Paraguay

»Nach dieser langen Flußfahrt ist es nötig, daß wir uns endlich einmal

gründlich Bewegung machen«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und nahm Carlos

und Nicolás bei der Hand.

Und sie spazierten auf den Straßen von Asuncion, der Stadt mit den

blendend weißen Häusern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den

bedeckten Galerien, in denen Hängematten hingen, und den breiten,

ungepflasterten Straßen mit der roten, weichen Erde. Der Duft der

Orangenblüte erfüllte die Stadt. Frauen, eingehüllt in lange, weiße

Tücher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krüge auf den Köpfen.

In ihren Gärtchen, unter Orangenbäumen, lagen die Männer, manchmal nur

mit einem Hemd bekleidet, und schliefen.

»Es ist dies ein paradiesisches Land,« sagte der Lehrer, »ohne Hast und

Qual und ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um

zu leben, nur die Hand auszustrecken nach den herrlichen Früchten, die

diese gütige Erde ihnen spendet.«

Der Weg führte sie am Markt vorbei.

Carlos und Nicolás sahen zwei Affen je auf einem großen Kürbis kauern.

Vier uralte, verschrumpfte Indianerinnen saßen um einen großen Kessel,

kauten Mais und spuckten ihn hinein.

»Der Speichel bringt den Mais zum Gären, daraus wird Schnaps«, sagte

Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte sich.

Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet.

Wenn man nach Paraguay käme, sollten sie einen haben, hatte die Mama

gesagt.

Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen

Affen und hielt sie dem Hauslehrer hin.

Sie wimmerten und kratzten sich.

»Herr Dr. Bürstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen!« baten Carlos und

Nicolás zugleich.

Herr Dr. Bürstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte

sich an das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte.

Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe.

»Kaufen Sie uns einen Affen!« wiederholten die Knaben.

Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln.

Carlos und Nicolás waren sich nicht einig in der Wahl; schließlich

einigten sie sich auf den, der auf der linken Hand saß, und der Lehrer

gab seine Einwilligung.

Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehörte, in die Höhe

hob und ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich

beide Tiere in die Arme und begannen laut zu heulen.

Sie wußten es von manchen Vorgängern, daß es galt, Abschied zu nehmen.

»Arme Affen!« sagten Carlos und Nicolás.

Auch Herr Dr. Bürstenfeger war voller Mitleid.

Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos.

»Kaufen Sie beide!« baten die Knaben.

Herr Dr. Bürstenfeger rang mit sich.

»Es wäre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen!« entschied er

endlich.

Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige

Minuten später zogen sie heim, Carlos und Nicolás rechts und links von

Herrn Dr. Bürstenfeger, jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. --

Zwei Tage später fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein

Ritt von fünf Stunden.

Zum erstenmal in seinem Leben mußte sich Herr Dr. Bürstenfeger

entschließen, auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein

einziger Wagen aufzutreiben. Sie hätten kaum fortkommen können auf der

weichen, lockeren Erde der Wege.

Da der Tag zu heiß war, entschloß man sich, nachts zu reisen.

Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender

Dämmerung anzukommen.

Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, daß Herr Dr.

Bürstenfeger das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die übrigen

ritten voraus. Carlos und Nicolás ritten neben ihrem Lehrer und waren

beschäftigt, sein Tier anzutreiben, wenn sie traben wollten. Gewöhnlich

aber ging es im Schritt, da der Weg zum größten Teil durch Urwälder

führte. --

Die Kolonie Trinidad war von Urwäldern umgeben, nachts drang von dort

das Geschrei der Brüllaffen herüber.

Der größte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und

Handwerkern, die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten.

Sie waren zusammengewürfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hörte

sämtliche Dialekte nebeneinander.

Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen:

verbummelte deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um

die Praxis rauften, verlotterte Richter und Advokaten. Sie nannten sich

»alte Semester« und berauschten sich nachts an billigem Schnaps; es

wimmelte in Trinidad von Wirtshäusern. Des Tages aßen sie Orangen,

Bananen und Mandioca, das kostete wenig.

Alle Einwohner lebten in Haß und Hader miteinander.

Ging Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Dorfe spazieren,

widerhallten seine Ohren von böswilligem Klatsche.

Der Bäcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster

ging ihnen heimlich nach, und sobald Herr Dr. Bürstenfeger frei war,

redete er schmählich über den Bäcker, der Tischler folgte und erzählte

Ruchloses von der Frau des Bienenzüchters.

Und ganz so war es auch mit den Ärzten, Richtern und Advokaten bestellt.

Anfangs ließ Herr Dr. Bürstenfeger wortlos den Schwall über sich

ergehen. Dann aber wehrte er mit den Händen ab und floh nach dem Urwald.

Carlos und Nicolás · 第 29 / 48 题