In der Bai von Rio

Am fünften Tage frühmorgens fuhr die Lombardia in die Bai von Rio ein.

Der Himmel war heiter, die Luft schwül.

Herr Dr. Bürstenfeger stand mit Carlos und Nicolás auf Deck.

Er rief begeistert aus: »Unsäglich lang habe ich mich auf diesen Anblick

gefreut, Karl und Nikolaus. Herrlicheres bietet die Natur nicht oft! --

Bai von Rio de Janeiro, seit Entdeckung Amerikas gepriesen von den

hehrsten Reisenden aller Nationen, sei mir gegrüßt!«

Eine Weile verharrte er stumm in Betrachtung der Ufer; dann bemerkte er:

»Schaut hin, Karl und Nikolaus, rechts von uns haben wir jetzt das Fort

Santa Cruz und links den weltberühmten Zuckerhut -- Pao d'Azuka. Der

Meerbusen -- gerade fahren wir hinein -- ist einer der inselreichsten

der Welt und hat die erstaunliche Breite von mehr als zwanzig Kilometer!

-- Betrachtet diese Hügel, diese Berge! Noch sind wir ihnen freilich zu

fern, als daß wir uns ein Bild machen könnten ihrer über alle Begriffe

göttlichen Vegetation!«

»Seht«, rief er nach einer Weile, »nun die Stadt selbst!«

Eine Zeitlang genoß er schweigend ihren Anblick: »Wahrhaftig, man sollte

glauben, nur glücklich sei dieses Rio zu preisen, um solchen Kranzes

lodernder Schönheit willen; aber auf dieser Stadt ruht zugleich

abgrundtief der Fluch des Schöpfers. Eine lautlose, gespenstische

Schlacht wird hier zum großen Teil des Jahres geschlagen, ich meine das

Wüten des fürchterlichen gelben Fiebers, das die Dünste dieser nur zu

freigiebigen Erde nähren. Die günstige Jahreszeit, Karl und Nikolaus,

bewahrt uns davor.«

Neben ihnen tauchte jetzt der italienische Handlungsreisende auf, und

erstaunt sahen die Knaben auf seiner fahlen Glatze eine seltsame gelbe

Kruste.

»Ich beschwöre Sie und jedermann im Interesse von uns allen,« wandte er

sich an Herrn Dr. Bürstenfeger, »gehen Sie nicht an Land, laden Sie sich

nicht das schreckliche Fieber auf, hören Sie vielmehr auf meinen

inständigen Rat: Nehmen Sie um Himmels willen Schwefel ein oder

bestreuen Sie sich damit.« Er zeigte auf seine Glatze. »Es ist das

einzige halbwegs sichere Mittel gegen die Ansteckung. Was mich betrifft,

ich schließe mich jetzt in meine Kabine ein, bis wir diesen verruchten

Ort weit hinter uns haben!«

Nach diesen Worten machte er kehrt und verschwand.

Kopfschüttelnd sah ihm Herr Dr. Bürstenfeger nach. Dann meinte er: »Karl

und Nikolaus, ich muß schlechterdings annehmen, daß dieser Herr sich mit

seinem seltsamen Rat nur einen Scherz erlaubt hat, Schwefel als inneres

Mittel wird freilich hie und da angewandt, aber schwerlich glaube ich,«

und nun lächelte Herr Dr. Bürstenfeger, »daß durch bloßes Bestreichen

des Kopfes bei Fieberanlässen irgendwelche Wirkung erzielt wird, obwohl,

ich wiederhole es, jetzt gar keine Gefahr ist.«

Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf und lächelte noch lange.

Plötzlich rief Carlos erfreut: »Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, wenn

Sie, ich, Nicolás und alle Passagiere uns mit Schwefel bestreuten, dann

wären wir ja alle miteinander eine Schwefelbande?!«

»Karl,« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, »ich bitte dich, laß mich

wenigstens aus dem Spiel bei deinen recht törichten, wirklich übel

angebrachten Witzen!«

Eine Viertelstunde darauf warf die Lombardia Anker.

Als der kleine Dampfer der Sanität das Schiff verlassen hatte, fuhren

Barken und Boote heran, beladen mit Orangen, Bananen, Ananas,

Kokosnüssen und Käfigen mit kreischenden bunten Vögeln.

Auf einem Berg von Orangen stand eine Kiste, auf der zwei Affen hockten.

Sofort hatten Carlos und Nicolás sie gesehen. Die beiden Affen waren

ganz so wie die, welche sie in Paraguay gekauft hatten.

Weil sie ihnen mit der Zeit lästig geworden waren, hatten sie die Knaben

in Buenos Aires einem Straßenjungen für einen Drachen vertauscht, aber

seit einiger Zeit war wieder ihr größter Wunsch, zwei Affen zu besitzen.

Die Eltern hatten die Erlaubnis gegeben, auf der Reise nach Europa ein

Paar zu kaufen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte.

Beinahe gleichzeitig mit den Knaben hatte auch Herr Dr. Bürstenfeger die

beiden Affen bemerkt.

Heftig erschrocken wollte er sich schnell mit Carlos und Nicolás nach

der anderen Seite des Decks verfügen.

Aber schon riefen sie: »Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie nicht dort die

zwei Affen, kaufen Sie sie uns, Papa und Mama haben es erlaubt!«

Einen Augenblick schwieg Herr Dr. Bürstenfeger, dann erwiderte er: »Es

sei, ich weiß, es war dies der Wunsch eurer Eltern. Es wird mir aber

schwer; ihr seid Zeugen, zu oft und über Gebühr haben mich die beiden

unappetitlichen Vorgänger dieser häßlichen grimassierenden Tiere

geärgert.«

Carlos und Nicolás hatten jetzt für Herrn Dr. Bürstenfegers Mißmut

keinen Sinn, sondern waren hocherfreut, weil er zu kaufen gesonnen war.

Wenige Minuten nachher stand die Kiste vor ihnen auf Deck, und sie waren

nun ausschließlich mit den Affen beschäftigt, die Welt um sich her

vergessend. --

Kurz darauf trat eine Dame unbestimmten Alters neben sie an die

Schiffsbrüstung.

Die Knaben hatten sie bisher nur ein einziges Mal flüchtig am Tage ihrer

Abreise, unten bei Tische gesehen.

Sie war klein und hager, mit einem Gesicht voller Sommersprossen, trug

ein altmodisches Kleid und Ringellocken auf der Stirn. Ihre Nase war

stark gerötet; sie trug eine Brille.

»Himmlisches Panorama!« rief sie aus und ließ beide Arme auf die

Brüstung sinken. »Ach doppelt schön erscheint einem die Welt,« und dabei

schielte sie nach Herrn Dr. Bürstenfeger, »wenn man fünf Tage krank in

seiner Kabine lag!«

Plötzlich hatte sie auch die beiden Affen bemerkt.

»Sieh mal an,« rief sie aus, »was sind das für zwei allerliebste, süße

Geschöpfchen!«

Sie trippelte heran und begann die Affen am Halse zu kraulen; dabei

blickte sie ganz eigentümlich Herrn Dr. Bürstenfeger an.

»Wohl der Papa der beiden jungen Herren«, nickte sie und zeigte auf

Carlos und Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger rieb sich die Hände und schien etwas verlegen zu

sein.

»Ich bin der Erzieher dieser beiden Knaben, mein Name ist Bürstenfeger«,

antwortete er, indem er sich verneigte.

»Ach das trifft sich ja reizend; ich war Erzieherin in Buenos Aires,

mein Name ist Libussa v. Pfnühl.« Sie brach in ein silberhelles Lachen

aus. »Miß Von nannten mich kurzweg meine argentinischen Schülerinnen.

Was wissen diese indolenten Zierpüppchen von deutschem Adel! Aber das

sage ich Ihnen, glücklich bin ich jetzt, nach Deutschland

zurückzureisen, zu meinem guten, geliebten Bruder. Ach,« sie schlug die

Augen zum Himmel auf, »er ist eine Perle!«

»Seht erfreut, sehr erfreut«, murmelte in einem fort Herr Dr.

Bürstenfeger.

»Übrigens,« sie neigte den Kopf auf die Seite und lächelte Herrn Dr.

Bürstenfeger schelmisch an, »ich wußte bereits, wer Sie sind, Herr

Doktor, nichts bleibt ja hier an Bord verborgen.«

Sie senkte die Augen nieder und fuhr fort zu lächeln. Ihre Finger

spielten mit einer dünnen silbernen Uhrkette, die sie um den Hals trug.

Was will diese Dame! dachten Carlos und Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger war betreten; er räusperte sich, rieb sich die

Hände und machte kleine Verbeugungen, indem er fortwährend lächelte.

»Karl und Nikolaus,« sagte er und sah die Knaben kläglich an, »wollen

wir uns nicht nach einer geeigneten Unterkunft für die beiden Affen

umsehen? Gleich kommt die Barkasse, und wir müssen an Land!«

Er stammelte einige Entschuldigungen, verbeugte sich und entfernte sich

mit den Knaben.

Sie gingen nach Zwischendeck; ein Matrose nahm die Affen in seine Obhut.

Darauf stiegen sie als erste in die Barkasse.

Herr Dr. Bürstenfeger trug einen rohseidenen Rock und einen

breitrandigen Strohhut; Carlos und Nicolás hatten weiße Matrosenanzüge

an.

Carlos und Nicolás · 第 37 / 48 题