»Eppes hat mir heint geträumt« sagte die Großmutter, an so
unvermittelte Übergänge mußte man sich hier gewöhnen »Sie können
auch zuhören, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt,
nebbich, daß er mir hat erzählt, wie damals, von dir, Regie ...«
»Das ist es« machte ihn die Mutter lachend aufmerksam.
»Er hat gerechnet auf der großen Tafel und gesagt, keiner soll jetzt
reden von die Schüler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf
ich nicht aber doch etwas sagen? -- Aber was willst du denn sagen,
Kind? -- Ich möcht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer -- Aber
jetzt sagt man nichts -- Derf ich aber nicht doch e kleins bißl
was sagen?... und sagt ihm, die Regie, daß irgendwo e Fehler is, auf
der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn
Lehrer Schmidt, und warst doch die jüngste in der Klasse. Er hat
sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt,
so e Tam von e Kind -- derf ich aber nicht doch e kleins bißl was
sagen, so hat er dir nachgemacht ... Und hat es dem hochwürdigen
Herrn selber erzählt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierbänk, und
der hochwürdige Herr hats dann mir erzählt.«
Die Mutter hatte nicht zugehört und erkundigte sich, während Arnold
der Großmutter die Hand drückte, bei Frau Lichtnegger, was denn der
Doktor gestern gesagt habe ... Er war eine halbe Stunde geblieben,
so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn für
Schätze in all den Kisten hat, habe er gefragt ... »Ja, das mußt du
dir anschaun« sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem
sie unter dem Kopfpolster einen Schlüsselbund hervorzog. »Acht
Schlüssel und nur drei ganze Schlösser im ganzen Zimmer« sie zeigte
auf die Kisten »und was ist drin: ein bißchen stinkige Kohle --
und das glaubst du, Mutter, daß dir irgendjemand wegtragen wird --
und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, daß dir der Deckel
in der Hand bleibt, so alt sind sie -- aber wenn sie nur hübsch
zugesperrt sind ...«
Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen,
in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und
fragte ganz harmlos die Großmutter: »Wozu hast du denn die hübschen
Schlüssel?«
Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht gehört oder beachtet, was
über sie gesprochen wurde, und zählte nun langsam, aber präzis auf:
»Der is für die Almer, der für das Fach in enkerem Kanapee ...« bis
alle acht richtig herum waren. »Nun also« warf er den Kopf gegen die
Mutter auf »Was redest du also? Nichtwahr, Großmama ...«
Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erzählen, wie beschäftigt
dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur
der alten Frau Goldberg zu Liebe ...
»Er kommt ja bald ... Wir müssen, ich muß aufräumen, das ist ein
Skandal« fuhr die Mutter verzweifelt in die Höhe, sie hatte jetzt
schon zu lange geplauscht »die Betten überziehn ...«
Leise erwiderte die Großmutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt
angeredet hatte: »Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht
alles so akrat haben.« -- Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich
sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu kämmen. Nur allein
wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rückte ihr als
Stütze die Kissen an den Rücken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie
den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand
zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und
ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht
aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen ließ,
so daß sie sich wie kleine Fingerchen emporkrümmten. Arnold wußte
nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren
äußerste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten ...
Mühevoll legte nun die Großmutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab,
die sie bisher angehabt hatte, alle drei mußten sie halten, an dem
gebrechlichen krummen Rücken, unter den weichen Schultern, und endlich
die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau
Lichtnegger in Beschreibungen von Großmutters Krankheitszuständen, als
sei sie gar nicht anwesend. »Wenn nur der Schüttel nicht wiederkommt.«
Damit meinte sie den Schüttelfrost. »Gestern hat sie wieder so
einen Schüttel gehabt« und die immerwährende, selbstverständliche
Wiederholung dieses Wortes dünkte Arnold sehr einfältig, keines der
komischen Worte, die er heute von der Großmutter gehört, zum
erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck
auf ihn gemacht. -- Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe
der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, -- als ihm die
Großmutter erzählt hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute
nicht waschen können ... Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. »Bis
zehn Uhr nachts, von früh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht
bald von hier wegzieht, so vergeht er.« -- Plötzlich legte sie den
Finger an den Mund und hielt ein. Die Großmutter atmete langsam, sie
war eingeschlafen. Leise schloß sie: »Das tut sie gern, wenn man
vor ihr spricht. Das tut ihr wohl.« -- Und die beiden Frauen
berieten, eine Suppe mußte für die Kranke gekocht werden, eine
kräftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett
verließ, trat auf Fußspitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum
Doktor sehn wollten, daß er recht bald komme. Er werde schon kommen,
war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den
Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, -- es sei nicht mehr so
gefährlich. Frau Beer beschloß, ein gutes Stück Rindfleisch kaufen zu
gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen.
Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war.
Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und
wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzflöte dafür schenken, die er
fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn lächelnd hinaus.
Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurück,
wagte aber nicht, sich zu setzen ... Sie war schön. Das Alter
hatte nichts Entstellendes, Unregelmäßiges in ihre verschrumpfenden
Züge bringen können. Man sah förmlich noch durch die Runzeln hindurch,
wie durch viele matte Glasschichten, unten das schöne junge
lebensfrische Mädchen -- und Arnold dachte daran, was ihm die
Mutter manchmal erzählt hatte: daß die Großmutter viele Verehrer
gehabt, aber aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe,
von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den
reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jünger war als sie, den
Großvater, und mit ihm so unglücklich gelebt ... Was lag an all
dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften,
jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend
vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er
sie ansah, die Unberührte, überfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie
leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen
Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was
man treibe. Nichts ist da, als daß die Zeit vergeht, mehr kann ja
überhaupt nicht geschehn!... Und von hier aus gesehn, schien ihm nun
auch plötzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er
sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos
-- er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch
diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es --
beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue
Lust, sich ins Leben zu stürzen, aus dem er mit vorschneller
Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben
und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein süßes verlockendes
Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem
Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen
entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schluß ehrbar ein,
moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese
Dorfstube. Denn wohl fühlte er sich der Schlummernden verwandt, das
verstand er nun, dieselben Stürme pochten auch in seinem Blut. Mochten
sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran --
nach allen Verwüstungen würde man seinem ergrauten Haar doch nichts
anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht
bös auf ihn sein -- so wie bei der Großmutter -- und die Ruhe in seinem
Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie
ohne Gedächtnis ... Nun erfüllte ihn Stolz sogar, daß er auf seine
lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mußte nur nach dem Vergleich
mit der Großmutter zu solchen halbtoten Puppen zurückkehren wie diese
Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. ... Ehrlich
waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein ... Diese
dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste
der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon
verliebt in das neue Erlebnis, -- etwas Großes fühlte er aus ihr
strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbstständiges und Unbewußtes
dabei. -- Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten
Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf
so hoch trug, daß man aus ein bißchen Heldentum gar nicht so viel
machte wie jetzt und daß das Andenken der Starken unter tausend andern,
ebenso Starken vergessen ward. -- Nein, die langen einsamen Nächte
konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen
Schrecken für sie, so erfüllt von ihrem eigentümlichen Leben war sie,
von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus
verklärte, o noch viel mehr als ein paar Schwächen gutgemacht hätte.
Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: »Ja, ja, dem Klugen
wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt« -- und wie
in einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem
Selbstbewußtsein löste sich seine Schmach auf ... Plötzlich fand er
sich selbst wieder ganz passabel, all dem Bösen in ihm zum Trotz,
fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus
betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich
jeden ihrer Züge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief
hineingesogen, so daß an Stelle der Mundöffnung in einer dunklen
Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und
die über dem Kinn aneinanderstießen und sie paßten auch zu einander,
schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt
entblößt, da die Großmutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war
nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick
den jungen Mann tief erschütterte. Und das Erschrecklichste: die
Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie
etwas Schleimigtrübes, geradeaus ... Arnold bekam Angst; die Nase
erschien ihm spitz, vom tiefeingepreßten Mund aus aufragend, ...
vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie
atmete. Zugleich spürte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer
bemerkt hatte, gepreßt, schmutzig, lebensvoll -- und wie ein Verbrechen
erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie
wird einmal einschlafen ... Und was würde er jetzt sagen, der Vater von
seinem Komptoirtisch her: Du übertreibst alles ... Nun natürlich, er
übertrieb, Gott sei Dank ... Er pries die Großmutter schon wie eine
Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz
beruhigt, -- vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu
sehn, zu bemerken gab, gemütvoll zu umfassen -- oder nein, nicht
deshalb, das Überquellende war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses
Gefühl -- Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte
er zu überlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der
Schlafenden, seit er überhaupt begonnen habe zu denken, seit
frühester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer
nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr für
ihn ...
Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch
trug sie, Wein, eine Sardinenbüchse, -- das wünschte die Großmutter
immer -- sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen
Blick: »Flöhe mag es da geben, nicht wenig ...« Dann war sie wieder
durch ein Bündel mit Strümpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie
sich setzte. »Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft
hab. -- Ich muß ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst
trägt sie sie ewig. Ihre Blusen mußt du mal sehn. Geflickt, wie ein
Regenbogen ...« Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen
eine Suppe zu kochen.
Arnold wagte es: »Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz
richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie möchte sich halt
lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als daß du
ihr die Ordnung störst ...«
»Aber wer soll's denn machen! Sie würde ja im Schmutz ersticken«
erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung.