»Mit dem Stückele Glas wird er mich gesünd machen, soll er so leben.«
Die Großmutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei
diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein
Glockenton ganz erfüllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die
Hand auf ihre Stirn, drängte die Hand der Mutter zart weg ... Da war
Wärme wie unter einer dünnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten
Knollen über den Augen, die er auch an sich wußte ... Ein Gefühl
unbeschreiblichen Behagens erfüllte ihn, vielleicht verstärkt durch
das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberwärme oder
die Ahnung, daß er hier etwas wie ärztliche Hilfe leiste, ganz
entfernt etwas Liebendes, Sachverständiges. »Hitze, ein bißchen
Hitze« nickte er wie im Traum. Die Großmutter schloß die Augen
wieder. »Was hat der Doktor gesagt?...«
Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: »Was
für eine Wirtschaft, Gott im Himmel ... Mutter, ein bißl Kaffee,
nicht?« und näherte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm,
schmeichlerisch: »Koffi, nicht?«
Die Großmutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt
glänzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein
Schleimfaden zog sich daran. »Geh loß mich, wenn ich dir schon emol
gesagt hab« und ihre Augen bekamen plötzlich zwei glänzende scharfe
Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch
immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: »Nü, setz dich henidder,
mei Kind, was tu ich dir nur für e Kowed an.« Er zog den groben
Stuhl aus weißem Holz ans Bett.
»Brauchst dich nicht zu kümmern, Mutter, wir haben uns schon alles
selbst mitgebracht.« Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine
Würstchen. »Ich muß nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir
sorgen schon für uns.«
Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: »Wann kommt der Doktor,«
da er darauf noch keine Antwort hatte. -- »Um zwei Uhr, hat Frau
Lichtnegger versprochen.« -- Und nun beugte er sich, beruhigt,
zärtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: »Nun also, was gibt es
denn? Schöne Geschichten! Krank sein, das würde dir so passen,
nichtwahr ...«
»Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach. »Ich hab mr ja gewünscht,
ich könnt zwa Täge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen
... Ich kömm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich üm zehn weggeh,
bin ich umme zwölf dort, wo ich hab hingewellt ...«
»No es wird schon wieder besser werden. Natürlich es kann nicht immer
so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur
schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt
und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus
spaziert ...«
»Sei haben geschrieben« sagte die Alte still. »Ich hab ihnen nix
gesagt.«
Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte
sich, daß sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam
gemacht hatte, und schwieg ...
»Sei haben geschrieben« wiederholte die Großmutter »Aber jetzt geh i
nimmer aus ... Jetzt bin ich echtfärbig.«
»Echtfärbig?« Er hatte vielleicht falsch gehört.
Ein ganz schwaches Lächeln suchte die Falten zu durchbrechen: »No ja,
weil's nicht ausgeht ...«
Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu
machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff
es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen
röteten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls keine
Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, während
er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint
mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer
Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand.
»Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder
geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen ...«
»Nein, wir sind von selbst gekommen, Großmutter. Oder bist du
vielleicht nicht froh, daß wir da sind, no schau ...«
Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverständlich
war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, daß sie ihn nicht verstehe
oder er sie nicht. Auch ihre Müdigkeit schien da mitzuspielen, die
Krankheit, wie eine Wand fühlte er das manchen Moment lang. Hatte er
doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefürchtet, daß er noch nie zu
ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr
Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewußtsein einer Verständigung
war ihm so süß, wenn es ihm wieder kam, daß er alles andere übersah,
so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft
bemerkt und daher alle für gescheit hält. »Schau an« meinte sie
plötzlich und ihm schwoll das Herz »dei Mutter, wie se den Hut nicht
auszieht bei mir ... no er paßt ihr auch gut, was nur wahr is.«
»Wenn ich Dir nur gefall« erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren
überlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm übrigens den Hut ab.
»Schöne Frisur.« Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der
intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht
erstaunlich tönte wie eine Prophezeiung.
»Gott sei Dank, ich gefall Dir heut ...« Auch etwas Eigensinniges lag
in diesem Ton, wie wenn ein halbwüchsiges Mäderl gegen ihre Eltern die
Erfahrene machen wollte.
»Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.«
»Paß nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein«, wandte sich die
Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme.
»Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund ... Ich war ach emol so
dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, daß ich dick bin. So die
Ärme haben sie mr gedrückt. Aber es war nix gut ... Und e dörre
Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich
auslachen, weil ich so dörr bin. Ich will Dich mit e Zündholz anzünden,
sogt er. Da könnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie
gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, hab ich
gesogt. Do wär uns beiden recht ...« Die Großmutter wurde zusehends
munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur
einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen
Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne stärker geworden zu sein,
ohne sich geändert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles
wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie
Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse
kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang
sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie war süß.
»Es brennt schon« rief die Mutter vom Ofen her. »Das ist halt Dein
Kuksöwile, was, Mutter.« Sie wollte der Großmutter einen Gefallen
machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Großmutter merkte
es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: »Ja das is mei
Kuksöwile, e guts Öwile.« -- »Da brauchst Du Dich wenigstens mit
keinem Dienstmädchen abzuärgern.«
»Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama?«
»Loß se gehn« sagte die Großmutter, mit einem vertraulichen klugen
Zwinkern zu ihm »sei is doch glücklich mit ihrem Gegeh und
Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat
auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles
geblinkt und gefinkelt und der Fußboden war genau eso rein wie das
Tischtüchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme
gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, -- sei soll
emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser über
den Kopf geschütt ...« Arnold verlor den Faden von hier an, doch
glücklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen
leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn
scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen großen Poren besetzt,
wie durchlöchert, als hätten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von
Löchern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichmäßigen
Krümmungen hinzogen und über die Wangen hin nach allen Richtungen wie
ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich
zusammenschnürte. Hier drängten die Linien so dicht an einander, daß
die schwächeren von den tieferen durchschnitten oder als Hügel an
die Oberfläche gedrängt wurden, und diese tieferen schienen gar
keine Hügel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die
Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und schön gebogen aus dem
Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen
beredten Mund, der keine Zähne mehr hatte; seine Lippen bildeten
dafür zackige Erhöhungen und Ausbuchtungen, die sich an einander
schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schloß
oder öffnete. Die Augen blitzten. Das Schönste jedoch war das
schneeweiße Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn
beginnend, übrigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft ... Arnold
begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine
gänzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge,
er hörte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er
alles, sein Ohr füllte sich mit verworrenen Tönen, mit Erzählungen
ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren Ausgang in
nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch
offenbar der Erzählerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge
nahebrachten, daß ein jugendliches warmes Licht durch das ganze
Zimmer aufzustrahlen schien. Plötzlich unterbrach ein stärkerer Husten
und die Großmutter drehte sich der Wand zu ...
»Was ist?« rief die Mutter und kam herbei.
Die Großmutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, über
Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der
wußte, daß sie einen neulich operierten Bruch habe -- auch schmutzige
Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn
daran -- wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. Während
die beiden Frauen mit einander flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es
war so schmal und klein, daß das Bett beinahe ein Viertel des
Raumes wegnahm. Gleich an die Türe stieß ein Küchenofen, dessen Platte,
mit einem Gewirr von Schüsseln und Töpfchen, dennoch nie benützt zu
werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider wälzten sich über sie
und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer Schürzen,
das Warenlager vielleicht. Über ihn weg ging überdies zu dem
wirklich benützten, kleinen, so beliebten Eisenöfchen, das auch jetzt
brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabhängenden wackligen
Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen
auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, mehrere Koffer
und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schlössern, aber alt
und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines
ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz
schmalen Durchgang ließ, so breit war es mit seinem roten Leder,
den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingenähten
Knöpfen. Es paßte gar nicht herein und, als werde dies auch gefühlt,
stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der Wand, sondern
fremdartig suchte es nach Stützpunkten ... Arnold erinnerte sich denn
auch, daß die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die
Großmutter zu Mittag darauf ausruhn könne, zum großen Ärger der
Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben verabscheute ... Nur noch
ein Möbelstück außer dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch
überfüllten Zimmer: ein mageres Glaskästchen, wieder mit Geschirr
gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen,
warum so viele, vergaß es aber) und Gebetbücher (Also konnte sie doch
lesen. Oder nur hebräisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in
Kästen, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen weißen
Tuch, das oben mit zwei Nägeln befestigt war, verhüllt. Das war das
Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen
quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei
Porzellanzeug füllte -- und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern
mit offenem Gebälk, mit Spinnweben und Gott weiß was noch -- und alle
Gegenstände hier nicht etwa Mann für Mann und sauber hingestellt,
sondern durcheinandergeworfen, wie in Schwächeanfällen, mit einander
verbunden durch hingestreute Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit
ihrem unerträglichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch
zerbrochenes Holz, Fetzen, Abfälle, noch hinter dem Bett lugte ein
ganzer Sack mit abgetragener Wäsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng,
schwachfüßig, die Federbettdecke grau statt weiß, mit großen
eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit rötlichen
Spuren ... Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren
aufgeputzten hübschen großen Stuben, Palasträumlichkeiten förmlich,
erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder
die langen einsamen Nächte einer Kranken ... Und kein Mittel, dem
abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mißtrauen (alle Leute
bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich
lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fußboden allein auf
... In sein Graun mischte sich Bewunderung für diesen heißen
eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies
alles. Was mochte sie machen, während er die elektrische Lampe an
seinem schönen Schreibtisch spielen ließ oder wenn er im Ruderboot
saß, mit Millionärssöhnen, in demselben Moment, was tat da die
Großmutter? Gab es gar keine Fäden? War es seine Schuld? Irgend
jemandes Schuld?... O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen
und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Bürgern der
Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er hätte weinen
mögen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von
Zärtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte
er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem
einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.
»Setz dich nur hernidder« seufzte die Großmutter vom Bett her »auf
dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das gehört enk und ich
will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin,
so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.«
Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, während die Mutter an ihre
Arbeit zurücklief: »Aber was redest du denn? Davon redet man nicht.
Was fällt dir ein.«
Sie murmelte etwas.
»Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Großmutter. Das ist mir
lieber.« Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fühlte, ja herzlicher,
als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das
Stichwort zu geben.
Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von
Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: »Ich möcht scho
gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho genüg, es freut
mich nimmer, ich hob genüg gehabt, glaub mir. E Sof möcht ich machen.«
Plötzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig stärker,
für die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: »Awere, mit den
Würstlach wärech scho lang fertig. Das is e Kocherei.«
»Ich bin ja auch schon fertig« antwortete die Mama, sichtlich stolz
darauf, daß sie ihren Humor nicht verlor »deine Kocherei natürlich,
da hast du's leicht. Immer Koffi und Koffi noch und wieder.« Wie ein
Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: »Die Mutter trinkt nichts als
Kaffee, das ist ihr Liebstes ...« und leiser »Gut, daß sie uns heut
keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken.«
Arnold, der die Reden seiner Mutter überflüssig fand und diesen Ton
eigentlich weniger verstand als den der Großmutter -- offenbar lagen
da Verhältnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten
her -- sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbündeter: »Daraus
machen wir uns nichts, was?«
Die Alte drehte ihr Händchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der
Handfläche nach oben und dann wieder zurück -- eine stumme Verachtung
oder Hoffnungslosigkeit.
»Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch
zwischen den Kochtöpfen« spottete die Mama weiter, offenbar um zu
belustigen. »Da ist ja die Falle ...« Sie zog aus einem der für
Arnold unergründlichen Haufen ein Gitterwerk: »Leer ...«
»Das Mäusile« lächelte die Großmutter, fast gutmütig. »Was macht denn
mei Mäusile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie frißt en weg und
läuft heraus. Is sie nicht drin?... Hast e Chutzpe gehabt.«
»Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber
ich hab Dir doch unlängst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn?«
Sie stieß Arnold leise an, aber doch so, daß die Großmutter es hören
mußte: »Sie wird sie verkauft haben ...«
»Der Maurer hat mir geraten« schwenkte diese mit natürlicher
Überlegenheit ab »ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab
ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch.«
Sie ächzte. »Wenn ich nur wieder gesünd wär und aufstehn könnt.
Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesünd sein, wenn mir Gott
gibt.« --
Es klopfte.
Herein trat Frau Lichtnegger, eine große hellblonde Frau im Kopftuch,
mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund
steckte. Sie wollte sich, wie täglich, nach dem Befinden der Frau
Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie näher, stieß
aber plötzlich einen Freudenschrei aus: »Nein, das ist ja unmöglich.
Wenn Sie sie gestern gesehn hätten, Frau Beer. Das ist ja gar kein
Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen ... Sie hat halt
Freude, daß Sie da sind ... Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr.«
Arnold verbeugte sich befangen. Die Großmutter sprach zu ihr wie zu
etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: »Nehmen Sie
doch Platz, liebe Frau ...« und redete überhaupt so still und
sanft mit ihr, daß man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht
recht vorstellen konnte »wie geht's denn?« Und zum Buben: »No, mei
kleins Schekitzele.« Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger,
wie sie sich heute fühle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr
absichtlich scheinenden Kopfschütteln. »Kein Vergleich mit gestern«
flüsterte die Maurersfrau der Mutter zu.
Die Mutter brachte eben die warmen Würstchen vom Herd, lud auch die
Gäste ein. Man aß von einem ausgebreiteten Papier weg ... »Nun, Mutter,
was wirst du essen?«
»Ich hab ka Appetit.«
»Ein bißchen Himbeersaft mit Kuchen.«
»Ich hab ka Appetit.«
»Aber du mußt doch etwas essen, -- eine Grieskasch?«
»Vielleicht eine Omelette« mischte sich Frau Lichtnegger ein und die
zwei Frauen bedrängten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so daß
Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte.
Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut.