Nachwort

Dem geneigten Leser wird es nicht entgehn, daß der Dichter in diesem

Buche mit verstärkter Entschlossenheit in einer Richtung fortschreitet,

die er in seinem letzten Roman »Jüdinnen« begonnen hat.

Da also Vorwürfe und Einwände, die gegen die »Jüdinnen« erhoben

wurden, das neue Buch wiederum treffen dürften, und zwar verdoppelt

-- denn man wird mit Recht dem Dichter vorhalten, daß er auch

wohlwollende Ausstellungen sich nicht zu Nutze hat machen wollen, man

wird ihn engherzig und verstockt nennen --: so wird es wohl nicht

müßig scheinen, wenn ich auf einige dieser Vorwürfe an dieser

Stelle eingehe, nicht um sie zu entkräften -- denn kann ehrlich aus

dem Herzen Geschleudertes jemals entkräftet werden --, sondern nur,

um zu zeigen, wie ich diese Vorwürfe in meinem Innern geordnet,

gruppiert, teilweise mit meinem Willen in Übereinstimmung gebracht

und teilweise der allgemeinen Harmonie der Welt zum Ausgleichen

überlassen habe.

Nun an die Sache!

Da sei zunächst für das vorige Buch, wie für dieses und für alle

meine zukünftigen das Mißverständnis, als seien in den hier handelnden

Personen irgendwelche lebende Menschen meiner Umgebung porträtiert

worden, weit zurückgewiesen. Wohl haben Beobachtungen des Wirklichen

und Gedanken, die mir das Leben selbst eingab, in meine aufbauende

Arbeit bewußt und unbewußt eingespielt; doch hat jedes, auch das

geringste tatsächliche Detail durch seine Einfügung in ein ganz

andern Gesetzen und höheren Zielen folgendes Ganzes so gründlich

seine Wesenheit geändert, daß ein Rückschluß von dem Kunstwerk auf den

verarbeiteten Rohstoff zu den willkürlichsten Irrungen führen muß --

wie denn überhaupt der Satz, daß alle in einem Kunstwerk irgendwie

vermutete handgreifliche Wirklichkeit sich letzten Endes als eine

Wirklichkeit höheren Ranges, mithin für den gemeinen Kopf als ein

bloßer Schein darstellen muß, hier durchaus und im strengsten Sinne

statthat.

Ein ebenso entschiedenes »Nein« kann ich der zweiten Gruppe der

Unzufriedenen nicht entgegensetzen: denen, die die Figuren meines

Romans »Jüdinnen« oder doch ihre Mehrzahl als »unsympathisch«

bezeichnet haben. Zwar liegt auch diesem Urteil eine allzu enge

Anschmiegung von Lebens-Maßstäben an das Kunstwerk zu Grunde und das

Beiwort »unsympathisch« gehört eher in die Schule des täglichen

Verkehrs als in den Mund eines Kunstrichters: doch will ich mich auf

diesen frostigen Standpunkt nicht zurückziehn, lieber gestehn, daß

ich selbst mit den erfundenen Gestalten der »Jüdinnen«, mit Irene,

Olga, Hugo und den andern, nicht nur durch literarische Gefühle,

auch durch menschliche Parteinahme und Liebe mich verbunden fühle.

Durch Liebe: damit habe ich ausgesprochen, was ich auf den Vorwurf

des »Unsympathischen« zu erwidern habe. Ich gebe zu, daß meine

Gestalten, als Menschen betrachtet, böse Züge und Charakterfehler

aufweisen; aber eben ihr Fehlerhaftes und damit das Fehlerhafte eines

ganzen Menschentypus, zum Beispiel aller Jüdinnen wie Irene, als

etwas durch ungünstige Lebensumstände Bedingtes, als Krankhaftes,

Unverschuldetes, Notwendiges, durch besondere Zufälle sogar Heilbares

anzusehn, das wollte ich lehren. Für mich ist Irene weit eher

bemitleidenswert als unsympathisch. Der flüchtige Betrachter nur wird

bei einem Verdammungsurteil über unglückliche Wesen stehn bleiben,

deren Aufschreie, deren tüchtigen Kern und bis an das Himmelsgewölbe

reichende Wichtigkeiten meine eindringendere Darstellung aufdecken

wollte, die freilich ohne eindringenderes Lesen, ja Studium des

Buches wirkungslos bleibt.

Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu machen, um dem Tadel, diesen

Büchern fehle die »Handlung«, entgegenzutreten. In ihnen ist freilich

keine Kaiserkrone zu vergeben, auch Mord und Raub kommt nicht vor. Es

werden Vorgänge geschildert, die einem Nichtbeteiligten oft als

geringfügig erscheinen mögen. Aber eben nur dem Nichtbeteiligten. Daß

aber die Geschehnisse die ganze Seele der handelnden Personen, ihr

Edelstes und ihr Niedrigstes, aufwühlen, daß nur von außen gesehn

alltägliche und langsam fortschreitende Tatsachen, aus dem Herzen

der Betroffenen gesehn aber schnelle Umstürze, Überraschungen,

Verwicklungen, Mord und Raub vor sich gehn: das haben fühlende Leser

wohl nicht unbemerkt gelassen und das weiter auseinanderzusetzen,

würde mir wenig anstehn.

Noch zwei Gegenstimmen. Mein Buch sei zu ausgeprägt jüdisch, sagt die

eine und die andere, es sei nicht jüdisch genug. Nun könnte ich

mit einer nicht einmal sophistischen Wendung diese beiden Sätze gegen

einander ausspielen und gegenseitig für widerlegt erklären. Doch

würde mich eine solche ausweichende Art der Möglichkeit, mich mit

meinen Lesern rechtschaffen zu verständigen, berauben und ohne die

ehrliche Hoffnung auf eine solche Verständigung hätte ich ja diese

ganze Ausführung ungeschrieben lassen können. Ich will also lieber

annehmen, daß hinter diesen beiden schnellen Einwänden ein dritter,

wenn auch nur dunkel gedacht, verborgen liegt und daß er etwa darauf

abzielt: meine Bücher hätten keine entschiedene Tendenz, kein Ethos,

sie äußerten trotz ihrer Titel keine eigentliche Meinung über das

Wesen und die Zukunft des Judentums. -- Wie nun aber, wenn gerade

in diesem Nichtäußern ein Stück meiner Meinung über das Judentum, ja

meines ganzen weltanschaulichen Wollens läge! Ich habe es nirgends

unternommen, den Typus des Juden oder der Jüdin zu schildern, weil

ich einen solchen Typus genau gesprochen nicht anerkenne. Vielmehr

scheint mir die Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler Gegensätze

dem Judentum sehr wesentlich zu sein, und ich habe dementsprechend

meine Aufgabe darin gesehn, zunächst für kleinere Gruppen von Juden

einen Typ zu bilden. Als solcher Typ einer immerhin ziemlich

umfassenden Menschheitsgruppe wollen Irene, Olga u. s. f. angesehn

werden, und auch das vorliegende Buch stellt »das Schicksal _eines_

Juden«, _vieler_ Juden vielleicht, aber nicht einmal andeutungsweise

_aller_ dar. Es sollen vielmehr in einem Zyklus weiterer Romane

ganz andere, zum Teil entgegengesetzte, ergänzende Typen so lange

auftreten, bis ein Aufsteigen von dieser Typenreihe zu einem höheren

Typus vielleicht möglich erscheint, vielleicht als undenkbar für

immer abgelehnt wird. In diesem erhofften Zeitpunkt wird sich das Bild

des Gesamtjudentums allerdings, wie ich schon jetzt voraussehe,

wesentlich komplizierter, kräftereicher, fließender, vor allem auch

harmonischer darbieten als es seinen jetzigen wohl allzu einseitigen,

wenn auch in manchem Hinblick vortrefflichen Theoretikern wie

Birnbaum, Sombart, Buber, Zollschan u. a. erscheinen kann.

Albert Ullrich Buchdruckerei

Berlin SW68/Hollmannstr. 22

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

werden, daß er sich schon oft genug mit aller Sehn ucht in sie

werden, daß er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie

ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm o sehr

ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr

er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszu orschen

er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen

Sphäre ziehen konnte, daß Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er

Sphäre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er

mit dir? Sammelst du?« .. An langen Nachmittagen grübelte er über

mit dir? Sammelst du?« ... An langen Nachmittagen grübelte er über

Üeberlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon

Überlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon

gespensterheaftr Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das

gespensterhafter Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das

Karrikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem

Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem

»im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte, Verse, die sich nicht

»im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht

räuberischen Üeberfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen

räuberischen Überfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen

es schreit. Sieg! Sieg

es schreit. Sieg! Sieg!

attakierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines

attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines

elfenbeinenen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen

elfenbeinernen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen

hinausgestreutes Leben zu bringen .. Und grimmig ging er die

hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die

versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arrogaten

versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten

Arnold mit ausgeschöpften trockenem Herzen zurückblieb. Überdies

Arnold mit ausgeschöpftem trockenem Herzen zurückblieb. Überdies

mit ihr, erwiederte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst

mit ihr, erwiderte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst

Opern wie »Zampa« »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen

Opern wie »Zampa«, »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen

bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mitAbscheu erfüllte. Von

bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfüllte. Von

unerwarterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge

unerwarteterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge

Statur unter diesem Galloppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun,

Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun,

gehabt .. Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des

gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des

endgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,

entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,

weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine eine

weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine

Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, daß sie jetzt schon

Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon

ihrem lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn

ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn

»Ich mußte mir doch mal ansehn, wie sie wohnen«. Er fand kein Mittel

»Ich mußte mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen«. Er fand kein Mittel

abspazierte, winzige Zigarretten rauchte, dann aber gleich wieder im

abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im

nachgibig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie

nachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie

meinte im Weggeben: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz

meinte im Weggehen: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz

Auf seinen Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der

Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der

Schimpf Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal

Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal

Man schickte ihr Geld, doch erst sei heuer, bis dahin hatte sie

Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie

mit Kreide irgendwelche selsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie

mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie

Glotzaugen wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern,

Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern,

»Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach »Ich hab mr ja gewünscht,

»Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach. »Ich hab mr ja gewünscht,

»Sei haben geschrieben« sagte die Alte still »Ich hab ihnen nix

»Sei haben geschrieben« sagte die Alte still. »Ich hab ihnen nix

Armseligte, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen

Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen

Zärtlichkeiten und Kosennamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte

Zärtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte

einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Sckicksale erkennt.

einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.

Gäste ein. Man aß von einem ausgebrriteten Papier weg ... »Nun, Mutter,

Gäste ein. Man aß von einem ausgebreiteten Papier weg ... »Nun, Mutter,

Schüssel?«

Schlüssel?«

Gefühl von Unverantwortlichkeit befiehl ihn, als würde er aus einem

Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem

im einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem

in einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem

vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über Gesicht, sie

vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie

eeschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie

erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie

Das Gespräch wurde nun immer lehhafter, während die Großmutter immer

Das Gespräch wurde nun immer lebhafter, während die Großmutter immer

«Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf

»Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf

noch Blumen sollten in den Fenster stehn, wie bei den Nachbarn

noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn

Magenliqeur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn

Magenliqueur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn

Farben. So kam es, daß er mit er der Speisekarte zugleich die Zeitung

Farben. So kam es, daß er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung

fettgedruckte Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich

fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich

Hütte anssehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern

Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern

standen am Bett der Großmutter und plauderte mit ihr in einem solchen

standen am Bett der Großmutter und plauderten mit ihr in einem solchen

ein Jahr eintreten sollte, die steinere Treppe bei Doktor Heiger

ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger

«So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem

»So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem

Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel- aufstreifte, sah man die Haut

Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel aufstreifte, sah man die Haut

erwiderte der Doktor, fühlte den Puls. »fieberfrei.« -- »Die Mutter

erwiderte der Doktor, fühlte den Puls: »fieberfrei.« -- »Die Mutter

ihn be eidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg

ihn beleidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg

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Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden · 第 16 / 16 题