Die Lombardia hatte vor drei Stunden Montevideo verlassen. Carlos und
Nicolás standen mit Herrn Dr. Bürstenfeger hinten auf Deck.
Eine halbe Tagereise hinter ihnen lag Buenos Aires; nun endlich waren
sie auf dem Meer. In den Abschiedsschmerz, der die Knaben erfüllte,
mischte sich die freudige Erwartung noch nie gesehener, vielleicht
unerhörter Dinge.
Sie fragten einen Schiffsoffizier, der neben ihnen stand, ob Sturm im
Anzuge sei.
»Gott sei Dank nein!« antwortete lachend der Offizier, worauf sie sich
auf morgen vertrösteten.
Die Knaben hatten in ihrer Kabine um die Betten gelost. Nicolás war das
obere zugefallen; von da aus konnte er durch die gegenüberliegende Luke
gerade aufs Meer sehen.
Sollte er, wenn er nachts erwachte, die Wolke am Horizont schauen, die
unfehlbar Sturm verkündete, hatte er seinen Bruder zu wecken.
Es reisten nicht viel Passagiere in der ersten Klasse. Mit einem dicken
fröhlichen Priester aus Montevideo waren sie gleich Freunde geworden.
Sie hatten ihn abends bei Tische beobachtet, wie er vor jedem Gericht
seine Reverenz machte.
Nachher lag er oben auf Deck auf seinem Reisestuhl ausgestreckt und
verdaute.
»Seid ihr noch nicht seekrank, Süßwasserratten!« sprach er Carlos und
Nicolás an.
»Wir sind keine Süßwasserratten,« antwortete Carlos und zeigte nach
seiner Matrosenmütze, worauf der Name eines großen französischen Panzers
stand, »und vor dem Sturm fürchten wir uns auch nicht!«
»Bravo!« rief der fröhliche Priester.
Darauf erzählten sie ihm, daß sie mit ihrem Hauslehrer, Herrn Dr.
Bürstenfeger, nach einem schönen Städtchen in Deutschland reisten, das
Mufflingen hieße, um in die Schule zu gehen. Dort wohnten auch ein Onkel
und eine Tante von ihnen. Sie selbst zwar seien aus Buenos Aires und
daher Argentinier, aber zugleich auch Deutsche, weil ihr Vater ein
Deutscher sei.
Der fröhliche Priester antwortete: »Wenn ihr in Argentinien geboren
seid, so seid ihr Argentinier, und vergeßt ihr das, seid ihr keine
braven Kerle!«
»Wir bleiben gute Argentinier!« antworteten ein wenig gereizt beide
Knaben.
»Das ist gut!« meinte zufriedengestellt der Priester.
Nicht weit von ihnen an der Reling stand ein Herr mit einem langen
fahlen Gesicht und einer fahlen Glatze.
Auch er war ihnen bei Tisch aufgefallen. Seltsam düster hatte er vor
sich hingeschaut und manchmal ganz absonderlich gelächelt.
Jetzt machte er Carlos und Nicolás heimlich Winke, die sie aber nicht
gleich verstanden. Schließlich begriffen sie, daß sie zu ihm hinüber
sollten, und, wie es schien, in einer sehr dringlichen Angelegenheit.
Als eine Pause in der Unterhaltung entstand, gehorchten sie möglichst
unauffällig.
»Das ist ein schwarzer Pfaffe«, sprach leise und finster der Herr mit
der fahlen Glatze und zeigte auf den fröhlichen Priester, der mit
geschlossenen Augen wieder seine Verdauung pflegte. »Gebt euch nicht mit
ihm ab, schwarze Pfaffen bringen Unglück. Ich würde wieder an Land
gegangen sein, wenn nicht noch zwei Mönche mit weißen Kutten an Bord
wären.«
Darauf erzählte er anschaulich und grausig von den Schrecken eines
Schiffunterganges, von Menschen, die verzweifelt mit den
sturmgepeitschten Wellen ringen, sprach vom Nachlassen ihrer Kräfte, dem
völligen Ermatten und der Drangsal des Ertrinkens, sprach vom Hai und
beschrieb seine Gestalt und seinen Charakter. »Wehe denen, die in seinen
grausigen Rachen gerieten!« Er ließ krachende Knochen hören und
herzzerreißende Aufschreie und schloß seine Schilderung mit dem Bild
eines oben am höchsten Mast angeklammerten Mannes im Lichte des
zuckenden Blitzes.
Und dabei rieb er sich die Hände und lachte unheimlich, als bereiteten
ihm diese Vorstellungen ein unsägliches Vergnügen.
Carlos und Nicolás aber überlief es eiskalt. Sie hatten keine Sehnsucht
mehr nach dem Sturm.
Und als sie nachher in ihren Betten lagen, schaute Nicolás voller Angst
nach dem Horizont, ob sich nicht vielleicht die unheilverkündende Wolke
zeige.
Am nächsten Morgen, als sie erwachten, schaukelte das Schiff
beträchtlich. Ein wenig beunruhigte sie das, denn sie hatten die
Erzählung des Herrn mit der Glatze noch nicht vergessen.
Durch die Luke sahen sie, daß das Meer nun blau statt grün, die Wellen
aber nicht viel höher waren als gestern, und das enttäuschte sie wieder,
denn sie mußten längst auf offenem Ozeane sein.
Rasch zogen sie sich an und eilten auf Deck. Sie ließen die Blicke nach
allen Richtungen schweifen, doch überall sahen sie nur Himmel und
Wasser.
Carlos und Nicolás schöpften einige Male tief Atem, und Carlos sagte:
»Es ist doch schön, das große Meer!«
Bald darauf fiel ihnen ein, daß sie eigentlich auch zu Herrn Dr.
Bürstenfeger müßten; überdies klingelte es schon zum Frühstück.
Sie gingen in seine Kabine; er lag noch im Bett und war ungemein bleich.
»Mir ist nicht recht wohl, Karl und Nikolaus,« sagte er, »mein Magen ist
wieder einmal nicht in Ordnung; aber geht nur jetzt zum Frühstück; ich
werde gleich folgen.«
Im Eßzimmer saß bereits der fröhliche Priester vor einer Tasse
Schokolade. Er war erstaunt, Carlos und Nicolás so früh munter und immer
noch nicht seekrank zu sehen.
Beide Knaben dachten zugleich an die gestrige Warnung des Herrn mit der
Glatze. Aber wie sie jetzt wieder in des Priesters breites gutmütiges
Gesicht sahen, verging ihnen sofort alle Angst. Sie begriffen nicht
recht, daß er ihnen gefährlich sein könnte, nur darum, weil er ein
schwarzes Gewand trug.
Der fröhliche Priester tauchte einen Zwieback in seine Schokolade und
sagte: »Nun, Jungens, setzt euch neben mich!«
Aber sie hatten auf ihren Lehrer zu warten.
Sie begannen miteinander zu plaudern. Der Priester machte ihnen den
Vorschlag, nicht nach Deutschland zu reisen, sondern mit ihm nach Rom.
Er werde sie dort dem Papst vorstellen, und in wenigen Jahren schon
würde ganz sicher Nicolás ein Erzbischof und Carlos ein Kardinal werden.
Was ein Erzbischof sei, wußten ungefähr die Knaben; aber unter einem
Kardinal verstanden sie nur einen grauen Vogel mit einer roten Haube.
Davon hatten sie viele auf dem Gute in der Pampa mit Klebruten gefangen.
Aber das zu sein bedankte sich Carlos lebhaft.
Der Priester erklärte ihnen, ein Kardinal, wie er ihn meine, sei ein
mächtiger Kirchenfürst, der übrigens auch eine rote Haube trage. Darauf
behauptete er, in Deutschland liefen die Leute auf acht Beinen umher und
der Großtürke sei dort Herrscher. Er schneide allen seinen Untertanen
die Ohren ab und mache sich daraus einen türkischen Salat.
Carlos und Nicolás merkten nun, daß der fröhliche Priester Witze machte,
und lachten. Sie dachten wieder an den Herrn mit der fahlen Glatze; sehr
wahrscheinlich hatte er gestern auch nur Witze gemacht.
Inzwischen erschienen die übrigen Passagiere; auch der Herr mit der
Glatze. Ganz zum Schluß kam Herr Dr. Bürstenfeger. Von den Damen war
keine einzige da.
»Die werden jetzt schon seekrank sein«, meinte der Priester.
Der Herr mit der Glatze nahm weit von ihnen Platz und warf düstere
Blicke auf die Knaben.
Carlos und Nicolás glaubten, er fahre mit seinen gestrigen Späßen fort,
grüßten ihn und lachten.
Aber die finster vorwurfsvolle Miene, die er daraufhin machte, verwirrte
sie wieder ganz.
Herr Dr. Bürstenfeger setzte sich zwischen Carlos und Nicolás und
schenkte sich und ihnen Schokolade ein, trank aber selbst beinahe
nichts. Weder Kuchen noch Brot berührte er; dabei aber schien er in
einemfort seltsam zu schlucken.
Von Zeit zu Zeit ermahnte er sie, die Bissen nicht, wie es ihre
Gewohnheit war, hinunterzuschlingen, sondern ordentlich zu kauen. Bei
der schaukelnden Bewegung des Dampfers seien die Magen ohnehin nicht
sehr aufnahmefähig.
Der fröhliche Priester, der Herrn Dr. Bürstenfeger gegenübersaß, sah ihn
einige Male verstohlen an und zwinkerte dann den Knaben zu.
Carlos und Nicolás schauten ihren Lehrer an; er war noch bleicher als
vorher; es war ihnen klar, er war seekrank. Sie hatten großes Mitleid
mit ihm, aber zugleich dachten sie: Wenn das andauert, haben wir keine
Schule!
Sie hatten kaum fertig gegessen, als Herr Dr. Bürstenfeger aufstand und
sagte: »Gehen wir auf Deck, die Luft ist dort besser!«
»Ach diese Schiffsgerüche!« seufzte er auf der Treppe und blieb eine
Zeitlang stehen.
»Es riecht nur nach Teer«, meinte Nicolás.
Oben irgendwo stand ein Froschspiel. Carlos und Nicolás nahmen es sofort
in Beschlag.
Herr Dr. Bürstenfeger marschierte mit langen Schritten auf Deck auf und
ab.
Nun stieg eine Dame aus einem Städtchen in Patagonien die Treppe hinauf.
Den Kopf hatte sie in einen schwarzen Schal gewickelt, ihr Gesicht war
gelbgrün.
Schwankend ging sie auf ihren Reisestuhl zu, der sich in der Nähe von
Carlos und Nicolás befand, blieb plötzlich stehen, blickte zu Boden,
ächzte, ging dann einige Schritte nach der Seite und beugte sich über
die Reling.
Herr Dr. Bürstenfeger sah sie, und Schweißtropfen perlten auf seiner
bleichen Stirn. Er machte kehrt und verfügte sich schnell nach der
anderen Seite des Decks.
Wenige Minuten darauf erschien er wieder, aschfahl und mit einer
Haarsträhne über der Stirn.
»Karl und Nikolaus,« sagte er, seine Stimme klang mitleiderregend, »ich
gehe in meine Kabine, bleibt meinetwegen hier, aber treibt keinen Unfug
und besucht mich bald!«
Damit entfernte er sich.
Gleich nachher sahen die Knaben weiter hinten den Herrn mit der Glatze
in Gesellschaft eines kleinen hageren Herrn, der Pantoffeln trug und
eine Reisemütze mit einem großen weißen Hornschirm.
Der Herr mit der Glatze hielt ihn am Rock fest und redete lebhaft auf
ihn ein. Der Herr mit der Reisemütze wiegte den Kopf und zuckte die
Achseln; schließlich gab er ihm einen Klaps auf die Schulter und machte
sich lachend von ihm los. Er ging auf die seekranke Dame zu und
streichelte ihr teilnehmend die Wange.
Sie stöhnte leise und schloß die Augen.
Aber auch der Herr mit der Glatze war herangetreten.
Carlos und Nicolás hörten, wie er eindringlich von einem schweren
Kesselschaden auf einer früheren Reise sprach und sich dann in düstere
Mutmaßungen über die Lombardia erging.
Die seekranke Dame öffnete langsam ihre großen leeren Augen, schloß sie
wieder und hauchte: »Mir ist jetzt alles gleich.«
Der Herr mit der Reisemütze jedoch rief: »Um Himmels willen, wissen Sie
denn immer nur von solch unheimlichen Dingen zu reden? Sie verderben
einem ja die ganze Reisefreude!«
»Niemandem will ich die Reisefreude verderben, ich schweige!« rief der
Herr mit der Glatze aus, wobei er ein unheimliches Gelächter erschallen
ließ.
»Der Herr macht keine Späße«, sagte Carlos leise und erschrocken zu
seinem Bruder.
»Nein, er macht keine Späße«, antwortete Nicolás.
Beide sehnten sich jetzt nach dem fröhlichen Priester, weil er so lustig
war, und sie gingen ihn suchen.
Er lag weiter vorn auf seinem Reisestuhl und schlief.
Die Knaben wollten ihn nicht wecken. Da das Froschspiel sie bereits
langweilte, gingen sie nach Zwischendeck, um die Emigranten zu sehen.
Viele hundert Menschen waren dort beisammen: Italiener, Spanier, Basken;
Leute aus allen möglichen Nationen.
Sie standen umher, saßen auf Kisten und Säcken oder lagen auf der Erde
ausgestreckt mit einem Bündel als Kopfkissen. Manche waren seekrank;
einige hatten sich übergeben, auf dem Platze, wo sie waren.
Im großen und ganzen aber war Lustigkeit. Man schwatzte laut, man sang,
es wurde Gitarre gespielt. --
Kurz vor dem zweiten Frühstück gingen die Knaben zu ihrem Lehrer.
Er lag im Bett und hatte Rock und Kragen abgetan. Neben ihm auf dem
Boden stand ein Blechkübel.
Sein Aussehen war bejammernswert.
»Karl und Nikolaus, ist euch wohl?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger mit
matter Stimme, indem er sich langsam aufrichtete.
»Ja«, antworteten Carlos und Nicolás zögernd, denn im Netze auf Armweite
von ihm sahen sie einen Stoß Hefte.
»Das ist gut,« fuhr er fort, »denn seht, mir ist sehr schlecht, und ich
bin für heute nicht in der Lage, euch Unterricht zu geben.« Er faßte
sich an die Stirn und schwieg einige Sekunden. »Damit ihr nun die Zeit
nicht zwecklos verbringt, nehmt diese Hefte und seht sie durch, es sind
alles Sachen, die wir noch zusammen an Bord behandeln werden.«
Nach diesen Worten langte er mit einer schmerzlichen Miene nach dem
Netz, ergriff die Hefte und streckte sie ihnen hin.
Eine Weile saß er aufgerichtet und blickte stumm geradeaus. Dann beugte
er sich rasch über sein Bett und übergab sich in den Kübel.
Carlos und Nicolás verließen ihn höchst mißmutig.
»Jetzt ist er seekrank, und wir haben doch nicht frei!« sagte draußen
Carlos.
»Wären wir etwas länger in seiner Kabine geblieben, würden wir auch
seekrank geworden sein, und wir hätten frei«, antwortete Nicolás.
Darauf hielten sie Rat, wann sie mit ihrer Tätigkeit beginnen wollten,
und beschlossen, sie für einstweilen aufzuschieben.
Bald nachher ertönte die Glocke zum zweiten Frühstück.
Sehr selten hatten sie Gelegenheit gehabt, ohne ihren Lehrer zu Tisch zu
gehen. Es war ihnen eine langentbehrte Freude, Schüsseln, die ihnen
nicht schmeckten, weitergehen zu lassen, und sie machten jetzt
ausgiebigen Gebrauch davon. Dafür aßen sie dreimal Torte und auch
Bananen und Orangen nach Herzenslust.
Herr Dr. Bürstenfeger kam den ganzen Tag nicht aus seiner Kabine.
Sie machten ihm einige pflichtschuldige Besuche. Auf seine Fragen, ob
sie auch fleißig gewesen seien, gaben sie nur ausweichenden Bescheid.
Am folgenden Morgen war das Wetter gut, die Bewegungen des Dampfers weit
ruhiger und regelmäßiger.
Herr Dr. Bürstenfeger befand sich in leidlichem Zustand; er erschien auf
Deck und erteilte den Knaben am Vormittag schon zwei Stunden in seiner
Kabine. Von Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen
Abständen schwere Schritte hörbar.
Während Carlos mühselig und weinerlich die dritte lateinische
Deklination hersagte, dachten beide Knaben: oben spaziert jemand, der
keine Schule hat!
Als der Unterricht zu Ende war, liefen sie auf Deck, neugierig zu
erfahren, wer es sei.
Es war der fröhliche Priester, der ein lustiges Lied trällernd seinen
Vormittagsspaziergang machte.
»Meinen Appetitsspaziergang für den Lunch«, erklärte er. Darauf stellte
er fest, daß er heute bereits drei Meilen gegangen sei.
Nachmittags hatten Carlos und Nicolás nochmals Unterricht. Den Rest der
Zeit verbrachten sie spielend auf Deck und in Gesellschaft des
Priesters.
Abends nach Tisch hörten Carlos und Nicolás den Schiffsarzt über den
Herrn mit der fahlen Glatze reden. Er sei ein italienischer
Handlungsreisender in Konserven, ein harmloser Herr, der seine
phantastischen Grillen habe, niemand nehme ihn ernst.
So vergingen die Tage, das Wetter war gut, der fröhliche Priester aß mit
Appetit, der Herr mit der Glatze fuhr fort in seiner düsteren Freude an
allem Ungemach, und Herr Dr. Bürstenfeger gab seinen Unterricht, aber
jetzt auf Deck, weil die Hitze in der Kabine zu drückend wurde.