In dem Augenblick kam der Herr aus Coruña hereingelaufen und rief laut
und freudig: »Meine Herrschaften, der Nebel zerteilt sich!«
Alles eilte auf Deck. Man sah weit hinaus ins Meer. Hell erleuchtete
Schiffe fuhren vorüber.
Gibraltar erstrahlte in tausend Lichtern.
»Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie, Europa!« riefen Carlos und Nicolás.
Bald leuchteten sämtliche Sterne am Himmel.
Ein großer Dampfer fuhr mit Musik nahe an der Lombardia vorbei.
Herr Dr. Bürstenfeger stand noch eine Weile mit Carlos und Nicolás auf
Deck, dann ging er hinunter in den Salon, und von Begeisterung erfüllt,
setzte er sich ans Klavier und spielte Beethovens Eroika ...
Zwei Tage später war man in Barcelona.
Schon frühmorgens war ein großer Teil der Emigranten ausgeschifft
worden.
Etwas später stiegen die Passagiere der ersten Klasse aus.
Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás standen auf Deck.
»Schade, daß wir nicht an Land können, weil das Schiff so kurze Zeit
hält«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
»Ist es denn in Deutschland nicht schöner als hier?!« bemerkte tief
enttäuscht Carlos.
»Barcelona ist eine schöne spanische Stadt, freilich ist dies hier von
der Ferne aus schwer zu beurteilen«, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.
»Aber Deutschland ist doch viel schöner?!«
»Es wird euch dort schon gefallen«, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.
Jetzt stieg die schöne Dame mit den Purpurlippen in Begleitung eines
jungen Exdeputierten aus Buenos Aires als Letzte in die unten wartende
Barkasse.
Unzähliges Handgepäck folgte.
Die Barkasse stieß ab.
Die schöne Frau sah Carlos und Nicolás oben an der Reling stehen und
warf ihnen zum Abschied Kußhände zu.
Carlos und Nicolás winkten mit den Taschentüchern und schrieen aus
Leibeskräften: »Adieu, adieu, auf Wiedersehen!«
»Schon gut, schon gut, jetzt hört mal endlich auf!« sagte Herr Dr.
Bürstenfeger ärgerlich und legte ihnen die Hand auf die Schulter ...
* * * * *
Zwei Tage später in der Frühe fuhr die Lombardia in den Hafen von Genua
ein.
Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.
An der Reling standen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás,
neben ihnen das Handgepäck und die Kiste mit den Affen.
Die Knaben dachten: Wie schön, bald sind wir in Mufflingen!
Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »Genua, Königin des Meeres, letzte große
Station vor meiner Heimat!«
Auf Zwischendeck standen zwischen Koffern, Ballen und zusammengerollten
Matratzen die Emigranten zum Aussteigen bereit.
Ganz vorn an der Spitze lehnte an der Reling ein alter Mann.
Vierzig Jahre war er von seiner Vaterstadt fortgewesen. Arm wie er
fortgezogen, kehrte er jetzt wieder zurück.
Die Lippen aufeinandergepreßt, blickte er schon lange auf das sich
nahende Genua.
Plötzlich breitete er die Arme aus, und laut weinend rief er, daß es
über das ganze Schiff ertönte: »_Genova mia Genova!_«
Auf den Hafendocks spazierte Fräulein von Pfnühls guter Bruder. In Angst
und Sorge wartete er auf seine Schwester. Er wußte, daß sie
sich dem Trunk ergeben hatte, und stand bereits mit einer
Alkoholentziehungsanstalt Mitteldeutschlands in Verbindung.
-- Ende --