. Vertrau' auf Gott,

Er hilft in Noth.

6. Höchst elend ist,

Wer Gott vergißt.

7. Wer Jesum ehrt,

Thut, was Er lehrt.

8. Gebet und Fleiß

Macht gut und weis'.

9. Fromm, gut und rein,

Drey Edelstein.

10. Ein gutes Kind

Gehorcht geschwind.

11. Beym Eigensinn

Ist kein Gewinn.

12. Ein reines Herz

Erspart viel Schmerz.

13. Kind, wirst du roth,

So warnt dich Gott.

14. Wie Rosen blüht

Ein rein Gemüth.

15. Bescheidenheit

Das schönste Kleid.

16. Wer Lügen spricht,

Dem glaubt man nicht.

17. Die Heucheley

Ein faules Ey.

18. Verdientes Brot,

Macht Wangen roth.

19. Unmäßig seyn

Bringt Schmach und Pein.

20. Geiz macht ein Herz

Zu Stein und Erz.

21. Ein frommer Mann,

Hilft wo er kann.

22. Zorn, Haß und Neid

Bringt dir nur Leid.

23. Still, sanft und mild,

Ein goldner Schild.

24. Geduld im Leiden

Bringt Himmelsfreuden.

25. Gutseyn, nicht Gold,

Macht lieb und hold.

26. Ein gut Gewissen,

Ein sanftes Kissen.

27. Wer Gutes thut,

Hat frohen Muth.

28. Zur Ewigkeit

Sey stets bereit.

29. Weltlust vergeht,

Tugend besteht.

30. Den Frommen lohnen

Dort ew'ge Kronen.

Jedes Kind gab sich alle Mühe, sein Reimlein zu merken, und wiederholte

es in der Stille immer bey sich selbst, um es nicht zu vergessen.

Die Frau fragte nun in der Reihe herum, ob jedes sein Sprüchlein noch

wisse. Hie und da mußte sie ein wenig nachhelfen. Aber bald wußte jedes

Kind das seine schön und deutlich zu sagen. Ja viele merkten auch die

Reimlein der übrigen. Nach und nach wußte fast jedes Kind alle Reime

auswendig. Wenn man nur das erste Wort nannte, so wußten sie fast

allemal das Sprüchlein bis ans Ende zu sagen. Und wenn man die erste

Hälfte sagte, so wußten sie die zweyte ganz sicher. So viel auf einmal,

und so leicht, unter Lust und Lachen, hatten die Kinder noch nie

gelernt.

Die Väter und Mütter und die andern Kinder, die indes nach Hause

gekommen waren, und den lauten Jubel, der in das Thal hinabscholl,

vernahmen, eilten herauf, zu sehen und zu hören, was es denn gebe, und

waren ganz erstaunt. »So viel,« sagten sie, »lernen ja die Kinder zu

Hause kaum in einem halben Jahre auswendig, als hier in einer halben

Stunde. Es bleibt doch wahr, Lust und Lieb zu einem Ding, macht alle Müh

und Arbeit gering.« »Aber den Kindern Lust zu machen, sagte der Müller,

das ist das Kunststückchen. Da steckts! -- Das heißt einmal viel

gelernt. Das ist ja eine ganze Sittenlehre für Kinder im Kleinen. Wie

die Frau doch mit Kindern umzugehen weiß!«

Die Frau beschenkte nun auch die übrigen Kinder mit bunten Eyern und mit

Kuchen, und sagte noch zu allen: »Die gefärbten Eyer mögt ihr zu Hause

essen; und die mit dem Sprüchlein, müßt ihr zum Andenken aufbewahren.«

»Die essen wir freylich nicht!« sagten die Kinder. »Die heben wir auf.

Das Sprüchlein ist ja mehr werth, als das Ey.« »Das ist's wahrhaftig,«

sagte die Frau, »wenn ihr das befolgt, was es euch lehrt.«

Sie ermahnte die Aeltern nun, die Kinder bey guter Gelegenheit an die

Sprüchlein zu erinnern. Die Aeltern thatens. Wenn ein Kind nicht

sogleich auf das Wort folgen wollte, erhob der Vater den Finger und

sagte: »_Ein gutes Kind_ --« und das Kind sprach: »_gehorcht

geschwind!_« und gehorchte dann auch geschwind. Wenn ein Kind Miene

machte, zu lügen, sprach die Mutter: »_Wer Lügen spricht_ --« »_dem

glaubt man nicht!_« fuhr das Kind fort, erröthete und schämte sich zu

lügen. Und so machten die Aeltern es auch mit den übrigen Reimen.

Die Kinder sagten noch gar oft, in ihrem Leben hätten sie keinen so

vergnügten Tag gehabt. »Nun,« sagte die Frau allemal, »so thut nur

fleißig, wie es in den Sprüchlein heißt, und dann gebe ich euch alle

Jahre ein solches Eyerfest. Wer aber böse ist und nicht folgt, darf

nicht dazu kommen. Denn es soll nur ein Fest für gute Kinder seyn.« O,

wie da die Kinder im Thale so gut und so folgsam wurden!

Fünftes Kapitel.

Ein Paar Eyer -- mehr werth, als wenn sie von Gold wären.

Unter den Zuschauern, die dem kleinen Kinderfeste beywohnten, hatte die

Frau einen fremden Jüngling bemerkt, der in dem Kreise fröhlicher

Menschen ganz traurig dastand. Der Jüngling mogte etwa im sechzehnten

Jahre seyn. Er war nur sehr ärmlich gekleidet, allein von einem sehr

edlen Aussehen und von einer blühenden, unverdorbenen Gesichtsfarbe;

seine schönen gelben Haare hingen bis auf die Schultern herab, und in

der Hand hatte er einen langen Wanderstab.

Nachdem sich die meisten Zuschauer zerstreut hatten, fragte ihn die Frau

voll Mitleids, warum er denn so traurig sey. »Ach, sprach der Jüngling,

und die hellen Thränen standen ihm in den Augen, mein Vater, der ein

Steinhauer war, ist erst vor drey Wochen gestorben. Meiner Mutter geht

es nun mit meinen zwey kleinen Geschwistern, einem Knaben und einem

Mädchen, sehr hart. Mich will der Bruder meiner Mutter annehmen, und

mich das Handwerk des Vaters, das er auch treibt, lehren, damit ich die

Mutter erhalten und mich in der Welt fortbringen könne. Zu diesem reise

ich jetzt. Ich komme schon zwanzig Stunden weit her und habe fast noch

so weit zu gehen. Denn der Vetter wohnt weit hin in einer andern Gegend

des Gebirges.«

Die Frau wurde, besonders da ihr eignes Schicksal dem Schicksale der

armen Wittwe des Steinhauers in etwas ähnlich war, sehr gerührt. Sie gab

ihm Milch mit Eyern und Eyerkuchen zu essen, und schenkte ihm einiges,

seine Mutter damit zu unterstützen. Edmund und Blanda hatten auch großes

Mitleiden mit ihm. »Da,« sagte Blanda, »bring dieses rothe Ey deinem

kleinen Schwesterchen und grüße sie mir recht freundlich.« »Und,« sagte

Edmund, »dieses blaue Ey bringe deinem Brüderchen zum Gruße, und sag

ihm, er soll uns einmal heimsuchen! Wir wollen ihm dann auch Milchsuppe

und Eyerkuchen auftischen.« Die Mutter lächelte, holte noch ein

bemahltes Ey, und sagte: »Dieses Ey da gieb deiner Mutter. Das

Sprüchlein darauf ist der beste Trost, den ich ihr geben kann: _Vertrau

auf Gott, -- Er hilft in Noth!_ und so wird ihr das Ey kein unangenehmes

Geschenk seyn; ja wenn sie das Sprüchlein befolgt, so ist es das beste

Geschenk von der Welt, das man ihr nur immer machen könnte.«

Der Jüngling dankte herzlich. Der Müller behielt ihn über Nacht, und am

andern Morgen, da die Spitzen der Felsen, die das Thal einschlossen,

sich errötheten, setzte er seinen Stab weiter, nachdem der Müller ihm

noch zuvor Haberbrot und Ziegenkäse in seinen Queersack gesteckt hatte.

Fridolin, denn so hieß der Jüngling, wanderte durch das Gebirge, über

hohe Felsen und durch tiefe Thäler, rüstig fort. Am Abende des dritten

Tages war er nur noch ein Paar Stunden von der Wohnung des Vetters

entfernt. Aber sieh da -- als er so auf schmalem Wege, längs einer

himmelhohen Felsenwand hinkletterte, und in die tiefe schauerliche Kluft

zwischen den buschigen Felsen mit Grausen hinabschaute, erblickte er auf

einmal ein aufgezäumtes und gesatteltes Pferd; die Decke war schön

purpurroth und der Zügel schien lauter Gold. Das Pferd aber schaute zu

ihm herauf und wieherte, als freute es sich, einen Menschen zu sehen,

und als wollte es ihn mit lautem Jubel willkommen heißen.

»Alle Welt,« sagte der Jüngling, »wie kommt das edle Thier in diese

tiefe Schlucht hinab. Allem nach gehört es einem Ritter zu. Wenn dem

Herrn, dem es angehört, nur kein Unglück begegnet ist. Ein gesatteltes

Pferd ohne Reiter an einem solchen Orte ist immer ein Anblick, über den

man erschrickt. Mir wird ganz bange; ich muß doch einmal nachsehen.« Er

versuchte lange vergebens hinab zu klettern, wiewohl er im Bergsteigen

sehr geübt war. Endlich fand er einen engen Steig zwischen den Felsen,

den ein wildes Bergwasser ausgehöhlt hatte, der aber jetzt trocken lag,

und kam glücklich hinunter. Da sah er einen Mann von edlem Aussehen und

in ritterlicher Kleidung unter einem überhangenden Felsen liegen. Sein

glänzender Helm mit dem prangenden Federbusche lag neben ihm, und der

Spieß steckte darneben. Der Mann aber sah sehr blaß aus, und der

Jüngling wußte nicht, ob er nur schlafe oder gar todt sey. Mitleidig

ging er zu ihm hin, faßte ihn freundlich bey der Hand und sagte: »Fehlt

euch etwas lieber Herr?«

Der Mann schlug die Augen auf, blickte den Jüngling starr an, seufzte,

und versuchte zu reden. Aber er konnte kein Wort hervorbringen. Da

deutete er mit der Hand auf den Mund, und dann auf den Helm, der neben

ihm lag. Fridolin verstand, daß er trinken wolle, nahm den Helm, und

ging, Wasser zu holen. Ein paar graue Weidenbäume tief in einem Winkel

der Schlucht verriethen ihm, daß Wasser in der Nähe seyn müsse. Er ging

hin, fand feuchten Grund, wand sich eine Strecke zwischen Felsen und

Gesträuchen hinauf, und sieh -- da rann ein kleines Quellchen, hell wie

Kristall, aus einem moosigen Felsen hervor. Fridolin füllte den Helm,

und eilte dem Durstenden zu. Er trank öfter und in langen Zügen. Nach

und nach kam ihm die Sprache wieder.

»Gott sey Dank!« war sein erstes Wort. »Und auch dir sey Dank,

freundlicher Jüngling,« fuhr er mit heißerer Stimme fort, indem er den

Kopf auf die Hand stützte. »Dich hat mir Gott zugesendet, damit ich

nicht verschmachte. -- Aber, wie mich jetzt hungert! Hast du nicht einen

Bissen Brot bei dir?«

»O du mein Gott,« rief Fridolin, »wenn ich es nur früher gewußt hätte.

Haberbrot und Ziegenkäse, die ich da im Queersacke trug, sind rein

aufgezehrt. Doch halt, halt! rief er jetzt freudig aus, da habe ich ja

noch die Eyer. Die sind eine gesunde, nahrhafte Speise.« Er setzte sich

zu dem Manne auf den reichlich mit Moos bewachsenen Boden, langte die

gefärbten Eyer hervor, machte sogleich eines von der Schale los, schnitt

es mit seinem Taschenmesser, gleich Aepfelschnitzchen, in länglichte

Stücklein, und gab ein Stückchen nach dem andern dem Manne. Der Mann aß

begierig, trank dann wieder dazwischen, und aß dann wieder.

Fridolin wollte das dritte Ey auch aufklopfen. Aber der Mann sagte: »Laß

es gut seyn. Zuviel auf einmal essen, besonders nachdem man lange

gehungert, ist nicht gut. Ich habe für jetzt genug. So gut hat es mir in

meinem Leben noch nicht geschmeckt. Es war ein Königsmahl.« »Ich fühle

mich, Gott sey Dank, schon kräftiger, fuhr er fort und setzte sich

vollends auf. O wenn du nicht gekommen wärest, so wäre ich diese Nacht

sicher verschmachtet.«

»Aber,« sagte Fridolin, indem er den hellen Panzer und die Kleidung von

prächtigen Farben näher betrachtete, »wie kommt ihr, edler Ritter, mit

eurem Pferde denn in diese schauerliche Schlucht herab?«

Die Ostereyer: Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder · 第 1 / 3 段