Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die
hindurch man nahe Wälder zu spüren glaubte, fiel ihm ein, daß er
heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch
keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn,
noch gestern hätte er es für unmöglich gehalten. Vielleicht hing auch
seine eigentümliche Verwirrung damit zusammen, die ihn förmlich
hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich über das, was er sah,
Gedanken zu machen. Die Häuserfronten liefen nur so wie lange
Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es
nicht, ob er über breite Plätze schritt oder durch einen Park, an einem
goldglänzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, daß hier und da,
mitten zwischen eleganten Häusern, auch noch solche Schindelhütten
standen, wie die der Großmutter, fiel ihm auf, dann daß die meisten
Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben
waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch
beschäftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn
und wiederholte sie oft an Vorübergehende: »Wie komm ich hier zu
Doktor Heiger?« Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern,
eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite
Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus,
immer mit summendem Geräusch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf,
die ihn daran erinnerten, daß er noch in Österreich war, wenn auch
nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte
er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten
(aha, der Export). Dann trat er in ein menschengefülltes Wartezimmer
ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf.
Manche von den Leuten standen in stumpfsinnigem Brüten direkt vor
der Tür ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit höchster
Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in
bequemen Fauteuils saßen sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen
in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich,
er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: »Ja, bei Doktor
Heiger da muß man sich in Geduld fassen«. »Ist er drin?« fragte
Arnold. »Ich weiß nicht.« -- Was für idiotische fischblütige Leute, sie
kamen ihm wie seiner unwürdig vor, er hatte das Gefühl, als errege
er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um
sich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. -- Wie ein Labsal, eine
Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Großmutter. Was war es
denn eigentlich, was ihn an ihr so entzückte, diesen Bürgern hier so
Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, daß
ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen förmlich
widerlich gewesen wären. Man konnte es auch nicht als Tüchtigkeit
oder als Ehrwürdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht
so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewußter und
derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das
wollte nicht ganz stimmen. Und was hätte sie gesagt, wenn er
Ähnliches zu ihr selbst geäußert hätte? Was für Augen hätte sie
gemacht? Wofür hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je
darüber nach? Glaubte sie an Gott?... O da war etwas, wofür es in
keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht --,
nur dunkel fühlte er, daß sie unterhalb der Zuckungen seines
forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte,
Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff
und seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare
Pläne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und
von hier an ein neuer Sinn zu geben wäre, Funken ins Pulverfaß, ja
selbst genaue Entschlüsse für die nächste Zukunft, an die er aber
sofort wieder vergaß im Bewußtsein, daß sie ihm auch so unverloren
nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand äußerster
Verwirrung und Ordnung zugleich, ähnlich einem guten Schüler vor dem
Examen, in dessen Kopf alles gegenwärtig ist und doch nichts
faßbar, und dieses nicht Faßbare, nicht Sichtbare wieder nicht in
starrer Ruhe, sondern in unaufhörlicher Bewegung wie unter einer dünnen
Hülle kreisend und in solcher Menge, daß nichts vortreten kann außer
auf einen äußern Anlaß hin, aber dann wird schon das Richtige in Hülle
und Fülle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt
dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von schöpferischer
Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen
nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht ... In dieser Verfassung
starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und
nur ganz oberflächlich, ohne daß es seine Seele in der eigentlichen
Arbeit störte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, daß diese Aussicht
nicht sehr schön sei -- oder daß das Bild dort an der Zimmerwand
»Apollo und die Musen« oder den »Athenäenzug« vorstellen möge, kurz
etwas Klassisches und daß es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor
gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand für ein Darlehn
gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was für Dinge übrigens!
Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde
Kultur ... Plötzlich dauerte es ihm zu lange. Er stürzte wieder aus
dem Zimmer, in die Küche, gab der Köchin ein Billett für den Doktor und
lief weg.... Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch
dekorierte Häuser, Musik. Das Schützenfest, ach so! Was für ein
naiver Unsinn! Deutlich fühlte er, daß dieses helle, blonde,
einfache Treiben nicht seine und seiner Großmutter Welt war. Für
Bobenheim hätte das gepaßt. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte,
wirklich komisch ... Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt drängte er
sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt,
als man ihm höflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, daß er sich
eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Großmutter zu Ehren. Er
kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er
die Frau überhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus
eigenem Antrieb. Er kaufte beschämt Pfirsiche, Kirschen, Schoten ...
das alles nur, während im Innern seine Seele nach ganz andern
grundlegenderen Dingen suchte ... Je mehr er sich aber der Wohnung
der Greisin näherte, desto mehr klärten sich seine bis zur Qual
verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde
herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen
Fußpfad und Großmutters Hütte in demselben Augenblick, in dem er
an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fußpfad und die Hütte
erblickte.
Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flüchtig zur Seite in die
Vorderwohnung, wie anständig und rein konnte es also in so einer
Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern
Gang, wo überall leere rötlich durchscheinende Lagerbierflaschen
standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch
unbekannt, so von Zärtlichkeitswolken erfüllt. Er stieß an ein großes
umgestürztes Holzschaff, endlich fand er die Türe.
Ein überraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen saßen und
standen am Bett der Großmutter und plauderten mit ihr in einem solchen
Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, daß nichts zu verstehn
war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war größer, die Wangen
in einem natürlichen Rosa, die Falten milder. »Nu, kommste doch, jech
hab scho gemant, dü kommst nix mehr.«
Er mußte sich entschuldigen: daß er beim Doktor gewesen war und Obst
gekauft hatte. Die Großmutter nahm seine Hand und schaute ihn
liebevoll an: »Ganz schön wär's doch, wenn du ach noch dazü e
Madele hättst, Regie.« Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an
Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee saß. -- »Ich dank dir« war die
unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, daß die Mutter
rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natürlich,
sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu
einem ausgiebigen Zank benützt. Zuerst war die Großmutter ohne
sichtbaren Anlaß, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten,
hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle
ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe.
Darüber natürlich war die gute Mama in Rührung und unendliche Tränen
geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfügigen Sache, die Mama
wollte ihr eine Schüssel mit Sand ausreiben, habe die Großmutter wie
verrückt geschrien: »Ich waß, du willst, ich soll sterben, und just
tu ich dir nicht den Gefallen.« Darauf seien die Freundinnen gekommen
... Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten ... Aber Gott sei Dank,
die Sardinenbüchse habe sie über Mittag fast leer gegessen, sie
esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei ... Arnold tröstete
sie, er fühlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame,
seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders
auffaßte als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch über
diesen neuen Vorfall eine schwer erklärliche Freude an der Großmutter,
wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht.
-- Und daß sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jüngere
rüstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm
zu blicken wagten, daß ihre enge Stube menschengefüllt war: riß
ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und
nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: »Es is Wochenmarkt heunt«
und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das
regelmäßige tätige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte
sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden lästigen
Halbtoten, die sich hinter dem Ofen wärmt.
Die Mutter wollte die drei mit städtischer Höflichkeit hinausbegleiten,
knüpfte ein Gespräch an, aber vom Bett her flüsterte es: »Loß se
geihn. Gib ihnen ka Tschüwe«, -- auch im leisen Reden wurden die
betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen
Noten gleichsam.
»Also der Doktor kommt gegen fünf Uhr« sagte Arnold, als sie allein
waren.
Aber kaum hatte sich die Türe geschlossen, so begann die Großmutter
in den erbittertsten Tönen von diesen Frauen zu sprechen, von der
einen besonders, die sie soeben noch mit »mei goldene Frau Keller«
angeredet hatte. »Verschwarzt soll se gehn« rief sie, auf Arnolds
Erkundigungen. Flüchtig erinnerte er sich an seine unwillkürliche
Doppelzüngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht
zutreffen?... Die Mutter aber war über dieses Benehmen entrüstet:
»Schämst du dich nicht.« Aber der alte trockene harte Körper schämte
sich nicht, er erklärte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm
schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies
abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: »Mei
Zores, mei Kopf« ... »Was für Sorgen« wandte sich die Mama ziemlich
derb an die Großmutter »du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken
wir dir. Wenn du mehr willst, mußt du uns nur zwei Worte schreiben.
Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu
gehn.« Ein Projekt kam zur Sprache, das die Großmutter schon einmal
vorübergehend gebilligt hatte, nämlich: sie solle ganz zur Frau
Fischmann, zu einer der drei Freundinnen übersiedeln, dort zur
Miete wohnen. »Die Klafte« schrie sie, daß die Kissen sich bewegten
»die rotzedige Klafte!« Nicht herauszubringen, woher dieser Groll
sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses
Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie spät
schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den
Topf benützen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle
selbständig bleiben. Und sie fügte hinzu, wie erdichtend, um ihren
Worten mehr Nachdruck zu geben: »Die Fischmann, die is doch gechitzt.
Die is doch plem-plem« und fuhr mit der Hand, mit gekrümmten vier
Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab.
Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte ihr Arnold, daß er bald
nach Berlin fahren werde. Wirklich war einmal die Rede davon gewesen,
daß er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontär für ein Jahr
eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger hatte ihn
wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, daß
er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten
annehmen könne und, obwohl er das nicht aussprach, verließ ihn der
Gedanke nicht mehr. »Gib nur schön acht und sei gesund. Da is ach zü
der Hausfrau neilich e Mädel zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar
Täg is se gestorben.«
Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst später, als von
etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, daß »Luftveränderung« das
Bindeglied gewesen sein mochte.
Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die Großmutter, gesprächig
und bei allen Kräften, schien nur Anlässe zu neuen Erzählungen zu
suchen und all dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold
als Gast unterhalten wollte, sondern die reine Freude, sich
mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und ruhigen Stimme, die
mühelos ihrem ungetrübten Geiste, ihrer Lebenskraft zu entströmen
schien und dadurch den Hörer unmittelbar einnahm. Arnold verglich
sich freudig mit ihr. »Seh ich der Großmutter nicht ähnlich?« fragte er
die Mutter. Ja, es sei auffallend. »Aber wie willste mir ähnlich sei«
lachte die Großmutter. »Ich bin doch bald iber hündert Jahr und du
nur e Ableger noch.« »Wie alt bist du eigentlich?« mischte sich die
Mutter ein »die Großmutter macht sich immer älter als sie ist, auch so
eine Laune.« Aber die Großmutter wußte gar nicht, wie alt sie sei, es
war ihr auch gleichgiltig. »Ich möcht scho gern weg. I war lang genüg
do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach.« Seltsam, daß solche
Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude nicht abschwächten, eher
verstärkten. Ob sie noch einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne
direkt zu antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erzählen
»der hat mich emol im Theater aufgeführt, der gute Jermige, alles hat
er verschenkt aus Rachmonis, an die Arme, und selbst is er im
Dalles gestorben, nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals
in dem Stück, selig, wenn man noch jung is. Warüm denn, hat man
gefragt. No da tragen se einen auf den Armen. Willste eppes noch
auf den Armen getragen werden, so haben se ihn ausgespott', wie
halt Theater is.« »Du interessierst dich also auch für das Theater«
fragte Arnold, innerlich erbebend; was für eine verschollene
Operette mochte da eben in dieser Stube zum letztenmal zu einem kleinen
Leben erwacht sein! »Die Großmutter! Na und ob sie sich dafür
interessiert« lobte die Mutter. »Das hab ich per Jerusche« und sie
kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen
mit ihren Leidenschaften, von denen längst keine Spur mehr auf der
Erde lebte, und sie zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische,
Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit fremden Ortschaften
ergab sich, von dem Arnold nie etwas geahnt hatte und der ihn
mächtig aufwühlte, ja in Lichtenstadt hatten ihre Großeltern, die
Großeltern der Großmutter, gewohnt und dort in dem Packerl müßte noch
ein Stück Tuch aus Lichtenstadt sein. »Ihre Einbildungen« flüsterte
die Mutter ihm zu. Auf einmal war diese uralte, eben dem Tode
entrissene Person selbst ein Kind und erzählte, wie sie einmal auf dem
gefrorenen Dorfteiche »geklitscht« hatte und dafür Schläge bekommen.
Wie das Haus ihres Vaters abgebrannt war, der schon damals zehn
Kinder hatte, neun Söhne darunter, und trotzdem sei die Mutter
hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern der Umgebung
damals für ihn zusammengeschossen hatten, um ihm fürs erste zu
helfen, aber ein Jahr darauf war schon wieder ein Kind da, in all dem
Schmerz. »Die Lait habn damals gemeint, das muß so sein.« Und mit
einer Art von Aufklärung erzählte sie die damaligen Sitten, wie man am
Samstag kein Geld bei sich getragen habe, weil das als eine Art von
Arbeit gedeutet wurde, eine »Newere«, ja die ganz Frommen trugen ihr
Taschentuch um die Hand gewickelt, um es nicht aus der Tasche ziehn zu
müssen. »Aber gewuchert haben sie dabei« tadelte die Mutter, ernst
und modern. Nicht einmal eine Beere habe man abreißen dürfen, fuhr
die Großmutter fort, und da sei einmal jemand (Arnold verstand
diese Geschichte nicht ganz, viele Ausdrücke kannte er nicht, erst
später stellte er es sich so zusammen, daß dieser »jemand« die
Mutter der Großmutter gewesen sein müsse) in den Tempel gegangen,
durch den Wald, damals habe man noch so weit her zum Tempel gehn
müssen, und da habe sie der Versuchung nicht widerstehn können,
eine »Rotbeere« zu pflücken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. Und
darauf sei sie, die Großmutter, mit einem häßlichen Muttermal in
Gestalt einer roten Beere zur Welt gekommen. Und einmal habe sie
sich eine Schere genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer
gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. »Davon hast du mir
aber noch nie erzählt« wurde die Mutter mißtrauisch. Arnold zeigte
auf einen roten Fleck an ihrer Hand: »Ist es das?«, aus Respekt wies
er nicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger bis auf
den kleinen ein und streckte diesen vor. »Nein, das hob ich mich
verbrennt, neilich.« Sie wurde nicht irre, und kam nun in der
Reihenfolge der Generationen auf ihre eigenen Kinder. »Marie, mei
guts Schof« rief sie plötzlich und Tränen standen ihr im Aug »Nebbich
hat sie vor mir heruntergemußt. Was hätt ich nicht getan für das
Kind!« Auch von ihrem Zank mit Poldi wußte sie nichts. Er war zwar
ein »ungehachelter Kerl«, ein »Parchköppele«, aber was lag daran, einen
Jux wußte er zu machen und lustig war er, das war doch die
Hauptsache. Sie schrieb ihm den Einfall zu, daß er beim Alcheten, dem
Sündengebet, bei dem man sich als Büßer zeilenweise auf die Brust
klopfte, zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, gesagt
habe: »Sie, mit Gewalt werden Sie da nix ausrichten.« -- Sie lachte
hell wie Glöckchen, während sie das erzählte. -- Ja, einmal habe er
ihr geraten, mit ihrer Stubentür aufs Gericht zu gehn, weil das ihr
Haupt- und Kassabuch sei. -- Überhaupt, wenn er nur Zeit hätte, er
würde schon kommen, er würde sie besuchen, sicher. -- Die Mutter
senkte traurig den Kopf. -- »Poldile, wie haben se den gern gehabt.
Zu jeder Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. Wie
gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, wie so ein Babinski.
Einmal aber hab ich gedacht, ich muß ihn holen und hab mer 'n Löffel
genommen, den großen zum Auswinden für die Wäsch und hab gedacht,
ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, habn se mir dort gesagt,
bleiben's ock do und trinkens Wein mit uns. No so hab ich den
Löffel unter die Bank gelegt und mitgetanzt.« ... »Was, du bist
geblieben« Arnold riß die Augen auf ... »Nur e paar Stücklach«
entschuldigte sich die Großmutter »Jo, das war nicht so wie die
heutige Welt.« -- »So du glaubst auch, daß es früher besser war« fragte
Arnold, zart, wie man etwa einen Professor, mit dem man spazieren
geht, also außer der Stunde, ohne Recht auf Unterricht zu fragen
wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu werden; nur um ihm
Gelegenheit zu geben, ihn zu erfreun, riskiert man es, ihn zu
belästigen. -- »No, es waren halt zugetanere Lait.« -- Als er aber
weiter drang, mit »Wie« und »Wieso«, schnitt sie ab: »Was, ich hab mir
nix den Kopf damit eingenommen.« -- Aber oben auf dem Boden habe sie
einmal einen Korb voll durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi
und Regieleben ... Die Mutter zuckte die Achseln ... Ein Schuster habe
sie darauf aufmerksam gemacht, daß Poldi sich jede Woche frische
Schuhe anmessen lasse. Überhaupt habe er lauter solche »Tipplach und
Sterzlach« gemacht. Auch Ware über die Grenze geschwärzt, und das
ausgezeichnet! -- Arnold meinte, auch heutzutage sei man lustig,
es werde ja eben in Wintertal ein Schützenfest gefeiert: »Nun,
möchtest du nicht auch mit dabei sein, Großmama?« -- »Es wird ohne mir
ach gehn.« -- »Aber es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht
unsern Kaisern? Ich habe ihn sehr gern?« -- Ziemlich gleichgiltig
wandte sie sich ab: »Warüm nicht. Er soll immer gut zu die Jehudim
gewesen sein.« Vergebens suchte ihr die Mama klarzumachen, daß das
jetzt nicht mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und
Christen. »Laß mich gehn. Wenn's emol zu etwas kommt, so geht's doch
nur wieder über die Jehudim her. Es hat immer noch für uns e miesen
Ausbruch genommen.« -- Sie wurde ganz traurig. Um sie zu erheitern,
erzählte ihr Arnold, daß er in einem Komitee sei (verstand sie das
Wort? Ja, sie nickte), mit vielen Christen beisammen und daß man sich
da sehr gut vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert,
alle mit einander. »Ja, das können se, fressen und saufen, die
Chaserim.« Er verzweifelte, doch machte er noch einen Versuch,
indem er ihr von einer Freikarte erzählte, die er als Mitglied des
Komitees habe, für alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst
gefahren. Er zeigte die Legitimation. (Tatsächlich hatte die
Eisenbahndirektion den Ausschußleuten Ermäßigungen für die Strecke
nach Waldbrunn gewährt.) »Nu, das is schön« er hatte das Richtige
getroffen »da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama mit, nicht
wahr.« Er lachte: »Nein, das geht nicht.« Und die Großmutter
erzählte, wie ihr einmal fünf Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt
hätten und der Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen.
»So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem
Gedränge, sie habe sich aber nicht wegdrängen lassen, bis ein Herr
hinter ihr gesagt habe: So ein Skandal wegen fünf Kreuzern -- die alte
Frau -- und ihr das Geld geschenkt habe. -- Die Mama zuckte nervös
zusammen, Arnold amüsierte sich, dabei fühlte er aber, daß er etwas
vergessen habe, bei einer schon vergangenen Wendung des Gesprächs, so
schnell ging es jetzt. Während die Großmutter weiterplauderte und
immer so vergnügt, als entschädige sie sich jetzt für langes
Alleinsein, fiel es ihm ein: »Aber hier hast du dich ja nicht zu
beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja lauter so freundliche offene
Leute zu sein, und alle so schön.« »No ja« meinte sie »selten sieht
man so e Larvengesicht. Aber jetzt sind ach Böhmacken hier, so ein
Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafen for e Kraizer, was
früher hat e Gülden gekost.« Sie entfesselte laute Anklagen gegen die
Konkurrenz. Arnold erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er
vorher hatte fragen wollen: »Du hast schon mehrere Kaiser, erlebt,
was?« Zuerst verstand sie ihn nicht. »Mehrere Regierungen von
Österreich.« Das wußte sie nicht. Aber einmal hatte sie eine Krönung
gesehn: »Do war ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen
und Neugierigkeiten.« Der Krieg von Sechsundsechzig fiel ihr ein,
dann die Türken und Russen. »Meinthalben sollen se sich die Köppe
herunterschlagen«, als sei dies alles gestern oder heute geschehn. Sie
wußte alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, ihr
Blick sei beschränkt. Wie kam es trotzdem, daß alles, wie es in ihren
Kreis trat, das Merkmal ihrer eigentümlichen Anschauungsart trug.
Arnold hätte es gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie
also auf seine neue Krawatte aufmerksam. »Sehr schön« war das Urteil,
nach einer strengen Pause jedoch folgte: »aber so verwändlich.« »Ja,
da mußt du dich in Acht nehmen« lachte ihn die Mutter aus. -- »Tut
nichts, wir haben uns doch gern« rief er und strich ihr über das Haar,
das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den Zöpfen geschlichtet
war »Ich hab eine schöne Großmutter.«
Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem Bett zu steigen.
Dabei rief sie die Mama zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr, was
diese sehr zu freuen und umzustimmen schien, denn sie half ihr
sofort auf. Auch Arnold unterstützte und es war eine ziemlich schwere
Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante allmählich
vorsichtig auf den Boden zu stellen ... Arnold sah sie nun zum
erstenmal ganz vor sich. Sie stand da, in ihrer zerknitterten
Nachtjacke und im roten Unterrock, viel kleiner noch als er sich sie
aus der liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz
gewölbtem Rücken, den Hals verfallen, mit einer tiefen Rinne zwischen
den schlaffen Muskeln. Langsam atmete sie und ging, indem sie sich
zu beiden Seiten am Bett und am Sessel stützte, nur so fortschob. Man
brachte ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dünn, doch an manchen
Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes rotblaues
Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel aufstreifte, sah man die Haut
bis zum Ellbogen in zahllosen regelmäßigen Furchen, einem
schwachgewellten braunen Meere ähnlich, dünn, beinahe durchgewetzt
und so lose, über dem mageren Fleisch, daß sich diese Faltenwellen
zusammenzogen und wieder abflachten, wenn sie den Arm rieb. Sie
keuchte und bückte sich immer tiefer. »De Füß, de woll'n halt
nimmer.« Die Mutter hielt sie fest, hüllte sie in die schwarze Jacke
ein und führte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade wie ihr Rücken in
der Türe verschwand, einen Moment lang, nur einen Moment, ein
flüchtiges unklares unnatürliches Gefühl wie von Sinnlichkeit, diesem
widerstandsfähigen Körper gegenüber, dieser historischen Schönheit in
all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel ihm ein und er lachte keck auf,
um es zu verscheuchen.
Nach einer Weile kehrten die beiden zurück. Die Großmutter setzte sich
auf das Kanapee, dort sitze sie immer am liebsten. »Aber du willst es
doch nicht haben, das Kanapee« widersprach Arnold. Sie hielt es nicht
für nötig, ihn aufzuklären, obwohl ihre Miene sehr verständig, gar
nicht zerstreut, blieb. Von hier aus konnte sie durch die beiden
Guckfensterchen hinaussehn, das eine führte gegen ein mehrstöckiges
Hofgebäude, auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinahe ganz
durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem man eine grüne Pumpe,
ein Gärtchen und einen jener nicht sehr reinlichen engen Wege sah, wie
sie seitlich zwischen Hausmauer und Zaun zu führen pflegen ... Über
jedes Fenster wußte die Großmutter Auskunft. Dort wohnte ein Koch,
ein geschickter Mensch, und dort die Witwe hatte drei Töchter, von
denen die älteste an einen Juden verheiratet war und so glücklich, daß
die zwei ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. Die
Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, daß sie ihr ein
Pulver gestreut habe, »aus Asis«, wovon sie eben den jetzigen Husten
habe. Es war eben eine Freundin von Frau Keller. »Oine mit Moine.« Ihr
Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem jener Koch angestellt
war, und so billig ... Der Besitzer war damals betrunken gewesen
und habe es ja auch nachträglich zurücknehmen wollen, aber da war es
schon »mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. Der eine
kommt dazü, der andere davon« ... Arnold flocht ein, was er ihr schon
vormittags erzählt hatte, daß auch einer seiner Freunde jüngst ein
großes Geschäft gekauft habe. »So?« Das hatte sie schon wieder
vergessen. Aber mit erstaunlichem Gedächtnis kam sie wieder auf
frühere Dinge zurück. Einmal, bei irgend einem Besuch, habe ihr Poldis
Frau nur »Nickelsupp« vorgesetzt (womit sie »Kaninchensuppe«
meinte), während die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte.
Nickelsupp, so was!... Lauter Erfindungen, kopfschüttelte die Mama ...
Ein Fleischhacker habe die kleine Regie heiraten wollen, als sie erst
siebzehn Jahre alt war. Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal
sechshundert Gulden geben, wenn sie die Partie zurückgehn lasse.
Aber da sei sie, die Großmutter selbst, aus Wintertal herangefahren
und habe ihnen den Kopf zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, daß ein
Mädel koscher kochen könne, das Fleisch tüchtig einsalzen und da
sei ihre Regie die Richtige ... »Eine Idee hast du gehabt, daß ich
überhaupt verlobt bin! Ja viel gekümmert hast du dich um uns« sagte
die Mutter, mit zärtlicher Bitterkeit, indem sie ein Glas mit
Himbeersaft vom Kästchen nahm »Willst du nicht ein bißchen? Sonst
trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erzählen.« -- »Hast e
Geruschber! Stell das Tippele hin.« -- »No ein bißchen.« -- »Aber
Mama, du mußt doch deiner Mama folgen. Wirst du gleich das Tipfel
hinstellen« befahl Arnold mit komischem Ernst.
Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein stattlicher Mann
mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, er lächelte: »No, Mutterle,
wieder ganz beinand.« -- Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama
kannte ihn schon von früheren Krankheitsfällen her: »Nicht sagen
läßt sich die Mutter, sie folgt halt nicht.« -- »No, wir werden sehn«
erwiderte der Doktor, fühlte den Puls: »fieberfrei.« -- »Die Mutter
will die Medizin nicht nehmen« klatschte ihm die Mama. -- »Medizin
müssen Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht«. Er sprach laut und
eindringlich zu ihr, wie man gewöhnlich zu ganz alten Leuten spricht,
er drohte beinahe »das geht nicht«, doch, wie es schien, ohne auf
besondere Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ängstlich und folgsam.
Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit einer Geberde, als
sei dies ein Vorzugssessel, obwohl nur zwei ganz gleiche da waren. Er
ließ sich nieder, indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: »No,
hammer uns wieder aufgerappelt, was?« und legte seinen Kopf an ihren
Rücken. Nach vorn gebeugt saß die alte Frau auf dem Kanapee, die Augen
ins Ungewisse, geduldig wie ein Lammerl, während der Doktor, immer den
Kopf an ihrem Rücken, mit dumpferer Stimme redete: »Was wollen Sie
haben, gnädige Frau Beer, man muß sie lassen, sie weiß schon selbst
was ihr am besten taugt ... Tut es Ihnen hier weh« fuhr er in
veränderter Stimmlage fort, während er den Rücken der Großmutter mit
einem Finger beklopfte, dessen Spitze er aus der Krümmung
hervorschnellen ließ »Nein? und hier? Ein bißchen. Und hier?... Wie
viel Kinder haben Sie gehabt.« »Vier« war die Antwort mit schwacher
befangener Stimme. Die Mutter war erschrocken, machte Zeichen gegen
Arnold hin, nein, was sich diese Großmutter schon alles einbildete, sie
waren doch nur drei gewesen. »Ans is tot zur Welt gekommen« sagte die
alte Frau, ihre Gedanken erratend. »Davon hab ich aber bisher kein Wort
gewußt« flüsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben
geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe er die Patientin
beiseite, richtete er sich auf: »Ein Vergnügen, das Mutterl zu sehn. In
meiner Praxis sind mir noch nicht viele solcher Fälle vorgekommen, was
glauben Sie. Keine Spur von Altersschwäche. Gehör, Gedächtnis, Augen,
alles intakt. Sie können von Glück reden.« Was spricht er, dachte
Arnold, er tut, als wäre die Großmama gar nicht vorhanden, und
trotz all seiner Gemütlichkeit und Freundlichkeit schien ihm der
Doktor dumm und unfein, eben mit dieser alten Frau verglichen. Und nun
gar, als er abschweifte und von seiner Praxis zu reden anfing, sich
breit machte mit Sechs-Uhr-früh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr,
und dann noch die Gutachten für Gerichte, Versicherungsanstalten,
das Geschmiere, was glauben Sie ... Arnold fragte ihn, wie lange
es mit der Krankheit noch dauern könne. »Husten Sie noch?« wandte
sich der Arzt an die Großmutter, der die Mama indessen wieder ins
Bett geholfen hatte. »Ja, e bissele.« »Ich werde Ihnen ein anderes
Mittel aufschreiben« sagte der Doktor und zog auf einen Ruck die
Füllfeder und sein Ledertäschchen mit dem Rezeptblock hervor, legte
es aufs Knie und schrieb. »E Mittel mecht ich habn, unter die Erd
zu kommen« sagte die Großmutter, wie aus einer andern Welt her, und
schaute ihn dabei mit einer gewissen überlegenen Schalkhaftigkeit
an. »Aber Mutterle, über der Erde ist's doch viel schöner ... Nicht?«
wandte er sich breitspurig an Arnold und die Mama Ȇber der Erde
ist's doch viel schöner, was glauben Sie.« Er zeigte lachend seine
großen weißen Zähne und meinte noch, sachlich: »So lange sie hustet,
ist's gut. Der Schleim muß heraus ... Ja, gestern wie ich hier
war, da hab ich nicht gemeint, daß sie sich so schnell wieder
herausmachen wird. Aber das ist es halt, dieses Fieber tritt
manchmal auf, es ist noch nicht genügend beobachtet worden, in den
medizinischen Fachschriften finden Sie nichts darüber, nur ein
Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also tritt bei
älteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit auf, achtunddreißig,
vierzig Grad, man meint, jetzt muß die schönste Influenza kommen,
mindestens ein Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines
Fieber und vorbei, aus.« In Arnold erwachte für einen Moment die
Erinnerung an zahlreiche ermunternde Gespräche mit seinem Freund Löb:
»Nun, werden Sie das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht
darüber schreiben?« -- Der Arzt sah ihn förmlich mitleidig an: »Ich
und schreiben! Wo hab ich denn Zeit« und er kam auf seinen seltsamen
Studiengang zurück, beinahe wäre er Dozent geworden, nun, man
wisse nicht, ob es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein größtes
Vergnügen, da fühle sich der Mann. Von früh bis Abend zu tun.... Die
Mama war beunruhigt: warum er bei so einem großen Einkommen nicht
heiratete ... Er lachte kräftig: wozu er das nötig habe, ihm fehle
ja nichts, er sei zufrieden ... »Dos da« mischte sich jetzt die
Großmutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen war »Dos da
is e Köppile, mei Arnoldele, der is ach tüchtig, der hat Chochme, er
schreibt ach in Zeitungen.« Das hatte ihr die Mutter erzählt und
jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des Doktors
vor. »So, das interessiert mich aber sehr« wandte sich der Doktor
an ihn und redete längere Zeit darüber, daß er sich nicht oder
doch erinnere, seinen Namen einmal gelesen zu haben, und: »Was für
ein Genre kultivieren Sie?« Er werde von nun an achtgeben. Bei der
Erwähnung von Arnolds Reisebriefen kam er auf seine Reisen zu
sprechen, jedes Jahr zwei Monate lang -- was glauben Sie, einmal im
Jahr muß man tüchtig ausspannen. Er gab sich in diesem Zusammenhang
auch noch als »Nimrod« zu erkennen. So blieb er beinahe eine Stunde
und Arnold sagte sich, daß er freilich auf diese Art mit seinen
Patienten bis Abend nicht fertig sein könne. Doch sofort korrigierte
er sich innerlich: es ist dies ja seine einzige Visite, das
betrachtet er wohl nur als Erholung, ich habe ja den Andrang in seiner
Wohnung gesehn -- nur nicht ungerecht sein -- so ein netter Mensch.
Die Großmutter schien er allerdings über seinen Erzählungen etwas
vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, rief er ihr zu:
»Was wollen Sie! Sie sind die Gesündeste hier im Zimmer. Sie werden
uns noch alle überleben.« Im Weggehn stieß er an die Kohlenkisten
und, als müsse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger über ihn
berichtet hatte, ließ er zum Abschied den Witz fallen: »Nun, was
für Schätze haben S' denn da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im
Märchen.«
Sie atmete auf, als er draußen war: »Hast e Kol gehabt. Alles nur was
wahr is.« Dann wurde sie stiller, da gegen Abend ein leichter
Fieberrückfall sich wieder einstellte ... Arnold mußte ans Weggehn
denken, es war spät geworden, und in einer angstvollen Unruhe fragte
er sich, ob er noch einmal im Leben dieses liebe Gesicht, den
eingesenkten Mund, den er küßte, wiedersehn würde, ob das nicht
ein Abschied für immer sei ... Er konnte nichts herausbekommen, was
ihren Anschauungsformen entsprochen hätte. Und doch, wie gern hätte er
etwa vorgebracht, daß dieses Wintertal, bisher ein ihm gänzlich
gleichgiltiger Flecken, von nun an eine ungeheure Bedeutung für ihn
habe -- daß er es stets in seinem Rücken wie eine Festung spüren werde
-- oder was für eine seltsame Reise hierher das eigentlich gewesen
sei, da er von der Stadt aber nicht den geringsten Eindruck gewonnen
habe, nicht einmal wisse, wo der Marktplatz sei, daß diesmal sich alles
nur zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Straßen nur Linien waren,
die durch farblose Luft zu diesem Bilde hinführten ... Er stammelte
und, während er rot wurde, fühlte er, daß seine Wangen schon von
früher her heiß waren, daß er wohl seit dem Morgen mit dieser Röte
gezeichnet herumging. Und plötzlich brach ihm ein Strom von Tränen
wie aus dem Innern des Kopfes hervor, in die Augen, während er sich
zu ihr niederbeugte: »Großmutter, liebe, liebe ...« -- Die
Großmutter indessen schien sich über den Abschied weniger aufzuregen,
als er gefürchtet hatte. Nur ihre Hände zitterten, die sie ein Weilchen
auf seinem Kopf hielt, um ihn zu segnen.... Die Mutter blieb wohl
noch zwei Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa und den
Dienstmädchen auszurichten ... In der Stube war es nun ganz dunkel.
Die Mutter hatte eine neue Petroleumlampe gekauft und schickte sich
an, sie anzuzünden, während Arnold langsam hinausschritt. In der
Türe blickte er sich um, fing aber keinen letzten Blick der
Großmutter mehr auf, da sie gerade der Mama angelegentlich, mit
gespanntem Gesicht in die Hand schaute. Der Docht flammte auf und
beleuchtete ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln über den
Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie selbstleuchtende
kleine Sonnen. --
Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? -- Natürlich nicht
den in seine Heimat, sondern über Dresden nach Berlin. -- Sowie er
die Hütte verlassen, hatte ihn nämlich dasselbe Gewirr wie zu
Mittag befallen. Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein Plan
fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer Hand vor das
Gesicht geschoben: sofort an Gottfried Eisig telegraphieren, daß er
den Journalistenposten in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und
sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur hölzerne Treppen,
keine steinernen gab. -- Plötzlich sah er sich aus den kleinen
Verwicklungen seiner Heimatstadt herausgehoben, vor ein neues
Leben gestellt, als hätte ihm die Großmutter erst gezeigt, wie groß
die Welt sei und wie verschiedenartig die Möglichkeit zu wirken für
den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten Wänden
des Eisenbahnkoupees, den Blick auf das schwarze Viereck des
Fensters geheftet, auf die Nacht da draußen, überkam ihn eine schier
übermenschliche Freude ... Was lag ihm am Komitee, was an Lina! Es
würde schon nicht das Ärgste geschehn, es würde sich schon irgendwie
aussitzen. Was war denn eigentlich dabei. Ihre Worte klangen ihm im
Ohr: An Heiratsanträgen habe ich keinen Mangel. Und dann, sie
hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie dafür büßen. Ebenso
dieses Komitee, genau so ... Er spürte in sich den bisher nie
geahnten Willen, hart und rücksichtslos vorzugehn, über die Köpfe
dieser unbedeutenden Menschen, die sich an ihn hängten, mit
Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne viele Umstände.
Diese Lina -- den ganzen Tag hatte er an sie nicht gedacht -- jetzt
erinnerte sie ihn mit ihrem Gerhart an der Hand an die klägliche
Frau Lichtnegger mit ihrem einfältigen Jungen, nur daß sie noch
außerdem diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese kupplerischen
Rollaugen, die ihm sogar krankhaft schienen, da er sich nun auf den
medizinischen Namen besonnen hatte. Es war ihm fast, als hätte sie
ihn beleidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg
damit! Es war nicht die Hauptsache ... Vielmehr dies: tüchtig sein,
endlich etwas leisten, mit sich selbst zufrieden sein, so lange man
lebt, und wenn man schon die unglückliche Gabe der Vielseitigkeit und
Gewandtheit in sich hat, diese Üppigkeit in den einzig hierfür
möglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene
Idee, daß dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, für die Menschheit
Wichtigste sei -- und doch, nun da er erkannt hatte, daß darin seine
eigentliche Begabung lag und daß sein Leben eigentlich von Jugend an
darauf hingezielt hatte, nun fühlte er eine Liebe zu dieser
Öffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst
einen geringeren Gegenstand geadelt hätte. Es war ja so schön: reden,
schreiben, heiß sein, immer im Galopp, aus der weißen kreidigen
Asphaltwüste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine und grüne duftende
Zedern aufreißen, alles mit sich ziehn, Bühnen gründen, Vereine, neue
Stile, Warenhäuser, Reichtümer -- o, es mußte glücken! Denn nun liebte
er auch sich selbst -- zum erstenmal in seinem Leben -- sich selbst und
alles, was aus ihm herausdrang. Er war allein mit sich und doch nicht
unzufrieden wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, so wie er
sich als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner Väter erkannt
hatte, ihrer Jahrtausende alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer
Tugend und ihres Überschwangs. In seinem unmäßigen Temperament faßte er
heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen Zornes, mit dem ein Volk
von Raubtieren aus der Wüste sich über den Jordan schüttet und die
Städte unbekannter Stämme mit der Schärfe des Schwertes austilgt, jenes
Zornes, den Simson in lachenden, vor Lachen beinahe sinnlosen
Heldentaten ausübt. Arnold fühlte Boden unter seinen Füßen, das war es,
zum erstenmal ... und wie sich ihm eine ganze Nation, eine Reihe von
klotzstirnigen gewalttätigen aufdringlichen Ahnen erschloß, zu deren
Füßen unglückliche Opfer, häßlich schreiend, verbluteten: so spürte
er doch zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten
Zärtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen wie das
Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und gescheites Aufpassen
mit Lichtpunkten in den Augen, ihre kühnen unerschrockenen Würfe,
ihr natürliches Führertum und Erzählertum, ihren selbstverständlichen
Lebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, und ihre Ergebung
in das große Schicksal aller Menschlichkeit, nicht zu ergründen und
deshalb nicht zu beklagen.
So saß er und bald beschäftigte ihn, da die Erregung nachließ und
endlich der feste Entschluß wie ein starrer Goldklumpen zurückblieb,
nur der Gedanke, ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder
links aussteigen werde. Das heißt: er wußte, nach der Fahrtrichtung,
daß der Zug von Südosten in den Bahnhof einfahren müsse und daß also
zur rechten Hand auszusteigen sei, denn auch die Lokalität dieses
Bahnhofs war ihm von früheren Berliner Aufenthalten her wohlbekannt.
Beim Einsteigen in Wintertal mochte er aber irgendwie die Richtungen
verwirrt haben, kurz, nun hatte er immer das Gefühl, daß der Bahnhof
links kommen werde. Er rückte von einer Bank auf die andere, versuchte
gleichsam seinen Kopf umzudrehen, umzustülpen, vergebens, die
richtige Orientierung wollte sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab
er sich in seinen Wahn, lächelnd, da die Lösung bei der Einfahrt
sich sowieso von selbst einstellen mußte, und nahm die seltsame, ja
geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt für den letzten Ausklang
seiner jugendlichen Ziellosigkeit, die jetzt für immer abgetan war.