Erst nach längerer Zeit kam es zur Abfahrt; dann waren sie in zehn
Minuten an Land, und bald nachher spazierten sie in den Straßen von Rio
im Menschengewühl umher.
Carlos und Nicolás fiel es auf, wieviel Neger es in dieser Stadt gab.
Die Hitze auf den Straßen war unerträglich. Herr Dr. Bürstenfeger hielt
in der Linken ein deutsch-portugiesisches Lexikon und in der Rechten
sein Taschentuch, womit er sich von Zeit zu Zeit seufzend den Schweiß
von der Stirne wischte.
Sie gingen durch die schmale, elegante Hauptstraße Rua d'Ouvidor, die
nur für Fußgänger bestimmt war.
Der Anblick gelber, ausgemergelter brasilianischer Herren in schwarzen
Gehröcken und Zylindern steigerte in Herrn Dr. Bürstenfeger das
Hitzegefühl.
Sie blieben vor einem Schaufenster stehen, wo in Massen Fächer und
phantastische Blumen ausgestellt waren, aus dem Gefieder brasilianischer
Singvögel gefertigt.
»Barbarisches Verfahren!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte
den Kopf.
Man sah in der Auslage auch Broschen, Ohrringe und Armbänder,
hergestellt aus bunt schillernden Käfern.
Schließlich trat Herr Dr. Bürstenfeger in den Laden und kaufte einen
Kasten mit brasilianischen Schmetterlingen für seinen jüngeren Bruder in
Deutschland, der Botanik und Zoologie studierte.
Als sie wieder auf der Straße waren, blieb Herr Dr. Bürstenfeger stehen
und ächzte: »Flüchten wir uns jetzt um Gottes willen auf irgendeinen
freien Platz, wo man atmen kann; dort wollen wir in Erwägung ziehen, was
wir weiter machen wollen!«
Bald darauf standen sie auf einer großen Plaza, die von grellem
Sonnenlicht durchflutet war.
Vor einem großen rosafarbigen Palaste ging eine Schildwache in
scharlachroter Uniform auf und ab. Ein barfüßiger Neger, der Zuckerwaren
verkaufte, kam an Carlos und Nicolás vorbei. Er schwang eine Knarre in
der Hand, hielt eine weiße Zuckerstange zwischen den wulstigen Lippen
und nickte den Knaben einladend zu.
Die Sonne brannte unerträglich.
Carlos und Nicolás hatten die Krempen ihrer Strohhüte herabgezogen. Ihre
Gesichter glühten.
Herr Dr. Bürstenfeger stöhnte: »Hier ist es schon ganz und gar nicht
mehr zum Ertragen -- fahren wir aus der Stadt.«
Sie gingen auf einen mit Maultieren bespannten Wagen zu, der unter dem
Schatten eines Baumes hielt, und stiegen ein.
»Botafogo, Botafogo!« rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu.
Bald waren sie aus dem Innern der Stadt heraus und fuhren dem Meere
entlang, an vielen schönen Gärten und bunt aufgeputzten Villen vorbei.
»Seltsam kindlich exotische Farbenfreudigkeit«, murmelte Herr Dr.
Bürstenfeger.
Carlos und Nicolás wetteten, wer von ihnen die meisten Neger zählen
könnte, bis zur nächsten Ecke. Carlos sah nach rechts, Nicolás nach
links.
»Zehn«, rief Carlos aus.
»Vierzehn«, rief Nicolás, er hatte gewonnen: denn gerade in dem
Augenblick kamen sechs Negerweiber um die Ecke.
»Was zählt ihr da?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger.
»Neger«, antworteten Carlos und Nicolás.
Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf. »Ist das euer ganzes
Interesse an dieser Stadt? Was seid ihr kindisch!«
Eine Trambahn, von Maultieren gezogen, kam ihnen entgegen. Eine
Militärkapelle saß auf den Bänken. Der Kapellmeister schwang stehend den
Taktstock: er hatte eine Nelke hinter dem Ohr; grell erklangen die
Blechinstrumente, die Pauke dröhnte. Immer ohrenbetäubender wurde der
Lärm.
Ein mit Steinen beladener Karten kreuzte die Schienen und brachte die
Trambahn zum Stehen.
Der Droschkenkutscher hielt jetzt auch den Wagen an, damit seine
Insassen die Musik länger genießen könnten. Er drehte sich um und rief
Herrn Dr. Bürstenfeger triumphierend zu: »_Imno brasileiro!_«
»Vorwärts, vorwärts!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger auf Spanisch und
hielt sich die Ohren zu. Ergrimmt schlug der Kutscher auf die Maultiere
ein, die in raschem Galopp den Wagen mit sich fortzogen. Bald nachher
trabten sie wieder träge in ihrem früheren Tempo.
»Karl und Nikolaus,« bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger nach einer Weile,
»ist es euch nicht aufgefallen, wie schwächlich und verkümmert diese
brasilianische Bevölkerung ist; doppelt auffällig bei Betrachtung der
Wehrkraft?!«
In diesem Augenblick fuhren sie an einem schattigen, mit Palmen
bewachsenen Platze vorbei.
Ein halbwüchsiger sehniger brauner Bursche, nur mit Hemd und
Zwillichhosen bekleidet, verteidigte sich mit Faustschlägen und
Fußtritten gegen drei Polizisten. Ein Polizist lag schon auf der Erde,
ein anderer stand keuchend daneben, der dritte hielt den Burschen fest
umklammert. Dieser wand sich wie ein Aal, entriß sich ihm und floh davon
mit fliegendem zerfetztem Hemd, das eine Hosenbein über dem Knie; die
Polizisten hinter ihm drein.
Eine fette alte Negerin unter einem Magnolienbaum hielt sich die Seiten
vor Lachen.
»Dieser Junge war aber doch ein starker Brasilianer!« rief Nicolás aus.
»Nikolaus,« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, »du weißt: keine
Regel ohne Ausnahme.«
Bald fuhren sie nach der Stadt zurück. Sie begaben sich in ein
Restaurant und speisten.
Darauf sagte Herr Dr. Bürstenfeger: »Jetzt gehen wir zur Zahnradbahn und
fahren auf den Corcovadoberg. Dort wird uns die Natur die Wunder ihrer
Vegetation in nächster Nähe offenbaren!«
Als sie auf der Station anlangten, war die Bahn zur Abfahrt bereit. Es
fuhren nur wenige Passagiere.
Sie stiegen ein; mit starkem Rütteln fuhr die Zahnradbahn die Höhe
hinauf. Bald hatten sie die Stadt unter sich, weit dehnte sich die Bai.
»Die Luft wird immer leichter, welche Wohltat!« rief Herr Dr.
Bürstenfeger aus.
Auf der Station Silvestre stieg ein brasilianisches Ehepaar mit einem
Knaben und einem kleinen Mädchen ein und nahm ihnen gegenüber Platz.
Man fuhr durch den Wald. Links sah man das Meer durch die Wipfel der
Bäume schimmern.
Carlos und Nicolás dachten: das ist ja viel schöner als in Paraguay!
Herr Dr. Bürstenfeger erhob sich plötzlich von seinem Sitz und rief
begeistert aus: »Unsere Erwartungen sind nicht getäuscht worden: blickt
in diesen Abhang, welche Pflanzenwelt! welch grandiose Verwirrung von
Schönheit!«
Die brasilianische Dame starrte Herrn Dr. Bürstenfeger mit ihren großen
braunen Glotzaugen an; dann hielt sie sich das Taschentuch vor den Mund
und kicherte.
»Karl und Nikolaus,« rief Herr Dr. Bürstenfeger und schnellte noch mal
von seinem Sitz auf, »seht mir jetzt mal dorthin, die baumhohen Farne,
die mit Früchten beladenen Bananenbäume und die Orchideen dort! --
Wirklich ein generöses Land, wo die Schmarotzer Orchideen heißen!«
Die brasilianische Dame kicherte immer mehr. Auch der kleine Knabe und
das kleine Mädchen lachten.
Kurz danach beugte sich der Papa zum Wagen hinaus und schleuderte weit
ausholend ein Bambusrohr in den Abgrund.
Herr Dr. Bürstenfeger fuhr zurück, die Hand vor den Augen, es
schwindelte ihm.
Die brasilianische Dame lachte laut auf. Der kleine Knabe und das kleine
Mädchen lachten auch aus voller Kehle.
Herr Dr. Bürstenfeger sah die Dame aufs höchste verwundert an. Carlos
und Nicolás, von ihrer Fröhlichkeit angesteckt, lachten mit, ohne zu
wissen, um was es sich handelte.
Nach dreiviertelstündiger Fahrt war man am Ziel. Man hatte noch fünf
Minuten zu steigen; dann stand man oben auf der Spitze des Corcovado am
Rande einer niedrigen Mauer.
Man sah weit hinaus aufs offene Meer. In der Reede wimmelte es von
Schiffen. Von allen Richtungen fuhren Schiffe in die Bai hinein.
»Herrlich, herrlich!« rief Herr Dr. Bürstenfeger.
»Sehen Sie diese vielen schönen bunten Käfer auf der Mauer!« riefen
Carlos und Nicolás.
»Genießt jetzt lieber den Anblick dieses unvergleichlichen Panoramas«,
antwortete der Lehrer. »So Schönes wird euch nicht so leicht im Leben
wieder geboten werden!«
Sie standen noch einige Zeit oben, dann fuhr die Bahn wieder zurück.
Auf der Station Silvestre stiegen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und
Nicolás aus. Zu Fuß auf schattigen Wegen gingen sie nach dem schönen
Hotel auf dem Berge Santa Teresa mit dem Ausblick auf die Bai.
Hier wollten sie die Nacht verbringen.
Herr Dr. Bürstenfeger begab sich auf sein Zimmer, um Toilette zu machen,
Carlos und Nicolás trieben sich im Garten umher.
Der Himmel begann sich langsam zu trüben ...
Es war nach dem Nachtessen. Jenseits der Bai über den Bergen von
Petropolis ragte eine mächtige Wolkenbank; dahinter wanderte unsichtbar
der Mond. Am ganzen Himmel hingen zerfetzte Wolken.
Grell leuchteten unten am Strande bei Botafogo die Lichter der
Landesproduktenausstellung. Die Bai war dunkel.
Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás saßen im Garten unter einem
Mangobaum.
»Wie schade,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, »daß die herrliche Mondnacht
uns so verdorben worden ist!«
Aus dem Salon des Hotels ertönte jetzt ein Nocturno Chopins.
»Horcht,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff Carlos' und Nicolás'
Hände ... »so schön hörte ich noch nie Chopin spielen!«
Stumm lauschten sie, bis das Nocturno zu Ende war.
Gleich darauf erschien am hellerleuchteten Salonfenster ein junger Mann.
Er trug Smoking, sein Gesicht war blaß und von Pockennarben zerrissen.
Lange starrte er nach der Wolkenbank.
Plötzlich streckte er die geballten Fäuste nach ihr aus und schrie laut:
»Mond, Mond, Mond!«
Einige Damen und Herren, die am Gartengeländer standen, und auch Herr
Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás schauten erstaunt und
erschrocken zu ihm hinauf.
»Mond, Schmierenschauspieler,« schrie er nochmals, »was stehst du hinter
deinem Vorhang, wartest du noch auf Publikum?«
Vier deutsche Exporteure aus Buenos Aires, Herr Hurtwig, Herr Drumke,
Herr Kitzian und Herr Krause, Inhaber starker Firmen, und Herr
Schurtzenjager, ein deutscher Bankier aus London, die auf dem gleichen
Schiff mit ihm die Reise gemacht hatten, traten nun aus der Hoteltüre
heraus und stellten sich unter einer Gruppe von Königspalmen auf.
Eine Weile verging. Unter den Damen und Herren war Bewegung und
Geflüster.
Die Wolkenbank färbte sich am Rande silbern, der Mond erschien. Bald
erstrahlte die Bai.
»Mond,« jubelte der junge Mann in maßloser Verzückung, »o du Genie, das
du erweckst.« Er wies mit ausgestreckten Armen nach unten: »Sieh, wie
die Bai leuchtet, wie der Gischt hüpft gegen den Pao d'Azuka!«
»Nanu!« rief Herr Schurtzenjager aus.
»Der hat mal wieder einen gehörigen sitzen«, meinte gelassen Herr
Drumke.
Nochmal war Stille. Der Mond verschwand hinter einer zweiten Wolke.
»Verruchter,« jammerte laut der junge Mann, »läßt du uns wieder ganz im
Dunkeln?!«
»Mahlzeit!« rief Herr Kitzian hinauf.
Doch jener hörte es nicht: »Hahaha,« lachte er laut, »Licht der
Landesproduktenausstellung, du leuchtest weiter in deinem proletarischen
Glanze, grell und frech, aber du erweckst die Bai nicht; du führst keine
Konversation mit ihr!«
Mit dem Ausdruck unendlicher Trauer ließ er den Kopf sinken und blickte
hinab in den Garten und gerade auf Herrn Krause.
»Verehrtester,« rief Herr Krause aus, dem endlich die Geduld riß, »wir
wünschen keine Konversation mit Ihnen!«
Die übrigen Exporteure und der Bankier lachten laut über den Witz. Die
Damen und die übrigen Herren schüttelten verwirrt lächelnd die Köpfe.
Herr Dr. Bürstenfeger war wortlos, Carlos und Nicolás lachten. Aber der
junge Mann hatte wieder nichts gehört.
Und nochmals erschien der Mond, und nun leuchtete er lang, denn die Bahn
war weit bis zur nächsten Wolke.
Stark vorgebeugt und reglos stand jetzt der junge Mann und starrte nach
der Bai, wie erfüllt von einer unendlichen Erwartung. Sein Atem ging
schwer; er richtete sich auf. Die Augen waren ekstatisch geöffnet.
»Venus,« hauchte er, »entsteigst du dem Meere?! ... Aphrodite, jetzt
schau' ich dich!« ...
Er verschwand vom Fenster, und gleich darauf ertönte ein kurzes, grell
verworrenes Spiel in den Garten hinab.
»Was waren das für schreckliche Disharmonien!« rief Herr Dr.
Bürstenfeger aus und erhob sich jäh von seiner Bank.
Die Damen und die Herren blickten sich gegenseitig an. Alle schwiegen
bestürzt.
»Ganz ausgefallene Type!« rief ein junger deutscher Leutnant aus.
Herr Hurtwig sagte: »Ein ganz unmöglicher Kauz! Freund von
Gratisvorstellungen war er immer, aber das zuletzt übertraf alles!«
»Er wird noch ganz überschnappen!« meinte Herr Kitzian.
»Er ist es wohl schon!« antwortete Herr Krause.
Herr Dr. Bürstenfeger, der alles dies gehört hatte, schaute aufgeregt
zum Fenster hinauf.
Carlos und Nicolás drangen in ihn, zu erklären, wer dieser sehr seltsame
Herr sei.
Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Karl und Nikolaus, quält mich nicht,
ich weiß es selbst nicht!«
Er saß noch lange in Gedanken versunken unter dem Mangobaum. Dann stand
er auf und spazierte mit den Knaben im Garten umher.
Sie stiegen die breite steinerne Treppe zum Wege nach Silvestre hinab
und standen am Rande des urwaldbewachsenen Abhanges.
Ein Nachtvogel sang, der Mond schien in den Wald. Die Kronen zweier
geknickter Wandrerpalmen ruhten schwer auf Lianen, die sich um Agaven
schlangen.
Herr Dr. Bürstenfeger seufzte. Carlos und Nicolás dachten: ob es wohl in
Deutschland auch so schön ist?
Nun stiegen sie wieder zum Garten hinauf.
Nochmal saßen sie auf der Bank unter dem Mangobaum und blickten auf die
Bai hinab.
Ein starker Wind kam jäh von der Spitze des Corcovado und schwoll
mächtig an.
Schnell zogen die Wolken; rasch wurde es hell und rasch wieder dunkel.
Es rauschten die Königspalmen. Alle die vielen seltsamen Bäume rauschten
gewaltig. In der Bai sprang hoch der Gischt gegen die Felsen.
Nun kommt ein Sturm, dachte Carlos; jetzt wird unser Schiff untergehen
...
Mit verstörtem Gesicht und Verzweiflungsgeschrei stolperte gerade durch
den Urwald auf den Hängen von Silvestre der unmögliche Kauz: »Ha es
klopfte ein Herz im Mutterschoße, aber nun endlich hat die Entbindung
stattgefunden ... in Buenos Aires war ich ein verachteter Mann; aber
hier bin ich lebend geworden!«
Er rannte wild mit den Fäusten gegen einen mächtigen Baumstamm, prallte
zurück und brach in ein lautes, höhnisches Gelächter aus: »Es darf nicht
sein, daß vom Protoplasma bis zu den Menschen der Weg näher sei, als wie
von ihnen bis zu Dante und Jesus Christus; wir müssen uns stark
verbinden! Hohoho, mein Urgroßvater war ein toller Mann!!« ...
Herr Dr. Bürstenfeger unter dem Mangobaum hielt seinen Hut in der Hand,
während der Sturm seine Haare zauste. Er sagte: »Karl und Nikolaus, auch
dieser Aufruhr in der Natur ist wunderbar!« --
Allmählich begann sich der Wind zu legen. Die Bäume hörten auf zu
rauschen; bald war überall Stille. Nur die Wipfel der Königspalmen
bewegten sich noch leise wie lächelnd im seligen Einschlafen.
Der Himmel war bis weit hinaus frei von Wolken ...
Aus der Hoteltür trat jetzt ein bildschönes, schwarzäugiges kleines
Mädchen in einem weißen Kleide.
Auf den Zehenspitzen schlich sie näher und stand nun neben Herrn Dr.
Bürstenfeger.
Da ist ja wieder das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás,
denn sie hatten sie schon bei Tische bewundert, und ihre Herzen
klopften.
»Senhor,« fragte sie Herrn Dr. Bürstenfeger und lächelte schalkhaft,
»lieben Sie die Schmetterlinge?«
»Oh«, antwortete er begeistert, »diese prächtigen brasilianischen
Schmetterlinge ...«
»Hier schenke ich Ihnen einen!« Sie machte eine rasche Bewegung nach
seiner Manschette und hüpfte lachend weg.
Herr Dr. Bürstenfeger saß zuerst etwas betroffen da, dann aber sprang er
auf und schüttelte heftig seinen Arm; denn unter dem Hemdsärmel
krabbelte ihm etwas hinauf und kitzelte ihn sehr.
Ein kleiner schwarzer Falter fiel auf die Erde, flatterte aber gleich
davon.
»Der Racker, der Racker!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger.
Wie unartig ist das wunderschöne Mädchen, dachten Carlos und Nicolás ...
Spät in der Nacht war Tumult im Hotel: zwischen zerschlagenen Spiegeln,
Tischen und Stühlen und herabgerissenen Bildern raste der unmögliche
Kauz in seinem Zimmer.
Der Hotelier, die Kellner und einzelne Gäste stürzten zu ihm.
Mit blutenden Fäusten warf er sich auf sie.
Man rang mit ihm. Er heulte und tobte. Am Genick, an der Brust, an Armen
und Beinen wurde er gefaßt und gebändigt.
Ein weißer Pfau, der draußen im Garten in einem Brotfruchtbaum
geschlafen hatte, flog krächzend auf. Irgendwo schnatterte eine Ente.
In den Gängen trieben sich flüsternd aufgeregte Gäste umher.
Der Hotelier trat mit zerzauster Krawatte zu ihnen. Er war ganz bestürzt
über die schreckliche nächtliche Störung und entschuldigte sich nach
Kräften.
Langsam beruhigte man sich und zog sich zurück.
Die Exporteure und der Bankier aber standen noch lange in der Halle vor
der Treppe und besprachen ernst den Fall.
Herr Drumke drückte den Zeigefinger auf seine Stirn und sagte: »Wenn es
bei einem von jeher im obersten Stübchen nicht recht bestellt war, so
kann die Konsequenz der Wahnsinn sein. Was war überhaupt Natur und was
war Whisky bei diesem Menschen?!«
Herr Hurtig meinte streng: »Er hat zuviel gebummelt, er hat die Nacht
zum Tag gemacht. Niemand weiß von seiner Arbeit!«
Herr Krause sagte: »Er hat manchmal bei uns verkehrt, aber um die
Wahrheit zu sagen, nie wurde ich ganz aus ihm klug!«
Herr Kitzian bewegte den Zeigefinger hin und her und bemerkte: »Ich sage
nur oha!«
Der deutsche Bankier aus London sagte nichts. Er hatte die Hände in den
Taschen, kniff sich in die Schenkel vor Wonne und dachte: ich trank und
trinke noch viel mehr Whisky als er und werde nicht verrückt!
Die Exporteure und der Bankier stiegen nun die Treppe hinauf, um zu Bett
zu gehen.
Draußen am Gartengeländer lehnte stumm Herr Dr. Bürstenfeger.
Am Himmel bewegten sich zwei letzte dunkle Wolkenmassen langsam dem
Horizonte zu, wie abziehende Bataillone.
Auf seinem Bett lag geknebelt und an Händen und Füßen gebunden der
unmögliche Kauz und stierte gegen die Decke. Ein Hausknecht und ein
kräftiger Stallbursche waren bei ihm.
Carlos und Nicolás schliefen schon einige Stunden tief und traumlos in
einem der Gartenpavillong ...
Kurz nach Sonnenaufgang, als die Uistiti-Äfflein in den Wäldern
kreischten, brachten ein Herr mit einer Brille und zwei Männer den
unmöglichen Kauz nach einem geschlossenen Wagen und fuhren mit ihm
davon. Ein Rudel kleiner Straßenjungen lief im Staube jubelnd
hinterdrein.
Über den Felsen Ipanemas, wo unten stark die Brandung geht, erhob sich
ein Adler und flog über die Bai, hinüber nach dem Orgelgebirge.
Bald nachher stand Herr Dr. Bürstenfeger auf. Er stand vor dem
Waschtisch in Gedanken versunken.
»Wie schön spielte er Klavier ... und nachher das Schreckliche!«
murmelte er. Er seufzte tief auf: »Aber man darf sich nicht beladen mit
allen Qualen dieser Welt!«
Als er angezogen war, ging er zu Carlos und Nicolás und weckte sie.
Nach dem Frühstück machten sie einen Spaziergang in der Richtung der
Tijuca.
In vielen Krümmungen führte der Weg durch Sonne und Urwaldschatten.
Als sie in den Wald gelangten, sagten Carlos und Nicolás: »Es riecht
hier ganz so wie bei uns zu Hause im Invernaculo.«
Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Ich habe euch schon gesagt, es heißt
auf deutsch Treibhaus und nicht Invernaculo!«
An einer Krümmung tauchte plötzlich am Wegrand in der Einsamkeit eine
Strohhütte auf. Einige Neger und Negerinnen standen davor. Sie sprachen
mit lebhaften Gebärden alle zugleich und stießen dabei ein grausig
tierisches Gelächter aus. Die Frauen hatten gelbe Schals um die
Schultern, eine trug einen roten Turban. Die Männer waren nackt bis zum
Gürtel und schwangen lange blitzende Messer in der Hand, womit sie eben
Rinde von den Bäumen geschält hatten. Einer biß mit seinen großen weißen
Zähnen in ein Stück Kokosnuß, ein anderer schlug zum Zeitvertreib mit
einem dicken Knüppel auf einen Strauch mit seltsamen roten Blumen.
Carlos und Nicolás zerrten Herrn Dr. Bürstenfeger am Ärmel zurück und
sagten ängstlich: »Die Neger werden uns töten!«
Herr Dr. Bürstenfeger schaute unsicher nach der Gruppe, dann aber sagte
er: »Karl und Nikolaus, fürchtet euch nicht!« Und mit beschleunigten
Schritten gingen sie an der Gruppe vorbei.
Bei jeder neuen Krümmung des Weges hörten sie wieder ihr tierisch
grausiges Lachen, bis es langsam verhallte.
Auf einem Umweg kehrten sie zum Hotel zurück und nahmen dort ihren
Lunch. Dann begaben sie sich hinunter in die Stadt. Dort setzten sie
sich in einen Wagen und fuhren nach dem Botanischen Garten.
Unterwegs sahen sie vor einem Gartentor ein paar Mulatinnen vergnügt
schwatzend einen farbigen Sarg in einen Leichenwagen schieben. Und nicht
lange drauf kam ihnen ein Mann entgegen, einen mit rosa Stoff
überzogenen und mit Silberspitzen ausgeschmückten Kindersarg auf dem
Kopf.
Plötzliche Unruhe malte sich in Herrn Dr. Bürstenfegers Zügen, er dachte
an das gelbe Fieber.
In diesem Augenblicke setzte der Mann den Sarg nieder und öffnete den
Deckel.
Herr Dr. Bürstenfeger lachte laut auf: »Karl und Nikolaus, seht hin, es
ist ja nur ein Kuchenkasten!«
»Eigentümliche Gebräuche«, murmelte er vor sich hin.
Bald waren sie im Botanischen Garten. Sie schritten durch das breite
Portal und standen in einer endlos schnurgeraden Allee uralter
Königspalmen.
»Die Vegetation der ganzen Tropen ist hier in diesem Garten vereinigt«,
erklärte Herr Dr. Bürstenfeger.
Sie spazierten umher. Nicolás blieb staunend vor einer Gruppe von
Riesenbambussen stehen. Herr Dr. Bürstenfeger machte Carlos auf ein Beet
mit zarten kleinen Pflänzlein aufmerksam.
»_Mimosa pudica sensitiva_« stand auf einem kleinen Brettlein
geschrieben.
»Karl, berühre leise ein Blatt dieser Pflänzchen«, sagte Herr Dr.
Bürstenfeger.
Carlos beugte sich nieder und berührte sachte ein Blättchen. Das
Blättchen schloß sich; darauf zog das Pflänzlein langsam seine
sämtlichen Blätter ein und knickte zusammen; im Fallen streifte es eine
Nachbarin -- eine ganze Gruppe sank zusammen.
»Sie werden sich bald wieder aufgerichtet haben«, sagte Herr Dr.
Bürstenfeger.
»Ob wohl die Pflanzen wie die Menschen fühlen?« bemerkte Carlos.
»Die Betrachtung ist nicht übel, Karl«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.
Sie gingen weiter, bis sie am Fuße eines Berges standen; hier verlor
sich der Garten in den Urwald.
Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Uhr.
Carlos und Nicolás sahen plötzlich einen großen blauen prächtigen
Schmetterling.
Sie liefen ihm nach, um ihn zu fangen.
»Lauft nicht weg, es ist viel später, als ich dachte,« rief ihnen Herr
Dr. Bürstenfeger nach, »wir verlieren noch das Schiff!«
Nicolás blieb stehen, Carlos lief weiter.
Der Schmetterling ließ sich auf einen blühenden Gardenienbusch nieder.
Carlos wollte ihn fassen.
Der Schmetterling erhob sich, setzte sich auf eine Fächerpalme, bewegte
die Flügel und glich einer lebenden, prächtigen Blume.
Beinahe hätte Carlos ihn gehascht, aber schon war er wieder fort, er
flog hinein in den Wald, Carlos hinterher.
Tief drinnen in einer Wildnis baumhoher Farne verschwand der
Schmetterling, tauchte wieder auf, ließ sich wieder auf einen Busch
nieder, stieg hoch in die Luft und verlor sich im blauen Himmel.
Carlos hörte in der Ferne Herrn Dr. Bürstenfegers Stimme, der ihn laut
und zornig rief. Erschreckt lief er zurück, über Baumwurzeln stolpernd
und sich in Lianen verwickelnd, vor Hitze und Wut heulend.
Am Waldrand stand Herr Dr. Bürstenfeger.
»Ungehorsamer Junge,« schrie er, »warum kamst du nicht, als ich dich
rief!« Carlos heulte: »Der schöne Schmetterling ist fort, nie mehr werde
ich ihn fangen!«
Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte ihn am Arm: »Wegen dir werden wir noch
das Schiff verlieren!«
Carlos heulte immer lauter.
»Kommt schnell zum Wagen,« rief Herr Dr. Bürstenfeger, »wenn wir uns
beeilen, erreichen wir vielleicht noch die Barkasse!«
Rasch gingen sie die Allee hinunter und stiegen draußen in den Wagen.
»Zum Hafen, schnell!« rief Herr Dr. Bürstenfeger dem Kutscher zu.
Der Kutscher trieb die Pferde zur Eile an; in einer halben Stunde waren
sie am Hafen.
Aus dem Schornstein der Lombardia stieg schwarzer Rauch auf, sie gab
langgezogene Signale.
Herr Dr. Bürstenfeger erkundigte sich aufgeregt nach der Barkasse.
»Dampfer weg, Dampfer weg!« schrieen fröhlich einige schwarze
Bootsmänner.
»Siebzigtausend, sechzigtausend, fünfzigtausend Reis nach dem Bord
Lombardia!« riefen sie durcheinander.
»Vierzigtausend«, rief einer und sprang in sein Boot, erfaßte die Ruder
und winkte Herrn Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás zu.
»Schamlose Ausbeutung!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger empört.
»Senhor, zwanzigtausend Reis!« rief ein anderer und zupfte Herrn Dr.
Bürstenfeger am Rock.
»Unverschämt teuer, aber jetzt ist nichts zu machen. Das haben wir nur
dir zu verdanken, Karl!«
Sie stiegen ein, gleich stieß der Bootsmann ab.
Am Ufer erhob sich ein lautes Wutgeschrei.
Ein baumstarker Neger schleuderte ihnen ein Ruder nach. Es platschte
dicht neben Herrn Dr. Bürstenfeger ins Wasser.
Erschreckt fuhr er zur Seite und rief: »Das sind hier die reinsten
Wilden!«
Der Bootsmann legte sich mit doppelter Kraft in die Ruder; bald hatten
sie das Ufer weit hinter sich.
Carlos und Nicolás blickten zurück.
»Dort waren wir noch vor einer Stunde«, sagte Nicolás und zeigte in der
Richtung von Botafogo.
»Man sieht noch den Wald«, antwortete Carlos. »Wie schade, der schöne
blaue Schmetterling ist fort!«
»Denke doch nicht immer an den Schmetterling«, meinte Nicolás. »Wir
haben ja die Affen!«
In einigen Minuten waren sie an Bord. Sie stiegen das Fallreep hinauf.
Der zweite Offizier rief Herrn Dr. Bürstenfeger lachend zu: »Signore,
bald wären wir ohne Sie abgefahren!«
»Ob wohl der Herr mit der Glatze noch immer in seiner Kabine ist?« sagte
Carlos zu seinem Bruder.
Herr Dr. Bürstenfeger ging in den Salon, Carlos und Nicolás begaben sich
zu den Affen.
Als sie zum Promenadendeck zurückkehrten, sahen sie eine große, sehr
schöne Dame mit goldblondem Haar, roten Wangen und Purpurlippen, von
Herren umringt, sich laut und lachend unterhalten.
Carlos und Nicolás sahen sie verwundert an.
»Das ist ja eine neue Dame,« sagte Nicolás, »die muß hier eingestiegen
sein!«
Jetzt ertönte die Glocke zum Abendessen. Herr Dr. Bürstenfeger erschien
auf Deck, trat mit den Knaben an die Reling und zeigte nach dem sich
entfernenden Festlande: »Karl und Nikolaus, seht noch einmal hin nach
der letzten Küste eures Heimatkontinentes; es werden viele Jahre
vergehen, bis ihr es wieder erblickt!«