Ein paar Jahre waren vergangen.
Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert
wurde.
In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicolás mit Herrn Dr. Bürstenfeger
nach Europa reisen.
Carlos wurde nächstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so
weit, daß sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und
es war dafür eine kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden.
Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicolás, das war endlich einmal eine
weite Reise. Übers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man
sah Walfische und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch,
man strandete auf einer einsamen Insel und nährte sich von Gräsern und
Kräutern, bis die Vorräte des Wracks ans Land geschafft waren. Dann kam
ein Schiff vorbei, Carlos und Nicolás würden die Hemden ausziehen und
damit winken, und dann würden sie endlich nach Europa kommen und eine
herrliche Robinsongeschichte erlebt haben.
In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den
Straßen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die großen
Schlittenfahrten. Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in
Karriere ging es über Berge und Täler und durch den Wald. Oft verfolgten
sie Wölfe.
In der Schule war es schön. Man ging mit einem Tornister auf dem Rücken
dahin, und um zehn Uhr war Picknick, das mußte man sich von zu Hause
mitnehmen.
Die Schule fand in einem großen Saale statt, darin wimmelte es von
Schülern. Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder
wollte der Beste sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule
hatte, war man lange nicht so ehrgeizig.
So war es in Europa! Carlos und Nicolás wußten es, obgleich Herr Dr.
Bürstenfeger es nur zum Teil so dargestellt hatte. --
Heute aber saßen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten
eine Liste auf von den Knaben und Mädchen, die sie für übermorgen
einladen wollten, zu Carlos' Geburtstag.
Carlos wollte, daß auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge
in seinem Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz
als Sattel, und dessen Vater Knecht bei den Schlächtereien in Barracas
war.
Herr Dr. Bürstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so
verließen denn die drei das Haus, ohne daß Carlos' Wunsch willfahrt
worden wäre, um die Einladungen zu besorgen.
Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten.
Sie wurden zum älteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war
und einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten.
Er saß vor einem großen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen,
schien nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, daß sein
kleinerer Bruder, der augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos'
Geburtstag kommen werde. Dann schrieb er sich das auf einen Zettel auf.
Im Sagnan begegneten Herr Dr. Bürstenfeger und die Knaben der Mama,
einer Dame aus den nördlichen Provinzen mit mattem Teint und großen,
sanften Augen. Sie gab den Knaben einen Kuß und bestätigte die
Erlaubnis.
An Carlos' Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frühe. Im
Dämmerlicht sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke.
Nicolás wurde ebenfalls zu Carlos' Geburtstag beschenkt, weil der seine
kurz nach Weihnachten fiel.
Auf einer großen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn
Dr. Bürstenfeger.
Nachdem sie von den übrigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten,
eilte Carlos im Hemd nach der Küche und holte ein Brecheisen, um die
Kiste zu öffnen.
Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste
einnahm. Als sie diese öffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin,
und in dieser ein Paket. Es war aber kein Paket, sondern
zusammengeknülltes Zeitungspapier.
Wie sie bereits verzagen wollten, stießen sie auf einen großen Zettel,
auf dem zu lesen stand:
»Diese Kiste mit allem, was darin ist,
nennt man bei uns einen Julklapp.«
Unzufrieden mit dieser Erklärung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung
weiter, fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schöne
Bücher als Geschenk, in die Herr Dr. Bürstenfeger eine herzliche Widmung
geschrieben hatte.
Carlos und Nicolás zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch
ganz still im Hause.
Auch draußen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein
Bäckergeselle ritt auf seinem Maultier pfeifend die Straße herab.
Carlos und Nicolás hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden
ihren Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten über
den großen Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die
Schlacht begann.
Unten auf der Straße aber ertönte gedämpfter Trommelschlag, die Knaben
sprangen zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorüber.
Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren
aufgestanden.
An der Straßenecke stand ein Trupp Leute, ein Stück weiter wieder einer.
Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen
Neugierigen gefolgt.
Immer noch fuhren die Tramways nicht ...
Herr Dr. Bürstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglückwünschte
Carlos zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten für das schöne Geschenk;
darauf gingen sie ins Eßzimmer, um zu frühstücken.
Auf dem Gang hörten sie die Köchin laut und aufgeregt sprechen.
Herr Dr. Bürstenfeger stand auf, um zu hören, was geschehen war.
Ganz aufgelöst erzählte sie, man hätte sie nicht auf den Markt gelangen
lassen, die Plaza sei mit Militär besetzt, Kanonen stünden dort, das
Pflaster sei ausgehoben.
»Revolution!« sagte Mauricio, der Diener aus Galicien.
»Waas ...!« entgegnete Herr Dr. Bürstenfeger.
»Das ist die Revolution!« riefen Carlos und Nicolás und stürmten nach
dem Balkon.
Auf der Plaza aber krachte eine Salve, daß die Fenster klirrten; das war
der Beginn. --
Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Bürstenfeger sich von seinem
ersten großen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter
seine Obhut.
»Die Revolution, die Revolution!« schrieen Carlos und Nicolás und waren
ganz außer sich.
Herr Dr. Bürstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und faßte sie dann
streng an beide Hände.
Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu
schließen.
Um nun kümmerlich sehen zu können, was auf der eigenen Straße geschah,
mußte man auf Stühle steigen.
Von Zeit zu Zeit ertönte von der nahen Plaza wieder eine Salve.
Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden;
Bürger stiegen bewaffnet auf die flachen Dächer ihrer Häuser, aus
Fenstern und Balkonen wurde geschossen.
Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmählich überall still.
Losgelöste Rotten durchzogen schreiend die Straßen.
Man verriegelte die Häuser, um sich gegen Einbrecher zu schützen.
Auch bei Carlos und Nicolás wurde das Tor sorgfältig geschlossen, und
Herr Dr. Bürstenfeger ging hinunter, um sich davon zu überzeugen. --
Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange
über die Lage.
Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der
Revolutionspartei herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse
berichteten.
Herr Dr. Bürstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darüber
gesprochen, und Carlos und Nicolás versuchten, sich davon ein Bild zu
machen: sie waren sich klar, der Präsident hatte viel gestohlen, und wer
ein guter Argentinier war, mußte Revolution machen.
Gewiß wollten Carlos und Nicolás sich Mühe geben, gute Deutsche zu sein,
aber sie wollten auch gute Argentinier bleiben.
»Weißt du was!« sagte Carlos. »Sollte der Präsident daran sein, zu
gewinnen, so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere
Freunde müssen mit. Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den
Präsidenten schlagen.«
Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ...
Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes
Schießen geweckt. Auch auf nahen Straßen schoß man.
Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Straße mit aufgepflanztem
Bajonett nach der Plaza, ohne Trommelschlag.
Gleich würden sie dort sein. Carlos und Nicolás erschauerten.
Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen übertönende Salve
erfolgte.
Das war der Empfang.
»Mein Gott!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und entfärbte sich.
Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorüber, mit Stößen von
Flugblättern beladen.
Sie türmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie.