Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mißmut
blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die Stöße des Zuges
nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen
er sich wohl hütete.
Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er tätig
ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für
die treue Frau Lichtnegger Würste und einen großen Schinken, für die
Großmutter Magenlikör, den sie immer verlangte, Brustbonbons und
andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wußte, heiterte
sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab
sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden,
natürlich -- und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht
verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute -- er
solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzählen, auch sagen, daß
er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache -- und warum er
so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich
eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe
sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.
»Auf solche Sachen gibt sie noch acht?« meinte Arnold zerstreut. Jetzt
etwa begann der Flug in Waldbrunn.
»O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. Überhaupt, gescheit
ist sie ...« Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wäre ...
»Ist sie wirklich so bös?« fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da
er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.
Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie
begann gleich von ihrer Jugend zu erzählen, als gingen ihr alle
diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre
Heimatstadt war die Vergangenheit näher an sie herangerückt. Was
für Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter
am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die
Hölle. Oft mußten die Kinder Nächte und Tage lang Knöpfe auf kleine
Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so
viel Gros fertig waren, mußten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten.
»Wir haben mehr Schläge gekriegt als zu essen.« Und dabei war solcher
Fleiß gar nicht nötig, denn das Geschäft ging ja damals noch sehr gut,
sie kauften sogar später ein eigenes Haus. Aber die Kinder mußten
weiter arbeiten, nur aus Geiz, daß ihnen die Finger wund wurden,
auf einem Schammerl stehn und große Kisten packen und wehe, wenn etwas
zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lärm,
Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal
wurde die älteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im
Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu
schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein
Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald
fort in die Fremde, sie wollte Kindergärtnerin werden, war gebildet, an
einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen --
anderswo, das wäre ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren,
wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur -- nie
hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause eingesperrt, kein
Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten
entzückt -- der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie
untergegangen, gestorben -- so schöne Zähne, schöne Haare, alles weg
-- und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi,
die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Händen, ihr doch mit
etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche
waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe
des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine
andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt,
wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte
man vom Vater nichts mehr gehört; verschollen. Die Hütte aber in
Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens
die Großmutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermögen ging zu
Grunde, nur noch Herr Beer als Bräutigam, der das gänzlich hilflose
Mädchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie -- Mama, als letzte -- war
einmal auf dem Pilsner Markt der Großmutter entwichen: »Und wenn du
jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst,
ich gehe nicht mehr mit nach Hause« ... Sie hatte zuerst bei Marie
gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mädchen
halt ein bißl geweint. Mit Näharbeiten auf der Maschine sich das Brot
verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie
täglich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang
kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen
waren sie in der großen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte,
ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen hätten, ob sie noch
anständig seien. Jetzt freilich, wenn man der Großmutter zuhöre,
habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. »Meine süße Marie, was hast
du sterben müssen.« Sie könne solche Reden gar nicht anhören ...
Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst
emporgetaucht war, zu rätselhaftem Geschick. Er kannte ja diese
Familiengeschichte, aber nur unvollständig, nur aus dritter Hand. Nie
noch hatte er die Mutter so erzählen gehört, jetzt war er ergriffen,
und während der Zug an reizenden Wäldchen, heiteren Villen vorbeilief,
tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.
Auch die Mutter meinte: »Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und
ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schließlich ist sie
ja doch nur die Mutter. -- Wenn man nur mit ihr auskommen könnt.
Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bösen
fortgefahren ...«
»Warum denn?« Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte
seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so
ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen,
seine Großmutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Haß.
»Sie ärgert sich halt vielleicht, daß wir sie nicht zu uns nehmen.
Aber geht das denn? Könnte das ein Mensch aushalten?... Und dann
spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, daß nur die Landluft
da draußen sie so lang gesund erhält; sie würde nicht einmal mehr
die lange Fahrt vertragen.« Sie schloß in einiger Verlegenheit.
Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber
nicht auffällig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da draußen
lebe.
Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie
eigensinnig keins angenommen und sich selbständig ernährt, Gott
weiß, womit. Sie mache Geschäfte unter den Leuten, verborge Geld,
kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch,
unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich
beschwindelten sie ja auch die Leute, sie könne ja weder lesen, noch
schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür
mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie
Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das
rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr größter Stolz, daß
sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde,
was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. »Besonders dir, Arnold,
du bist ja ihr Liebling.«
Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete
der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Großmutter vor Jahren.
»Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag.
Das hat sie längst vergessen. -- Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott.
Und dein Papa, das ist der Obergott.«
»Warum?«
»Ich weiß nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben
arm geheiratet ... Nicht hören kann sie noch jetzt von ihren Familien.
Und wie sie schimpft.«
Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schöne
Landschaft draußen, den Tiergarten und das Schloß von Sichrov,
erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die spärlichen
Lichtblicke -- einmal hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt.
»Der Herr Registrator auf Reisen«, das war der Titel des Stückes.
O, sie könne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie
vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Großmutter
zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mußte bitten kommen. Der
Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Großmutter überhaupt sehr viel
gegeben, und daß einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine
Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erzählen. Nun, er
werde ja diese Anekdote morgen selbst hören. -- Diese Wendung
brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie äußerte Besorgnisse. »Wie
werden wir sie antreffen.« Und Arnold, der besser unterrichtet war,
dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt,
man werde diesmal wohl gerade zum Begräbnis zurechtkommen.
Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepäck im
Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte
so, voll Ängstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und
ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglättete Zimmer wandeln gesehn
hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden
Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: »Ai der Bohne --
hörst du -- das heißt: an der Bahn -- ja, so spricht man bei uns,
ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.« Sie sprach von der
Heimat, den Örtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie
genau, auch die letzten Veränderungen, da sie mindestens alle
Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklärte Arnold, wer
diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier,
Jugendfreunde, Christen, nur aus Gefälligkeit hätten sie den schweren
Dienst übernommen, täglich bei der Großmutter nachzusehn und von Zeit
zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es
sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzählt,
Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das
kleine Seifengeschäft eingerichtet habe. Eine vollständige Lüge,
solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen.
Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht
freundlich sein, man könne ihnen gar nicht genug danken ... Und
Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht
kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie.
Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und
fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Großmutter nachschauen
gehe. -- »Nein, ich muß mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht
im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg,
hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles
hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.« Und als hätte
sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in großem Stolz zeigte sie die
Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben
zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie
standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Häuser vermutet
hätte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Straße,
die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken
führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen,
der kalte Gebirgswind ergoß sich wie durch eine Röhre längs der
Häuserwände herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold
ihre Liebe zu dieser alten bösen Frau unbegreiflich fand, sagte er
sich, daß er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf
nicht gescheut hätte. Diese Halbheit, diese Mäßigung in der
Besorgtheit verstand er nicht.
Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie
Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine
goldenen Manschettenknöpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger
Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten
hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: »Mir
scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch
schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme
und man soll nur noch einmal schreiben.« ... Arnold dachte: Also sie
lebt noch, wirklich unverwüstlich ... »Aber denk dir nur. Gestern
noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und
sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die Ärmste, wie
sie mir's erzählt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie
haben da eine schöne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar
Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei
würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht hätte,
kein Mensch wüßte was davon.« -- »Hast du ihnen den Schinken und das
andere gegeben?« -- »Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen
Reden. Es sind so anständige gute Menschen.« -- Arnold bekam aufs
Neue Wut gegen die Alte: »Gehn wir jetzt noch hin?« Er wollte ihr
mal seine Meinung sagen. -- »Nein, sie schläft jetzt. Und das ist
recht, da soll man sie nicht stören. Frau Lichtnegger ist eben
dortgewesen ...«
Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen.
Unruhig träumend sah er den mißglückenden Flug, die ganze Stadt
hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der
Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut;
dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in
großen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit
emporgehobener Handfläche vor dem Photographen schützend, wie er dies
bei Bildern von Prozeßberühmtheiten gesehn hatte --, in diesem
Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge,
aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an
Lambert und der Sammlung -- jetzt war der Flug längst entschieden
-- ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen,
nicht vergessen -- er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins
Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen
Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern,
so groß wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ähnlich,
wenn man's recht nahm -- von neuem riß es Arnold empor, und die
einsamen kahlen Wände anstarrend, die sich schon im Morgengrauen
erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal
gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich
verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge
doch nicht -- aber vielleicht ins Gebirge fliehn -- er begann von
Lawinen zu träumen, die sich in Stöße blauen Briefpapiers verwandelten,
auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein
paar Schnörkel einer Mädchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten
wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein
Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr,
nein, ein Fußball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am
Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden,
folgte er der Mutter durch die sonnigen kühlen Straßen.
Sie bog hinter einem zweistöckigen Häuschen ein, das, in einer
Nebenstraße gelegen, noch ganz das Aussehn eines Großstadthauses
hatte, mit Fensterkrönungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert.
Dahinter lief ein grasiger Fußpfad steil bergab, zwischen freien
und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Bauplätzen sieht. Eine
Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein
Nebenweg zu einem verzäunten Garten, der auf einem Hügel lag,
neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen
den Fußpfad vor, so daß sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser
bog die Mutter ein ... »Hier also?« fragte er beklommen. Er zitterte
ein wenig, in so etwas dörfisch Armem, Zusammengeducktem lebte
also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. »Warte ein bißchen« sagte
die Mutter »ich will sie doch vorbereiten.« Während sie vorausging,
betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die
Wände aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen,
weiß eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das
große, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, rußig und wie
zerfallen; wie eine faltige Haube, höher als das ganze übrige
Gebäude, drückte es mit unverhältnismäßiger Kraft herab und armselig
sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem
unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die
zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform
aus großen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Geländer -- wie
wenig bequem, wie ländlich das alles!... Die Mutter stand nun
wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam
abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein
von dunklem Gerät verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mächtige
Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und
Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem
Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unhörbar geblieben
wäre und die die Mutter vor ihm öffnete, während sie ihm nochmals
zuflüsterte: »Sei nur hübsch lustig ...«
Er trat ein, sich bückend.
Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von
Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke
zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine
leise deutliche Stimme sagte, während er zögernd sich näherte:
»Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr.
Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold ...« Er beugte
sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan
seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen.
Und auch die Augen der Großmutter veränderten sich, diese beinahe
hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden
trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus -- und dieser Anblick
rührte ihn so, daß er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich
zusammenziehn fühlte ... Wie ein Gebet murmelte die Großmutter leise
fort, aber durchaus nicht erregt: »Groß bist de geworden, unberufen,
e Gewure von e Menschen, Gott soll ...« Er verstand einige Worte
nicht und sagte nun selbst: »Küß die Hand, Großmutter, no du siehst ja
gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr ...« Sie flüsterte
weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz
schwach singenden, einschmeichelnden Ton: »Was tu ich dir nur für
e Kowed an, Arnoldele?...«
Die Mutter soufflierte ihm die Übersetzung: »Kowed -- Ehre --«, und
während er sich an sie wandte: »Ich weiß ja«, steckte sie ihm die Düte
mit Brustzelteln in die Hand.
»Ich bin froh, daß ich bei dir bin« sagte Arnold laut und seine
reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten,
undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: »Schau, was
ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehört, daß du das gern hast ...«
Er wollte sagen: »magst«, doch erschien es ihm plötzlich notwendig,
die einfachsten Worte zu gebrauchen.
»Ich hob immer gewüßt, daß du e braves Kind bist ...« Auf mehrere
deutliche Worte folgten immer ein paar unverständliche. Dann, an die
Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: »Ich sog dir, Regie, von
dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben.
Er hat Herz und Gemüt.«
Arnold reichte ihr die Düte.
»Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl« sagte
die Mutter, die Gelegenheit benützend, und zu Arnold leise: »Sie hat
zwei Tage lang nichts zu sich genommen.«
»Ich hab ka Appetit.«
»No eine Kleinigkeit« schmeichelte er »wenn ich dich schön drum bitt.«
Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach
entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schloß sie die Augen,
wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spaß einmal
nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurück:
»E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... für e kranken
Menschen is das nix ...« Sie seufzte auf. »Nur herümgehn wenn ich
könnt ...«
»Es wird schon wieder werden« tröstete die Mutter. »Nur Geduld. Eine
gute Patientin, was? Noch ein bißchen Fieber?« Sie tastete ihr auf die
Stirn. »Nicht so arg.«
»Das verfluchte Fieber, ja ja ...« Die Kranke keuchte wieder und
hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als übertreibe sie, aus
Zorn, nicht völlig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige,
wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmäßige
Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. »Wie ich voriges Jahr
operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese
Geseres. Alle Kränk auf krumm Gitel ...«
»Das ist die Medizin, nichtwahr.« Die Mutter kramte am Fensterbrett
»wo ist aber das Löfferl?«
»Ich hab ka Löfferl -- ich trink mir e bissel aus dem Fläschel.«
»Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.«
»Mei Deige! Bis ich halt genug hab.«