Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicolás erlaubt, allein
auszureiten. Herr Dr. Bürstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher
war, von den friedlichen Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten.
Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten
die Richtung dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann.
Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas
in Argentinien. Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine
Palmenhaine. Die Palmen aber standen nicht dicht beieinander, sondern
so, daß die Sonne breit hineinfluten konnte.
Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war,
stiegen von den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf
ihrem Gute getan hatten, und lauschten in die Stille hinein; eine
Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein Vogel. Diese Geräusche und die
Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein.
Carlos träumte, er jage hinter Straußen, dann träumte er, daß er mit den
wilden Tobasindianern kämpfe. Plötzlich erwachte er. Er rieb sich die
Augen, und es war seltsam, was er eben geträumt hatte, sah er deutlich
aber regungslos in die Wolken gezeichnet, die über dem Horizonte
lagerten, und je länger er hinstarrte, um so lebendiger wurde das Bild.
Er schloß die Augen und sah es langsam vergehen, er öffnete sie, und das
Bild schwebte über dem Horizonte. --
Eines Tages, als Carlos und Nicolás in den Urwald ausritten, begegneten
sie einem kleinen Indianer. Er hielt eine große bunte Schlange, die er
eben getötet hatte, auf einem Stocke.
Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen
wollte.
Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm
eine Satteldecke dafür.
Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen.
Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Köpfe abschlugen, und
füllten sie mit Spiritus.
Einen Teil ihrer Mußestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen
aufzustöbern, die sie töteten, in die Flaschen taten und sorgfältig in
ihrem Kleiderschrank verschlossen, weil sie wußten, welchen Abscheu Herr
Dr. Bürstenfeger vor diesen Reptilien hatte.
Aber das Unglück wollte es, daß einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr.
Bürstenfeger hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts
Kammer.
Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr blaß und sagte: »Karl und
Nikolaus, ihr habt mich unendlich betrübt!«
Carlos und Nicolás gelobten ihm unter Tränen, nie mehr eine Schlange zu
fangen, flehten ihn aber an, diese behalten zu dürfen, da sie ja tot
seien und dabei so wunderbar schöne Tiere.
Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Bürstenfeger wieder ein
Gefühl des Grausens. Mit großem Nachdruck erwiderte er: »Daß ihr nie
mehr welche fangen werdet, weiß ich -- im übrigen habe ich euch nichts
mehr zu sagen!«
Damit entfernte er sich.
Seine Unterhaltung mit den Knaben beschränkte sich von nun an auf das
Allernotwendigste; er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, daß die
Schlangen noch immer im Schrank seien.
In der Schule sagte er mit höchst betrübtem Tonfall: »Jetzt gehen wir
zum Kopfrechnen über«, oder »Karl, schlag deine Grammatik auf!«
Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicolás es nicht mehr ertragen
konnten und die Schlangen vergruben.
Herr Dr. Bürstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends
aber, als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr
Herzlichkeit, als in den letzten Tagen, den Gutenachtkuß. --
Eines Vormittags während der großen Pause saßen Carlos und Nicolás
rechts und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause.
Carlos hatte ihr die Zöpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern
gelegt, daß auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel
schöner als gewöhnlich und nannte sie Genovefa.
»Du siehst wie Sneewittchen aus,« sagte Nicolás, »das war die schönste
Königstochter.«
Tia Lolita lachte: »Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar
war doch so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!«
»Aber der Gänsemagd gleichst du«, meinte er.
Herr Dr. Bürstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita
an.
»Mit einer Gänsemagd vergleicht Nicolás mich, was meinen Sie dazu, Herr
Dr. Bürstenfeger?« sagte sie und stellte sich gekränkt.
»Oh, oh!« meinte Herr Dr. Bürstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er
schien verwirrt.
Nicolás war geärgert: »Ich meine doch nicht eine gewöhnliche Gänsemagd,
sondern die Gänsemagd, die in Wirklichkeit eine Königstochter war, ihr
Haar war eitel Gold, und sie mußte mit Kurtchen die Gänse hüten.«
Mit dieser Erklärung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicolás einen
Kuß, und er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter.
Herr Dr. Bürstenfeger machte ganz unwillkürlich eine rasche Bewegung und
ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans
Klavier und phantasierte.
Tia Lolita und Carlos und Nicolás lauschten, ohne ein Wort zu sprechen.