III.

Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mißmut

blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die Stöße des Zuges

nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen

er sich wohl hütete.

Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er tätig

ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für

die treue Frau Lichtnegger Würste und einen großen Schinken, für die

Großmutter Magenlikör, den sie immer verlangte, Brustbonbons und

andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wußte, heiterte

sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab

sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden,

natürlich -- und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht

verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute -- er

solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzählen, auch sagen, daß

er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache -- und warum er

so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich

eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe

sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.

»Auf solche Sachen gibt sie noch acht?« meinte Arnold zerstreut. Jetzt

etwa begann der Flug in Waldbrunn.

»O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. Überhaupt, gescheit

ist sie ...« Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wäre ...

»Ist sie wirklich so bös?« fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da

er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.

Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie

begann gleich von ihrer Jugend zu erzählen, als gingen ihr alle

diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre

Heimatstadt war die Vergangenheit näher an sie herangerückt. Was

für Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter

am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die

Hölle. Oft mußten die Kinder Nächte und Tage lang Knöpfe auf kleine

Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so

viel Gros fertig waren, mußten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten.

»Wir haben mehr Schläge gekriegt als zu essen.« Und dabei war solcher

Fleiß gar nicht nötig, denn das Geschäft ging ja damals noch sehr gut,

sie kauften sogar später ein eigenes Haus. Aber die Kinder mußten

weiter arbeiten, nur aus Geiz, daß ihnen die Finger wund wurden,

auf einem Schammerl stehn und große Kisten packen und wehe, wenn etwas

zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lärm,

Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal

wurde die älteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im

Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu

schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein

Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald

fort in die Fremde, sie wollte Kindergärtnerin werden, war gebildet, an

einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen --

anderswo, das wäre ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren,

wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur -- nie

hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause eingesperrt, kein

Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten

entzückt -- der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie

untergegangen, gestorben -- so schöne Zähne, schöne Haare, alles weg

-- und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi,

die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Händen, ihr doch mit

etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche

waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe

des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine

andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt,

wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte

man vom Vater nichts mehr gehört; verschollen. Die Hütte aber in

Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens

die Großmutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermögen ging zu

Grunde, nur noch Herr Beer als Bräutigam, der das gänzlich hilflose

Mädchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie -- Mama, als letzte -- war

einmal auf dem Pilsner Markt der Großmutter entwichen: »Und wenn du

jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst,

ich gehe nicht mehr mit nach Hause« ... Sie hatte zuerst bei Marie

gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mädchen

halt ein bißl geweint. Mit Näharbeiten auf der Maschine sich das Brot

verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie

täglich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang

kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen

waren sie in der großen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte,

ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen hätten, ob sie noch

anständig seien. Jetzt freilich, wenn man der Großmutter zuhöre,

habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. »Meine süße Marie, was hast

du sterben müssen.« Sie könne solche Reden gar nicht anhören ...

Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst

emporgetaucht war, zu rätselhaftem Geschick. Er kannte ja diese

Familiengeschichte, aber nur unvollständig, nur aus dritter Hand. Nie

noch hatte er die Mutter so erzählen gehört, jetzt war er ergriffen,

und während der Zug an reizenden Wäldchen, heiteren Villen vorbeilief,

tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.

Auch die Mutter meinte: »Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und

ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schließlich ist sie

ja doch nur die Mutter. -- Wenn man nur mit ihr auskommen könnt.

Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bösen

fortgefahren ...«

»Warum denn?« Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte

seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so

ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen,

seine Großmutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Haß.

»Sie ärgert sich halt vielleicht, daß wir sie nicht zu uns nehmen.

Aber geht das denn? Könnte das ein Mensch aushalten?... Und dann

spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, daß nur die Landluft

da draußen sie so lang gesund erhält; sie würde nicht einmal mehr

die lange Fahrt vertragen.« Sie schloß in einiger Verlegenheit.

Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber

nicht auffällig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da draußen

lebe.

Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie

eigensinnig keins angenommen und sich selbständig ernährt, Gott

weiß, womit. Sie mache Geschäfte unter den Leuten, verborge Geld,

kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch,

unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich

beschwindelten sie ja auch die Leute, sie könne ja weder lesen, noch

schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür

mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie

Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das

rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr größter Stolz, daß

sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde,

was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. »Besonders dir, Arnold,

du bist ja ihr Liebling.«

Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete

der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Großmutter vor Jahren.

»Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag.

Das hat sie längst vergessen. -- Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott.

Und dein Papa, das ist der Obergott.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben

arm geheiratet ... Nicht hören kann sie noch jetzt von ihren Familien.

Und wie sie schimpft.«

Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schöne

Landschaft draußen, den Tiergarten und das Schloß von Sichrov,

erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die spärlichen

Lichtblicke -- einmal hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt.

»Der Herr Registrator auf Reisen«, das war der Titel des Stückes.

O, sie könne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie

vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Großmutter

zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mußte bitten kommen. Der

Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Großmutter überhaupt sehr viel

gegeben, und daß einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine

Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erzählen. Nun, er

werde ja diese Anekdote morgen selbst hören. -- Diese Wendung

brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie äußerte Besorgnisse. »Wie

werden wir sie antreffen.« Und Arnold, der besser unterrichtet war,

dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt,

man werde diesmal wohl gerade zum Begräbnis zurechtkommen.

Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepäck im

Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte

so, voll Ängstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und

ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglättete Zimmer wandeln gesehn

hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden

Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: »Ai der Bohne --

hörst du -- das heißt: an der Bahn -- ja, so spricht man bei uns,

ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.« Sie sprach von der

Heimat, den Örtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie

genau, auch die letzten Veränderungen, da sie mindestens alle

Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklärte Arnold, wer

diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier,

Jugendfreunde, Christen, nur aus Gefälligkeit hätten sie den schweren

Dienst übernommen, täglich bei der Großmutter nachzusehn und von Zeit

zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es

sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzählt,

Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das

kleine Seifengeschäft eingerichtet habe. Eine vollständige Lüge,

solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen.

Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht

freundlich sein, man könne ihnen gar nicht genug danken ... Und

Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht

kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie.

Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und

fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Großmutter nachschauen

gehe. -- »Nein, ich muß mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht

im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg,

hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles

hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.« Und als hätte

sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in großem Stolz zeigte sie die

Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben

zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie

standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Häuser vermutet

hätte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Straße,

die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken

führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen,

der kalte Gebirgswind ergoß sich wie durch eine Röhre längs der

Häuserwände herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold

ihre Liebe zu dieser alten bösen Frau unbegreiflich fand, sagte er

sich, daß er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf

nicht gescheut hätte. Diese Halbheit, diese Mäßigung in der

Besorgtheit verstand er nicht.

Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie

Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine

goldenen Manschettenknöpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger

Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten

hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: »Mir

scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch

schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme

und man soll nur noch einmal schreiben.« ... Arnold dachte: Also sie

lebt noch, wirklich unverwüstlich ... »Aber denk dir nur. Gestern

noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und

sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die Ärmste, wie

sie mir's erzählt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie

haben da eine schöne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar

Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei

würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht hätte,

kein Mensch wüßte was davon.« -- »Hast du ihnen den Schinken und das

andere gegeben?« -- »Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen

Reden. Es sind so anständige gute Menschen.« -- Arnold bekam aufs

Neue Wut gegen die Alte: »Gehn wir jetzt noch hin?« Er wollte ihr

mal seine Meinung sagen. -- »Nein, sie schläft jetzt. Und das ist

recht, da soll man sie nicht stören. Frau Lichtnegger ist eben

dortgewesen ...«

Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen.

Unruhig träumend sah er den mißglückenden Flug, die ganze Stadt

hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der

Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut;

dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in

großen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit

emporgehobener Handfläche vor dem Photographen schützend, wie er dies

bei Bildern von Prozeßberühmtheiten gesehn hatte --, in diesem

Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge,

aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an

Lambert und der Sammlung -- jetzt war der Flug längst entschieden

-- ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen,

nicht vergessen -- er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins

Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen

Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern,

so groß wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ähnlich,

wenn man's recht nahm -- von neuem riß es Arnold empor, und die

einsamen kahlen Wände anstarrend, die sich schon im Morgengrauen

erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal

gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich

verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge

doch nicht -- aber vielleicht ins Gebirge fliehn -- er begann von

Lawinen zu träumen, die sich in Stöße blauen Briefpapiers verwandelten,

auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein

paar Schnörkel einer Mädchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten

wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein

Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr,

nein, ein Fußball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am

Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden,

folgte er der Mutter durch die sonnigen kühlen Straßen.

Sie bog hinter einem zweistöckigen Häuschen ein, das, in einer

Nebenstraße gelegen, noch ganz das Aussehn eines Großstadthauses

hatte, mit Fensterkrönungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert.

Dahinter lief ein grasiger Fußpfad steil bergab, zwischen freien

und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Bauplätzen sieht. Eine

Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein

Nebenweg zu einem verzäunten Garten, der auf einem Hügel lag,

neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen

den Fußpfad vor, so daß sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser

bog die Mutter ein ... »Hier also?« fragte er beklommen. Er zitterte

ein wenig, in so etwas dörfisch Armem, Zusammengeducktem lebte

also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. »Warte ein bißchen« sagte

die Mutter »ich will sie doch vorbereiten.« Während sie vorausging,

betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die

Wände aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen,

weiß eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das

große, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, rußig und wie

zerfallen; wie eine faltige Haube, höher als das ganze übrige

Gebäude, drückte es mit unverhältnismäßiger Kraft herab und armselig

sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem

unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die

zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform

aus großen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Geländer -- wie

wenig bequem, wie ländlich das alles!... Die Mutter stand nun

wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam

abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein

von dunklem Gerät verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mächtige

Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und

Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem

Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unhörbar geblieben

wäre und die die Mutter vor ihm öffnete, während sie ihm nochmals

zuflüsterte: »Sei nur hübsch lustig ...«

Er trat ein, sich bückend.

Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von

Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke

zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine

leise deutliche Stimme sagte, während er zögernd sich näherte:

»Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr.

Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold ...« Er beugte

sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan

seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen.

Und auch die Augen der Großmutter veränderten sich, diese beinahe

hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden

trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus -- und dieser Anblick

rührte ihn so, daß er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich

zusammenziehn fühlte ... Wie ein Gebet murmelte die Großmutter leise

fort, aber durchaus nicht erregt: »Groß bist de geworden, unberufen,

e Gewure von e Menschen, Gott soll ...« Er verstand einige Worte

nicht und sagte nun selbst: »Küß die Hand, Großmutter, no du siehst ja

gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr ...« Sie flüsterte

weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz

schwach singenden, einschmeichelnden Ton: »Was tu ich dir nur für

e Kowed an, Arnoldele?...«

Die Mutter soufflierte ihm die Übersetzung: »Kowed -- Ehre --«, und

während er sich an sie wandte: »Ich weiß ja«, steckte sie ihm die Düte

mit Brustzelteln in die Hand.

»Ich bin froh, daß ich bei dir bin« sagte Arnold laut und seine

reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten,

undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: »Schau, was

ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehört, daß du das gern hast ...«

Er wollte sagen: »magst«, doch erschien es ihm plötzlich notwendig,

die einfachsten Worte zu gebrauchen.

»Ich hob immer gewüßt, daß du e braves Kind bist ...« Auf mehrere

deutliche Worte folgten immer ein paar unverständliche. Dann, an die

Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: »Ich sog dir, Regie, von

dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben.

Er hat Herz und Gemüt.«

Arnold reichte ihr die Düte.

»Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl« sagte

die Mutter, die Gelegenheit benützend, und zu Arnold leise: »Sie hat

zwei Tage lang nichts zu sich genommen.«

»Ich hab ka Appetit.«

»No eine Kleinigkeit« schmeichelte er »wenn ich dich schön drum bitt.«

Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach

entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schloß sie die Augen,

wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spaß einmal

nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurück:

»E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... für e kranken

Menschen is das nix ...« Sie seufzte auf. »Nur herümgehn wenn ich

könnt ...«

»Es wird schon wieder werden« tröstete die Mutter. »Nur Geduld. Eine

gute Patientin, was? Noch ein bißchen Fieber?« Sie tastete ihr auf die

Stirn. »Nicht so arg.«

»Das verfluchte Fieber, ja ja ...« Die Kranke keuchte wieder und

hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als übertreibe sie, aus

Zorn, nicht völlig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige,

wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmäßige

Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. »Wie ich voriges Jahr

operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese

Geseres. Alle Kränk auf krumm Gitel ...«

»Das ist die Medizin, nichtwahr.« Die Mutter kramte am Fensterbrett

»wo ist aber das Löfferl?«

»Ich hab ka Löfferl -- ich trink mir e bissel aus dem Fläschel.«

»Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.«

»Mei Deige! Bis ich halt genug hab.«

Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden · 第 11 / 16 题