»_Viva la revolucion!_« schrien Carlos und Nicolás, von Begeisterung
ergriffen.
»Schweigt, um Himmels willen,« rief Herr Dr. Bürstenfeger; »enthaltet
euch jeder Meinungsäußerung!«
Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise südlich von
Buenos Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionären zu Hilfe.
Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt.
Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Küche
geflüchtet, denn schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit
vom Hause geplatzt.
Die Eltern, Carlos und Nicolás und Herr Dr. Bürstenfeger saßen zusammen
im Eßzimmer.
»Recht töricht,« meinte der Papa, »jetzt gilt ja Freund und Feind
gleich.«
»Büberei!« hauchte Herr Dr. Bürstenfeger, er war kreidebleich.
»Wenn wir aufs Dach stiegen, könnten wir alles sehen«, sagte Carlos zu
Nicolás.
Niemand hatte es gehört. Die Mama stand bei der Tür, Herr Dr.
Bürstenfeger war ganz aufgelöst, der Papa sprach über die Aussichten der
Revolution.
Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf.
Die fünf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in
Schlachtlinie.
Sie schossen abwechselnd.
»Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorübersaust?« sagte Carlos zu
Nicolás, wenn eine Bombe vorbeiflog.
... Plötzlich stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihnen.
»Karl und Nikol...!« mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im
Gesicht. Er packte jeden an einem Arm, und seine Hände waren wie
Schraubstöcke.
Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte
sie zu Papa und Mama.
Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Bürstenfeger die Hände der Knaben
erfaßt.
Das Bombardement dauerte fort.
»Herr Dr. Bürstenfeger,« flehten sie, »lassen Sie unsere Hände los!«
»Nein«, sagte er.
»Wir bitten Sie, Herr Dr. Bürstenfeger!«
Er ließ sie los.
»Wir möchten ins Spielzimmer«, sagten sie und standen auf.
Herr Dr. Bürstenfeger folgte ihnen.
Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten
Revolution. Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaßen sich
ganz und rückten einander auf den Leib.
»Haltet ein!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff sie bei den Armen.
Dann legte er seine Hände auf ihre Schultern und sagte emphatisch: »Karl
und Nikolaus!« und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach
draußen, »euren braven Eltern und dann mir habt ihr es zu verdanken, daß
ihr nicht werdet, wie jene bübischen ... dort ...«
Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, daß die
Scheiben barsten.
Carlos und Nicolás aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster,
rissen es auf und sahen einige Häuser weiter eine große rote Wolke
Ziegelstaubes aufsteigen -- dort, wo die Bombe geplatzt war ...
Was in den nächsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicolás
nicht.
Herr Dr. Bürstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten
auf den Hof hinausging; er war ganz ratlos.
Sie sahen nicht, wie der ältere Bruder ihres Freundes, der
zwanzigjährige Augiere, der, so jung er auch war, zu den Häuptern der
Revolution gehörte, von vier bewaffneten jungen Bürgern auf einer Bahre
am Hause vorbeigetragen wurde.
Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man
brachte ihn, weil er es wünschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er würde
wohl heute noch sterben.
Sie hörten nur das Sausen und Krachen der Bomben.
Herr Dr. Bürstenfeger aber saß, ohne daß die Knaben es wußten, draußen
bei der Tür.
Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefährlichen Stunden, kein
Vorwurf sollte ihn treffen ...
Gegen Abend hörte das Bombardement auf, und auch auf Plätzen und Straßen
wurde es ruhiger.
Herr Dr. Bürstenfeger entließ sie aus ihrer Haft.
Als sie einige Augenblicke später im Eßzimmer auf den Stühlen standen
und auf die Straße herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren.
Leichen von Soldaten, Polizisten und Bürgern lagen darauf gehäuft.
Nicolás wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da
sah er, wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch
Verwundete darunter.
Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub
sein Gesicht in die Kissen.
Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Präsident siegen
sollte, hatten sie jetzt plötzlich ganz fallen gelassen ...
Als sie nachts im Bett lagen -- sie konnten lange vor Aufregung nicht
einschlafen --, klopfte es mit einem Mal laut an die Haustür, es war
gegen zwölf Uhr.
Carlos fuhr auf.
»Öffnen, öffnen, um Gottes willen, öffnen!« rief jemand unten.
Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Bürstenfegers Zimmer.
»Herr Dr. Bürstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!«
Der Hauslehrer saß aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und
antwortete nicht.
Carlos lief ins Zimmer seines Vaters:
»An der Haustür klopft jemand und bittet _por el amor de Dios_, daß man
ihn hereinläßt!«
Der Papa stand auf und ging ans Fenster.
Unten stand ein Polizist, über und über mit Kot bedeckt, ganz verstört.
Der Papa schlüpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an.
Draußen war Herr Dr. Bürstenfeger.
»Wir müssen ihm öffnen!« meinte der Lehrer düster.
Beide gingen, von Carlos und Nicolás gefolgt, hinunter.
Der Polizist trat schnell in die geöffnete Tür, sein linker Arm blutete.
Er hatte einen Streifschuß bekommen.
Man führte ihn in die Küche, weckte den Diener und verband seinen Arm.
Armer Gallego! dachten Carlos und Nicolás, von Mitleid erfüllt.
Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen
Teufel, die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben mußten.
»Man schießt auf uns, von den Dächern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen
tötet man uns, ich bin der letzte der Patrouille!« sagte er.
Sein angstverstörtes Gesicht war auf Herrn Dr. Bürstenfeger gerichtet.
Er bat, man möchte ihm die glänzenden Knöpfe seiner Uniform abschneiden,
damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei.
Carlos und Nicolás holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich
sofort daran.
»Legen Sie auch Ihr Käppi ab,« sagte Nicolás, »und setzen Sie einen
alten Hut von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!«
Der Polizist sah Nicolás einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser
Vorschlag ein.
Dann aber meinte er kläglich: »Nein, das geht doch nicht ... ich darf
nicht ... die Knöpfe höchstens.«
Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Gläser.
Nach einer halben Stunde aber sagte er, er müsse fort, er dürfe nicht
länger bleiben.
Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des
Weines, die durchwachten Nächte und die Angst.
Der Diener begleitete ihn hinunter und öffnete ihm.
Nicolás sagte: »Armer Polizist, ich habe so große Furcht, daß man ihn
tötet.«
Er aber huschte an den Häusern entlang, sah manchmal verstohlen in die
Höhe, ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die
Straßenecke ...
Als Carlos und Nicolás am Morgen erwachten, hörten sie unten auf der
Straße die Trambahn fahren, der Kutscher stieß in sein Horn, es waren
die ausgelassensten Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren
kleinen dickbäuchigen Pferden ritten die Milchmänner. Man hörte das
Klatschen der Milch in ihren Blecheimern.
Carlos öffnete das Fenster.
»Nicolás,« rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, »die Revolution
ist zu Ende, glaube ich!« ...
»Wir haben Frieden«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, als die Knaben zum
Frühstück erschienen. »Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus,
jetzt dürft ihr wieder ungehindert auf den Balkon!«
In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien:
»Fort ist sie, fort ist die Canaille!«
Damit war der Präsident gemeint, er war gestürzt; gestern war er fort
nach Paris mit einigen Millionen.
»Fort ist sie, fort ist die Canaille!« Der Jubel griff um sich, alles
Volk stimmte mit ein.
Acht Tage später reisten Carlos und Nicolás nach Europa ...
Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu.
Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu
verlängern.
Der Papa aber würde die Knaben bis nach Montevideo begleiten.
Sie weinte, Carlos und Nicolás weinten.
»Nicht wahr, du besuchst uns bald!« Nicolás hielt die Mama umarmt.
»In einem Jahr reise ich hinüber«, schluchzte sie.
Plötzlich begann Carlos laut zu heulen: »Ich will nicht nach Europa, ich
will bei dir bleiben!«
Und Nicolás heulte: »Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir
bleiben!«
Draußen aber stand Herr Dr. Bürstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der
Veilchen und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand.
Eine Viertelstunde später fuhren die drei an der Calle Horida vorbei.
Carlos wandte sich dreimal schnell nach der großen Holzflasche um und
dachte schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ...
Auf der Landungsbrücke wartete der Papa.
Die Knaben fielen ihm um den Hals: »Nicht wahr, bis nach Montevideo
begleitest du uns ...?!«
»Ja, meine lieben Jungens«, sagte er und wischte sich eine Träne ab, die
ihm über die Backe lief.
Carlos und Nicolás
auf dem Meere