Der Schiffsarzt zuckte die Achseln: »Das ist sehr schwer vorauszusehen!«

»Ist wohl ernstliche Gefahr vorhanden?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger

noch leiser.

»O nein, kaum; unser Kapitän ist sehr vorsichtig.«

Herr Dr. Bürstenfeger nahm ein Buch zur Hand und setzte sich.

»Lassen Sie uns bitte wieder hinaus, Herr Dr. Bürstenfeger,« baten

Carlos und Nicolás, »es ist schrecklich langweilig hier.«

»Gut, aber ich komme mit euch«, antwortete der Lehrer.

Sie traten hinaus.

Nicht weit von ihnen ertönte eine Sirene; die Lombardia gab Antwort.

Der Nebel war noch dichter geworden.

An der Reling lehnte der fröhliche Priester.

»Ich glaube, unser Dampfer steht still«, sagte er.

Der Herr mit der Reisemütze tauchte auf.

»Ein Dampfer kommt uns entgegen,« raunte er Herrn Dr. Bürstenfeger zu;

»gehen wir nach vorn und stellen wir uns hinter die Kommandobrücke!«

»Herr Dr. Bürstenfeger, gehen wir!« drängten die Knaben.

»Aber ihr müßt euch dort ganz still verhalten, um die Offiziere nicht zu

stören«, sagte der Herr mit der Reisemütze.

Sie gingen nach Zwischendeck, stiegen dort eine schmale Treppe hinauf

und standen hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein.

Vorn, unter ihnen saßen und kauerten die Emigranten, fröstelnd in ihre

Mantel und Decken gehüllt.

Wie Chirurgen bei einer schweren Operation standen schweigend die

Offiziere hinter ihren Instrumenten.

Ihre Gegenwart erfüllte Herrn Dr. Bürstenfeger mit Beruhigung.

Plötzlich machte er von eisigem Schrecken erfaßt einen Satz.

Auch der Herr mit der Reisemütze und die Knaben fuhren zusammen. Denn

gerade über ihnen ertönte markerschütternd der Schrei der Sirene.

»Um Gottes willen!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und preßte die Hände an

die Ohren.

Sofort kam die Antwort des Dampfers vor ihnen, und wieder heulte die

Sirene der Lombardia.

»Wenn wir nur endlich aus diesem schrecklichen Nebel heraus wären!« Die

Hände fest an die Ohren gepreßt, starrte Herr Dr. Bürstenfeger in den

dichten Nebel, er fühlte eine Beklemmung auf der Brust, Schweißtropfen

standen ihm auf der Stirn.

»Miserikordia!« ertönte es plötzlich aus dem Haufen der Emigranten;

mitten unter ihnen stand der Herr mit der fahlen Glatze und verbreitete

Panik. Man sah seine Hände im Nebel fuchteln.

Jetzt stieg ein Offizier schnell die Treppe von der Kommandobrücke

hinab.

Carlos und Nicolás sahen, wie er energisch auf den Herrn mit der fahlen

Glatze zuschritt und in der Richtung der ersten Klasse zeigte.

Der Herr mit der fahlen Glatze duckte sich und verschwand.

Nochmals heulte die Sirene über ihnen; ganz nahe erfolgte die Antwort.

»Karl und Nikolaus, gehen wir nach dem Promenadendeck«, sagte Herr Dr.

Bürstenfeger.

Sie kehrten zurück.

An der Reling lehnte ernst der fröhliche Priester, sein Brevier in der

Hand.

Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.

Fräulein von Pfnühl saß in ihrem Reisestuhl in ihren Schal gehüllt und

weinte leise: »Wir werden untergehen; mein guter, lieber Bruder, du

siehst mich nie wieder!«

Bewegungslos stand die Lombardia, die Sirene heulte. Aus nächster Nähe

erfolgte jetzt die Antwort des fremden Dampfers.

Herrn Dr. Bürstenfegers Herz krampfte sich zusammen.

Einige Sekunden vergingen; Lichter glitten im Nebel vorüber.

»Gott sei Dank ... er ist an uns vorbei!« murmelte Herr Dr.

Bürstenfeger.

Bald setzte die Lombardia wieder zu langsamer Fahrt an.

Herr Dr. Bürstenfeger ging mit Carlos und Nicolás ins Rauchzimmer; die

vier Herren waren noch immer in ihr Kartenspiel vertieft.

In einer Ecke saß stumm und finster der Herr mit der fahlen Glatze und

brütete vor sich hin ...

Nicolás zeigte heimlich auf ihn und sagte zu Carlos: »Er ist noch wütend

über den Anschnauzer, den er vom Offizier bekommen hat ...«

Zwei Stunden war die Lombardia langsam weitergefahren. In kurzen,

regelmäßigen Abständen gab sie ihre Warnungssignale.

Plötzlich ertönten nahe vor dem Schiffe Schreie, zugleich laut ein

Nebelhorn. Einige Barken huschten wie Schatten dicht an der Lombardia

vorbei.

Die Maschine des Dampfers arbeitete nach rückwärts. Das Schiff stand.

Sämtliche Passagiere waren aufs Deck gestürzt. Von rechts und links kam

schrilles Pfeifen; wieder ertönten Nebelhörner, dazwischen Schimpfen und

Fluchen.

»Wir sind in eine Fischerflottille geraten«, rief ein Steward.

»Um Gottes willen, man hat doch keine Barke überfahren?!« rief Herr Dr.

Bürstenfeger.

»Es ist nichts passiert«, lachte der Steward ...

Die Schreie und Rufe verklangen in der Ferne.

Eine Möwe flog nahe an Carlos und Nicolás vorbei, beinahe die Reling

streifend.

Lange rührte sich die Lombardia nicht von der Stelle, unaufhörlich

ertönten ihre Signale.

Dann fuhr sie wieder langsam weiter ...

Nach dem Nachtessen saß Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im

Rauchzimmer.

Auf dem Sofa saß die Dame aus Patagonien, neben ihr der Herr mit der

Reisemütze.

»Heute nacht gehe ich nicht zu Bett!« sagte sie.

»Das Klügste wäre, wir blieben alle auf«, bemerkte er.

Lange saß man schweigend.

Carlos und Nicolás · 第 45 / 48 题