Nicolás sagte: »Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.«

Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter.

Schließlich fielen Nicolás die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich

eingeschlafen. Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann

begab er sich auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf.

--

Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Bürstenfeger in die Kabine.

Hell schien die Sonne durch die Luke.

»Heraus, ihr Langschläfer«, rief er. »Es hat schon längst zum Frühstück

geläutet!«

Carlos und Nicolás richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die

Augen.

Vom Zwischendeck ertönte Gesang und Gitarrespiel.

Die gestrigen Ereignisse traten plötzlich wieder in ihre Erinnerung.

»Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mütterchen

ins Wasser geworfen!« rief Carlos aufs höchste verwundert aus.

Herr Dr. Bürstenfeger antwortete lächelnd: »Bedenkt, Karl und Nikolaus,

daß dies ein leichtlebiges Völklein ist, unter einem heiteren Himmel

geboren. Freude und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!«

Im Eßzimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der

Nacht die Leiche ins Meer gesenkt hätte. »Um zwei Uhr«, antwortete der

Obersteward.

»Wir haben aber gar nichts gehört!« sagte Carlos.

»Dergleichen Sachen werden hier möglichst still abgetan«, antwortete der

Obersteward.

* * * * *

Zwei Tage später passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der

Speisesalon war mit Fähnchen und Papiergirlanden ausgeschmückt, auf den

Tischen standen große Aufsätze mit Kuchen und Knallbonbons.

Die Damen hatten ihre schönsten Kleider angezogen; die Dame mit den

Purpurlippen trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr.

Bürstenfeger erschien im Gehrock und weißer Krawatte, Carlos und Nicolás

in ihren besten weißen Matrosenanzügen mit hellblauen seidenen Kragen.

Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner

getrunken; auch Carlos und Nicolás durften mittrinken; gegen Ende der

Mahlzeit herrschte die ausgelassenste Fröhlichkeit ...

Nach Tisch spazierte Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben auf Deck auf

und ab. Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr

aufzubleiben.

Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht.

Herr Dr. Bürstenfeger war sehr aufgeräumt ...

»Bis jetzt, Karl und Nikolaus,« sagte er, »können wir uns im großen und

ganzen über die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich

doch auf Deutschland; der Winter hält jetzt dort seinen Einzug, unser

prächtiger deutscher Winter; ihr werdet Schlittschuhlaufen lernen und

Schneemänner machen, hei, das wird ein Spaß!«

Herr Dr. Bürstenfeger wurde immer aufgeräumter. Er erzählte ihnen weiter

von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus

seiner Kindheit und Studentenzeit.

Carlos und Nicolás hörten begierig zu. So vergnügt hatten sie ihren

Lehrer noch nie gesehen.

Durch die geöffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicolás ins

Eßzimmer hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Fräulein von Pfnühl

saß noch auf ihrem Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte

Flasche.

»Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie,« sagte Carlos, »wieviel Puder sich

Miß Von auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!«

»Still, Karl, werde nur nicht übermütig,« antwortete Herr Dr.

Bürstenfeger lächelnd, »Fräulein von Pfnühl ist und bleibt eine gute,

harmlose Dame!«

Er verfügte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und

begann etwas vor sich hinzusummen.

»Herr Dr. Bürstenfeger, singen Sie doch lauter!« baten Carlos und

Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger sang:

»Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim,

sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim,

Vorne mit Trompetenschall terätätätäterä

Ritt der General-Feldmarschall terätätätäterä

Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau,

Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, schnäderängtäng, schnäderäng

tängderängtängtäng.«

»Was ist das für ein komisches Lied?!« unterbrachen ihn Carlos und

Nicolás lachend.

»Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in

feuchtfröhlichem Zecherkreise.«

Herr Dr. Bürstenfeger sang weiter:

»In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim,

Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim,

Raben flogen durch die Luft, trä ...«

»Endlich gefunden!« ertönte emphatisch eine Stimme.

Vor Herrn Dr. Bürstenfeger stand Fräulein von Pfnühl.

»Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mußte Sie

sehen, Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte

Seele!«

Fräulein von Pfnühl machte einen Schritt näher. Ein Geruch nach Kognak,

wie noch nie, schlug Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen.

»Sie guter, edler Mann,« Fräulein von Pfnühl begann laut zu schluchzen,

»lassen Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!«

Herr Dr. Bürstenfeger wich entsetzt zurück.

Sprachlos starrten Carlos und Nicolás Fräulein von Pfnühl an.

»Ich habe den Glauben an die Welt verloren«, schluchzte sie wieder laut

auf.

Von neuem näherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr.

Bürstenfegers Brust.

»Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die höchste Zeit!« Herr Dr.

Bürstenfeger ergriff Carlos und Nicolás bei den Händen und zog sie mit

sich fort.

»Ich will noch nicht zu Bett!« schrie Carlos und zerrte an seinem Arm.

»Du hast zu gehorchen!« rief Herr Dr. Bürstenfeger.

»Wir dürfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt!« heulte

Carlos.

»Marsch, marsch!«

Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicolás trabte

resigniert mit. Herr Dr. Bürstenfeger eilte mit ihnen die Treppe

hinunter, in seine Kabine, dort ließ er sie los.

»Alberner, törichter Junge!« herrschte er Carlos an.

Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Plötzlich

heulte er laut auf: »Ich bekomme den Krebs!«

»Waas!« rief Herr Dr. Bürstenfeger.

»Sie haben mich fürchterlich am Arm gekniffen, eine alte Frau hat man

auch am Arm gekniffen, und da hat sie den Krebs bekommen und ist

gestorben!«

»Was schwatzt du da für Unsinn,« schrie Herr Dr. Bürstenfeger, »erstens

bist du keine alte Frau, und zweitens bin ich noch viel zu glimpflich

mit dir umgegangen!«

Er schwieg, die Lippen fest aufeinandergepreßt. Nicolás sah, wie sein

Kehlkopf sich über dem niederen Klappkragen auf und ab bewegte.

»Ich habe mich bedacht, ihr braucht noch nicht zu Bett,« sagte Herr Dr.

Bürstenfeger, »geht einstweilen ins Eßzimmer und verhaltet euch still,

ich komme bald nach!«

Carlos wollte schon die Türklinke ergreifen.

Herr Dr. Bürstenfeger hielt ihn zurück. Er sah ihn an. Über seiner

Nasenwurzel hatten sich zwei Furchen gebildet.

»Rebellischer Knabe, rebellischer Knabe, pfui, schäme dich -- so, jetzt

geht!«

Sie gehorchten schweigend.

Stumm blickte er noch eine Weile in der Richtung der geschlossenen Tür.

Dann aber glätteten sich langsam seine Züge; er sagte vor sich hin: »Ich

hätte diesem aufgeregten Karl auch heute den Alkoholgenuß versagen

sollen!«

* * * * *

Am nächsten Morgen beim Frühstück wagte Herr Dr. Bürstenfeger nicht vom

Teller wegzusehen, aus Angst, den Augen Fräulein von Pfnühls zu

begegnen.

Als er nachher mit Carlos und Nicolás auf Deck ging, ließ er die Knaben

allein.

Von Unruhe gequält, spazierte er umher und spähte in alle Winkel.

Plötzlich erhellten sich seine Züge. Neben einer großmächtigen Taurolle

hatte er ein Plätzchen gefunden, das wie geschaffen schien, ihn aufs

prächtigste vor aller Welt Blicken zu verbergen.

Schon wollte er seinen Reisestuhl holen. In diesem Augenblick erscholl

zwanzig Schritte von ihm Fräulein von Pfnühls Stimme: »Herr Doktor!«

Herr Dr. Bürstenfeger sah sie starr an, machte dann kehrt und floh nach

dem Treppenhaus.

Zwei Stewards mit Teebrettern voller Teller und Schüsseln kamen gerade

die Treppe hinauf und versperrten ihm den Weg.

»Herr Doktor!« ertönte es noch mal kläglich bittend dicht hinter ihm.

Herr Dr. Bürstenfeger duckte sich, und mit zwei Sätzen war er unter den

Teebrettern durch, die Treppe hinab, lief durchs Eßzimmer in seine

Kabine und schloß sich ein.

Schwer ließ er sich auf das Sofa nieder. Gleich aber hatte er sich

wieder erhoben. Er reckte die Arme zur Decke empor und rief aus: »Nichts

Fürchterlicheres gibt es für einen Mann, als wenn eine Frau, die er

nicht lieben kann, ihn immerzu mit ihrer Zärtlichkeit verfolgt!«

Aber von nun an haßte und verabscheute Fräulein von Pfnühl Herrn Dr.

Bürstenfeger aus ganzer Seele.

Auch sie begab sich gleich in ihre Kabine. Von Zorn und Bitterkeit

erfüllt, schenkte sie sich ein Wasserglas Kognak ein und trank es mit

einem Zuge aus.

* * * * *

Mehr als eine Woche war vergangen. Man war aus dem Bereich der Tropen.

Seit St. Fernando d'Oronho, der Verbrecherinsel, hatte man kein Land

mehr gesehen.

Am zehnten Tage aber, gegen Mittag, kündeten vereinzelte Möwen die Nähe

der Küste an, gegen Abend umkreisten sie in Scharen das Schiff. Am

Horizont tauchten Dampfer und Segler auf.

Bei Dunkelwerden fuhr die Lombardia ganz nahe an einem Feuerschiff

vorbei. Carlos und Nicolás schwenkten jubelnd die Mützen.

Am frühen Morgen erschien in der Ferne die schneebedeckte Spitze des

Piks von Teneriffa; um Mittag aber sah man schon Palmen und schimmernde

Häuser.

»Land, Land!« riefen Carlos und Nicolás beglückt aus ...

Bald stieg der Lotse an Bord. Langsam führte er das Schiff in die Reede

des felsenumstandenen Santa Cruz ...

Die Lombardia sollte Kohlen laden.

Sämtliche Passagiere begaben sich an Land. Man stieg zu Wagen und ließ

sich im Städtchen umherfahren.

Oberhalb der Stadt auf der Anhöhe speiste man im Hotel auf der Veranda

mit dem Blick auf Felsen und Meer.

Die Gesellschaft war in der heitersten Stimmung, denn endlich war man

wieder an Land nach langer Seereise.

Dann spazierte man auf den Berghängen umher, und als das erste Signal

des Dampfers ertönte, kehrte man an Bord zurück ....

Noch war die Lombardia lange nicht mit dem Laden fertig, die Krane

lärmten, das ganze Schiff war schwarz vom Kohlenstaub.

Aber die gute Laune der Passagiere dauerte unvermindert fort.

Alle Welt war auf Deck; man wollte den Anblick der schönen Insel

genießen, solange es noch hell war. --

Der vorletzte Leichter hatte seine Arbeit beendet und sollte gerade

abstoßen, als ein kleines schmächtiges Männchen in einem geflickten

Zwillichanzug das Fallreep herunterstieg. Er war barhäuptig und trug ein

kleines Bündel in der Hand; ein Matrose ging hinter ihm.

Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sah den Matrosen unschlüssig

an. Aber dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn in den

Leichter zu steigen.

Sein Bündel krampfhaft gefaßt, blickte der kleine Mann verzweifelt zum

Deck der Lombardia hinauf.

Als der Leichter im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, streckte er

die Arme in die Höhe und brach in lautes Weinen aus: »Herr Kapitän, ich

beschwöre Sie um Himmels willen, lassen Sie mich nicht auf dieser Insel

zurück, nehmen Sie mich nach Barcelona mit, ich muß ja zu den Meinen!«

Der Kapitän, ein Mann mit einem dicken gutmütigen Gesicht, stand reglos

an der Reling, mitten im Haufen der Passagiere, die neugierig

herunterschauten.

»Ein blinder Passagier, der sich in Rio eingeschmuggelt hat und hier an

Land gesetzt wird«, erklärte der Kapitän einigen Umstehenden, die ihn

mit Fragen bestürmten.

»Um Himmels willen doch kein Anarchist!« schrie Fräulein von Pfnühl auf.

»Warum darf der arme Mann nicht mitfahren?!« fragten Carlos und Nicolás

voller Mitleid einen Herrn aus Coruña, der karierte Hosen trug.

»Weil er sich eingeschmuggelt hat, wie ein Dieb, um umsonst zu fahren,

versteht ihr, Jungens?!« belehrte sie dieser.

»Herr Kapitän«, schrie das Männchen hinauf und weinte herzbrechend, »ich

flehe Sie an, nehmen Sie mich mit; ich will ja wieder jede Arbeit tun;

machen Sie mich doch nicht unglücklich!«

»Das fehlte noch,« lachte der Herr aus Coruña, »wir haben bei uns schon

genug anarchistisches Gesindel!«

Die meisten Passagiere schauten gleichmütig hinunter; einige

bemitleideten das Männchen, andere lachten über sein Geschrei und seine

komischen Armbewegungen.

Der Kapitän zuckte die Achseln, brummte etwas in den Bart und trat von

der Reling zurück.

»Herr Kapitän, ist es erlaubt, dem armen Mann etwas Geld zu geben?!«

fragten aufgeregt Carlos und Nicolás.

»Erlaubt ist es schon, und brauchen wird er es wohl auch!« lächelte der

Kapitän.

Carlos und Nicolás wollten sofort in die Kabine laufen, um ihre

Sparbüchse zu holen.

Aber Herr Dr. Bürstenfeger hielt sie zurück: »Ihr habt keine Zeit, der

Leichter fährt schon ab!«

Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche und gab einem Matrosen ein

Goldstück, der schnell das Fallreep hinunterlief und es dem noch immer

laut weinenden Mann hinreichte.

In diesem Augenblick fuhr der Leichter weg.

»_Gracias, gracias, Señores, que Dios se lo pague!_« rief schluchzend

der Mann und winkte mit dem Bündel zum Schiff hinauf ...

Es war schon lange dunkel, als der letzte Kohlenleichter abstieß. Kurz

darauf lichtete die Lombardia die Anker und verließ die Reede.

Carlos und Nicolás standen noch lange auf Deck und sahen stumm nach den

steilen Felsen der Insel, die allmählich in der Dunkelheit verschwanden.

Es war ihnen traurig zumute.

Carlos und Nicolás · 第 41 / 48 题