»Um zwei Uhr hat man gesagt.«
»Niemand weiß es genau.«
»Wirst du heute nacht einschlafen können?« fragte eine Weile darauf
Nicolás.
»Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.«
»Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht könnten
wir dann doch einschlafen! -- Weißt du noch, wie alle gelacht haben, als
du einmal eines Abends, als wir noch klein waren, zu Mama ins Eßzimmer
gelaufen kamst und sagtest, ein Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war
doch nur Papa, der auf dem Sofa fürchterlich schnarchte!«
»Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkäppchen erzählt«,
antwortete Carlos.
Er schwieg.
»Arme Alte«, sagte er nach einer Weile.
»Denke doch nicht immer daran!« --
»Nicolás, fährt das Schiff nicht langsamer?!« Carlos richtete sich in
seinem Bett auf. »Jetzt -- ich glaube, man wirft sie ins Meer!«
Nicolás horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute.
»Nein, das Schiff fährt gleichschnell!« flüsterte er.
Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und löschte die Lichter.
Carlos und Nicolás hielten es jetzt nicht länger in ihren Betten aus.
Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke.
Draußen war stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte.
Sie hörten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen.
Sonst war es totenstill.
»Wie dunkel!« flüsterte Carlos. »Wenn man nur einen einzigen Stern sehen
könnte!«
»Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden?« meinte er nach
einer Weile.
»Sie werden sie wohl bald auffressen,« antwortete Nicolás, »aber
vielleicht kommt sie auch heil bis zum Grunde!«
»Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?«
»Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.«
Carlos schloß die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des
Meeres vorzustellen.
Sie schwiegen lange.
Wieder fuhr Carlos zusammen. Er faßte seinen Bruder beim Arm: »Hörst du
nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!«
Sie hielten den Atem an und horchten.